Band 3: Die Sommersonnenwende (Kapitel 3 bis 5)

Kapitel 3: Schatten über Wien

Der Flug nach Wien dauerte nur eine Stunde, aber für Erik fühlte es sich an wie eine Ewigkeit.

Er saß am Fenster der kleinen Chartermaschine, die die Nachtwache für solche Reisen benutzte – unauffällig, schnell, keine Fragen. Neben ihm saß Kenji, in Meditation versunken, die Hände im Schoß gefaltet. Hinter ihnen döste James mit geschlossenen Augen, aber Erik konnte sehen, wie seine Finger nervös auf der Armlehne trommelten.

Durch das kleine Fenster sah Erik die Alpen unter sich vorbeiziehen, schneebedeckte Gipfel, die im Morgenlicht glitzerten. Schön. Friedlich. Eine Welt, die nichts wusste von Vampiren und uralten Ritualen und der Dunkelheit, die darunter lauerte.

„Du bist angespannt“, sagte Kenji leise, ohne die Augen zu öffnen.

Erik nickte. „Lucian sagte, es wären Hinweise in Wien. Aber …“

„Aber du glaubst ihm nicht ganz.“

„Sollte ich?“ Erik drehte sich zu dem Mönch. „Ein uralter Vampir taucht aus dem Nichts auf, erzählt uns von drei Schlüsseln, gibt uns exakte GPS-Koordinaten – und wir sollen einfach dorthin fliegen?“

Kenji öffnete ein Auge. „Du hast Recht, vorsichtig zu sein. Aber manchmal muss man Vertrauen riskieren, um Antworten zu finden.“

„Und manchmal läuft man direkt in eine Falle.“

„Auch wahr.“ Kenji lächelte schwach. „Deshalb sind wir zu dritt. Und deshalb hast du das hier mitgenommen.“ Er deutete auf Eriks Rucksack, in dem der Seelenschlüssel sicher verstaut war, eingewickelt in gesegnetes Tuch.

Erik spürte ihn, auch ohne ihn zu sehen. Ein leises Pulsieren, wie ein zweiter Herzschlag. Der Schlüssel war ruhiger geworden in den letzten Monaten, aber er war immer da. Wartend.

„Was ist, wenn Katalin bereits dort ist?“ fragte James plötzlich. Seine Augen waren jetzt offen, hell und nervös. „Was ist, wenn das alles ein Trick ist, um uns aus München zu locken?“

„Sarah und Marcus passen auf die Stadt auf“, sagte Erik. „Und Yuki überwacht die markierten Orte. Wenn etwas passiert, werden wir informiert.“

„Aber wir sind Stunden entfernt–“

„James.“ Erik drehte sich zu ihm. „Wir können nicht gleichzeitig überall sein. Katalin weiß das. Sie plant auf lange Sicht. Sechs Monate. Sechs Rituale. Das hier ist ein Schachspiel, und wir müssen schlauer spielen als sie.“

James schwieg, aber die Angst blieb in seinen Augen.

Die Maschine begann den Sinkflug. Wien tauchte unter ihnen auf – eine Stadt aus Gold und Grau, die Donau wie ein silbernes Band, das sich durch ihre Mitte schlängelte. Prächtige Gebäude, Kirchen mit goldenen Kuppeln, Parks und Plätze.

Und irgendwo dort unten, wenn Lucian die Wahrheit gesagt hatte, wartete der zweite Seelenschlüssel.


Der Flughafen Wien-Schwechat war geschäftig trotz der frühen Stunde. Erik, Kenji und James passierten die Kontrollen ohne Probleme – ihre gefälschten Ausweise, von Yukis Kontakten besorgt, hielten stand.

Ein Auto wartete auf sie. Nicht gemietet, sondern von der Wiener Nachtwache bereitgestellt.

„Es gibt eine Nachtwache in Wien?“ hatte James gefragt, als sie darüber gesprochen hatten.

„In jeder größeren Stadt gibt es eine“, hatte Yuki erklärt. „Aber sie sind autonom. Jede Zentrale hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Feinde. Manche arbeiten zusammen. Andere nicht.“

„Und die Wiener?“

„Neutral. Sie dulden uns, aber sie helfen nicht aktiv. Zu viele eigene Probleme.“

Das Auto war ein unauffälliger schwarzer Kombi. Die Schlüssel lagen unter der Fußmatte, wie vereinbart. Erik setzte sich ans Steuer, gab die Koordinaten ins GPS ein.

Das Ziel lag nicht im Stadtzentrum, wie er erwartet hatte, sondern am Stadtrand. Ein altes Industriegebiet, laut Karte. Aufgelassene Fabriken und Lagerhallen.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte James vom Rücksitz.

„Mir auch nicht“, gab Erik zu. Er startete den Motor. „Aber wir sind schon mal hier.“


Die Fahrt dauerte vierzig Minuten. Sie fuhren durch die Innenstadt – vorbei an der Hofburg, dem Stephansdom, dem Prater – dann hinaus in die Außenbezirke. Die prächtigen Gebäude wichen Plattenbauten, dann Industrieruinen.

Das GPS führte sie schließlich zu einem eingezäunten Gelände. Ein Schild hing schief am Tor: „ZUTRITT VERBOTEN – EINSTURZGEFAHR“.

„Natürlich“, seufzte James.

Sie parkten etwas außerhalb, nahmen ihre Ausrüstung. Erik trug den Seelenschlüssel in seinem Rucksack, James hatte die UV-Granaten, Kenji seinen geweihten Stab und gesegnetes Salz.

Das Tor war nicht verschlossen – das Schloss war längst aufgebrochen. Sie schlüpften hindurch.

Dahinter lag eine Geisterlandschaft. Alte Fabrikgebäude, ihre Fenster zerbrochen, Mauern mit Graffiti übersät. Rostige Maschinen ragten aus Unkraut. Irgendwo in der Ferne schrie eine Krähe.

„Welches Gebäude?“ fragte Kenji.

Erik überprüfte die Koordinaten. „Das große dort drüben. Die ehemalige Gießerei.“

Sie näherten sich vorsichtig. Erik hatte die gesegnete Pistole gezogen, auch wenn es noch Tag war. Aber Tageszeit bedeutete bei alten Vampiren nicht immer Sicherheit – manche konnten Schatten manipulieren, Dunkelheit erschaffen, wo keine sein sollte.

Die Eingangstür zur Gießerei hing halb aus den Angeln. Dahinter gähnte Dunkelheit.

„Warten“, sagte Kenji leise. Er holte eine kleine Schale aus seiner Tasche, streute gesegnetes Salz in einem Kreis um den Eingang. „Schutz. Falls wir schnell zurückmüssen.“

„Du erwartest, dass wir rennen müssen?“, fragte James nervös.

„Ich erwarte nichts. Aber ich bereite vor.“

Sie traten ein.


Die Gießerei war riesig. Eine Halle, die sich über mehrere Stockwerke erstreckte, durchzogen von Metallstegen und Laufbänden. Licht fiel durch Löcher im Dach, warf lange Schattensäulen.

„Dort“, sagte Erik und deutete auf den hinteren Teil der Halle.

Auf einer erhöhten Plattform stand etwas. Ein Altar. Oder das, was davon übrig war.

Sie kletterten eine rostige Treppe hinauf. Mit jedem Schritt quietschte das Metall unter ihren Füßen – viel zu laut in der Stille.

Der Altar war aus schwarzem Stein, bedeckt mit Symbolen, die Erik nicht kannte. Aber in seiner Mitte lag etwas.

Ein Buch. Alt, in Leder gebunden, mit Metallbeschlägen.

„Das ist der Schlüssel?“ fragte James verwirrt. „Ich dachte–“

„Es ist ein Hinweis“, unterbrach Kenji. Er trat näher, berührte das Buch nicht. „Sieh dir die Symbole an.“

Erik beugte sich vor. Die Symbole auf dem Buchdeckel glühten schwach – das gleiche goldene Leuchten wie beim Seelenschlüssel.

„Es ist verbunden“, flüsterte er. „Mit meinem Schlüssel verbunden.“

„Dann öffne es“, sagte Kenji.

Erik zögerte. Dann holte er den Seelenschlüssel aus seinem Rucksack. Sofort wurde das Glühen heller. Das Buch vibrierte.

Er legte den Schlüssel auf das Buch.

Ein Klicken. Die Metallbeschläge sprangen auf. Die Seiten schlugen sich von selbst auf.

Alte Schrift bedeckte die Seiten. Latein. Aber als Erik hinsah, begannen die Worte sich zu verändern, zu verschieben, wurden zu Deutsch.

„Es übersetzt sich“, hauchte Kenji ehrfürchtig. „Der Schlüssel übersetzt es für dich.“

Erik las:

Der zweite Schlüssel liegt dort, wo die Toten tanzen. Unter dem Haus der Musik, tief in den vergessenen Gewölben. Dort, wo einst Könige ihre Geheimnisse begruben. Dort, wo die Katakomben enden, und die Ewigkeit beginnt.

Aber hüte dich: Die Große Mutter kennt diesen Ort. Sie hat ihre Wächter postiert. Drei Prüfungen warten. Blut. Schatten. Wahrheit.

Bestehe sie, und der Schlüssel ist dein. Versage, und deine Seele bleibt gebunden. Für immer.

„Haus der Musik“, murmelte Erik. „In Wien?“

„Das Musikverein“, sagte James sofort. „Oder die Staatsoper. Oder – es gibt dutzende Orte.“

„Nein“, sagte Kenji. Seine Augen waren geschlossen, konzentriert. „Es ist spezifischer. ‚Wo die Toten tanzen‘. Das ist eine Anspielung auf–“

Ein Geräusch. Von unten. Ein Scharren, wie von Krallen auf Metall.

Alle drei erstarrten.

„Wir sind nicht allein“, flüsterte James.

Erik griff nach dem Buch, wollte es einstecken–

„HALT!“

Die Stimme hallte durch die Halle. Tief. Weiblich. Vertraut.

Erik wirbelte herum.

Auf dem Boden der Halle, zwischen den Schatten der Maschinen, stand eine Gestalt. Sie trat ins Licht.

Valentina.

Die Vampirin, die Lukas gebissen hatte. Die in der Schlacht entkommen war.

Sie lächelte, ihre zu weißen Zähne blitzten. „Erik Schönwaldt. Wie schön, dich wiederzusehen.“

Erik hob die Pistole. „Keinen Schritt weiter.“

„Oh, ich muss nicht näherkommen.“ Valentinas Lächeln wurde breiter. „Meine Freunde werden das für mich erledigen.“

Aus den Schatten traten sie hervor. Vampire. Mindestens zehn. Umzingelten die Treppe.

„Das ist eine Falle“, zischte James.

„Offensichtlich“, erwiderte Erik. Sein Kopf raste. Sie waren in der Falle – auf einer Plattform, nur eine Treppe nach unten, und dort unten warteten die Vampire.

„Die Große Mutter sendet ihre Grüße“, rief Valentina. „Sie wusste, dass du kommen würdest. Lucians Information war   … sehr hilfreich.“

Eriks Blut gefror. „Lucian hat uns verraten?“

„Lucian ist ein Diener, wie wir alle. Er tat, was ihm befohlen wurde.“ Valentina machte eine lässige Handbewegung. „Aber keine Sorge. Die Große Mutter will dich nicht tot. Noch nicht. Sie will nur –“ Ihr Blick fiel auf den Seelenschlüssel in Eriks Hand. „Ah. Sie will DAS.“

„Das kriegt sie nicht“, presste Erik hervor.

„Wir werden sehen.“ Valentina nickte ihren Vampiren zu. „Nehmt ihn. Lebend, wenn möglich. Tot, wenn nötig. Aber den Schlüssel will ich unversehrt.“

Die Vampire bewegten sich. Schnell. Zu schnell.

„JETZT!“ schrie Kenji.

Er warf das gesegnete Salz in einem weiten Bogen. Es bildete eine Linie zwischen ihnen und den aufsteigenden Vampiren. Die Kreaturen zischten, wichen zurück – aber nur für einen Moment.

„Das hält sie nicht lange!“ James zog eine UV-Granate, riss den Pin heraus, warf sie.

Die Granate explodierte in gleißendem Licht. Vampire schrien, stolperten zurück, ihre Haut rauchte. Aber es waren zu viele.

Erik packte das Buch, steckte es in den Rucksack. „Wir müssen hier raus!“

„Wie?“ James deutete auf die einzige Treppe. „Da unten sind sie!“

„Dann gehen wir woanders hin.“ Erik deutete auf einen der Metallstege, der zur Seite führte. „Dort! Zur anderen Seite der Halle!“

Sie rannten. Hinter ihnen heulten die Vampire auf, setzten die Verfolgung fort.

Der Steg war schmal, rostig, schwankte unter ihren Füßen. Erik hörte Metall kreischen, spürte wie Schrauben sich lösten. Aber er rannte weiter, Kenji und James dicht hinter ihm.

Ein Vampir sprang. Landete auf dem Steg vor ihnen, seine Augen leuchteten rot.

Erik feuerte. Die gesegnete Kugel traf den Vampir in die Schulter. Er schrie, taumelte – aber fiel nicht.

Kenji stieß mit seinem Stab zu. Die geweihte Spitze traf den Vampir in die Brust. Diesmal schrie er wirklich, explodierte in Asche.

„Weiter!“, keuchte Kenji.

Sie erreichten das Ende des Stegs. Eine Leiter führte nach unten – zu einem Seitenausgang.

Erik rutschte mehr, als dass er kletterte. Seine Hände brannten an den rostigen Sprossen. Aber er war unten. James folgte, dann Kenji.

Der Ausgang war nah. Erik konnte Tageslicht sehen.

„HALT!“

Valentina stand plötzlich vor ihnen. Wie sie so schnell dorthin gekommen war – Erik wusste es nicht. Aber sie war da, blockierte den Weg.

„Du kannst nicht entkommen, Erik.“ Ihre Stimme war sanft jetzt, beinahe liebevoll. „Die Große Mutter hat zu viel in dich investiert. Du und dein Schlüssel – ihr werdet Teil von etwas Größerem.“

„Niemals.“

„Dann stirb.“

Sie sprang.

Erik hatte keine Zeit zu zielen. Er warf sich zur Seite. Valentina verfehlte ihn um Zentimeter, schlug in die Wand hinter ihm.

James feuerte seine UV-Pistole. Der Strahl traf Valentina am Arm. Sie schrie, zog sich zurück.

„LAUFT!“, brüllte James.

Sie stürmten durch den Ausgang. Draußen, im Tageslicht, würden die Vampire nicht folgen können. Nicht die normalen. Aber Valentina –

Ein Schatten verdunkelte die Sonne. Nein, nicht ein Schatten. Valentina. Sie stand auf dem Dach der Gießerei, als Silhouette vor dem Himmel.

„Ihr könnt rennen“, rief sie. „Aber sie wird euch finden. In München. In Wien. Überall. Die Sommersonnenwende kommt, Erik Schönwaldt. Und ihr Schicksal ist besiegelt.“

Sie verschwand.


Sie rannten zurück zum Auto. Keuchend, zitternd. Erik startete den Motor mit bebenden Händen, raste vom Gelände.

Erst als sie wieder in der Innenstadt waren, im Verkehr, zwischen normalen Menschen, wagte er anzuhalten.

„Das war eine Falle“, keuchte James. „Lucian hat uns angelockt.“

„Oder Katalin wusste, dass er uns warnen würde“, sagte Kenji ruhig. „Und hat ihn benutzt.“

„Spielt es eine Rolle?“ Erik schlug aufs Lenkrad. „Wir sind fast gestorben. Und für was?“ Er griff in den Rucksack, zog das Buch heraus. „Ein Rätsel. ‚Wo die Toten tanzen‘. Was soll das bedeuten?“

„Es bedeutet, wir haben einen Hinweis“, sagte Kenji. „Mehr als vorher.“

„Aber der Schlüssel ist nicht in Wien. Er ist in den Katakomben. Irgendwo unter der Stadt.“

„Dann finden wir ihn.“

„Während Katalin uns jagt?“

„Während wir schlauer sind als sie.“ Kenji legte Erik eine Hand auf die Schulter. „Du hast etwas gelernt: Man kann nicht jede Schlacht gewinnen. Aber man muss den Krieg gewinnen. Das hier ist nur eine Schlacht. Wir haben verloren, ja. Aber wir haben auch gewonnen – wir haben die nächste Spur.“

Erik atmete tief durch. Kenji hatte Recht. Sie waren am Leben. Sie hatten das Buch. Und sie wussten jetzt, dass Katalin sie erwartete.

„Wo die Toten tanzen“, murmelte er. „In den Katakomben. Das muss der Michaelerplatz sein. Oder die Kapuzinergruft.“

„Wir brauchen einen Experten“, sagte James. „Jemanden, der Wien kennt. Die alten Orte.“

„Die Wiener Nachtwache“, sagte Erik. „Yuki sagte, sie sind neutral. Aber vielleicht können wir sie überreden.“

„Und wenn nicht?“

„Dann finden wir den Schlüssel allein.“ Erik startete den Motor. „Aber zuerst brauchen wir einen sicheren Ort. Wo ist das sichere Haus, das Yuki arrangiert hat?“

Kenji überprüfte sein Handy. „Leopoldstadt. Ein altes Mietshaus. Unauffällig.“

„Gut. Fahren wir hin. Und dann –“ Erik hielt inne. Sein Handy vibrierte.

Eine Nachricht von Yuki:

DRINGEND. München. Neuer Vorfall. Ruf sofort an.

Eriks Herz sank. „Verdammt.“

Er wählte die Nummer. Yuki nahm sofort ab.

„Erik! Wo seid ihr?“

„Wien. Sichere Position. Was ist passiert?“

„Es gab einen Angriff. Auf Anna Bergers Wohnung.“

Eriks Welt schwankte. „Lukas –“

„Lebt. Sarah war dort, hat ihn beschützt. Aber Anna wurde verletzt. Sie ist im Krankenhaus.“

„Wie schlimm?“

„Stabil. Aber Erik   …“ Yukis Stimme wurde leiser. „Es war eine Botschaft. An der Wand. In Blut geschrieben.“

„Was stand da?“

„‚Der Schlüssel gegen das Kind. Sommersonnenwende. Frauenkirche. Komm allein.’„

Stille füllte das Auto.

„Es ist eine Falle“, sagte James.

„Natürlich ist es eine Falle“, erwiderte Erik. „Aber was kann ich tun? Sie bedroht Lukas. Wenn ich nicht gehe –“

„Wenn du gehst, bist du tot“, unterbrach Kenji. „Und der Schlüssel gehört ihr. Und dann stirbt Lukas sowieso.“

„Was schlägst du vor?“

„Wir finden den zweiten Schlüssel. Hier in Wien. Bevor sie es tut. Und dann haben wir Verhandlungsmacht.“

„Wir haben sechs Monate“, sagte Erik. „Bis zur Sommersonnenwende.“

„Nein.“ Yukis Stimme im Telefon klang düster. „Kenji hat Recht. Ihr habt nur wenige Tage. Vielleicht eine Woche. Katalin wird nicht warten. Sie hat Lukas im Visier. Und sie wird zuschlagen, sobald sie die Schlüssel hat.“

Erik schloss die Augen. Die Entscheidung lastete schwer auf ihm.

„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren“, sagte er schließlich. „Wir finden den zweiten Schlüssel. Heute noch, wenn möglich.“

„Und Lukas?“ fragte James.

„Sarah beschützt ihn. Und Marcus. Und die ganze verdammte Nachtwache.“ Erik öffnete die Augen, und sie glühten mit Entschlossenheit. „Aber wenn Katalin glaubt, sie kann mich erpressen – dann wird sie eine Überraschung erleben.“

Er legte auf. Sah zu Kenji und James.

„Wo die Toten tanzen“, sagte er. „Wir finden diesen Ort. Jetzt.“


Drei Stunden später

Die Wiener Nachtwache hatte ihre Zentrale in einem unscheinbaren Bürogebäude in der Nähe des Westbahnhofs. Von außen sah es aus wie ein normaler Steuerberater. Aber im Keller, hinter einer versteckten Tür, wartete etwas anderes.

Der Leiter der Wiener Nachtwache hieß Leopold Gruber. Ein Mann Mitte Sechzig, mit grauem Vollbart und klugen, müden Augen.

„München hat angerufen“, sagte er, als sie eintraten. „Yuki Tanaka. Ich kenne sie seit Jahren. Sie sagt, ihr sucht etwas in unserer Stadt.“

„Einen Seelenschlüssel“, sagte Erik direkt. „Den zweiten. Wir glauben, er ist in den Katakomben. Irgendwo ‚wo die Toten tanzen‘.“

Leopold schnaubte. „Typisch kryptisch. Aber ich weiß, wovon ihr sprecht.“ Er ging zu einer Karte an der Wand, deutete auf einen Punkt. „Die Kapuzinergruft. Unter der Tegetthoffstraße. Dort sind die Habsburger Kaiser begraben. Aber –“ Er zögerte. „Dahinter gibt es noch einen Raum. Einen geheimen. Nicht viele wissen davon.“

„Und dort?“

„Dort –“ Leopold sah Erik ernst an. „Dort tanzen die Toten. Wörtlich. Es ist ein altes Ritual. Ein Fluch, gelegt von einem Vampir im 17. Jahrhundert. Die Leichen bewegen sich. Tanzen in endlosen Kreisen. Es ist   … verstörend.“

„Und der Schlüssel ist dort?“

„Wenn er irgendwo ist, dann dort.“

„Könnt ihr uns hinbringen?“

Leopold schüttelte den Kopf. „Wir können euch den Eingang zeigen. Aber hineingehen – das müsst ihr selbst. Die Kapuziner dulden uns nicht. Und die tanzenden Toten –“ Er schauderte. „Die greifen jeden an, der ihr Refugium betritt.“

„Drei Prüfungen“, murmelte Erik, erinnerte sich an das Buch. „Blut. Schatten. Wahrheit.“

„Dann wisst ihr mehr als ich.“ Leopold ging zu einem Safe, öffnete ihn. „Aber ich kann euch das hier geben.“ Er holte eine kleine Phiole heraus. „Weihwasser aus dem Stephansdom. Geweiht vom Kardinal persönlich. Es ist das Stärkste, was wir haben.“

Erik nahm sie. „Danke.“

„Dankt mir nicht. Dankt mir, wenn ihr zurückkommt.“ Leopold sah zu allen drei. „Viele sind da hinuntergegangen. Nicht alle kamen zurück. Und die, die es taten   …“ Er verstummte, schüttelte den Kopf. „Kommt zurück, wenn ihr könnt. Die Sommersonnenwende bedroht uns alle. Wien, München, die ganze Welt.“


Die Kapuzinergruft war für Touristen zugänglich. Aber Leopold führte sie zu einem Seiteneingang, versteckt in einer Gasse.

„Hier. Dieser Durchgang führt zu den tieferen Gewölben. Die Kapuziner wissen davon, ignorieren es. Solange niemand die Gräber beschädigt.“

„Und die tanzenden Toten?“

„Noch tiefer. Folgt dem Gang, bis ihr Musik hört.“ Leopolds Augen wurden dunkel. „Dann wisst ihr, dass ihr nah seid.“

Sie traten ein in die Dunkelheit.

Fackeln in den Wänden – niemand wusste, wer sie entzündete – beleuchteten den Weg. Die Luft roch nach Erde und Zeit und etwas Süßlichem. Tod.

Sie gingen tiefer. Steinstufen nach unten, immer weiter.

Und dann hörten sie es.

Musik.

Schwach, verzerrt, wie von weit her. Aber deutlich. Ein Walzer. Alt, aus einer anderen Zeit.

„Das ist es“, flüsterte Kenji.

Sie folgten der Musik.

Am Ende des Ganges: eine Tür. Schwarz, aus Ebenholz, mit silbernen Beschlägen.

Darauf, in gleicher silberner Schrift:

Hier tanzen die Toten. Tritt ein, wenn du wagst. Aber wisse: Wer hier scheitert, bleibt für immer.

Erik holte tief Luft. „Seid ihr bereit?“

Kenji und James nickten.

Er drückte gegen die Tür.

Sie schwang auf.

Und die Musik wurde laut.


## Kapitel 4: Die drei Prüfungen

Der Raum hinter der Tür war größer, als Erik erwartet hatte.

Eine Gruft. Oder besser gesagt: eine unterirdische Ballhalle, gebaut für die Toten.

Die Decke wölbte sich hoch über ihnen, getragen von steinernen Säulen, die mit Totenschädeln verziert waren. Fackeln brannten an den Wänden – von selbst, niemand hatte sie angezündet seit Jahrhunderten. Ihr flackerndes Licht warf tanzende Schatten über die Wände.

Und in der Mitte des Raumes tanzten sie.

Die Toten.

Dutzende von ihnen. Skelette in zerfetzten Gewändern, mumifizierte Leichen in verrotteten Samtroben, einige noch mit Fleischfetzen an den Knochen. Sie bewegten sich im Kreis, in einem endlosen Walzer, ihre knöchernen Füße schurrten über den Steinboden.

Die Musik kam von überall und nirgendwo. Ein Orchester aus Geistern, ein Walzer gespielt von unsichtbaren Händen.

„Mein Gott“, flüsterte James. Seine Stimme zitterte.

„Nicht Gott“, sagte Kenji leise. „Etwas anderes. Etwas viel Älteres.“

Erik zwang sich, weiterzugehen. Der Seelenschlüssel in seinem Rucksack pulsierte stärker jetzt, fast schmerzhaft. Er wollte hier sein. Oder er warnte. Erik konnte es nicht sagen.

Die tanzenden Toten bemerkten sie nicht. Oder ignorierten sie. Sie drehten sich einfach weiter, in ihrem ewigen Tanz, ihre leeren Augenhöhlen starrten ins Nichts.

„Wo ist der Schlüssel?“ fragte James.

„Dort.“ Erik deutete auf die gegenüberliegende Seite des Raumes.

Zwischen zwei Säulen hing ein weiterer Altar. Und darauf, in einer Glasvitrine, lag er.

Ein zweiter Seelenschlüssel.

Größer als Eriks. Aus schwarzem Metall, verziert mit roten Edelsteinen, die wie Blutstropfen glänzten. Er lag auf schwarzem Samt, umgeben von Kerzen, die noch brannten.

„Zu einfach“, murmelte Kenji. „Das Buch sprach von drei Prüfungen.“

Als hätten seine Worte einen Schalter umgelegt, geschah es.

Die Musik stoppte.

Alle tanzenden Toten erstarrten. Drehten ihre Köpfe. Alle zusammen. Alle zu Erik.

„Oh nein“, flüsterte James.

Eine Stimme erfüllte den Raum. Alt, weiblich, mit einem österreichischen Akzent aus vergangenen Jahrhunderten.

„Willkommen, Suchender. Willkommen in der Halle des ewigen Tanzes.“

„Wer spricht?“ rief Erik.

„Ich bin die Hüterin dieses Ortes. Die Wächterin des zweiten Schlüssels. Vor vierhundert Jahren wurde ich hier gebunden, um zu verhindern, dass Unwürdige ihn nehmen.“ Die Stimme kam von überall. „Wenn du den Schlüssel willst, musst du beweisen, dass du würdig bist.“

„Die drei Prüfungen“, sagte Erik.

„Ja. Blut. Schatten. Wahrheit.“ Eine Pause. „Bestehe sie, und der Schlüssel gehört dir. Versage, und du wirst hierbleiben. Für immer. Als einer von ihnen.“

Die tanzenden Toten bewegten sich wieder, nur leicht. Ein Schritt vorwärts. Auf Erik zu.

„Ich verstehe“, sagte Erik, obwohl sein Herz hämmerte. „Was ist die erste Prüfung?“

„Blut.“

Aus dem Boden vor Erik schoss eine Steinsäule hoch. Auf ihrer Spitze lag ein Kelch. Silbern, verziert mit den gleichen Symbolen wie auf dem Buch.

„Blut für Blut. Leben für Leben. Fülle den Kelch, und die erste Prüfung ist bestanden.“

Erik trat näher. Der Kelch war leer. Neben ihm lag ein Dolch. Klein, scharf, die Klinge glänzte im Fackelschein.

„Wie viel Blut?“ fragte er.

„Bis zum Rand.“

Erik sah in den Kelch. Er war nicht groß, aber tief genug. Ein halber Liter vielleicht. Zu viel, um sicher zu sein. Aber nicht unmöglich.

„Erik, nein.“ James griff nach seinem Arm. „Das schwächt dich zu sehr. Wenn danach noch zwei Prüfungen kommen –“

„Ich habe keine Wahl.“ Erik schüttelte ihn ab. Er rollte seinen Ärmel hoch, nahm den Dolch.

„Warte.“ Kenji trat vor. „Es muss nicht dein Blut sein. Es sagte nur Blut. Nicht wessen.“

„Das ist Spitzfindigkeit.“

„Magie lebt von Spitzfindigkeiten.“ Kenji rollte seinen eigenen Ärmel hoch. „Wir drei. Ein Drittel jeder. Dann schwächt es keinen zu sehr.“

Erik zögerte. Dann nickte er. „In Ordnung.“

James schloss die Augen, nickte ebenfalls.

Kenji schnitt zuerst. Ein tiefer Schnitt über seinen Unterarm. Blut floss, dick und rot, tropfte in den Kelch. Er zählte leise, wartete, bis ein Drittel des Kelches gefüllt war. Dann band er seinen Ärmel als Tourniquet.

James war der nächste. Seine Hand zitterte, als er schnitt, aber er tat es. Blut floss. Der Kelch füllte sich weiter.

Dann Erik. Er schnitt tief, ohne zu zögern. Der Schmerz war scharf, aber kurz. Er sah zu, wie sein Blut sich mit dem der anderen vermischte.

Der Kelch füllte sich. Bis zum Rand. Bis ein einziger roter Tropfen überlief.

Ein Gong ertönte. Tief, vibierend.

„Die erste Prüfung ist bestanden. Blut wurde gegeben. Das Opfer wurde geteilt. Das ist  … ungewöhnlich. Aber akzeptiert.“

Die Steinsäule versank wieder im Boden. Der Kelch verschwand mit ihr.

„Die zweite Prüfung: Schatten.“

Die Fackeln an den Wänden erloschen. Alle auf einmal.

Absolute Dunkelheit verschlang alles.

Erik konnte seine eigene Hand nicht vor den Augen sehen. Hörte nur noch das Atmen von Kenji und James neben sich.

Und dann: Stimmen.

„Erik“, flüsterte eine Stimme. Bekannt. Unmöglich.

Clara.

„Erik, warum hast du mich sterben lassen?“

„Nein“, presste Erik hervor. „Du bist nicht real.“

„Bin ich das nicht?“ Claras Stimme kam näher. „Du hättest mich retten können. Im Schloss. Du hättest den Vampir töten können, bevor ich mich opfern musste. Aber du warst zu langsam. Zu schwach.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es nicht?“ Jetzt eine andere Stimme. Helena. „Ich bin auch tot, Erik. Gestorben, weil du nicht stark genug warst. Das Ritual am Odeonsplatz – ich musste mich opfern. Weil DU versagt hast.“

„Hört nicht hin!“ rief Kenji aus der Dunkelheit. „Es sind nur Schatten! Projektionen eurer Schuld!“

Aber die Stimmen wurden lauter.

Eriks Urgroßeltern. Elise und Friedrich. „Du hast uns vergessen. Hast uns im Schloss gelassen, in den Flammen. Bist einfach gegangen.“

„Ich konnte nichts tun –“

„Du hättest bleiben können. Hättest uns in den Tod begleiten können. Aber du bist geflohen.“

„NEIN!“ Erik schrie es. „Ich habe euch nicht vergessen! Ich denke jeden Tag an euch! Aber ich konnte euch nicht retten! Das Schloss stand in Flammen! Ihr wart bereits –“

„Tod?“ Claras Stimme, bitter. „Wie Helena? Wie wir alle, die du zurückgelassen hast?“

„Ich habe niemanden zurückgelassen!“ Eriks Stimme brach. „Ich habe alles getan, was ich konnte!“

„Hast du das?“

Eine neue Stimme. Tiefer. Männlich. Thomas.

„Ich bin noch nicht tot, Erik. Noch nicht. Aber ich werde sterben. Bald. In der Schlacht um München. Weil du mich dorthin führen wirst. Weil dein Plan mich opfern wird.“

„Nein. Ich will niemanden opfern.“

„Aber du wirst es tun. Du wirst wählen müssen. Thomas‘ Leben oder den Schlüssel. Marcus‘ Leben oder die Stadt. Yukis Leben oder Lukas‘. Und du wirst falsch wählen. Wie immer.“

„GENUG!“ Kenjis Stimme, laut und klar. „Erik! Hör ihnen nicht zu! Das ist die Prüfung! Die Schatten deiner Schuld, deiner Ängste. Aber sie sind nicht real!“

„Sie fühlen sich real an“, flüsterte Erik. Tränen liefen ihm über die Wangen.

„Weil du ihnen glaubst. Weil ein Teil von dir denkt, sie hätten Recht.“ Kenjis Stimme wurde sanfter. „Aber Schuld ist kein Grund, aufzugeben. Schuld ist ein Grund, weiterzumachen. Für die, die noch leben. Für die, die noch gerettet werden können.“

„Ich habe so viele verloren.“

„Ja. Und du wirst mehr verlieren. Das ist der Preis des Kampfes. Aber wenn du aufgibst, wenn du dich den Schatten hingibst – dann sterben sie umsonst.“

Erik atmete tief durch. Die Stimmen waren noch da, flüsterten, lockten. Aber er hörte sie jetzt anders. Als das, was sie waren: Echos. Nicht Wahrheit.

„Ich habe nicht versagt“, sagte er laut. „Ich habe mein Bestes gegeben. Und ich werde weitermachen. Für Helena. Für Clara. Für alle, die ich verloren habe.“

Ein weiterer Gong.

Die Fackeln entzündeten sich wieder. Die Dunkelheit wich.

Die Stimmen verstummten.

„Die zweite Prüfung ist bestanden. Die Schatten wurden konfrontiert. Die Wahrheit wurde gesprochen.“

Erik wischte sich die Augen. Neben ihm stand Kenji, die Hand auf seiner Schulter. James weiter entfernt, zusammengesunken, zitternd.

„James?“ rief Erik.

„Ich  … ich habe meine Tochter gehört“, flüsterte James. „Sie  … sie fragte, warum ich sie nicht gerettet habe. Warum ich so lange gebraucht habe.“

„Aber du hast sie gerettet“, sagte Erik. „Sie lebt.“

„Aber sie wird nie mehr dieselbe sein.“

„Keiner von uns wird je wieder derselbe sein.“ Erik half ihm auf. „Aber wir leben. Und solange wir leben, können wir kämpfen.“

James nickte schwach.

„Die dritte Prüfung“, verkündete die Stimme. „Wahrheit.“

Aus dem Boden erhob sich eine weitere Säule. Darauf ein Spiegel. Groß, umrahmt von schwarzem Holz, die Oberfläche so glatt wie stilles Wasser.

„Sieh hinein. Sieh die Wahrheit. Und sprich sie aus.“

Erik trat vor den Spiegel.

Zuerst sah er nur sich selbst. Schmutzig vom Kampf, Blut auf dem Hemd, Erschöpfung in den Augen. Aber dann begann sich das Bild zu verändern.

Der Spiegel zeigte nicht ihn. Er zeigte  … eine Zukunft.

München. Die Frauenkirche. In Flammen.

Vampire, hunderte von ihnen, strömten durch die Straßen. Menschen flohen schreiend. Der Himmel verdunkelte sich, eine unnatürliche Finsternis verschlang die Sonne.

Und in der Mitte, auf den Stufen der Kirche, stand Katalin. In ihrer Hand: alle drei Seelenschlüssel. Sie hob sie hoch, und ein Tor riss auf. Ein Riss in der Realität, aus dem Tentakel aus Dunkelheit griffen.

Dann zoomte das Bild. Zu Erik.

Er lag am Boden. Besiegt. Der Seelenschlüssel zerbrochen neben ihm.

Und über ihm stand sie. Valentina. Sie lächelte.

„Du hast verloren“, sagte sie.

Das Bild wechselte wieder.

Eine andere Zukunft.

München. Auch hier die Frauenkirche. Aber diesmal anders.

Erik stand auf den Stufen. Um ihn herum: Marcus, Yuki, Kenji, Sarah. Alle kämpften. Alle bluteten.

Und einer nach dem anderen fielen sie.

Marcus zuerst. Ein Schwert durch die Brust.

Dann Sarah. Von Vampiren zerrissen.

Yuki, die versuchte ein Ritual zu vollenden, von Katalin persönlich getötet.

Und schließlich Thomas, sich selbst opfernd, damit Erik entkommen konnte.

Erik schrie im Spiegel, hielt Thomas‘ sterbenden Körper. Aber es war zu spät.

Katalin lachte. „Du hast gewonnen. Aber zu welchem Preis?“

Das Bild wechselte ein drittes Mal.

Diesmal sah Erik  … sich selbst.

Aber älter. Viel älter. Graues Haar, Narben im Gesicht. Er saß allein in einem dunklen Raum, drei Seelenschlüssel vor sich auf dem Tisch.

„Ich habe alle gerettet“, murmelte der alte Erik. „Die Stadt, die Welt. Aber ich habe alle verloren. Alle, die mir wichtig waren.“

Er griff nach einem der Schlüssel.

„Vielleicht“, flüsterte er, „vielleicht sollte ich sie benutzen. Die Toten zurückholen. Nur einmal. Nur um sie wiederzusehen.“

„NEIN!“ Erik riss sich vom Spiegel los. „Das ist nicht meine Zukunft!“

„Ist es nicht?“ Die Stimme klang amüsiert. „Der Spiegel zeigt Wahrheit. Eine von drei Wahrheiten. Welche wird die deine sein?“

„Keine davon!“ Erik atmete schwer. „Ich werde einen anderen Weg finden!“

„Es gibt keinen anderen Weg. Entweder verlierst du. Oder du gewinnst, aber opferst alles. Oder du gewinnst, lebst, aber wirst korrumpiert von der Macht.“ Die Stimme wurde härter. „Das ist die Wahrheit der Seelenschlüssel. Sie sind verflucht. Immer. Sprich diese Wahrheit aus, und die Prüfung ist bestanden.“

Erik stand still. Sein Kopf raste.

Die drei Zukünfte. Alle schrecklich. Alle möglich.

Aber da war noch etwas. Etwas, das der Spiegel nicht gezeigt hatte.

„Nein“, sagte er schließlich. „Das ist nicht die Wahrheit.“

„Nicht?“

„Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Der Spiegel zeigt Möglichkeiten. Nicht Schicksal.“ Erik drehte sich um, sah die unsichtbare Hüterin an. „Die Wahrheit ist: Ich kann verlieren. Ich kann gewinnen und alles opfern. Ich kann korrumpiert werden. ODER –“ Er hob die Stimme. „Oder ich finde einen vierten Weg. Einen, den der Spiegel nicht kennt. Einen, den niemand erwartet.“

Stille.

Dann: Lachen. Nicht spöttisch. Sondern  … erfreut?

„In vierhundert Jahren“, sagte die Stimme, „hat noch nie jemand so geantwortet. Sie alle haben die Wahrheit des Spiegels akzeptiert. Haben sich ihrem Schicksal gefügt.“ Eine Pause. „Du nicht. Du lehnst dich auf. Gegen die Wahrheit selbst.“

„Weil die Wahrheit nicht absolut ist“, sagte Erik. „Weil ich mein Schicksal selbst bestimme.“

Ein letzter Gong. Länger, tiefer als die anderen.

„Die dritte Prüfung ist bestanden. Auf eine Art, die ich nie erwartet hätte.“ Die Stimme wurde leiser. „Du bist würdig, Seelenschlüsselträger. Nimm den zweiten Schlüssel. Aber sei gewarnt: Was du gesehen hast in diesem Spiegel – es mag keine absolute Wahrheit sein. Aber es ist eine Warnung. Die Schlüssel sind mächtig. Und Macht korrumpiert. Immer.“

Die tanzenden Toten teilten sich. Bildeten einen Weg zum Altar.

Erik ging langsam darauf zu. Kenji und James folgten ihm.

Der zweite Seelenschlüssel lag dort, hinter Glas. Größer, schwerer, dunkler als seiner. Die roten Edelsteine glühten wie Augen.

Erik griff nach der Vitrine. Sie war nicht verschlossen.

Er öffnete sie, griff nach dem Schlüssel.

In dem Moment, in dem seine Finger das Metall berührten, durchfuhr ihn ein Schock.

Bilder. Erinnerungen. Nicht seine eigenen.

Ein Schloss. Nicht Falkenstein. Ein anderes. In Österreich. Ein Vampir, alt und mächtig, der den Schlüssel schmiedete. Jahrhunderte von Blut. Von Tod. Von Opfern.

Und dann: Eine Prophezeiung.

*Drei Schlüssel. Drei Träger. Drei Schicksale.*

*Der Erste wird fallen.*

*Der Zweite wird brechen.*

*Der Dritte wird wählen.*

Erik riss die Hand zurück. Keuchend.

„Was ist?“ fragte Kenji alarmiert.

„Ich  … ich sah etwas. Eine Prophezeiung.“ Erik starrte auf den Schlüssel. „Drei Träger. Einer fällt. Einer bricht. Einer wählt.“

„Und welcher bist du?“

„Ich weiß es nicht.“

„Vielleicht“, sagte James leise, „vielleicht bist du alle drei. Zu verschiedenen Zeiten.“

Erik schluckte. Dann griff er wieder nach dem Schlüssel. Diesmal war der Schock schwächer. Er hob ihn hoch.

Schwer. So schwer. Als würde er die Last von Jahrhunderten tragen.

Er steckte ihn in den Rucksack, neben seinen eigenen.

Die zwei Schlüssel berührten sich.

Licht explodierte.

Nicht schmerzhaft. Aber gleißend. Golden und rot vermischt.

Die tanzenden Toten verbeugten sich. Alle zusammen. Eine letzte Geste des Respekts.

„Geh“, sagte die Stimme. „Die Prüfungen sind bestanden. Die Schlüssel gehören dir. Aber vergiss nicht, was du gesehen hast. Und bereite dich vor. Die Sommersonnenwende kommt. Und mit ihr  … das Ende. Oder ein neuer Anfang.“

Die Musik begann wieder. Die Toten tanzten.

Aber diesmal, als Erik, Kenji und James den Raum verließen, wirkten sie  … friedlicher. Als hätte ihre Last sich gelindert.

Sie stolperten zurück durch die Gänge, hinauf ins Tageslicht.

Wien empfing sie mit kaltem Wind und grauem Himmel. Aber es war Tageslicht. Real. Lebendig.

„Wir haben es geschafft“, keuchte James.

„Wir haben zwei Schlüssel“, sagte Kenji. „Aber es gibt noch einen dritten.“

„Falkenstein“, sagte Erik. „Laut Lucian.“

„Aber Lucian hat uns verraten.“

„Oder wurde gezwungen.“ Erik sah auf den Rucksack. Die zwei Schlüssel darin pulsierten im gleichen Rhythmus. „Egal. Wir müssen nach Falkenstein. Aber zuerst –“ Er holte sein Handy heraus, wählte.

Yuki nahm sofort ab. „Erik! Ihr lebt!“

„Wir haben den zweiten Schlüssel.“

„Das ist – das ist unglaublich! Aber hör zu, es gibt Neuigkeiten.“

„Was?“

„Anna ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Lukas ist sicher, bei Sarah in der Zentrale. Aber es gab einen weiteren Vorfall.“

„Wo?“

„Am Marienplatz. Ein Ritual. Kleines Ausmaß. Aber Katalin markiert weiter. Sie bereitet sich vor.“

„Wie lange haben wir?“

„Bis zum nächsten großen Ritual? Neumond im Januar. Drei Wochen.“

„Drei Wochen.“ Erik schloss die Augen. „Dann haben wir keine Zeit für Falkenstein. Noch nicht.“

„Was schlägst du vor?“

„Wir kommen zurück. Heute noch. Und wir bereiten München vor. Wenn Katalin das nächste Ritual durchführen will, dann werden wir dort sein. Und diesmal –“ Seine Stimme wurde hart. „Diesmal stoppen wir sie.“

„Erik, sie erwartet dich. Es ist eine Falle.“

„Ich weiß. Aber wir haben jetzt zwei Schlüssel. Das gibt uns Macht. Und wenn wir schlau sind –“ Er sah zu Kenji und James. „Wenn wir zusammenarbeiten – dann vielleicht, nur vielleicht, haben wir eine Chance.“

„Seid vorsichtig.“

„Immer.“

Er legte auf.

„Nach München?“ fragte James.

„Nach München“, bestätigte Erik. „Wir haben den zweiten Schlüssel. Jetzt müssen wir lernen, ihn zu benutzen. Bevor Katalin uns findet.“

„Und Falkenstein?“

„Später. Zuerst verteidigen wir München. Dann holen wir den dritten Schlüssel.“ Erik schulterte den Rucksack. „Und dann –“

„Dann beenden wir das“, sagte Kenji. „Ein für alle Mal.“

Sie gingen zurück zum Auto.

Hinter ihnen, in den Schatten der Gasse, beobachtete sie jemand.

Valentina trat ins Licht. Ihr Handy am Ohr.

„Große Mutter“, sagte sie leise. „Sie haben den zweiten Schlüssel. Wie vorhergesagt.“

Katalins Stimme, kalt und zufrieden: „Perfekt. Alles läuft nach Plan. Lass sie nach München zurückkehren. Lass sie sich sicher fühlen. Und beim Neumond –“ Ein dunkles Lachen. „Beim Neumond nehmen wir ihm beide Schlüssel ab. Und dann bleibt nur noch Falkenstein.“

„Verstanden.“

Valentina legte auf. Sah dem wegfahrenden Auto nach.

„Genieß deinen Sieg, Erik Schönwaldt“, flüsterte sie. „Er wird nicht lange währen.“

Dann verschwand sie in den Schatten.

**Im Flugzeug zurück nach München**

Erik konnte nicht schlafen. Obwohl sein Körper erschöpft war, obwohl seine Wunde vom Blutopfer pochte, obwohl alles in ihm schrie, die Augen zu schließen.

Er starrte aus dem Fenster. Die Alpen unter ihm, jetzt in Schatten gehüllt. Die Sonne ging unter.

James schlief, den Kopf gegen das Fenster gelehnt.

Kenji meditierte, wie immer.

Aber Erik  …

Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, nebeneinander.

Seiner. Eisern, schwarz, mit goldenen Ornamenten.

Der neue. Dunkler, mit roten Steinen, schwerer.

Sie glühten beide schwach. Und wenn er genau hinhörte, konnte er sie flüstern hören.

*Macht*, flüsterte der eine.

*Preis*, flüsterte der andere.

Erik schloss den Rucksack wieder.

„Ich weiß“, murmelte er. „Macht hat einen Preis. Aber ich werde nicht korrumpiert. Ich verspreche es.“

Wem er das versprach, wusste er nicht.

Sich selbst. Helena. Clara. Allen, die er verloren hatte und noch verlieren würde.

Das Flugzeug flog weiter durch die Nacht.

Richtung München.

Richtung dem nächsten Kampf.

Richtung einem Schicksal, das noch nicht geschrieben war.

**Währenddessen, tief unter München**

In den Katakomben, in der großen Halle, wo der Rat sich versammelte, stand Katalin vor einem steinernen Altar.

Darauf lag eine Karte von München. Markiert mit sieben Punkten. Sieben Orte der Macht.

Drei waren bereits mit roten Steinen markiert. Die Rituale, die sie vollzogen hatte.

Vier warteten noch.

„Drei Wochen“, murmelte sie. „Nur noch drei Wochen bis zum Neumond. Und dann–“ Sie legte einen vierten Stein auf die Karte. „Dann werden es vierzehn Opfer sein. Doppelt so mächtig.“

Dimitri trat aus den Schatten. „Und wenn Schönwaldt versucht, uns zu stoppen?“

„Er wird es versuchen. Natürlich wird er das.“ Katalin lächelte. „Aber er hat jetzt zwei Schlüssel. Das macht ihn arrogant. Übermütig. Er denkt, er hätte eine Chance.“

„Hat er das?“

„Nein.“ Ihr Lächeln wurde kälter. „Aber er wird es erst merken, wenn es zu spät ist. Wenn ich ihm die Schlüssel abgenommen habe. Wenn Lukas in meinen Händen ist. Wenn sein gesamtes Team vor seinen Augen stirbt.“

Sie wandte sich zu Dimitri. „Bereite das Ritual vor. Neumond. Marienplatz. Vierzehn Opfer. Und sorg dafür, dass Schönwaldt kommt. Persönlich.“

„Wie?“

„Schick ihm eine Einladung.“ Katalin lachte. „Eine, die er nicht ablehnen kann.“

Kapitel 5: Zwei Schlüssel, eine Last

Die Zentrale der Nachtwache war ein Ort geworden, der sich niemals schlief.

Als Erik, Kenji und James um zwei Uhr morgens ankamen, brannten noch alle Lichter. Durch die getönten Fenster des alten Buchladens sah Erik Schatten sich bewegen – Menschen, die arbeiteten, trainierten, wachten.

„Sie haben auf uns gewartet“, sagte Kenji leise.

Die Tür öffnete sich, bevor Erik klopfen konnte. Sarah stand dort, eine UV-Pistole am Gürtel. Ihr Gesicht war angespannt, aber als sie Erik sah, entspannte sie sich einen Moment.

„Ihr lebt“, sagte sie. Nicht als Frage. Als Erleichterung.

„Gerade so“, gab Erik zu. Er trat ein, die anderen folgten. „Wie ist die Lage?“

„Angespannt. Marcus ist im Trainingsraum mit den Rekruten. Yuki im Archiv, hat seit eurer Abreise kaum geschlafen. Und –“ Sie zögerte. „Anna Berger ist hier. Mit Lukas. Sie wollte nicht nach Hause, nachdem …“

„Nach dem Angriff. Ich verstehe.“ Erik legte den Rucksack ab, spürte das Gewicht der zwei Schlüssel darin. „Wo sind sie?“

„Im sicheren Raum. Zweite Ebene.“

Erik nickte. „Gut. Ruf alle zusammen. Meeting in zwanzig Minuten. Ich muss –“ Er stockte. Was musste er? Duschen. Schlafen. Die Wunden vom Blutopfer behandeln lassen. Aber vor allem: „Ich muss mit Anna sprechen.“


Der sichere Raum war eigentlich ein ehemaliges Archiv, umgebaut zu einer Art Bunker. Verstärkte Wände, keine Fenster, nur ein Eingang. Innen: ein paar Feldbetten, ein Tisch, Spielzeug in der Ecke.

Lukas spielte auf dem Boden mit Bauklötzen. Er sah auf, als Erik eintrat, lächelte.

„Erik!“ Seine Stimme war hell, unbeschwert. Ein zweijähriges Kind, für das Monster noch keine Realität waren.

Anna saß auf einem der Betten. Sie sah erschöpft aus, Ringe unter den Augen, ein Verband um die linke Hand.

„Erik.“ Sie stand auf. „Danke. Danke, dass Sarah uns beschützt hat. Dass ihr –“

„Kein Danken nötig.“ Erik ging zu ihr, nahm vorsichtig ihre Hand. „Wie geht es dir?“

„Mir? Gut. Nur eine Schnittwunde. Ich hatte Glück.“ Ihre Stimme zitterte. „Aber Lukas … Erik, sie wollten Lukas nehmen. Der Vampir, er griff direkt nach ihm. Wenn Sarah nicht gewesen wäre –“

„Aber sie war da.“ Erik sah zu Lukas hinüber. Das Kind starrte jetzt auf den Rucksack in Eriks Hand, fasziniert. Als könnte es spüren, was darin war. „Hat Kenji die Untersuchung gemacht? Das Fragment entfernt?“

„Gestern. Es war … schwierig. Lukas schrie. Aber Kenji sagte, es ist draußen. Die Verbindung zu Valentina ist gebrochen.“

„Gut.“ Erik setzte sich neben sie. „Anna, ich weiß, das ist viel verlangt. Aber ich brauche, dass du mir vertraust. Die nächsten Wochen werden gefährlich. Das Neumond-Ritual kommt, und Katalin –“

„Will Lukas benutzen. Ich weiß.“ Anna sah ihn an, und in ihren Augen war Angst, aber auch Entschlossenheit. „Kenji hat es mir erklärt. Das Kind zwischen den Welten. Die Prophezeiung. Aber Erik –“ Ihre Stimme wurde fest. „Sie wird ihn nicht bekommen. Ich sterbe eher.“

„Das wird nicht nötig sein.“ Erik stand auf. „Ich verspreche dir: Ich werde Katalin aufhalten. Mit beiden Schlüsseln, mit dem Team – wir werden sie stoppen.“

„Beiden Schlüsseln?“

Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, nebeneinander. Auch ohne sie zu berühren, konnte Anna das Leuchten sehen, das schwache Pulsieren.

„Mein Gott“, flüsterte sie. „Sie sind … lebendig.“

„In gewisser Weise.“ Erik schloss den Rucksack wieder. „Aber sie sind Werkzeuge. Und ich werde lernen, sie zu kontrollieren.“

Lukas hatte aufgehört zu spielen. Er stand auf, ging zu Erik, streckte die kleine Hand aus.

„Licht“, sagte er. „Hübsches Licht.“

Erik kniete sich hin. „Ja, Lukas. Aber nicht für dich. Nicht jetzt. Vielleicht nie.“

Das Kind lächelte, als verstünde es. Dann ging es zurück zu seinen Bauklötzen.

Anna sah ihrem Sohn nach. „Er war anders, nach dem Angriff. Ruhiger. Als hätte er etwas verstanden, was ich nicht verstehe.“

„Kinder spüren Dinge“, sagte Kenji von der Tür. Erik hatte ihn nicht kommen hören. „Besonders Kinder, die von der Dunkelheit berührt wurden. Aber das Fragment ist weg. Er wird normal aufwachsen können.“

„Wenn wir gewinnen“, fügte Anna leise hinzu.

„Wir werden gewinnen“, sagte Erik. Mehr zu sich selbst als zu ihr.


Das Meeting fand im großen Konferenzraum statt. Alle waren da: Marcus, noch immer hinkend von seiner Verletzung, aber unnachgiebig. Yuki, Augen rot vom Schlafmangel, aber gesund. Sarah, Thomas, Kenji. Die neuen Rekruten – fünf an der Zahl, junge Männer und Frauen, die sich der Nachtwache angeschlossen hatten nach den Ereignissen am Odeonsplatz.

Und James. Er saß in der Ecke, vermied Blickkontakt.

Erik stellte den Rucksack auf den Tisch. „Wir haben den zweiten Schlüssel.“

Stille. Dann Aufregung.

„Das ist – das ist unglaublich!“ Yuki sprang auf. „Darf ich –“

„Vorsichtig.“ Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, und im Licht des Konferenzraums glühten sie stärker. Golden und rot, pulsierend im Gleichklang.

Yuki beugte sich darüber, wagte nicht, sie zu berühren. „Sie resonieren miteinander. Das ist – ich habe davon gelesen, aber es nie gesehen. Wenn zwei Seelenschlüssel nah beieinander sind, verstärken sie sich gegenseitig.“

„Was bedeutet das?“ fragte Marcus.

„Macht“, sagte Thomas leise. Er war auch nähergetreten, sein Gesicht ernst. „Große Macht. Aber auch große Gefahr. Die Schlüssel sind nicht nur Werkzeuge. Sie sind … hungrig. Sie wollen benutzt werden.“

„Ich spüre es“, gab Erik zu. „Seit Wien. Sie flüstern. Nicht mit Worten, aber … Gedanken. Versuchungen.“

„Was für Versuchungen?“ fragte Sarah alarmiert.

„Macht über Leben und Tod. Die Fähigkeit, die Toten zurückzubringen. Grenzen zu überschreiten, die nicht überschritten werden sollten.“ Erik schloss die Augen. „Helena. Clara. Sie zeigen mir Bilder von ihnen. Sagen mir, ich könnte sie zurückholen, wenn ich nur –“

„Nein.“ Thomas‘ Stimme war scharf. „Das ist die Korruption. Genau davon haben die Texte gewarnt. Die Schlüssel testen dich, Erik. Versuchen zu sehen, ob du schwach bist.“

„Bin ich das?“ Erik öffnete die Augen, sah Thomas an. „Schwach?“

„Nein. Aber du bist menschlich. Und Menschen haben Grenzen.“ Thomas legte ihm die Hand auf die Schulter. „Deshalb bist du nicht allein. Wir sind hier. Wir halten dich geerdet.“

„Wie trainieren wir mit ihnen?“ fragte Marcus praktisch. „Wenn sie so gefährlich sind.“

„Vorsichtig.“ Yuki hatte Notizen gemacht. „Es gibt Rituale. Schutzkreise. Wege, die Macht zu kanalisieren, ohne sie zu entfesseln. Aber Erik –“ Sie sah ihn an. „Du musst es sein. Niemand sonst kann die Schlüssel berühren ohne Konsequenzen.“

„Was für Konsequenzen?“

„Tod. Oder Schlimmeres. Verwandlung. Besitznahme.“ Yuki blätterte durch ihre Aufzeichnungen. „Die Schlüssel wählen ihre Träger. Und wenn du nicht der Auserwählte bist –“

„Verstanden.“ Erik griff nach den Schlüsseln. In dem Moment, in dem seine Finger beide berührten, durchfuhr ihn ein Schock.

Energie. Pure, rohe Energie. Sie strömte durch seinen Körper, ließ jede Zelle vibrieren. Die Lichter im Raum flackerten. Einer der Monitore explodierte in Funken.

Erik ließ los, keuchend.

„Verdammt“, murmelte Marcus.

„Das war –“ Erik versuchte zu atmen. „Das war nur eine Berührung. Stellt euch vor, ich würde sie wirklich benutzen.“

„Dann brauchst du Training.“ Kenji war aufgestanden. „Meditation. Kontrolle. Nicht Kraft, sondern Disziplin.“

„Wir haben drei Wochen“, sagte Yuki. „Bis zum Neumond-Ritual. Das ist nicht viel Zeit.“

„Dann fangen wir jetzt an.“ Erik packte die Schlüssel zurück in den Rucksack. „Aber zuerst: Was wissen wir über das Ritual? Wo wird es stattfinden?“

„Marienplatz“, sagte Sarah. Sie projizierte eine Karte auf die Wand. „Yukis Überwachungskameras haben erhöhte Aktivität dort registriert. Vampire, die in der Nacht patrouillieren. Sie bereiten etwas vor.“

„Wie viele Opfer?“ fragte Erik.

„Vierzehn, laut Katalins Muster“, antwortete Yuki. „Jedes Ritual verdoppelt die vorherige Zahl. Sieben bei der Wintersonnenwende. Vierzehn beim Neumond. Achtundzwanzig im Februar. Und so weiter.“

„Bis zur Sommersonnenwende, wo sie alle zusammen opfert“, beendete Thomas. „Siebenundsiebzig Seelen. Eine heilige Zahl. Genug, um das Tor zu öffnen.“

„Also stoppen wir sie beim Neumond“, sagte Marcus. „Bevor es eskaliert.“

„Es ist eine Falle“, warnte James plötzlich. Alle sahen ihn an. „Tut mir leid, aber … es ist offensichtlich. Sie weiß, dass wir kommen werden. Sie plant darauf.“

„Natürlich plant sie darauf.“ Erik sah ihn an. „Aber was ist die Alternative? Wir lassen sie das Ritual durchführen?“

„Nein. Aber vielleicht –“ James zögerte. „Vielleicht gehen wir nicht direkt hin. Vielleicht infiltrieren wir vorher. Finden heraus, was sie wirklich plant.“

„Wie?“ fragte Sarah skeptisch.

James schwieg. Dann: „Ich könnte zurückgehen.“

„Zurück wohin?“

„Zu ihnen. Zu Katalin.“ James‘ Stimme war leise. „Sie denkt, ich bin gebrochen. Dass ich ihr noch dienen würde, aus Angst um meine Tochter. Ich könnte –“

„Nein.“ Erik stand auf. „Absolut nicht. Du gehst nicht zurück in die Höhle des Löwen.“

„Aber wenn es uns Informationen gibt –“

„Es wird dich das Leben kosten. Oder deine Seele. Oder beides.“ Erik schüttelte den Kopf. „Wir finden einen anderen Weg.“

James sank zurück auf seinen Stuhl, nickte stumm.

Aber Erik sah etwas in seinen Augen. Etwas wie … Erleichterung? Oder Enttäuschung?

Der Gedanke ließ ihn nicht los.


Nach dem Meeting zog Erik Yuki beiseite.

„Was ist?“ Sie sah erschöpft aus, aber wachsam.

„James.“ Erik hielt die Stimme leise. „Etwas stimmt nicht mit ihm.“

„Er ist traumatisiert. Das weißt du. Seine Tochter –“

„Ich weiß. Aber …“ Erik suchte nach Worten. „Sein Angebot, zurück zu Katalin zu gehen. Es kam zu schnell. Zu … vorbereitet.“

Yuki runzelte die Stirn. „Du denkst, er ist der Maulwurf?“

„Ich weiß es nicht. Aber irgendjemand hat Katalin informiert. Über Wien. Über unsere Pläne. Und James war einer der wenigen, die alles wussten.“

„Das waren wir alle.“

„Ja. Aber James ist derjenige, der am verwundbarsten ist. Am leichtesten zu erpressen.“

Yuki schwieg einen Moment. „Was schlägst du vor?“

„Beobachtung. Unauffällig. Sieh dir seine Kommunikationen an, seine Bewegungen. Wenn er unschuldig ist, werden wir es wissen. Wenn nicht –“

„Dann haben wir ein Problem.“ Yuki nickte. „Ich kümmere mich darum.“

„Diskret.“

„Immer.“

Sie ging. Erik blieb allein im Korridor stehen, den Rucksack mit den Schlüsseln über der Schulter.

Sie flüsterten wieder. Leiser jetzt, aber andauernd.

Vertrauen ist eine Schwäche, flüsterte der eine. Verdacht ist eine Waffe, flüsterte der andere.

Erik presste die Augen zu. „Haltet die Klappe“, murmelte er.

Die Stimmen verstummten. Aber er wusste, sie würden wiederkommen.


Drei Tage später

Das Training mit den Schlüsseln war … schwierig.

Kenji hatte einen Schutzkreis im Keller eingerichtet. Gesegnetes Salz, geweihte Kerzen, Symbole an den Wänden. In der Mitte: ein Steinkreis, groß genug für Erik allein.

„Setz dich“, sagte Kenji. „Atme. Zentriere dich.“

Erik tat es. Vor ihm lagen die zwei Schlüssel. Nicht berührend, aber nah genug, dass er ihr Pulsieren spüren konnte.

„Jetzt nimm einen. Nur einen.“

Erik griff nach seinem eigenen Schlüssel. Der vertraute. Schwarzes Eisen, goldene Ornamente.

Sofort spürte er die Verbindung. Wie ein Kabel, das eingesteckt wurde. Energie floss in ihn, aus ihm heraus, ein Kreislauf.

„Gut“, sagte Kenji. „Jetzt atme mit ihm. Finde den Rhythmus.“

Erik atmete. Ein. Aus. Das Pulsieren des Schlüssels synchronisierte sich mit seinem Herzschlag.

Bilder blitzten auf. Helena, lächelnd. Clara, brennend. Seine Urgroßeltern, gefangen. Die Zukunftsvisionen aus dem Spiegel in Wien.

„Ignoriere die Bilder“, sagte Kenji ruhig. „Sie sind Tests. Ablenkungen. Konzentriere dich auf die Energie. Nur die Energie.“

Einfacher gesagt als getan. Aber Erik versuchte es. Fokussierte sich auf das Gefühl, nicht die Bilder. Auf die rohe Kraft, die durch ihn strömte.

Langsam begannen die Bilder zu verblassen.

„Jetzt“, sagte Kenji, „nimm den zweiten.“

Erik griff nach dem Wiener Schlüssel. Schwarzes Metall, rote Steine.

Der Schock war intensiver diesmal. Zwei Ströme von Energie, die aufeinandertrafen, sich vermischten, verstärkten.

Die Kerzen flackerten. Der Schutzkreis glühte.

Erik schrie fast, hielt sich zurück. Atmete. Ein. Aus. Fand den Rhythmus.

Beide Schlüssel pulsierten jetzt im Gleichklang. Mit seinem Herz. Mit seinem Atem.

Und dann: Stille.

Nicht das Fehlen von Geräuschen. Sondern eine tiefere Stille. Als hätte die Welt den Atem angehalten.

Erik öffnete die Augen.

Der Raum um ihn herum war verändert. Die Farben blasser. Die Schatten dunkler. Und er konnte … mehr sehen.

Energielinien. Sie liefen durch den Raum, durch die Wände, unter dem Boden. Ley-Linien. Die Adern der Erde.

„Ich sehe sie“, flüsterte er.

„Die Linien?“ Kenjis Stimme kam von weit her. „Gut. Das bedeutet, du beginnst zu verstehen.“

Erik folgte den Linien mit seinen Augen. Sie führten nach oben, durch die Decke, durch die Stadt. Und an bestimmten Punkten kreuzten sie sich, bildeten Knoten.

Sieben Knoten. Genau sieben.

„Die Ritualorte“, realisierte er. „Ich kann sie sehen. Alle sieben.“

„Und der stärkste?“

Erik konzentrierte sich. Einer der Knoten glühte heller als die anderen. Nicht am Marienplatz. Sondern –

„Die Frauenkirche“, sagte er. „Der stärkste Punkt ist die Frauenkirche.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“ Erik ließ die Schlüssel los. Sofort verblassten die Linien, die Welt kehrte zur Normalität zurück. „Yuki hat Recht. Die Frauenkirche ist der Schlüssel zu allem.“

„Dann ist das unser Ziel.“ Kenji half ihm auf. „Aber Erik – was du gerade getan hast, beide Schlüssel gleichzeitig zu halten – das war riskant. Gefährlich.“

„Ich weiß.“ Erik fühlte sich erschöpft, ausgelaugt. „Aber ich musste es versuchen. Wenn ich am Neumond kämpfen soll, muss ich wissen, wozu sie fähig sind.“

„Und? Weißt du es?“

Erik dachte nach. An die Energie, die er gefühlt hatte. An die Kraft, die durch ihn geflossen war.

„Sie könnten einen Vampir vernichten“, sagte er langsam. „Mit einem einzigen Schlag. Aber –“ Er zögerte. „Sie könnten auch mich vernichten. Wenn ich die Kontrolle verliere.“

„Dann verliere sie nicht.“ Kenji lächelte schwach. „Einfach, oder?“

„Einfach“, wiederholte Erik ohne Überzeugung.


Eine Woche vor dem Neumond

Yuki fand Erik im Trainingsraum. Er übte mit Marcus, Hand-zu-Hand-Kampf, versuchte seine Reflexe scharf zu halten.

„Erik. Wir müssen reden.“

Er sah ihre Miene, nickte Marcus zu. „Pause.“

Sie gingen in einen leeren Raum. Yuki schloss die Tür, aktivierte einen Störsender.

„James“, sagte sie ohne Umschweife.

Eriks Magen sank. „Du hast etwas gefunden.“

„Telefonate. Verschlüsselt, aber ich habe sie geknackt. Er hat mit jemandem gesprochen. Mehrmals. Immer nachts, wenn er dachte, niemand würde es bemerken.“

„Mit wem?“

„Das weiß ich nicht. Die Nummer ist nicht registriert. Aber Erik –“ Ihre Stimme wurde leiser. „Der Inhalt. Er hat über uns gesprochen. Über die Schlüssel. Über Wien. Über alles.“

Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Verdammt. Ich hatte gehofft, ich läge falsch.“

„Was tun wir?“

„Konfrontieren wir ihn?“

„Nicht direkt.“ Yuki dachte nach. „Wenn wir ihn warnen, könnte er fliehen. Oder schlimmer – Katalin könnte ihre Pläne ändern. Wir verlieren unseren Vorteil.“

„Welchen Vorteil? Er kennt alles über uns!“

„Aber Katalin denkt, wir wissen es nicht. Das ist ein Vorteil. Wir können falsche Informationen streuen. Ihn benutzen.“

Erik hasste den Gedanken. Aber sie hatte Recht.

„Was schlägst du vor?“

„Wir erzählen dem Team, dass wir am Marienplatz zuschlagen werden. Beim Neumond-Ritual. Volle Stärke, alle Mann.“

„Aber das ist die Wahrheit.“

„Ist es?“ Yuki lächelte dünn. „Oder ist es eine Falle? Was, wenn wir James sagen, wir greifen am Marienplatz an – aber in Wirklichkeit gehen wir woanders hin? Oder wir teilen die Kräfte. Oder –“

„Ich verstehe.“ Erik rieb sich das Gesicht. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn Katalin merkt, dass wir James durchschaut haben –“

„Dann ist er tot. Ich weiß.“ Yuki sah ihn ernst an. „Deshalb müssen wir schlau sein. Und schnell. Wir haben nur eine Woche.“


Fünf Tage vor dem Neumond

Erik rief ein Meeting ein. Alle waren da, inklusive James.

„Wir haben einen Plan“, verkündete Erik. „Für das Neumond-Ritual. Wir greifen an.“

„Wo?“ fragte Marcus.

„Marienplatz. Wo Katalin das Ritual durchführen wird. Wir können nicht alle sieben Orte schützen, also konzentrieren wir uns auf den einen, der zählt.“

„Ist das nicht genau das, was sie erwartet?“ fragte Sarah.

„Wahrscheinlich. Aber wir haben jetzt zwei Schlüssel. Das gibt uns einen Vorteil. Und wenn wir schnell zuschlagen, bevor sie das Ritual vollenden kann –“

„Könnten wir sie stoppen“, beendete Thomas. „Oder zumindest schwächen.“

„Genau.“ Erik sah in die Runde. Jedes Gesicht. Jeden Ausdruck.

James saß still da, machte Notizen.

„Wir gehen alle?“ fragte Marcus.

„Nein. Ich nehme ein kleines Team. Kenji, Sarah, zwei Rekruten. Der Rest bleibt hier, beschützt die Zentrale und Lukas.“ Erik sah zu James. „James, du bleibst hier. Wir brauchen jemanden mit Erfahrung, der die Verteidigung koordiniert.“

James nickte. „Verstanden.“

Aber Erik sah etwas aufblitzen in seinen Augen. Erleichterung? Oder etwas anderes?

Nach dem Meeting zog Erik Kenji und Sarah beiseite.

„Das war gelogen“, sagte Sarah leise. „Marienplatz ist nicht unser Ziel, oder?“

„Nein.“ Erik hielt die Stimme noch leiser. „Unser Ziel ist die Frauenkirche. James wird Katalin informieren, dass wir am Marienplatz sind. Sie wird ihre Kräfte dorthin schicken. Aber wir werden an der Frauenkirche sein, wo das echte Ritual stattfindet.“

„Bist du sicher, dass es dort ist?“ fragte Kenji.

„Die Schlüssel haben es mir gezeigt. Die Frauenkirche ist der stärkste Knotenpunkt. Wenn Katalin irgendwo ein großes Ritual macht, dann dort.“

„Und wenn du falsch liegst?“

„Dann sterben vierzehn Menschen, und wir verlieren.“ Erik sah ihnen in die Augen. „Aber ich liege nicht falsch.“


Zwei Tage vor dem Neumond

In der Nacht fand Yuki Erik in seinem Zimmer.

„Er hat angerufen. James. Gerade eben. Ich habe es abgefangen.“

„Was hat er gesagt?“

„Dass wir am Marienplatz zuschlagen werden. Neumond-Nacht. Mit zwei Schlüsseln und vollem Team.“ Yuki lächelte dünn. „Er hat alles weitergegeben.“

„Gut.“ Erik fühlte keine Freude. Nur Traurigkeit. James war ein guter Mann gewesen. War vielleicht immer noch einer. Aber Katalin hatte ihn gebrochen.

„Was tun wir mit ihm? Nach dem Ritual?“

„Das entscheiden wir, wenn wir überleben.“ Erik stand auf. „Jetzt konzentrieren wir uns auf die Frauenkirche. Und auf Katalin.“

„Erik.“ Yukis Stimme wurde sanfter. „Bist du bereit? Wirklich bereit? Zwei Schlüssel zu benutzen, im echten Kampf – nicht nur im Training – das könnte dich umbringen.“

„Ich weiß.“ Erik griff nach dem Rucksack, spürte die Schlüssel darin pulsieren. „Aber es ist der einzige Weg. Katalin ist zu mächtig. Ohne die Schlüssel habe ich keine Chance.“

„Mit den Schlüsseln hast du auch keine Chance. Nur eine bessere.“

„Dann nehme ich die bessere.“ Erik sah sie an. „Yuki, wenn etwas schiefgeht – wenn ich die Kontrolle verliere – versprich mir, dass du –“

„Nein.“ Sie unterbrach ihn. „Versprich mir nichts. Weil nichts schiefgehen wird. Du wirst Katalin stoppen. Wir werden die Stadt retten. Und danach –“ Sie lächelte. „Danach trinken wir Sake und feiern.“

„Sake?“

„Ich bin halb Japanerin. Es ist Tradition.“

Erik lachte, zum ersten Mal seit Tagen. „In Ordnung. Sake. Nach dem Sieg.“

„Nach dem Sieg.“

Sie verließ ihn.

Erik blieb allein zurück, mit den Schlüsseln und den Stimmen in seinem Kopf.

Morgen Nacht würde alles entschieden werden.

Morgen Nacht würde er Katalin gegenüberstehen.

Und entweder würde er gewinnen.

Oder er würde sterben.

Es gab nichts dazwischen mehr.


Währenddessen, in den Katakomben

Katalin lächelte, als Valentina den Bericht brachte.

„Er glaubt, er wäre schlau“, sagte sie. „Denkt, er könnte mich überlisten. Am Marienplatz zuschlagen, während ich an der Frauenkirche bin.“

„Aber du weißt es“, sagte Valentina.

„Natürlich weiß ich es. James mag ein Verräter sein, aber er ist ein vorhersehbarer Verräter.“ Katalin ging zu ihrer Karte, bewegte die Steine. „Schönwaldt denkt, er durchschaut das Spiel. Aber er spielt immer noch nach meinen Regeln.“

„Was ist der Plan?“

„Wir lassen ihn zur Frauenkirche kommen. Lassen ihn glauben, er hätte Recht. Und dann –“ Ihr Lächeln wurde kälter. „Dann nehmen wir ihm beide Schlüssel ab. Brechen sein Team. Und nehmen uns Lukas.“

„Und das Ritual?“

„Findet trotzdem statt. Nur nicht dort, wo er es erwartet. Nicht an der Frauenkirche. Nicht am Marienplatz.“ Katalin legte einen Stein an einen dritten Ort. „Sondern hier. Im Englischen Garten. Wo niemand schauen wird.“

„Brillant.“

„Natürlich.“ Katalin wandte sich ab. „Bereite alles vor. Vierzehn Opfer. Die Klinge. Die Schale. Und –“ Sie sah zu Valentina. „Bring mir Lukas. Zur Sicherheit. Falls Schönwaldt am Leben bleibt.“

„Verstanden.“

Valentina verschwand in die Schatten.

Katalin blieb allein zurück, starrte auf die Karte.

„Bald“, flüsterte sie. „Nur noch zwei Tage. Dann beginnt die wahre Jagd.“


Ende Kapitel 5

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