Kapitel 6: Die Nacht vor dem Sturm
Der Tag vor dem Neumond war einer dieser grauen Wintertage, an denen die Sonne nie wirklich aufzugehen schien. München lag unter einer Decke aus Wolken, die so tief hingen, dass die Türme der Frauenkirche darin verschwanden.
Ein Omen, dachte Erik, als er aus dem Fenster der Zentrale starrte. Oder vielleicht war es nur schlechtes Wetter.
„Du solltest schlafen“, sagte Yuki hinter ihm.
Erik drehte sich um. Sie hatte zwei Tassen Kaffee in den Händen, reichte ihm eine.
„Kann nicht.“ Er nahm die Tasse, trank. Bitter und stark. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich–“
„Die Visionen aus dem Spiegel.“
„Ja.“ Erik setzte sich. „Die drei Zukünfte. Eine, in der ich verliere. Eine, in der ich gewinne, aber alle sterben. Eine, in der ich gewinne, aber die Macht mich korrumpiert.“
„Du hast gesagt, du findest einen vierten Weg.“
„Habe ich das?“ Erik lachte bitter. „Oder war das nur Arroganz? Hybris?“
Yuki setzte sich neben ihn. „Weißt du, was Helena mir einmal gesagt hat? Kurz bevor sie starb?“
„Was?“
„Dass Führung nicht bedeutet, immer die richtigen Antworten zu haben. Es bedeutet, weiterzumachen, auch wenn du sie nicht hast.“ Sie sah ihn an. „Du musst nicht perfekt sein, Erik. Du musst nur da sein. Für uns. Für die Stadt.“
„Und wenn ich versage?“
„Dann versagen wir zusammen.“ Sie lächelte schwach. „Aber das werden wir nicht. Weil du nicht allein bist. Wir sind ein Team.“
Erik nickte langsam. „Danke.“
Sie tranken ihren Kaffee in Stille. Draußen begann es zu schneien.
14 Stunden vor dem Ritual
Marcus versammelte das Einsatzteam im Trainingsraum.
„Letzte Durchsprache“, sagte er und aktivierte eine Projektion der Frauenkirche. „Das ist unser Ziel. Nicht der Marienplatz – das ist Ablenkung. Die Frauenkirche ist, wo Katalin das Ritual durchführen wird.“
Sarah, Kenji, und zwei der Rekruten – Lisa und David – standen um die Projektion herum.
„Warum sind wir so sicher?“ fragte Lisa. Sie war jung, Anfang Zwanzig, aber ihre Augen hatten schon zu viel gesehen.
„Weil Erik es gesehen hat“, antwortete Marcus. „Mit den Schlüsseln. Die Ley-Linien konvergieren dort. Es ist der stärkste Punkt in München.“
„Und Katalin weiß, dass wir das wissen“, fügte Sarah hinzu. „James hat ihr gesagt, wir greifen am Marienplatz an. Sie denkt, sie hat uns ausgetrickst.“
„Aber wir haben sie ausgetrickst“, sagte David. Er war älter, Mitte Dreißig, ehemaliger Soldat. Ruhig, aber tödlich.
„Hoffentlich.“ Marcus zoomte die Projektion heran. „Die Kirche hat drei Eingänge. Hauptportal, Seitenportale links und rechts. Wir teilen uns auf. Sarah und Lisa, ihr nehmt das Hauptportal. David und ich, linkes Seitenportal. Kenji und Erik, rechtes Seitenportal.“
„Warum trennen wir Erik und die Schlüssel von der Hauptgruppe?“ fragte Lisa.
„Weil die Schlüssel ein Ziel sind“, erklärte Marcus. „Wenn Katalin sie spürt, wird sie alle ihre Kräfte darauf konzentrieren. Wir müssen sie ablenken, teilen. Erik braucht Zeit, um nah genug heranzukommen.“
„Nah genug wofür?“ fragte David.
„Um das Ritual zu unterbrechen.“ Erik war eingetreten, den Rucksack mit den Schlüsseln über der Schulter. „Ich muss in den Bannkreis. Dort, wo Katalin die Opfer bringt. Und dann–“ Er zögerte. „Dann benutze ich beide Schlüssel. Gleichzeitig.“
Stille füllte den Raum.
„Das könnte dich töten“, sagte Sarah schließlich.
„Ja.“
„Gibt es keinen anderen Weg?“
„Nicht, den ich kenne.“ Erik trat zur Projektion. „Katalin ist tausend Jahre alt. Sie hat Macht, die ich nicht verstehe. Ohne die Schlüssel habe ich keine Chance gegen sie.“
„Mit den Schlüsseln auch nicht“, murmelte Marcus.
„Aber eine bessere.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Ich weiß, das ist gefährlich. Ich weiß, wir könnten alle sterben. Wenn jemand aussteigen will–“
„Niemand steigt aus“, unterbrach Sarah. „Wir sind dabei. Bis zum Ende.“
Die anderen nickten.
„Gut.“ Erik atmete tief durch. „Dann gehen wir das durch. Schritt für Schritt. Was machen wir, wenn–“
8 Stunden vor dem Ritual
Thomas fand Erik in der Kapelle.
Die Zentrale hatte eine kleine Kapelle – eigentlich nur ein umgebauter Lagerraum mit einem Kruzifix an der Wand und ein paar Kerzen. Aber es war ein Ort der Stille, und manchmal brauchte man Stille.
„Darf ich?“ fragte Thomas.
Erik nickte. „Natürlich.“
Thomas setzte sich auf die Bank neben ihm. „Betest du?“
„Ich weiß nicht.“ Erik sah das Kruzifix an. „Ich glaube nicht mehr so richtig an Gott. Nicht nach allem, was ich gesehen habe.“
„Das ist verständlich.“ Thomas faltete die Hände. „Aber manchmal beten wir nicht zu Gott. Wir beten zu denen, die wir verloren haben. Bitten sie um Kraft.“
„Helena. Clara. Meine Urgroßeltern.“ Erik schloss die Augen. „Denkst du, sie können mich hören?“
„Ich denke, wenn die Seele existiert – und nach allem, was wir gesehen haben, glaube ich, dass sie es tut – dann sind sie nicht weit. Besonders in Momenten wie diesen.“
„Was würde Helena sagen? Wenn sie hier wäre?“
Thomas dachte nach. „Sie würde sagen: Hör auf, dir Sorgen zu machen, und tu, was getan werden muss.“ Er lächelte. „Sie war sehr pragmatisch.“
„Sie war großartig.“
„Das war sie.“ Thomas‘ Lächeln verblasste. „Erik, ich muss dir etwas sagen. Für den Fall, dass morgen–“
„Nicht.“ Erik unterbrach ihn. „Sag es nicht. Wir werden alle überleben.“
„Vielleicht. Aber falls nicht–“ Thomas sah ihn ernst an. „Ich habe ein Testament hinterlassen. Bei Yuki. Darin sind Instruktionen, für den Fall meines Todes. Und Erik–“ Er zögerte. „Es gibt etwas in meiner Vergangenheit. Etwas, das ich nie jemandem erzählt habe. Aber wenn ich sterbe, wirst du es erfahren. Und ich hoffe, du wirst verstehen.“
„Was meinst du?“
„Das wirst du sehen. Oder auch nicht. Hoffentlich nicht.“ Thomas stand auf. „Aber für den Fall, dass doch – vergib mir. Für das, was ich getan habe. Und für das, was ich noch tun werde.“
„Thomas, du machst mir Angst.“
„Gut. Angst hält uns am Leben.“ Thomas ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Aber Erik – was auch immer passiert morgen – wisse, dass ich stolz war, an deiner Seite zu kämpfen.“
Er ging, bevor Erik antworten konnte.
Erik blieb allein zurück in der Kapelle, mit dem Kruzifix und den Kerzen und einem wachsenden Gefühl der Vorahnung.
4 Stunden vor dem Ritual
Anna kam zu Erik, als er seine Ausrüstung überprüfte.
„Kann ich mit dir reden?“ Ihre Stimme war angespannt.
„Natürlich.“ Erik legte die UV-Pistole beiseite. „Was ist los?“
„Lukas.“ Sie rang die Hände. „Er ist… seltsam heute. Unruhig. Weint viel. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, aber–“
„Wo ist er jetzt?“
„Im sicheren Raum. Mit Sarah.“ Anna sah Erik an, und ihre Augen waren rot vom Weinen. „Erik, ich habe Angst. Was, wenn Katalin es schafft? Was, wenn sie ihn nimmt?“
„Das wird nicht passieren.“ Erik nahm ihre Hände. „Ich verspreche es dir. Sarah ist bei ihm. Und Marcus bleibt in der Zentrale mit den Rekruten. Sie sind in Sicherheit.“
„Aber wenn–“
„Kein Wenn.“ Erik hielt ihren Blick. „Anna, hör mir zu. Ich werde nicht zulassen, dass Katalin Lukas nimmt. Ich sterbe eher.“
„Das ist genau das, was ich befürchte.“ Anna wischte sich die Augen. „Dass du stirbst. Und dann sind wir allein. Schutzlos.“
„Ich werde nicht sterben. Ich habe die Schlüssel. Ich habe das Team. Wir haben einen Plan.“
„Pläne scheitern.“
„Manchmal.“ Erik ließ ihre Hände los, griff nach dem Rucksack. „Aber manchmal gelingen sie auch. Und morgen–“ Er korrigierte sich. „Heute Nacht wird unser Plan gelingen. Darauf kannst du vertrauen.“
Anna nickte, aber die Angst blieb in ihren Augen.
Nach ihrem Weggang öffnete Erik den Rucksack. Die zwei Schlüssel lagen darin, pulsierend im vertrauten Rhythmus.
Sie hat Recht, flüsterte einer. Pläne scheitern. Besonders deine, fügte der andere hinzu.
„Haltet die Klappe“, murmelte Erik und schloss den Rucksack.
Aber die Zweifel blieben.
2 Stunden vor dem Ritual
Das Team versammelte sich ein letztes Mal.
Marcus, Sarah, Kenji, Lisa, David. Alle in taktischer Ausrüstung, bewaffnet bis an die Zähne. UV-Waffen, gesegnete Klingen, Granaten mit Weihwasser.
Erik stand vor ihnen, den Rucksack über der Schulter.
„In zwei Stunden“, sagte er, „greifen wir an. Aber davor will ich etwas sagen.“
Er suchte nach Worten. Nach etwas Inspirierendem, Bedeutungsvollem. Etwas, das Helena gesagt hätte.
„Wir sind keine Armee“, begann er. „Wir sind keine Superhelden. Wir sind nur Menschen. Menschen, die entschieden haben, dass die Dunkelheit nicht gewinnen darf.“
Er sah jeden von ihnen an.
„Manche von uns werden heute Nacht vielleicht nicht zurückkommen. Das ist die Realität. Aber wenn wir gewinnen – wenn wir Katalin stoppen – dann haben wir nicht nur München gerettet. Wir haben gezeigt, dass normale Menschen gegen das Böse bestehen können.“
„Wir sind nicht normal“, sagte Sarah mit einem schiefen Lächeln. „Normale Menschen jagen keine Vampire.“
„Dann sind wir außergewöhnlich normale Menschen.“ Erik lächelte zurück. „Das Beste von beiden Welten.“
Ein leises Lachen durchlief die Gruppe.
„Egal was passiert“, fuhr Erik fort, „ich bin stolz, mit euch zu kämpfen. Ihr seid–“
Ein Alarm unterbrach ihn. Schrill, durchdringend. Der Sicherheitsalarm.
„Was zum–“ Marcus griff nach seinem Kommunikator. „Zentrale! Was ist los?“
Yukis Stimme, panisch: „Angriff! Sie sind in der Zentrale! Sie–“
Statisches Rauschen.
Dann Stille.
„YUKI!“ Erik rannte zur Tür. „Alle, mit mir! JETZT!“
Sie stürmten durch die Korridore, Waffen gezogen. Die Zentrale war nur zwei Stockwerke tiefer, aber es fühlte sich an wie Meilen.
Erik erreichte den sicheren Raum zuerst.
Die Tür war aufgebrochen. Nicht eingetreten – aufgebrochen. Als hätte eine gewaltige Kraft sie einfach aus den Angeln gerissen.
Drinnen: Chaos.
Möbel umgeworfen. Spielzeug überall verstreut. Und Blut. Nicht viel, aber genug.
Sarah lag am Boden, bewusstlos aber atmend. Eine Wunde an der Stirn.
Aber Lukas–
Lukas war weg.
„NEIN!“ Erik stolperte in den Raum, suchte verzweifelt. Unter dem Bett, hinter den Möbeln. Aber das Kind war nicht da.
Anna schrie, als sie den Raum sah. Marcus hielt sie zurück.
„Erik!“ Kenji rief von der Tür. „Hier. Eine Nachricht.“
An der Wand, in Blut geschrieben:
Das Kind ist meins. Komm es holen. Englischer Garten. Mitternacht. Komm allein, oder es stirbt. – K.
Erik starrte auf die Worte, sein Verstand raste.
Englischer Garten. Nicht Frauenkirche. Nicht Marienplatz.
Ein dritter Ort.
„Sie hat uns ausgetrickst“, flüsterte Yuki hinter ihm. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf, aber war bei Bewusstsein. „James hat ihr gesagt, wir greifen die Frauenkirche an. Aber das war, was sie wollte, dass wir denken, dass sie denkt–“ Sie hielt inne. „Es ist ein dreifaches Spiel. Sie war die ganze Zeit drei Schritte voraus.“
„Wie ist sie reingekommen?“ fragte Marcus.
„Durch die Kanalisation.“ Yuki deutete auf ein Gitter in der Ecke. „Sie haben es von unten aufgebrochen. Drei Vampire, vielleicht vier. Zu schnell, um sie zu stoppen.“
„Und James?“ Erik’s Stimme war kalt.
„Weg. Sein Zimmer ist leer. Er ist mit ihnen gegangen.“
Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Verdammt. Verdammt, verdammt, VERDAMMT!“
Er schlug gegen die Wand, einmal, zweimal. Seine Knöchel bluteten.
„Erik.“ Anna war zu ihm gekommen, Tränen strömten über ihr Gesicht. „Bitte. Hol ihn zurück. Hol meinen Sohn zurück.“
„Ich werde.“ Erik wandte sich zu ihr, nahm ihre Hände. „Ich schwöre es. Ich bringe ihn zurück.“
„Aber die Nachricht sagt, komm allein“, sagte Sarah. Sie war jetzt wach, mit Kenjis Hilfe aufgestanden. „Das ist eine Falle.“
„Natürlich ist es eine Falle.“ Erik ging zur Tür. „Aber ich habe keine Wahl.“
„Du hast immer eine Wahl“, sagte Kenji. „Und die Wahl ist: Wir kommen mit dir.“
„Nein. Zu gefährlich.“
„Erik.“ Marcus stellte sich ihm in den Weg. „Wir sind ein Team. Du gehst nicht allein.“
„Aber–“
„Kein Aber.“ Sarah war neben Marcus getreten. „Wir haben uns nicht dem Kampf angeschlossen, um dich allein sterben zu lassen.“
Erik sah von einem zum anderen. Entschlossene Gesichter. Keine Angst. Nur Entschlossenheit.
„In Ordnung“, sagte er schließlich. „Aber wir ändern den Plan. Englischer Garten statt Frauenkirche. Und wir müssen davon ausgehen, dass Katalin alles weiß. Jeden Zug.“
„Dann improvisieren wir“, sagte Marcus.
„Wie lange haben wir?“ fragte David.
Erik sah auf die Uhr. „Neunzig Minuten. Bis Mitternacht.“
„Dann bewegen wir uns.“ Marcus aktivierte seinen Kommunikator. „Alle verfügbaren Einheiten, Sammelpunkt Eingang Nord des Englischen Gartens. Volle Kampfausrüstung. Wir haben einen Rettungseinsatz.“
1 Stunde vor dem Ritual
Sie fuhren in drei Fahrzeugen. Unauffällig, dunkel, ohne Sirenen. Erik in dem ersten, mit Kenji und Sarah. Marcus im zweiten mit Lisa und David. Das dritte mit vier weiteren Rekruten – alles, was die Zentrale entbehren konnte.
Der Englische Garten war bei Nacht verlassen. Die Tore waren geschlossen, aber das hielt Vampire nicht auf. Es hielt auch die Nachtwache nicht auf.
Sie parkten außerhalb der Sichtweite, näherten sich zu Fuß.
Der Park war riesig. 375 Hektar Wald, Wiesen, Bäche mitten in München. Und irgendwo darin: Katalin, Lukas, und das Ritual.
„Wo genau?“ fragte Sarah.
Erik öffnete den Rucksack, nahm beide Schlüssel in die Hände.
Der Schock war sofort da, aber er war darauf vorbereitet. Atmete durch. Fand den Rhythmus.
Die Welt veränderte sich. Farben verblassten. Schatten vertieften sich.
Und er sah sie. Die Ley-Linien. Sie liefen durch den Park, konvergierten an einem Punkt.
„Der Monopteros“, sagte er. Öffnete die Augen, ließ die Schlüssel los. „Der griechische Tempel auf dem Hügel. Dort ist sie.“
„Natürlich.“ Marcus lud seine Waffe durch. „Der exponierteste Punkt im ganzen Park.“
„Sie will gesehen werden“, sagte Kenji. „Es ist eine Botschaft. An uns. An die Stadt.“
„Dann geben wir ihr eine Antwort.“ Erik schulterte den Rucksack. „Wir gehen rein. Schnell, leise. Wenn das Ritual beginnt, wenn sie abgelenkt ist – dann schlagen wir zu.“
„Und Lukas?“ fragte Sarah.
„Befreien wir zuerst. Dann töten wir Katalin.“
„Einfacher Plan.“
„Die besten Pläne sind einfach.“
Sie bewegten sich durch den Park. Der Schnee dämpfte ihre Schritte. Bäume warfen lange Schatten im schwachen Mondlicht.
Erik spürte die Schlüssel in seinem Rucksack pulsieren, stärker jetzt. Sie spürten die Nähe. Die Nähe von…etwas.
Dem Monopteros näherten sie sich von Süden. Eine kleine Erhebung, gekrönt von einem runden griechischen Tempel mit Säulen. Zehn Säulen, die ein flaches Dach trugen.
Und in der Mitte, auf dem erhöhten Podest: Katalin.
Sie stand im Zentrum eines Kreises. Ein Kreis aus Kerzen, aus Symbolen, aus Blut. Um sie herum: Körper. Vierzehn Menschen, aufgereiht wie Speichen eines Rades.
Manche bewegten sich noch. Schwach, stöhnend. Andere waren bereits still.
Und vor Katalin, in einem kleineren Kreis: Lukas.
Das Kind weinte. Laut, verzweifelt. Aber niemand kam, um es zu trösten.
Vampire standen Wache. Mindestens zwanzig, um den Monopteros herum. Valentina war unter ihnen, ihr weißes Haar leuchtete im Mondlicht.
„Zu viele“, flüsterte Marcus.
„Wir haben keine Wahl.“ Erik sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis Mitternacht. „Wir teilen uns auf. Du und die Rekruten, ihr lenkt die Vampire ab. Kenji, Sarah, und ich – wir holen Lukas.“
„Das ist Selbstmord.“
„Vielleicht.“ Erik griff nach den Schlüsseln. „Aber es ist der einzige Weg.“
Mitternacht
Der Angriff begann mit Explosionen.
Marcus und sein Team hatten UV-Granaten um den Monopteros herum platziert. Auf sein Signal detonierten sie alle gleichzeitig.
Gleißendes Licht explodierte. Vampire schrien, stolperten zurück, ihre Haut rauchte.
In der Verwirrung stürmten Erik, Sarah und Kenji vor.
Erik hatte beide Schlüssel in den Händen. Die Energie floss durch ihn, machte ihn schneller, stärker. Er riss durch die erste Reihe von Vampiren, die Schlüssel glühten wie Flammen.
Einer versuchte ihn zu packen. Erik berührte ihn mit dem Schlüssel. Der Vampir explodierte in Asche.
„WOW“, hörte er Sarah hinter sich schreien.
Sie erreichten die Stufen des Monopteros. Katalin stand noch immer im Zentrum, unbeeindruckt von dem Chaos.
„Du bist gekommen“, sagte sie lächelnd. „Natürlich bist du das. So vorhersehbar.“
„Lass das Kind gehen!“ Erik hob die Schlüssel.
„Nein.“ Katalins Lächeln wurde breiter. „Das Kind bleibt. Es ist der Schlüssel zu allem. Oder besser gesagt–“ Sie deutete auf Lukas. „Er wird der dritte Schlüssel.“
„Was?“
„Du dachtest, es gäbe nur drei Seelenschlüssel? Metall und Magie?“ Katalin lachte. „Nein, Erik Schönwaldt. Der dritte Schlüssel ist kein Objekt. Es ist eine Person. Ein Kind, geboren in der Dunkelheit, berührt von ihr, aber nicht von ihr verschlungen. Lukas Berger ist der dritte Schlüssel.“
Erik erstarrte.
Das ergab…Sinn. Die Prophezeiung. „Drei Schlüssel. Drei Träger.“ Er hatte gedacht, es wären drei Menschen, die die Schlüssel trugen. Aber was, wenn…
„Du verstehst“, sagte Katalin. „Endlich. Du hast zwei. Ich habe den dritten. Und jetzt–“ Sie hob die Hände. „Nehme ich dir deine auch ab.“
Schatten explodierten aus ihr. Nicht normale Schatten. Lebende Schatten, mit Klauen und Zähnen.
Sie griffen Erik an, Sarah, Kenji. Zerrten sie zu Boden.
Erik versuchte sich zu wehren, aber es waren zu viele. Die Schlüssel glühten, verbrannten einige der Schatten, aber mehr kamen.
Er spürte, wie sie nach den Schlüsseln griffen, versuchten sie aus seinen Händen zu reißen.
„NEIN!“ Erik hielt fest. Die Energie floss durch ihn, verbrannte ihn von innen. Aber er ließ nicht los.
„Stur“, bemerkte Katalin. „Aber zwecklos.“
Sie trat näher. Ihre Augen glühten rot, uralt, mächtig.
„Gib sie mir. Freiwillig. Und ich lasse Lukas leben. Ich brauche ihn nur für das Ritual, dann ist er frei.“
„Lügen.“ Erik keuchte. „Du wirst ihn töten.“
„Vielleicht. Vielleicht nicht. Aber wenn du nicht aufgibst–“ Sie deutete auf seine Gefährten. Sarah und Kenji wurden von Vampiren festgehalten, Klingen an ihren Kehlen. „Dann sterben sie. Und Lukas stirbt auch. Und du stirbst. Alle sterben. Ist das, was du willst?“
Erik sah zu Sarah. Zu Kenji. Ihre Augen trafen seine.
Sarah nickte langsam. Tu es.
Kenji lächelte schwach. Es ist in Ordnung.
Sie waren bereit zu sterben.
Aber war er bereit, sie sterben zu lassen?
Der Spiegel in Wien hatte ihm drei Zukünfte gezeigt. In einer verlor er. In einer gewann er, aber alle starben. In einer gewann er, aber wurde korrumpiert.
Und er hatte gesagt, er würde einen vierten Weg finden.
Aber welchen?
Seine Hände zitterten um die Schlüssel. Die Stimmen flüsterten, drängten.
Kämpfe, sagte der eine. Gib auf, sagte der andere. Oder, flüsterte eine dritte Stimme – seine eigene – opfere dich.
Ein vierter Weg.
Erik sah zu Katalin.
„In Ordnung“, sagte er. „Ich gebe dir die Schlüssel.“
„ERIK, NEIN!“ schrie Sarah.
„Aber–“ Erik erhob sich langsam. Die Schatten ließen ihn los. „Unter einer Bedingung.“
„Du bist nicht in der Position zu verhandeln.“
„Dennoch.“ Erik hielt die Schlüssel hoch. „Du lässt Lukas gehen. Jetzt. Sofort. Und Sarah und Kenji. Und alle anderen. Du lässt sie alle gehen.“
„Und im Gegenzug?“
„Ich bleibe. Mit den Schlüsseln. Du kannst mich benutzen. Für dein Ritual. Anstelle von Lukas.“
Katalins Augen verengten sich. „Du würdest dich opfern?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil das der vierte Weg ist.“ Erik lächelte bitter. „Der Spiegel zeigte mir drei Zukünfte. Aber er zeigte mir nicht die vierte. Die, in der ich mich selbst opfere, um alle anderen zu retten.“
Stille.
Dann lachte Katalin. Lang und laut. „Brillant. Wirklich brillant. Du überrascht mich, Erik Schönwaldt. Aber–“ Ihr Lächeln verschwand. „Nein. Dein Opfer ist wertlos. Ich brauche Lukas, nicht dich. Er ist der Schlüssel. Ohne ihn funktioniert das Ritual nicht.“
„Dann nimm uns beide.“
„Was?“
„Das Ritual braucht drei Schlüssel, richtig? Du hast keinen physischen dritten Schlüssel. Du brauchst Lukas. Aber was, wenn–“ Erik dachte fieberhaft. „Was, wenn es auch mit mir funktioniert? Ich bin der Träger von zwei Schlüsseln. Vielleicht bin ich genug.“
Katalin betrachtete ihn. „Das…ist eine interessante Theorie.“
„Teste sie. Versuch es mit mir statt mit ihm. Wenn es funktioniert, hast du gewonnen. Wenn nicht–“ Erik zuckte die Schultern. „Dann hast du immer noch Lukas als Backup.“
„Und warum sollte ich das Risiko eingehen?“
„Weil du neugierig bist.“ Erik sah ihr in die Augen. „Ich habe es in Wien gesehen. Du lebst seit tausend Jahren. Nichts überrascht dich mehr. Aber das hier – die Möglichkeit, dass ein Träger von zwei Schlüsseln als dritter fungieren könnte – das ist neu. Das willst du wissen.“
Katalin schwieg lange.
Dann: „In Ordnung. Wir versuchen es. Aber–“ Sie schnippte mit den Fingern. Die Vampire packten Sarah und Kenji fester. „Wenn du versuchst zu fliehen, wenn du auch nur zuckst – sie sterben. Verstanden?“
„Verstanden.“
Erik ging langsam die Stufen hoch. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er zu seinem Tod gehen.
Vielleicht tat er das.
Katalin wartete im Zentrum des Kreises. Die vierzehn Opfer lagen um sie herum, einige noch atmend.
Und Lukas, weinend im kleineren Kreis.
„Tritt ein“, sagte Katalin.
Erik trat in den Kreis.
Sofort spürte er es. Eine gewaltige Kraft, die durch den Boden floss. Die Ley-Linien, alle konvergierend hier. Energie, so roh und mächtig, dass es schmerzte.
„Knie nieder.“
Erik kniete.
Katalin trat hinter ihn, legte die Hände auf seine Schultern. Ihre Berührung war eiskalt.
„Die Schlüssel“, sagte sie. „Leg sie vor dir nieder.“
Erik zögerte. Dann legte er beide Schlüssel vor sich auf den Boden.
Sofort begannen sie zu glühen. Heller und heller. Golden und rot, sich vermischend.
Katalin begann zu singen. Oder chanten. Worte in einer Sprache, die Erik nicht kannte. Alt, mächtig, jedes Wort vibrierte in seinen Knochen.
Die Ley-Linien begannen zu pulsieren. Sichtbar jetzt, auch ohne die Schlüssel zu berühren. Goldene Fäden, die durch den Boden liefen, sich im Kreis trafen.
Und dann: Schmerz.
Als hätte jemand tausend Nadeln in seinen Körper gestoßen. Erik schrie, konnte nicht anders.
Die Energie floss in ihn, durch ihn, aus ihm heraus. Die Schlüssel saugten sie auf, glühten heller.
„Ja“, flüsterte Katalin. „Es funktioniert. Du bist genug. Zwei Schlüssel in einem Träger – das ist mehr als genug für das Ritual.“
Erik versuchte sich zu bewegen, aber er konnte nicht. Die Energie hielt ihn fest, lähmte ihn.
Er sah zu Lukas. Das Kind hatte aufgehört zu weinen, starrte ihn mit großen Augen an.
Tut mir leid, dachte Erik. Ich habe versucht–
Und dann, unerwartet: Lukas lächelte.
Ein seltsames Lächeln. Zu wissend für ein zweijähriges Kind.
Und aus dem Kind kam eine Stimme. Nicht Lukas‘ Stimme. Eine andere. Tiefer. Älter.
„Dummer Vampir. Du hast vergessen, wen du hier wirklich gefangen hast.“
Katalin erstarrte. „Was–“
Licht explodierte aus Lukas. Nicht das gleiche Licht wie von den Schlüsseln. Etwas anderes. Weißer. Reiner.
Und eine Gestalt materialisierte sich neben dem Kind.
Eine Frau. Durchscheinend, wie ein Geist. Mit dunklem Haar und grünen Augen.
Helena.
„Du“, keuchte Katalin.
„Mich“, bestätigte Helenas Geist. „Du dachtest, ich wäre tot. Ich bin es auch. Aber nicht ganz.“ Sie sah zu Erik. „Tut mir leid, dass ich dich nicht früher informiert habe. Aber es musste überzeugend sein.“
Erik starrte sie an. „Du…bist in Lukas?“
„Ein Fragment von mir. Seit meinem Tod. Ich wusste, Katalin würde das Kind jagen. Also habe ich mich darin versteckt. Gewartet. Und jetzt–“ Sie wandte sich zu Katalin. „Jetzt beende ich, was ich beim Odeonsplatz begonnen habe.“
„Du kannst mich nicht aufhalten“, zischte Katalin. „Du bist nur ein Geist!“
„Aber ich bin ein Geist mit Zugang zu den Ley-Linien. Durch Lukas. Durch Erik. Durch die Schlüssel.“ Helena hob die Hände. „Und jetzt nutze ich sie.“
Die Energie kehrte sich um.
Statt in Erik zu fließen, aus den Ley-Linien in die Schlüssel, floss sie zurück. Aus den Schlüsseln, in die Linien, und zurück nach…
Katalin.
Die Vampirin schrie. Versuchte, sich zu lösen. Aber die Energie hielt sie fest.
„NEIN! Das ist unmöglich!“
„Nichts ist unmöglich“, sagte Helena ruhig. „Das habe ich dir immer gesagt. Erik – die Schlüssel! Benutze sie! Jetzt!“
Erik griff nach ihnen. Die Lähmung war weg. Seine Hände schlossen sich um beide Schlüssel.
Energie explodierte durch ihn. Aber diesmal fühlte es sich anders an. Nicht schmerzhaft. Kontrolliert.
Weil Helena da war. Sie lenkte die Energie, leitete sie durch ihn.
„Töte sie“, flüsterte Helena. „Beende es.“
Erik stand auf. Die Schlüssel glühten so hell, dass er kaum hinsehen konnte. Er wandte sich zu Katalin.
Die Vampirin war auf den Knien, gefangen in einem Netz aus purer Energie.
„Du…kannst mich nicht töten“, keuchte sie. „Ich bin…unsterblich…“
„Niemand ist unsterblich.“ Erik hob die Schlüssel. „Nicht einmal du.“
Und er stieß zu.
Beide Schlüssel trafen Katalins Herz. Gleichzeitig.
Licht explodierte.
Kapitel 7: Die Asche und das Licht
Das Licht war so hell, dass Erik für einen Moment dachte, er wäre erblindet.
Es explodierte aus Katalins Körper, aus den Schlüsseln, aus dem Ritualkreis selbst. Weiß und golden und rot, alles vermischt zu einer Farbe, die keine irdische Farbe war.
Erik wurde zurückgeschleudert. Flog durch die Luft, landete hart auf den Steinstufen des Monopteros. Die Schlüssel fielen aus seinen Händen, rollten davon.
Für einen Moment war alles still.
Dann: ein Schrei.
Nicht menschlich. Nicht einmal vampirisch. Es war der Schrei von etwas Uraltem, das starb. Von etwas, das nicht sterben sollte, aber dennoch tat.
Erik zwang sich, die Augen zu öffnen.
Katalin stand noch immer. Oder das, was von ihr übrig war.
Ihr Körper begann zu zerfallen. Nicht zu Asche, wie bei normalen Vampiren. Sondern zu…Schatten. Dunkelheit, die sich auflöste, zerstreute, im Wind davongetragen wurde.
Ihre Augen – einst rot und glühend – wurden matt. Leer.
„Das…ist unmöglich“, flüsterte sie. Ihre Stimme war kaum noch hörbar. „Ich bin…die Große Mutter…ich kann nicht…“
„Doch“, sagte Helena. Ihr Geist stand neben Erik, durchscheinend aber deutlich sichtbar. „Du kannst. Und du tust es. Tausend Jahre waren genug.“
Katalin sank auf die Knie. Ihre Hände griffen nach Erik, aber bevor sie ihn erreichen konnten, lösten sie sich auf. Finger zu Schatten. Arme zu Dunst.
„Verflucht…sei…ihr…alle…“
Ihre letzten Worte. Dann war sie weg.
Nur ein Haufen Asche blieb zurück. Und ein Geruch – süßlich, verrottet, uralt.
Erik keuchte. Sein ganzer Körper schmerzte. Er versuchte aufzustehen, aber seine Beine wollten nicht gehorchen.
„Ruhig.“ Helena kniete neben ihm. Obwohl sie ein Geist war, schien sie ihn fast zu berühren. „Du hast zu viel Energie durchfließen lassen. Du brauchst Zeit.“
„Die Opfer“, presste Erik hervor. „Die vierzehn Menschen. Sind sie–“
„Einige leben noch. Sarah und Kenji kümmern sich bereits um sie.“
Erik sah zum Kreis. Tatsächlich – Sarah war von den Vampiren befreit worden, die im Chaos von Katalins Tod geflohen waren. Sie ging von Opfer zu Opfer, überprüfte Pulse.
„Sechs sind tot“, sagte sie laut. „Acht leben. Aber sie brauchen sofort medizinische Hilfe.“
„Marcus!“ Erik’s Stimme war heiser. „Wo ist Marcus?“
„Hier.“ Der große Mann kam die Stufen hoch, sein Gesicht rußgeschwärzt, eine Wunde an der Schulter. Aber er lebte. „Die Vampire sind geflohen. Etwa fünf haben wir erwischt, der Rest ist in den Park entkommen. Darunter–“ Er zögerte. „Darunter Valentina.“
„Verdammt.“ Erik versuchte wieder aufzustehen. Diesmal gelang es. „Und Lukas?“
„Er ist in Sicherheit.“ Kenji trug das Kind, das jetzt friedlich schlief. „Das Fragment, das Helena zurückgelassen hatte – es ist weg. Er ist wieder nur ein normales Kind.“
Erik sah zu Helenas Geist. „Du warst die ganze Zeit da. In ihm. Seit deinem Tod.“
„Ein Teil von mir.“ Helena lächelte traurig. „Ich wusste, dass ich sterben würde. Am Odeonsplatz, beim Ritual. Aber ich wusste auch, dass Katalin wiederkommen würde. Und dass sie Lukas jagen würde, weil er…besonders ist.“
„Der dritte Schlüssel.“
„Ja und nein.“ Helena stand auf, ging zum Zentrum des Kreises. „Das war eine Lüge. Oder besser gesagt, eine Halbwahrheit. Lukas ist nicht der dritte Schlüssel. Er war nur ein Gefäß. Für mich. Für den Moment, in dem ich gebraucht würde.“
„Aber Katalin glaubte, er wäre es.“
„Und das war der Plan. Sie fokussierte sich auf ihn, ignorierte die wirkliche Bedrohung.“ Helena deutete auf Erik. „Dich. Mit zwei Schlüsseln. Du warst immer der Schlüssel zu ihrem Untergang.“
Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten immer noch von der Energie. „Ich habe sie getötet.“
„Nein. Wir haben sie getötet. Zusammen.“ Helenas Blick wurde sanfter. „Erik, du musst verstehen – das hier ist nicht vorbei. Katalin war die Anführerin, aber es gibt noch andere. Valentina. Dimitri. Dutzende von Vampiren, die ihr gedient haben. Sie werden Rache wollen.“
„Dann jagen wir sie.“
„Das wirst du. Aber nicht heute.“ Helena begann zu verblassen. „Ich muss gehen. Das Fragment, das ich in Lukas gelassen hatte – es war nie dazu gedacht, dauerhaft zu sein. Jetzt, wo Katalin tot ist, gibt es keinen Grund mehr zu bleiben.“
„Warte!“ Erik stolperte vor. „Du kannst nicht einfach wieder gehen. Ich habe so viele Fragen. Über die Schlüssel, über–“
„Die Antworten wirst du finden. Mit der Zeit.“ Helena lächelte. „Aber eine Sache will ich dir noch sagen: Der dritte Schlüssel existiert. Wirklich. Nicht Lukas, aber etwas anderes. Irgendwo. Und wenn Katalins Verbündete ihn finden, bevor du es tust–“
„Wo ist er?“
„Schloss Falkenstein.“ Helenas Stimme war jetzt kaum noch ein Flüstern. „Wo alles begann. Dort ist der dritte Schlüssel. Versteckt. Wartend. Aber Erik – sei vorsichtig. Das Schloss ist nicht verlassen. Und wer auch immer dort ist…ist nicht dein Freund.“
„Helena, warte, ich–“
Aber sie war bereits verschwunden. Nur ein letztes Leuchten blieb, dann nichts.
Erik stand da, allein, mit den zwei Schlüsseln zu seinen Füßen und einem brennenden Gefühl der Leere in der Brust.
„Sie ist weg“, sagte Sarah leise hinter ihm. „Wieder.“
„Ja.“ Erik bückte sich, hob die Schlüssel auf. Sie waren kalt jetzt, inert. Als hätten sie all ihre Energie verbraucht. „Aber sie hat uns gerettet. Ein letztes Mal.“
„Das hat sie.“ Sarah legte ihm die Hand auf die Schulter. „Komm. Wir müssen die Verwundeten versorgen. Und dann–“ Sie sah über den Park, zu den brennenden Lichtern von München in der Ferne. „Dann müssen wir entscheiden, was als Nächstes kommt.“
Drei Stunden später – Zentrale der Nachtwache
Die Krankenstation war überfüllt.
Acht Überlebende des Rituals, alle in verschiedenen Stadien der Verletzung. Kenji und zwei der Rekruten, die medizinische Ausbildung hatten, arbeiteten durchgehend. Verbände. Infusionen. Notfallbehandlungen.
Yuki koordinierte von der Kommandozentrale aus. Krankenwagen waren gerufen worden – mit sorgfältig konstruierten Cover-Geschichten. Ein Unfall im Park. Gasexplosion vielleicht. Die Behörden würden Fragen stellen, aber die Nachtwache hatte Verbindungen. Wege, um Dinge…zu managen.
Erik saß in seinem Büro, starrte auf die zwei Schlüssel auf seinem Schreibtisch.
Sie glühten nicht mehr. Flüsterten nicht. Sie waren nur…Metall. Alte, schwere Schlüssel aus einer anderen Zeit.
Aber er wusste, dass das eine Täuschung war. Die Macht war noch da. Ruhend. Wartend.
Ein Klopfen an der Tür.
„Herein.“
Anna trat ein, Lukas auf dem Arm. Das Kind war wach, lächelte, griff spielerisch nach ihrer Halskette.
„Ich wollte mich verabschieden“, sagte sie leise. „Michael kommt, um uns abzuholen. Wir…wir gehen für eine Weile weg. Aus München. Vielleicht aufs Land. Irgendwohin, wo es sicher ist.“
„Das ist klug.“ Erik stand auf. „Anna, es tut mir leid. Für alles. Für die Gefahr, in die ich euch gebracht habe.“
„Du hast uns nicht in Gefahr gebracht. Katalin hat das.“ Anna trat näher. „Und du hast uns gerettet. Lukas, mich, die ganze Stadt. Wie kann ich dir jemals danken?“
„Indem du ein gutes Leben führst. Mit ihm.“ Erik streichelte Lukas über den Kopf. Das Kind kicherte. „Lass ihn normal aufwachsen. Ohne Monster. Ohne Dunkelheit.“
„Das werde ich versuchen.“ Anna zögerte. „Erik…was Helena getan hat. Das Fragment in Lukas. Glaubst du, es hat ihm geschadet? Langfristig?“
„Kenji sagt nein. Alle Tests sind normal. Er ist gesund, glücklich, unberührt.“ Erik lächelte. „Helena hat ihn beschützt. Selbst im Tod.“
„Sie war eine großartige Frau.“
„Das war sie.“
Anna ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. „Wenn ihr mich braucht – wenn die Dunkelheit zurückkommt – ruft mich an. Ich bin vielleicht keine Kämpferin, aber ich bin eine Mutter. Und Mütter tun alles, um ihre Kinder zu schützen.“
„Das weiß ich.“ Erik nickte. „Pass auf euch auf.“
Sie ging. Die Tür schloss sich.
Erik blieb allein zurück mit den Schlüsseln und den Gedanken und einer wachsenden Erkenntnis:
Das war nicht vorbei.
Valentina lebte noch. Dimitri auch. Und irgendwo, in Schloss Falkenstein, wartete der dritte Schlüssel.
Das Spiel war noch nicht zu Ende.
Am nächsten Morgen
Das Team versammelte sich im Konferenzraum.
Alle sahen erschöpft aus. Marcus mit verbundener Schulter. Sarah mit einem blauen Auge. Kenji bleich von durchgearbeiteter Nacht. Yuki mit Kaffee, der bereits kalt war, aber sie trank ihn trotzdem.
Und ein leerer Stuhl. Für James.
„Er ist weg“, verkündete Yuki. „Komplett verschwunden. Ich habe alle Kontakte überprüft, alle möglichen Verstecke. Nichts.“
„Er ist mit ihnen gegangen“, sagte Marcus bitter. „Mit Valentina. Als Katalin fiel, haben sie ihn mitgenommen.“
„Oder er ist freiwillig gegangen“, fügte Sarah hinzu. „Aus Angst. Aus Scham.“
„Spielt es eine Rolle?“ Erik sah in die Runde. „Er ist weg. Und wir müssen entscheiden: Jagen wir ihn? Oder lassen wir ihn gehen?“
„Er ist ein Verräter“, sagte Marcus. „Er hat Lukas‘ Entführung ermöglicht. Fast hätten wir alle sterben können.“
„Aber er wurde erpresst“, erinnerte Kenji. „Seine Tochter war in Gefahr. Kann man einem Mann vorwerfen, dass er sein Kind retten wollte?“
„Ja“, sagte Marcus fest. „Wenn dabei andere Kinder in Gefahr geraten.“
„Genug.“ Erik hob die Hand. „Wir diskutieren nicht über Philosophie. Die Fakten sind: James ist weg. Er könnte eine Bedrohung sein, oder er könnte einfach nur ein gebrochener Mann sein, der flieht. Wir haben größere Probleme.“
„Wie?“ fragte Sarah.
„Valentina. Sie hat etwa fünfzehn Vampire mit sich genommen. Sie sind irgendwo in der Stadt, oder außerhalb. Verwundet, aber nicht besiegt.“
„Und Dimitri?“ fragte Yuki.
„Keine Spur. Er war nicht am Englischen Garten. Entweder wusste er, dass es eine Falle war, oder er ist auf einer anderen Mission.“
„Und dann“, sagte Marcus, „ist da noch der dritte Schlüssel. Helena sagte, er ist in Schloss Falkenstein.“
„Ja.“ Erik lehnte sich zurück. „Das ist unser nächster Schritt. Aber nicht sofort. Wir brauchen Zeit. Heilung. Vorbereitung.“
„Wie viel Zeit?“ fragte Sarah.
„Einen Monat. Bis zum nächsten Ritual.“
„Warte.“ Yuki sah auf. „Welches Ritual? Katalin ist tot.“
„Aber ihre Pläne leben weiter.“ Erik stand auf, ging zur Karte von München an der Wand. „Sie hatte sechs Rituale geplant. Eins haben wir verhindert – das Neumond-Ritual. Aber das bedeutet nicht, dass die anderen aufgeben. Valentina, Dimitri, wer auch immer ihre Verbündeten sind – sie werden weitermachen. Vielleicht anders, vielleicht schwächer, aber sie werden es versuchen.“
„Also kämpfen wir weiter.“
„Wir kämpfen weiter.“ Erik wandte sich zu ihnen. „Aber diesmal sind wir vorbereitet. Wir wissen, was kommt. Und wir haben zwei Schlüssel. Wenn wir den dritten bekommen–“
„Dann sind wir unstoppbar“, beendete Marcus.
„Oder wir werden korrumpiert von der Macht“, sagte Kenji leise. „Vergiss nicht, was der Spiegel gezeigt hat. Drei Zukünfte. In zweien geht es schlecht aus.“
„Deshalb bleiben wir wachsam.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir sind ein Team. Wir halten uns gegenseitig im Zaum. Und wenn ich jemals anfange, die Kontrolle zu verlieren – wenn die Schlüssel mich zu verändern beginnen – dann stoppt ihr mich. Mit Gewalt, wenn nötig.“
„Das werden wir“, versprach Sarah.
„Gut.“ Erik setzte sich wieder. „Dann ist der Plan: Einen Monat Pause. Wir heilen. Wir trainieren. Wir recherchieren alles über Falkenstein. Und dann–“
„Dann gehen wir zurück“, sagte Marcus. „Zurück dorthin, wo alles begann.“
„Genau.“
Zwei Wochen später
Erik stand vor zwei Gräbern.
Das erste: HELENA KONSTANTIN, 1979-2024. Geliebte Freundin, Mentorin, Anführerin.
Das zweite: Ein leerer Grabstein. Für diejenigen, die keine Gräber hatten. Für Clara. Für seine Urgroßeltern. Für alle, die die Nachtwache verloren hatte.
Er legte Blumen auf beide nieder.
„Ich vermisse dich“, sagte er leise. „Beide. Alle.“
Der Wind trug seine Worte davon.
„Aber ich mache weiter. Für euch. Für die Stadt. Für alle, die noch gerettet werden können.“
Er wandte sich zum Gehen.
Und erstarrte.
Am Rand des Friedhofs stand eine Gestalt. Im Schatten eines Baumes. Zu weit entfernt, um Details zu erkennen.
Aber Erik spürte es. Die Präsenz. Alt. Mächtig. Vertraut.
„Lucian“, flüsterte er.
Die Gestalt nickte langsam. Dann verschwand sie.
Erik rannte zum Baum, aber als er dort ankam, war niemand da. Nur eine Nachricht, in die Rinde geritzt:
Der dritte Schlüssel wartet. Aber du bist nicht bereit. Noch nicht. – L
Erik starrte auf die Worte.
Noch nicht bereit. Was bedeutete das?
Er drehte sich um, ging zurück zum Auto. Die zwei Schlüssel lagen im Kofferraum, eingeschlossen in einer gesegneten Kiste. Er konnte sie nicht bei sich tragen, nicht immer. Sie flüsterten zu viel, versuchten zu viel.
Aber er würde lernen, sie zu kontrollieren.
Musste es lernen.
Denn das war noch nicht vorbei.
Drei Wochen später – Sondersitzung
Yuki stürmte in Eriks Büro, ein Tablet in der Hand.
„Wir haben ihn gefunden.“
„Wen?“
„James. Oder besser gesagt, jemand hat ihn gefunden.“ Sie drehte das Tablet herum.
Ein Nachrichtenbericht. Eine Leiche, gefunden in einem Waldstück außerhalb von München. Männlich, Mitte Fünfzig, identifiziert als James Whitmore, britischer Staatsbürger.
Todesursache: Exsanguination. Extremer Blutverlust. Wunden am Hals.
„Er wurde getötet“, sagte Erik tonlos.
„Von einem Vampir. Wahrscheinlich Valentina oder einer ihrer Verbündeten.“ Yuki setzte sich. „Sie haben ihn benutzt und dann entsorgt.“
„Oder er wollte aussteigen, und sie haben ihn bestraft.“ Erik schloss die Augen. „Verdammt. Armer James.“
„Er hat uns verraten.“
„Er war verzweifelt. Das ist ein Unterschied.“ Erik öffnete die Augen. „Benachrichtige seine Tochter. Diskret. Sie soll es von uns erfahren, nicht von der Polizei.“
„Das wird schwierig zu erklären sein.“
„Sag ihr, ihr Vater ist bei einem Einsatz gestorben. Für die Nachtwache. Das ist nahe genug an der Wahrheit.“
Yuki nickte. „Und sein Verrat?“
„Nehmen wir mit ins Grab. Sie soll ihn als Helden in Erinnerung behalten, nicht als Verräter.“
„Du bist zu gütig.“
„Vielleicht.“ Erik stand auf, ging zum Fenster. „Oder vielleicht verstehe ich einfach, dass niemand perfekt ist. Wir alle haben Bruchstellen. Orte, wo wir brechen können. James‘ war seine Tochter. Meine–“ Er zögerte. „Meine sind die Leute, die ich verloren habe. Helena, Clara. Wenn Katalin mir angeboten hätte, sie zurückzubringen, im Austausch für die Schlüssel…“
„Hättest du ja gesagt?“
„Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.“ Erik wandte sich zu ihr. „Deshalb verurteile ich James nicht. Weil ich in seiner Situation vielleicht dasselbe getan hätte.“
Yuki stand auf, ging zu ihm. „Du bist ein guter Mann, Erik Schönwaldt.“
„Das hoffe ich.“
Sie standen in Stille, sahen auf die Stadt hinunter. München, friedlich in der Winterdämmerung. Lichter begannen aufzugehen. Menschen gingen nach Hause zu ihren Familien. Normale Leben, unberührt von der Dunkelheit, die unter der Oberfläche lauerte.
„Eine Woche noch“, sagte Yuki schließlich. „Dann brechen wir auf. Nach Falkenstein.“
„Ja.“
„Bist du bereit?“
Erik dachte an die Nachricht auf dem Friedhof. Du bist noch nicht bereit.
„Nein“, gab er zu. „Aber ich gehe trotzdem.“
„Das ist dumm.“
„Das ist Mut.“ Erik lächelte schwach. „Oder Wahnsinn. Manchmal ist es schwer, den Unterschied zu erkennen.“
„Bei dir besonders.“ Yuki lächelte zurück. „Aber wir gehen mit. Du bist nicht allein.“
„Niemals allein.“
„Niemals.“
Eine Woche später – Aufbruch
Der Morgen des Aufbruchs war kalt und klar. Schnee lag auf den Straßen, aber die Sonne schien.
Ein gutes Omen, dachte Erik. Oder ein letzter Gruß von einer Welt, die er vielleicht nicht wiedersehen würde.
Das Team war klein diesmal. Erik, Marcus, Thomas, Kenji. Vier Mann. Mehr war nicht nötig. Und mehr würden das Risiko erhöhen.
Sarah und Yuki blieben zurück, führten die Zentrale. Beschützten München.
„Pass auf dich auf“, sagte Yuki, als sie Erik umarmte.
„Du auch.“
„Und Erik – wenn du den dritten Schlüssel findest…“ Sie zögerte. „Versprich mir, dass du nicht all die Macht allein trägst. Die drei Schlüssel zusammen – das ist zu viel für einen Menschen.“
„Ich verspreche es.“
„Lügner.“ Sie lächelte. „Aber komm trotzdem zurück.“
„Das ist der Plan.“
Sie trennten sich. Erik, Marcus, Thomas und Kenji stiegen in das Auto. Der Rucksack mit den zwei Schlüsseln lag im Kofferraum.
„Bereit?“ fragte Marcus vom Fahrersitz.
„Nein“, sagte Erik ehrlich. „Aber fahren wir trotzdem.“
Der Motor startete. Das Auto rollte aus der Garage.
München verschwand hinter ihnen, wurde kleiner und kleiner, bis es nur noch ein Punkt am Horizont war.
Vor ihnen: Der Schwarzwald. Dunkel, dicht, undurchdringlich.
Und irgendwo darin: Schloss Falkenstein.
Wo alles begonnen hatte.
Wo alles enden würde.
Währenddessen – Irgendwo im Schwarzwald
Valentina stand am Fenster einer verlassenen Jagdhütte.
Vor ihr: Dimitri, blass, verwundet, aber lebendig.
Und noch jemand. Eine Gestalt in den Schatten. Groß, uraltig, mit Augen, die wie Kohlen glühten.
„Sie kommen“, sagte Valentina. „Wie vorhergesagt.“
„Natürlich kommen sie.“ Die Schattengestalt trat ins Licht. Ein Mann, oder das, was einmal ein Mann gewesen war. Gesicht wie aus Stein gemeißelt, Kleidung aus einem anderen Jahrhundert. „Schönwaldt ist vorhersehbar. Er denkt, er ist ein Held. Der Retter der Stadt.“
„Und ist er das nicht?“
„Er ist ein Werkzeug.“ Die Gestalt lächelte, und ihre Zähne waren zu scharf, zu lang. „Ein Werkzeug, das wir benutzen werden. Die zwei Schlüssel in seinen Händen – bald werden sie unser sein. Und mit ihnen–“
„Und mit dem dritten“, unterbrach Dimitri.
„Der bereits hier ist. Versteckt. Wartend.“ Die Schattengestalt wandte sich zum Fenster, sah hinaus in den Wald. „Alles läuft nach Plan. Katalin mag gefallen sein, aber ihr Traum lebt weiter. Die ewige Nacht wird kommen. Nicht dieses Jahr, vielleicht. Aber bald.“
„Und wenn Schönwaldt uns stoppt?“
„Er wird es nicht. Weil er nicht weiß, was ihn im Schloss erwartet.“ Die Gestalt lachte, ein Geräusch wie brechende Knochen. „Er denkt, er geht in ein verlassenes Gebäude. Eine Ruine. Aber Schloss Falkenstein ist nicht verlassen. Es ist sehr, sehr bewohnt.“
„Von dir.“
„Von uns.“ Die Gestalt deutete auf Dimitri und Valentina. „Von allen, die überlebt haben. Von allen, die Rache wollen. Und von dem, was im Westflügel schläft.“
„Was schläft dort?“ fragte Valentina.
Die Schattengestalt lächelte nur. „Das wirst du sehen. Wenn Schönwaldt dort ankommt. Wenn er glaubt, er hätte gewonnen. Dann erwacht es. Und dann–“ Das Lächeln wurde breiter. „Dann beginnt das wahre Spiel.“
Sie wandte sich ab, verschwand zurück in den Schatten.
Valentina und Dimitri blieben zurück, sahen einander an.
„Glaubst du, Schönwaldt hat eine Chance?“ fragte Dimitri.
„Nein“, sagte Valentina. „Aber es wird interessant sein, ihn versuchen zu sehen.“
Ende von TEIL I: WINTERSONNENWENDE
Ein Monat war vergangen seit dem Neumond-Ritual. Katalin war gefallen. Aber die Dunkelheit war noch nicht besiegt. Der dritte Schlüssel wartete. Und im Schloss Falkenstein… … erwachte etwas Uraltes.
TEIL II: FRÜHLING – DIE JAGD NACH DEM DRITTEN SCHLÜSSEL
Kapitel 8: Rückkehr nach Falkenstein
Der Schwarzwald hatte ein Gedächtnis.
Erik spürte es, sobald sie die Hauptstraße verließen und in die schmalen Forststraßen eintauchten. Die Bäume schlossen sich über ihnen zusammen, ihre kahlen Winteräste verflochten sich zu einem Geflecht aus Grau und Schwarz. Kein Schnee drang durch das Blätterdach – oder das, was davon in dieser Jahreszeit übrig war. Nur Kälte. Eine Kälte, die sich anders anfühlte als der Winter draußen.
Älter. Als hätte der Wald selbst die Wärme vergessen.
„Du warst schon einmal hier“, sagte Thomas vom Rücksitz. Nicht als Frage.
„Ja.“ Erik sah aus dem Beifahrerfenster. Die vertrauten Umrisse der Bäume, die Art, wie das Licht gebrochen wurde. „Als ich die Schlüssel das erste Mal gefunden habe. Vor fast einem Jahr.“
„Und?“
„Es hat sich verändert. Damals war es nur … seltsam. Unbehaglich.“ Erik zögerte. „Jetzt fühlt es sich gefährlich an.“
Marcus am Steuer brummte zustimmend. „Ich spüre es auch. Und ich spüre solche Dinge normalerweise nicht.“
„Die Schlüssel reagieren“, sagte Kenji. Er saß ruhig, die Augen halb geschlossen, in einer Art wachsamer Meditation. „Im Kofferraum. Ich kann ihr Pulsieren selbst durch das Metall der Kiste spüren.“
Erik drehte sich halb um, als könnte er durch die Rücklehne in den Kofferraum sehen. Er spürte es auch – ein rhythmisches Pochen, das nichts mit seinem eigenen Herzschlag zu tun hatte. Oder vielleicht alles.
„Noch wie weit?“, fragte Marcus.
Erik überprüfte das GPS. Oder versuchte es. Das Signal flackerte, verlor sich, kehrte zurück. „Drei Kilometer vielleicht. Aber das Navi –“
„Ich weiß.“ Marcus tippte auf das Display. „Schon seit zwanzig Minuten unzuverlässig. Wie beim letzten Mal?“
„Schlimmer.“ Erik legte das Gerät beiseite. „Aber ich kenne den Weg. Noch. Irgendwo hier links ist eine verlassene Forsthütte. Dahinter beginnt das Gelände.“
„Du navigierst aus dem Gedächtnis.“
„Scheint so.“
„Das ist entweder mutig oder dumm.“
„Vermutlich beides.“
Sie fuhren noch fünf Minuten, dann zwang Marcus den Wagen auf einen unbefestigten Weg, der kaum mehr als zwei Reifenspuren zwischen den Bäumen war. Äste schrammten über das Dach. Einmal musste Marcus bremsen, weil ein gefällter Stamm halb die Fahrbahn versperrte.
„Jemand hat das hingelegt“, sagte Thomas. Er war ausgestiegen und kniete neben dem Stamm. „Frisch. Innerhalb der letzten paar Stunden. Die Schnittfläche ist noch feucht.“
„Sie wissen, dass wir kommen.“ Erik stieg ebenfalls aus. Die Kälte traf ihn sofort, biss in sein Gesicht. „Das sollte uns nicht überraschen.“
„Nein.“ Thomas stand auf, die Hand an der Klinge an seinem Gürtel. „Aber es bedeutet, dass wir nicht überrumpelt werden.“
„Das war nie der Plan.“ Erik ging zurück zum Kofferraum, öffnete ihn. Die gesegnete Kiste lag darin. Er legte die Hand darauf, spürte sofort das Pulsieren der Schlüssel dagegen – drängend, aufgeregt, als wüssten sie, wo sie waren.
„Nehme ich sie jetzt?“, fragte er Kenji.
Der Mönch schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Solange wir nur gehen, ist es klüger, sie verborgen zu halten. Der Feind spürt sie, wenn du sie trägst.“
„Der Feind spürt sie sowieso.“
„Aber nicht so deutlich. Es gibt einen Unterschied zwischen ‚jemand trägt etwas Mächtiges‘ und ‚da ist die Macht selbst‘.“
Kenji trat neben ihn. „Wenn die Zeit kommt, wirst du sie brauchen. Und dann nimmst du sie.“
Erik nickte, schloss den Kofferraum.
Sie räumten den Stamm beiseite, zu viert, mit Mühe. Dann fuhren sie weiter.
Das Schloss erschien nicht plötzlich. Es schlich sich heran.
Zuerst eine Mauer, kaum sichtbar zwischen den Bäumen. Dann eine zweite, höhere. Die Bäume wurden spärlicher, der Boden uneben. Und dann, als Marcus um eine letzte Biegung fuhr:
Die Lichtung.
Und dahinter das Schloss.
Schloss Falkenstein.
Es sah nicht so aus, wie Erik es in Erinnerung hatte.
Damals war es eine Ruine gewesen. Verfallen, von Efeu überwuchert, die Türme halb eingestürzt. Ein Ort, der starb.
Jetzt lebte es.
Nicht vollständig restauriert – zu viel war zerstört worden, beim Brand, beim Einsturz des Westflügels. Aber Teile des Schlosses waren neu aufgebaut worden. Einfaches Mauerwerk, ohne Ornamente, aber solide. Fenster, die früher blind und zerbrochen waren, hatten neue Scheiben. Schwarze Scheiben, die kein Licht durchließen.
Auf dem Innenhof brannten Fackeln. In der Dunkelheit des Winternachmittags warfen sie tanzende Schatten.
Und auf dem Hauptturm wehte eine Fahne. Schwarz, mit einem Zeichen darauf – ein Kreis, durchkreuzt von drei Linien.
„Das kenne ich nicht“, murmelte Marcus.
„Ich schon“, sagte Thomas leise. Er starrte auf die Fahne, sein Gesicht ungewöhnlich blass. „Das ist das Zeichen des Blutrates. Nicht Katalins Fraktion. Eine ältere Gruppe. Uralt.“
„Der Rat hatte Fraktionen?“, fragte Erik.
„Hat. Nicht hatte.“ Thomas wandte sich zu ihm. „Erik, ich muss euch etwas sagen. Etwas, das ich lange verschwiegen habe.“ Er zögerte. „Etwas, das mit meiner Vergangenheit zu tun hat.“
„Thomas–“
„Später. Wenn wir drin sind.“ Thomas griff nach seinem Kreuz, hielt es einen Moment. „Aber ihr müsst wissen: Ich kenne dieses Zeichen. Ich kenne den Blutrat. Und wenn sie hier sind …“ Er ließ das Kreuz los. „Dann ist das weit gefährlicher, als wir dachten.“
Stille im Auto.
Dann: „Weiterfahren?“, fragte Marcus.
„Weiterfahren“, bestätigte Erik.
Das Tor stand offen.
Nicht eingeladen offen. Nicht unverschlossen offen. Sondern absichtlich, auffordernd offen. Als würde jemand sagen: Wir wissen, dass ihr kommt. Kommt rein. Wir warten.
„Falle“, sagte Marcus.
„Offensichtlich“, stimmte Erik zu. „Aber Lucian hat gesagt, der Schlüssel ist hier. Und Helena hat es bestätigt. Wir haben keine Wahl.“
„Wir haben immer eine Wahl.“
„Nicht dieses Mal.“ Erik stieg aus dem Auto, den Rucksack mit der Kiste über der Schulter. „Aber wir gehen klug rein. Sicherheitsabstände, keine Alleingänge. Wenn jemand angesprochen wird – von einem Vampir, von einer fremden Stimme, von was auch immer – wartet auf Bestätigung, bevor ihr reagiert.“
„Weil sie Stimmen imitieren können“, sagte Kenji.
„Weil sie Stimmen imitieren können.“
Sie gingen durch das Tor.
Der Innenhof war weiträumiger als Erik ihn in Erinnerung hatte – oder vielleicht schienen die neuen Mauern ihn kleiner zu machen. Sauberer als früher, von Unkraut befreit. Fackeln auf Halterungen an den Wänden. In der Mitte ein Brunnen, alt, aus Stein, mit etwas, das wie Wasser aussah, aber dunkler war.
„Blut“, sagte Kenji leise, als sie daran vorbeiliefen. „Oder jedenfalls dunkler als Wasser. Nicht frisch.“
Niemand war zu sehen.
Aber das Gefühl beobachtet zu werden war greifbar, fast physisch. Erik spürte die Blicke auf seinem Rücken wie Fingernägel.
„Sie zeigen sich nicht“, murmelte Marcus.
„Noch nicht.“ Erik führte sie zum Haupteingang. Eine neue Holztür, dunkel gebeilt, mit einem eisernen Türknauf in Form einer Hand. Er fasste ihn an.
Die Hand fühlte sich warm an.
Erik zog trotzdem auf.
Die Eingangshalle dahinter war erleuchteter als erwartet. Fackeln überall, in kunstvollen Halterungen. Die Wände waren gereinigt worden, alte Wandteppiche ersetzt durch neue, die Erik nicht kannte. Dunkle Bilder, schwer zu deuten im flackernden Licht.
Und auf der großen Treppe, die in den ersten Stock führte, stand jemand.
Eine Gestalt in schwarzem Gewand, das Gesicht unter einer Kapuze verborgen. Groß, breitschultrig. Absolut reglos.
„Willkommen in Schloss Falkenstein“, sagte die Gestalt. Die Stimme war tief, akzentlos, merkwürdig resonant, als käme sie von mehreren Orten gleichzeitig. „Ihr seid erwartet worden.“
„Das habe ich gehört“, sagte Erik. „Wer sind Sie?“
Die Gestalt zog die Kapuze zurück.
Ein Mann. Oder das, was einmal ein Mann gewesen war. Gesicht wie aus Marmor, zu regelmäßig, zu makellos. Keine Falten, keine Unreinheiten. Haar so schwarz wie Tinte, zurückgekämmt. Augen, die im Kerzenlicht rot glühten.
„Ich bin Marius“, sagte er. „Ich führe dieses Haus. Seit … einiger Zeit.“
„Seit wann?“
„Das ist eine interessante Frage.“ Marius stieg die Treppe hinunter, Schritt für Schritt, ohne Eile. „Manche würden sagen: seit drei Monaten. Seit wir das Schloss von seinen vorherigen Bewohnern … übernommen haben. Andere würden sagen: seit zweitausend Jahren. Weil das Schloss immer uns gehörte, auch wenn es zwischenzeitlich vergessen wurde.“
Er blieb vor ihnen stehen. Groß, damit hatte Erik nicht gerechnet – beinahe zwei Meter, die Schultern breit. Neben ihm wirkte sogar Marcus klein.
„Du bist Marius vom Blutrat“, sagte Thomas.
Marius‘ Augen wanderten zu Thomas. Eine lange Pause. „Thomas von der Schaar. Ich hatte gehört, du lebst noch. Ich hatte es fast nicht geglaubt.“
„Ihr kennt euch?“ fragte Marcus.
Thomas öffnete den Mund, schloss ihn wieder. „Das ist eine lange Geschichte.“
„Die du jetzt erzählen wirst“, sagte Erik scharf.
„Gleich.“ Thomas wandte sich zu Marius. „Ihr habt den dritten Schlüssel.“
„Haben wir das?“ Marius lächelte, und seine Zähne waren makellos, zu makellos. „Was macht dich da so sicher?“
„Helena Konstantin hat es uns gesagt. Kurz vor ihrem endgültigen Tod.“
„Ah. Helena.“ Marius‘ Lächeln verblasste, wurde zu etwas anderem. Respekt, vielleicht. „Sie war bemerkenswert. Klug. Mutig. Es tut mir leid, was mit ihr geschehen ist.“
„Tut es das?“ Erik trat vor. „Weil ich keinen Grund sehe, warum es euch leid tun sollte. Ihr seid hier, ihr habt dieses Schloss besetzt, ihr habt Valentina und Dimitri aufgenommen – zwei von Katalins engsten Verbündeten. Das sieht nicht nach Reue aus.“
Marius sah ihn an. Lange. Dann: „Kommt.“
Er drehte sich um und stieg die Treppe hinauf.
„Folgen wir ihm?“ flüsterte Marcus.
„Was ist die Alternative?“ Erik folgte bereits.
Er führte sie in einen Saal im ersten Stock. Ein Bibliotheksraum, die Wände mit Regalen bedeckt, auf denen Bücher standen, die Erik nicht kannte. Ein langer Tisch in der Mitte, daran sechs Stühle. Auf dem Tisch Kerzen, Wein, Brot.
„Setzt euch“, sagte Marius. Er selbst setzte sich ans Kopfende.
Erik blieb stehen. „Wir sind nicht zum Abendessen hier.“
„Nein. Ihr seid wegen des dritten Schlüssels hier.“ Marius verschränkte die Hände vor sich. „Ich weiß das. Und ich werde euch sagen, was ihr wissen müsst. Aber zuerst muss ich verstehen, ob ihr die Richtigen seid, um ihn zu bekommen.“
„Die Richtigen?“
„Es gibt einen Grund, warum der Schlüssel hier ist. Einen Grund, warum er verborgen wurde, hier, in diesem Schloss. Nicht durch Zufall.“ Marius lehnte sich zurück. „Der Blutrat hat ihn vor dreihundert Jahren hierhergebracht. Damals war das Schloss verlassen. Die Ruine eines vergessenen Adelshauses. Wir haben es als sicheres Depot genutzt.“
„Depot für gestohlene Macht?“, fragte Erik.
„Depot für bewahrte Macht.“ Marius‘ Augen wurden schärfer. „Es gibt eine Welt des Unterschieds dazwischen. Der Blutrat ist nicht das, was ihr denkt. Wir sind nicht Katalins Erben. Wir sind ihr Gegenteil.“
„Ich glaube kein Wort davon.“
„Das überrascht mich nicht.“ Marius wandte sich zu Thomas. „Thomas. Du kennst mich. Du kennst den Rat. Erkläre es deinem Anführer.“
Thomas atmete tief durch. Dann setzte er sich. Als hätte er eine schwere Last abgelegt.
„Vor zwanzig Jahren“, begann er, „bevor ich zur Nachtwache kam – war ich anders.“
„Thomas–“ begann Marcus.
„Lass mich.“ Thomas sah ihn an. „Ich war kein guter Mensch. Ich habe Dinge getan, die ich bereue. Dinge, die ich nicht rückgängig machen kann.“ Er legte die Hände auf den Tisch. „Ich war ein Söldner. Ein Jäger – aber nicht für die Guten. Für jeden, der bezahlte. Manchmal für Mensch, manchmal für …“ Er verstummte.
„Für Vampire?“, fragte Erik leise.
„Ja. Nicht alle Vampire sind Feinde. Das lernt man, wenn man lange genug dabei ist. Manche wollen dasselbe wie wir: eine Welt, in der beide Seiten koexistieren. In der die Dunkelheit nicht alles verschlingt.“ Thomas sah zu Marius. „Der Blutrat war einer dieser Versuche. Ich habe für sie gearbeitet. Vor langer Zeit.“
„Du hast für Vampire gearbeitet.“ Marcus‘ Stimme war flach.
„Für den Blutrat. Die eine Fraktion, die aktiv gegen Katalin gearbeitet hat. Die versucht hat, ihre Machtergreifung zu verhindern.“ Thomas‘ Augen wurden müde. „Ich war jung, naiv. Dachte, das Ende rechtfertigt die Mittel. Irgendwann … konnte ich das nicht mehr mit mir vereinbaren. Ich bin gegangen. Bin zur Nachtwache. Habe nie zurückgeschaut.“
„Bis jetzt“, sagte Marius.
„Bis jetzt.“
Stille im Raum.
Dann stand Erik auf. Ging um den Tisch herum. Blieb vor Marius stehen.
„Gut. Angenommen, ich glaube das. Angenommen, der Blutrat ist tatsächlich anders als Katalins Fraktion. Warum seid ihr hier? Jetzt, in diesem Moment?“
„Weil Katalin tot ist.“ Marius sah ihn ruhig an. „Du hast sie getötet. Das hat … eine Lücke hinterlassen. In der Hierarchie der Dunkelheit. Eine Lücke, in die etwas anderes drängen wird. Etwas Älteres.“
„Was?“
„Das“, sagte Marius, „ist genau das, worüber wir reden müssen.“ Er stand auf, ging zu einem der Regale, zog ein Buch heraus. Uralt, in Leder gebunden. Er legte es auf den Tisch. „Der Blutrat hat dieses Schloss nicht nur wegen des dritten Schlüssels ausgewählt. Sondern auch, weil unter diesem Schloss etwas schläft.“
„Was schläft dort?“
Marius öffnete das Buch. Die Seiten waren bedeckt mit einer Handschrift, die Erik nicht kannte. Aber dazwischen, Illustrationen: ein Wesen, groß, dunkel, mit einem Körper aus reiner Finsternis.
„Wir nennen es den Ur-Vampir“, sagte Marius. „Es hat viele Namen. Das Urwesen. Der Erste. Das, was vor allen anderen war.“ Er schloss das Buch. „Es schläft seit Jahrhunderten. Gefangen unter diesem Schloss, durch Rituale, die so alt sind wie das Haus selbst.“
„Und Katalin wollte es wecken.“
„Nicht wecken. Befreien.“ Marius‘ Stimme wurde leiser. „Das war ihr wahrer Plan. Nicht die ewige Nacht, nicht die Herrschaft über München. Das war nur der erste Schritt. Das Tor, das sie öffnen wollte – es führte nicht in eine andere Dimension. Es führt nach unten. In die Tiefe unter diesem Schloss.“
Erik ließ die Information sacken. Kataling hatte gelogen. Nicht nur ihren Feinden, sondern auch ihren Verbündeten. Das, was sie wirklich wollte, war weit größer als die Sommersonnenwende.
„Valentina und Dimitri“, sagte er. „Die hier sind. Die zu euch gehören. Sie wissen das?“
„Valentina weiß es jetzt. Dimitri … Dimitri glaubte Katalins Version.“ Marius zögerte. „Dimitri ist ein Problem. Er ist wütend. Auf euch, auf den Rat, auf die Welt. Und wütende Vampire sind unberechenbar.“
„Wo ist er?“
„Im Westflügel.“
Erik und Marcus tauschten einen Blick. Der Westflügel. Wo Erik beim ersten Besuch dem Vampir begegnet war. Wo das Urwesen schlief.
„Und Valentina?“
„Auch dort.“ Marius setzte sich wieder. „Wir versuchen, Dimitri zu beruhigen. Aber er hört nicht mehr auf uns. Er plant etwas. Wir wissen nicht was.“
„Und da wart ihr“, sagte Erik langsam, „bereit zuzusehen, während das Ding unter euch schläft? Ohne uns zu informieren?“
„Wir haben euch informiert. Durch Lucian. Durch die Hinweise, die wir hinterlassen haben.“
„Lucian“, wiederholte Erik. „Er war eurer?“
„Er ist ours. Seit vielen Jahren.“ Marius faltete die Hände. „Er wurde von Katalin entdeckt, ja. Sie hat ihn gezwungen, euch in die Falle zu locken. Aber dann hat er sich befreit. Hat uns kontaktiert. Hat euch die Nachricht hinterlassen.“
Du bist noch nicht bereit. Die Worte auf dem Friedhof.
„Er hat mir gesagt, ich bin nicht bereit“, sagte Erik. „Was meinte er damit?“
Marius sah ihn lange an. Dann: „Weil es nicht einfach ist, was jetzt getan werden muss. Den Schlüssel zu nehmen – das ist einfach. Aber dann? Mit drei Schlüsseln, gegen das, was unter diesem Schloss schläft? Gegen Dimitri, der es befreien will?“ Er schüttelte den Kopf. „Das erfordert mehr als Kraft. Es erfordert Verständnis.“
„Verständnis wovon?“
„Wovon die Schlüssel wirklich sind. Was sie tun. Was es kostet, sie zu benutzen.“ Marius stand auf. „Kommt. Ich zeige euch etwas.“
Er führte sie aus dem Bibliotheksraum, durch einen Korridor, zu einer verschlossenen Tür.
Er öffnete sie.
Dahinter: eine Treppe. Steinern, spiralförmig, nach unten führend.
„Der Westkeller“, sagte Marius. „Nicht der Westflügel. Tiefer. Dort, wo die Fundamente sind.“
„Und dort?“
„Der dritte Schlüssel. Und etwas anderes.“ Marius sah ihn an. „Seid ihr bereit, das zu sehen?“
Erik dachte an Kenjis Warnung. An Helenas Gesicht in den letzten Momenten. An die drei Zukünfte im Spiegel.
„Nein“, sagte er. „Aber zeig es uns trotzdem.“
Der Westkeller war anders als die Katakomben in Wien. Weniger kunstvoll, weniger mystisch. Nur alter Stein, alte Luft, alte Stille.
Die Treppe führte tief, tiefer als Erik erwartet hatte. Als sie endlich unten ankamen, war die Welt über ihnen verschwunden.
Ein Raum. Rund, mit gewölbter Decke. In der Mitte: eine Plattform, erhöht, aus schwarzem Granit.
Und auf der Plattform: eine Vitrine. Schlicht, aus Glas, ohne Ornamente.
Darin lag der dritte Schlüssel.
Anders als die anderen beiden. Nicht schwarz wie Eriks, nicht dunkel mit roten Steinen wie der Wiener. Dieser war weiß. Aus einem Material, das nicht wie Metall aussah. Eher wie Knochen.
Oder wie Elfenbein.
Er glühte nicht. Pulsierte nicht. Er lag da, still, als schliefe er.
„Er reagiert nicht auf mich“, sagte Marius, als er Eriks Blick sah. „Auf niemanden vom Blutrat. Er wartet auf seinen Träger.“
„Mich.“
„Das werden wir sehen.“ Marius trat beiseite. „Nimm ihn. Wenn er dich als Träger akzeptiert, wirst du es wissen.“
Erik trat zur Plattform. Die anderen blieben zurück.
Er legte die Hand auf das Glas.
Kalt. Eisig kalt, selbst durch die Handschuhstoffe.
Er hob das Glas. Langsam, vorsichtig.
Griff nach dem weißen Schlüssel.
Und die Welt hielt den Atem an.
Keine Explosion diesmal. Kein Schock, keine Bilder, keine Visionen. Nur Stille.
Aber dann: Wärme. Durchdringend, als würde ein Feuer in seinen Knochen entzündet. Als würde etwas Schlafendes in ihm aufwachen.
Und eine Stimme. Keine äußere Stimme. Eine innere.
Endlich, sagte die Stimme. Ich habe gewartet.
„Wer bist du?“, flüsterte Erik.
Das weißt du bereits. Du hast mich immer gewusst. Ich bin das, was du verloren hast. Ich bin das, was du zurückbringen willst.
Das Gesicht von Helena. Von Clara. Von seinen Urgroßeltern.
Ich bin die Hoffnung, sagte die Stimme. Und die Gefahr. Weil Hoffnung das Gefährlichste ist.
Dann Stille.
Erik stand da, den weißen Schlüssel in der Hand, sein Herz hämmerte.
„Er hat ihn akzeptiert“, sagte Marius leise hinter ihm.
„Was bedeutet das?“ fragte Marcus.
„Es bedeutet …“ Marius zögerte. „Es bedeutet, dass die Prophezeiung begonnen hat. Drei Schlüssel in einer Hand. Drei Träger in einem.“
„Aber das macht keinen Sinn“, sagte Thomas. „Die Prophezeiung sagt, drei Träger. Einer fällt, einer bricht, einer wählt. Nicht einer Person.“
„Du interpretierst es zu wörtlich.“ Marius sah zu Erik. „Der erste Träger ist Erik Schönwaldt. Der ist er. Der zweite ist die Nachtwache – sein Team, sein Rückhalt, alles was ihn hält. Und der dritte–“ Er pausierte. „Der dritte Träger ist die Entscheidung selbst.“
„Was für eine Entscheidung?“
„Die Entscheidung, die am Ende getroffen werden muss.“ Marius‘ Blick wurde ernst. „Mit drei Schlüsseln kann man alles tun. Tote zurückbringen. Dunkelheit permanent vertreiben. Die Welt verändern.“ Er trat näher zu Erik. „Aber es kann nur einmal geschehen. Die drei Schlüssel zusammen – sie verlöschen sich nach einmaligem Gebrauch. Verbrauchen sich vollständig.“
„Was?“
„Du kannst sie einmal benutzen. Eine Entscheidung treffen. Und dann sind sie fort. Für immer.“ Marius‘ Augen waren ernst. „Also lautet die Prophezeiung wirklich so: Ein Träger wird fallen. Einer wird brechen. Und einer wird wählen – was mit dieser einmaligen Chance zu tun ist.“
Stille im Keller.
Dann, von oben: Ein Laut. Laut, drohend, wie eine Explosion.
Alle führen herum.
„Dimitri“, sagte Marius. „Er hat etwas getan.“
Ein zweiter Laut. Näher. Das Schloss zitterte.
Und aus den Wänden, durch die Risse im Stein, begann sich etwas zu bewegen.
Schatten. Aber nicht normale Schatten. Dunkelheit, die Form annahm. Die kriecht, wächst, eine eigene Intelligenz zu haben schien.
„Er hat es geweckt“, flüsterte Marius. Seine Stimme, zum ersten Mal, hatte Angst darin. „Gott steh uns bei. Er hat den Ur-Vampir geweckt.“
Und aus den Tiefen, von noch weiter unten, begann ein Laut zu kommen.
Nicht ein Schrei. Nicht ein Brüllen.
Ein Atmen.
Uralt. Unermesslich.
Erwachend.
Ende Kapitel 8