Band 3: Die Sommersonnenwende (bis Kapitel 8)

Band 3: Die Sommersonnenwende

PROLOG: Sechs Monate später

Der Schnee fiel leise auf München.

Dicke, schwere Flocken, die die Stadt in eine Decke aus Weiß hüllten. Es war der einundzwanzigste Dezember, die Wintersonnenwende, der kürzeste Tag des Jahres. Um vier Uhr nachmittags war es bereits dunkel, die Straßenlaternen warfen gelbe Lichtkegel auf die verschneiten Gehwege.

Erik Schönwaldt stand am Fenster seines Büros und beobachtete die Stadt unter sich. Sein Atem beschlug die kalte Scheibe. Mit dem Ärmel wischte er sie frei, nur um zu sehen, wie der Nebel sofort zurückkehrte.

Sechs Monate.

Sechs Monate seit der Schlacht am Odeonsplatz. Sechs Monate seit Helenas Opfer. Sechs Monate, in denen er versuchte, ihre Schuhe zu füllen – und jeden Tag aufs Neue spürte, wie sie ihm zu groß waren.

Der Seelenschlüssel hing schwer um seinen Hals. Erik griff danach, fühlte das vertraute Gewicht, die Wärme, die von ihm ausging. In den letzten Monaten war der Schlüssel zu einem Teil von ihm geworden. Oder er zu einem Teil des Schlüssels – manchmal wusste er nicht mehr, wo die Grenze verlief.

Du wirst es lernen, flüsterten die Stimmen in seinem Kopf. So wie wir es lernten. So wie alle vor dir.

„Halt die Klappe“, murmelte Erik und wandte sich vom Fenster ab.

Sein Büro – Helenas altes Büro – war größer geworden. Mehr Möbel, mehr Akten, mehr Verantwortung. An den Wänden hingen Karten von München, jede mit dutzenden farbigen Stecknadeln markiert. Rot für Vampir-Sichtungen. Blau für gelöste Fälle. Schwarz für die Toten.

Zu viele schwarze Nadeln.

Trotz allem, was sie getan hatten, trotz der Schlacht, trotz des Sieges – München war nicht sicher. Es würde nie wirklich sicher sein. Die Vampire waren nur vorsichtiger geworden, versteckten sich tiefer, jagten selektiver.

Aber sie waren noch da.

Und Katalin… Katalin war irgendwo da draußen. Verwundet, geschwächt, aber nicht tot. Erik spürte es. Manchmal, in den stillen Stunden der Nacht, glaubte er, ihre Präsenz zu fühlen. Eine Kälte, die nicht vom Winter kam.

Ein Klopfen an der Tür.

„Herein.“

Marcus trat ein, den Arm noch immer in einer Schlinge. Die Verletzungen von der Schlacht waren schlimmer gewesen, als er zugegeben hatte. Drei gebrochene Rippen, eine durchbohrte Lunge, und ein Stich, der nur knapp sein Herz verfehlt hatte. Die Ärzte sagten, er hatte Glück gehabt.

Erik sah nur einen Mann, der zu alt für diesen Krieg geworden war.

„Lagebericht“, sagte Marcus und ließ sich in den Sessel vor dem Schreibtisch fallen. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, aber er versuchte, es zu verbergen. „Drei Vorfälle letzte Nacht. Alle im Westend.“

„Vampire?“

„Wahrscheinlich. Zwei Obdachlose, tot aufgefunden. Extreme Anämie. Die üblichen Wunden.“ Marcus legte einen Ordner auf den Tisch. „Weber hat die Autopsien gemacht. Gleiche Bissmuster wie früher, aber… anders.“

„Anders, wie?“

„Weniger präzise. Fast… gehetzt.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Als hätten die Täter Angst gehabt. Oder waren unerfahren.“

Erik öffnete den Ordner, sah sich die Fotos an. Die Wunden waren tatsächlich anders – tiefer, unregelmäßiger. Nicht die chirurgische Präzision, die Katalins Vampire gezeigt hatten.

„Neue Vampire“, sagte er. „Jung. Ungezügelt.“

„Das denke ich auch. Was bedeutet, dass jemand sie erschafft.“ Marcus lehnte sich zurück. „Die Frage ist: wer? Katalin ist abgetaucht. Dimitri ist mit ihr verschwunden. Wer immer das macht, ist entweder neu in der Stadt oder–“

„Oder es ist jemand, den wir übersehen haben.“ Erik schloss den Ordner. „Yuki, ist sie noch in der Bibliothek?“

„Wo sonst?“ Marcus lächelte schwach. „Sie hat seit drei Tagen das Archiv nicht verlassen. Ich glaube, sie schläft dort unten.“

„Ich spreche mit ihr.“ Erik stand auf, griff nach seiner Jacke. „Was ist mit den neuen Rekruten?“

„Sarah wird nächste Woche aus dem Krankenhaus entlassen. Die Wunde ist verheilt, aber die Narbe…“ Marcus verstummte. Sie alle trugen Narben jetzt, manche sichtbar, manche nicht.

„James?“

„Immer noch in Therapie. Das mit seiner Tochter… das hat ihn gebrochen, Erik. Ich weiß nicht, ob er jemals wieder einsatzbereit sein wird.“

Erik nickte. James hatte seine Tochter gerettet, aber der Preis war hoch gewesen. Das Mädchen hatte zwei Monate in Katalins Fängen verbracht. Was auch immer dort geschehen war, sie sprach nicht darüber. Und James… James konnte kaum noch seine Tochter ansehen, ohne zusammenzubrechen.

„Und Kenji?“

„Trainiert die Neuen. Fünf haben wir jetzt. Alle motiviert, alle fähig. Aber…“ Marcus zögerte. „Sie sind jung, Erik. Zu jung. Sie haben noch nie gegen etwas Echtes gekämpft.“

„Dann werden sie es lernen.“ Erik zog die Jacke an, fühlte das vertraute Gewicht der Waffen in den Innentaschen. „Wie wir alle lernen mussten.“

„Helena hätte mehr Zeit für Training gehabt.“

„Helena hatte zwanzig Jahre.“ Eriks Stimme wurde schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Ich habe sechs Monate. Und ich tue mein Bestes.“

Marcus hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß. Tut mir leid. Ich bin nur… müde.“

„Wir sind alle müde.“ Erik ging zur Tür, hielt dann inne. „Geh nach Hause, Marcus. Ruh dich aus. Das ist ein Befehl.“

„Seit wann gibst du mir Befehle?“ Aber Marcus lächelte, wenn auch matt.

„Seit Helena mir diesen verdammten Ring gegeben hat.“ Erik berührte das Silber an seinem Finger. „Und seit du derjenige bist, der mir sagt, ich solle ihn ernst nehmen.“

„Touché.“ Marcus stand mühsam auf. „Aber wenn etwas passiert–“

„Dann rufe ich dich an. Versprochen.“

Marcus nickte und ging. Erik blieb noch einen Moment stehen, sah auf das Chaos seines Schreibtischs. Berichte, Fotos, alte Zeitungen mit Schlagzeilen über die „Gasexplosion“ am Odeonsplatz. Die offizielle Geschichte, die die Welt glaubte.

Die Lüge, die notwendig war.

Erik seufzte und verließ das Büro.


Die Zentrale der Nachtwache hatte sich in den letzten Monaten verändert.

Was einmal die alte Buchhandlung gewesen war, war jetzt nur noch eine Fassade. Dahinter lagen drei Stockwerke aus modernster Technik, Trainingsräumen, und einem Archiv, das Jahrhunderte umfasste.

Erik stieg die Wendeltreppe hinunter ins Untergeschoss, wo die Luft kühler wurde und nach altem Papier roch. Am Ende des Gangs leuchtete Licht unter einer Tür hervor.

Die Bibliothek.

Er klopfte, wartete.

„Herein!“ Yukis Stimme klang müde.

Erik öffnete die Tür. Der Raum war groß, mit Regalen, die bis zur Decke reichten. Tische waren mit Büchern übersät, alte Manuskripte, verstaubte Folianten, und Yukis Laptop, der inmitten des Chaos wie ein Anachronismus wirkte.

Yuki saß an einem der Tische, die Brille auf der Nasenspitze, das schwarze Haar zu einem unordentlichen Dutt gebunden. Vor ihr lagen drei aufgeschlagene Bücher, alle in Sprachen, die Erik nicht identifizieren konnte.

„Du solltest schlafen“, sagte er.

„Du auch.“ Yuki sah nicht auf. „Aber hier sind wir beide.“

Erik setzte sich ihr gegenüber. „Marcus sagt, die neuen Vampire sind anders. Ungezügelt.“

„Ich weiß. Ich habe die Berichte gelesen.“ Yuki schob ein Buch zur Seite, griff nach einem anderen. „Und ich glaube, ich weiß, warum.“

„Erzähl.“

„Erinnerst du dich, was Katalin in ihrem Ritual versucht hat? Die ewige Nacht?“ Yuki tippte auf eine Seite in dem Buch. „Sie hat es nicht geschafft. Aber das Ritual… es hat Spuren hinterlassen. Energetische Resonanzen entlang der Ley-Linien.“

„Auf Deutsch?“

Yuki lächelte schwach. „Die Barriere zwischen unserer Welt und… der anderen Seite ist dünner geworden. Nicht viel, aber genug. Vampire können jetzt leichter erschaffen werden. Der Transformationsprozess ist schneller, weniger kontrolliert.“

„Was bedeutet, dass mehr Menschen sich verwandeln.“

„Und die, die sich verwandeln, sind instabiler. Hungriger. Gefährlicher.“ Yuki nahm ihre Brille ab, rieb sich die Augen. „Wir sehen erst den Anfang, Erik. Wenn wir nichts unternehmen, wird München in einem Jahr ein Vampir-Nest sein.“

Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Was können wir tun?“

„Die Barriere verstärken. Es gibt Rituale, alte Rituale, die–“ Yuki verstummte, ihr Blick fiel auf etwas hinter Erik.

Er drehte sich um.

Am Rand des Raums, halb verborgen im Schatten zwischen zwei Regalen, stand eine Gestalt.

Eriks Hand schoss zu seiner Waffe. „ARIA!“ rief er. „Eindringling in der Bibliothek! Alarm!“

Nichts. Die KI antwortete nicht.

„Eure künstliche Intelligenz ist… pausiert“, sagte die Gestalt mit einer Stimme, die männlich und alt klang, mit einem Akzent, den Erik nicht einordnen konnte. „Nur vorübergehend. Ich wollte nicht, dass wir gestört werden.“

„Wer auch immer du bist“, Erik zog die Waffe, zielte auf die Schatten, „du hast drei Sekunden, dich zu zeigen, bevor ich schieße.“

„Keine Gewalt, bitte.“ Die Gestalt hob langsam die Hände, Handflächen nach außen. „Ich bin nicht gekommen, um zu kämpfen.“

„Das sagen sie alle“, knurrte Erik. „Raus ins Licht. Jetzt.“

Die Gestalt trat vor. Zentimeter für Zentimeter, als hätte sie alle Zeit der Welt.

Es war ein Mann – oder etwas, das einmal ein Mann gewesen war. Alt, vielleicht siebzig im äußeren Erscheinungsbild, mit langem grauem Haar, das über seine Schultern fiel. Sein Gesicht war kantig, von Zeit und Schmerz gezeichnet, mit tiefen Furchen um Mund und Augen. Er trug einen langen dunklen Mantel, der aussah, als stamme er aus einem anderen Jahrhundert – schweres Tuch, mit seltsamen Symbolen am Saum bestickt.

Aber es waren die Augen, die Erik innehalten ließen. Silbern. Nicht grau – silbern, wie poliertes Metall, leuchtend im schwachen Licht der Bibliothek. Kein Mensch hatte solche Augen.

Vampir. Ein sehr, sehr alter.

„Wie bist du hier reingekommen?“ Erik senkte die Waffe nicht. „Unsere Barrieren sollten–“

„Eure Barrieren sind beeindruckend. Wirklich.“ Der Alte lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. „Für junge Vampire wären sie unüberwindbar. Ultraviolette Strahlung in den Türrahmen. Gesegnetes Salz unter den Schwellen. Silberstaub in der Belüftung. Helena hat gute Arbeit geleistet.“ Er neigte respektvoll den Kopf. „Aber ich… ich bin alt. Älter als eure Fallen. Älter als diese Stadt.“

„Wer bist du?“ Yuki hatte eine Flasche Weihwasser in der Hand, bereit zu werfen.

Der Alte musterte sie beide mit einem Blick, der tausend Jahre zu umfassen schien. „Mein Name ist Lucian. Vor tausend Jahren trug ich einen anderen Namen, in einem Land, das nicht mehr existiert. Aber das spielt keine Rolle mehr.“ Seine silbernen Augen fixierten Erik. „Ich war einst Teil des Rates. Ich diente Katalin, der Großen Mutter, die ihr bekämpft. Fünfhundert Jahre lang war ich ihr Schatten, ihr Vollstrecker, ihr treuester Diener.“

„War?“ Eriks Finger lag am Abzug.

„War.“ Lucians Stimme wurde härter. „Ich bin nicht mehr loyal zu Katalin. Im Gegenteil – ich bin hier, um zu warnen.“

„Warnen wovor?“ Yukis Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte die Anspannung hören.

„Vor dem, was kommen wird.“ Lucian trat näher, langsam, vorsichtig. „Katalin plant ihre Rache. Ihr denkt, ihr habt sechs Monate Ruhe. Aber das ist falsch. Sie hat die ganze Zeit gearbeitet, tief unter der Stadt. Sammelt Kraft. Sammelt Verbündete.“

„Was will sie?“

„Das Gleiche wie immer. Die ewige Nacht. Das Tor zur anderen Seite.“ Lucian blieb zwei Meter entfernt stehen. „Aber diesmal wird sie nicht scheitern. Sie hat aus ihren Fehlern gelernt. Und sie hat etwas gefunden… etwas, das alles ändert.“

„Was?“

„Die Legende der drei Schlüssel.“ Lucians Blick fiel auf Eriks Brust, wo der Seelenschlüssel unter seiner Jacke verborgen war. „Du trägst einen. Aber es gibt zwei weitere. Und wenn Katalin alle drei findet, wenn sie sie zur nächsten Sommersonnenwende benutzt…“ Er verstummte.

„Was passiert dann?“ drängte Erik.

„Dann wird nicht nur München fallen. Dann wird die Welt, wie ihr sie kennt, enden.“ Lucian senkte seine Hände. „Die Urväter werden erwachen. Die ersten Vampire, so alt, dass sie Göttern gleichen. Und wenn sie erwachen…“

„Dann ist es vorbei“, flüsterte Yuki.

„Ja.“

Stille füllte die Bibliothek. Erik konnte sein eigenes Herz hören, schnell, zu schnell.

„Warum sollten wir dir glauben?“ fragte er schließlich. „Du bist ein Vampir. Teil des Rates.“

„War Teil des Rates.“ Lucians Stimme wurde härter. „Ich diente Katalin tausend Jahre. Ich glaubte an ihre Vision. Aber was sie jetzt plant… das ist nicht Vision. Das ist Wahnsinn. Die Urväter sollten schlafen. Für immer. Wenn sie erwachen, werden sie nicht zwischen Mensch und Vampir unterscheiden. Sie werden alles verschlingen.“

„Und du willst uns helfen, sie aufzuhalten.“

„Ich will die Welt nicht enden sehen. Auch nicht nach tausend Jahren.“ Lucian holte etwas aus seinem Mantel, eine Karte, alt und vergilbt. Er legte sie auf den Tisch. „Die anderen zwei Schlüssel. Ich weiß, wo sie sind. Oder zumindest, wo sie sein sollten.“

Erik und Yuki beugten sich über die Karte. Zwei Orte waren markiert. Einer in Wien. Einer in… Erik verengte die Augen.

„Schloss Falkenstein“, flüsterte er.

„Ja.“ Lucian nickte. „Dort, wo deine Geschichte begann. Dort, wo sie enden könnte.“

Erik griff nach der Karte, studierte sie. Seine Gedanken rasten. Wenn das stimmte, wenn es wirklich drei Schlüssel gab, wenn Katalin sie alle suchte…

„Wir müssen sie zuerst finden“, sagte er.

„Ja. Aber seid vorsichtig.“ Lucian wandte sich zur Tür. „Katalin ist nicht allein. Sie hat Verbündete, mächtiger als ihr euch vorstellen könnt. Und sie wird alles tun, um die Schlüssel zu bekommen.“

„Warte.“ Erik stand auf. „Wohin gehst du?“

„Zurück in die Schatten. Wo ich hingehöre.“ Lucian blieb im Türrahmen stehen, drehte sich halb um. „Aber ich werde euch helfen, wo ich kann. Informationen. Warnungen. Mehr kann ich nicht bieten.“

„Warum?“

„Weil ich müde bin, Erik Schönwaldt. Müde von Krieg. Müde von Tod. Und weil…“ Er zögerte. „Weil Helena mir einmal das Leben rettete. Vor langer Zeit, als ich noch glaubte, Erlösung sei möglich. Sie zeigte mir, dass es einen anderen Weg gibt.“

„Du kanntest Helena?“

„Flüchtig. Aber genug, um zu wissen, dass sie bemerkenswert war. Und dass ihr Opfer nicht umsonst sein sollte.“ Lucian lächelte schwach. „Ehrt ihr Andenken. Stoppt Katalin. Rettet die Welt.“

Dann war er verschwunden, so leise, wie er gekommen war.

„Warte.“ Erik stand auf. „Wohin gehst du?“

„Zurück in die Schatten. Wo ich hingehöre.“ Lucian blieb im Türrahmen stehen, drehte sich halb um. „Aber ich werde euch helfen, wo ich kann. Informationen. Warnungen. Mehr kann ich nicht bieten.“

„Warum?“ Eriks Stimme wurde schärfer. „Warum wirklich? Nach tausend Jahren plötzlich ein Gewissen?“

Lucian schwieg einen langen Moment. Seine silbernen Augen fixierten Erik, und zum ersten Mal sah Erik etwas darin – nicht nur Trauer, sondern echten Schmerz.

„Weißt du, was das Schlimmste am Vampirdasein ist?“ fragte Lucian leise. „Nicht der Hunger. Nicht die Einsamkeit. Es ist das Erinnern. Wir vergessen nichts, Erik. Jedes Gesicht. Jeder Schrei. Jeder Tropfen Blut. Tausend Jahre Erinnerungen, die niemals verblassen.“

Er trat zurück ins Licht, nur für einen Moment. „Ich erinnere mich an meine erste Jagd. An das Mädchen, das ich tötete. Sie war zwölf Jahre alt, hatte braune Augen, und sie bat mich um Gnade.“ Seine Stimme brach leicht. „Das war vor neunhundert Jahren. Und ich sehe ihr Gesicht noch immer. Jede Nacht.“

„Und jetzt willst du Vergebung?“ fragte Yuki, ihre Stimme sanfter.

„Vergebung?“ Lucian lachte bitter. „Nein. Die verdiene ich nicht. Aber vielleicht…“ Er sah zum Fenster, wo draußen München schlief. „Vielleicht kann ich verhindern, dass noch mehr Gesichter zu meinen Erinnerungen hinzukommen. Dass noch mehr Kinder sterben für Katalins Wahnsinn.“

„Du könntest für uns arbeiten“, sagte Erik plötzlich. „Der Nachtwache beitreten. Nicht alle Vampire sind unsere Feinde.“

„Das weiß ich. Helena hat mir das gezeigt.“ Lucian schüttelte den Kopf. „Aber ich bin zu alt, zu schuldig. Zu viele von euren Jägern würden mich töten wollen – mit Recht. Nein, ich bleibe im Schatten. Ein Informant. Ein Geist.“ Er wandte sich zur Tür. „Wenn ich mehr erfahre über Katalins Pläne, werde ich euch kontaktieren. Achtet auf die Zeichen.“

„Welche Zeichen?“

„Ihr werdet sie erkennen.“ Lucians Stimme wurde zu einem Flüstern. „Und Erik?“

„Ja?“

„Vertraue dem Schlüssel nicht zu sehr. Ich kenne seine Geschichte. Die Seelen darin… sie wollen frei sein. Und sie werden dich benutzen, wenn du sie lässt.“

Bevor Erik antworten konnte, war Lucian verschwunden. Nicht gegangen – verschwunden. Als hätte er sich in die Schatten aufgelöst.

Erik und Yuki standen da, starrten auf die leere Tür.

„Glaubst du ihm?“ fragte Yuki schließlich.

„Ich weiß es nicht.“ Erik sah auf die Karte. „Aber wenn er Recht hat… wenn es wirklich drei Schlüssel gibt…“

„Dann haben wir keine Wahl.“ Yuki nahm die Karte, faltete sie zusammen. „Wir müssen sie finden. Bevor Katalin es tut.“

Erik nickte langsam. Er fühlte das Gewicht des Schlüssels um seinen Hals, spürte seine Wärme, sein Flüstern.

Es beginnt, sagten die Stimmen. Das Ende oder der Anfang. Nur du kannst entscheiden.

„Versammle das Team“, sagte Erik. „Alle. Wir haben viel zu besprechen.“

„Jetzt? Es ist fast Mitternacht.“

„Katalin wartet nicht auf bequeme Zeiten.“ Erik ging zur Tür. „Und wir auch nicht.“


Weit unter der Stadt, tiefer als die Katakomben, tiefer als die U-Bahn-Tunnel, tiefer als das Fundament Münchens selbst, saß Katalin in ihrem neuen Thronsaal.

Er war kleiner als der alte, provisorischer. Aber er würde ausreichen. Für jetzt.

Dimitri kniete vor ihr, den Kopf gesenkt.

„Lucian hat sie kontaktiert“, sagte er. „Wie du vorhergesagt hast.“

„Natürlich hat er das.“ Katalin lächelte. „Lucian war immer vorhersehbar. Seine Sentimentalität ist seine Schwäche.“

„Glaubst du, sie werden die Schlüssel suchen?“

„Ich weiß, dass sie es werden. Erik ist impulsiv, jung, verzweifelt, etwas zu tun.“ Katalin stand auf, ging zu einem Spiegel – nicht ein echter Spiegel, sondern eine magische Projektion, die die Stadt darüber zeigte. „Er wird nach Wien gehen. Und nach Falkenstein. Genau wie ich es will.“

„Warum?“

„Weil während er jagt, wir vorbereiten.“ Katalin berührte den Spiegel, genau wo die Frauenkirche war. „Die Sommersonnenwende ist in sechs Monaten. Genug Zeit, um alles zu arrangieren.“

„Und wenn er die Schlüssel findet?“

„Dann nehmen wir sie ihm ab.“ Katalin wandte sich zu Dimitri. „Aber ich glaube nicht, dass er sie finden wird. Nicht alle. Nicht rechtzeitig.“

„Du hast sie bereits.“

Katalins Lächeln wurde breiter. Sie ging zu einem kleinen Altar in der Ecke, wo unter einem schwarzen Tuch etwas verborgen lag. Sie zog das Tuch weg.

Dort, auf schwarzem Samt, lagen zwei Schlüssel. Eisern, alt, mit Ornamenten, die im schwachen Licht glühten.

„Der Wiener Schlüssel und der Falkenstein-Schlüssel“, sagte sie. „Beide bereits in meinem Besitz. Lucians Karte ist eine Lüge. Ein schöner Köder.“

„Dann was ist in Wien? Was ist in Falkenstein?“

„Fallen. Sehr clevere Fallen.“ Katalin deckte die Schlüssel wieder zu. „Wenn Erik dort hingeht, wird er beschäftigt sein. Verletzt vielleicht. Geschwächt definitiv. Und während er kämpft, werden wir hier arbeiten. Ungestört.“

„Brillant.“ Dimitri stand auf. „Und sein Schlüssel?“

„Werden wir nehmen. Zur Sommersonnenwende. Wenn alles bereit ist.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Geduld, mein Sohn. Geduld ist unsere größte Waffe.“

Sie setzte sich, schloss die Augen.

Draußen, Hunderte Meter über ihr, feierte München das Ende des kürzesten Tages. Lichter glitzerten, Weihnachtsmärkte waren voll, Menschen lachten.

Ahnungslos.

Immer ahnungslos.

Katalin lächelte im Dunkeln.

Nur noch sechs Monate.

Dann würde die Sonne für immer untergehen.

## KAPITEL 1: Die neue Normalität

Der Wecker klingelte um fünf Uhr morgens.

Erik schlug blind danach, traf ihn beim dritten Versuch. Das Klingeln verstummte, aber der Schaden war angerichtet – er war wach. Vollständig, schmerzhaft wach.

Er lag noch einen Moment da, starrte an die Decke seiner Wohnung. Dieselbe Wohnung wie vor sechs Monaten, aber sie fühlte sich anders an. Fremder. Als gehörte sie jemand anderem.

Vielleicht tat sie das. Der Mann, der hier einmal gelebt hatte – der Versicherungsangestellte mit dem langweiligen Job und den vorhersehbaren Wochenenden – existierte nicht mehr. An seiner Stelle war… was? Ein Vampirjäger? Ein Anführer? Ein Mann, der mit toten Menschen sprach?

Erik setzte sich auf, rieb sich das Gesicht. Er hatte wieder schlecht geschlafen. Albträume, wie jede Nacht. Manchmal war es Helena, die fiel. Manchmal Clara, die in Flammen aufging. Manchmal seine Urgroßeltern, gefangen für die Ewigkeit.

Und manchmal – das war am schlimmsten – träumte er von den Menschen, die er nicht gerettet hatte. Den Gesichtern am Odeonsplatz, die von der Dunkelheit verschlungen wurden, bevor er sie erreichen konnte.

*Vierunddreißig*, flüsterten die Stimmen in seinem Kopf. Die Seelen im Schlüssel, die nie schweigen. *Vierunddreißig Tote. Nicht schlecht. Aber auch nicht gut genug.*

„Ich habe mein Bestes getan“, murmelte Erik, stand auf.

*Dein Bestes ist nie genug. Nicht in diesem Krieg.*

Er ignorierte die Stimmen, ging ins Badezimmer. Das Licht über dem Spiegel flackerte – musste seit Wochen ausgetauscht werden, aber Erik fand nie die Zeit. Er sah sein Spiegelbild an.

Sechsundzwanzig Jahre alt, aber er sah älter aus. Dunkle Ringe unter den Augen. Das Haar länger, als er es normalerweise trug. Stoppeln, die zu einem Bart werden wollten, den er sich nie nehmen würde.

Und die Narben. Neue Narben, die sich zu den alten gesellten. Eine dünne Linie an seinem Hals, wo Valentinas Klaue ihn gestreift hatte. Eine Brandwunde am linken Unterarm, vom Ritual am Odeonsplatz. Und über seinem Herzen, kaum sichtbar – die Stelle, wo er den Seelenschlüssel gegen seine Brust gedrückt hatte, als das Licht aus ihm herausbrach.

Erik drehte sich vom Spiegel weg. Manche Dinge sah man besser nicht zu lange an.

Die Dusche war kalt – die Heizung in seinem Altbau funktionierte nur sporadisch. Aber die Kälte half, ihn wachzurütteln. Er duschte schnell, zog sich an. Schwarze Jeans, dunkles Hemd, Lederjacke. Praktisch, unauffällig. Und genug Taschen für Waffen.

Der Seelenschlüssel lag auf dem Nachttisch, wo er ihn jede Nacht hinlegte. Erik nahm ihn, hielt ihn einen Moment in der Hand. Im Morgenlicht sah er harmlos aus. Nur ein alter Schlüssel.

Aber Erik konnte das Pulsieren spüren. Das Flüstern der Seelen, die darin gefangen waren. Die Macht, die darauf wartete, freigesetzt zu werden.

*Trage mich*, flüsterten die Stimmen. *Nutze mich. Wir sind bereit.*

„Ich weiß.“ Erik legte den Schlüssel um seinen Hals, fühlte das vertraute Gewicht. „Aber nur, wenn es sein muss.“

*Es muss immer sein. Früher oder später.*

Erik verließ die Wohnung um halb sechs. Draußen war es noch dunkel, die Straßen leer bis auf ein paar frühe Pendler und die Müllabfuhr. Der Schnee vom Vortag war zu grauem Matsch geworden, der seine Schuhe durchnässte.

Er ging zu Fuß zur Zentrale. Zwanzig Minuten durch die erwachende Stadt. Normalerweise hätte er die U-Bahn genommen, aber seit der Schlacht am Odeonsplatz mied er unterirdische Orte. Zu viele Erinnerungen. Zu viele Schatten.

Die Straßen Münchens sahen friedlich aus im Morgengrauen. Weihnachtsbeleuchtung hing noch in den Schaufenstern, obwohl Weihnachten vorbei war. Ein paar frühe Bäckereien waren geöffnet, der Geruch von frischem Brot hing in der Luft.

Normal. Alles so normal.

Erik wusste es besser. Er sah die Zeichen, die andere übersahen. Die Graffiti an bestimmten Wänden – nicht gewöhnliche Tags, sondern Markierungen in einer alten Sprache. Warnungen. Territoriumsgrenzen.

Die Obdachlosen, die in Hauseingängen schliefen – manche waren wirklich obdachlos. Andere waren Wächter, Vampire, die den Tag verschliefen, aber nachts die Straßen kontrollierten.

Und die Schatten. Immer die Schatten, die sich bewegten, wenn sie nicht sollten.

*Du siehst zu viel*, sagten die Stimmen. *Das ist die Last des Trägers. Du kannst nicht mehr wegsehen.*

„Will ich auch nicht“, murmelte Erik.

Er erreichte die Buchhandlung um sechs. Von außen sah sie immer noch aus wie früher – geschlossen, verstaubt, vergessen. Aber als Erik die Tür öffnete und den Code in das versteckte Tastenfeld eingab, veränderte sich alles.

Lichter flackerten auf. Die Regale voller Bücher waren nur eine Illusion – Hologramme, projiziert von Geräten in den Wänden. Dahinter lagen die echten Räume. Das Herz der Nachtwache.

„Guten Morgen, Erik“, sagte eine synthetische Stimme aus den Lautsprechern. ARIA – Automated Response and Intelligence Assistant. Yukis neueste Schöpfung, ein KI-System, das die Sicherheit überwachte.

„Morgen, ARIA. Status?“

„Keine Vorfälle über Nacht. Alle Sicherheitssysteme funktional. Marcus kam um 4:37 Uhr, ist im Trainingsraum. Yuki ist in der Bibliothek, wie immer.“

„Sie war die ganze Nacht hier?“

„Affirmativ. Soll ich sie daran erinnern, dass Menschen Schlaf benötigen?“

„Tu das.“ Erik ging durch den Vorhang zur Treppe. „Und sag Marcus, er soll aufhören zu trainieren, bevor er sich noch mehr verletzt.“

„Übermittelt. Möchtest du Kaffee?“

„Immer.“

Erik stieg die Wendeltreppe hinunter. Die Zentrale war in den letzten Monaten gewachsen. Was einmal drei Stockwerke gewesen war, waren jetzt fünf. Yuki hatte alte Katakomben unter dem Gebäude entdeckt und sie in Lagerräume und ein erweitertes Archiv verwandelt.

Auf der zweiten Ebene hielt Erik an. Hier waren die Trainingsräume. Durch die Glaswand konnte er Marcus sehen, der trotz seiner Verletzungen gegen einen Boxsack einschlug.

Erik öffnete die Tür. „Du solltest dich ausruhen.“

Marcus hielt inne, keuchend, schweißgebadet. „Sagt der Mann, der jeden Tag um fünf aufsteht.“

„Ich habe keine gebrochenen Rippen.“

„Die sind verheilt.“ Marcus griff nach einem Handtuch, wischte sich das Gesicht ab. „Meistens.“

„Marcus–“

„Ich kann nicht einfach dasitzen, Erik.“ Marcus‘ Stimme wurde härter. „Ich bin seit dreißig Jahren Jäger. Das ist alles, was ich kenne. Wenn ich aufhöre…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich nicht kämpfe.“

Erik verstand das. Besser, als er zugeben wollte.

„Dann trainiere die Neuen“, sagte er. „Kenji ist gut, aber er braucht Hilfe. Fünf Rekruten sind viel für einen Mann.“

„Ich bin kein Lehrer.“

„Du warst meiner.“ Erik lächelte schwach. „Und ich lebe noch.“

„Knapp.“ Aber Marcus lächelte auch. „In Ordnung. Ich spreche mit Kenji. Aber ich will auch im Feld sein, wenn es ernst wird.“

„Wenn es ernst wird, brauche ich jeden.“ Erik wandte sich zur Tür. „Lagebesprechung um acht. Sei da.“

„Aye, Boss.“

Erik ging weiter nach unten, zur dritten Ebene. Hier waren die Büros, der Konferenzraum, die Kommandozentrale mit ihren Dutzenden Monitoren, die verschiedene Teile Münchens überwachten.

Und in der Ecke, fast versteckt – Helenas altes Büro. Jetzt seins.

Erik blieb vor der Tür stehen, wie jeden Morgen. Zögerte, wie jeden Morgen.

*Sie ist tot*, sagten die Stimmen. *Du kannst sie nicht zurückbringen. Geh hinein. Tu deine Arbeit.*

Er öffnete die Tür.

Das Büro war aufgeräumt – Erik hatte die meisten von Helenas persönlichen Sachen entfernt, in Kartons verpackt, im Archiv gelagert. Aber ein paar Dinge hatte er behalten. Ein Foto von Helena und ihrem Team, aufgenommen vor zehn Jahren. Alle lächelnd, jung, hoffnungsvoll.

Die meisten von ihnen waren jetzt tot.

Und auf dem Schreibtisch, in einem einfachen Rahmen – der Brief, den Helena ihm hinterlassen hatte. Erik las ihn nicht mehr jeden Tag, aber er war da. Eine Erinnerung.

*Bereitschaft kommt nicht durch Warten. Sie kommt durch Handeln.*

Erik setzte sich, schaltete den Computer ein. Während er hochfuhr, trank er den Kaffee, den ARIA auf seinen Schreibtisch gebeamt hatte. Nicht wirklich gebeamt – ein Vakuumröhrensystem, das Yuki installiert hatte. Aber manchmal fühlte es sich wie Magie an.

Der Bildschirm flackerte auf. Dutzende offene Fenster – Berichte, Überwachungsvideos, E-Mails von Kontakten in der ganzen Stadt.

Erik begann zu arbeiten.

Zwei Stunden vergingen in einem Strudel aus Daten. Sichtungsberichte von letzter Nacht. Drei Vampire im Westend – Marcus hatte Recht gehabt. Alle jung, unerfahren. Eines der neuen Wesen, das die geschwächte Barriere erschaffen hatte.

Ein Einbruch in ein Blutdepot im Klinikum. Nichts gestohlen, aber Spuren von etwas… anderem. Yuki musste das analysieren.

Und dann, begraben zwischen Spam und Routinemeldungen – eine E-Mail, die Erik innehalten ließ.

Der Absender: A.Berger.

Anna.

Erik öffnete sie.

*Erik,*

*Ich hoffe, diese Nachricht erreicht dich. Ich weiß, wir sollten nicht direkt kommunizieren (du hast das oft genug gesagt), aber ich muss dich etwas fragen.*

*Lukas ist jetzt fast zwei. Er ist gesund, glücklich, völlig normal. Die Ärzte sagen, es gibt keine Anzeichen von… von dem, was passiert ist. Das Ritual hat funktioniert.*

*Aber manchmal, nachts, wacht er schreiend auf. Und wenn ich ihn beruhige, sagt er Dinge. Worte in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Alte Worte.*

*Ist das normal? Kann das… kann noch etwas von der Dunkelheit in ihm sein?*

*Bitte, sag mir die Wahrheit. Ich kann das nicht allein durchstehen.*

*Anna*

Erik lehnte sich zurück, rieb sich die Augen. Verdammt.

Lukas sollte geheilt sein. Das Ritual, das sie durchgeführt hatten, bevor die große Schlacht – es sollte alle Spuren der Vampir-Essenz entfernt haben. Thomas hatte es selbst überprüft, dreimal.

Aber Thomas war tot. Und niemand anderes in der Nachtwache hatte sein Wissen über Rituale.

Erik griff nach seinem Handy, tippte eine Antwort.

*Anna,*

*Bring Lukas morgen zur Zentrale. Nachmittags, 14 Uhr. Ich lasse ihn untersuchen.*

*Erik*

Kurz, sachlich. Aber was sollte er sonst sagen? „Keine Sorge, dein Kind ist wahrscheinlich nicht von dämonischer Energie besessen“?

Er schickte die Nachricht, machte sich eine Notiz. Morgen, 14 Uhr, Lukas untersuchen. Vielleicht konnte Yuki helfen. Oder einer der neuen Rekruten – Kenji hatte Erfahrung mit spiritueller Reinigung.

Ein Klopfen an der Tür.

„Herein.“

Yuki trat ein, einen Stapel Bücher unter dem Arm, die Brille schief auf der Nase. Sie sah erschöpft aus, aber ihre Augen leuchteten mit der Intensität, die Erik kannte – sie hatte etwas gefunden.

„Ich muss mit dir reden“, sagte sie ohne Präambel.

„Über Lucians Karte?“

„Über alles.“ Yuki ließ die Bücher auf seinen Schreibtisch fallen. „Ich habe die ganze Nacht geforscht. Die Legende der drei Schlüssel, die Urväter, alles.“

„Und?“

„Und es ist wahr. Alles davon.“ Yuki setzte sich, zog eines der Bücher zu sich. „Sieh dir das an.“

Es war ein altes Manuskript, handgeschrieben, in einer Sprache, die Erik für Latein hielt, aber nicht ganz.

„Das ist ein Text aus dem 12. Jahrhundert“, erklärte Yuki. „Geschrieben von einem Mönch namens Gregor, der behauptete, die Urväter gesehen zu haben. Hier–“ Sie deutete auf eine Passage. „Er beschreibt drei Artefakte, geschmiedet von den ersten Alchemisten. Schlüssel, die die Tore zwischen den Welten öffnen können.“

„Wie der Seelenschlüssel.“

„Genau. Aber mächtiger, wenn sie zusammen sind. Separat öffnen sie Türen, schaffen Barrieren, manipulieren Energie. Aber zusammen…“ Yuki sah auf. „Zusammen können sie die Urväter erwecken. Die ersten Vampire, die vor der Sintflut existierten.“

„Vor der Sintflut? Das ist–“

„Mythologie, ich weiß. Aber was, wenn es nicht ist? Was, wenn es eine Zeit gab, lange vor der aufgezeichneten Geschichte, als Vampire die Welt beherrschten? Und was, wenn sie nicht ausstarben, sondern nur… schliefen?“

Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Wo schlafen sie?“

„Das weiß niemand. Die Texte sprechen von einem Ort ‚jenseits der Schleier‘, ‚unter dem tiefsten Meer‘, ‚im Herzen der Erde‘. Metaphern vielleicht. Oder buchstäblich.“ Yuki lehnte sich zurück. „Aber wenn Katalin die drei Schlüssel benutzt, findet sie den Weg. Und dann…“

„Dann erweckt sie Götter.“

„Nicht Götter. Aber nahe genug.“ Yukis Gesicht war ernst. „Erik, wenn das passiert, können wir nichts tun. Niemand kann. Die Urväter sind jenseits von allem, was wir bekämpfen können.“

„Dann stellen wir sicher, dass es nicht passiert.“ Erik stand auf. „Lucians Karte zeigt Wien und Falkenstein. Wenn die Schlüssel dort sind, müssen wir sie zuerst finden.“

„Ich komme mit.“

„Nein. Du bleibst hier, hältst die Zentrale. Marcus kann nicht führen, nicht mit seinen Verletzungen. Ich brauche dich hier.“

„Aber–“

„Das ist ein Befehl, Yuki.“ Eriks Stimme wurde fester. „Wenn etwas passiert, wenn Katalin angreift, während ich weg bin, bist du die Einzige, die alles zusammenhalten kann.“

Yuki wollte protestieren, sah aber etwas in Eriks Gesicht, das sie innehalten ließ. Sie nickte langsam.

„In Ordnung. Aber nimm jemanden mit. Sarah ist fast geheilt, sie kann–“

„Ich nehme Kenji. Er ist am besten trainiert von den Neuen.“ Erik ging zur Tür. „Und vielleicht… vielleicht James.“

„James? Erik, er ist nicht bereit. Mental nicht.“

„Dann wird es Zeit, dass er bereit wird. Ich kann ihn nicht für immer schützen.“ Erik öffnete die Tür. „Lagebesprechung in zwanzig Minuten. Sag den anderen Bescheid.“

Er ging, bevor Yuki weiter diskutieren konnte.

Der Konferenzraum war voll, als Erik eintrat.

Marcus saß am Tisch, frisch geduscht, aber immer noch erschöpft aussehend. Yuki hatte ihren Laptop aufgeklappt, Kabel verbanden ihn mit dem Hauptmonitor.

Und die Neuen: Kenji, der japanische Mönch, saß im Lotussitz auf seinem Stuhl, die Augen geschlossen, meditierend. Sarah, die ehemalige Polizistin, lehnte an der Wand, einen Kaffeebecher in der Hand. Ihr linker Arm war noch bandagiert, aber sie wirkte kampfbereit.

Und in der Ecke, fast versteckt – James. Er sah dünner aus als vor sechs Monaten, das Gesicht eingefallen, die Augen unstet. Er begegnete Eriks Blick nicht.

Die drei anderen Rekruten waren im Feld, Nachtpatrouille.

„Danke, dass ihr gekommen seid“, begann Erik und setzte sich an das Kopfende. Helenas Platz. Sein Platz jetzt.

„Was gibt’s, Boss?“ Sarah nahm einen Schluck Kaffee. „ARIA sagte, es wäre dringend.“

„Es ist dringend.“ Erik nickte Yuki zu. Sie tippte auf ihrem Laptop, und der Monitor flackerte auf.

Die Karte, die Lucian ihnen gegeben hatte, erschien. Die beiden markierten Orte leuchteten rot.

„Letzte Nacht hatten wir Besuch“, sagte Erik. „Ein Vampir namens Lucian. Ehemaliges Ratsmitglied, behauptet, übergelaufen zu sein.“

„Glaubst du ihm?“ fragte Marcus.

„Ich weiß es nicht. Aber was er sagte…“ Erik stand auf, ging zur Karte. „Er warnte uns vor Katalins Plan. Sie will das Ritual zur nächsten Sommersonnenwende wiederholen. Aber diesmal mit drei Artefakten – drei Seelenschlüsseln.“

Stille im Raum.

„Drei?“ Sarah stellte ihren Becher ab. „Ich dachte, es gäbe nur einen.“

„Dachten wir auch.“ Yuki übernahm. „Aber ich habe die ganze Nacht recherchiert. Die Legende ist real. Es gibt drei Schlüssel, geschmiedet vor Jahrhunderten. Separat sind sie mächtig. Zusammen sind sie… gottgleich.“

„Und Katalin will alle drei.“ Kenji öffnete die Augen. „Um was zu tun?“

„Die Urväter zu erwecken.“ Eriks Stimme war ruhig, aber fest. „Die ersten Vampire. Wenn sie erwachen, fällt nicht nur München. Sondern die Welt.“

„Scheiße“, flüsterte Sarah.

„Wo sind die anderen Schlüssel?“ fragte Marcus.

„Laut Lucians Karte: einer in Wien, einer in Schloss Falkenstein.“ Erik deutete auf die Markierungen. „Ich werde beide Orte besuchen. Die Schlüssel finden, bevor Katalin es tut.“

„Wann?“

„Morgen. Ich fliege nach Wien, durchsuche das Museum, wo der Schlüssel sein soll. Dann weiter nach Falkenstein.“

„Ich komme mit.“ Marcus stand auf.

„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Du bleibst hier, überwachst die Rekruten. Yuki bleibt, koordiniert alles. Sarah–“ Er sah sie an. „Du bist noch nicht einsatzbereit. Tut mir leid.“

„Verdammt, Erik–“

„Das ist keine Diskussion.“ Erik wandte sich zu Kenji. „Du kommst mit mir. Und James.“

Alle starrten ihn an. James sah auf, Überraschung und Angst in seinen Augen.

„Ich… ich kann nicht“, stammelte James. „Ich bin nicht… ich bin nicht bereit.“

„Dann wirst du es unterwegs.“ Erik ging zu ihm, kniete sich hin, sah ihm in die Augen. „James, ich weiß, was du durchgemacht hast. Was deine Tochter durchgemacht hat. Aber du kannst nicht für immer im Schatten bleiben. Katalin hat dich gebrochen. Zeit, dass du zurückschlägst.“

„Und wenn ich versage? Wenn ich euch im Stich lasse?“

„Dann lässt du uns im Stich. Aber ich glaube nicht, dass du das tust.“ Erik stand auf. „Wir fliegen morgen früh. Packt leicht. Waffen, das Nötigste. Wir sind in drei Tagen zurück.“

„Und wenn es eine Falle ist?“ Yuki‘ Stimme war leise. „Wenn Lucian lügt?“

„Dann gehen wir hinein mit offenen Augen.“ Erik berührte den Seelenschlüssel um seinen Hals. „Aber wir haben keine Wahl. Wenn die Schlüssel echt sind, wenn Katalin sie sucht – wir müssen zuerst dort sein.“

„Und wenn sie schon dort ist?“ fragte Marcus.

„Dann kämpfen wir.“ Eriks Stimme wurde härter. „Wie wir immer kämpfen.“

Er sah jeden von ihnen an, einer nach dem anderen. Sah die Zweifel, die Ängste, aber auch die Entschlossenheit.

„Wir haben die letzte Schlacht gewonnen“, sagte er. „Aber wir haben auch viel verloren. Thomas. Helena. Zu viele andere. Ich werde nicht zulassen, dass ihr Opfer umsonst war. Wir werden Katalin stoppen. Was auch immer es kostet.“

„Was auch immer es kostet“, wiederholte Marcus. Einer nach dem anderen schlossen sich die anderen an.

Sogar James, seine Stimme kaum hörbar.

„Was auch immer es kostet.“

Nach der Besprechung blieb Erik noch im Konferenzraum. Die anderen waren gegangen, Vorbereitungen zu treffen, zu packen, zu planen.

Nur Yuki blieb, räumte ihren Laptop zusammen.

„Erik“, sagte sie leise. „Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Glaubst du wirklich, dass James bereit ist? Oder versuchst du nur, ihn zu retten?“

Erik schwieg einen Moment. „Beides“, gab er schließlich zu. „Aber hauptsächlich das Letztere.“

„Das ist gefährlich. Für ihn. Für euch alle.“

„Ich weiß. Aber…“ Erik sah zum Fenster, wo draußen München erwachte. „Helena hätte nicht aufgegeben. Nicht bei ihm. Nicht bei irgendjemanden. Sie glaubte, dass jeder gerettet werden kann.“

„Und du?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich muss es versuchen.“ Erik wandte sich zu ihr. „Pass auf sie auf, während ich weg bin. Auf alle.“

„Das werde ich.“ Yuki ging zur Tür, hielt dann inne. „Und Erik? Komm zurück. Lebendig. Wir brauchen dich.“

„Ich tue mein Bestes.“

„Dein Bestes ist nie genug.“ Yuki lächelte schwach. „Also tu mehr.“

Dann war sie weg.

Erik blieb allein im Konferenzraum zurück. Er ging zum Fenster, sah auf die Stadt hinaus.

Irgendwo da draußen, tief unter den Straßen, plante Katalin. Wartete. Lauerte.

Und in zwei Tagen würde Erik in ihre Falle gehen.

Wenn es eine war.

Wenn nicht… dann vielleicht, nur vielleicht, hatten sie eine Chance.

*Du weißt, dass es eine Falle ist*, flüsterten die Stimmen. *Lucian arbeitet für sie. Die Schlüssel sind nicht dort. Du verschwendest Zeit.*

„Vielleicht“, sagte Erik laut. „Aber ich muss sicher sein.“

*Sicherheit ist eine Illusion. Es gibt nur Handeln und Warten. Und Warten tötet.*

„Dann handeln wir.“ Erik berührte den Schlüssel, fühlte seine Wärme. „Und wir werden sehen, wer Recht hat.“

Er verließ den Raum, ging zurück zu seinem Büro.

Es gab noch viel zu tun vor morgen. Flüge buchen. Waffen vorbereiten. Kontakte in Wien und im Schwarzwald warnen.

Und morgen Nachmittag – Lukas untersuchen. Das Kind, das sie gerettet hatten. Das Kind, das vielleicht doch nicht ganz geheilt war.

Erik setzte sich an seinen Schreibtisch, begann zu tippen.

Die Arbeit ging weiter.

Sie ging immer weiter.

Bis zum Ende.

Was auch immer das Ende sein mochte.

Weit unter der Stadt, in ihrem neuen Thronsaal, spürte Katalin die Bewegung.

„Er beißt an“, sagte sie zu Dimitri. „Genau wie vorhergesagt.“

„Sollen wir die Fallen aktivieren?“

„Noch nicht. Lass ihn nach Wien kommen. Lass ihn denken, er hätte eine Chance.“ Katalin lächelte. „Je mehr Hoffnung er hat, desto süßer wird die Verzweiflung sein, wenn er die Wahrheit erfährt.“

„Und wenn er die Schlüssel findet?“

„Das wird er nicht. Aber selbst wenn…“ Katalin berührte die beiden echten Schlüssel auf ihrem Altar. „Wir haben, was wir brauchen. Sein Schlüssel kommt später. Zur Sommersonnenwende.“

„Sechs Monate.“

„Sechs Monate.“ Katalins Augen glühten im Dunkeln. „Und dann wird alles anders.“

Sie schloss die Augen, sank in ihre Meditation.

Draußen ging die Sonne auf über München.

Ahnungslos wie immer.

Aber nicht mehr lange.

KAPITEL 2: Reisevorbereitungen

Der Tag verging in fieberhaften Vorbereitungen.

Erik verbrachte Stunden damit, die Reise zu organisieren. Flüge nach Wien – drei Tickets, morgen früh um sechs. Ein Mietwagen für die Fahrt nach Falkenstein. Kontakte in beiden Städten, diskrete Anfragen, ob jemand ungewöhnliche Vampir-Aktivitäten bemerkt hatte.

Die Antworten waren … beunruhigend.

In Wien hatte es in den letzten zwei Wochen fünf ungeklärte Todesfälle gegeben. Alle in der Nähe des Kunsthistorischen Museums, wo laut Lucians Karte der zweite Schlüssel sein sollte. Die österreichische Nachtwache – eine kleine Zelle, nur drei Mitglieder – berichtete von erhöhter Vampir-Präsenz in der Innenstadt.

Und Falkenstein …

Erik starrte auf die E-Mail von Herr Bachmann, dem alten Mann aus dem Dorf in der Nähe des Schlosses. Er hatte Eriks Kontaktdaten aus den Akten der Nachtwache bekommen.

Herr Schönwaldt,

Das Schloss ist nicht mehr verlassen. Seit drei Monaten leben dort … Dinge. Wir hören sie nachts. Sehen Lichter in den Fenstern. Manche aus dem Dorf sind verschwunden – drei bisher. Die Polizei findet keine Spuren.

Ich rate Ihnen, nicht zu kommen. Was auch immer dort ist, es ist schlimmer als zuvor.

Gott schütze Sie.

H. Bachmann

Erik lehnte sich zurück. Schlimmer als zuvor. Schlimmer als der Vampir, der seine Urgroßeltern gefangen gehalten hatte. Schlimmer als Clara.

Du solltest nicht gehen, flüsterten die Stimmen. Das ist Selbstmord.

„Vielleicht“, murmelte Erik. „Aber die Alternative ist schlimmer.“

Er schrieb eine kurze Antwort an Bachmann, bedankte sich für die Warnung, versicherte ihm, dass er vorsichtig sein würde. Was sollte er sonst sagen?

Um zwölf Uhr verließ Erik die Zentrale kurz, um Waffen zu besorgen. Nicht aus dem offiziellen Arsenal der Nachtwache – die besten Waffen bekam man woanders.

Er fuhr in den Süden Münchens, zu einem Industriegebiet, das nachts von Obdachlosen und Drogenabhängigen bewohnt wurde. Tagsüber war es leer, verlassen. Perfekt für diskrete Geschäfte.

Die Werkstatt lag hinter einer verfallenen Fabrik, getarnt als KFZ-Reparatur. Aber die Autos, die hier repariert wurden, waren nicht das Hauptgeschäft.

Erik parkte, ging zur Hintertür, klopfte dreimal.

„Wer ist da?“ Eine raue Stimme, verzerrt durch einen Lautsprecher.

„Erik Schönwaldt. Helena hat mich geschickt.“

Eine Pause. Dann: „Helena ist tot.“

„Ich weiß. Ich bin ihr Nachfolger.“

Die Tür öffnete sich. Dahinter stand ein Mann, der aussah wie ein Biker – groß, breit, mit Tattoos auf beiden Armen und einem dichten Bart. Aber seine Augen waren scharf, wachsam.

„Gunther“, begrüßte Erik ihn.

„Schönwaldt.“ Gunther trat beiseite. „Komm rein. Schnell.“

Erik trat ein. Die Werkstatt war größer, als sie von außen aussah. Werkbänke säumten die Wände, bedeckt mit Werkzeugen, Metallteilen, und … Waffen. Viele Waffen.

Pistolen, Gewehre, Armbrüste, Messer. Manche sahen normal aus. Andere waren eindeutig modifiziert – mit Silberkugeln, gesegneten Spitzen, UV-Lampen.

„Was brauchst du?“ fragte Gunther und ging zu einer der Werkbänke.

„Ich reise nach Wien und in den Schwarzwald. Könnte auf ältere Vampire treffen.“ Erik sah sich um. „Etwas Tragbares, aber Effektives.“

„Älter? Wie alt?“

„Jahrhunderte. Vielleicht mehr.“

Gunther pfiff leise. „In die große Liga, huh?“ Er öffnete einen Schrank, holte etwas heraus. „Dann brauchst du das hier.“

Er legte drei Gegenstände auf die Werkbank.

Erstens: Eine Pistole. Kleiner als eine normale, fast wie eine Spielzeugpistole. Aber das Metall glänzte silbern, und an der Seite waren Runen eingraviert.

„Glock 19, modifiziert. Silberkugeln, gesegnet von einem Priester in Rom. Fünfzehn Schuss. Stoppt alles bis zu fünfhundert Jahren.“ Gunther tätschelte die Waffe liebevoll. „Und du brauchst mehr Feuerkraft.“

Zweitens: Ein Messer. Lang, schmal, die Klinge aus einem Material, das Erik nicht identifizieren konnte. Nicht Stahl. Etwas Dunkleres.

„Obsidian-Klinge, geschmiedet mit Asche von Vampiren. Schneidet durch fast alles. Und wenn es das Herz trifft …“ Gunther machte eine auseinanderbrechende Geste. „Sofortiger Tod. Kein Wiederkommen.“

Drittens: Ein kleines Gerät, nicht größer als ein Feuerzeug. Mit einem Knopf an der Seite.

„UV-Granate. Neueste Modell. Drück den Knopf, wirf es, such Deckung. Drei Sekunden später – Boom. UV-Licht, stark genug, um einen Vampir in Asche zu verwandeln. Radius: zehn Meter.“

„Wie viele hast du?“

„Von den Granaten? Vier.“ Gunther holte sie aus einer Schublade. „Mehr kann ich nicht entbehren. Die Dinger sind teuer in der Herstellung.“

„Ich nehme sie alle.“ Erik griff in seine Jacke, holte einen Umschlag heraus. Bargeld. Die Nachtwache bezahlte gut, und Erik hatte gelernt, immer Reserven zu haben.

Gunther zählte das Geld, nickte zufrieden. „Es ist mir ein Vergnügen, Geschäfte zu machen.“ Er packte die Waffen in eine unauffällige Sporttasche. „Und Schönwaldt?“

„Ja?“

„Sei vorsichtig da draußen. Helena war eine gute Kundin. Wäre schade, wenn ihr Nachfolger nach sechs Monaten stirbt.“

„Ich tue mein Bestes.“ Erik nahm die Tasche. „Wenn ich zurückkomme, brauche ich vielleicht schwereres Gerät. Für die Sommersonnenwende.“

Gunthers Gesicht wurde ernst. „Ich habe Gerüchte gehört. Über Katalin. Über ein großes Ritual.“

„Die Gerüchte sind wahr.“

„Dann fang schon mal an zu sparen. Für das, was du brauchst, um gegen sie zu kämpfen …“ Er schüttelte den Kopf. „Das wird nicht billig.“

„Geld ist kein Problem. Leben zu retten, ist unbezahlbar.“

„Schön gesagt. Helena hätte das gemocht.“ Gunther führte ihn zur Tür. „Geh mit Gott, Schönwaldt. Oder an was auch immer du glaubst.“

Erik verließ die Werkstatt, die Tasche unter dem Arm. Der Himmel hatte sich verdunkelt – Wolken, dick und grau, hingen tief. Es würde bald wieder schneien.

Er fuhr zurück zur Zentrale, parkte in der versteckten Garage unter dem Gebäude. Als er ausstieg, wartete jemand auf ihn.

James.

Er stand im Schatten, die Hände in den Taschen, das Gesicht blass.

„Erik“, sagte er leise. „Können wir reden?“

„Natürlich.“ Erik schloss das Auto ab. „Was gibt’s?“

„Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann. Die Reise. Nach Wien, nach Falkenstein.“ James‘ Stimme zitterte. „Seit… seit dem, was mit meiner Tochter passiert ist, kann ich nicht mehr kämpfen. Jedes Mal, wenn ich einen Vampir sehe, erinnere ich mich…“

„An sie. In Katalins Fängen.“ Erik nickte. „Ich verstehe.“

„Tust du das?“ James sah auf. Seine Augen waren rot, als hätte er geweint. „Weißt du, wie es ist, dein Kind leiden zu sehen? Zu wissen, dass du es nicht beschützen konntest?“

Erik dachte an Lukas. An die anderen Babys. An all die Menschen, die er nicht gerettet hatte.

„Nicht genau“, gab er zu. „Aber ich weiß, wie es ist, zu versagen. Menschen sterben zu sehen, die du hättest retten sollen.“

„Und wie lebst du damit?“

„Indem ich weiterkämpfe. Indem ich versuche, beim nächsten Mal besser zu sein.“ Erik legte James die Hand auf die Schulter. „James, ich bringe dich nicht mit, um dich zu quälen. Ich bringe dich mit, weil ich glaube, dass du heilen musst. Und manchmal heilt man nur, indem man sich dem stellt, was einen gebrochen hat.“

„Und wenn es mich noch mehr bricht?“

„Dann wirst du nicht allein sein. Ich bin da. Kenji ist da. Wir lassen dich nicht fallen.“

James schwieg lange. Dann, langsam, nickte er. „In Ordnung. Ich komme mit. Aber ich kann nichts versprechen.“

„Musst du nicht. Komm einfach mit. Der Rest findet sich.“ Erik nahm die Tasche. „Hast du gepackt?“

„Noch nicht.“

„Dann tu das. Wir fliegen morgen um sechs. Sei um fünf hier.“

James nickte und ging. Erik sah ihm nach, fühlte eine Mischung aus Hoffnung und Angst. James war ein guter Mann, ein guter Jäger. Aber er war gebrochen. Und gebrochene Menschen waren unvorhersehbar.

Du riskierst zu viel, flüsterten die Stimmen. Er wird dich im Stich lassen. Oder Schlimmeres.

„Vielleicht“, murmelte Erik. „Aber Helena hätte es versucht. Also versuche ich es auch.“

Er ging nach oben, zurück zu seinem Büro. Aber als er die Treppe erreichte, hörte er etwas. Stimmen. Aufgeregte Stimmen, aus dem Konferenzraum.

Erik beschleunigte seine Schritte.

Im Konferenzraum fand er das ganze Team versammelt. Marcus, Yuki, Kenji, Sarah. Und auf dem Hauptmonitor – ein Nachrichtensender.

„Was ist los?“ fragte Erik.

„Das.“ Marcus deutete auf den Bildschirm.

Der Nachrichtensprecher sah ernst aus. Hinter ihm eine Breaking-News-Grafik.

„…ein weiterer mysteriöser Vorfall in der Münchner Innenstadt. Augenzeugen berichten von seltsamen Phänomenen rund um die Frauenkirche zur Mitternacht. Lichter am Himmel, unerklärliche Geräusche, und mehrere Personen, die das Bewusstsein verloren haben.“

Die Kamera schwenkte zu Aufnahmen vom Marienplatz. Polizeiautos, Krankenwagen. Und Menschen, die auf Tragen weggetragen wurden, blass, ihre Augen geschlossen.

„Wie viele?“ fragte Erik.

„Sieben“, antwortete Yuki. „Alle gefunden in einem Kreis um die Frauenkirche. Alle mit den gleichen Symptomen: extreme Erschöpfung, Gedächtnisverlust, und …“ Sie zögerte. „Bissspuren am Hals.“

„Verdammt.“ Erik ging näher an den Monitor. „Das war ein Ritual.“

„Zur Wintersonnenwende“, sagte Kenji. „Ein Markierungsritual. Um die Ley-Linien zu aktivieren.“

„Genau.“ Yuki tippte auf ihrem Laptop. Eine Karte von München erschien auf einem zweiten Monitor. Sieben Punkte leuchteten rot auf, alle um die Frauenkirche herum. „Die Opfer wurden an genau diesen Punkten gefunden. Die gleichen Punkte, die Katalin für das Sommersonnenwenden-Ritual braucht.“

„Sie bereitet vor“, sagte Marcus. „Markiert die Stadt. Macht sie bereit für das große Ritual.“

„Aber das ist in sechs Monaten.“ Sarah runzelte die Stirn. „Warum so früh?“

„Weil solche Rituale Zeit brauchen.“ Thomas‘ Stimme – nein, nicht Thomas. Er war tot. Aber Erik erinnerte sich an seine Worte, aus Monaten des Trainings. „Man kann nicht einfach zur Sommersonnenwende erscheinen und ein Ritual durchführen. Man muss die Orte vorbereiten. Die Energie aufbauen. Die Barrieren schwächen.“

„Und sie tut das jetzt“, sagte Erik. „Während wir nach Wien jagen.“

„Du denkst, es ist eine Ablenkung?“ fragte Yuki.

„Ich weiß es nicht. Vielleicht beides. Die Schlüssel sind wichtig, aber die Vorbereitung auch.“ Erik ging zur Karte, studierte die Punkte. „Yuki, kannst du diese Orte überwachen? 24/7?“

„Ich kann Kameras installieren. ARIA kann sie überwachen.“ Yuki machte sich Notizen. „Aber wenn Katalin wieder zuschlägt, wenn sie mehr Opfer braucht …“

„Dann greift ein anderes Team ein.“ Erik wandte sich zu Sarah. „Du führst. Marcus unterstützt, aber du triffst die Entscheidungen im Feld.“

„Ich?“ Sarah sah überrascht aus. „Aber ich bin erst seit sechs Monaten dabei.“

„Und du bist eine der Besten. Ex-Polizistin, Kampftraining, schnelles Denken.“ Erik lächelte. „Helena hätte dich gewählt. Ich wähle dich.“

Sarah nickte langsam, eine Mischung aus Stolz und Angst in ihrem Gesicht. „In Ordnung. Ich werde dich nicht enttäuschen.“

„Das weiß ich.“ Erik sah auf die Uhr. 13:37. „Verdammt. Ich habe einen Termin. Anna bringt Lukas.“

„Heute?“ Yuki sah auf. „Erik, mit allem, was passiert–“

„Ist ein zweijähriges Kind immer noch wichtig.“ Erik ging zur Tür. „Marcus, Sarah, bereitet ein Schutzteam vor. Drei Leute, Nachtschicht, überwachen die markierten Orte. Kenji, pack für morgen. Yuki, installiere die Kameras.“

„Und du?“ fragte Marcus.

„Ich kümmere mich um ein Kind, das vielleicht von Dunkelheit besessen ist.“ Erik öffnete die Tür. „Der übliche Mittwoch.“


Anna Berger kam pünktlich um vierzehn Uhr.

Erik empfing sie an der Vordertür der Buchhandlung, die für Besucher normalerweise geschlossen war. Anna sah müde aus, dunkle Ringe unter den Augen, ihr blondes Haar zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden.

In ihren Armen: Lukas. Ein kleiner Junge mit braunen Locken und großen, neugierigen Augen. Er sah gesund aus, normal. Ein ganz normaler Zweijährige.

Aber Erik konnte etwas spüren. Eine Kälte, die von dem Kind ausging. Nicht stark, kaum wahrnehmbar. Aber da.

„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Erik und führte sie nach innen.

„Ich hatte keine Wahl“, antwortete Anna. Ihre Stimme war angespannt. „Letzte Nacht hat er wieder … Dinge gesagt. Im Schlaf. Worte, die ich nicht verstehe.“

„Kannst du dich an welche erinnern?“

Anna zögerte. Dann: „Kath’arn. Immer wieder. Kath’arn.“

Katalin. Das Kind sprach Katalins Namen.

Erik fühlte einen kalten Schauer. „Komm mit. Wir haben einen speziellen Raum für … Untersuchungen.“

Er führte sie durch die Buchhandlung, nach unten, durch die Sicherheitsschleusen. Annas Augen wurden größer, als sie die moderne Technik sah, die versteckten Räume.

„Was ist das hier?“ fragte sie.

„Die Zentrale der Nachtwache. Unser Hauptquartier.“ Erik führte sie zu einem kleineren Raum auf der dritten Ebene. „Hier drinnen.“

Der Raum war weiß, steril, mit einem Untersuchungstisch in der Mitte. An den Wänden: medizinische Geräte, aber auch andere Dinge. Kristalle, Weihrauch, alte Texte.

Kenji wartete bereits, in seinen Mönchsroben, eine Gebetskette in der Hand.

„Das ist Kenji“, stellte Erik vor. „Er ist… Spezialist für spirituelle Reinigung.“

„Frau Berger.“ Kenji verneigte sich leicht. „Bitte, setzen Sie sich. Ich werde Lukas untersuchen.“

Anna setzte sich, hielt Lukas fest. Der Junge sah sich neugierig um, griff nach allem, was glänzte.

Kenji trat näher, kniete sich vor den Jungen. „Hallo, Lukas. Ich bin Kenji. Darf ich dich ansehen?“

Lukas musterte ihn mit großen Augen. Dann nickte er.

Kenji begann seine Untersuchung. Zuerst normal – Puls, Atmung, Reflexe. Alles schien in Ordnung.

Dann holte er eine kleine Schale hervor, füllte sie mit Wasser, murmelte etwas darüber. Weihwasser, realisierte Erik.

Kenji tauchte seine Finger hinein, berührte Lukas‘ Stirn.

Der Junge zuckte zurück, begann zu weinen.

„Mama!“ Er klammerte sich an Anna.

„Was hast du getan?“ Anna stand auf, schützend.

„Nichts Schmerzhaftes, verspreche ich.“ Kenji sah zu Erik. „Aber es ist, wie ich befürchtete. Da ist noch etwas in ihm. Ein Fragment. Sehr klein, aber präsent.“

„Ein Fragment wovon?“

„Der Vampir-Essenz. Von dem, der ihn ursprünglich biss.“ Kenji wischte das Wasser ab. „Das Ritual hat das meiste entfernt, aber nicht alles. Ein kleines Stück hat überlebt, versteckt tief in seiner Seele.“

„Was bedeutet das?“ Annas Stimme zitterte. „Wird er … wird er sich verwandeln?“

„Nein. Nicht von selbst. Das Fragment ist zu klein.“ Kenji stand auf. „Aber es ist eine Verbindung. Eine Tür. Und wenn jemand diese Tür öffnet, von der anderen Seite …“

„Dann können sie Lukas erreichen“, beendete Erik den Satz. „Ihn beeinflussen. Durch ihn sprechen.“

„Genau.“

Annas Gesicht war aschfahl geworden. „Wer würde das tun? Wer will meinen Sohn?“

Erik und Kenji tauschten einen Blick.

„Valentina“, sagte Erik leise. „Die Vampirin, die ihn gebissen hat. Sie ist noch da draußen. Mit Katalin.“

„Und sie nutzt die Verbindung“, fügte Kenji hinzu. „Um durch Lukas zu sprechen. Um zu sehen, was er sieht. Vielleicht sogar, um Informationen zu sammeln.“

„Das ist …“ Anna setzte sich wieder, hielt Lukas fest. „Das ist ein Albtraum.“

„Können wir es entfernen?“ fragte Erik. „Das Fragment?“

„Ja. Aber es erfordert ein Ritual. Stärker als das letzte. Und …“ Kenji zögerte. „Es könnte schmerzhaft sein. Für Lukas.“

„Ich will nicht, dass er leidet.“ Anna‘ Augen füllten sich mit Tränen. „Er hat schon genug durchgemacht.“

„Ich weiß. Aber wenn wir das Fragment nicht entfernen, wird Valentina weiter durch ihn sprechen. Weiter ihn benutzen.“ Erik kniete sich vor Anna. „Und zur Sommersonnenwende, wenn Katalin ihr Ritual durchführt … das Fragment könnte aktiviert werden. Lukas könnte Teil des Rituals werden, ob er will oder nicht.“

Anna schluckte. „Wie lange haben wir?“

„Für das Ritual? Ich kann es in einer Woche durchführen“, sagte Kenji. „Ich muss mich vorbereiten, die richtigen Materialien sammeln.“

„Aber ich bin nicht hier.“ Erik stand auf. „Ich reise nach Wien und Falkenstein. Für drei, vielleicht vier Tage.“

„Dann mache ich es, wenn du zurück bist.“ Kenji sah Anna an. „Bis dahin – haltet Lukas von großen Menschenmengen fern. Von dunklen Orten. Und wenn er wieder diese Worte sagt, diese fremden Worte, schreibt sie auf. Sie könnten wichtig sein.“

Anna nickte, Tränen liefen ihr übers Gesicht. „Danke. Danke, dass ihr helft.“

„Das ist, was wir tun.“ Erik führte sie zur Tür. „Wir beschützen. Egal was.“

Er brachte Anna und Lukas zurück nach oben, zur Vordertür. Draußen hatte es begonnen zu schneien, große dicke Flocken, die die Stadt in Weiß hüllten.

Anna zögerte an der Schwelle. „Erik … seid vorsichtig. Was auch immer in Wien und Falkenstein ist … kommt zurück. Lukas braucht euch.“

„Ich werde zurückkommen.“ Erik lächelte, auch wenn er es nicht fühlte. „Versprochen.“

Anna nickte und ging, Lukas fest in ihren Armen. Erik sah ihnen nach, bis sie in den Schneefall verschwanden.

Du kannst nicht versprechen, was du nicht kontrollieren kannst, flüsterten die Stimmen. Du könntest in Wien sterben. In Falkenstein. In München. Der Tod wartet überall.

„Dann warte ich auch“, murmelte Erik und schloss die Tür.


Der Rest des Tages verging in einem Wirbel.

Sarah und Marcus organisierten die Schutzteams. Drei Gruppen, jeweils zwei Personen, die die markierten Orte überwachten. Sie hatten Waffen, UV-Lampen, direkte Kommunikation mit der Zentrale.

Yuki installierte Kameras – kleine, versteckte Geräte, die kaum zu sehen waren. Binnen Stunden hatte sie ein Netzwerk aufgebaut, das die gesamte Innenstadt überwachte.

Und Erik packte. Kleidung für drei Tage, Waffen, den Seelenschlüssel. Und etwas, das er fast vergessen hatte – ein altes Foto. Von ihm, Helena, Marcus, Thomas und den anderen. Aufgenommen vor sechs Monaten, kurz nach der Schlacht am Odeonsplatz.

Sie lächelten nicht. Aber sie lebten. Und das zählte.

Erik steckte das Foto in seine Tasche, ein Talisman gegen die Dunkelheit.

Um Mitternacht war alles bereit. Erik stand am Fenster seines Büros, sah auf die verschneite Stadt hinaus.

Irgendwo da draußen, an sieben Orten, warteten Katalins Markierungen. Pulsierend mit dunkler Energie, bereiteten den Weg für das große Ritual.

Und in sechs Stunden würde Erik nach Wien fliegen. In eine Falle oder zu einem echten Schlüssel. Er wusste es nicht.

Aber er würde es herausfinden.

Du wirst versagen, flüsterten die Stimmen. Wie alle vor dir.

„Vielleicht“, sagte Erik laut. „Aber nicht heute.“

Er verließ das Büro, ging nach unten, zu den Schlafräumen, die die Zentrale für lange Nächte hatte.

Er musste schlafen. Morgen würde ein langer Tag werden.

Aber als er sich hinlegte, kam der Schlaf nicht. Stattdessen starrte er an die Decke, hörte die Stimmen im Schlüssel, hörte das Flüstern der Stadt.

Und tief unter der Erde, in ihrem Thronsaal, lächelte Katalin.

„Schlaf gut, Erik Schönwaldt“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Denn morgen beginnt dein Ende.“

Dimitri, neben ihr, sah auf. „Die Fallen sind bereit?“

„Bereit und wartend.“ Katalin berührte die beiden Schlüssel auf ihrem Altar. „In Wien wird er nur Tod finden. In Falkenstein wird er Verzweiflung finden. Und wenn er zurückkommt – falls er zurückkommt – wird er gebrochen sein.“

„Und wenn nicht?“

„Dann wird er tot sein. Was auch funktioniert.“ Katalin stand auf, ging zu einer großen Karte an der Wand – München, mit den sieben markierten Orten leuchtend rot. „Bereite die nächste Phase vor. In vier Wochen, zum Neumond im Januar, führen wir das zweite Verstärkungsritual durch.“

„Wieder sieben Opfer?“

„Nein. Vierzehn. Doppelt so viele.“ Katalins Finger fuhr über die Karte, von Punkt zu Punkt, wie eine Spinne über ihr Netz. „Jedes Ritual lädt die Orte auf. Verstärkt die Verbindung zu den Ley-Linien. Zur Wintersonnenwende haben wir die Basis gelegt. Zum Neumond verdoppeln wir die Macht. Dann, jeden Monat, wieder. Januar, Februar, März, April, Mai.“

„Fünf Rituale bis zur Sommersonnenwende.“

„Sechs, wenn man die Wintersonnenwende mitzählt.“ Katalin wandte sich zu Dimitri, ihre Augen glühten im Kerzenlicht. „Sechs Monate. Sechs Rituale. Mit jedem wird die Barriere zwischen unserer Welt und der Anderen dünner. Bis sie am 21. Juni so dünn ist wie Seidenpapier. Dann werden die drei Schlüssel sie zerreißen wie… nun, wie Papier.“

„Und die Nachtwache?“ fragte Dimitri. „Sie werden versuchen, die nächsten Rituale zu verhindern.“

„Lass sie versuchen.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Sie können nicht alle sieben Orte gleichzeitig schützen. Nicht jeden Monat. Nicht über sechs Monate hinweg. Irgendwo, irgendwann werden wir durchbrechen. Und wenn sie einen Ort verlieren, nur einen…“ Sie lächelte kalt. „Dann bricht die ganze Struktur zusammen.“

„Und Erik?“

„Wird beim nächsten Ritual bereits in Wien sein. Oder tot. Oder auf dem Weg nach Falkenstein.“ Katalin lehnte sich zurück. „So oder so – er wird nicht hier sein, um München zu beschützen. Und das ist alles, was zählt.“

„Bis zur Sommersonnenwende.“

„Genau. Dann, wenn die Sonne am längsten scheint, werden wir sie für immer auslöschen.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Sechs Monate. Sechs Rituale. Und am Ende – die ewige Nacht.“

Dimitri verneigte sich und ging, um die Vorbereitungen zu treffen.

Katalin blieb allein zurück, umgeben von Dunkelheit und Kerzenlicht.

Draußen schneite es weiter. Die Stadt schlief, ahnungslos.

Die Wintersonnenwende war vorbei. Das erste Ritual vollbracht.

Aber es war nur der Anfang.

Fünf weitere Rituale warteten.

Fünf weitere Monate bis zur Sommersonnenwende.

Und dann – die ewige Nacht.

Kapitel 3: Schatten über Wien

Der Flug nach Wien dauerte nur eine Stunde, aber für Erik fühlte es sich an wie eine Ewigkeit.

Er saß am Fenster der kleinen Chartermaschine, die die Nachtwache für solche Reisen benutzte – unauffällig, schnell, keine Fragen. Neben ihm saß Kenji, in Meditation versunken, die Hände im Schoß gefaltet. Hinter ihnen döste James mit geschlossenen Augen, aber Erik konnte sehen, wie seine Finger nervös auf der Armlehne trommelten.

Durch das kleine Fenster sah Erik die Alpen unter sich vorbeiziehen, schneebedeckte Gipfel, die im Morgenlicht glitzerten. Schön. Friedlich. Eine Welt, die nichts wusste von Vampiren und uralten Ritualen und der Dunkelheit, die darunter lauerte.

„Du bist angespannt“, sagte Kenji leise, ohne die Augen zu öffnen.

Erik nickte. „Lucian sagte, es wären Hinweise in Wien. Aber …“

„Aber du glaubst ihm nicht ganz.“

„Sollte ich?“ Erik drehte sich zu dem Mönch. „Ein uralter Vampir taucht aus dem Nichts auf, erzählt uns von drei Schlüsseln, gibt uns exakte GPS-Koordinaten – und wir sollen einfach dorthin fliegen?“

Kenji öffnete ein Auge. „Du hast Recht, vorsichtig zu sein. Aber manchmal muss man Vertrauen riskieren, um Antworten zu finden.“

„Und manchmal läuft man direkt in eine Falle.“

„Auch wahr.“ Kenji lächelte schwach. „Deshalb sind wir zu dritt. Und deshalb hast du das hier mitgenommen.“ Er deutete auf Eriks Rucksack, in dem der Seelenschlüssel sicher verstaut war, eingewickelt in gesegnetes Tuch.

Erik spürte ihn, auch ohne ihn zu sehen. Ein leises Pulsieren, wie ein zweiter Herzschlag. Der Schlüssel war ruhiger geworden in den letzten Monaten, aber er war immer da. Wartend.

„Was ist, wenn Katalin bereits dort ist?“ fragte James plötzlich. Seine Augen waren jetzt offen, hell und nervös. „Was ist, wenn das alles ein Trick ist, um uns aus München zu locken?“

„Sarah und Marcus passen auf die Stadt auf“, sagte Erik. „Und Yuki überwacht die markierten Orte. Wenn etwas passiert, werden wir informiert.“

„Aber wir sind Stunden entfernt–“

„James.“ Erik drehte sich zu ihm. „Wir können nicht gleichzeitig überall sein. Katalin weiß das. Sie plant auf lange Sicht. Sechs Monate. Sechs Rituale. Das hier ist ein Schachspiel, und wir müssen schlauer spielen als sie.“

James schwieg, aber die Angst blieb in seinen Augen.

Die Maschine begann den Sinkflug. Wien tauchte unter ihnen auf – eine Stadt aus Gold und Grau, die Donau wie ein silbernes Band, das sich durch ihre Mitte schlängelte. Prächtige Gebäude, Kirchen mit goldenen Kuppeln, Parks und Plätze.

Und irgendwo dort unten, wenn Lucian die Wahrheit gesagt hatte, wartete der zweite Seelenschlüssel.


Der Flughafen Wien-Schwechat war geschäftig trotz der frühen Stunde. Erik, Kenji und James passierten die Kontrollen ohne Probleme – ihre gefälschten Ausweise, von Yukis Kontakten besorgt, hielten stand.

Ein Auto wartete auf sie. Nicht gemietet, sondern von der Wiener Nachtwache bereitgestellt.

„Es gibt eine Nachtwache in Wien?“ hatte James gefragt, als sie darüber gesprochen hatten.

„In jeder größeren Stadt gibt es eine“, hatte Yuki erklärt. „Aber sie sind autonom. Jede Zentrale hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Feinde. Manche arbeiten zusammen. Andere nicht.“

„Und die Wiener?“

„Neutral. Sie dulden uns, aber sie helfen nicht aktiv. Zu viele eigene Probleme.“

Das Auto war ein unauffälliger schwarzer Kombi. Die Schlüssel lagen unter der Fußmatte, wie vereinbart. Erik setzte sich ans Steuer, gab die Koordinaten ins GPS ein.

Das Ziel lag nicht im Stadtzentrum, wie er erwartet hatte, sondern am Stadtrand. Ein altes Industriegebiet, laut Karte. Aufgelassene Fabriken und Lagerhallen.

„Das gefällt mir nicht“, murmelte James vom Rücksitz.

„Mir auch nicht“, gab Erik zu. Er startete den Motor. „Aber wir sind schon mal hier.“


Die Fahrt dauerte vierzig Minuten. Sie fuhren durch die Innenstadt – vorbei an der Hofburg, dem Stephansdom, dem Prater – dann hinaus in die Außenbezirke. Die prächtigen Gebäude wichen Plattenbauten, dann Industrieruinen.

Das GPS führte sie schließlich zu einem eingezäunten Gelände. Ein Schild hing schief am Tor: „ZUTRITT VERBOTEN – EINSTURZGEFAHR“.

„Natürlich“, seufzte James.

Sie parkten etwas außerhalb, nahmen ihre Ausrüstung. Erik trug den Seelenschlüssel in seinem Rucksack, James hatte die UV-Granaten, Kenji seinen geweihten Stab und gesegnetes Salz.

Das Tor war nicht verschlossen – das Schloss war längst aufgebrochen. Sie schlüpften hindurch.

Dahinter lag eine Geisterlandschaft. Alte Fabrikgebäude, ihre Fenster zerbrochen, Mauern mit Graffiti übersät. Rostige Maschinen ragten aus Unkraut. Irgendwo in der Ferne schrie eine Krähe.

„Welches Gebäude?“ fragte Kenji.

Erik überprüfte die Koordinaten. „Das große dort drüben. Die ehemalige Gießerei.“

Sie näherten sich vorsichtig. Erik hatte die gesegnete Pistole gezogen, auch wenn es noch Tag war. Aber Tageszeit bedeutete bei alten Vampiren nicht immer Sicherheit – manche konnten Schatten manipulieren, Dunkelheit erschaffen, wo keine sein sollte.

Die Eingangstür zur Gießerei hing halb aus den Angeln. Dahinter gähnte Dunkelheit.

„Warten“, sagte Kenji leise. Er holte eine kleine Schale aus seiner Tasche, streute gesegnetes Salz in einem Kreis um den Eingang. „Schutz. Falls wir schnell zurückmüssen.“

„Du erwartest, dass wir rennen müssen?“, fragte James nervös.

„Ich erwarte nichts. Aber ich bereite vor.“

Sie traten ein.


Die Gießerei war riesig. Eine Halle, die sich über mehrere Stockwerke erstreckte, durchzogen von Metallstegen und Laufbänden. Licht fiel durch Löcher im Dach, warf lange Schattensäulen.

„Dort“, sagte Erik und deutete auf den hinteren Teil der Halle.

Auf einer erhöhten Plattform stand etwas. Ein Altar. Oder das, was davon übrig war.

Sie kletterten eine rostige Treppe hinauf. Mit jedem Schritt quietschte das Metall unter ihren Füßen – viel zu laut in der Stille.

Der Altar war aus schwarzem Stein, bedeckt mit Symbolen, die Erik nicht kannte. Aber in seiner Mitte lag etwas.

Ein Buch. Alt, in Leder gebunden, mit Metallbeschlägen.

„Das ist der Schlüssel?“ fragte James verwirrt. „Ich dachte–“

„Es ist ein Hinweis“, unterbrach Kenji. Er trat näher, berührte das Buch nicht. „Sieh dir die Symbole an.“

Erik beugte sich vor. Die Symbole auf dem Buchdeckel glühten schwach – das gleiche goldene Leuchten wie beim Seelenschlüssel.

„Es ist verbunden“, flüsterte er. „Mit meinem Schlüssel verbunden.“

„Dann öffne es“, sagte Kenji.

Erik zögerte. Dann holte er den Seelenschlüssel aus seinem Rucksack. Sofort wurde das Glühen heller. Das Buch vibrierte.

Er legte den Schlüssel auf das Buch.

Ein Klicken. Die Metallbeschläge sprangen auf. Die Seiten schlugen sich von selbst auf.

Alte Schrift bedeckte die Seiten. Latein. Aber als Erik hinsah, begannen die Worte sich zu verändern, zu verschieben, wurden zu Deutsch.

„Es übersetzt sich“, hauchte Kenji ehrfürchtig. „Der Schlüssel übersetzt es für dich.“

Erik las:

Der zweite Schlüssel liegt dort, wo die Toten tanzen. Unter dem Haus der Musik, tief in den vergessenen Gewölben. Dort, wo einst Könige ihre Geheimnisse begruben. Dort, wo die Katakomben enden, und die Ewigkeit beginnt.

Aber hüte dich: Die Große Mutter kennt diesen Ort. Sie hat ihre Wächter postiert. Drei Prüfungen warten. Blut. Schatten. Wahrheit.

Bestehe sie, und der Schlüssel ist dein. Versage, und deine Seele bleibt gebunden. Für immer.

„Haus der Musik“, murmelte Erik. „In Wien?“

„Das Musikverein“, sagte James sofort. „Oder die Staatsoper. Oder – es gibt dutzende Orte.“

„Nein“, sagte Kenji. Seine Augen waren geschlossen, konzentriert. „Es ist spezifischer. ‚Wo die Toten tanzen‘. Das ist eine Anspielung auf–“

Ein Geräusch. Von unten. Ein Scharren, wie von Krallen auf Metall.

Alle drei erstarrten.

„Wir sind nicht allein“, flüsterte James.

Erik griff nach dem Buch, wollte es einstecken–

„HALT!“

Die Stimme hallte durch die Halle. Tief. Weiblich. Vertraut.

Erik wirbelte herum.

Auf dem Boden der Halle, zwischen den Schatten der Maschinen, stand eine Gestalt. Sie trat ins Licht.

Valentina.

Die Vampirin, die Lukas gebissen hatte. Die in der Schlacht entkommen war.

Sie lächelte, ihre zu weißen Zähne blitzten. „Erik Schönwaldt. Wie schön, dich wiederzusehen.“

Erik hob die Pistole. „Keinen Schritt weiter.“

„Oh, ich muss nicht näherkommen.“ Valentinas Lächeln wurde breiter. „Meine Freunde werden das für mich erledigen.“

Aus den Schatten traten sie hervor. Vampire. Mindestens zehn. Umzingelten die Treppe.

„Das ist eine Falle“, zischte James.

„Offensichtlich“, erwiderte Erik. Sein Kopf raste. Sie waren in der Falle – auf einer Plattform, nur eine Treppe nach unten, und dort unten warteten die Vampire.

„Die Große Mutter sendet ihre Grüße“, rief Valentina. „Sie wusste, dass du kommen würdest. Lucians Information war   … sehr hilfreich.“

Eriks Blut gefror. „Lucian hat uns verraten?“

„Lucian ist ein Diener, wie wir alle. Er tat, was ihm befohlen wurde.“ Valentina machte eine lässige Handbewegung. „Aber keine Sorge. Die Große Mutter will dich nicht tot. Noch nicht. Sie will nur –“ Ihr Blick fiel auf den Seelenschlüssel in Eriks Hand. „Ah. Sie will DAS.“

„Das kriegt sie nicht“, presste Erik hervor.

„Wir werden sehen.“ Valentina nickte ihren Vampiren zu. „Nehmt ihn. Lebend, wenn möglich. Tot, wenn nötig. Aber den Schlüssel will ich unversehrt.“

Die Vampire bewegten sich. Schnell. Zu schnell.

„JETZT!“ schrie Kenji.

Er warf das gesegnete Salz in einem weiten Bogen. Es bildete eine Linie zwischen ihnen und den aufsteigenden Vampiren. Die Kreaturen zischten, wichen zurück – aber nur für einen Moment.

„Das hält sie nicht lange!“ James zog eine UV-Granate, riss den Pin heraus, warf sie.

Die Granate explodierte in gleißendem Licht. Vampire schrien, stolperten zurück, ihre Haut rauchte. Aber es waren zu viele.

Erik packte das Buch, steckte es in den Rucksack. „Wir müssen hier raus!“

„Wie?“ James deutete auf die einzige Treppe. „Da unten sind sie!“

„Dann gehen wir woanders hin.“ Erik deutete auf einen der Metallstege, der zur Seite führte. „Dort! Zur anderen Seite der Halle!“

Sie rannten. Hinter ihnen heulten die Vampire auf, setzten die Verfolgung fort.

Der Steg war schmal, rostig, schwankte unter ihren Füßen. Erik hörte Metall kreischen, spürte wie Schrauben sich lösten. Aber er rannte weiter, Kenji und James dicht hinter ihm.

Ein Vampir sprang. Landete auf dem Steg vor ihnen, seine Augen leuchteten rot.

Erik feuerte. Die gesegnete Kugel traf den Vampir in die Schulter. Er schrie, taumelte – aber fiel nicht.

Kenji stieß mit seinem Stab zu. Die geweihte Spitze traf den Vampir in die Brust. Diesmal schrie er wirklich, explodierte in Asche.

„Weiter!“, keuchte Kenji.

Sie erreichten das Ende des Stegs. Eine Leiter führte nach unten – zu einem Seitenausgang.

Erik rutschte mehr, als dass er kletterte. Seine Hände brannten an den rostigen Sprossen. Aber er war unten. James folgte, dann Kenji.

Der Ausgang war nah. Erik konnte Tageslicht sehen.

„HALT!“

Valentina stand plötzlich vor ihnen. Wie sie so schnell dorthin gekommen war – Erik wusste es nicht. Aber sie war da, blockierte den Weg.

„Du kannst nicht entkommen, Erik.“ Ihre Stimme war sanft jetzt, beinahe liebevoll. „Die Große Mutter hat zu viel in dich investiert. Du und dein Schlüssel – ihr werdet Teil von etwas Größerem.“

„Niemals.“

„Dann stirb.“

Sie sprang.

Erik hatte keine Zeit zu zielen. Er warf sich zur Seite. Valentina verfehlte ihn um Zentimeter, schlug in die Wand hinter ihm.

James feuerte seine UV-Pistole. Der Strahl traf Valentina am Arm. Sie schrie, zog sich zurück.

„LAUFT!“, brüllte James.

Sie stürmten durch den Ausgang. Draußen, im Tageslicht, würden die Vampire nicht folgen können. Nicht die normalen. Aber Valentina –

Ein Schatten verdunkelte die Sonne. Nein, nicht ein Schatten. Valentina. Sie stand auf dem Dach der Gießerei, als Silhouette vor dem Himmel.

„Ihr könnt rennen“, rief sie. „Aber sie wird euch finden. In München. In Wien. Überall. Die Sommersonnenwende kommt, Erik Schönwaldt. Und ihr Schicksal ist besiegelt.“

Sie verschwand.


Sie rannten zurück zum Auto. Keuchend, zitternd. Erik startete den Motor mit bebenden Händen, raste vom Gelände.

Erst als sie wieder in der Innenstadt waren, im Verkehr, zwischen normalen Menschen, wagte er anzuhalten.

„Das war eine Falle“, keuchte James. „Lucian hat uns angelockt.“

„Oder Katalin wusste, dass er uns warnen würde“, sagte Kenji ruhig. „Und hat ihn benutzt.“

„Spielt es eine Rolle?“ Erik schlug aufs Lenkrad. „Wir sind fast gestorben. Und für was?“ Er griff in den Rucksack, zog das Buch heraus. „Ein Rätsel. ‚Wo die Toten tanzen‘. Was soll das bedeuten?“

„Es bedeutet, wir haben einen Hinweis“, sagte Kenji. „Mehr als vorher.“

„Aber der Schlüssel ist nicht in Wien. Er ist in den Katakomben. Irgendwo unter der Stadt.“

„Dann finden wir ihn.“

„Während Katalin uns jagt?“

„Während wir schlauer sind als sie.“ Kenji legte Erik eine Hand auf die Schulter. „Du hast etwas gelernt: Man kann nicht jede Schlacht gewinnen. Aber man muss den Krieg gewinnen. Das hier ist nur eine Schlacht. Wir haben verloren, ja. Aber wir haben auch gewonnen – wir haben die nächste Spur.“

Erik atmete tief durch. Kenji hatte Recht. Sie waren am Leben. Sie hatten das Buch. Und sie wussten jetzt, dass Katalin sie erwartete.

„Wo die Toten tanzen“, murmelte er. „In den Katakomben. Das muss der Michaelerplatz sein. Oder die Kapuzinergruft.“

„Wir brauchen einen Experten“, sagte James. „Jemanden, der Wien kennt. Die alten Orte.“

„Die Wiener Nachtwache“, sagte Erik. „Yuki sagte, sie sind neutral. Aber vielleicht können wir sie überreden.“

„Und wenn nicht?“

„Dann finden wir den Schlüssel allein.“ Erik startete den Motor. „Aber zuerst brauchen wir einen sicheren Ort. Wo ist das sichere Haus, das Yuki arrangiert hat?“

Kenji überprüfte sein Handy. „Leopoldstadt. Ein altes Mietshaus. Unauffällig.“

„Gut. Fahren wir hin. Und dann –“ Erik hielt inne. Sein Handy vibrierte.

Eine Nachricht von Yuki:

DRINGEND. München. Neuer Vorfall. Ruf sofort an.

Eriks Herz sank. „Verdammt.“

Er wählte die Nummer. Yuki nahm sofort ab.

„Erik! Wo seid ihr?“

„Wien. Sichere Position. Was ist passiert?“

„Es gab einen Angriff. Auf Anna Bergers Wohnung.“

Eriks Welt schwankte. „Lukas –“

„Lebt. Sarah war dort, hat ihn beschützt. Aber Anna wurde verletzt. Sie ist im Krankenhaus.“

„Wie schlimm?“

„Stabil. Aber Erik   …“ Yukis Stimme wurde leiser. „Es war eine Botschaft. An der Wand. In Blut geschrieben.“

„Was stand da?“

„‚Der Schlüssel gegen das Kind. Sommersonnenwende. Frauenkirche. Komm allein.’„

Stille füllte das Auto.

„Es ist eine Falle“, sagte James.

„Natürlich ist es eine Falle“, erwiderte Erik. „Aber was kann ich tun? Sie bedroht Lukas. Wenn ich nicht gehe –“

„Wenn du gehst, bist du tot“, unterbrach Kenji. „Und der Schlüssel gehört ihr. Und dann stirbt Lukas sowieso.“

„Was schlägst du vor?“

„Wir finden den zweiten Schlüssel. Hier in Wien. Bevor sie es tut. Und dann haben wir Verhandlungsmacht.“

„Wir haben sechs Monate“, sagte Erik. „Bis zur Sommersonnenwende.“

„Nein.“ Yukis Stimme im Telefon klang düster. „Kenji hat Recht. Ihr habt nur wenige Tage. Vielleicht eine Woche. Katalin wird nicht warten. Sie hat Lukas im Visier. Und sie wird zuschlagen, sobald sie die Schlüssel hat.“

Erik schloss die Augen. Die Entscheidung lastete schwer auf ihm.

„Dann haben wir keine Zeit zu verlieren“, sagte er schließlich. „Wir finden den zweiten Schlüssel. Heute noch, wenn möglich.“

„Und Lukas?“ fragte James.

„Sarah beschützt ihn. Und Marcus. Und die ganze verdammte Nachtwache.“ Erik öffnete die Augen, und sie glühten mit Entschlossenheit. „Aber wenn Katalin glaubt, sie kann mich erpressen – dann wird sie eine Überraschung erleben.“

Er legte auf. Sah zu Kenji und James.

„Wo die Toten tanzen“, sagte er. „Wir finden diesen Ort. Jetzt.“


Drei Stunden später

Die Wiener Nachtwache hatte ihre Zentrale in einem unscheinbaren Bürogebäude in der Nähe des Westbahnhofs. Von außen sah es aus wie ein normaler Steuerberater. Aber im Keller, hinter einer versteckten Tür, wartete etwas anderes.

Der Leiter der Wiener Nachtwache hieß Leopold Gruber. Ein Mann Mitte Sechzig, mit grauem Vollbart und klugen, müden Augen.

„München hat angerufen“, sagte er, als sie eintraten. „Yuki Tanaka. Ich kenne sie seit Jahren. Sie sagt, ihr sucht etwas in unserer Stadt.“

„Einen Seelenschlüssel“, sagte Erik direkt. „Den zweiten. Wir glauben, er ist in den Katakomben. Irgendwo ‚wo die Toten tanzen‘.“

Leopold schnaubte. „Typisch kryptisch. Aber ich weiß, wovon ihr sprecht.“ Er ging zu einer Karte an der Wand, deutete auf einen Punkt. „Die Kapuzinergruft. Unter der Tegetthoffstraße. Dort sind die Habsburger Kaiser begraben. Aber –“ Er zögerte. „Dahinter gibt es noch einen Raum. Einen geheimen. Nicht viele wissen davon.“

„Und dort?“

„Dort –“ Leopold sah Erik ernst an. „Dort tanzen die Toten. Wörtlich. Es ist ein altes Ritual. Ein Fluch, gelegt von einem Vampir im 17. Jahrhundert. Die Leichen bewegen sich. Tanzen in endlosen Kreisen. Es ist   … verstörend.“

„Und der Schlüssel ist dort?“

„Wenn er irgendwo ist, dann dort.“

„Könnt ihr uns hinbringen?“

Leopold schüttelte den Kopf. „Wir können euch den Eingang zeigen. Aber hineingehen – das müsst ihr selbst. Die Kapuziner dulden uns nicht. Und die tanzenden Toten –“ Er schauderte. „Die greifen jeden an, der ihr Refugium betritt.“

„Drei Prüfungen“, murmelte Erik, erinnerte sich an das Buch. „Blut. Schatten. Wahrheit.“

„Dann wisst ihr mehr als ich.“ Leopold ging zu einem Safe, öffnete ihn. „Aber ich kann euch das hier geben.“ Er holte eine kleine Phiole heraus. „Weihwasser aus dem Stephansdom. Geweiht vom Kardinal persönlich. Es ist das Stärkste, was wir haben.“

Erik nahm sie. „Danke.“

„Dankt mir nicht. Dankt mir, wenn ihr zurückkommt.“ Leopold sah zu allen drei. „Viele sind da hinuntergegangen. Nicht alle kamen zurück. Und die, die es taten   …“ Er verstummte, schüttelte den Kopf. „Kommt zurück, wenn ihr könnt. Die Sommersonnenwende bedroht uns alle. Wien, München, die ganze Welt.“


Die Kapuzinergruft war für Touristen zugänglich. Aber Leopold führte sie zu einem Seiteneingang, versteckt in einer Gasse.

„Hier. Dieser Durchgang führt zu den tieferen Gewölben. Die Kapuziner wissen davon, ignorieren es. Solange niemand die Gräber beschädigt.“

„Und die tanzenden Toten?“

„Noch tiefer. Folgt dem Gang, bis ihr Musik hört.“ Leopolds Augen wurden dunkel. „Dann wisst ihr, dass ihr nah seid.“

Sie traten ein in die Dunkelheit.

Fackeln in den Wänden – niemand wusste, wer sie entzündete – beleuchteten den Weg. Die Luft roch nach Erde und Zeit und etwas Süßlichem. Tod.

Sie gingen tiefer. Steinstufen nach unten, immer weiter.

Und dann hörten sie es.

Musik.

Schwach, verzerrt, wie von weit her. Aber deutlich. Ein Walzer. Alt, aus einer anderen Zeit.

„Das ist es“, flüsterte Kenji.

Sie folgten der Musik.

Am Ende des Ganges: eine Tür. Schwarz, aus Ebenholz, mit silbernen Beschlägen.

Darauf, in gleicher silberner Schrift:

Hier tanzen die Toten. Tritt ein, wenn du wagst. Aber wisse: Wer hier scheitert, bleibt für immer.

Erik holte tief Luft. „Seid ihr bereit?“

Kenji und James nickten.

Er drückte gegen die Tür.

Sie schwang auf.

Und die Musik wurde laut.


## Kapitel 4: Die drei Prüfungen

Der Raum hinter der Tür war größer, als Erik erwartet hatte.

Eine Gruft. Oder besser gesagt: eine unterirdische Ballhalle, gebaut für die Toten.

Die Decke wölbte sich hoch über ihnen, getragen von steinernen Säulen, die mit Totenschädeln verziert waren. Fackeln brannten an den Wänden – von selbst, niemand hatte sie angezündet seit Jahrhunderten. Ihr flackerndes Licht warf tanzende Schatten über die Wände.

Und in der Mitte des Raumes tanzten sie.

Die Toten.

Dutzende von ihnen. Skelette in zerfetzten Gewändern, mumifizierte Leichen in verrotteten Samtroben, einige noch mit Fleischfetzen an den Knochen. Sie bewegten sich im Kreis, in einem endlosen Walzer, ihre knöchernen Füße schurrten über den Steinboden.

Die Musik kam von überall und nirgendwo. Ein Orchester aus Geistern, ein Walzer gespielt von unsichtbaren Händen.

„Mein Gott“, flüsterte James. Seine Stimme zitterte.

„Nicht Gott“, sagte Kenji leise. „Etwas anderes. Etwas viel Älteres.“

Erik zwang sich, weiterzugehen. Der Seelenschlüssel in seinem Rucksack pulsierte stärker jetzt, fast schmerzhaft. Er wollte hier sein. Oder er warnte. Erik konnte es nicht sagen.

Die tanzenden Toten bemerkten sie nicht. Oder ignorierten sie. Sie drehten sich einfach weiter, in ihrem ewigen Tanz, ihre leeren Augenhöhlen starrten ins Nichts.

„Wo ist der Schlüssel?“ fragte James.

„Dort.“ Erik deutete auf die gegenüberliegende Seite des Raumes.

Zwischen zwei Säulen hing ein weiterer Altar. Und darauf, in einer Glasvitrine, lag er.

Ein zweiter Seelenschlüssel.

Größer als Eriks. Aus schwarzem Metall, verziert mit roten Edelsteinen, die wie Blutstropfen glänzten. Er lag auf schwarzem Samt, umgeben von Kerzen, die noch brannten.

„Zu einfach“, murmelte Kenji. „Das Buch sprach von drei Prüfungen.“

Als hätten seine Worte einen Schalter umgelegt, geschah es.

Die Musik stoppte.

Alle tanzenden Toten erstarrten. Drehten ihre Köpfe. Alle zusammen. Alle zu Erik.

„Oh nein“, flüsterte James.

Eine Stimme erfüllte den Raum. Alt, weiblich, mit einem österreichischen Akzent aus vergangenen Jahrhunderten.

„Willkommen, Suchender. Willkommen in der Halle des ewigen Tanzes.“

„Wer spricht?“ rief Erik.

„Ich bin die Hüterin dieses Ortes. Die Wächterin des zweiten Schlüssels. Vor vierhundert Jahren wurde ich hier gebunden, um zu verhindern, dass Unwürdige ihn nehmen.“ Die Stimme kam von überall. „Wenn du den Schlüssel willst, musst du beweisen, dass du würdig bist.“

„Die drei Prüfungen“, sagte Erik.

„Ja. Blut. Schatten. Wahrheit.“ Eine Pause. „Bestehe sie, und der Schlüssel gehört dir. Versage, und du wirst hierbleiben. Für immer. Als einer von ihnen.“

Die tanzenden Toten bewegten sich wieder, nur leicht. Ein Schritt vorwärts. Auf Erik zu.

„Ich verstehe“, sagte Erik, obwohl sein Herz hämmerte. „Was ist die erste Prüfung?“

„Blut.“

Aus dem Boden vor Erik schoss eine Steinsäule hoch. Auf ihrer Spitze lag ein Kelch. Silbern, verziert mit den gleichen Symbolen wie auf dem Buch.

„Blut für Blut. Leben für Leben. Fülle den Kelch, und die erste Prüfung ist bestanden.“

Erik trat näher. Der Kelch war leer. Neben ihm lag ein Dolch. Klein, scharf, die Klinge glänzte im Fackelschein.

„Wie viel Blut?“ fragte er.

„Bis zum Rand.“

Erik sah in den Kelch. Er war nicht groß, aber tief genug. Ein halber Liter vielleicht. Zu viel, um sicher zu sein. Aber nicht unmöglich.

„Erik, nein.“ James griff nach seinem Arm. „Das schwächt dich zu sehr. Wenn danach noch zwei Prüfungen kommen –“

„Ich habe keine Wahl.“ Erik schüttelte ihn ab. Er rollte seinen Ärmel hoch, nahm den Dolch.

„Warte.“ Kenji trat vor. „Es muss nicht dein Blut sein. Es sagte nur Blut. Nicht wessen.“

„Das ist Spitzfindigkeit.“

„Magie lebt von Spitzfindigkeiten.“ Kenji rollte seinen eigenen Ärmel hoch. „Wir drei. Ein Drittel jeder. Dann schwächt es keinen zu sehr.“

Erik zögerte. Dann nickte er. „In Ordnung.“

James schloss die Augen, nickte ebenfalls.

Kenji schnitt zuerst. Ein tiefer Schnitt über seinen Unterarm. Blut floss, dick und rot, tropfte in den Kelch. Er zählte leise, wartete, bis ein Drittel des Kelches gefüllt war. Dann band er seinen Ärmel als Tourniquet.

James war der nächste. Seine Hand zitterte, als er schnitt, aber er tat es. Blut floss. Der Kelch füllte sich weiter.

Dann Erik. Er schnitt tief, ohne zu zögern. Der Schmerz war scharf, aber kurz. Er sah zu, wie sein Blut sich mit dem der anderen vermischte.

Der Kelch füllte sich. Bis zum Rand. Bis ein einziger roter Tropfen überlief.

Ein Gong ertönte. Tief, vibierend.

„Die erste Prüfung ist bestanden. Blut wurde gegeben. Das Opfer wurde geteilt. Das ist  … ungewöhnlich. Aber akzeptiert.“

Die Steinsäule versank wieder im Boden. Der Kelch verschwand mit ihr.

„Die zweite Prüfung: Schatten.“

Die Fackeln an den Wänden erloschen. Alle auf einmal.

Absolute Dunkelheit verschlang alles.

Erik konnte seine eigene Hand nicht vor den Augen sehen. Hörte nur noch das Atmen von Kenji und James neben sich.

Und dann: Stimmen.

„Erik“, flüsterte eine Stimme. Bekannt. Unmöglich.

Clara.

„Erik, warum hast du mich sterben lassen?“

„Nein“, presste Erik hervor. „Du bist nicht real.“

„Bin ich das nicht?“ Claras Stimme kam näher. „Du hättest mich retten können. Im Schloss. Du hättest den Vampir töten können, bevor ich mich opfern musste. Aber du warst zu langsam. Zu schwach.“

„Das ist nicht wahr.“

„Ist es nicht?“ Jetzt eine andere Stimme. Helena. „Ich bin auch tot, Erik. Gestorben, weil du nicht stark genug warst. Das Ritual am Odeonsplatz – ich musste mich opfern. Weil DU versagt hast.“

„Hört nicht hin!“ rief Kenji aus der Dunkelheit. „Es sind nur Schatten! Projektionen eurer Schuld!“

Aber die Stimmen wurden lauter.

Eriks Urgroßeltern. Elise und Friedrich. „Du hast uns vergessen. Hast uns im Schloss gelassen, in den Flammen. Bist einfach gegangen.“

„Ich konnte nichts tun –“

„Du hättest bleiben können. Hättest uns in den Tod begleiten können. Aber du bist geflohen.“

„NEIN!“ Erik schrie es. „Ich habe euch nicht vergessen! Ich denke jeden Tag an euch! Aber ich konnte euch nicht retten! Das Schloss stand in Flammen! Ihr wart bereits –“

„Tod?“ Claras Stimme, bitter. „Wie Helena? Wie wir alle, die du zurückgelassen hast?“

„Ich habe niemanden zurückgelassen!“ Eriks Stimme brach. „Ich habe alles getan, was ich konnte!“

„Hast du das?“

Eine neue Stimme. Tiefer. Männlich. Thomas.

„Ich bin noch nicht tot, Erik. Noch nicht. Aber ich werde sterben. Bald. In der Schlacht um München. Weil du mich dorthin führen wirst. Weil dein Plan mich opfern wird.“

„Nein. Ich will niemanden opfern.“

„Aber du wirst es tun. Du wirst wählen müssen. Thomas‘ Leben oder den Schlüssel. Marcus‘ Leben oder die Stadt. Yukis Leben oder Lukas‘. Und du wirst falsch wählen. Wie immer.“

„GENUG!“ Kenjis Stimme, laut und klar. „Erik! Hör ihnen nicht zu! Das ist die Prüfung! Die Schatten deiner Schuld, deiner Ängste. Aber sie sind nicht real!“

„Sie fühlen sich real an“, flüsterte Erik. Tränen liefen ihm über die Wangen.

„Weil du ihnen glaubst. Weil ein Teil von dir denkt, sie hätten Recht.“ Kenjis Stimme wurde sanfter. „Aber Schuld ist kein Grund, aufzugeben. Schuld ist ein Grund, weiterzumachen. Für die, die noch leben. Für die, die noch gerettet werden können.“

„Ich habe so viele verloren.“

„Ja. Und du wirst mehr verlieren. Das ist der Preis des Kampfes. Aber wenn du aufgibst, wenn du dich den Schatten hingibst – dann sterben sie umsonst.“

Erik atmete tief durch. Die Stimmen waren noch da, flüsterten, lockten. Aber er hörte sie jetzt anders. Als das, was sie waren: Echos. Nicht Wahrheit.

„Ich habe nicht versagt“, sagte er laut. „Ich habe mein Bestes gegeben. Und ich werde weitermachen. Für Helena. Für Clara. Für alle, die ich verloren habe.“

Ein weiterer Gong.

Die Fackeln entzündeten sich wieder. Die Dunkelheit wich.

Die Stimmen verstummten.

„Die zweite Prüfung ist bestanden. Die Schatten wurden konfrontiert. Die Wahrheit wurde gesprochen.“

Erik wischte sich die Augen. Neben ihm stand Kenji, die Hand auf seiner Schulter. James weiter entfernt, zusammengesunken, zitternd.

„James?“ rief Erik.

„Ich  … ich habe meine Tochter gehört“, flüsterte James. „Sie  … sie fragte, warum ich sie nicht gerettet habe. Warum ich so lange gebraucht habe.“

„Aber du hast sie gerettet“, sagte Erik. „Sie lebt.“

„Aber sie wird nie mehr dieselbe sein.“

„Keiner von uns wird je wieder derselbe sein.“ Erik half ihm auf. „Aber wir leben. Und solange wir leben, können wir kämpfen.“

James nickte schwach.

„Die dritte Prüfung“, verkündete die Stimme. „Wahrheit.“

Aus dem Boden erhob sich eine weitere Säule. Darauf ein Spiegel. Groß, umrahmt von schwarzem Holz, die Oberfläche so glatt wie stilles Wasser.

„Sieh hinein. Sieh die Wahrheit. Und sprich sie aus.“

Erik trat vor den Spiegel.

Zuerst sah er nur sich selbst. Schmutzig vom Kampf, Blut auf dem Hemd, Erschöpfung in den Augen. Aber dann begann sich das Bild zu verändern.

Der Spiegel zeigte nicht ihn. Er zeigte  … eine Zukunft.

München. Die Frauenkirche. In Flammen.

Vampire, hunderte von ihnen, strömten durch die Straßen. Menschen flohen schreiend. Der Himmel verdunkelte sich, eine unnatürliche Finsternis verschlang die Sonne.

Und in der Mitte, auf den Stufen der Kirche, stand Katalin. In ihrer Hand: alle drei Seelenschlüssel. Sie hob sie hoch, und ein Tor riss auf. Ein Riss in der Realität, aus dem Tentakel aus Dunkelheit griffen.

Dann zoomte das Bild. Zu Erik.

Er lag am Boden. Besiegt. Der Seelenschlüssel zerbrochen neben ihm.

Und über ihm stand sie. Valentina. Sie lächelte.

„Du hast verloren“, sagte sie.

Das Bild wechselte wieder.

Eine andere Zukunft.

München. Auch hier die Frauenkirche. Aber diesmal anders.

Erik stand auf den Stufen. Um ihn herum: Marcus, Yuki, Kenji, Sarah. Alle kämpften. Alle bluteten.

Und einer nach dem anderen fielen sie.

Marcus zuerst. Ein Schwert durch die Brust.

Dann Sarah. Von Vampiren zerrissen.

Yuki, die versuchte ein Ritual zu vollenden, von Katalin persönlich getötet.

Und schließlich Thomas, sich selbst opfernd, damit Erik entkommen konnte.

Erik schrie im Spiegel, hielt Thomas‘ sterbenden Körper. Aber es war zu spät.

Katalin lachte. „Du hast gewonnen. Aber zu welchem Preis?“

Das Bild wechselte ein drittes Mal.

Diesmal sah Erik  … sich selbst.

Aber älter. Viel älter. Graues Haar, Narben im Gesicht. Er saß allein in einem dunklen Raum, drei Seelenschlüssel vor sich auf dem Tisch.

„Ich habe alle gerettet“, murmelte der alte Erik. „Die Stadt, die Welt. Aber ich habe alle verloren. Alle, die mir wichtig waren.“

Er griff nach einem der Schlüssel.

„Vielleicht“, flüsterte er, „vielleicht sollte ich sie benutzen. Die Toten zurückholen. Nur einmal. Nur um sie wiederzusehen.“

„NEIN!“ Erik riss sich vom Spiegel los. „Das ist nicht meine Zukunft!“

„Ist es nicht?“ Die Stimme klang amüsiert. „Der Spiegel zeigt Wahrheit. Eine von drei Wahrheiten. Welche wird die deine sein?“

„Keine davon!“ Erik atmete schwer. „Ich werde einen anderen Weg finden!“

„Es gibt keinen anderen Weg. Entweder verlierst du. Oder du gewinnst, aber opferst alles. Oder du gewinnst, lebst, aber wirst korrumpiert von der Macht.“ Die Stimme wurde härter. „Das ist die Wahrheit der Seelenschlüssel. Sie sind verflucht. Immer. Sprich diese Wahrheit aus, und die Prüfung ist bestanden.“

Erik stand still. Sein Kopf raste.

Die drei Zukünfte. Alle schrecklich. Alle möglich.

Aber da war noch etwas. Etwas, das der Spiegel nicht gezeigt hatte.

„Nein“, sagte er schließlich. „Das ist nicht die Wahrheit.“

„Nicht?“

„Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist nicht festgeschrieben. Der Spiegel zeigt Möglichkeiten. Nicht Schicksal.“ Erik drehte sich um, sah die unsichtbare Hüterin an. „Die Wahrheit ist: Ich kann verlieren. Ich kann gewinnen und alles opfern. Ich kann korrumpiert werden. ODER –“ Er hob die Stimme. „Oder ich finde einen vierten Weg. Einen, den der Spiegel nicht kennt. Einen, den niemand erwartet.“

Stille.

Dann: Lachen. Nicht spöttisch. Sondern  … erfreut?

„In vierhundert Jahren“, sagte die Stimme, „hat noch nie jemand so geantwortet. Sie alle haben die Wahrheit des Spiegels akzeptiert. Haben sich ihrem Schicksal gefügt.“ Eine Pause. „Du nicht. Du lehnst dich auf. Gegen die Wahrheit selbst.“

„Weil die Wahrheit nicht absolut ist“, sagte Erik. „Weil ich mein Schicksal selbst bestimme.“

Ein letzter Gong. Länger, tiefer als die anderen.

„Die dritte Prüfung ist bestanden. Auf eine Art, die ich nie erwartet hätte.“ Die Stimme wurde leiser. „Du bist würdig, Seelenschlüsselträger. Nimm den zweiten Schlüssel. Aber sei gewarnt: Was du gesehen hast in diesem Spiegel – es mag keine absolute Wahrheit sein. Aber es ist eine Warnung. Die Schlüssel sind mächtig. Und Macht korrumpiert. Immer.“

Die tanzenden Toten teilten sich. Bildeten einen Weg zum Altar.

Erik ging langsam darauf zu. Kenji und James folgten ihm.

Der zweite Seelenschlüssel lag dort, hinter Glas. Größer, schwerer, dunkler als seiner. Die roten Edelsteine glühten wie Augen.

Erik griff nach der Vitrine. Sie war nicht verschlossen.

Er öffnete sie, griff nach dem Schlüssel.

In dem Moment, in dem seine Finger das Metall berührten, durchfuhr ihn ein Schock.

Bilder. Erinnerungen. Nicht seine eigenen.

Ein Schloss. Nicht Falkenstein. Ein anderes. In Österreich. Ein Vampir, alt und mächtig, der den Schlüssel schmiedete. Jahrhunderte von Blut. Von Tod. Von Opfern.

Und dann: Eine Prophezeiung.

*Drei Schlüssel. Drei Träger. Drei Schicksale.*

*Der Erste wird fallen.*

*Der Zweite wird brechen.*

*Der Dritte wird wählen.*

Erik riss die Hand zurück. Keuchend.

„Was ist?“ fragte Kenji alarmiert.

„Ich  … ich sah etwas. Eine Prophezeiung.“ Erik starrte auf den Schlüssel. „Drei Träger. Einer fällt. Einer bricht. Einer wählt.“

„Und welcher bist du?“

„Ich weiß es nicht.“

„Vielleicht“, sagte James leise, „vielleicht bist du alle drei. Zu verschiedenen Zeiten.“

Erik schluckte. Dann griff er wieder nach dem Schlüssel. Diesmal war der Schock schwächer. Er hob ihn hoch.

Schwer. So schwer. Als würde er die Last von Jahrhunderten tragen.

Er steckte ihn in den Rucksack, neben seinen eigenen.

Die zwei Schlüssel berührten sich.

Licht explodierte.

Nicht schmerzhaft. Aber gleißend. Golden und rot vermischt.

Die tanzenden Toten verbeugten sich. Alle zusammen. Eine letzte Geste des Respekts.

„Geh“, sagte die Stimme. „Die Prüfungen sind bestanden. Die Schlüssel gehören dir. Aber vergiss nicht, was du gesehen hast. Und bereite dich vor. Die Sommersonnenwende kommt. Und mit ihr  … das Ende. Oder ein neuer Anfang.“

Die Musik begann wieder. Die Toten tanzten.

Aber diesmal, als Erik, Kenji und James den Raum verließen, wirkten sie  … friedlicher. Als hätte ihre Last sich gelindert.

Sie stolperten zurück durch die Gänge, hinauf ins Tageslicht.

Wien empfing sie mit kaltem Wind und grauem Himmel. Aber es war Tageslicht. Real. Lebendig.

„Wir haben es geschafft“, keuchte James.

„Wir haben zwei Schlüssel“, sagte Kenji. „Aber es gibt noch einen dritten.“

„Falkenstein“, sagte Erik. „Laut Lucian.“

„Aber Lucian hat uns verraten.“

„Oder wurde gezwungen.“ Erik sah auf den Rucksack. Die zwei Schlüssel darin pulsierten im gleichen Rhythmus. „Egal. Wir müssen nach Falkenstein. Aber zuerst –“ Er holte sein Handy heraus, wählte.

Yuki nahm sofort ab. „Erik! Ihr lebt!“

„Wir haben den zweiten Schlüssel.“

„Das ist – das ist unglaublich! Aber hör zu, es gibt Neuigkeiten.“

„Was?“

„Anna ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Lukas ist sicher, bei Sarah in der Zentrale. Aber es gab einen weiteren Vorfall.“

„Wo?“

„Am Marienplatz. Ein Ritual. Kleines Ausmaß. Aber Katalin markiert weiter. Sie bereitet sich vor.“

„Wie lange haben wir?“

„Bis zum nächsten großen Ritual? Neumond im Januar. Drei Wochen.“

„Drei Wochen.“ Erik schloss die Augen. „Dann haben wir keine Zeit für Falkenstein. Noch nicht.“

„Was schlägst du vor?“

„Wir kommen zurück. Heute noch. Und wir bereiten München vor. Wenn Katalin das nächste Ritual durchführen will, dann werden wir dort sein. Und diesmal –“ Seine Stimme wurde hart. „Diesmal stoppen wir sie.“

„Erik, sie erwartet dich. Es ist eine Falle.“

„Ich weiß. Aber wir haben jetzt zwei Schlüssel. Das gibt uns Macht. Und wenn wir schlau sind –“ Er sah zu Kenji und James. „Wenn wir zusammenarbeiten – dann vielleicht, nur vielleicht, haben wir eine Chance.“

„Seid vorsichtig.“

„Immer.“

Er legte auf.

„Nach München?“ fragte James.

„Nach München“, bestätigte Erik. „Wir haben den zweiten Schlüssel. Jetzt müssen wir lernen, ihn zu benutzen. Bevor Katalin uns findet.“

„Und Falkenstein?“

„Später. Zuerst verteidigen wir München. Dann holen wir den dritten Schlüssel.“ Erik schulterte den Rucksack. „Und dann –“

„Dann beenden wir das“, sagte Kenji. „Ein für alle Mal.“

Sie gingen zurück zum Auto.

Hinter ihnen, in den Schatten der Gasse, beobachtete sie jemand.

Valentina trat ins Licht. Ihr Handy am Ohr.

„Große Mutter“, sagte sie leise. „Sie haben den zweiten Schlüssel. Wie vorhergesagt.“

Katalins Stimme, kalt und zufrieden: „Perfekt. Alles läuft nach Plan. Lass sie nach München zurückkehren. Lass sie sich sicher fühlen. Und beim Neumond –“ Ein dunkles Lachen. „Beim Neumond nehmen wir ihm beide Schlüssel ab. Und dann bleibt nur noch Falkenstein.“

„Verstanden.“

Valentina legte auf. Sah dem wegfahrenden Auto nach.

„Genieß deinen Sieg, Erik Schönwaldt“, flüsterte sie. „Er wird nicht lange währen.“

Dann verschwand sie in den Schatten.

**Im Flugzeug zurück nach München**

Erik konnte nicht schlafen. Obwohl sein Körper erschöpft war, obwohl seine Wunde vom Blutopfer pochte, obwohl alles in ihm schrie, die Augen zu schließen.

Er starrte aus dem Fenster. Die Alpen unter ihm, jetzt in Schatten gehüllt. Die Sonne ging unter.

James schlief, den Kopf gegen das Fenster gelehnt.

Kenji meditierte, wie immer.

Aber Erik  …

Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, nebeneinander.

Seiner. Eisern, schwarz, mit goldenen Ornamenten.

Der neue. Dunkler, mit roten Steinen, schwerer.

Sie glühten beide schwach. Und wenn er genau hinhörte, konnte er sie flüstern hören.

*Macht*, flüsterte der eine.

*Preis*, flüsterte der andere.

Erik schloss den Rucksack wieder.

„Ich weiß“, murmelte er. „Macht hat einen Preis. Aber ich werde nicht korrumpiert. Ich verspreche es.“

Wem er das versprach, wusste er nicht.

Sich selbst. Helena. Clara. Allen, die er verloren hatte und noch verlieren würde.

Das Flugzeug flog weiter durch die Nacht.

Richtung München.

Richtung dem nächsten Kampf.

Richtung einem Schicksal, das noch nicht geschrieben war.

**Währenddessen, tief unter München**

In den Katakomben, in der großen Halle, wo der Rat sich versammelte, stand Katalin vor einem steinernen Altar.

Darauf lag eine Karte von München. Markiert mit sieben Punkten. Sieben Orte der Macht.

Drei waren bereits mit roten Steinen markiert. Die Rituale, die sie vollzogen hatte.

Vier warteten noch.

„Drei Wochen“, murmelte sie. „Nur noch drei Wochen bis zum Neumond. Und dann–“ Sie legte einen vierten Stein auf die Karte. „Dann werden es vierzehn Opfer sein. Doppelt so mächtig.“

Dimitri trat aus den Schatten. „Und wenn Schönwaldt versucht, uns zu stoppen?“

„Er wird es versuchen. Natürlich wird er das.“ Katalin lächelte. „Aber er hat jetzt zwei Schlüssel. Das macht ihn arrogant. Übermütig. Er denkt, er hätte eine Chance.“

„Hat er das?“

„Nein.“ Ihr Lächeln wurde kälter. „Aber er wird es erst merken, wenn es zu spät ist. Wenn ich ihm die Schlüssel abgenommen habe. Wenn Lukas in meinen Händen ist. Wenn sein gesamtes Team vor seinen Augen stirbt.“

Sie wandte sich zu Dimitri. „Bereite das Ritual vor. Neumond. Marienplatz. Vierzehn Opfer. Und sorg dafür, dass Schönwaldt kommt. Persönlich.“

„Wie?“

„Schick ihm eine Einladung.“ Katalin lachte. „Eine, die er nicht ablehnen kann.“

Kapitel 5: Zwei Schlüssel, eine Last

Die Zentrale der Nachtwache war ein Ort geworden, der sich niemals schlief.

Als Erik, Kenji und James um zwei Uhr morgens ankamen, brannten noch alle Lichter. Durch die getönten Fenster des alten Buchladens sah Erik Schatten sich bewegen – Menschen, die arbeiteten, trainierten, wachten.

„Sie haben auf uns gewartet“, sagte Kenji leise.

Die Tür öffnete sich, bevor Erik klopfen konnte. Sarah stand dort, eine UV-Pistole am Gürtel. Ihr Gesicht war angespannt, aber als sie Erik sah, entspannte sie sich einen Moment.

„Ihr lebt“, sagte sie. Nicht als Frage. Als Erleichterung.

„Gerade so“, gab Erik zu. Er trat ein, die anderen folgten. „Wie ist die Lage?“

„Angespannt. Marcus ist im Trainingsraum mit den Rekruten. Yuki im Archiv, hat seit eurer Abreise kaum geschlafen. Und –“ Sie zögerte. „Anna Berger ist hier. Mit Lukas. Sie wollte nicht nach Hause, nachdem …“

„Nach dem Angriff. Ich verstehe.“ Erik legte den Rucksack ab, spürte das Gewicht der zwei Schlüssel darin. „Wo sind sie?“

„Im sicheren Raum. Zweite Ebene.“

Erik nickte. „Gut. Ruf alle zusammen. Meeting in zwanzig Minuten. Ich muss –“ Er stockte. Was musste er? Duschen. Schlafen. Die Wunden vom Blutopfer behandeln lassen. Aber vor allem: „Ich muss mit Anna sprechen.“


Der sichere Raum war eigentlich ein ehemaliges Archiv, umgebaut zu einer Art Bunker. Verstärkte Wände, keine Fenster, nur ein Eingang. Innen: ein paar Feldbetten, ein Tisch, Spielzeug in der Ecke.

Lukas spielte auf dem Boden mit Bauklötzen. Er sah auf, als Erik eintrat, lächelte.

„Erik!“ Seine Stimme war hell, unbeschwert. Ein zweijähriges Kind, für das Monster noch keine Realität waren.

Anna saß auf einem der Betten. Sie sah erschöpft aus, Ringe unter den Augen, ein Verband um die linke Hand.

„Erik.“ Sie stand auf. „Danke. Danke, dass Sarah uns beschützt hat. Dass ihr –“

„Kein Danken nötig.“ Erik ging zu ihr, nahm vorsichtig ihre Hand. „Wie geht es dir?“

„Mir? Gut. Nur eine Schnittwunde. Ich hatte Glück.“ Ihre Stimme zitterte. „Aber Lukas … Erik, sie wollten Lukas nehmen. Der Vampir, er griff direkt nach ihm. Wenn Sarah nicht gewesen wäre –“

„Aber sie war da.“ Erik sah zu Lukas hinüber. Das Kind starrte jetzt auf den Rucksack in Eriks Hand, fasziniert. Als könnte es spüren, was darin war. „Hat Kenji die Untersuchung gemacht? Das Fragment entfernt?“

„Gestern. Es war … schwierig. Lukas schrie. Aber Kenji sagte, es ist draußen. Die Verbindung zu Valentina ist gebrochen.“

„Gut.“ Erik setzte sich neben sie. „Anna, ich weiß, das ist viel verlangt. Aber ich brauche, dass du mir vertraust. Die nächsten Wochen werden gefährlich. Das Neumond-Ritual kommt, und Katalin –“

„Will Lukas benutzen. Ich weiß.“ Anna sah ihn an, und in ihren Augen war Angst, aber auch Entschlossenheit. „Kenji hat es mir erklärt. Das Kind zwischen den Welten. Die Prophezeiung. Aber Erik –“ Ihre Stimme wurde fest. „Sie wird ihn nicht bekommen. Ich sterbe eher.“

„Das wird nicht nötig sein.“ Erik stand auf. „Ich verspreche dir: Ich werde Katalin aufhalten. Mit beiden Schlüsseln, mit dem Team – wir werden sie stoppen.“

„Beiden Schlüsseln?“

Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, nebeneinander. Auch ohne sie zu berühren, konnte Anna das Leuchten sehen, das schwache Pulsieren.

„Mein Gott“, flüsterte sie. „Sie sind … lebendig.“

„In gewisser Weise.“ Erik schloss den Rucksack wieder. „Aber sie sind Werkzeuge. Und ich werde lernen, sie zu kontrollieren.“

Lukas hatte aufgehört zu spielen. Er stand auf, ging zu Erik, streckte die kleine Hand aus.

„Licht“, sagte er. „Hübsches Licht.“

Erik kniete sich hin. „Ja, Lukas. Aber nicht für dich. Nicht jetzt. Vielleicht nie.“

Das Kind lächelte, als verstünde es. Dann ging es zurück zu seinen Bauklötzen.

Anna sah ihrem Sohn nach. „Er war anders, nach dem Angriff. Ruhiger. Als hätte er etwas verstanden, was ich nicht verstehe.“

„Kinder spüren Dinge“, sagte Kenji von der Tür. Erik hatte ihn nicht kommen hören. „Besonders Kinder, die von der Dunkelheit berührt wurden. Aber das Fragment ist weg. Er wird normal aufwachsen können.“

„Wenn wir gewinnen“, fügte Anna leise hinzu.

„Wir werden gewinnen“, sagte Erik. Mehr zu sich selbst als zu ihr.


Das Meeting fand im großen Konferenzraum statt. Alle waren da: Marcus, noch immer hinkend von seiner Verletzung, aber unnachgiebig. Yuki, Augen rot vom Schlafmangel, aber gesund. Sarah, Thomas, Kenji. Die neuen Rekruten – fünf an der Zahl, junge Männer und Frauen, die sich der Nachtwache angeschlossen hatten nach den Ereignissen am Odeonsplatz.

Und James. Er saß in der Ecke, vermied Blickkontakt.

Erik stellte den Rucksack auf den Tisch. „Wir haben den zweiten Schlüssel.“

Stille. Dann Aufregung.

„Das ist – das ist unglaublich!“ Yuki sprang auf. „Darf ich –“

„Vorsichtig.“ Erik öffnete den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, und im Licht des Konferenzraums glühten sie stärker. Golden und rot, pulsierend im Gleichklang.

Yuki beugte sich darüber, wagte nicht, sie zu berühren. „Sie resonieren miteinander. Das ist – ich habe davon gelesen, aber es nie gesehen. Wenn zwei Seelenschlüssel nah beieinander sind, verstärken sie sich gegenseitig.“

„Was bedeutet das?“ fragte Marcus.

„Macht“, sagte Thomas leise. Er war auch nähergetreten, sein Gesicht ernst. „Große Macht. Aber auch große Gefahr. Die Schlüssel sind nicht nur Werkzeuge. Sie sind … hungrig. Sie wollen benutzt werden.“

„Ich spüre es“, gab Erik zu. „Seit Wien. Sie flüstern. Nicht mit Worten, aber … Gedanken. Versuchungen.“

„Was für Versuchungen?“ fragte Sarah alarmiert.

„Macht über Leben und Tod. Die Fähigkeit, die Toten zurückzubringen. Grenzen zu überschreiten, die nicht überschritten werden sollten.“ Erik schloss die Augen. „Helena. Clara. Sie zeigen mir Bilder von ihnen. Sagen mir, ich könnte sie zurückholen, wenn ich nur –“

„Nein.“ Thomas‘ Stimme war scharf. „Das ist die Korruption. Genau davon haben die Texte gewarnt. Die Schlüssel testen dich, Erik. Versuchen zu sehen, ob du schwach bist.“

„Bin ich das?“ Erik öffnete die Augen, sah Thomas an. „Schwach?“

„Nein. Aber du bist menschlich. Und Menschen haben Grenzen.“ Thomas legte ihm die Hand auf die Schulter. „Deshalb bist du nicht allein. Wir sind hier. Wir halten dich geerdet.“

„Wie trainieren wir mit ihnen?“ fragte Marcus praktisch. „Wenn sie so gefährlich sind.“

„Vorsichtig.“ Yuki hatte Notizen gemacht. „Es gibt Rituale. Schutzkreise. Wege, die Macht zu kanalisieren, ohne sie zu entfesseln. Aber Erik –“ Sie sah ihn an. „Du musst es sein. Niemand sonst kann die Schlüssel berühren ohne Konsequenzen.“

„Was für Konsequenzen?“

„Tod. Oder Schlimmeres. Verwandlung. Besitznahme.“ Yuki blätterte durch ihre Aufzeichnungen. „Die Schlüssel wählen ihre Träger. Und wenn du nicht der Auserwählte bist –“

„Verstanden.“ Erik griff nach den Schlüsseln. In dem Moment, in dem seine Finger beide berührten, durchfuhr ihn ein Schock.

Energie. Pure, rohe Energie. Sie strömte durch seinen Körper, ließ jede Zelle vibrieren. Die Lichter im Raum flackerten. Einer der Monitore explodierte in Funken.

Erik ließ los, keuchend.

„Verdammt“, murmelte Marcus.

„Das war –“ Erik versuchte zu atmen. „Das war nur eine Berührung. Stellt euch vor, ich würde sie wirklich benutzen.“

„Dann brauchst du Training.“ Kenji war aufgestanden. „Meditation. Kontrolle. Nicht Kraft, sondern Disziplin.“

„Wir haben drei Wochen“, sagte Yuki. „Bis zum Neumond-Ritual. Das ist nicht viel Zeit.“

„Dann fangen wir jetzt an.“ Erik packte die Schlüssel zurück in den Rucksack. „Aber zuerst: Was wissen wir über das Ritual? Wo wird es stattfinden?“

„Marienplatz“, sagte Sarah. Sie projizierte eine Karte auf die Wand. „Yukis Überwachungskameras haben erhöhte Aktivität dort registriert. Vampire, die in der Nacht patrouillieren. Sie bereiten etwas vor.“

„Wie viele Opfer?“ fragte Erik.

„Vierzehn, laut Katalins Muster“, antwortete Yuki. „Jedes Ritual verdoppelt die vorherige Zahl. Sieben bei der Wintersonnenwende. Vierzehn beim Neumond. Achtundzwanzig im Februar. Und so weiter.“

„Bis zur Sommersonnenwende, wo sie alle zusammen opfert“, beendete Thomas. „Siebenundsiebzig Seelen. Eine heilige Zahl. Genug, um das Tor zu öffnen.“

„Also stoppen wir sie beim Neumond“, sagte Marcus. „Bevor es eskaliert.“

„Es ist eine Falle“, warnte James plötzlich. Alle sahen ihn an. „Tut mir leid, aber … es ist offensichtlich. Sie weiß, dass wir kommen werden. Sie plant darauf.“

„Natürlich plant sie darauf.“ Erik sah ihn an. „Aber was ist die Alternative? Wir lassen sie das Ritual durchführen?“

„Nein. Aber vielleicht –“ James zögerte. „Vielleicht gehen wir nicht direkt hin. Vielleicht infiltrieren wir vorher. Finden heraus, was sie wirklich plant.“

„Wie?“ fragte Sarah skeptisch.

James schwieg. Dann: „Ich könnte zurückgehen.“

„Zurück wohin?“

„Zu ihnen. Zu Katalin.“ James‘ Stimme war leise. „Sie denkt, ich bin gebrochen. Dass ich ihr noch dienen würde, aus Angst um meine Tochter. Ich könnte –“

„Nein.“ Erik stand auf. „Absolut nicht. Du gehst nicht zurück in die Höhle des Löwen.“

„Aber wenn es uns Informationen gibt –“

„Es wird dich das Leben kosten. Oder deine Seele. Oder beides.“ Erik schüttelte den Kopf. „Wir finden einen anderen Weg.“

James sank zurück auf seinen Stuhl, nickte stumm.

Aber Erik sah etwas in seinen Augen. Etwas wie … Erleichterung? Oder Enttäuschung?

Der Gedanke ließ ihn nicht los.


Nach dem Meeting zog Erik Yuki beiseite.

„Was ist?“ Sie sah erschöpft aus, aber wachsam.

„James.“ Erik hielt die Stimme leise. „Etwas stimmt nicht mit ihm.“

„Er ist traumatisiert. Das weißt du. Seine Tochter –“

„Ich weiß. Aber …“ Erik suchte nach Worten. „Sein Angebot, zurück zu Katalin zu gehen. Es kam zu schnell. Zu … vorbereitet.“

Yuki runzelte die Stirn. „Du denkst, er ist der Maulwurf?“

„Ich weiß es nicht. Aber irgendjemand hat Katalin informiert. Über Wien. Über unsere Pläne. Und James war einer der wenigen, die alles wussten.“

„Das waren wir alle.“

„Ja. Aber James ist derjenige, der am verwundbarsten ist. Am leichtesten zu erpressen.“

Yuki schwieg einen Moment. „Was schlägst du vor?“

„Beobachtung. Unauffällig. Sieh dir seine Kommunikationen an, seine Bewegungen. Wenn er unschuldig ist, werden wir es wissen. Wenn nicht –“

„Dann haben wir ein Problem.“ Yuki nickte. „Ich kümmere mich darum.“

„Diskret.“

„Immer.“

Sie ging. Erik blieb allein im Korridor stehen, den Rucksack mit den Schlüsseln über der Schulter.

Sie flüsterten wieder. Leiser jetzt, aber andauernd.

Vertrauen ist eine Schwäche, flüsterte der eine. Verdacht ist eine Waffe, flüsterte der andere.

Erik presste die Augen zu. „Haltet die Klappe“, murmelte er.

Die Stimmen verstummten. Aber er wusste, sie würden wiederkommen.


Drei Tage später

Das Training mit den Schlüsseln war … schwierig.

Kenji hatte einen Schutzkreis im Keller eingerichtet. Gesegnetes Salz, geweihte Kerzen, Symbole an den Wänden. In der Mitte: ein Steinkreis, groß genug für Erik allein.

„Setz dich“, sagte Kenji. „Atme. Zentriere dich.“

Erik tat es. Vor ihm lagen die zwei Schlüssel. Nicht berührend, aber nah genug, dass er ihr Pulsieren spüren konnte.

„Jetzt nimm einen. Nur einen.“

Erik griff nach seinem eigenen Schlüssel. Der vertraute. Schwarzes Eisen, goldene Ornamente.

Sofort spürte er die Verbindung. Wie ein Kabel, das eingesteckt wurde. Energie floss in ihn, aus ihm heraus, ein Kreislauf.

„Gut“, sagte Kenji. „Jetzt atme mit ihm. Finde den Rhythmus.“

Erik atmete. Ein. Aus. Das Pulsieren des Schlüssels synchronisierte sich mit seinem Herzschlag.

Bilder blitzten auf. Helena, lächelnd. Clara, brennend. Seine Urgroßeltern, gefangen. Die Zukunftsvisionen aus dem Spiegel in Wien.

„Ignoriere die Bilder“, sagte Kenji ruhig. „Sie sind Tests. Ablenkungen. Konzentriere dich auf die Energie. Nur die Energie.“

Einfacher gesagt als getan. Aber Erik versuchte es. Fokussierte sich auf das Gefühl, nicht die Bilder. Auf die rohe Kraft, die durch ihn strömte.

Langsam begannen die Bilder zu verblassen.

„Jetzt“, sagte Kenji, „nimm den zweiten.“

Erik griff nach dem Wiener Schlüssel. Schwarzes Metall, rote Steine.

Der Schock war intensiver diesmal. Zwei Ströme von Energie, die aufeinandertrafen, sich vermischten, verstärkten.

Die Kerzen flackerten. Der Schutzkreis glühte.

Erik schrie fast, hielt sich zurück. Atmete. Ein. Aus. Fand den Rhythmus.

Beide Schlüssel pulsierten jetzt im Gleichklang. Mit seinem Herz. Mit seinem Atem.

Und dann: Stille.

Nicht das Fehlen von Geräuschen. Sondern eine tiefere Stille. Als hätte die Welt den Atem angehalten.

Erik öffnete die Augen.

Der Raum um ihn herum war verändert. Die Farben blasser. Die Schatten dunkler. Und er konnte … mehr sehen.

Energielinien. Sie liefen durch den Raum, durch die Wände, unter dem Boden. Ley-Linien. Die Adern der Erde.

„Ich sehe sie“, flüsterte er.

„Die Linien?“ Kenjis Stimme kam von weit her. „Gut. Das bedeutet, du beginnst zu verstehen.“

Erik folgte den Linien mit seinen Augen. Sie führten nach oben, durch die Decke, durch die Stadt. Und an bestimmten Punkten kreuzten sie sich, bildeten Knoten.

Sieben Knoten. Genau sieben.

„Die Ritualorte“, realisierte er. „Ich kann sie sehen. Alle sieben.“

„Und der stärkste?“

Erik konzentrierte sich. Einer der Knoten glühte heller als die anderen. Nicht am Marienplatz. Sondern –

„Die Frauenkirche“, sagte er. „Der stärkste Punkt ist die Frauenkirche.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“ Erik ließ die Schlüssel los. Sofort verblassten die Linien, die Welt kehrte zur Normalität zurück. „Yuki hat Recht. Die Frauenkirche ist der Schlüssel zu allem.“

„Dann ist das unser Ziel.“ Kenji half ihm auf. „Aber Erik – was du gerade getan hast, beide Schlüssel gleichzeitig zu halten – das war riskant. Gefährlich.“

„Ich weiß.“ Erik fühlte sich erschöpft, ausgelaugt. „Aber ich musste es versuchen. Wenn ich am Neumond kämpfen soll, muss ich wissen, wozu sie fähig sind.“

„Und? Weißt du es?“

Erik dachte nach. An die Energie, die er gefühlt hatte. An die Kraft, die durch ihn geflossen war.

„Sie könnten einen Vampir vernichten“, sagte er langsam. „Mit einem einzigen Schlag. Aber –“ Er zögerte. „Sie könnten auch mich vernichten. Wenn ich die Kontrolle verliere.“

„Dann verliere sie nicht.“ Kenji lächelte schwach. „Einfach, oder?“

„Einfach“, wiederholte Erik ohne Überzeugung.


Eine Woche vor dem Neumond

Yuki fand Erik im Trainingsraum. Er übte mit Marcus, Hand-zu-Hand-Kampf, versuchte seine Reflexe scharf zu halten.

„Erik. Wir müssen reden.“

Er sah ihre Miene, nickte Marcus zu. „Pause.“

Sie gingen in einen leeren Raum. Yuki schloss die Tür, aktivierte einen Störsender.

„James“, sagte sie ohne Umschweife.

Eriks Magen sank. „Du hast etwas gefunden.“

„Telefonate. Verschlüsselt, aber ich habe sie geknackt. Er hat mit jemandem gesprochen. Mehrmals. Immer nachts, wenn er dachte, niemand würde es bemerken.“

„Mit wem?“

„Das weiß ich nicht. Die Nummer ist nicht registriert. Aber Erik –“ Ihre Stimme wurde leiser. „Der Inhalt. Er hat über uns gesprochen. Über die Schlüssel. Über Wien. Über alles.“

Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Verdammt. Ich hatte gehofft, ich läge falsch.“

„Was tun wir?“

„Konfrontieren wir ihn?“

„Nicht direkt.“ Yuki dachte nach. „Wenn wir ihn warnen, könnte er fliehen. Oder schlimmer – Katalin könnte ihre Pläne ändern. Wir verlieren unseren Vorteil.“

„Welchen Vorteil? Er kennt alles über uns!“

„Aber Katalin denkt, wir wissen es nicht. Das ist ein Vorteil. Wir können falsche Informationen streuen. Ihn benutzen.“

Erik hasste den Gedanken. Aber sie hatte Recht.

„Was schlägst du vor?“

„Wir erzählen dem Team, dass wir am Marienplatz zuschlagen werden. Beim Neumond-Ritual. Volle Stärke, alle Mann.“

„Aber das ist die Wahrheit.“

„Ist es?“ Yuki lächelte dünn. „Oder ist es eine Falle? Was, wenn wir James sagen, wir greifen am Marienplatz an – aber in Wirklichkeit gehen wir woanders hin? Oder wir teilen die Kräfte. Oder –“

„Ich verstehe.“ Erik rieb sich das Gesicht. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn Katalin merkt, dass wir James durchschaut haben –“

„Dann ist er tot. Ich weiß.“ Yuki sah ihn ernst an. „Deshalb müssen wir schlau sein. Und schnell. Wir haben nur eine Woche.“


Fünf Tage vor dem Neumond

Erik rief ein Meeting ein. Alle waren da, inklusive James.

„Wir haben einen Plan“, verkündete Erik. „Für das Neumond-Ritual. Wir greifen an.“

„Wo?“ fragte Marcus.

„Marienplatz. Wo Katalin das Ritual durchführen wird. Wir können nicht alle sieben Orte schützen, also konzentrieren wir uns auf den einen, der zählt.“

„Ist das nicht genau das, was sie erwartet?“ fragte Sarah.

„Wahrscheinlich. Aber wir haben jetzt zwei Schlüssel. Das gibt uns einen Vorteil. Und wenn wir schnell zuschlagen, bevor sie das Ritual vollenden kann –“

„Könnten wir sie stoppen“, beendete Thomas. „Oder zumindest schwächen.“

„Genau.“ Erik sah in die Runde. Jedes Gesicht. Jeden Ausdruck.

James saß still da, machte Notizen.

„Wir gehen alle?“ fragte Marcus.

„Nein. Ich nehme ein kleines Team. Kenji, Sarah, zwei Rekruten. Der Rest bleibt hier, beschützt die Zentrale und Lukas.“ Erik sah zu James. „James, du bleibst hier. Wir brauchen jemanden mit Erfahrung, der die Verteidigung koordiniert.“

James nickte. „Verstanden.“

Aber Erik sah etwas aufblitzen in seinen Augen. Erleichterung? Oder etwas anderes?

Nach dem Meeting zog Erik Kenji und Sarah beiseite.

„Das war gelogen“, sagte Sarah leise. „Marienplatz ist nicht unser Ziel, oder?“

„Nein.“ Erik hielt die Stimme noch leiser. „Unser Ziel ist die Frauenkirche. James wird Katalin informieren, dass wir am Marienplatz sind. Sie wird ihre Kräfte dorthin schicken. Aber wir werden an der Frauenkirche sein, wo das echte Ritual stattfindet.“

„Bist du sicher, dass es dort ist?“ fragte Kenji.

„Die Schlüssel haben es mir gezeigt. Die Frauenkirche ist der stärkste Knotenpunkt. Wenn Katalin irgendwo ein großes Ritual macht, dann dort.“

„Und wenn du falsch liegst?“

„Dann sterben vierzehn Menschen, und wir verlieren.“ Erik sah ihnen in die Augen. „Aber ich liege nicht falsch.“


Zwei Tage vor dem Neumond

In der Nacht fand Yuki Erik in seinem Zimmer.

„Er hat angerufen. James. Gerade eben. Ich habe es abgefangen.“

„Was hat er gesagt?“

„Dass wir am Marienplatz zuschlagen werden. Neumond-Nacht. Mit zwei Schlüsseln und vollem Team.“ Yuki lächelte dünn. „Er hat alles weitergegeben.“

„Gut.“ Erik fühlte keine Freude. Nur Traurigkeit. James war ein guter Mann gewesen. War vielleicht immer noch einer. Aber Katalin hatte ihn gebrochen.

„Was tun wir mit ihm? Nach dem Ritual?“

„Das entscheiden wir, wenn wir überleben.“ Erik stand auf. „Jetzt konzentrieren wir uns auf die Frauenkirche. Und auf Katalin.“

„Erik.“ Yukis Stimme wurde sanfter. „Bist du bereit? Wirklich bereit? Zwei Schlüssel zu benutzen, im echten Kampf – nicht nur im Training – das könnte dich umbringen.“

„Ich weiß.“ Erik griff nach dem Rucksack, spürte die Schlüssel darin pulsieren. „Aber es ist der einzige Weg. Katalin ist zu mächtig. Ohne die Schlüssel habe ich keine Chance.“

„Mit den Schlüsseln hast du auch keine Chance. Nur eine bessere.“

„Dann nehme ich die bessere.“ Erik sah sie an. „Yuki, wenn etwas schiefgeht – wenn ich die Kontrolle verliere – versprich mir, dass du –“

„Nein.“ Sie unterbrach ihn. „Versprich mir nichts. Weil nichts schiefgehen wird. Du wirst Katalin stoppen. Wir werden die Stadt retten. Und danach –“ Sie lächelte. „Danach trinken wir Sake und feiern.“

„Sake?“

„Ich bin halb Japanerin. Es ist Tradition.“

Erik lachte, zum ersten Mal seit Tagen. „In Ordnung. Sake. Nach dem Sieg.“

„Nach dem Sieg.“

Sie verließ ihn.

Erik blieb allein zurück, mit den Schlüsseln und den Stimmen in seinem Kopf.

Morgen Nacht würde alles entschieden werden.

Morgen Nacht würde er Katalin gegenüberstehen.

Und entweder würde er gewinnen.

Oder er würde sterben.

Es gab nichts dazwischen mehr.


Währenddessen, in den Katakomben

Katalin lächelte, als Valentina den Bericht brachte.

„Er glaubt, er wäre schlau“, sagte sie. „Denkt, er könnte mich überlisten. Am Marienplatz zuschlagen, während ich an der Frauenkirche bin.“

„Aber du weißt es“, sagte Valentina.

„Natürlich weiß ich es. James mag ein Verräter sein, aber er ist ein vorhersehbarer Verräter.“ Katalin ging zu ihrer Karte, bewegte die Steine. „Schönwaldt denkt, er durchschaut das Spiel. Aber er spielt immer noch nach meinen Regeln.“

„Was ist der Plan?“

„Wir lassen ihn zur Frauenkirche kommen. Lassen ihn glauben, er hätte Recht. Und dann –“ Ihr Lächeln wurde kälter. „Dann nehmen wir ihm beide Schlüssel ab. Brechen sein Team. Und nehmen uns Lukas.“

„Und das Ritual?“

„Findet trotzdem statt. Nur nicht dort, wo er es erwartet. Nicht an der Frauenkirche. Nicht am Marienplatz.“ Katalin legte einen Stein an einen dritten Ort. „Sondern hier. Im Englischen Garten. Wo niemand schauen wird.“

„Brillant.“

„Natürlich.“ Katalin wandte sich ab. „Bereite alles vor. Vierzehn Opfer. Die Klinge. Die Schale. Und –“ Sie sah zu Valentina. „Bring mir Lukas. Zur Sicherheit. Falls Schönwaldt am Leben bleibt.“

„Verstanden.“

Valentina verschwand in die Schatten.

Katalin blieb allein zurück, starrte auf die Karte.

„Bald“, flüsterte sie. „Nur noch zwei Tage. Dann beginnt die wahre Jagd.“


Kapitel 6: Die Nacht vor dem Sturm

Der Tag vor dem Neumond war einer dieser grauen Wintertage, an denen die Sonne nie wirklich aufzugehen schien. München lag unter einer Decke aus Wolken, die so tief hingen, dass die Türme der Frauenkirche darin verschwanden.

Ein Omen, dachte Erik, als er aus dem Fenster der Zentrale starrte. Oder vielleicht war es nur schlechtes Wetter.

„Du solltest schlafen“, sagte Yuki hinter ihm.

Erik drehte sich um. Sie hatte zwei Tassen Kaffee in den Händen, reichte ihm eine.

„Kann nicht.“ Er nahm die Tasse, trank. Bitter und stark. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich–“

„Die Visionen aus dem Spiegel.“

„Ja.“ Erik setzte sich. „Die drei Zukünfte. Eine, in der ich verliere. Eine, in der ich gewinne, aber alle sterben. Eine, in der ich gewinne, aber die Macht mich korrumpiert.“

„Du hast gesagt, du findest einen vierten Weg.“

„Habe ich das?“ Erik lachte bitter. „Oder war das nur Arroganz? Hybris?“

Yuki setzte sich neben ihn. „Weißt du, was Helena mir einmal gesagt hat? Kurz bevor sie starb?“

„Was?“

„Dass Führung nicht bedeutet, immer die richtigen Antworten zu haben. Es bedeutet, weiterzumachen, auch wenn du sie nicht hast.“ Sie sah ihn an. „Du musst nicht perfekt sein, Erik. Du musst nur da sein. Für uns. Für die Stadt.“

„Und wenn ich versage?“

„Dann versagen wir zusammen.“ Sie lächelte schwach. „Aber das werden wir nicht. Weil du nicht allein bist. Wir sind ein Team.“

Erik nickte langsam. „Danke.“

Sie tranken ihren Kaffee in Stille. Draußen begann es zu schneien.


14 Stunden vor dem Ritual

Marcus versammelte das Einsatzteam im Trainingsraum.

„Letzte Durchsprache“, sagte er und aktivierte eine Projektion der Frauenkirche. „Das ist unser Ziel. Nicht der Marienplatz – das ist Ablenkung. Die Frauenkirche ist, wo Katalin das Ritual durchführen wird.“

Sarah, Kenji, und zwei der Rekruten – Lisa und David – standen um die Projektion herum.

„Warum sind wir so sicher?“ fragte Lisa. Sie war jung, Anfang Zwanzig, aber ihre Augen hatten schon zu viel gesehen.

„Weil Erik es gesehen hat“, antwortete Marcus. „Mit den Schlüsseln. Die Ley-Linien konvergieren dort. Es ist der stärkste Punkt in München.“

„Und Katalin weiß, dass wir das wissen“, fügte Sarah hinzu. „James hat ihr gesagt, wir greifen am Marienplatz an. Sie denkt, sie hat uns ausgetrickst.“

„Aber wir haben sie ausgetrickst“, sagte David. Er war älter, Mitte Dreißig, ehemaliger Soldat. Ruhig, aber tödlich.

„Hoffentlich.“ Marcus zoomte die Projektion heran. „Die Kirche hat drei Eingänge. Hauptportal, Seitenportale links und rechts. Wir teilen uns auf. Sarah und Lisa, ihr nehmt das Hauptportal. David und ich, linkes Seitenportal. Kenji und Erik, rechtes Seitenportal.“

„Warum trennen wir Erik und die Schlüssel von der Hauptgruppe?“ fragte Lisa.

„Weil die Schlüssel ein Ziel sind“, erklärte Marcus. „Wenn Katalin sie spürt, wird sie alle ihre Kräfte darauf konzentrieren. Wir müssen sie ablenken, teilen. Erik braucht Zeit, um nah genug heranzukommen.“

„Nah genug wofür?“ fragte David.

„Um das Ritual zu unterbrechen.“ Erik war eingetreten, den Rucksack mit den Schlüsseln über der Schulter. „Ich muss in den Bannkreis. Dort, wo Katalin die Opfer bringt. Und dann–“ Er zögerte. „Dann benutze ich beide Schlüssel. Gleichzeitig.“

Stille füllte den Raum.

„Das könnte dich töten“, sagte Sarah schließlich.

„Ja.“

„Gibt es keinen anderen Weg?“

„Nicht, den ich kenne.“ Erik trat zur Projektion. „Katalin ist tausend Jahre alt. Sie hat Macht, die ich nicht verstehe. Ohne die Schlüssel habe ich keine Chance gegen sie.“

„Mit den Schlüsseln auch nicht“, murmelte Marcus.

„Aber eine bessere.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Ich weiß, das ist gefährlich. Ich weiß, wir könnten alle sterben. Wenn jemand aussteigen will–“

„Niemand steigt aus“, unterbrach Sarah. „Wir sind dabei. Bis zum Ende.“

Die anderen nickten.

„Gut.“ Erik atmete tief durch. „Dann gehen wir das durch. Schritt für Schritt. Was machen wir, wenn–“


8 Stunden vor dem Ritual

Thomas fand Erik in der Kapelle.

Die Zentrale hatte eine kleine Kapelle – eigentlich nur ein umgebauter Lagerraum mit einem Kruzifix an der Wand und ein paar Kerzen. Aber es war ein Ort der Stille, und manchmal brauchte man Stille.

„Darf ich?“ fragte Thomas.

Erik nickte. „Natürlich.“

Thomas setzte sich auf die Bank neben ihm. „Betest du?“

„Ich weiß nicht.“ Erik sah das Kruzifix an. „Ich glaube nicht mehr so richtig an Gott. Nicht nach allem, was ich gesehen habe.“

„Das ist verständlich.“ Thomas faltete die Hände. „Aber manchmal beten wir nicht zu Gott. Wir beten zu denen, die wir verloren haben. Bitten sie um Kraft.“

„Helena. Clara. Meine Urgroßeltern.“ Erik schloss die Augen. „Denkst du, sie können mich hören?“

„Ich denke, wenn die Seele existiert – und nach allem, was wir gesehen haben, glaube ich, dass sie es tut – dann sind sie nicht weit. Besonders in Momenten wie diesen.“

„Was würde Helena sagen? Wenn sie hier wäre?“

Thomas dachte nach. „Sie würde sagen: Hör auf, dir Sorgen zu machen, und tu, was getan werden muss.“ Er lächelte. „Sie war sehr pragmatisch.“

„Sie war großartig.“

„Das war sie.“ Thomas‘ Lächeln verblasste. „Erik, ich muss dir etwas sagen. Für den Fall, dass morgen–“

„Nicht.“ Erik unterbrach ihn. „Sag es nicht. Wir werden alle überleben.“

„Vielleicht. Aber falls nicht–“ Thomas sah ihn ernst an. „Ich habe ein Testament hinterlassen. Bei Yuki. Darin sind Instruktionen, für den Fall meines Todes. Und Erik–“ Er zögerte. „Es gibt etwas in meiner Vergangenheit. Etwas, das ich nie jemandem erzählt habe. Aber wenn ich sterbe, wirst du es erfahren. Und ich hoffe, du wirst verstehen.“

„Was meinst du?“

„Das wirst du sehen. Oder auch nicht. Hoffentlich nicht.“ Thomas stand auf. „Aber für den Fall, dass doch – vergib mir. Für das, was ich getan habe. Und für das, was ich noch tun werde.“

„Thomas, du machst mir Angst.“

„Gut. Angst hält uns am Leben.“ Thomas ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Aber Erik – was auch immer passiert morgen – wisse, dass ich stolz war, an deiner Seite zu kämpfen.“

Er ging, bevor Erik antworten konnte.

Erik blieb allein zurück in der Kapelle, mit dem Kruzifix und den Kerzen und einem wachsenden Gefühl der Vorahnung.


4 Stunden vor dem Ritual

Anna kam zu Erik, als er seine Ausrüstung überprüfte.

„Kann ich mit dir reden?“ Ihre Stimme war angespannt.

„Natürlich.“ Erik legte die UV-Pistole beiseite. „Was ist los?“

„Lukas.“ Sie rang die Hände. „Er ist… seltsam heute. Unruhig. Weint viel. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, aber–“

„Wo ist er jetzt?“

„Im sicheren Raum. Mit Sarah.“ Anna sah Erik an, und ihre Augen waren rot vom Weinen. „Erik, ich habe Angst. Was, wenn Katalin es schafft? Was, wenn sie ihn nimmt?“

„Das wird nicht passieren.“ Erik nahm ihre Hände. „Ich verspreche es dir. Sarah ist bei ihm. Und Marcus bleibt in der Zentrale mit den Rekruten. Sie sind in Sicherheit.“

„Aber wenn–“

„Kein Wenn.“ Erik hielt ihren Blick. „Anna, hör mir zu. Ich werde nicht zulassen, dass Katalin Lukas nimmt. Ich sterbe eher.“

„Das ist genau das, was ich befürchte.“ Anna wischte sich die Augen. „Dass du stirbst. Und dann sind wir allein. Schutzlos.“

„Ich werde nicht sterben. Ich habe die Schlüssel. Ich habe das Team. Wir haben einen Plan.“

„Pläne scheitern.“

„Manchmal.“ Erik ließ ihre Hände los, griff nach dem Rucksack. „Aber manchmal gelingen sie auch. Und morgen–“ Er korrigierte sich. „Heute Nacht wird unser Plan gelingen. Darauf kannst du vertrauen.“

Anna nickte, aber die Angst blieb in ihren Augen.

Nach ihrem Weggang öffnete Erik den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, pulsierend im vertrauten Rhythmus.

Sie hat Recht, flüsterte einer. Pläne scheitern. Besonders deine, fügte der andere hinzu.

„Haltet die Klappe“, murmelte Erik und schloss den Rucksack.

Aber die Zweifel blieben.


2 Stunden vor dem Ritual

Das Team versammelte sich ein letztes Mal.

Marcus, Sarah, Kenji, Lisa, David. Alle in taktischer Ausrüstung, bewaffnet bis an die Zähne. UV-Waffen, gesegnete Klingen, Granaten mit Weihwasser.

Erik stand vor ihnen, den Rucksack über der Schulter.

„In zwei Stunden“, sagte er, „greifen wir an. Aber davor will ich etwas sagen.“

Er suchte nach Worten. Nach etwas Inspirierendem, Bedeutungsvollem. Etwas, das Helena gesagt hätte.

„Wir sind keine Armee“, begann er. „Wir sind keine Superhelden. Wir sind nur Menschen. Menschen, die entschieden haben, dass die Dunkelheit nicht gewinnen darf.“

Er sah jeden von ihnen an.

„Manche von uns werden heute Nacht vielleicht nicht zurückkommen. Das ist die Realität. Aber wenn wir gewinnen – wenn wir Katalin stoppen – dann haben wir nicht nur München gerettet. Wir haben gezeigt, dass normale Menschen gegen das Böse bestehen können.“

„Wir sind nicht normal“, sagte Sarah mit einem schiefen Lächeln. „Normale Menschen jagen keine Vampire.“

„Dann sind wir außergewöhnlich normale Menschen.“ Erik lächelte zurück. „Das Beste von beiden Welten.“

Ein leises Lachen durchlief die Gruppe.

„Egal was passiert“, fuhr Erik fort, „ich bin stolz, mit euch zu kämpfen. Ihr seid–“

Ein Alarm unterbrach ihn. Schrill, durchdringend. Der Sicherheitsalarm.

„Was zum–“ Marcus griff nach seinem Kommunikator. „Zentrale! Was ist los?“

Yukis Stimme, panisch: „Angriff! Sie sind in der Zentrale! Sie–“

Statisches Rauschen.

Dann Stille.

„YUKI!“ Erik rannte zur Tür. „Alle, mit mir! JETZT!“

Sie stürmten durch die Korridore, Waffen gezogen. Die Zentrale war nur zwei Stockwerke tiefer, aber es fühlte sich an wie Meilen.

Erik erreichte den sicheren Raum zuerst.

Die Tür war aufgebrochen. Nicht eingetreten – aufgebrochen. Als hätte eine gewaltige Kraft sie einfach aus den Angeln gerissen.

Drinnen: Chaos.

Möbel umgeworfen. Spielzeug überall verstreut. Und Blut. Nicht viel, aber genug.

Sarah lag am Boden, bewusstlos aber atmend. Eine Wunde an der Stirn.

Aber Lukas–

Lukas war weg.

„NEIN!“ Erik stolperte in den Raum, suchte verzweifelt. Unter dem Bett, hinter den Möbeln. Aber das Kind war nicht da.

Anna schrie, als sie den Raum sah. Marcus hielt sie zurück.

„Erik!“ Kenji rief von der Tür. „Hier. Eine Nachricht.“

An der Wand, in Blut geschrieben:

Das Kind ist meins. Komm es holen. Englischer Garten. Mitternacht. Komm allein, oder es stirbt. – K.

Erik starrte auf die Worte, sein Verstand raste.

Englischer Garten. Nicht Frauenkirche. Nicht Marienplatz.

Ein dritter Ort.

„Sie hat uns ausgetrickst“, flüsterte Yuki hinter ihm. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf, aber war bei Bewusstsein. „James hat ihr gesagt, wir greifen die Frauenkirche an. Aber das war, was sie wollte, dass wir denken, dass sie denkt–“ Sie hielt inne. „Es ist ein dreifaches Spiel. Sie war die ganze Zeit drei Schritte voraus.“

„Wie ist sie reingekommen?“ fragte Marcus.

„Durch die Kanalisation.“ Yuki deutete auf ein Gitter in der Ecke. „Sie haben es von unten aufgebrochen. Drei Vampire, vielleicht vier. Zu schnell, um sie zu stoppen.“

„Und James?“ Erik’s Stimme war kalt.

„Weg. Sein Zimmer ist leer. Er ist mit ihnen gegangen.“

Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Verdammt. Verdammt, verdammt, VERDAMMT!“

Er schlug gegen die Wand, einmal, zweimal. Seine Knöchel bluteten.

„Erik.“ Anna war zu ihm gekommen, Tränen strömten über ihr Gesicht. „Bitte. Hol ihn zurück. Hol meinen Sohn zurück.“

„Ich werde.“ Erik wandte sich zu ihr, nahm ihre Hände. „Ich schwöre es. Ich bringe ihn zurück.“

„Aber die Nachricht sagt, komm allein“, sagte Sarah. Sie war jetzt wach, mit Kenjis Hilfe aufgestanden. „Das ist eine Falle.“

„Natürlich ist es eine Falle.“ Erik ging zur Tür. „Aber ich habe keine Wahl.“

„Du hast immer eine Wahl“, sagte Kenji. „Und die Wahl ist: Wir kommen mit dir.“

„Nein. Zu gefährlich.“

„Erik.“ Marcus stellte sich ihm in den Weg. „Wir sind ein Team. Du gehst nicht allein.“

„Aber–“

„Kein Aber.“ Sarah war neben Marcus getreten. „Wir haben uns nicht dem Kampf angeschlossen, um dich allein sterben zu lassen.“

Erik sah von einem zum anderen. Entschlossene Gesichter. Keine Angst. Nur Entschlossenheit.

„In Ordnung“, sagte er schließlich. „Aber wir ändern den Plan. Englischer Garten statt Frauenkirche. Und wir müssen davon ausgehen, dass Katalin alles weiß. Jeden Zug.“

„Dann improvisieren wir“, sagte Marcus.

„Wie lange haben wir?“ fragte David.

Erik sah auf die Uhr. „Neunzig Minuten. Bis Mitternacht.“

„Dann bewegen wir uns.“ Marcus aktivierte seinen Kommunikator. „Alle verfügbaren Einheiten, Sammelpunkt Eingang Nord des Englischen Gartens. Volle Kampfausrüstung. Wir haben einen Rettungseinsatz.“


1 Stunde vor dem Ritual

Sie fuhren in drei Fahrzeugen. Unauffällig, dunkel, ohne Sirenen. Erik in dem ersten, mit Kenji und Sarah. Marcus im zweiten mit Lisa und David. Das dritte mit vier weiteren Rekruten – alles, was die Zentrale entbehren konnte.

Der Englische Garten war bei Nacht verlassen. Die Tore waren geschlossen, aber das hielt Vampire nicht auf. Es hielt auch die Nachtwache nicht auf.

Sie parkten außerhalb der Sichtweite, näherten sich zu Fuß.

Der Park war riesig. 375 Hektar Wald, Wiesen, Bäche mitten in München. Und irgendwo darin: Katalin, Lukas, und das Ritual.

„Wo genau?“ fragte Sarah.

Erik öffnete den Rucksack, nahm beide Schlüssel in die Hände.

Der Schock war sofort da, aber er war darauf vorbereitet. Atmete durch. Fand den Rhythmus.

Die Welt veränderte sich. Farben verblassten. Schatten vertieften sich.

Und er sah sie. Die Ley-Linien. Sie liefen durch den Park, konvergierten an einem Punkt.

„Der Monopteros“, sagte er. Öffnete die Augen, ließ die Schlüssel los. „Der griechische Tempel auf dem Hügel. Dort ist sie.“

„Natürlich.“ Marcus lud seine Waffe durch. „Der exponierteste Punkt im ganzen Park.“

„Sie will gesehen werden“, sagte Kenji. „Es ist eine Botschaft. An uns. An die Stadt.“

„Dann geben wir ihr eine Antwort.“ Erik schulterte den Rucksack. „Wir gehen rein. Schnell, leise. Wenn das Ritual beginnt, wenn sie abgelenkt ist – dann schlagen wir zu.“

„Und Lukas?“ fragte Sarah.

„Befreien wir zuerst. Dann töten wir Katalin.“

„Einfacher Plan.“

„Die besten Pläne sind einfach.“

Sie bewegten sich durch den Park. Der Schnee dämpfte ihre Schritte. Bäume warfen lange Schatten im schwachen Mondlicht.

Erik spürte die Schlüssel in seinem Rucksack pulsieren, stärker jetzt. Sie spürten die Nähe. Die Nähe von…etwas.

Dem Monopteros näherten sie sich von Süden. Eine kleine Erhebung, gekrönt von einem runden griechischen Tempel mit Säulen. Zehn Säulen, die ein flaches Dach trugen.

Und in der Mitte, auf dem erhöhten Podest: Katalin.

Sie stand im Zentrum eines Kreises. Ein Kreis aus Kerzen, aus Symbolen, aus Blut. Um sie herum: Körper. Vierzehn Menschen, aufgereiht wie Speichen eines Rades.

Manche bewegten sich noch. Schwach, stöhnend. Andere waren bereits still.

Und vor Katalin, in einem kleineren Kreis: Lukas.

Das Kind weinte. Laut, verzweifelt. Aber niemand kam, um es zu trösten.

Vampire standen Wache. Mindestens zwanzig, um den Monopteros herum. Valentina war unter ihnen, ihr weißes Haar leuchtete im Mondlicht.

„Zu viele“, flüsterte Marcus.

„Wir haben keine Wahl.“ Erik sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis Mitternacht. „Wir teilen uns auf. Du und die Rekruten, ihr lenkt die Vampire ab. Kenji, Sarah, und ich – wir holen Lukas.“

„Das ist Selbstmord.“

„Vielleicht.“ Erik griff nach den Schlüsseln. „Aber es ist der einzige Weg.“


Mitternacht

Der Angriff begann mit Explosionen.

Marcus und sein Team hatten UV-Granaten um den Monopteros herum platziert. Auf sein Signal detonierten sie alle gleichzeitig.

Gleißendes Licht explodierte. Vampire schrien, stolperten zurück, ihre Haut rauchte.

In der Verwirrung stürmten Erik, Sarah und Kenji vor.

Erik hatte beide Schlüssel in den Händen. Die Energie floss durch ihn, machte ihn schneller, stärker. Er riss durch die erste Reihe von Vampiren, die Schlüssel glühten wie Flammen.

Einer versuchte ihn zu packen. Erik berührte ihn mit dem Schlüssel. Der Vampir explodierte in Asche.

„WOW“, hörte er Sarah hinter sich schreien.

Sie erreichten die Stufen des Monopteros. Katalin stand noch immer im Zentrum, unbeeindruckt von dem Chaos.

„Du bist gekommen“, sagte sie lächelnd. „Natürlich bist du das. So vorhersehbar.“

„Lass das Kind gehen!“ Erik hob die Schlüssel.

„Nein.“ Katalins Lächeln wurde breiter. „Das Kind bleibt. Es ist der Schlüssel zu allem. Oder besser gesagt–“ Sie deutete auf Lukas. „Er wird der dritte Schlüssel.“

„Was?“

„Du dachtest, es gäbe nur drei Seelenschlüssel? Metall und Magie?“ Katalin lachte. „Nein, Erik Schönwaldt. Der dritte Schlüssel ist kein Objekt. Es ist eine Person. Ein Kind, geboren in der Dunkelheit, berührt von ihr, aber nicht von ihr verschlungen. Lukas Berger ist der dritte Schlüssel.“

Erik erstarrte.

Das ergab…Sinn. Die Prophezeiung. „Drei Schlüssel. Drei Träger.“ Er hatte gedacht, es wären drei Menschen, die die Schlüssel trugen. Aber was, wenn…

„Du verstehst“, sagte Katalin. „Endlich. Du hast zwei. Ich habe den dritten. Und jetzt–“ Sie hob die Hände. „Nehme ich dir deine auch ab.“

Schatten explodierten aus ihr. Nicht normale Schatten. Lebende Schatten, mit Klauen und Zähnen.

Sie griffen Erik an, Sarah, Kenji. Zerrten sie zu Boden.

Erik versuchte sich zu wehren, aber es waren zu viele. Die Schlüssel glühten, verbrannten einige der Schatten, aber mehr kamen.

Er spürte, wie sie nach den Schlüsseln griffen, versuchten sie aus seinen Händen zu reißen.

„NEIN!“ Erik hielt fest. Die Energie floss durch ihn, verbrannte ihn von innen. Aber er ließ nicht los.

„Stur“, bemerkte Katalin. „Aber zwecklos.“

Sie trat näher. Ihre Augen glühten rot, uralt, mächtig.

„Gib sie mir. Freiwillig. Und ich lasse Lukas leben. Ich brauche ihn nur für das Ritual, dann ist er frei.“

„Lügen.“ Erik keuchte. „Du wirst ihn töten.“

„Vielleicht. Vielleicht nicht. Aber wenn du nicht aufgibst–“ Sie deutete auf seine Gefährten. Sarah und Kenji wurden von Vampiren festgehalten, Klingen an ihren Kehlen. „Dann sterben sie. Und Lukas stirbt auch. Und du stirbst. Alle sterben. Ist das, was du willst?“

Erik sah zu Sarah. Zu Kenji. Ihre Augen trafen seine.

Sarah nickte langsam. Tu es.

Kenji lächelte schwach. Es ist in Ordnung.

Sie waren bereit zu sterben.

Aber war er bereit, sie sterben zu lassen?

Der Spiegel in Wien hatte ihm drei Zukünfte gezeigt. In einer verlor er. In einer gewann er, aber alle starben. In einer gewann er, aber wurde korrumpiert.

Und er hatte gesagt, er würde einen vierten Weg finden.

Aber welchen?

Seine Hände zitterten um die Schlüssel. Die Stimmen flüsterten, drängten.

Kämpfe, sagte der eine. Gib auf, sagte der andere. Oder, flüsterte eine dritte Stimme – seine eigene – opfere dich.

Ein vierter Weg.

Erik sah zu Katalin.

„In Ordnung“, sagte er. „Ich gebe dir die Schlüssel.“

„ERIK, NEIN!“ schrie Sarah.

„Aber–“ Erik erhob sich langsam. Die Schatten ließen ihn los. „Unter einer Bedingung.“

„Du bist nicht in der Position zu verhandeln.“

„Dennoch.“ Erik hielt die Schlüssel hoch. „Du lässt Lukas gehen. Jetzt. Sofort. Und Sarah und Kenji. Und alle anderen. Du lässt sie alle gehen.“

„Und im Gegenzug?“

„Ich bleibe. Mit den Schlüsseln. Du kannst mich benutzen. Für dein Ritual. Anstelle von Lukas.“

Katalins Augen verengten sich. „Du würdest dich opfern?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil das der vierte Weg ist.“ Erik lächelte bitter. „Der Spiegel zeigte mir drei Zukünfte. Aber er zeigte mir nicht die vierte. Die, in der ich mich selbst opfere, um alle anderen zu retten.“

Stille.

Dann lachte Katalin. Lang und laut. „Brillant. Wirklich brillant. Du überrascht mich, Erik Schönwaldt. Aber–“ Ihr Lächeln verschwand. „Nein. Dein Opfer ist wertlos. Ich brauche Lukas, nicht dich. Er ist der Schlüssel. Ohne ihn funktioniert das Ritual nicht.“

„Dann nimm uns beide.“

„Was?“

„Das Ritual braucht drei Schlüssel, richtig? Du hast keinen physischen dritten Schlüssel. Du brauchst Lukas. Aber was, wenn–“ Erik dachte fieberhaft. „Was, wenn es auch mit mir funktioniert? Ich bin der Träger von zwei Schlüsseln. Vielleicht bin ich genug.“

Katalin betrachtete ihn. „Das…ist eine interessante Theorie.“

„Teste sie. Versuch es mit mir statt mit ihm. Wenn es funktioniert, hast du gewonnen. Wenn nicht–“ Erik zuckte die Schultern. „Dann hast du immer noch Lukas als Backup.“

„Und warum sollte ich das Risiko eingehen?“

„Weil du neugierig bist.“ Erik sah ihr in die Augen. „Ich habe es in Wien gesehen. Du lebst seit tausend Jahren. Nichts überrascht dich mehr. Aber das hier – die Möglichkeit, dass ein Träger von zwei Schlüsseln als dritter fungieren könnte – das ist neu. Das willst du wissen.“

Katalin schwieg lange.

Dann: „In Ordnung. Wir versuchen es. Aber–“ Sie schnippte mit den Fingern. Die Vampire packten Sarah und Kenji fester. „Wenn du versuchst zu fliehen, wenn du auch nur zuckst – sie sterben. Verstanden?“

„Verstanden.“

Erik ging langsam die Stufen hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er zu seinem Tod gehen.

Vielleicht tat er das.

Katalin wartete im Zentrum des Kreises. Die vierzehn Opfer lagen um sie herum, einige noch atmend.

Und Lukas, weinend im kleineren Kreis.

„Tritt ein“, sagte Katalin.

Erik trat in den Kreis.

Sofort spürte er es. Eine gewaltige Kraft, die durch den Boden floss. Die Ley-Linien, alle konvergierend hier. Energie, so roh und mächtig, dass es schmerzte.

„Knie nieder.“

Erik kniete.

Katalin trat hinter ihn, legte die Hände auf seine Schultern. Ihre Berührung war eiskalt.

„Die Schlüssel“, sagte sie. „Leg sie vor dir nieder.“

Erik zögerte. Dann legte er beide Schlüssel vor sich auf den Boden.

Sofort begannen sie zu glühen. Heller und heller. Golden und rot, sich vermischend.

Katalin begann zu singen. Oder chanten. Worte in einer Sprache, die Erik nicht kannte. Alt, mächtig, jedes Wort vibrierte in seinen Knochen.

Die Ley-Linien begannen zu pulsieren. Sichtbar jetzt, auch ohne die Schlüssel zu berühren. Goldene Fäden, die durch den Boden liefen, sich im Kreis trafen.

Und dann: Schmerz.

Als hätte jemand tausend Nadeln in seinen Körper gestoßen. Erik schrie, konnte nicht anders.

Die Energie floss in ihn, durch ihn, aus ihm heraus. Die Schlüssel saugten sie auf, glühten heller.

„Ja“, flüsterte Katalin. „Es funktioniert. Du bist genug. Zwei Schlüssel in einem Träger – das ist mehr als genug für das Ritual.“

Erik versuchte sich zu bewegen, aber er konnte nicht. Die Energie hielt ihn fest, lähmte ihn.

Er sah zu Lukas. Das Kind hatte aufgehört zu weinen, starrte ihn mit großen Augen an.

Tut mir leid, dachte Erik. Ich habe versucht–

Und dann, unerwartet: Lukas lächelte.

Ein seltsames Lächeln. Zu wissend für ein zweijähriges Kind.

Und aus dem Kind kam eine Stimme. Nicht Lukas‘ Stimme. Eine andere. Tiefer. Älter.

„Dummer Vampir. Du hast vergessen, wen du hier wirklich gefangen hast.“

Katalin erstarrte. „Was–“

Licht explodierte aus Lukas. Nicht das gleiche Licht wie von den Schlüsseln. Etwas anderes. Weißer. Reiner.

Und eine Gestalt materialisierte sich neben dem Kind.

Eine Frau. Durchscheinend, wie ein Geist. Mit dunklem Haar und grünen Augen.

Helena.

„Du“, keuchte Katalin.

„Mich“, bestätigte Helenas Geist. „Du dachtest, ich wäre tot. Ich bin es auch. Aber nicht ganz.“ Sie sah zu Erik. „Tut mir leid, dass ich dich nicht früher informiert habe. Aber es musste überzeugend sein.“

Erik starrte sie an. „Du…bist in Lukas?“

„Ein Fragment von mir. Seit meinem Tod. Ich wusste, Katalin würde das Kind jagen. Also habe ich mich darin versteckt. Gewartet. Und jetzt–“ Sie wandte sich zu Katalin. „Jetzt beende ich, was ich beim Odeonsplatz begonnen habe.“

„Du kannst mich nicht aufhalten“, zischte Katalin. „Du bist nur ein Geist!“

„Aber ich bin ein Geist mit Zugang zu den Ley-Linien. Durch Lukas. Durch Erik. Durch die Schlüssel.“ Helena hob die Hände. „Und jetzt nutze ich sie.“

Die Energie kehrte sich um.

Statt in Erik zu fließen, aus den Ley-Linien in die Schlüssel, floss sie zurück. Aus den Schlüsseln, in die Linien, und zurück nach…

Katalin.

Die Vampirin schrie. Versuchte, sich zu lösen. Aber die Energie hielt sie fest.

„NEIN! Das ist unmöglich!“

„Nichts ist unmöglich“, sagte Helena ruhig. „Das habe ich dir immer gesagt. Erik – die Schlüssel! Benutze sie! Jetzt!“

Erik griff nach ihnen. Die Lähmung war weg. Seine Hände schlossen sich um beide Schlüssel.

Energie explodierte durch ihn. Aber diesmal fühlte es sich anders an. Nicht schmerzhaft. Kontrolliert.

Weil Helena da war. Sie lenkte die Energie, leitete sie durch ihn.

„Töte sie“, flüsterte Helena. „Beende es.“

Erik stand auf. Die Schlüssel glühten so hell, dass er kaum hinsehen konnte. Er wandte sich zu Katalin.

Die Vampirin war auf den Knien, gefangen in einem Netz aus purer Energie.

„Du…kannst mich nicht töten“, keuchte sie. „Ich bin…unsterblich…“

„Niemand ist unsterblich.“ Erik hob die Schlüssel. „Nicht einmal du.“

Und er stieß zu.

Beide Schlüssel trafen Katalins Herz. Gleichzeitig.

Licht explodierte.


Kapitel 7: Die Asche und das Licht

Das Licht war so hell, dass Erik für einen Moment dachte, er wäre erblindet.

Es explodierte aus Katalins Körper, aus den Schlüsseln, aus dem Ritualkreis selbst. Weiß und golden und rot, alles vermischt zu einer Farbe, die keine irdische Farbe war.

Erik wurde zurückgeschleudert. Flog durch die Luft, landete hart auf den Steinstufen des Monopteros. Die Schlüssel fielen aus seinen Händen, rollten davon.

Für einen Moment war alles still.

Dann: ein Schrei.

Nicht menschlich. Nicht einmal vampirisch. Es war der Schrei von etwas Uraltem, das starb. Von etwas, das nicht sterben sollte, aber dennoch tat.

Erik zwang sich, die Augen zu öffnen.

Katalin stand noch immer. Oder das, was von ihr übrig war.

Ihr Körper begann zu zerfallen. Nicht zu Asche, wie bei normalen Vampiren. Sondern zu…Schatten. Dunkelheit, die sich auflöste, zerstreute, im Wind davongetragen wurde.

Ihre Augen – einst rot und glühend – wurden matt. Leer.

„Das…ist unmöglich“, flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum noch hörbar. „Ich bin…die Große Mutter…ich kann nicht…“

„Doch“, sagte Helena. Ihr Geist stand neben Erik, durchscheinend aber deutlich sichtbar. „Du kannst. Und du tust es. Tausend Jahre waren genug.“

Katalin sank auf die Knie. Ihre Hände griffen nach Erik, aber bevor sie ihn erreichen konnten, lösten sie sich auf. Finger zu Schatten. Arme zu Dunst.

„Verflucht…sei…ihr…alle…“

Ihre letzten Worte. Dann war sie weg.

Nur ein Haufen Asche blieb zurück. Und ein Geruch – süßlich, verrottet, uralt.

Erik keuchte. Sein ganzer Körper schmerzte. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine wollten nicht gehorchen.

„Ruhig.“ Helena kniete neben ihm. Obwohl sie ein Geist war, schien sie ihn fast zu berühren. „Du hast zu viel Energie durchfließen lassen. Du brauchst Zeit.“

„Die Opfer“, presste Erik hervor. „Die vierzehn Menschen. Sind sie–“

„Einige leben noch. Sarah und Kenji kümmern sich bereits um sie.“

Erik sah zum Kreis. Tatsächlich – Sarah war von den Vampiren befreit worden, die im Chaos von Katalins Tod geflohen waren. Sie ging von Opfer zu Opfer, überprüfte Pulse.

„Sechs sind tot“, sagte sie laut. „Acht leben. Aber sie brauchen sofort medizinische Hilfe.“

„Marcus!“ Erik’s Stimme war heiser. „Wo ist Marcus?“

„Hier.“ Der große Mann kam die Stufen hoch, sein Gesicht rußgeschwärzt, eine Wunde an der Schulter. Aber er lebte. „Die Vampire sind geflohen. Etwa fünf haben wir erwischt, der Rest ist in den Park entkommen. Darunter–“ Er zögerte. „Darunter Valentina.“

„Verdammt.“ Erik versuchte wieder aufzustehen. Diesmal gelang es. „Und Lukas?“

„Er ist in Sicherheit.“ Kenji trug das Kind, das jetzt friedlich schlief. „Das Fragment, das Helena zurückgelassen hatte – es ist weg. Er ist wieder nur ein normales Kind.“

Erik sah zu Helenas Geist. „Du warst die ganze Zeit da. In ihm. Seit deinem Tod.“

„Ein Teil von mir.“ Helena lächelte traurig. „Ich wusste, dass ich sterben würde. Am Odeonsplatz, beim Ritual. Aber ich wusste auch, dass Katalin wiederkommen würde. Und dass sie Lukas jagen würde, weil er…besonders ist.“

„Der dritte Schlüssel.“

„Ja und nein.“ Helena stand auf, ging zum Zentrum des Kreises. „Das war eine Lüge. Oder besser gesagt, eine Halbwahrheit. Lukas ist nicht der dritte Schlüssel. Er war nur ein Gefäß. Für mich. Für den Moment, in dem ich gebraucht würde.“

„Aber Katalin glaubte, er wäre es.“

„Und das war der Plan. Sie fokussierte sich auf ihn, ignorierte die wirkliche Bedrohung.“ Helena deutete auf Erik. „Dich. Mit zwei Schlüsseln. Du warst immer der Schlüssel zu ihrem Untergang.“

Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten immer noch von der Energie. „Ich habe sie getötet.“

„Nein. Wir haben sie getötet. Zusammen.“ Helenas Blick wurde sanfter. „Erik, du musst verstehen – das hier ist nicht vorbei. Katalin war die Anführerin, aber es gibt noch andere. Valentina. Dimitri. Dutzende von Vampiren, die ihr gedient haben. Sie werden Rache wollen.“

„Dann jagen wir sie.“

„Das wirst du. Aber nicht heute.“ Helena begann zu verblassen. „Ich muss gehen. Das Fragment, das ich in Lukas gelassen hatte – es war nie dazu gedacht, dauerhaft zu sein. Jetzt, wo Katalin tot ist, gibt es keinen Grund mehr zu bleiben.“

„Warte!“ Erik stolperte vor. „Du kannst nicht einfach wieder gehen. Ich habe so viele Fragen. Über die Schlüssel, über–“

„Die Antworten wirst du finden. Mit der Zeit.“ Helena lächelte. „Aber eine Sache will ich dir noch sagen: Der dritte Schlüssel existiert. Wirklich. Nicht Lukas, aber etwas anderes. Irgendwo. Und wenn Katalins Verbündete ihn finden, bevor du es tust–“

„Wo ist er?“

„Schloss Falkenstein.“ Helenas Stimme war jetzt kaum noch ein Flüstern. „Wo alles begann. Dort ist der dritte Schlüssel. Versteckt. Wartend. Aber Erik – sei vorsichtig. Das Schloss ist nicht verlassen. Und wer auch immer dort ist…ist nicht dein Freund.“

„Helena, warte, ich–“

Aber sie war bereits verschwunden. Nur ein letztes Leuchten blieb, dann nichts.

Erik stand da, allein, mit den zwei Schlüsseln zu seinen Füßen und einem brennenden Gefühl der Leere in der Brust.

„Sie ist weg“, sagte Sarah leise hinter ihm. „Wieder.“

„Ja.“ Erik bückte sich, hob die Schlüssel auf. Sie waren kalt jetzt, inert. Als hätten sie all ihre Energie verbraucht. „Aber sie hat uns gerettet. Ein letztes Mal.“

„Das hat sie.“ Sarah legte ihm die Hand auf die Schulter. „Komm. Wir müssen die Verwundeten versorgen. Und dann–“ Sie sah über den Park, zu den brennenden Lichtern von München in der Ferne. „Dann müssen wir entscheiden, was als Nächstes kommt.“


Drei Stunden später – Zentrale der Nachtwache

Die Krankenstation war überfüllt.

Acht Überlebende des Rituals, alle in verschiedenen Stadien der Verletzung. Kenji und zwei der Rekruten, die medizinische Ausbildung hatten, arbeiteten durchgehend. Verbände. Infusionen. Notfallbehandlungen.

Yuki koordinierte von der Kommandozentrale aus. Krankenwagen waren gerufen worden – mit sorgfältig konstruierten Cover-Geschichten. Ein Unfall im Park. Gasexplosion vielleicht. Die Behörden würden Fragen stellen, aber die Nachtwache hatte Verbindungen. Wege, um Dinge…zu managen.

Erik saß in seinem Büro, starrte auf die zwei Schlüssel auf seinem Schreibtisch.

Sie glühten nicht mehr. Flüsterten nicht. Sie waren nur…Metall. Alte, schwere Schlüssel aus einer anderen Zeit.

Aber er wusste, dass das eine Täuschung war. Die Macht war noch da. Ruhend. Wartend.

Ein Klopfen an der Tür.

„Herein.“

Anna trat ein, Lukas auf dem Arm. Das Kind war wach, lächelte, griff spielerisch nach ihrer Halskette.

„Ich wollte mich verabschieden“, sagte sie leise. „Michael kommt, um uns abzuholen. Wir…wir gehen für eine Weile weg. Aus München. Vielleicht aufs Land. Irgendwohin, wo es sicher ist.“

„Das ist klug.“ Erik stand auf. „Anna, es tut mir leid. Für alles. Für die Gefahr, in die ich euch gebracht habe.“

„Du hast uns nicht in Gefahr gebracht. Katalin hat das.“ Anna trat näher. „Und du hast uns gerettet. Lukas, mich, die ganze Stadt. Wie kann ich dir jemals danken?“

„Indem du ein gutes Leben führst. Mit ihm.“ Erik streichelte Lukas über den Kopf. Das Kind kicherte. „Lass ihn normal aufwachsen. Ohne Monster. Ohne Dunkelheit.“

„Das werde ich versuchen.“ Anna zögerte. „Erik…was Helena getan hat. Das Fragment in Lukas. Glaubst du, es hat ihm geschadet? Langfristig?“

„Kenji sagt nein. Alle Tests sind normal. Er ist gesund, glücklich, unberührt.“ Erik lächelte. „Helena hat ihn beschützt. Selbst im Tod.“

„Sie war eine großartige Frau.“

„Das war sie.“

Anna ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Wenn ihr mich braucht – wenn die Dunkelheit zurückkommt – ruft mich an. Ich bin vielleicht keine Kämpferin, aber ich bin eine Mutter. Und Mütter tun alles, um ihre Kinder zu schützen.“

„Das weiß ich.“ Erik nickte. „Pass auf euch auf.“

Sie ging. Die Tür schloss sich.

Erik blieb allein zurück mit den Schlüsseln und den Gedanken und einer wachsenden Erkenntnis:

Das war nicht vorbei.

Valentina lebte noch. Dimitri auch. Und irgendwo, in Schloss Falkenstein, wartete der dritte Schlüssel.

Das Spiel war noch nicht zu Ende.


Am nächsten Morgen

Das Team versammelte sich im Konferenzraum.

Alle sahen erschöpft aus. Marcus mit verbundener Schulter. Sarah mit einem blauen Auge. Kenji bleich von durchgearbeiteter Nacht. Yuki mit Kaffee, der bereits kalt war, aber sie trank ihn trotzdem.

Und ein leerer Stuhl. Für James.

„Er ist weg“, verkündete Yuki. „Komplett verschwunden. Ich habe alle Kontakte überprüft, alle möglichen Verstecke. Nichts.“

„Er ist mit ihnen gegangen“, sagte Marcus bitter. „Mit Valentina. Als Katalin fiel, haben sie ihn mitgenommen.“

„Oder er ist freiwillig gegangen“, fügte Sarah hinzu. „Aus Angst. Aus Scham.“

„Spielt es eine Rolle?“ Erik sah in die Runde. „Er ist weg. Und wir müssen entscheiden: Jagen wir ihn? Oder lassen wir ihn gehen?“

„Er ist ein Verräter“, sagte Marcus. „Er hat Lukas‘ Entführung ermöglicht. Fast hätten wir alle sterben können.“

„Aber er wurde erpresst“, erinnerte Kenji. „Seine Tochter war in Gefahr. Kann man einem Mann vorwerfen, dass er sein Kind retten wollte?“

„Ja“, sagte Marcus fest. „Wenn dabei andere Kinder in Gefahr geraten.“

„Genug.“ Erik hob die Hand. „Wir diskutieren nicht über Philosophie. Die Fakten sind: James ist weg. Er könnte eine Bedrohung sein, oder er könnte einfach nur ein gebrochener Mann sein, der flieht. Wir haben größere Probleme.“

„Wie?“ fragte Sarah.

„Valentina. Sie hat etwa fünfzehn Vampire mit sich genommen. Sie sind irgendwo in der Stadt, oder außerhalb. Verwundet, aber nicht besiegt.“

„Und Dimitri?“ fragte Yuki.

„Keine Spur. Er war nicht am Englischen Garten. Entweder wusste er, dass es eine Falle war, oder er ist auf einer anderen Mission.“

„Und dann“, sagte Marcus, „ist da noch der dritte Schlüssel. Helena sagte, er ist in Schloss Falkenstein.“

„Ja.“ Erik lehnte sich zurück. „Das ist unser nächster Schritt. Aber nicht sofort. Wir brauchen Zeit. Heilung. Vorbereitung.“

„Wie viel Zeit?“ fragte Sarah.

„Einen Monat. Bis zum nächsten Ritual.“

„Warte.“ Yuki sah auf. „Welches Ritual? Katalin ist tot.“

„Aber ihre Pläne leben weiter.“ Erik stand auf, ging zur Karte von München an der Wand. „Sie hatte sechs Rituale geplant. Eins haben wir verhindert – das Neumond-Ritual. Aber das bedeutet nicht, dass die anderen aufgeben. Valentina, Dimitri, wer auch immer ihre Verbündeten sind – sie werden weitermachen. Vielleicht anders, vielleicht schwächer, aber sie werden es versuchen.“

„Also kämpfen wir weiter.“

„Wir kämpfen weiter.“ Erik wandte sich zu ihnen. „Aber diesmal sind wir vorbereitet. Wir wissen, was kommt. Und wir haben zwei Schlüssel. Wenn wir den dritten bekommen–“

„Dann sind wir unstoppbar“, beendete Marcus.

„Oder wir werden korrumpiert von der Macht“, sagte Kenji leise. „Vergiss nicht, was der Spiegel gezeigt hat. Drei Zukünfte. In zweien geht es schlecht aus.“

„Deshalb bleiben wir wachsam.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir sind ein Team. Wir halten uns gegenseitig im Zaum. Und wenn ich jemals anfange, die Kontrolle zu verlieren – wenn die Schlüssel mich zu verändern beginnen – dann stoppt ihr mich. Mit Gewalt, wenn nötig.“

„Das werden wir“, versprach Sarah.

„Gut.“ Erik setzte sich wieder. „Dann ist der Plan: Einen Monat Pause. Wir heilen. Wir trainieren. Wir recherchieren alles über Falkenstein. Und dann–“

„Dann gehen wir zurück“, sagte Marcus. „Zurück dorthin, wo alles begann.“

„Genau.“


Zwei Wochen später

Erik stand vor zwei Gräbern.

Das erste: HELENA KONSTANTIN, 1979-2024. Geliebte Freundin, Mentorin, Anführerin.

Das zweite: Ein leerer Grabstein. Für diejenigen, die keine Gräber hatten. Für Clara. Für seine Urgroßeltern. Für alle, die die Nachtwache verloren hatte.

Er legte Blumen auf beide nieder.

„Ich vermisse dich“, sagte er leise. „Beide. Alle.“

Der Wind trug seine Worte davon.

„Aber ich mache weiter. Für euch. Für die Stadt. Für alle, die noch gerettet werden können.“

Er wandte sich zum Gehen.

Und erstarrte.

Am Rand des Friedhofs stand eine Gestalt. Im Schatten eines Baumes. Zu weit entfernt, um Details zu erkennen.

Aber Erik spürte es. Die Präsenz. Alt. Mächtig. Vertraut.

„Lucian“, flüsterte er.

Die Gestalt nickte langsam. Dann verschwand sie.

Erik rannte zum Baum, aber als er dort ankam, war niemand da. Nur eine Nachricht, in die Rinde geritzt:

Der dritte Schlüssel wartet. Aber du bist nicht bereit. Noch nicht. – L

Erik starrte auf die Worte.

Noch nicht bereit. Was bedeutete das?

Er drehte sich um, ging zurück zum Auto. Die zwei Schlüssel lagen im Kofferraum, eingeschlossen in einer gesegneten Kiste. Er konnte sie nicht bei sich tragen, nicht immer. Sie flüsterten zu viel, versuchten zu viel.

Aber er würde lernen, sie zu kontrollieren.

Musste es lernen.

Denn das war noch nicht vorbei.


Drei Wochen später – Sondersitzung

Yuki stürmte in Eriks Büro, ein Tablet in der Hand.

„Wir haben ihn gefunden.“

„Wen?“

„James. Oder besser gesagt, jemand hat ihn gefunden.“ Sie drehte das Tablet herum.

Ein Nachrichtenbericht. Eine Leiche, gefunden in einem Waldstück außerhalb von München. Männlich, Mitte Fünfzig, identifiziert als James Whitmore, britischer Staatsbürger.

Todesursache: Exsanguination. Extremer Blutverlust. Wunden am Hals.

„Er wurde getötet“, sagte Erik tonlos.

„Von einem Vampir. Wahrscheinlich Valentina oder einer ihrer Verbündeten.“ Yuki setzte sich. „Sie haben ihn benutzt und dann entsorgt.“

„Oder er wollte aussteigen, und sie haben ihn bestraft.“ Erik schloss die Augen. „Verdammt. Armer James.“

„Er hat uns verraten.“

„Er war verzweifelt. Das ist ein Unterschied.“ Erik öffnete die Augen. „Benachrichtige seine Tochter. Diskret. Sie soll es von uns erfahren, nicht von der Polizei.“

„Das wird schwierig zu erklären sein.“

„Sag ihr, ihr Vater ist bei einem Einsatz gestorben. Für die Nachtwache. Das ist nahe genug an der Wahrheit.“

Yuki nickte. „Und sein Verrat?“

„Nehmen wir mit ins Grab. Sie soll ihn als Helden in Erinnerung behalten, nicht als Verräter.“

„Du bist zu gütig.“

„Vielleicht.“ Erik stand auf, ging zum Fenster. „Oder vielleicht verstehe ich einfach, dass niemand perfekt ist. Wir alle haben Bruchstellen. Orte, wo wir brechen können. James‘ war seine Tochter. Meine–“ Er zögerte. „Meine sind die Leute, die ich verloren habe. Helena, Clara. Wenn Katalin mir angeboten hätte, sie zurückzubringen, im Austausch für die Schlüssel…“

„Hättest du ja gesagt?“

„Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.“ Erik wandte sich zu ihr. „Deshalb verurteile ich James nicht. Weil ich in seiner Situation vielleicht dasselbe getan hätte.“

Yuki stand auf, ging zu ihm. „Du bist ein guter Mann, Erik Schönwaldt.“

„Das hoffe ich.“

Sie standen in Stille, sahen auf die Stadt hinunter. München, friedlich in der Winterdämmerung. Lichter begannen aufzugehen. Menschen gingen nach Hause zu ihren Familien. Normale Leben, unberührt von der Dunkelheit, die unter der Oberfläche lauerte.

„Eine Woche noch“, sagte Yuki schließlich. „Dann brechen wir auf. Nach Falkenstein.“

„Ja.“

„Bist du bereit?“

Erik dachte an die Nachricht auf dem Friedhof. Du bist noch nicht bereit.

„Nein“, gab er zu. „Aber ich gehe trotzdem.“

„Das ist dumm.“

„Das ist Mut.“ Erik lächelte schwach. „Oder Wahnsinn. Manchmal ist es schwer, den Unterschied zu erkennen.“

„Bei dir besonders.“ Yuki lächelte zurück. „Aber wir gehen mit. Du bist nicht allein.“

„Niemals allein.“

„Niemals.“


Eine Woche später – Aufbruch

Der Morgen des Aufbruchs war kalt und klar. Schnee lag auf den Straßen, aber die Sonne schien.

Ein gutes Omen, dachte Erik. Oder ein letzter Gruß von einer Welt, die er vielleicht nicht wiedersehen würde.

Das Team war klein diesmal. Erik, Marcus, Thomas, Kenji. Vier Mann. Mehr war nicht nötig. Und mehr würden das Risiko erhöhen.

Sarah und Yuki blieben zurück, führten die Zentrale. Beschützten München.

„Pass auf dich auf“, sagte Yuki, als sie Erik umarmte.

„Du auch.“

„Und Erik – wenn du den dritten Schlüssel findest…“ Sie zögerte. „Versprich mir, dass du nicht all die Macht allein trägst. Die drei Schlüssel zusammen – das ist zu viel für einen Menschen.“

„Ich verspreche es.“

„Lügner.“ Sie lächelte. „Aber komm trotzdem zurück.“

„Das ist der Plan.“

Sie trennten sich. Erik, Marcus, Thomas und Kenji stiegen in das Auto. Der Rucksack mit den zwei Schlüsseln lag im Kofferraum.

„Bereit?“ fragte Marcus vom Fahrersitz.

„Nein“, sagte Erik ehrlich. „Aber fahren wir trotzdem.“

Der Motor startete. Das Auto rollte aus der Garage.

München verschwand hinter ihnen, wurde kleiner und kleiner, bis es nur noch ein Punkt am Horizont war.

Vor ihnen: Der Schwarzwald. Dunkel, dicht, undurchdringlich.

Und irgendwo darin: Schloss Falkenstein.

Wo alles begonnen hatte.

Wo alles enden würde.


Währenddessen – Irgendwo im Schwarzwald

Valentina stand am Fenster einer verlassenen Jagdhütte.

Vor ihr: Dimitri, blass, verwundet, aber lebendig.

Und noch jemand. Eine Gestalt in den Schatten. Groß, uraltig, mit Augen, die wie Kohlen glühten.

„Sie kommen“, sagte Valentina. „Wie vorhergesagt.“

„Natürlich kommen sie.“ Die Schattengestalt trat ins Licht. Ein Mann, oder das, was einmal ein Mann gewesen war. Gesicht wie aus Stein gemeißelt, Kleidung aus einem anderen Jahrhundert. „Schönwaldt ist vorhersehbar. Er denkt, er ist ein Held. Der Retter der Stadt.“

„Und ist er das nicht?“

„Er ist ein Werkzeug.“ Die Gestalt lächelte, und ihre Zähne waren zu scharf, zu lang. „Ein Werkzeug, das wir benutzen werden. Die zwei Schlüssel in seinen Händen – bald werden sie unser sein. Und mit ihnen–“

„Und mit dem dritten“, unterbrach Dimitri.

„Der bereits hier ist. Versteckt. Wartend.“ Die Schattengestalt wandte sich zum Fenster, sah hinaus in den Wald. „Alles läuft nach Plan. Katalin mag gefallen sein, aber ihr Traum lebt weiter. Die ewige Nacht wird kommen. Nicht dieses Jahr, vielleicht. Aber bald.“

„Und wenn Schönwaldt uns stoppt?“

„Er wird es nicht. Weil er nicht weiß, was ihn im Schloss erwartet.“ Die Gestalt lachte, ein Geräusch wie brechende Knochen. „Er denkt, er geht in ein verlassenes Gebäude. Eine Ruine. Aber Schloss Falkenstein ist nicht verlassen. Es ist sehr, sehr bewohnt.“

„Von dir.“

„Von uns.“ Die Gestalt deutete auf Dimitri und Valentina. „Von allen, die überlebt haben. Von allen, die Rache wollen. Und von dem, was im Westflügel schläft.“

„Was schläft dort?“ fragte Valentina.

Die Schattengestalt lächelte nur. „Das wirst du sehen. Wenn Schönwaldt dort ankommt. Wenn er glaubt, er hätte gewonnen. Dann erwacht es. Und dann–“ Das Lächeln wurde breiter. „Dann beginnt das wahre Spiel.“

Sie wandte sich ab, verschwand zurück in den Schatten.

Valentina und Dimitri blieben zurück, sahen einander an.

„Glaubst du, Schönwaldt hat eine Chance?“ fragte Dimitri.

„Nein“, sagte Valentina. „Aber es wird interessant sein, ihn versuchen zu sehen.“


Ende von TEIL I: WINTERSONNENWENDE

Ein Monat war vergangen seit dem Neumond-Ritual. Katalin war gefallen. Aber die Dunkelheit war noch nicht besiegt. Der dritte Schlüssel wartete. Und im Schloss Falkenstein… … erwachte etwas Uraltes.


TEIL II: FRÜHLING – DIE JAGD NACH DEM DRITTEN SCHLÜSSEL

Kapitel 8: Rückkehr nach Falkenstein

Der Schwarzwald hatte ein Gedächtnis.

Erik spürte es, sobald sie die Hauptstraße verließen und in die schmalen Forststraßen eintauchten. Die Bäume schlossen sich über ihnen zusammen, ihre kahlen Winteräste verflochten sich zu einem Geflecht aus Grau und Schwarz. Kein Schnee drang durch das Blätterdach – oder das, was davon in dieser Jahreszeit übrig war. Nur Kälte. Eine Kälte, die sich anders anfühlte als der Winter draußen.

Älter. Als hätte der Wald selbst die Wärme vergessen.

„Du warst schon einmal hier“, sagte Thomas vom Rücksitz. Nicht als Frage.

„Ja.“ Erik sah aus dem Beifahrerfenster. Die vertrauten Umrisse der Bäume, die Art, wie das Licht gebrochen wurde. „Als ich die Schlüssel das erste Mal gefunden habe. Vor fast einem Jahr.“

„Und?“

„Es hat sich verändert. Damals war es nur … seltsam. Unbehaglich.“ Erik zögerte. „Jetzt fühlt es sich gefährlich an.“

Marcus am Steuer brummte zustimmend. „Ich spüre es auch. Und ich spüre solche Dinge normalerweise nicht.“

„Die Schlüssel reagieren“, sagte Kenji. Er saß ruhig, die Augen halb geschlossen, in einer Art wachsamer Meditation. „Im Kofferraum. Ich kann ihr Pulsieren selbst durch das Metall der Kiste spüren.“

Erik drehte sich halb um, als könnte er durch die Rücklehne in den Kofferraum sehen. Er spürte es auch – ein rhythmisches Pochen, das nichts mit seinem eigenen Herzschlag zu tun hatte. Oder vielleicht alles.

„Noch wie weit?“, fragte Marcus.

Erik überprüfte das GPS. Oder versuchte es. Das Signal flackerte, verlor sich, kehrte zurück. „Drei Kilometer vielleicht. Aber das Navi –“

„Ich weiß.“ Marcus tippte auf das Display. „Schon seit zwanzig Minuten unzuverlässig. Wie beim letzten Mal?“

„Schlimmer.“ Erik legte das Gerät beiseite. „Aber ich kenne den Weg. Noch. Irgendwo hier links ist eine verlassene Forsthütte. Dahinter beginnt das Gelände.“

„Du navigierst aus dem Gedächtnis.“

„Scheint so.“

„Das ist entweder mutig oder dumm.“

„Vermutlich beides.“

Sie fuhren noch fünf Minuten, dann zwang Marcus den Wagen auf einen unbefestigten Weg, der kaum mehr als zwei Reifenspuren zwischen den Bäumen war. Äste schrammten über das Dach. Einmal musste Marcus bremsen, weil ein gefällter Stamm halb die Fahrbahn versperrte.

„Jemand hat das hingelegt“, sagte Thomas. Er war ausgestiegen und kniete neben dem Stamm. „Frisch. Innerhalb der letzten paar Stunden. Die Schnittfläche ist noch feucht.“

„Sie wissen, dass wir kommen.“ Erik stieg ebenfalls aus. Die Kälte traf ihn sofort, biss in sein Gesicht. „Das sollte uns nicht überraschen.“

„Nein.“ Thomas stand auf, die Hand an der Klinge an seinem Gürtel. „Aber es bedeutet, dass wir nicht überrumpelt werden.“

„Das war nie der Plan.“ Erik ging zurück zum Kofferraum, öffnete ihn. Die gesegnete Kiste lag darin. Er legte die Hand darauf, spürte sofort das Pulsieren der Schlüssel dagegen – drängend, aufgeregt, als wüssten sie, wo sie waren.

„Nehme ich sie jetzt?“, fragte er Kenji.

Der Mönch schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Solange wir nur gehen, ist es klüger, sie verborgen zu halten. Der Feind spürt sie, wenn du sie trägst.“

„Der Feind spürt sie sowieso.“

„Aber nicht so deutlich. Es gibt einen Unterschied zwischen ‚jemand trägt etwas Mächtiges‘ und ‚da ist die Macht selbst‘.“

Kenji trat neben ihn. „Wenn die Zeit kommt, wirst du sie brauchen. Und dann nimmst du sie.“

Erik nickte, schloss den Kofferraum.

Sie räumten den Stamm beiseite, zu viert, mit Mühe. Dann fuhren sie weiter.


Das Schloss erschien nicht plötzlich. Es schlich sich heran.

Zuerst eine Mauer, kaum sichtbar zwischen den Bäumen. Dann eine zweite, höhere. Die Bäume wurden spärlicher, der Boden uneben. Und dann, als Marcus um eine letzte Biegung fuhr:

Die Lichtung.

Und dahinter das Schloss.

Schloss Falkenstein.

Es sah nicht so aus, wie Erik es in Erinnerung hatte.

Damals war es eine Ruine gewesen. Verfallen, von Efeu überwuchert, die Türme halb eingestürzt. Ein Ort, der starb.

Jetzt lebte es.

Nicht vollständig restauriert – zu viel war zerstört worden, beim Brand, beim Einsturz des Westflügels. Aber Teile des Schlosses waren neu aufgebaut worden. Einfaches Mauerwerk, ohne Ornamente, aber solide. Fenster, die früher blind und zerbrochen waren, hatten neue Scheiben. Schwarze Scheiben, die kein Licht durchließen.

Auf dem Innenhof brannten Fackeln. In der Dunkelheit des Winternachmittags warfen sie tanzende Schatten.

Und auf dem Hauptturm wehte eine Fahne. Schwarz, mit einem Zeichen darauf – ein Kreis, durchkreuzt von drei Linien.

„Das kenne ich nicht“, murmelte Marcus.

„Ich schon“, sagte Thomas leise. Er starrte auf die Fahne, sein Gesicht ungewöhnlich blass. „Das ist das Zeichen des Blutrates. Nicht Katalins Fraktion. Eine ältere Gruppe. Uralt.“

„Der Rat hatte Fraktionen?“, fragte Erik.

„Hat. Nicht hatte.“ Thomas wandte sich zu ihm. „Erik, ich muss euch etwas sagen. Etwas, das ich lange verschwiegen habe.“ Er zögerte. „Etwas, das mit meiner Vergangenheit zu tun hat.“

„Thomas–“

„Später. Wenn wir drin sind.“ Thomas griff nach seinem Kreuz, hielt es einen Moment. „Aber ihr müsst wissen: Ich kenne dieses Zeichen. Ich kenne den Blutrat. Und wenn sie hier sind …“ Er ließ das Kreuz los. „Dann ist das weit gefährlicher, als wir dachten.“

Stille im Auto.

Dann: „Weiterfahren?“, fragte Marcus.

„Weiterfahren“, bestätigte Erik.


Das Tor stand offen.

Nicht eingeladen offen. Nicht unverschlossen offen. Sondern absichtlich, auffordernd offen. Als würde jemand sagen: Wir wissen, dass ihr kommt. Kommt rein. Wir warten.

„Falle“, sagte Marcus.

„Offensichtlich“, stimmte Erik zu. „Aber Lucian hat gesagt, der Schlüssel ist hier. Und Helena hat es bestätigt. Wir haben keine Wahl.“

„Wir haben immer eine Wahl.“

„Nicht dieses Mal.“ Erik stieg aus dem Auto, den Rucksack mit der Kiste über der Schulter. „Aber wir gehen klug rein. Sicherheitsabstände, keine Alleingänge. Wenn jemand angesprochen wird – von einem Vampir, von einer fremden Stimme, von was auch immer – wartet auf Bestätigung, bevor ihr reagiert.“

„Weil sie Stimmen imitieren können“, sagte Kenji.

„Weil sie Stimmen imitieren können.“

Sie gingen durch das Tor.

Der Innenhof war weiträumiger als Erik ihn in Erinnerung hatte – oder vielleicht schienen die neuen Mauern ihn kleiner zu machen. Sauberer als früher, von Unkraut befreit. Fackeln auf Halterungen an den Wänden. In der Mitte ein Brunnen, alt, aus Stein, mit etwas, das wie Wasser aussah, aber dunkler war.

„Blut“, sagte Kenji leise, als sie daran vorbeiliefen. „Oder jedenfalls dunkler als Wasser. Nicht frisch.“

Niemand war zu sehen.

Aber das Gefühl beobachtet zu werden war greifbar, fast physisch. Erik spürte die Blicke auf seinem Rücken wie Fingernägel.

„Sie zeigen sich nicht“, murmelte Marcus.

„Noch nicht.“ Erik führte sie zum Haupteingang. Eine neue Holztür, dunkel gebeilt, mit einem eisernen Türknauf in Form einer Hand. Er fasste ihn an.

Die Hand fühlte sich warm an.

Erik zog trotzdem auf.

Die Eingangshalle dahinter war erleuchteter als erwartet. Fackeln überall, in kunstvollen Halterungen. Die Wände waren gereinigt worden, alte Wandteppiche ersetzt durch neue, die Erik nicht kannte. Dunkle Bilder, schwer zu deuten im flackernden Licht.

Und auf der großen Treppe, die in den ersten Stock führte, stand jemand.

Eine Gestalt in schwarzem Gewand, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Groß, breitschultrig. Absolut reglos.

„Willkommen in Schloss Falkenstein“, sagte die Gestalt. Die Stimme war tief, akzentlos, merkwürdig resonant, als käme sie von mehreren Orten gleichzeitig. „Ihr seid erwartet worden.“

„Das habe ich gehört“, sagte Erik. „Wer sind Sie?“

Die Gestalt zog die Kapuze zurück.

Ein Mann. Oder das, was einmal ein Mann gewesen war. Gesicht wie aus Marmor, zu regelmäßig, zu makellos. Keine Falten, keine Unreinheiten. Haar so schwarz wie Tinte, zurückgekämmt. Augen, die im Kerzenlicht rot glühten.

„Ich bin Marius“, sagte er. „Ich führe dieses Haus. Seit … einiger Zeit.“

„Seit wann?“

„Das ist eine interessante Frage.“ Marius stieg die Treppe hinunter, Schritt für Schritt, ohne Eile. „Manche würden sagen: seit drei Monaten. Seit wir das Schloss von seinen vorherigen Bewohnern … übernommen haben. Andere würden sagen: seit zweitausend Jahren. Weil das Schloss immer uns gehörte, auch wenn es zwischenzeitlich vergessen wurde.“

Er blieb vor ihnen stehen. Groß, damit hatte Erik nicht gerechnet – beinahe zwei Meter, die Schultern breit. Neben ihm wirkte sogar Marcus klein.

„Du bist Marius vom Blutrat“, sagte Thomas.

Marius‘ Augen wanderten zu Thomas. Eine lange Pause. „Thomas von der Schaar. Ich hatte gehört, du lebst noch. Ich hatte es fast nicht geglaubt.“

„Ihr kennt euch?“ fragte Marcus.

Thomas öffnete den Mund, schloss ihn wieder. „Das ist eine lange Geschichte.“

„Die du jetzt erzählen wirst“, sagte Erik scharf.

„Gleich.“ Thomas wandte sich zu Marius. „Ihr habt den dritten Schlüssel.“

„Haben wir das?“ Marius lächelte, und seine Zähne waren makellos, zu makellos. „Was macht dich da so sicher?“

„Helena Konstantin hat es uns gesagt. Kurz vor ihrem endgültigen Tod.“

„Ah. Helena.“ Marius‘ Lächeln verblasste, wurde zu etwas anderem. Respekt, vielleicht. „Sie war bemerkenswert. Klug. Mutig. Es tut mir leid, was mit ihr geschehen ist.“

„Tut es das?“ Erik trat vor. „Weil ich keinen Grund sehe, warum es euch leid tun sollte. Ihr seid hier, ihr habt dieses Schloss besetzt, ihr habt Valentina und Dimitri aufgenommen – zwei von Katalins engsten Verbündeten. Das sieht nicht nach Reue aus.“

Marius sah ihn an. Lange. Dann: „Kommt.“

Er drehte sich um und stieg die Treppe hinauf.

„Folgen wir ihm?“ flüsterte Marcus.

„Was ist die Alternative?“ Erik folgte bereits.


Er führte sie in einen Saal im ersten Stock. Ein Bibliotheksraum, die Wände mit Regalen bedeckt, auf denen Bücher standen, die Erik nicht kannte. Ein langer Tisch in der Mitte, daran sechs Stühle. Auf dem Tisch Kerzen, Wein, Brot.

„Setzt euch“, sagte Marius. Er selbst setzte sich ans Kopfende.

Erik blieb stehen. „Wir sind nicht zum Abendessen hier.“

„Nein. Ihr seid wegen des dritten Schlüssels hier.“ Marius verschränkte die Hände vor sich. „Ich weiß das. Und ich werde euch sagen, was ihr wissen müsst. Aber zuerst muss ich verstehen, ob ihr die Richtigen seid, um ihn zu bekommen.“

„Die Richtigen?“

„Es gibt einen Grund, warum der Schlüssel hier ist. Einen Grund, warum er verborgen wurde, hier, in diesem Schloss. Nicht durch Zufall.“ Marius lehnte sich zurück. „Der Blutrat hat ihn vor dreihundert Jahren hierhergebracht. Damals war das Schloss verlassen. Die Ruine eines vergessenen Adelshauses. Wir haben es als sicheres Depot genutzt.“

„Depot für gestohlene Macht?“, fragte Erik.

„Depot für bewahrte Macht.“ Marius‘ Augen wurden schärfer. „Es gibt eine Welt des Unterschieds dazwischen. Der Blutrat ist nicht das, was ihr denkt. Wir sind nicht Katalins Erben. Wir sind ihr Gegenteil.“

„Ich glaube kein Wort davon.“

„Das überrascht mich nicht.“ Marius wandte sich zu Thomas. „Thomas. Du kennst mich. Du kennst den Rat. Erkläre es deinem Anführer.“

Thomas atmete tief durch. Dann setzte er sich. Als hätte er eine schwere Last abgelegt.

„Vor zwanzig Jahren“, begann er, „bevor ich zur Nachtwache kam – war ich anders.“

„Thomas–“ begann Marcus.

„Lass mich.“ Thomas sah ihn an. „Ich war kein guter Mensch. Ich habe Dinge getan, die ich bereue. Dinge, die ich nicht rückgängig machen kann.“ Er legte die Hände auf den Tisch. „Ich war ein Söldner. Ein Jäger – aber nicht für die Guten. Für jeden, der bezahlte. Manchmal für Mensch, manchmal für …“ Er verstummte.

„Für Vampire?“, fragte Erik leise.

„Ja. Nicht alle Vampire sind Feinde. Das lernt man, wenn man lange genug dabei ist. Manche wollen dasselbe wie wir: eine Welt, in der beide Seiten koexistieren. In der die Dunkelheit nicht alles verschlingt.“ Thomas sah zu Marius. „Der Blutrat war einer dieser Versuche. Ich habe für sie gearbeitet. Vor langer Zeit.“

„Du hast für Vampire gearbeitet.“ Marcus‘ Stimme war flach.

„Für den Blutrat. Die eine Fraktion, die aktiv gegen Katalin gearbeitet hat. Die versucht hat, ihre Machtergreifung zu verhindern.“ Thomas‘ Augen wurden müde. „Ich war jung, naiv. Dachte, das Ende rechtfertigt die Mittel. Irgendwann … konnte ich das nicht mehr mit mir vereinbaren. Ich bin gegangen. Bin zur Nachtwache. Habe nie zurückgeschaut.“

„Bis jetzt“, sagte Marius.

„Bis jetzt.“

Stille im Raum.

Dann stand Erik auf. Ging um den Tisch herum. Blieb vor Marius stehen.

„Gut. Angenommen, ich glaube das. Angenommen, der Blutrat ist tatsächlich anders als Katalins Fraktion. Warum seid ihr hier? Jetzt, in diesem Moment?“

„Weil Katalin tot ist.“ Marius sah ihn ruhig an. „Du hast sie getötet. Das hat … eine Lücke hinterlassen. In der Hierarchie der Dunkelheit. Eine Lücke, in die etwas anderes drängen wird. Etwas Älteres.“

„Was?“

„Das“, sagte Marius, „ist genau das, worüber wir reden müssen.“ Er stand auf, ging zu einem der Regale, zog ein Buch heraus. Uralt, in Leder gebunden. Er legte es auf den Tisch. „Der Blutrat hat dieses Schloss nicht nur wegen des dritten Schlüssels ausgewählt. Sondern auch, weil unter diesem Schloss etwas schläft.“

„Was schläft dort?“

Marius öffnete das Buch. Die Seiten waren bedeckt mit einer Handschrift, die Erik nicht kannte. Aber dazwischen, Illustrationen: ein Wesen, groß, dunkel, mit einem Körper aus reiner Finsternis.

„Wir nennen es den Ur-Vampir“, sagte Marius. „Es hat viele Namen. Das Urwesen. Der Erste. Das, was vor allen anderen war.“ Er schloss das Buch. „Es schläft seit Jahrhunderten. Gefangen unter diesem Schloss, durch Rituale, die so alt sind wie das Haus selbst.“

„Und Katalin wollte es wecken.“

„Nicht wecken. Befreien.“ Marius‘ Stimme wurde leiser. „Das war ihr wahrer Plan. Nicht die ewige Nacht, nicht die Herrschaft über München. Das war nur der erste Schritt. Das Tor, das sie öffnen wollte – es führte nicht in eine andere Dimension. Es führt nach unten. In die Tiefe unter diesem Schloss.“

Erik ließ die Information sacken. Kataling hatte gelogen. Nicht nur ihren Feinden, sondern auch ihren Verbündeten. Das, was sie wirklich wollte, war weit größer als die Sommersonnenwende.

„Valentina und Dimitri“, sagte er. „Die hier sind. Die zu euch gehören. Sie wissen das?“

„Valentina weiß es jetzt. Dimitri … Dimitri glaubte Katalins Version.“ Marius zögerte. „Dimitri ist ein Problem. Er ist wütend. Auf euch, auf den Rat, auf die Welt. Und wütende Vampire sind unberechenbar.“

„Wo ist er?“

„Im Westflügel.“

Erik und Marcus tauschten einen Blick. Der Westflügel. Wo Erik beim ersten Besuch dem Vampir begegnet war. Wo das Urwesen schlief.

„Und Valentina?“

„Auch dort.“ Marius setzte sich wieder. „Wir versuchen, Dimitri zu beruhigen. Aber er hört nicht mehr auf uns. Er plant etwas. Wir wissen nicht was.“

„Und da wart ihr“, sagte Erik langsam, „bereit zuzusehen, während das Ding unter euch schläft? Ohne uns zu informieren?“

„Wir haben euch informiert. Durch Lucian. Durch die Hinweise, die wir hinterlassen haben.“

„Lucian“, wiederholte Erik. „Er war eurer?“

„Er ist ours. Seit vielen Jahren.“ Marius faltete die Hände. „Er wurde von Katalin entdeckt, ja. Sie hat ihn gezwungen, euch in die Falle zu locken. Aber dann hat er sich befreit. Hat uns kontaktiert. Hat euch die Nachricht hinterlassen.“

Du bist noch nicht bereit. Die Worte auf dem Friedhof.

„Er hat mir gesagt, ich bin nicht bereit“, sagte Erik. „Was meinte er damit?“

Marius sah ihn lange an. Dann: „Weil es nicht einfach ist, was jetzt getan werden muss. Den Schlüssel zu nehmen – das ist einfach. Aber dann? Mit drei Schlüsseln, gegen das, was unter diesem Schloss schläft? Gegen Dimitri, der es befreien will?“ Er schüttelte den Kopf. „Das erfordert mehr als Kraft. Es erfordert Verständnis.“

„Verständnis wovon?“

„Wovon die Schlüssel wirklich sind. Was sie tun. Was es kostet, sie zu benutzen.“ Marius stand auf. „Kommt. Ich zeige euch etwas.“

Er führte sie aus dem Bibliotheksraum, durch einen Korridor, zu einer verschlossenen Tür.

Er öffnete sie.

Dahinter: eine Treppe. Steinern, spiralförmig, nach unten führend.

„Der Westkeller“, sagte Marius. „Nicht der Westflügel. Tiefer. Dort, wo die Fundamente sind.“

„Und dort?“

„Der dritte Schlüssel. Und etwas anderes.“ Marius sah ihn an. „Seid ihr bereit, das zu sehen?“

Erik dachte an Kenjis Warnung. An Helenas Gesicht in den letzten Momenten. An die drei Zukünfte im Spiegel.

„Nein“, sagte er. „Aber zeig es uns trotzdem.“


Der Westkeller war anders als die Katakomben in Wien. Weniger kunstvoll, weniger mystisch. Nur alter Stein, alte Luft, alte Stille.

Die Treppe führte tief, tiefer als Erik erwartet hatte. Als sie endlich unten ankamen, war die Welt über ihnen verschwunden.

Ein Raum. Rund, mit gewölbter Decke. In der Mitte: eine Plattform, erhöht, aus schwarzem Granit.

Und auf der Plattform: eine Vitrine. Schlicht, aus Glas, ohne Ornamente.

Darin lag der dritte Schlüssel.

Anders als die anderen beiden. Nicht schwarz wie Eriks, nicht dunkel mit roten Steinen wie der Wiener. Dieser war weiß. Aus einem Material, das nicht wie Metall aussah. Eher wie Knochen.

Oder wie Elfenbein.

Er glühte nicht. Pulsierte nicht. Er lag da, still, als schliefe er.

„Er reagiert nicht auf mich“, sagte Marius, als er Eriks Blick sah. „Auf niemanden vom Blutrat. Er wartet auf seinen Träger.“

„Mich.“

„Das werden wir sehen.“ Marius trat beiseite. „Nimm ihn. Wenn er dich als Träger akzeptiert, wirst du es wissen.“

Erik trat zur Plattform. Die anderen blieben zurück.

Er legte die Hand auf das Glas.

Kalt. Eisig kalt, selbst durch die Handschuhstoffe.

Er hob das Glas. Langsam, vorsichtig.

Griff nach dem weißen Schlüssel.

Und die Welt hielt den Atem an.

Keine Explosion diesmal. Kein Schock, keine Bilder, keine Visionen. Nur Stille.

Aber dann: Wärme. Durchdringend, als würde ein Feuer in seinen Knochen entzündet. Als würde etwas Schlafendes in ihm aufwachen.

Und eine Stimme. Keine äußere Stimme. Eine innere.

Endlich, sagte die Stimme. Ich habe gewartet.

„Wer bist du?“, flüsterte Erik.

Das weißt du bereits. Du hast mich immer gewusst. Ich bin das, was du verloren hast. Ich bin das, was du zurückbringen willst.

Das Gesicht von Helena. Von Clara. Von seinen Urgroßeltern.

Ich bin die Hoffnung, sagte die Stimme. Und die Gefahr. Weil Hoffnung das Gefährlichste ist.

Dann Stille.

Erik stand da, den weißen Schlüssel in der Hand, sein Herz hämmerte.

„Er hat ihn akzeptiert“, sagte Marius leise hinter ihm.

„Was bedeutet das?“ fragte Marcus.

„Es bedeutet …“ Marius zögerte. „Es bedeutet, dass die Prophezeiung begonnen hat. Drei Schlüssel in einer Hand. Drei Träger in einem.“

„Aber das macht keinen Sinn“, sagte Thomas. „Die Prophezeiung sagt, drei Träger. Einer fällt, einer bricht, einer wählt. Nicht einer Person.“

„Du interpretierst es zu wörtlich.“ Marius sah zu Erik. „Der erste Träger ist Erik Schönwaldt. Der ist er. Der zweite ist die Nachtwache – sein Team, sein Rückhalt, alles was ihn hält. Und der dritte–“ Er pausierte. „Der dritte Träger ist die Entscheidung selbst.“

„Was für eine Entscheidung?“

„Die Entscheidung, die am Ende getroffen werden muss.“ Marius‘ Blick wurde ernst. „Mit drei Schlüsseln kann man alles tun. Tote zurückbringen. Dunkelheit permanent vertreiben. Die Welt verändern.“ Er trat näher zu Erik. „Aber es kann nur einmal geschehen. Die drei Schlüssel zusammen – sie verlöschen sich nach einmaligem Gebrauch. Verbrauchen sich vollständig.“

„Was?“

„Du kannst sie einmal benutzen. Eine Entscheidung treffen. Und dann sind sie fort. Für immer.“ Marius‘ Augen waren ernst. „Also lautet die Prophezeiung wirklich so: Ein Träger wird fallen. Einer wird brechen. Und einer wird wählen – was mit dieser einmaligen Chance zu tun ist.“

Stille im Keller.

Dann, von oben: Ein Laut. Laut, drohend, wie eine Explosion.

Alle führen herum.

„Dimitri“, sagte Marius. „Er hat etwas getan.“

Ein zweiter Laut. Näher. Das Schloss zitterte.

Und aus den Wänden, durch die Risse im Stein, begann sich etwas zu bewegen.

Schatten. Aber nicht normale Schatten. Dunkelheit, die Form annahm. Die kriecht, wächst, eine eigene Intelligenz zu haben schien.

„Er hat es geweckt“, flüsterte Marius. Seine Stimme, zum ersten Mal, hatte Angst darin. „Gott steh uns bei. Er hat den Ur-Vampir geweckt.“

Und aus den Tiefen, von noch weiter unten, begann ein Laut zu kommen.

Nicht ein Schrei. Nicht ein Brüllen.

Ein Atmen.

Uralt. Unermesslich.

Erwachend.


Ende Kapitel 8


Die nächten drei Kapitel werden am Sonntag (1.3.) veröffentlicht.