Band 2: Das Kind der Nacht (erster Teil)

PROLOG

Das Grauen auf der Säuglingsstation

Die Nachtschicht war immer die schwerste. Nicht wegen der Arbeit – die war in dieser Abteilung meistens ruhig. Nein, es war die Stille, die Petra Meyer nervös machte. Diese absolute Stille, die nur in Krankenhäusern um drei Uhr morgens existiert, wenn die Welt ihren Atem anhält und selbst die Stadt draußen zu schlafen scheint.

Petra ging durch den Flur der Säuglingsstation im Klinikum rechts der Isar, ihre Gummisohlen quietschten leise auf dem frisch gewischten Linoleum. Das Neonlicht summte über ihr, ein monotones Brummen, das sie nach fünfzehn Jahren in diesem Job kaum noch wahrnahm. In der Hand hielt sie ihr Klemmbrett mit den Kontrollbögen. Alles war wie immer. Vitale Werte stabil. Temperatur konstant. Acht Neugeborene, alle friedlich schlafend.

Sie warf einen Blick durch das Fenster des Säuglingszimmers. Die kleinen Bettchen standen in zwei ordentlichen Reihen, jedes mit seinem Namensschild. Die Monitore zeigten beruhigende grüne Linien – Herzschlag, Atmung, alles in Ordnung.

Petra lächelte. Dies war ihr Lieblingsteil der Arbeit. Diese kleinen Wesen, so neu in der Welt, so verletzlich. Sie zu beschützen, während ihre Eltern zu Hause schliefen, erschöpft von der Geburt und den ersten aufreibenden Tagen. Es war eine Verantwortung, die sie ernst nahm.

Sie ging weiter zum Pausenraum, um ihren Kaffee aufzuwärmen. Die Mikrowelle summte, und Petra starrte gedankenverloren auf die sich drehende Tasse. Noch vier Stunden bis zum Schichtwechsel. Noch vier Stunden, dann würde die Morgenschwester übernehmen, und Petra könnte nach Hause, zu ihrem eigenen kleinen Sohn, der gerade drei Jahre alt geworden war.

Die Mikrowelle piepte. Petra nahm die Tasse, blies auf den dampfenden Kaffee, und–

Ein Geräusch.

Kaum wahrnehmbar, aber da. Ein leises Quietschen, wie von einem Fenster, das geöffnet wurde.

Petra runzelte die Stirn. Die Fenster auf dieser Station waren alle verschlossen, sie hatte es selbst überprüft. Das war Vorschrift. Säuglinge waren anfällig für Zugluft, für Temperaturschwankungen. Und das Sicherheitsprotokoll war streng – alle Fenster mussten nachts verriegelt sein.

Sie stellte den Kaffee ab und ging zurück zum Flur. Alles war still. Keine Bewegung. Vielleicht hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet. Die Müdigkeit nach einer langen Schicht konnte einem Streiche spielen.

Aber dann sah sie es.

Am Ende des Flurs, beim Säuglingszimmer. Das Fenster stand einen Spalt offen. Nicht weit, vielleicht zehn Zentimeter. Aber definitiv offen.

Ein kalter Luftzug strich durch den Korridor.

Petra beschleunigte ihre Schritte, ihr Herz schlug plötzlich schneller. Das war nicht möglich. Sie hatte jedes Fenster persönlich kontrolliert, vor nicht einmal einer Stunde. Jedes einzelne.

Sie erreichte das Fenster, schob es zu, verriegelte es mit zitternden Fingern. Draußen lag München in Dunkelheit, nur vereinzelte Straßenlaternen warfen schwache Lichtpunkte auf die leeren Straßen. Der Krankenhaushof darunter war verlassen.

Petra atmete tief durch. Vielleicht hatte das Reinigungspersonal es offen gelassen. Ja, das musste es sein. Ein einfacher Fehler.

Sie wandte sich zum Säuglingszimmer. Durch das Glasfenster konnte sie die Bettchen sehen, die kleinen Gestalten unter ihren Decken. Alles schien in Ordnung.

Aber als sie die Tür öffnete und eintrat, spürte sie es.

Die Temperatur war anders. Kälter. Als hätte jemand einen Kühlschrank geöffnet.

Und da war noch etwas. Ein Geruch. Schwach, aber deutlich. Metallisch. Wie Kupfer. Wie…

Blut.

Petras Atem beschleunigte sich. Sie ging von Bettchen zu Bettchen, überprüfte jedes Baby. Alle schliefen. Alle atmeten ruhig. Normale kleine Atemzüge, die Brust hob und senkte sich im Rhythmus des Lebens.

Aber beim siebten Bettchen hielt sie inne.

Lukas Berger. Geboren vor vier Tagen. Ein gesunder Junge, 3200 Gramm, keine Komplikationen.

Er schlief, genau wie die anderen. Aber sein Gesicht war nach oben gedreht, und am Hals, auf der linken Seite, waren zwei kleine rote Punkte.

Petra beugte sich näher. Ihr Herz hämmerte jetzt so laut, dass sie dachte, es würde die Babys wecken.

Die Punkte waren frisch. Winzig, kaum größer als Nadelstiche. Aber eindeutig da. Und um sie herum, auf der zarten Babyhaut, eine leichte Rötung.

„Was zum Teufel…“, flüsterte Petra.

Sie griff nach der Notfallklingel, drückte sie. Ihr Blick ging zurück zum Fenster. War da eine Bewegung gewesen? Ein Schatten, der sich vom Fensterrahmen löste?

Nein. Das konnte nicht sein. Sie waren im vierten Stock.

Die Tür flog auf. Dr. Mehmet Yildiz, der diensthabende Arzt, stürzte herein.

„Was ist los? Der Alarm–“

„Das Baby“, sagte Petra und deutete auf Lukas. Ihre Stimme zitterte. „Schauen Sie sich seinen Hals an.“

Dr. Yildiz trat näher, holte eine kleine Taschenlampe heraus. Er untersuchte die Punkte, runzelte die Stirn.

„Sieht aus wie Insektenstiche“, sagte er schließlich. „Zwei Mückenstiche vielleicht?“

„Im November? Im vierten Stock? Bei geschlossenen Fenstern?“ Petras Stimme wurde schärfer. „Doktor, das Fenster stand offen. Ich weiß, dass ich es geschlossen hatte, aber es stand offen.“

Dr. Yildiz sah sie an, dann zurück zum Baby. Er betastete die Stelle vorsichtig. Lukas rührte sich nicht, schlief tief und fest.

„Die Haut ist nicht erhitzt. Keine Schwellung. Kein Fieber.“ Er nahm sein Stethoskop, hörte das Herz ab. „Herzschlag normal. Atmung normal.“ Er sah Petra an. „Es sieht nicht nach etwas Ernstlichem aus. Wahrscheinlich hat sich das Baby selbst gekratzt, oder es war tatsächlich ein Insekt, das irgendwie–“

„Das war kein Insekt“, unterbrach Petra. „Und das Kind hat sich nicht gekratzt. Es hat Fäustlinge an.“

Dr. Yildiz schwieg einen Moment. Dann seufzte er. „Was denken Sie denn, was es war?“

Petra öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Was sollte sie sagen? Dass sie ein Fenster im vierten Stock offen gefunden hatte? Dass die Luft nach Blut roch? Dass sie das Gefühl hatte, beobachtet zu werden?

„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Aber ich will, dass wir das dokumentieren. Und ich will, dass die Eltern morgen früh informiert werden.“

„Selbstverständlich.“ Dr. Yildiz machte sich Notizen. „Ich werde es in die Akte aufnehmen. Zwei oberflächliche Hautläsionen, Ursache unklar. Wir beobachten das Baby über Nacht. Wenn sich irgendetwas ändert, rufen Sie mich sofort.“

Er verließ das Zimmer, und Petra blieb zurück, allein mit den schlafenden Säuglingen.

Sie ging zurück zum Fenster, überprüfte es erneut. Fest verschlossen. Aber als sie hinausblickte in die Dunkelheit, sah sie ihn.

Nur für einen Moment. Nur einen Herzschlag lang.

Eine Gestalt. Auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes. Zu weit entfernt, um Details zu erkennen. Aber sie stand dort, reglos, und starrte zu ihr herüber.

Petra blinzelte.

Die Gestalt war verschwunden.

Sie trat vom Fenster zurück, ihre Hände zitterten. Das war nichts gewesen. Schatten, die Müdigkeit spielte ihr Streiche. Es musste so sein.

Aber den Rest der Nacht blieb sie im Säuglingszimmer. Saß auf einem Stuhl neben Lukas‘ Bettchen. Beobachtete das Baby. Beobachtete das Fenster.

Und versuchte, sich einzureden, dass alles in Ordnung war.


Am nächsten Morgen, als Anna und Michael Berger kamen, um ihren Sohn zu besuchen, erzählte ihr Dr. Yildiz von den „Insektenstichen“. Nichts Ernstes, versicherte er. Nur eine kleine Unregelmäßigkeit. Das Baby sei völlig gesund, alle Untersuchungen seien normal.

Anna nahm Lukas auf den Arm, drückte ihn an ihre Brust. „Mein armer Kleiner“, murmelte sie und küsste seine Stirn.

Sie bemerkte nicht, dass sein Körper kühler war als sonst. Nicht viel, nur ein wenig. Kaum merklich.

Und sie bemerkte nicht, wie seine kleinen Augen, als er kurz aufwachte und sie ansah, für einen Moment einen rötlichen Schimmer hatten. Nur einen Moment, dann waren sie wieder das normale Braun.

Michael unterschrieb die Entlassungspapiere. Sie packten ihre Sachen, setzten Lukas in die Babyschale, und fuhren nach Hause.

In ihre schöne Wohnung in Schwabing, mit dem Kinderzimmer, das sie so liebevoll eingerichtet hatten. Mit dem Mobilé über dem Bett, das kleine Sterne an die Decke warf.

Alles war perfekt.

Alles war normal.

Aber in dieser Nacht, als Anna versuchte, Lukas zu stillen, verweigerte er die Brust. Zum ersten Mal. Er wandte den Kopf weg, begann zu weinen. Ein hohes, durchdringendes Weinen, das nicht aufhören wollte.

Und als Anna, verzweifelt und erschöpft, eine Flasche mit Milchpulver machte, trank er gierig. Aber am nächsten Tag verweigerte er auch die Flasche.

Es sei nur eine Phase, sagte der Kinderarzt. Babys seien manchmal schwierig. Das würde vorübergehen.

Aber es ging nicht vorbei.

Und mit jedem Tag wurde Lukas blasser.

Mit jedem Tag schlief er mehr tagsüber und war nachts hellwach.

Und mit jedem Tag wuchsen die beiden kleinen Punkte an seinem Hals. Nicht größer. Aber dunkler. Tiefer.

Als wären sie keine Wunden.

Sondern Narben.

Narben von etwas, das wiederkommen würde.


Weit entfernt von der Wohnung der Bergers, in den alten Katakomben unter der Münchner Innenstadt, öffnete eine Gestalt ihre Augen. Rote Augen, die in der Dunkelheit glühten.

Sie lächelte.

„Es ist getan“, flüsterte sie in die Stille. „Das Kind ist markiert. Der Samen ist gepflanzt.“

Eine andere Stimme antwortete aus der Dunkelheit. Alt. Weiblich. Mächtig.

„Gut. Wenn die Zeit reif ist, werden wir es zu uns holen. Ein Kind der Nacht. Ein unschuldiges Gefäß. Perfekt für unsere Zwecke.“

„Und wenn sie versuchen, es zurückzuholen?“

Ein Lachen, kalt wie Eis.

„Dann werden sie scheitern. Wie alle vor ihnen.“

Die Gestalt erhob sich, ging durch die gewundenen Tunnel, tiefer unter die Stadt. Zu einem Raum, wo andere warteten. Dutzende. Alle mit roten Augen. Alle hungrig.

Die Versammlung hatte begonnen.

Und München, ahnungslos, schlief darüber.


Ende des Prologs


In drei Wochen würde Erik Schönwaldt den Anruf erhalten.

In drei Wochen würde die Jagd beginnen.

Aber diese Nacht gehörte den Schatten.

Und die Schatten waren hungrig.


KAPITEL 1

Die Einladung

Erik Schönwaldt wachte um 3:47 Uhr auf. Schweißgebadet, die Laken um seine Beine gewickelt, sein Herz hämmerte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel.

Der Traum war wieder da gewesen. Immer der gleiche. Immer Clara.

Sie stand über dem brennenden Körper des Vampirs, die Fackel in der Hand. Aber in seinen Träumen drehte sie sich nicht zu ihm um mit diesem erlösten Lächeln. Stattdessen öffnete sie den Mund und schrie. Ein Schrei, der kein Ende nahm. Und der Vampir stand wieder auf, verbrannt und entstellt, und zog sie hinunter in die Flammen. Immer wieder. Jede Nacht.

Erik saß auf, rieb sich das Gesicht. Seine Wohnung war dunkel, nur das schwache Leuchten der Straßenlaternen draußen fiel durch die halb geöffneten Jalousien. Die digitale Uhr auf seinem Nachttisch blinkte vorwurfsvoll: 03:47. 03:47. 03:47.

Drei Wochen war es her. Drei Wochen seit Schloss Falkenstein. Drei Wochen seit er Clara hatte sterben sehen. Seit er seine Urgroßeltern hatte sterben sehen. Seit er den Vampir getötet hatte.

Oder hatte Clara ihn getötet? Erik war sich nicht mehr sicher. Die Erinnerungen verschwammen, verschmolzen zu einem Albtraum aus Feuer und Blut und Asche.

Er stand auf, ging in die Küche. Das Linoleum war kalt unter seinen nackten Füßen. Er machte kein Licht. Irgendwie fühlte sich die Dunkelheit vertrauter an jetzt. Sicherer.

Was zur Hölle war falsch mit ihm?

Erik öffnete den Kühlschrank, das Licht blendete ihn kurz. Er holte eine Flasche Wasser heraus, trank in langen Zügen. Das Wasser war eiskalt, fast schmerzhaft. Aber der Schmerz war gut. Er lenkte ab.

Auf dem Küchentisch lag der Karton.

Erik starrte ihn an. Seit drei Wochen stand er da, ungeöffnet und doch allgegenwärtig. Darin die Überreste seiner Reise in die Dunkelheit. Die Briefe von Elise. Das Foto seiner Urgroßeltern vor dem Schloss. Der eiserne Schlüssel mit der Aufschrift „Westflügel“. Ein Fragment aus Claras Tagebuch, das er in der Halle gefunden hatte, bevor sie das Schloss verließen. Die kleine Holzfigur, die Herr Bachmann ihm gegeben hatte.

Beweise. Erinnerungen. Mahnungen.

Erik hatte versucht, sie zu vergessen. Hatte versucht, zu seinem alten Leben zurückzukehren. War wieder arbeiten gegangen, hatte versucht, mit Freunden auszugehen, hatte versucht, so zu tun, als wäre nichts geschehen.

Aber die Welt sah anders aus jetzt.

Er sah Schatten, wo früher keine waren. Hörte Dinge in der Stille, die nicht da sein sollten. Und manchmal, wenn er durch die Straßen ging, spürte er es – eine Präsenz, etwas Altes, etwas Hungriges, das in den Winkeln der Zivilisation lauerte.

Seine Therapeutin – ja, er ging jetzt zu einer Therapeutin – nannte es posttraumatische Belastungsstörung. Sagte, die Ereignisse im Haus seiner Großmutter, der Brand, die Todesfälle, sie hätten ihn traumatisiert. Das sei normal. Das würde vergehen.

Aber Erik hatte ihr nicht die Wahrheit erzählt. Konnte es nicht. Wie sollte er jemandem von Vampiren erzählen? Von Dienern, die hundert Jahre alt waren? Von einem Schloss, das nicht in den Karten existierte?

Sie würden ihn für verrückt halten. Vielleicht war er verrückt.

Aber dann sah er wieder auf den Karton, auf die Beweise, und er wusste: Es war real gewesen. Alles davon.

Erik ging zurück ins Schlafzimmer, wusste, dass er nicht mehr schlafen würde. Er zog sich einen Pullover über, setzte sich an seinen Schreibtisch, klappte den Laptop auf.

Das war die andere Sache, die sich verändert hatte. Die Nachrichten. Früher hatte Erik die Nachrichten ignoriert, war zu beschäftigt mit seinem eigenen Leben gewesen. Jetzt las er sie täglich. Stündlich. Suchte nach Mustern. Nach Hinweisen.

Nach Zeichen.

Er scrollte durch die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Ein Artikel erregte seine Aufmerksamkeit:

Mysteriöse Todesfälle in München häufen sich

In den letzten drei Wochen wurden in München fünf junge Menschen tot aufgefunden, alle mit ähnlichen Symptomen: extreme Blutarmut, blasse Haut, und unerklärliche Wunden am Hals. Die Behörden gehen von einer bisher unbekannten Virusinfektion aus…

Erik las den Artikel zweimal. Dann ein drittes Mal.

Fünf Tote. Extreme Blutarmut. Wunden am Hals.

Sein Herzschlag beschleunigte sich.

Nein. Das konnte nicht sein. Das Schloss war Hunderte Kilometer entfernt. Und der Vampir war tot. Tot und zu Asche verbrannt.

Aber was, wenn es mehr gab? Was, wenn der Vampir von Schloss Falkenstein nicht der Einzige war?

Erik stand auf, begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Gedanken rasten.

Er erinnerte sich an die Worte des Vampirs, kurz bevor er starb: „Du hättest unsterblich sein können…“

Und an etwas, das Clara einmal gesagt hatte, in einem luziden Moment, bevor die Bindung sie zurückzog: „Es gibt mehr. Viel mehr. In den Städten, in den Schatten. Sie verstecken sich. Sie jagen.“

Erik hatte gedacht, es wäre das Delirium gewesen. Die Verzweiflung einer Frau, die wusste, dass sie sterben würde.

Aber was, wenn es die Wahrheit gewesen war?

Er ging zurück zum Laptop, recherchierte weiter. Andere Städte, andere Vorfälle. Hamburg: Drei ungeklärte Todesfälle im letzten Monat. Berlin: Eine Serie von „Drogenopfern“ mit ungewöhnlichen Symptomen. Köln: Ein Muster von verschwundenen Obdachlosen.

Überall die gleichen Zeichen. Blutarmut. Wunden. Und die Behörden, die es auf Krankheiten schoben, auf Drogen, auf Zufall.

Weil sie die Wahrheit nicht sehen wollten.

Weil sie nicht glauben konnten, was Erik jetzt wusste: Die Monster waren real.

Er schloss den Laptop, rieb sich die Augen. Es war jetzt fast fünf Uhr morgens. In zwei Stunden musste er zur Arbeit. Zu seinem langweiligen, sicheren, normalen Job in einem Versicherungsbüro.

Aber er würde sich nicht konzentrieren können. Er wusste es jetzt schon.

Erik ging zurück zur Küche, machte sich einen starken Kaffee. Während die Maschine gurgelte und zischte, stand er am Fenster und blickte auf die erwachende Stadt hinaus.

Irgendwo da draußen, in München, tötete etwas Menschen. Etwas, das die Welt für unmöglich hielt.

Aber Erik wusste es besser.

Die Frage war: Was sollte er dagegen tun?

Der Kaffee war fertig. Erik goss ihn in eine Tasse, nahm einen Schluck. Er verbrannte sich die Zunge, fluchte leise.

Und dann sah er ihn.

Den Brief.

Er lag auf der Fußmatte, halb unter der Tür durchgeschoben. Erik war sicher, dass er vorhin nicht da gewesen war. Er war um drei Uhr wach geworden, hatte den Flur durchquert. Er hätte ihn gesehen.

Aber da war er jetzt.

Ein cremefarbener Umschlag. Keine Briefmarke. Keine Absenderadresse. Nur sein Name, in altmodischer, geschwungener Handschrift:

Erik Schönwaldt

Erik stellte die Kaffeetasse ab, ging zur Tür. Sein Herz hämmerte wieder. Vorsichtig, als könnte der Brief explodieren, hob er ihn auf.

Das Papier fühlte sich schwer an. Teuer. Alt.

Er drehte den Umschlag um. Auf der Rückseite war ein Siegel aus dunkelrotem Wachs. In das Wachs geprägt war ein Symbol: Ein Auge, durchzogen von einem Schwert.

Erik‘ Hände zitterten leicht, als er das Siegel brach.

Im Umschlag war eine einzelne Karte. Schweres, cremefarbenes Papier, mit einer geprägten goldenen Kante. Die Handschrift war die gleiche wie auf dem Umschlag:

Herr Schönwaldt,

Sie haben überlebt, was die meisten nicht überleben. Sie haben gesehen, was die meisten nie sehen. Sie haben die Dunkelheit bekämpft und gewonnen – wenn auch zu einem Preis.

Es gibt andere wie Sie. Menschen, die die Wahrheit kennen. Menschen, die kämpfen.

Die Vorfälle in München sind kein Zufall. Sie sind kein Virus. Sie sind das, was Sie bereits vermuten.

Wenn Sie mehr wissen wollen über das, was in der Dunkelheit lauert – und wie man es bekämpft – rufen Sie diese Nummer an:

089 / 555-0347

Kommen Sie nach München. Morgen, 14:00 Uhr. Café Frischhut am Viktualienmarkt.

Bringen Sie mit, was Sie aus dem Schloss mitgenommen haben. Insbesondere den Schlüssel.

Wir haben auf Sie gewartet.

– Die Nachtwache

Darunter war das gleiche Symbol wie auf dem Siegel. Das Auge mit dem Schwert.

Erik las die Karte dreimal. Sein Verstand versuchte, das zu verarbeiten. Jemand wusste von Schloss Falkenstein. Jemand wusste, dass er dort gewesen war. Jemand wusste von dem Schlüssel.

Wie war das möglich?

Und wer war „Die Nachtwache“?

Erik ging zum Karton, öffnete ihn zum ersten Mal seit Wochen. Der Geruch von altem Papier und verbranntem Holz stieg ihm entgegen. Er griff nach dem Schlüssel, hielt ihn ins Licht.

Der eiserne Schlüssel glänzte matt. Die Ornamente an seinem Griff schienen im Morgenlicht zu flimmern, als wären sie mehr als nur Dekoration. Die kleine Plakette: Westflügel.

Warum wollten sie ausgerechnet diesen Schlüssel?

Erik legte den Schlüssel zurück, nahm sein Handy. Die Nummer von der Karte starrte ihn an. 089 – Münchner Vorwahl.

Er könnte ignorieren. Könnte den Brief wegwerfen, den Karton versiegeln, sein Leben weiterleben. Zur Arbeit gehen, zur Therapie, so tun, als wäre alles normal.

Aber da waren diese fünf Toten in München. Diese Menschen, die niemand retten konnte, weil niemand wusste, was sie wirklich getötet hatte.

Und da waren die Gesichter seiner Urgroßeltern, von Elise und Friedrich, die hundert Jahre in diesem Schloss gefangen gewesen waren.

Und Clara. Immer Clara, die sich selbst geopfert hatte, damit andere leben konnten.

Erik griff nach seinem Handy, tippte die Nummer ein.

Seine Finger schwebten über dem grünen Knopf.

Wenn er anrief, gab es kein Zurück mehr. Das wusste er instinktiv. Dies war der Moment, in dem sein Leben eine Richtung einschlagen würde, von der er nicht mehr abweichen konnte.

Erik dachte an den Artikel. An die fünf Toten. An die Familien, die jemanden verloren hatten und nie erfahren würden warum.

Er drückte den grünen Knopf.

Das Freizeichen. Einmal. Zweimal. Drei Mal.

Dann eine Stimme. Weiblich. Ruhig. Mit einem leichten Akzent, den Erik nicht einordnen konnte.

„Herr Schönwaldt. Wir haben auf Ihren Anruf gewartet.“

Erik räusperte sich. „Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Dr. Helena Konstantin. Ich leite eine Organisation, die sich mit… ungewöhnlichen Fällen befasst. Fällen, die die Behörden nicht verstehen. Nicht verstehen wollen.“

„Die Nachtwache.“

„Richtig.“ Eine Pause. „Wir haben Ihre Geschichte verfolgt. Schloss Falkenstein. Der Vampir. Ihre Urgroßeltern. Was dort geschehen ist.“

Erik‘ Griff um das Handy versteifte sich. „Woher wissen Sie davon? Das Schloss… die Polizei konnte es nicht finden. Sie glauben, ich hätte mir das alles ausgedacht.“

„Die Polizei sucht mit den falschen Werkzeugen“, sagte Helena. „Sie suchen nach etwas, das auf Karten existiert. In Registern. Aber manche Orte existieren nur… dazwischen. In den Spalten der Realität, die die meisten Menschen ignorieren.“

„Sie klingen, als wären Sie verrückt.“

Helena lachte leise. „Das sagen viele, Herr Schönwaldt. Bis sie es selbst erleben.“ Ihre Stimme wurde ernst. „Aber Sie haben es bereits erlebt. Sie wissen, dass die Dunkelheit real ist. Dass die Monster existieren. Die Frage ist: Was werden Sie jetzt damit tun?“

Erik schwieg einen Moment. Draußen ging die Sonne auf, tauchte die Stadt in goldenes Licht. Eine neue Tag. Ein normaler Tag. Für alle anderen.

„Die Vorfälle in München“, sagte er schließlich. „Der Artikel von heute. Das war kein Virus, oder?“

„Nein.“

„Und Sie wissen, was es ist.“

„Ja.“

„Was wollen Sie von mir?“

Helena atmete aus. „Ihre Hilfe. Wir haben Ressourcen, Informationen, Werkzeuge. Aber wir brauchen jemanden wie Sie. Jemanden, der ins Feld gehen kann. Der sich der Dunkelheit stellen kann.“ Eine Pause. „Jemanden, der bereits gejagt hat und überlebt.“

„Ich bin kein Jäger“, sagte Erik. „Ich bin… ich bin nur jemand, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.“

„Sind Sie das?“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Oder sind Sie jemand, der eine Wahl getroffen hat? Der ins Schloss zurückging, obwohl er fliehen konnte? Der einen Plan fasste und einen Turm anzündete, um Unschuldige zu befreien?“

Erik schloss die Augen. Bilder blitzten auf. Der brennende Saal. Clara mit dem Pflock in der Hand. Seine Urgroßeltern, Hand in Hand, wie sie in das Haus gingen, um zu sterben.

„Sie hatten keine andere Wahl mehr“, flüsterte er.

„Aber Sie hatten eine“, erwiderte Helena. „Und Sie haben die richtige getroffen.“ Eine Pause. „Die Menschen, die in München sterben, Herr Schönwaldt – sie haben keine Wahl. Sie wissen nicht einmal, was sie jagt. Aber Sie wissen es. Und Sie können etwas dagegen tun.“

Erik öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf den Karton. Auf den Schlüssel. Auf die Briefe seiner Urgroßmutter, geschrieben in Verzweiflung und Hoffnung.

„Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte er. „Warum ist er wichtig?“

„Das erkläre ich Ihnen morgen. Persönlich.“ Helenas Stimme wurde dringlicher. „Kommen Sie nach München, Herr Schönwaldt. Hören Sie sich an, was wir zu sagen haben. Danach können Sie immer noch entscheiden, ob Sie gehen wollen. Aber geben Sie uns – geben Sie diesen Menschen – eine Chance.“

Erik ging zum Fenster, blickte auf die Straße hinunter. Menschen gingen zur Arbeit, trugen Kaffeebecher, hetzten zu U-Bahn-Stationen. Alles normal. Alles sicher.

Aber es war eine Illusion. Das wusste er jetzt.

„Morgen, 14 Uhr“, sagte er. „Café Frischhut.“

„Ich werde dort sein.“ Helena klang erleichtert. „Und Herr Schönwaldt?“

„Ja?“

„Danke. Sie treffen die richtige Entscheidung.“

Sie legte auf.

Erik stand noch lange am Fenster, das Handy in der Hand. Die Sonne stieg höher, vertrieb die Schatten. Aber Erik wusste: Die Schatten kamen immer zurück. Sobald die Sonne unterging.

Und diesmal würde er bereit sein.

Er rief bei der Arbeit an, meldete sich krank. Dann packte er eine Tasche. Kleidung für ein paar Tage. Seine Toilettenartikel. Und den Karton. Den gesamten Karton mit allem, was er aus dem Schloss mitgebracht hatte.

Um acht Uhr morgens verließ er seine Wohnung.

Um neun Uhr saß er im Zug nach München.

Um vierzehn Uhr würde sein neues Leben beginnen.

Aber das wusste Erik noch nicht.

Alles, was er wusste, war: Er konnte nicht mehr wegsehen.

Die Dunkelheit hatte ihn gerufen.

Und diesmal würde er antworten.


KAPITEL 2

Das Café am Viktualienmarkt

München empfing Erik mit grauem Himmel und dem Geruch von Regen.

Der Hauptbahnhof war überfüllt, ein Meer aus Menschen, die sich durch die Hallen drängten. Ankündigungen dröhnten aus den Lautsprechern, vermischten sich mit dem Quietschen von Zügen und dem Summen tausender Gespräche. Erik stand einen Moment reglos da, den Karton unter dem Arm, seine Reisetasche in der Hand, und ließ die Welle aus Lärm und Bewegung über sich hinwegspülen.

Drei Jahre war es her, seit er zuletzt in München gewesen war. Ein Wochenendtrip mit Freunden, Bier im Englischen Garten, Touristenkram am Marienplatz. Die Stadt hatte ihm damals gefallen – lebendig, aber nicht hektisch wie Berlin. Gemütlich, auf eine bayerische Art.

Jetzt sah sie anders aus.

Erik konnte es nicht genau benennen, aber etwas hatte sich verändert. Vielleicht nicht die Stadt selbst, sondern seine Wahrnehmung. Er sah die Schatten unter den Brücken, die dunklen Ecken zwischen den Säulen. Er bemerkte die Menschen, die zu blass aussahen, zu dünn, ihre Augen glasig vom Mangel an Schlaf oder… von etwas anderem.

Hör auf, ermahnte er sich. Nicht jeder Obdachlose ist ein Vampir. Nicht jeder Schatten ist eine Bedrohung.

Aber die Paranoia ließ sich nicht so einfach abschütteln.

Erik folgte den Schildern zur U-Bahn. Die Nachtwache hatte ihm eine Adresse geschickt – ein Hotel in der Nähe des Viktualienmarkts. Nichts Besonderes, aber sauber und bezahlbar. Und vor allem: In der Nähe des Treffpunkts.

Die U-Bahn war überfüllt, Erik musste stehen, eingequetscht zwischen einem Mann, der nach Zigaretten roch, und einer jungen Frau, die so in ihr Handy vertieft war, dass sie nicht bemerkte, wie ihre Handtasche gegen Eriks Bein schlug. Er hielt den Karton fest an seine Brust gedrückt, schützte ihn instinktiv.

Der Schlüssel war darin. Und die Briefe. Und all die anderen Dinge, die bewiesen, dass er nicht verrückt war.

Stadtmitte, verkündete die automatische Stimme. Erik drängte sich durch die Menge nach draußen.

Der Regen hatte begonnen, fein und durchdringend. Erik zog den Kragen seiner Jacke hoch und bahnte sich seinen Weg durch die Fußgängerzone. Das Hotel war leicht zu finden – ein schmaler Bau, eingeklemmt zwischen einem Souvenirshop und einem türkischen Imbiss.

Das Zimmer war klein, aber sauber. Ein schmales Bett, ein Schrank, ein winziges Badezimmer. Erik legte den Karton auf den Schreibtisch, die Tasche aufs Bett. Dann stand er am Fenster und blickte auf die Straße hinunter.

Menschen eilten vorbei, Schirme über den Köpfen, hetzten von Geschäft zu Geschäft. Normale Menschen mit normalen Leben. Jobs, Familien, Sorgen über Rechnungen und Beziehungen.

Beneidete Erik sie? Oder bemitleidete er sie, weil sie nicht wussten, was in den Schatten lauerte?

Er sah auf die Uhr. 12:37. Noch über eine Stunde bis zum Treffen.

Erik duschte, zog frische Kleidung an. Dann holte er den Schlüssel aus dem Karton, hielt ihn ins Licht.

Im Tageslicht sah er noch gewöhnlicher aus als nachts. Nur ein alter eiserner Schlüssel, verrostet und schwer. Die Ornamente waren kaum noch zu erkennen, verschlissen von Zeit und Gebrauch.

Aber als Erik ihn in die Hand nahm, spürte er es. Eine Art Wärme. Ein Pulsieren, fast wie ein Herzschlag.

Du bildest dir das ein, sagte er sich. Es ist nur Metall. Nur ein verdammter Schlüssel.

Aber dann erinnerte er sich, wie der Schlüssel im U-Bahn-Depot geleuchtet hatte. Wie er eine Barriere geschaffen hatte, die den Vampir gefangen hielt. Wie Clara gesagt hatte: „Er öffnet nicht nur Türen…“

Erik steckte den Schlüssel in seine Jackentasche. Die Tasche fühlte sich schwerer an, als sie sein sollte.

Um 13:45 verließ er das Hotel.

Der Viktualienmarkt war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Erik ging langsam, nahm die Umgebung in sich auf. Der Regen hatte aufgehört, aber die Wolken hingen noch tief, machten den Tag düster und grau.

Der Markt war überfüllt. Stände mit Obst und Gemüse, Fleisch und Käse, Blumen und Gewürzen drängten sich aneinander. Der Geruch war überwältigend – eine Mischung aus frischem Brot, gegrillten Würsten, Kräutern und dem süßlichen Duft von überreifem Obst.

Mitten auf dem Markt stand ein Maibaum, umgeben von Biergartentischen. Und an der Ecke, in einem alten Gebäude mit grüner Fassade, das Café Frischhut.

Erik blieb vor dem Eingang stehen. Durch die Fenster konnte er die Inneneinrichtung sehen – rustikale Holztische, eine Theke mit einer Glasvitrine voller Gebäck, alte Fotos an den Wänden. Es sah gemütlich aus. Normal.

Aber Erik wusste: Nichts war mehr normal.

Er atmete tief durch und trat ein.

Das Café war warm, erfüllt vom Duft frisch gebrühten Kaffees. Etwa ein Dutzend Tische, die meisten besetzt. Touristen, die sich über Stadtpläne beugten. Einheimische, die ihre Zeitung lasen. Ein älteres Ehepaar, das schweigend Kuchen aß.

Und in der hintersten Ecke, an einem Tisch beim Fenster, saß eine Frau.

Erik erkannte sie sofort, obwohl er sie nie zuvor gesehen hatte. Es war etwas an der Art, wie sie dasaß – aufrecht, wachsam, die Hände um eine Kaffeetasse gefaltet. Sie beobachtete die Tür, beobachtete ihn, und als ihre Blicke sich trafen, nickte sie leicht.

Dr. Helena Konstantin.

Erik ging zu ihrem Tisch. Mit jedem Schritt musterte er sie, versuchte ein Bild von ihr zu bekommen.

Sie war Mitte Vierzig, schätzte er. Elegant, auf eine zeitlose Art – dunkles Haar, das zu einem strengen Knoten gebunden war, ein dunkelblauer Hosenanzug, minimaler Schmuck. Ihr Gesicht war markant, hohe Wangenknochen, eine gerade Nase, und Augen, die von einem ungewöhnlichen Grau waren. Intelligent. Wachsam. Und müde. Die Art von Müdigkeit, die nicht von einer schlaflosen Nacht kam, sondern von Jahren.

„Herr Schönwaldt“, sagte sie, als er den Tisch erreichte. Ihre Stimme war die gleiche wie am Telefon – ruhig, kontrolliert, mit diesem leichten Akzent. Osteuropa vielleicht. „Bitte, setzen Sie sich.“

Erik zog einen Stuhl heraus, setzte sich. Er legte seine Jacke über die Lehne, behielt aber die Hand in der Tasche, fühlte das Gewicht des Schlüssels.

„Sie haben ihn mitgebracht“, sagte Helena. Es war keine Frage.

„Woher wissen Sie—“

„Man sieht es Ihnen an.“ Ein kleines Lächeln. „Die Art, wie Sie die Tasche halten. Schützend. Als trügen Sie etwas Wertvolles. Oder Gefährliches.“

Erik zog langsam die Hand aus der Tasche. „Beides, vermute ich.“

„Vermutlich.“ Helena winkte einer Kellnerin. „Möchten Sie etwas? Der Kaffee hier ist ausgezeichnet.“

„Nur Kaffee, danke.“

Die Kellnerin kam, nahm die Bestellung auf, verschwand wieder. Helena wartete, bis sie außer Hörweite war, bevor sie weitersprach.

„Ich nehme an, Sie haben Fragen.“

„Tausende“, sagte Erik. „Aber fangen wir mit der offensichtlichsten an: Wer sind Sie?“

Helena lehnte sich zurück. „Ich bin Historikerin. Spezialisiert auf europäische Mythologie, Folklore, und… okkulte Phänomene. Ich habe an verschiedenen Universitäten gelehrt – Wien, Prag, Oxford. Aber vor zehn Jahren habe ich die akademische Welt verlassen.“

„Warum?“

„Weil ich etwas gelernt hatte, das die akademische Welt nicht akzeptieren konnte.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Die Mythen sind wahr. Nicht alle, nicht genau so, wie sie erzählt werden. Aber es gibt einen Kern Wahrheit in ihnen. Vampire existieren. Und sie haben existiert, solange es Menschen gibt.“

Die Kellnerin brachte Eriks Kaffee. Er nahm einen Schluck, heiß und stark, und ließ die Worte auf sich wirken.

„Die Nachtwache“, sagte er. „Was ist das?“

„Eine Organisation“, antwortete Helena. „Sehr alt, sehr diskret. Gegründet im 13. Jahrhundert von einer Gruppe von Mönchen, die erkannten, dass die Welt Schutz brauchte vor dem, was in der Dunkelheit lauert. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich entwickelt, verändert. Heute sind wir keine Mönche mehr. Wir sind Wissenschaftler, Historiker, ehemalige Soldaten, Priester, Menschen aus allen Bereichen. Aber wir alle teilen das gleiche Ziel.“

„Die Vampire töten.“

Helena schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt töten. Schützen. Die Balance wahren. Es gibt Vampire, die friedlich leben, die keine Menschen jagen. Die sich an die Regeln halten. Mit denen haben wir keinen Konflikt.“

Erik starrte sie an. „Sie scherzen.“

„Ich scherze nicht.“ Helenas Gesicht war ernst. „Die Welt ist komplizierter, als Sie vielleicht denken, Herr Schönwaldt. Gut und Böse sind keine absoluten Kategorien. Es gibt Vampire, die einst Menschen waren, die sich nicht verwandeln wollten, die versuchen, an ihrer Menschlichkeit festzuhalten. Die nur tierisches Blut trinken. Die anderen helfen.“

„Und der Vampir auf Schloss Falkenstein? War das einer der ‚guten‘?“

Helenas Blick wurde hart. „Nein. Definitiv nicht. Was dort geschehen ist… das war eine der schlimmsten Formen von Vampirismus. Ein Raubtier, das Unschuldige gefangen hielt, sie über Jahrzehnte quälte. Was Sie getan haben – ihn zu töten – war die richtige Entscheidung.“

„Ich habe ihn nicht getötet“, sagte Erik leise. „Clara hat es getan. Und es hat sie ihr Leben gekostet.“

„Ich weiß.“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Wir haben von ihr gehört. Von allen, die in diesem Schloss gestorben sind. Und wir ehren ihr Opfer.“

Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn Sie von dem Schloss wussten, warum haben Sie nicht geholfen? Warum haben Sie sie dort gelassen?“

„Weil wir erst vor drei Wochen davon erfahren haben.“ Helena beugte sich vor. „Das Schloss war versteckt, Herr Schönwaldt. Nicht nur physisch, sondern… magisch. Es existierte außerhalb der normalen Welt. Wir hatten Gerüchte gehört, alte Geschichten aus dem Schwarzwald. Aber niemand konnte es finden. Bis Sie es taten.“

„Ich hatte die Briefe. Die GPS-Koordinaten.“

„Sie hatten mehr als das.“ Helenas Augen glitzerten. „Sie hatten Blut-Verbindung. Ihre Urgroßeltern waren dort. Das Schloss hat Sie gerufen, weil Sie zur Familie gehörten. Deshalb konnten Sie es finden, wo wir gescheitert waren.“

Erik nahm einen weiteren Schluck Kaffee, versuchte seine Gedanken zu ordnen. „Was ist mit München? Den fünf Toten?“

Helenas Gesicht verdüsterte sich. „Das ist der Grund, warum wir Sie kontaktiert haben. Die Situation hier ist… kompliziert. Und potenziell katastrophal.“

Sie holte ein Tablet aus ihrer Tasche, entsperrte es, schob es über den Tisch zu Erik. Auf dem Bildschirm waren Fotos. Autopsiefotos.

Erik zwang sich hinzusehen. Fünf Leichen. Alle jung, zwischen zwanzig und dreißig. Alle mit der gleichen blassen Haut, den eingefallenen Augen. Und alle mit den gleichen Wunden am Hals – zwei kleine Punktionen, sauber, fast chirurgisch.

„Die offizielle Erklärung ist eine neue Form von Anämie“, sagte Helena. „Verursacht durch einen unbekannten Virus. Die Behörden halten die Wunden für Insektenstiche.“

„Aber das sind sie nicht.“

„Nein.“ Helena scrollte weiter. „Das Blut wurde entnommen. Nicht getrunken, nicht vor Ort. Sondern mit Präzision abgezapft. Als wäre es für etwas gesammelt worden.“

Erik sah auf. „Wofür?“

„Das ist die Frage.“ Helena nahm das Tablet zurück. „Normalerweise töten Vampire durch Exsanguination – sie trinken das Blut direkt. Schnell, effizient. Aber hier… hier ist jemand methodisch. Sammelt Blut. Und wir glauben, es ist für ein Ritual.“

„Was für ein Ritual?“

Helena zögerte. „Wir sind uns nicht sicher. Aber wir haben… Hinweise gefunden. In alten Texten, in Prophezeiungen. Es gibt ein Ereignis, das manche Vampire herbeiführen wollen. Ein Ereignis, das ihre Macht vervielfachen würde.“

„Was für ein Ereignis?“

„Die ewige Nacht.“ Helenas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Eine Verdunkelung der Sonne. Nicht global, aber lokal. München würde in Dunkelheit getaucht, und die Vampire könnten frei jagen. Tag und Nacht. Tausende würden sterben.“

Erik lehnte sich zurück. Das war zu viel. Zu groß. „Das ist… das klingt wie Science-Fiction.“

„Es klingt unmöglich“, korrigierte Helena. „Aber vieles, was Sie erlebt haben, klang auch unmöglich, bis Sie es gesehen haben.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Wir haben drei Monate, um sie aufzuhalten. Die Sommersonnenwende. Der 21. Juni. An diesem Tag sind die Ley-Linien am stärksten. Wenn sie das Ritual vollziehen können…“

„Dann wird München zur Vampir-Stadt.“

„Ja.“

Erik rieb sich das Gesicht. „Und was habe ich damit zu tun? Ich bin kein Soldat. Kein Magier. Ich bin nur—“

„Sie sind jemand, der einen der mächtigsten Vampire in Europa besiegt hat“, unterbrach Helena. „Sie sind jemand, der Mut bewiesen hat. Intelligenz. Die Fähigkeit, unter Druck Entscheidungen zu treffen.“ Sie legte ihre Hand auf den Tisch, fast, als wollte sie nach seiner greifen, hielt dann aber inne. „Und Sie haben etwas, das wir brauchen. Den Seelenschlüssel.“

Da war es. Der wahre Grund.

Erik zog den Schlüssel aus seiner Tasche, legte ihn auf den Tisch. Im schwachen Licht des Cafés sah er unscheinbar aus. Alt. Harmlos.

Helena starrte ihn an, als hätte Erik einen Schatz vor sie gelegt.

„Darf ich?“, fragte sie.

Erik nickte.

Helena nahm den Schlüssel vorsichtig in die Hand, drehte ihn, untersuchte die Ornamente. Ihre Finger fuhren über die Gravuren, und Erik konnte schwören, dass der Schlüssel leicht zu glühen begann.

„Bemerkenswert“, flüsterte sie. „Ich habe nur von solchen Schlüsseln gelesen. Gedacht, sie wären Mythen.“

„Was ist er?“

Helena legte den Schlüssel behutsam zurück. „Ein Artefakt aus einer Zeit, als Magie und Wissenschaft noch nicht getrennt waren. Geschmiedet von Alchemisten, wahrscheinlich im 15. oder 16. Jahrhundert. Er öffnet nicht nur physische Türen, sondern auch… Barrieren. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Realität und… anderem.“

„Das klingt gefährlich.“

„Es ist gefährlich.“ Helenas Augen trafen seine. „In den falschen Händen könnte dieser Schlüssel Unvorstellbares anrichten. Aber in den richtigen Händen… könnte er die Waffe sein, die wir brauchen, um das Ritual zu stoppen.“

Erik nahm den Schlüssel zurück, spürte wieder dieses Pulsieren. „Und Sie denken, ich habe die richtigen Hände?“

„Ich denke, der Schlüssel hat Sie gewählt.“ Helena lächelte schwach. „Diese Dinge… sie haben ihren eigenen Willen. Sie suchen sich ihre Träger. Und er hat Sie aus dem Schloss geführt. Hat Ihnen geholfen, den Vampir zu besiegen. Das war kein Zufall.“

Erik steckte den Schlüssel weg, fühlte sich plötzlich sehr müde. „Was wollen Sie von mir, Dr. Konstantin?“

„Ich will, dass Sie sich uns anschließen. Der Nachtwache. Wir bilden Sie aus, geben Ihnen die Werkzeuge und das Wissen, das Sie brauchen. Und gemeinsam jagen wir die Vampire, die für die Toten verantwortlich sind.“ Sie lehnte sich vor. „Aber vor allem brauche ich, dass Sie mir helfen, München zu retten. Helfen Sie mir, die ewige Nacht zu verhindern.“

„Und wenn ich nein sage?“

Helenas Blick wurde traurig. „Dann respektiere ich Ihre Entscheidung. Sie können gehen, zurück zu Ihrem Leben. Wir werden versuchen, es allein zu schaffen. Aber…“ Sie zögerte. „Ich glaube nicht, dass Sie jemals wirklich zurückkehren können. Nicht nach dem, was Sie gesehen haben. Die Dunkelheit hat Sie berührt, Herr Schönwaldt. Sie wird Sie nie wieder loslassen.“

Erik sah aus dem Fenster. Draußen auf dem Markt gingen Menschen ihren alltäglichen Geschäften nach. Kauften Gemüse, lachten, telefonierten. Die Welt drehte sich weiter, ahnungslos von der Bedrohung, die unter ihren Füßen lauerte.

Er dachte an die fünf Toten. An ihre Familien. An die Menschen, die sterben würden, wenn niemand handelte.

Und er dachte an Clara. An ihr Lächeln, kurz bevor sie starb. An die Worte: „Für alle von uns.“

Erik wandte sich zurück zu Helena. „Ich habe eine Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Keine Geheimnisse. Sie sagen mir alles. Über die Vampire, über das Ritual, über Ihre Organisation. Ich will wissen, worauf ich mich einlasse.“

Helena nickte langsam. „Einverstanden. Vollständige Transparenz.“

„Dann bin ich dabei.“

Zum ersten Mal zeigte Helena ein echtes Lächeln. „Willkommen bei der Nachtwache, Herr Schönwaldt.“ Sie stand auf, streckte ihm die Hand entgegen. „Oder darf ich Erik sagen?“

Erik stand ebenfalls auf, schüttelte ihre Hand. Ihr Griff war fest, warm. „Erik ist gut.“

„Perfekt.“ Helena ließ seine Hand los. „Dann lass uns gehen. Ich will dir zeigen, wo wir arbeiten. Und dich dem Team vorstellen.“

„Team?“

„Du dachtest, ich tue das allein?“ Helena lachte leise. „Nein, Erik. Die Nachtwache ist größer, als du denkst. Und jeder spielt eine Rolle.“ Sie legte Geld auf den Tisch für den Kaffee. „Komm. Zeit, dass du die Wahrheit über München erfährst.“

Sie gingen zur Tür. Aber bevor Erik hinaustrat, hielt ihn Helena am Arm zurück.

„Noch etwas“, sagte sie ernst. „Ab jetzt wird dein Leben gefährlich. Die Vampire, die wir jagen – sie jagen auch uns. Du musst wachsam sein. Immer. Vertrau niemandem blind. Und wenn du jemals das Gefühl hast, verfolgt zu werden…“ Sie sah ihm in die Augen. „Lauf nicht. Kämpfe.“

Erik nickte langsam. „Verstanden.“

Sie traten hinaus auf den Markt. Die Wolken hatten sich gelichtet, ein schwacher Sonnenstrahl brach durch. Aber Erik sah die Schatten zwischen den Ständen, die dunklen Ecken, wo das Licht nicht hinkam.

Und er wusste: Helena hatte Recht.

Die Dunkelheit würde ihn nie wieder loslassen.

Aber diesmal würde er nicht weglaufen. Diesmal würde er zurückschlagen.

Am Mittwoch (24.12.) folgt zunächst die englische Version, die Kapitel 3 bis 5 auf Deutsch werden am Sonntag (28.12.) hinzugefügt.

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