KAPITEL 15
Die Nacht der Wahrheit
Helena wachte auf, als die Sonne unterging.
Erik saß neben ihrem Bett, hatte Wache gehalten. Er sah, wie ihre Augen sich öffneten – immer noch rot, leuchtend im Dämmerlicht.
„Wie lange?“ fragte sie, ihre Stimme rau.
„Vierzehn Stunden. Es ist 18:30 Uhr.“ Erik reichte ihr eine Flasche Wasser. „Wie fühlst du dich?“
Helena setzte sich auf, trank gierig. Dann hielt sie inne, starrte auf die Flasche. „Ich… ich habe keinen Durst. Nach Wasser, meine ich.“
„Aber nach etwas anderem?“
Sie nickte langsam. „Es ist wie… ein Brennen. Tief in meinem Hals. Es tut weh, aber nicht physisch. Es ist… Hunger.“
„Yuki hat etwas vorbereitet.“ Erik stand auf, holte eine Thermoskanne aus einem kleinen Kühlschrank in der Ecke. „Tierblut. Von einem Schlachthof. Thomas hat es gesegnet, um… um die Wirkung zu maximieren.“
Helena nahm die Kanne, öffnete sie zögernd. Der Geruch stieg auf – metallisch, aber nicht unangenehm. Ihre Augen weiteten sich, die Pupillen erweiterten sich.
„Ich sollte das ekelhaft finden“, flüsterte sie. „Aber ich… Gott, es riecht gut.“
„Dann trink.“ Erik versuchte, seine Stimme neutral zu halten. „Es ist okay.“
Helena trank. Nicht gierig, nicht wie ein Monster. Sondern langsam, kontrolliert, als wollte sie sich an den Geschmack gewöhnen.
Nach ein paar Schlucken hörte sie auf. „Das… das hilft. Das Brennen ist weniger.“
„Gut.“ Erik nahm die Kanne zurück. „Thomas sagt, du musst alle sechs Stunden trinken. Zumindest am Anfang. Später, wenn du… wenn du lernst, es zu kontrollieren, kann es länger dauern.“
„Wenn ich lerne.“ Helena lachte bitter. „Als ob ich jemals kontrollieren könnte, was ich jetzt bin.“
„Du bist immer noch Helena.“
„Bin ich das?“ Sie stand auf, ging zum Spiegel an der Wand. „Schau mich an. Rote Augen. Blasse Haut. Und wenn ich konzentriere…“ Ihre Eckzähne verlängerten sich leicht, wurden spitz. „Monster.“
„Du bist kein Monster.“
„Ich habe Blut getrunken, Erik. Freiwillig. Ich habe Katalins Kelch genommen und—“ Ihre Stimme brach. „Ich erinnere mich an alles. Wie es sich anfühlte. Die Macht, die Klarheit. Es war… ekstatisch.“
„Das ist die Verwandlung. Sie macht dich glauben, dass es gut ist.“
„Aber ein Teil von mir glaubt es immer noch.“ Helena drehte sich zu ihm. Tränen – ja, Vampire konnten weinen – liefen über ihre Wangen. „Ein Teil von mir will zurück. Zu Katalin. Zu der Macht.“
„Aber du bist hier. Du hast dich entschieden, bei uns zu bleiben.“
„Habe ich das?“ Helena sank zurück aufs Bett. „Oder bin ich nur zu feige, um vollständig zu wechseln? Zu ängstlich, um zuzugeben, dass ich will, was sie mir anbietet?“
Erik setzte sich neben sie. „Helena, hör zu. Katalin hat dich manipuliert. Sie hat deine Sehnsucht nach Familie ausgenutzt, deine Unsicherheit. Aber das bedeutet nicht, dass deine Gefühle nicht real sind. Du bist zerrissen. Das ist verständlich.“
„Ist es das?“
„Ja.“ Erik nahm ihre Hand. Sie war kalt, aber nicht unmenschlich kalt. „Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, das Richtige zu tun. Jetzt fühlst du das erste Mal etwas anderes. Das macht dich nicht schwach. Das macht dich menschlich.“
„Aber ich bin nicht mehr menschlich.“
„Du bist menschlicher als die meisten Menschen, die ich kenne.“ Eriks Griff wurde fester. „Du hast mich aus einem brennenden U-Bahn-Depot gerettet. Du hast Lukas gerettet. Du hast dein Leben der Rettung anderer gewidmet. Das ändert sich nicht, weil deine Biologie sich geändert hat.“
Helena sah ihn lange an. „Du bist zu gut für diese Welt.“
„Oder genau richtig.“ Erik lächelte schwach. „Komm. Die anderen warten. Wir müssen reden.“
Im Konferenzraum hatte sich das gesamte Team versammelt.
Marcus stand an der Karte, markierte etwas. Thomas saß am Tisch, umgeben von alten Büchern. Yuki tippte auf ihrem Laptop.
Und in der Ecke, unerwartet: die drei Mütter. Anna Berger, Frau Hartmann, Frau Özkan. Und Frau Wagner.
„Was machen sie hier?“ fragte Helena überrascht.
„Sie wollten dabei sein“, sagte Marcus. „Sie haben ein Recht zu erfahren, was passiert.“
„Aber—“
„Dr. Konstantin.“ Anna stand auf. „Wir wissen, was Ihnen passiert ist. Yuki hat es uns erklärt. Und wir… wir sind immer noch dankbar. Sie haben unsere Kinder gerettet. Dass Sie jetzt… anders sind, ändert das nicht.“
„Ich bin ein Vampir“, sagte Helena flach. „Das gleiche Monster, das eure Kinder gebissen hat.“
„Nein.“ Frau Hartmann trat vor. „Sie sind die Frau, die meine Enkelin gerettet hat. Monster retten keine Leben. Monster nehmen sie.“
Helena schwieg, zu überwältigt zum Sprechen.
„Setzen wir uns“, sagte Thomas sanft. „Wir haben viel zu besprechen.“
Sie setzten sich. Helena zwischen Erik und Yuki, als brauchte sie ihre Nähe für Unterstützung.
„Status“, sagte Marcus. „Die Explosion im U-Bahn-Tunnel hat Katalins Vorbereitungen verzögert. Aber nicht gestoppt. Yuki?“
„Ich habe die Aktivität überwacht. Der Altar ist zerstört, die Knochen vernichtet. Aber…“ Yuki zögerte. „Es gab bereits Bewegungen. Vampire, die neue Materialien sammeln. Sie bauen woanders wieder auf.“
„Wo?“ fragte Erik.
„Unbestimmt. Sie sind vorsichtiger jetzt. Keine offenen Transporte mehr. Sie nutzen die Katakomben, bewegen sich unterirdisch.“ Yuki zeigte verschiedene Karten. „Aber ich habe ein Muster gefunden. Alle Bewegungen konzentrieren sich auf die Altstadt. Insbesondere um…“ Sie vergrößerte. „Die Frauenkirche.“
„Das Zentrum der Ley-Linien“, sagte Thomas. „Der mächtigste Punkt in München.“
„Genau. Wenn Katalin das Ritual durchführt, wird es dort sein.“ Yuki sah zu Helena. „Du warst bei ihr. Du hast ihre Pläne gehört. Was kannst du uns sagen?“
Helena schloss die Augen, als würde sie sich zwingen zu erinnern. „Die Sommersonnenwende. 21. Juni. Mitternacht. Das ist der Moment, wo die Ley-Linien am stärksten sind. Sie braucht…“ Sie atmete tief durch. „Sie braucht sieben Opfer. Sieben unschuldige Seelen, geopfert an den sieben Punkten um die Frauenkirche.“
„Die drei Babys“, sagte Erik. „Die, die wir nicht retten konnten.“
„Ja. Aber nicht nur sie. Sie braucht noch vier weitere.“ Helena öffnete die Augen. „Und sie hat bereits Kandidaten ausgewählt.“
„Wer?“ Marcus‘ Stimme war angespannt.
Helena sah jeden von ihnen an. „Ihr.“
Stille im Raum.
„Uns?“ wiederholte Yuki ungläubig. „Die Nachtwache?“
„Nicht alle. Nur diejenigen, die den größten Widerstand geleistet haben.“ Helenas Blick wanderte. „Thomas, weil er ein Priester ist. Geweihtes Blut verstärkt das Ritual. Marcus, weil er ein Krieger ist. Kriegerblut bringt Stärke. Yuki, weil sie eine Gelehrte ist. Wissen nährt die Dunkelheit.“
„Und ich?“ fragte Erik, obwohl er die Antwort bereits ahnte.
„Du, weil du den Seelenschlüssel trägst. Dein Blut, vermischt mit der Macht des Schlüssels…“ Helenas Stimme wurde leiser. „Das würde das Ritual unaufhaltbar machen.“
„Das ist… wunderbar“, sagte Marcus trocken. „Wir sind also alle Ziele.“
„Und die Babys?“ fragte Anna panisch. „Was wird mit ihnen passieren?“
„Sie werden geopfert. Zur gleichen Zeit. An verschiedenen Punkten.“ Helena sah weg, konnte Annas Blick nicht ertragen. „Es wird schnell sein. Schmerzlos, hat Katalin versichert. Aber…“
„Aber sie werden tot sein“, beendete Frau Wagner den Satz.
„Ja.“
Die Mütter umklammerten einander, Tränen in den Augen.
„Dann müssen wir sie finden“, sagte Erik fest. „Die Babys. Bevor die Sommersonnenwende. Wir retten sie.“
„Wie?“ fragte Marcus. „München ist riesig. Die Katakomben sind ein Labyrinth. Katalin könnte sie überall versteckt haben.“
„Aber Helena weiß, wo sie sind“, sagte Erik und wandte sich ihr zu. „Richtig?“
Helena zögerte. „Ich… ich weiß, wo sie waren. Vor meiner Flucht. Aber Katalin wird sie bewegt haben. Sie ist nicht dumm.“
„Aber es ist ein Anfang.“ Erik stand auf. „Sag uns, wo sie waren. Wir beginnen dort zu suchen.“
„Erik, das ist gefährlich. Katalin wird Fallen gestellt haben. Sie erwartet, dass wir kommen.“ Helenas Augen waren gequält. „Wenn ihr geht, werdet ihr vielleicht nicht zurückkommen.“
„Dann kommen wir alle zusammen“, sagte Thomas. „Vereint. Als Team.“
„Ich kann nicht mitkommen“, sagte Helena leise. „Nicht in die Katakomben. Nicht zu Katalin.“
„Warum nicht?“
„Weil ich sie immer noch spüre. Die Verbindung. Als sie mir ihr Blut gab, erschuf sie ein Band zwischen uns. Ich höre ihre Gedanken, fühle ihre Emotionen.“ Helenas Hände zitterten. „Wenn ich zu nah komme, könnte sie mich kontrollieren. Mich zwingen, gegen euch zu kämpfen.“
„Dann bleibst du hier“, sagte Yuki schnell. „In Sicherheit. Du koordinierst von der Zentrale.“
„Aber—“
„Kein aber.“ Marcus‘ Stimme war fest. „Du hast dich gerade erst entschieden, auf unserer Seite zu stehen. Wir werden dich nicht sofort wieder in Gefahr bringen.“
Helena sah aus, als wollte sie protestieren, nickte dann aber. „In Ordnung. Aber seid vorsichtig. Katalin ist… sie ist nicht wie andere Vampire. Sie ist uralte, mächtiger als alles, was ihr euch vorstellen könnt.“
„Wir wissen“, sagte Erik. „Deshalb gehen wir vorbereitet.“
„Wann?“ fragte Anna.
„Heute Nacht.“ Marcus ging zur Ausrüstung. „Keine Zeit zu verschwenden. Je länger wir warten, desto stärker wird Katalin.“
„Dann bereiten wir uns vor“, sagte Thomas und stand auf. „Waffen, Segen, Bannkreise. Alles.“
„Und wir?“ Frau Hartmann deutete auf die anderen Mütter. „Was können wir tun?“
„Beten“, sagte Thomas einfach. „Betet, dass wir zurückkommen. Mit den Kindern.“
Die nächsten Stunden vergingen in fieberhaften Vorbereitungen.
Erik übte wieder mit dem Schlüssel. Aber diesmal war es anders. Der Schlüssel fühlte sich… schwerer an. Als würde das Gewicht all der Seelen, die er getragen hatte, auf Erik drücken.
„Du spürst sie, nicht wahr?“ Helena war zu ihm in den Trainingsraum gekommen. „Die vorherigen Träger.“
„Manchmal. Wie Flüstern. Oder Erinnerungen, die nicht meine sind.“ Erik ließ das Licht des Schlüssels aufflackern. „Thomas sagt, je öfter ich ihn benutze, desto stärker wird die Verbindung.“
„Und desto mehr von dir gibt der Schlüssel hinein.“
„Ja.“ Erik ließ das Licht verlöschen. „Aber was ist die Alternative? Nicht kämpfen? Zulassen, dass Katalin gewinnt?“
„Nein. Du kämpfst. Das ist, wer du bist.“ Helena trat näher. „Aber Erik, versprich mir etwas.“
„Was?“
„Wenn es zu viel wird. Wenn du fühlst, dass der Schlüssel dich übernimmt – lass los. Wirf ihn weg, zerstöre ihn, was auch immer. Aber verliere dich nicht.“
„Ich kann nicht—“
„Verspreche es.“ Helena griff nach seinen Schultern. „Ich habe bereits so viele Menschen verloren. Ich kann nicht auch dich verlieren.“
Erik sah in ihre Augen – rot, unmenschlich, aber immer noch Helenas Augen. Voller Sorge, voller Angst.
„Ich verspreche es“, sagte er schließlich. „Ich werde vorsichtig sein.“
„Gut.“ Helena ließ los, trat zurück. „Und Erik? Danke. Für alles. Dafür, dass du an mich geglaubt hast, als ich es selbst nicht tat.“
„Das ist, was Freunde tun.“
„Freunde.“ Helena lächelte schwach. „Ich hatte nicht viele davon. In meinem Leben.“
„Jetzt hast du welche.“ Erik lächelte zurück. „Eine ganze Familie davon.“
Um 22:00 Uhr versammelten sie sich wieder.
Das Team für die Mission: Erik, Marcus und Thomas. Yuki und Helena würden von der Zentrale koordinieren. Die Mütter würden in Sicherheit bleiben, bereit, medizinische Unterstützung zu leisten, wenn nötig.
„Der Ort, wo die Babys waren“, sagte Helena und zeigte auf eine Karte. „Unter der Ludwigskirche. Es gibt einen versteckten Eingang durch die Krypta. Ich kann euch den Weg zeigen.“
„Nur auf der Karte“, sagte Marcus. „Du kommst nicht mit.“
„Ich weiß.“ Helena zeichnete den Weg auf. „Hier. Durch die Seitenkapelle, eine lose Bodenplatte. Darunter ist eine Treppe.“
„Und die Sicherheit?“ fragte Thomas.
„Vampire. Mindestens ein Dutzend, als ich dort war. Vielleicht mehr jetzt.“ Helena sah auf. „Und möglicherweise Dimitri.“
„Dein Bruder“, sagte Erik. „Wird er… wird er mit uns reden?“
„Dimitri redet viel. Ob er die Wahrheit sagt, ist eine andere Frage.“ Helenas Gesicht verdüsterte sich. „Er ist loyal zu Katalin. Bedingungslos. Wenn er eine Wahl treffen muss zwischen mir und ihr…“
„Er wird sie wählen“, beendete Marcus den Satz. „Verstanden.“
Sie rüsteten sich aus. Waffen, Munition, Weihwasser, UV-Lampen. Und der Seelenschlüssel, den Erik um seinen Hals trug.
„Funkkanal zwei“, sagte Yuki und verteilte die Geräte. „Ich überwache die Stadtüberwachung. Wenn ich Bewegungen sehe, warne ich euch.“
„Und wenn wir nicht zurückkommen?“ fragte Marcus.
„Dann…“ Yuki zögerte. „Dann bringen wir die Mütter und ihre Kinder in Sicherheit. Verlassen München. Und hoffen, dass Katalins Ritual scheitert.“
„Es wird nicht scheitern“, sagte Helena leise. „Nicht ohne Intervention. Das Ritual ist zu alt, zu mächtig. Wenn sie es durchführt, wird München fallen.“
„Dann sorgen wir dafür, dass sie es nicht durchführt“, sagte Erik. „Fertig? Dann gehen wir.“
Sie verließen die Zentrale. Die Nacht war kalt, der Himmel bewölkt. Kein Mond, keine Sterne. Nur Dunkelheit.
Die Ludwigskirche lag im Lehel, nicht weit von der Isar. Eine neobarocke Kirche, imposant, mit zwei Türmen, die in den Himmel ragten.
Sie parkten zwei Blocks entfernt, gingen zu Fuß.
Die Kirche war geschlossen, dunkel. Aber Marcus hatte einen Nachschlüssel – „Helena gab ihn mir, vor Jahren“, erklärte er.
Sie traten ein. Das Innere der Kirche war still, heilig. Mondlicht fiel durch die Buntglasfenster, warf farbige Schatten auf die Bänke.
„Seitenkapelle“, flüsterte Marcus und deutete nach links.
Sie gingen dorthin. Eine kleine Kapelle, der Heiligen Maria gewidmet. Und dort, wie Helena gesagt hatte: eine Bodenplatte, etwas lockerer als die anderen.
Marcus und Thomas hoben sie an. Darunter: eine Treppe, die in die Dunkelheit führte.
„Keine Umkehr jetzt“, murmelte Marcus.
Sie stiegen hinab.
Die Krypta war größer, als Erik erwartet hatte. Steinwände, bedeckt mit alten Gravuren. Sarkophage säumten die Seiten, manche offen, manche versiegelt.
Und am Ende: eine Tür. Modern, aus Stahl, mit elektronischem Schloss.
„Das ist neu“, sagte Thomas. „Helena erwähnte keine moderne Tür.“
„Katalin hat aufgerüstet.“ Marcus untersuchte das Schloss. „Verdammt. Das ist militärisch. Ich kann es nicht knacken.“
„Lass mich.“ Erik trat vor, holte den Seelenschlüssel hervor.
„Das ist ein elektronisches Schloss“, sagte Marcus skeptisch. „Kein magisches.“
„Der Schlüssel öffnet Türen“, sagte Erik einfach. „Alle Türen.“
Er drückte den Schlüssel gegen das Schloss.
Licht explodierte. Das Schloss zischte, rauchte, dann gab es ein Klicken.
Die Tür schwang auf.
Dahinter: noch mehr Dunkelheit. Und ein Geruch – alt, modrig, mit einem Hauch von Blut.
„Sie sind da drin“, flüsterte Thomas. „Ich spüre es.“
Sie traten durch die Tür.
Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihnen. An den Wänden: Fackeln, die mit unnatürlichem grünem Licht brannten.
Am Ende des Korridors: eine Kammer. Und darin…
Erik‘ Herz sank.
Die Kammer war leer.
Keine Vampire. Keine Babys. Nur leere Krippen, verlassen.
„Sie sind weg“, sagte Marcus. „Helena hatte Recht. Katalin hat sie bewegt.“
„Aber wohin?“ Erik ging zu den Krippen, suchte nach Hinweisen.
„Überall.“ Eine Stimme, aus den Schatten.
Dimitri trat hervor. Allein.
„Wo sind die anderen?“ fragte Marcus und hob seine Waffe.
„Weg. Genau wie die Babys. Katalin wusste, dass ihr kommen würdet. Meine Schwester ist so… vorhersehbar.“ Dimitri lächelte. „Aber ich blieb. Um eine Nachricht zu übermitteln.“
„Was für eine Nachricht?“ fragte Erik.
„Ein Angebot. Ein letztes.“ Dimitri trat ins Licht. „Katalin ist bereit zu verhandeln. Sie will den Krieg nicht. Sie will keinen unnötigen Tod. Also bietet sie einen Handel.“
„Wir hören nicht auf Angebote von Monstern“, sagte Thomas.
„Auch nicht, wenn es die Babys rettet?“ Dimitris Lächeln wurde breiter. „Sie bietet an: Die drei Babys gegen den Seelenschlüssel. Ein einfacher Tausch. Niemand muss sterben.“
„Außer München“, sagte Erik. „Wenn sie den Schlüssel hat, wird sie das Ritual durchführen. Tausende werden sterben.“
„Vielleicht. Aber nicht heute. Nicht morgen. Ihr habt Zeit, euch vorzubereiten, zu planen.“ Dimitri zuckte mit den Schultern. „Oder ihr lehnt ab. Und die drei Babys sterben in sieben Monaten. Qualvoll. Als Opfer.“
„Das ist keine echte Wahl“, sagte Marcus.
„Das ist die einzige Wahl, die ihr habt.“ Dimitris Augen leuchteten auf. „Also, Träger. Was wird es sein? Drei Leben gegen ein Artefakt?“
Erik fühlte das Gewicht des Schlüssels um seinen Hals.
Drei unschuldige Babys.
Gegen die Sicherheit von München.
Eine unmögliche Wahl.
Wieder.
„Gib mir Zeit“, sagte Erik schließlich. „Um nachzudenken.“
„Du hast bis Mitternacht.“ Dimitri wandte sich zum Gehen. „Danach ist das Angebot vom Tisch. Und die Babys…“ Er sah über die Schulter. „Nun, sagen wir einfach, Katalin wird andere Verwendungen für sie finden.“
Er verschwand in die Schatten.
Erik, Marcus und Thomas standen da, in der leeren Kammer.
„Was tun wir?“ fragte Marcus.
Erik sah auf den Schlüssel.
Dann zu seinen Freunden.
Und er traf eine Entscheidung.
KAPITEL 16
Das Ritual
„Wir geben ihr den Schlüssel nicht.“
Marcus starrte Erik an. „Du machst Witze.“
„Nein.“ Erik‘ Stimme war fest. „Wir können nicht. Wenn Katalin den Schlüssel bekommt, ist alles verloren. München, die Nachtwache, alles.“
„Aber die Babys—“
„Werden wir auf andere Weise retten.“ Erik wandte sich zum Ausgang. „Wir haben bis Mitternacht. Das sind…“ Er sah auf die Uhr. „Vier Stunden. Genug Zeit für einen Plan.“
„Was für einen Plan?“ Thomas folgte ihm durch den Korridor. „Wir wissen nicht, wo die Babys sind. Wir haben keine Hinweise, keine Spuren.“
„Dann erschaffen wir welche.“ Erik erreichte die Treppe, stieg hinauf. „Yuki ist eine Genie-Hackerin. Helena kennt Katalins Denkweise. Zusammen können wir—“
„Erik.“ Marcus griff nach seinem Arm, hielt ihn zurück. „Hör auf. Denk nach. Wir reden von drei Babys. Drei unschuldigen Leben.“
„Ich weiß.“
„Und du bist bereit, sie zu opfern? Für ein Stück Metall?“
„Für die Tausenden, die sterben werden, wenn Katalin das Ritual durchführt.“ Erik drehte sich um. „Marcus, ich verstehe, wie das klingt. Ich verstehe, dass es unmenschlich erscheint. Aber wir haben keine andere Wahl.“
„Es gibt immer eine Wahl.“
„Nicht immer.“ Eriks Stimme wurde leiser. „Manchmal gibt es nur schlechte Optionen. Und wir müssen die am wenigsten schlechte wählen.“
Marcus ließ los, rieb sich das Gesicht. „Das ist beschissen.“
„Ja. Das ist es.“ Erik setzte seinen Weg fort. „Aber das ist unsere Realität jetzt.“
Sie erreichten die Kirche, verließen sie durch den Haupteingang. Die Nacht war noch dunkler geworden, Wolken hatten sich verdichtet.
„Es wird regnen“, murmelte Thomas. „Ein Sturm kommt.“
„Passend“, sagte Marcus bitter.
Sie fuhren zurück zur Zentrale. Die Fahrt verlief in angespanntem Schweigen.
Als sie ankamen, wartete Helena bereits im Konferenzraum. Ihre Augen fanden sofort Eriks.
„Ihr habt sie nicht gefunden“, sagte sie. Keine Frage, eine Feststellung.
„Nein. Aber Dimitri war da.“ Erik setzte sich schwer. „Mit einem Angebot.“
Er erzählte ihr alles. Das leere Versteck, Dimitris Handel, die Mitternachtsfrist.
Helena hörte zu, ihr Gesicht wurde zunehmend bleicher. „Du hast abgelehnt.“
„Ich habe Zeit erbeten. Um nachzudenken.“
„Aber du wirst ablehnen.“
„Ja.“ Erik sah sie direkt an. „Ich kann Katalin den Schlüssel nicht geben. Das weißt du.“
„Ich weiß.“ Helenas Stimme war kaum hörbar. „Aber die Babys…“
„Werden wir retten. Auf andere Weise.“ Erik wandte sich an Yuki. „Kannst du Katalins Netzwerk hacken? Ihre Kommunikation? Irgendetwas, das uns sagt, wo sie die Babys versteckt hat?“
Yuki schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht. Seit Stunden. Aber Katalin nutzt keine moderne Technologie. Alles läuft über persönliche Boten, direkte Treffen. Sie ist zu vorsichtig.“
„Dann nutzen wir Helena.“ Erik drehte sich zu ihr. „Du sagtest, du spürst eine Verbindung zu Katalin. Durch das Blut. Kannst du das nutzen? Sie aufspüren?“
„Das ist… kompliziert.“ Helena stand auf, ging zum Fenster. „Die Verbindung funktioniert in beide Richtungen. Wenn ich versuche, sie zu spüren, spürt sie mich auch. Sie könnte mich manipulieren, kontrollieren.“
„Was, wenn wir das erwarten? Uns darauf vorbereiten?“ Thomas trat zu ihr. „Ich könnte Bannkreise ziehen, Schutz bieten. Du versuchst, durch die Verbindung zu sehen, wo sie ist. Und wenn sie versucht, dich zu kontrollieren, brechen wir die Verbindung ab.“
„Das ist gefährlich.“
„Alles, was wir tun, ist gefährlich.“ Thomas‘ Stimme war sanft. „Aber wir sind hier. Wir schützen dich.“
Helena schwieg lange. Dann nickte sie. „In Ordnung. Aber wenn etwas schiefgeht, wenn ich anfange, mich seltsam zu verhalten – stoppt mich. Mit Gewalt, wenn nötig.“
„Das werden wir nicht tun müssen“, sagte Erik, obwohl er nicht sicher war, ob er es glaubte.
Sie bereiteten einen Raum vor.
Thomas zog komplizierte Bannkreise auf den Boden – Silber, Gold und Weiß, konzentrische Ringe mit Symbolen dazwischen. In der Mitte: ein Stuhl für Helena.
„Das sollte dich schützen“, erklärte Thomas. „Die Kreise blockieren äußere Einflüsse. Wenn Katalin versucht, dich zu kontrollieren, werden die Symbole widerstehen.“
„Sollten“, wiederholte Helena skeptisch.
„Werden“, korrigierte Thomas fester. „Ich habe das schon gemacht. Bei Exorzismen, bei Beschwörungen. Ich weiß, was ich tue.“
Helena setzte sich in die Mitte des Kreises. Erik, Marcus, Yuki und Thomas positionierten sich außerhalb, an den vier Ecken.
„Bereit?“ fragte Thomas.
„Nein. Aber lass uns trotzdem anfangen.“ Helena schloss die Augen, atmete tief durch.
Für einen Moment passierte nichts.
Dann begann ihr Körper zu zittern. Leicht zuerst, dann stärker.
„Helena?“ Eriks Stimme war angespannt.
„Ich… ich spüre sie.“ Helenas Stimme klang anders. Entfernter. „Sie ist… überall. Ihre Präsenz füllt die Stadt.“
„Kannst du spezifischer sein? Wo ist sie jetzt?“
„Unter der Erde. Tief. Wo kein Licht hinkommt.“ Helenas Kopf neigte sich, als würde sie lauschen. „Ich höre… Wasser. Fließendes Wasser. Ein Fluss?“
„Die Isar“, sagte Yuki. „Unter der Altstadt gibt es alte Kanäle, die zur Isar führen.“
„Und Stimmen. Viele Stimmen. Der Rat ist versammelt.“ Helena zuckte. „Sie… sie sprechen über das Ritual. Die Vorbereitungen. Noch drei Wochen, sagen sie. Nicht sieben Monate.“
„Was?“ Marcus trat näher. „Sie beschleunigen?“
„Der Angriff auf den U-Bahn-Altar hat sie nervös gemacht. Sie glauben, wir werden weiter sabotieren.“ Helenas Stimme wurde dringlicher. „Sie wollen das Ritual früher durchführen. Am Dezember-Vollmond. Das ist…“
„In drei Wochen“, sagte Yuki entsetzt. „21. Dezember. Wintersonnenwende.“
„Aber du sagtest, es muss zur Sommersonnenwende sein!“ Erik fühlte Panik aufsteigen. „Die Ley-Linien—“
„Sind auch zur Wintersonnenwende stark. Nicht so stark, aber ausreichend.“ Thomas‘ Gesicht war blass geworden. „Wenn sie genug Opfer haben, genug Macht sammeln…“
„Dann funktioniert es trotzdem.“ Helena öffnete plötzlich die Augen. Aber sie waren nicht mehr rot.
Sie waren schwarz. Komplett schwarz, ohne Weiß, ohne Pupille.
„Helena?“ Erik trat zurück.
Als sie sprach, war es nicht ihre Stimme. Es war Katalins.
„Hallo, Jäger. Wie schön, dass meine Tochter euch direkt zu mir führt.“
„Raus!“ schrie Thomas. „Helena, komm zurück!“
Aber Helena stand auf, ignorierte die Bannkreise, als wären sie nicht da.
„Beeindruckende Arbeit, Priester. Aber meine Verbindung zu Helena ist stärker als deine Symbole.“ Katalin, durch Helena, lächelte. „Sie ist mein Fleisch, mein Blut. Kein Bannkreis kann das brechen.“
„Kämpfe dagegen, Helena!“ Erik trat vor. „Ich weiß, dass du noch da bist!“
„Sie ist hier. Gefangen. Hilflos.“ Katalins Lachen kam aus Helenas Mund. „Aber keine Sorge. Ich werde ihr Körper gut nutzen.“
Helenas Hand schoss vor, griff nach Eriks Kehle.
Aber Erik war schneller. Er wich aus, rollte zur Seite.
Marcus zog seine Waffe, zögerte dann. „Ich kann nicht auf Helena schießen!“
„Musst du nicht.“ Thomas hatte eine Flasche Weihwasser hervorgeholt, warf den Inhalt auf Helena.
Sie zischte, wich zurück. Rauch stieg von ihrer Haut auf, wo das Wasser sie traf.
„Das… tut weh“, sagte sie. Und diesmal war es Helenas Stimme. Schwach, aber da. „Mehr… mehr Weihwasser…“
Thomas warf mehr. Helena schrie, fiel zu Boden.
Die schwarze Farbe in ihren Augen begann zu verblassen.
„Nein!“ Katalins Stimme kämpfte zurück. „Sie gehört mir!“
„Sie gehört niemandem!“ Erik kniete neben Helena, hielt ihre Hand. „Helena, komm zurück! Kämpfe!“
Helena zitterte, ihr Körper zerrissen zwischen zwei Willen.
Dann, mit einer monumentalen Anstrengung, schrie sie.
Die schwarze Farbe verschwand. Ihre Augen wurden wieder rot – ihr Vampir-Rot, nicht Katalins Schwarz.
Sie keuchte, hustete, krümmte sich zusammen.
„Sie… sie ist weg. Ich habe sie rausgeworfen.“ Helena sah auf, Tränen strömten. „Aber Erik, ich habe etwas gesehen. Bevor sie mich freigab. Einen Ort.“
„Wo?“
„Die alte Abwasseranlage. Unter dem Gasteig. Sie haben sie umgebaut. In einen… einen Tempel.“ Helena griff nach Eriks Arm. „Die Babys sind dort. Ich habe sie gesehen. In gläsernen Käfigen, umgeben von Runen.“
„Gasteig“, wiederholte Yuki und tippte bereits. „Das ist ein Kulturzentrum. Am Rande der Altstadt. Und ja, es gibt alte Strukturen darunter, aus dem 19. Jahrhundert.“
„Wie viele Vampire bewachen sie?“ fragte Marcus.
„Ich… ich konnte nicht alles sehen. Vielleicht ein Dutzend? Mehr?“ Helena schüttelte den Kopf. „Aber Katalin weiß jetzt, dass wir kommen. Sie wird vorbereitet sein.“
„Das spielt keine Rolle.“ Erik stand auf. „Wir haben den Ort. Wir haben ein Zeitfenster. Wir gehen. Jetzt.“
„Erik, das ist Wahnsinn.“ Marcus griff nach seinem Arm. „Wenn es eine Falle ist—“
„Dann ist es eine Falle. Aber wir haben keine andere Wahl.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Drei Wochen. Das ist alles, was wir haben. Wenn wir die Babys nicht retten, wenn wir Katalins Ritual nicht stoppen – München fällt.“
„Er hat Recht“, sagte Thomas. „Wir müssen handeln.“
„Dann handeln wir.“ Marcus ging zur Waffenkammer. „Aber diesmal gehen wir mit allem. Maximale Feuerkraft. Maximale Vorbereitung.“
„Und ich komme mit“, sagte Helena fest.
„Nein—“ begann Erik.
„Doch.“ Helena stand auf, wankte leicht, stabilisierte sich dann. „Katalin hat versucht, mich zu kontrollieren. Sie ist gescheitert. Das bedeutet, ich bin stärker als sie dachte. Stärker als ich dachte.“ Sie sah Erik in die Augen. „Ich bin ein Vampir. Ich habe Kräfte, die ihr nicht habt. Nutzt sie.“
„Aber wenn sie dich wieder übernimmt—“
„Dann tötet mich.“ Helenas Stimme war eiskalt. „Zögert nicht. Tut es einfach.“
Erik wollte protestieren, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht ließ ihn verstummen.
„In Ordnung“, sagte er schließlich. „Du kommst mit. Aber du folgst unseren Befehlen.“
„Selbstverständlich.“ Helena lächelte schwach. „Ich bin vielleicht ein Monster, aber ich bin immer noch Teil des Teams.“
Sie brachen auf um 23:30 Uhr.
Dreißig Minuten vor Dimitris Frist.
Zwei Autos. Das erste: Erik, Helena und Thomas. Das zweite: Marcus und Yuki – „jemand muss die Technologie-Seite übernehmen“, hatte Yuki bestanden.
Die Mütter blieben zurück, mit strikten Anweisungen, die Zentrale zu versiegeln, wenn sie bis 2:00 Uhr morgens nichts hörten.
„Für den Fall, dass wir nicht zurückkommen“, hatte Marcus düster gesagt.
Der Gasteig war ein massiver Komplex aus Beton und Glas, beherbergte Konzertsäle, eine Bibliothek, Veranstaltungsräume. Um diese Zeit war er geschlossen, dunkel.
Sie parkten in einer Seitengasse. Stiegen aus in den jetzt fallenden Regen.
„Eingang?“ fragte Marcus.
„Liefereingang, Rückseite“, antwortete Yuki. Sie hatte Baupläne auf ihrem Tablet. „Von dort aus gibt es Zugang zu den alten Tunneln.“
Sie gingen um das Gebäude herum. Der Liefereingang war mit einem Vorhängeschloss gesichert.
Marcus schnitt es mit einem Bolzenschneider durch. Sie traten ein.
Dahinter: ein Lagerraum, vollgestopft mit Stühlen, Instrumentenkästen, Bühnenequipment. Und an der hinteren Wand: eine Tür mit der Aufschrift „WARTUNG – ZUTRITT VERBOTEN“.
„Das ist es“, sagte Yuki.
Thomas öffnete die Tür. Dahinter: eine Treppe, die nach unten führte. Und ein Geruch – alt, feucht, mit diesem unverkennbaren metallischen Hauch.
Blut.
„Sie sind definitiv da unten“, murmelte Helena. Ihre Nase zuckte. „Ich kann sie riechen. Vampire. Viele.“
„Wie viele?“ fragte Erik.
„Zu viele.“ Helenas Augen leuchteten im Dunkeln. „Aber wir haben keine Wahl, oder?“
„Nein.“ Erik zog den Seelenschlüssel hervor. „Wir haben keine.“
Sie stiegen hinab.
Die Treppe war steil, nass, glitschig. Nach dreißig Stufen erreichten sie den Boden.
Ein Tunnel erstreckte sich vor ihnen. Breiter als die U-Bahn-Tunnel, mit gewölbter Decke. Entlang der Wände: alte Rohre, verrostet, tropfend.
Und am Ende, vielleicht hundert Meter entfernt: Licht. Grünes, flackerndes Licht.
„Dort“, flüsterte Erik.
Sie bewegten sich vorsichtig, Waffen gezogen, Sinne geschärft.
Das Licht wurde heller. Sie erreichten eine Öffnung, späht hindurch.
Was sie sahen, ließ ihnen den Atem stocken.
Eine riesige Kammer. Ehemalige Abwasseranlage, jetzt umgebaut. Die Wände waren bedeckt mit Symbolen, leuchtend mit eigenem Licht. In der Mitte: ein Altar, größer als alle, die sie zuvor gesehen hatten.
Und darum herum: Vampire. Dutzende. Fünfzig, vielleicht mehr.
Alle in schwarzen Roben, alle mit leuchtenden Augen, alle chanteten in einer Sprache, die Erik nicht verstand.
Und vor dem Altar, in drei gläsernen Käfigen, genau wie Helena gesagt hatte:
Die Babys.
Sie schliefen, friedlich, ahnungslos von dem Horror, der sie umgab.
„Mein Gott“, flüsterte Thomas. „Das ist nicht nur ein Versteck. Das ist der Ritualort.“
„Sie bereiten sich vor. Jetzt.“ Helenas Stimme war angespannt. „Wir müssen—“
„Willkommen.“
Eine Stimme, verstärkt, hallte durch die Kammer.
Katalin.
Sie stand auf dem Altar, die Arme ausgebreitet. Neben ihr: Dimitri und Valentina.
„Ich wusste, ihr würdet kommen. Meine Tochter hat euch so schön zu mir geführt.“ Katalin lächelte. „Danke, Helena. Du warst sehr hilfreich.“
„Du hast mich benutzt“, flüsterte Helena entsetzt.
„Natürlich habe ich das. Warum denkst du, ließ ich dich so leicht entkommen?“ Katalins Lachen hallte. „Ich brauchte einen Weg, euch alle hierher zu bringen. Und du hast perfekt kooperiert.“
Erik fühlte, wie sein Herz sank. „Das war eine Falle. Von Anfang an.“
„Nicht ganz von Anfang an. Aber seit Helena zu uns zurückkam, ja.“ Katalin deutete auf die Vampire um sie herum. „Sie wollte zu euch zurück. Also ließ ich sie. Wissend, dass sie euch direkt zu mir führen würde.“
„Die Babys“, sagte Marcus. „Sind sie echt? Oder ist das auch Teil der Täuschung?“
„Oh, sie sind sehr echt. Und sehr wichtig für das Ritual.“ Katalin trat an einen der Käfige, strich mit ihren Fingern über das Glas. „Aber drei Babys reichen nicht. Ich brauche sieben Opfer.“
Sie sah direkt zu Erik.
„Drei Babys. Und vier Jäger.“ Katalins Lächeln wurde breiter. „Perfekt.“
Vampire bewegten sich, umkreisten sie, schnitten den Rückzug ab.
Sie waren gefangen.
„Lauf!“ schrie Marcus. „Alle, lauft!“
Aber es war zu spät.
Die Vampire griffen an.
Und die Schlacht begann.
KAPITEL 17
Konstantins Tod
Der Angriff kam von allen Seiten.
Vampire stürzten auf sie zu, zu schnell für das menschliche Auge. Erik hob den Seelenschlüssel, rief das Licht.
Es explodierte aus ihm heraus, eine Welle aus goldenem Feuer, die die nächsten Vampire zurückschleuderte.
Aber es waren zu viele.
Marcus feuerte, seine Pistole donnerte in dem geschlossenen Raum. Silberkugeln trafen, Vampire heulten auf. Aber für jeden, der fiel, kamen zwei weitere.
Thomas schwang seinen gesegneten Stab, murmelte Gebete. Weihwasser spritzte, Vampire zischten, wichen zurück. Aber sie lernten schnell, umkreisten ihn, warteten auf eine Öffnung.
Und Helena kämpfte wie eine Furie.
Sie bewegte sich mit vampirischer Geschwindigkeit, ihre Kräfte auf ihrer Seite. Sie riss Vampiren die Kehlen heraus, brach Genick, kämpfte mit einer Wildheit, die Erik erschreckte.
Aber selbst sie wurde langsamer überwältigt.
„Zu den Babys!“ schrie Erik. „Wir müssen zu den Babys!“
Sie kämpften sich vorwärts, Meter für Meter. Erik führte, der Seelenschlüssel ein brennendes Schwert aus Licht, das die Dunkelheit zerschnitt.
Sie erreichten die gläsernen Käfige.
„Wie öffnen wir sie?“ keuchte Marcus, während er einen Vampir mit dem Kolben seiner Pistole niederschlug.
„Der Schlüssel!“ Erik drückte ihn gegen das Glas.
Das Licht pulsierte. Das Glas begann zu knacken, zu splittern.
Dann explodierte es.
Erik griff hinein, holte das erste Baby heraus. Das Wagner-Baby, erkannte er. Das, das sie nicht gerettet hatten.
Es schlief noch, trotz des Chaos um es herum.
„Gib es mir!“ Yuki war zu ihm durchgebrochen, blutend aus einer Wunde an der Stirn. Sie nahm das Baby, hielt es schützend.
Erik wandte sich zum nächsten Käfig. Aber bevor er ihn erreichen konnte, stellte sich jemand in seinen Weg.
Dimitri.
„Nicht so schnell, Träger.“ Dimitris Augen leuchteten. „Diese Babys sind Eigentum des Rates.“
„Sie sind keine Objekte!“ Erik hob den Schlüssel. „Lass mich vorbei!“
„Mach mich.“ Dimitri lächelte. Dann griff er an.
Er war so schnell. Schneller als Valentina, schneller als die anderen Vampire. Erik sah ihn kaum, bevor Dimitris Faust seinen Magen traf.
Erik flog zurück, krachte gegen die Wand. Schmerz explodierte durch seinen Körper.
„Erik!“ Helena stürzte zu ihm, aber zwei Vampire hielten sie zurück.
Dimitri kam näher, langsam, genießend. „Du bist mutig, das gebe ich zu. Aber Mut ist nicht genug gegen uns.“
„Vielleicht nicht Mut allein.“ Erik stand auf, schwankend. Seine Hand umklammerte den Schlüssel. „Aber Mut plus das hier…“
Er rief das Licht. Nicht als Welle diesmal, sondern fokussiert, konzentriert – ein Strahl aus reiner Energie, direkt auf Dimitri gerichtet.
Dimitri hatte keine Zeit auszuweichen.
Der Strahl traf ihn in der Brust, bohrte sich durch ihn hindurch.
Dimitri schrie, fiel zu Boden, rauchend, brennend.
Aber er stand wieder auf. Langsamer, verwundet, aber lebendig.
„Beeindruckend“, keuchte er. Blut – schwarzes, dickes Blut – lief aus der Wunde. „Aber nicht genug.“
Er griff wieder an.
Diesmal war Helena schneller.
Sie warf sich zwischen sie, fing Dimitris Angriff ab.
„Schwester“, zischte Dimitri. „Stehst du wirklich gegen mich?“
„Ja.“ Helenas Stimme war eiskalt. „Du hast deine Wahl getroffen. Ich habe meine getroffen.“
Sie kämpften. Bruder gegen Schwester. Gleich schnell, gleich stark, ein Wirbelwind aus Schlägen und Gegenschlägen.
Erik nutzte die Ablenkung. Er stürzte zu den anderen Käfigen, zerbrach sie mit dem Schlüssel.
Thomas nahm das zweite Baby. Marcus das dritte.
„Wir haben sie!“ schrie Erik. „Jetzt raus hier!“
„Der Ausgang ist blockiert!“ Yuki deutete zurück. Vampire füllten den Tunnel, den sie gekommen waren.
„Dann suchen wir einen anderen!“ Marcus scannte die Kammer. „Dort! Ein zweiter Tunnel!“
Er hatte Recht. An der gegenüberliegenden Seite der Kammer, halb verborgen: eine weitere Öffnung.
„Dorthin!“ Erik sammelte das Team. „Helena! Komm!“
Aber Helena hörte ihn nicht. Sie war vollständig fokussiert auf Dimitri, ihr Kampf wurde brutaler, verzweifelter.
„Helena!“ Erik versuchte es erneut.
Dimitri nutzte Helenas Ablenkung. Er schlug sie, hart, schleuderte sie gegen den Altar.
Sie fiel, benommen.
Dimitri stand über ihr, seine Hand um ihre Kehle. „Tut mir leid, Schwester. Aber du hast die falsche Seite gewählt.“
„Nein!“ Erik rannte zurück, der Schlüssel in der Hand.
Aber er war zu langsam.
Eine Stimme hallte durch die Kammer: „Genug.“
Katalin.
Sie stand jetzt auf dem Boden, kam näher. Alle Kämpfe stoppten. Die Vampire traten zurück, eine Ehrfurcht in ihren Bewegungen.
„Dimitri, lass sie los.“ Katalins Stimme war sanft, aber absolut.
„Aber Mutter, sie hat uns verraten—“
„Sie ist meine Tochter. Und ich werde entscheiden, was mit ihr passiert.“ Katalin trat zu Helena, half ihr auf. „Mein armes Kind. So verwirrt. So zerrissen.“
„Ich bin nicht verwirrt.“ Helena spuckte Blut aus. „Ich weiß genau, wo ich stehe.“
„Tust du das?“ Katalin strich Helenas Haar aus ihrem Gesicht, eine mütterliche Geste, die grotesk wirkte. „Du kämpfst gegen deine eigene Familie. Gegen dein eigenes Blut. Für was? Für Menschen, die dich fürchten werden, sobald sie wissen, was du bist?“
„Für das Richtige.“
„Richtig und falsch sind Konstrukte.“ Katalins Augen leuchteten intensiver. „Es gibt nur Macht. Und Überleben.“
„Dann hast du mich nichts gelehrt.“ Helena stieß Katalin weg. „Weil ich an mehr glaube als nur Überleben.“
Katalin seufzte. „Schade. Ich hatte gehofft, du würdest verstehen. Aber vielleicht brauchst du nur mehr… Überzeugung.“
Sie schnippte mit den Fingern.
Die Vampire ergriffen das Team. Erik, Marcus, Thomas, Yuki – alle wurden überwältigt, zu Boden gerissen.
Die Babys wurden ihnen entrissen, zurück in die zerbrochenen Käfige gelegt.
„Nein!“ Erik kämpfte, aber es waren zu viele. Hände – kalte, unmenschlich starke Hände – hielten ihn fest.
„Ihr hattet eure Chance“, sagte Katalin. „Ich bot euch einen Handel. Ihr lehntet ab. Also nehme ich jetzt, was ich will.“
Sie ging zu Erik, riss ihm den Seelenschlüssel vom Hals.
Erik schrie, fühlte einen physischen Schmerz, als das Artefakt von ihm entfernt wurde. Als hätte jemand ein Teil seiner Seele herausgerissen.
Katalin hielt den Schlüssel hoch, betrachtete ihn im grünen Licht. „So viele haben diesen getragen. So viele sind daran gescheitert.“ Sie sah Erik an. „Du hättest länger durchhalten können als die meisten. Aber nicht lang genug.“
„Gib ihn zurück“, presste Erik zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Warum sollte ich? Er gehört mir jetzt.“ Katalin wandte sich zum Altar. „Und mit ihm werde ich das Ritual vollenden. Nicht in drei Wochen. Nicht zur Wintersonnenwende.“
Sie legte den Schlüssel auf den Altar.
„Heute Nacht.“
Horror durchflutete Erik. „Das kannst du nicht. Die Ley-Linien sind nicht stark genug—“
„Normalerweise nicht. Aber mit dem Seelenschlüssel?“ Katalin lächelte. „Er verstärkt alles. Macht das Unmögliche möglich.“
Sie begann zu chanten. Alte Worte, in einer Sprache, die nicht menschlich klang.
Die anderen Vampire fielen ein, ihre Stimmen verschmolzen zu einem unheimlichen Chor.
Die Symbole an den Wänden begannen zu leuchten. Heller, intensiver.
Der Boden begann zu vibrieren.
„Nein“, flüsterte Thomas. „Sie tut es wirklich. Sie ruft die Dunkelheit.“
„Wir müssen sie stoppen!“ Marcus kämpfte gegen seine Fesseln.
Aber die Vampire hielten fest.
Katalin‘ Chanten wurde lauter, dringlicher.
Der Seelenschlüssel auf dem Altar begann zu glühen. Nicht golden wie wenn Erik ihn benutzte. Sondern rot. Blutig rot.
Und aus dem Schlüssel begann etwas zu strömen. Dunkelheit. Reine, manifestierte Dunkelheit, die sich wie Rauch erhob, sich ausbreitete.
„Das Ritual“, keuchte Yuki. „Es funktioniert.“
Die Dunkelheit erreichte die Decke, begann sich zu sammeln, zu verdichten.
Dann explodierte sie.
Nach oben. Durch Stein und Beton, durch das Gebäude darüber, in den Himmel.
Erik konnte es nicht sehen, aber er wusste: Über München öffnete sich eine Wunde im Himmel. Die Nacht wurde dunkler. Unnatürlich dunkel.
Die ewige Nacht hatte begonnen.
„Nein!“ Helena riss sich los von den Vampiren, die sie hielten. Mit übermenschlicher Kraft schleuderte sie sie zur Seite.
Sie stürmte zum Altar, griff nach dem Seelenschlüssel.
„Helena, nicht!“ schrie Katalin.
Aber Helena nahm ihn. Der Schlüssel brannte in ihrer Hand, aber sie hielt fest.
„Ich… ich kann es fühlen“, keuchte sie. „Die Seelen. Alle, die ihn trugen. Sie… sie rufen mir zu.“
„Lass ihn fallen!“ Katalin kam näher. „Du bist nicht stark genug!“
„Vielleicht nicht.“ Helena sah zu Erik. Tränen – von Schmerz, von Entschlossenheit – liefen über ihr Gesicht. „Aber ich muss es versuchen.“
Sie hob den Schlüssel, rief das Licht.
Es kam. Schwächer als wenn Erik es rief, flackernd, instabil. Aber es kam.
Das rote Licht des Rituals kollidierte mit dem goldenen Licht des Schlüssels.
Die Kammer begann zu erzittern.
„Was tust du?“ Katalin‘ Stimme war zum ersten Mal ängstlich. „Du wirst uns alle umbringen!“
„Besser das, als dir zu erlauben zu gewinnen.“ Helenas Augen – normalerweise rot – wurden golden, reflektierten das Licht des Schlüssels.
Die Kollision der beiden Lichter intensivierte sich. Risse begannen sich in den Wänden zu bilden, Steine fielen von der Decke.
„Alle raus!“ schrie Marcus. „Die Kammer kollabiert!“
Die Vampire flohen, panisch, ihre Ordnung zusammengebrochen.
Dimitri griff nach Katalin. „Mutter, komm! Wir müssen gehen!“
„Aber das Ritual—“
„Ist verloren! Komm!“
Er zerrte sie mit sich, durch den zweiten Tunnel, weg von der kollidierenden Kammer.
Valentina und die anderen Vampire folgten.
Nur Helena blieb, den Schlüssel haltend, das Licht rufend.
Und der Vampir, der Erik festhielt, ließ plötzlich los – zu beschäftigt mit Flucht, um an Gefangene zu denken.
Erik stürzte zu Helena. „Lass los! Wir müssen hier raus!“
„Nicht… bevor ich das beendet habe.“ Helenas Stimme war angespannt, jedes Wort eine Anstrengung. „Das Ritual… ich kann es umkehren. Die Dunkelheit zurückdrängen. Aber…“
„Aber was?“
„Es wird mich töten.“ Helena sah ihn an. Ihr Lächeln war traurig. „Der Schlüssel… er nimmt alles. Um die Dunkelheit zu bannen, muss ich mich selbst geben.“
„Nein!“ Erik griff nach ihrer Hand, versuchte, den Schlüssel wegzuziehen.
Aber Helena hielt fest. „Es ist meine Wahl, Erik. Meine Erlösung.“
„Du brauchst keine Erlösung! Du hast nichts falsch gemacht!“
„Ich trank aus Katalins Kelch. Ich wurde ein Monster.“ Tränen liefen schneller. „Aber jetzt… jetzt kann ich etwas Gutes tun. Ein letztes Mal.“
„Bitte.“ Eriks eigene Tränen kamen. „Bitte tu das nicht.“
„Pass auf sie auf. Die Nachtwache. Die Stadt.“ Helenas Griff um den Schlüssel verstärkte sich. „Verspreche es mir.“
„Ich verspreche es.“
„Gut.“ Helena wandte sich zum Altar, zum explodierenden Licht. „Dann… lebe wohl, Erik Schönwaldt. Es war eine Ehre, an deiner Seite zu kämpfen.“
Sie schrie – ein hoher, durchdringender Schrei – und das Licht aus dem Schlüssel explodierte.
Eine Welle aus goldener Energie erfüllte die Kammer, sprengte die Wände, riss alles auseinander.
Erik wurde zurückgeschleudert, flog durch die Luft, krachte gegen etwas Hartes.
Dann wurde alles schwarz.
Als er aufwachte, war Stille.
Erik lag unter Trümmern, sein Körper schmerzte überall. Langsam, qualvoll, befreite er sich.
Die Kammer war zerstört. Völlig, komplett zerstört. Nur Trümmer blieben.
„Helena?“ Seine Stimme war heiser, schwach. „Helena!“
Keine Antwort.
Er grub, verzweifelt, warf Steine beiseite, suchte.
Und fand sie.
Helena lag unter einem großen Betonbrocken, halb begraben. Der Seelenschlüssel war noch in ihrer Hand.
Erik zog den Brocken weg, kniete neben ihr.
„Helena? Helena, bleib bei mir.“
Sie öffnete die Augen. Schwach, flackernd. Sie waren nicht mehr rot. Nicht mehr golden.
Sie waren braun. Menschlich braun.
„Erik“, flüsterte sie. „Es… es hat funktioniert.“
„Was hat funktioniert?“
„Das Ritual. Umgekehrt. Die Dunkelheit ist… ist weg.“ Sie hustete, Blut tropfte aus ihrem Mundwinkel. „Und die Verwandlung… auch weg. Ich bin… wieder menschlich.“
„Das ist gut!“ Erik nahm ihre Hand. „Das bedeutet, du wirst heilen. Du wirst überleben!“
„Nein.“ Helenas Lächeln war traurig. „Der Preis… war zu hoch. Der Schlüssel nahm… alles.“
„Nein, nein, nein.“ Erik fühlte Panik aufsteigen. „Du kannst nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht nach allem.“
„Es ist… okay.“ Helenas Atem wurde flacher. „Ich hatte ein gutes Ende. Rettete… rettete die Stadt. Rettete dich.“
„Du hast mehr als das gerettet. Du hast uns alle gerettet.“
„Dann… dann starb ich für etwas… Gutes.“ Ihre Augen begannen sich zu schließen. „Erik?“
„Ja?“
„Der Schlüssel. Nimm ihn. Er… er gehört dir.“
„Ich will ihn nicht. Nicht wenn er dich kostet.“
„Zu spät.“ Helenas Hand öffnete sich, der Schlüssel fiel heraus. „Versprechen… pass auf ihn auf. Und auf… die anderen.“
„Ich verspreche es.“
„Gut.“ Ein letztes Lächeln. Dann: „Danke… für alles.“
Ihr Atem stockte.
Ihre Augen schlossen sich.
Und Helena Konstantin, Anführerin der Nachtwache, starb.
Erik hielt sie, weinte, schrie ihre Namen in die Ruinen.
Aber niemand antwortete.
Sie war weg.
Später – er wusste nicht, wie viel später – fanden ihn die anderen.
Marcus, Thomas, Yuki. Alle blutend, alle erschöpft, aber lebendig.
Und die Babys, alle drei, unversehrt.
Sie sahen Helena, sahen Eriks Tränen, verstanden ohne Worte.
„Sie hat uns alle gerettet“, flüsterte Thomas. Er kniete nieder, betete.
Marcus schwieg, Tränen in seinen eigenen Augen.
Yuki brach zusammen, schluchzend.
Sie blieben dort, in den Ruinen, bis die ersten Strahlen der Morgensonne durch die zerbrochene Decke fielen.
Der Himmel über München war klar. Die unnatürliche Dunkelheit war verschwunden.
Helena hatte gesiegt.
Aber der Preis war unerträglich.
Erik nahm den Seelenschlüssel, so kalt und leblos jetzt.
Und er schwor einen Eid.
Helenas Opfer würde nicht umsonst sein.
Er würde weitermachen. Weiterkämpfen.
Für sie. Für alle.
Bis zum Ende.
Den letzten Teil dieses Romans veröfentlichen wir am Sonntag (1.2.)