KAPITEL 6
Der Köder
Erik wachte zum zweiten Mal auf, als jemand an die Tür klopfte.
„Ja?“ Seine Stimme war noch heiser.
Die Tür öffnete sich. Marcus stand dort, in schwarzer Kampfmontur, eine Kaffeetasse in der Hand.
„Aufstehen, Rookie. Zeit fürs Training.“
Erik sah auf die Uhr an der Wand. 18:47. Er hatte fast den ganzen Tag geschlafen.
„Training?“
„Du dachtest, wir setzen dich einfach so auf die Straße?“ Marcus grinste. „Helena mag dich mögen, aber ich bin derjenige, der dich am Leben halten muss. Und dafür musst du kämpfen lernen.“
„Ich kann kämpfen.“
„Du kannst einen glühenden Schlüssel halten“, korrigierte Marcus. „Das ist nicht dasselbe. Komm. Zieh dir was Bequemes an. Wir haben eine Stunde, bevor die echte Arbeit beginnt.“
„Was für Arbeit?“
Marcus‘ Grin wurde breiter. „Wir gehen auf die Jagd.“
Zwanzig Minuten später stand Erik in einem der Kellerräume, der zum Trainingsraum umfunktioniert worden war. Matten am Boden, Sandsäcke an den Wänden, ein Gestell voller Waffen – Messer, Stäbe, sogar einige Schwerter.
Marcus warf ihm ein Holzschwert zu. Erik fing es, überrascht von seinem Gewicht.
„Zu schwer?“ fragte Marcus.
„Nein. Nur… ich habe noch nie mit einem Schwert gekämpft.“
„Dann wird es Zeit, dass du es lernst.“ Marcus nahm selbst ein Holzschwert, ging in Angriffsposition. „Regel Nummer eins: Vampire sind schneller als du. Viel schneller. Du wirst sie nicht im Kampf übertreffen.“
„Beruhigend.“
„Regel Nummer zwei: Aber sie sind arrogant. Sie unterschätzen Menschen. Das ist dein Vorteil.“ Marcus kreiste um ihn herum. „Regel Nummer drei: Ziel auf die Gliedmaßen. Verlangsame sie. Ein Vampir ohne Beine ist genauso hilflos wie ein Mensch.“
„Und das Herz? Der Pflock durchs Herz?“
„Funktioniert. Aber nur, wenn du nahe genug rankommst. Und wenn sie dich nah ranlassen, bist du wahrscheinlich schon tot.“ Marcus stoppte. „Bereit?“
„Ich—“
Marcus griff an.
Erik parierte instinktiv, sein Holzschwert krachte gegen Marcus‘. Der Aufprall ließ seine Arme vibrieren.
„Gut!“ rief Marcus. „Aber zu langsam!“
Er griff wieder an, schneller. Erik wich aus, versuchte zu kontern, aber Marcus war überall. Links, rechts, ein Schlag gegen Eriks Rippen.
Erik stolperte, ging zu Boden.
„Tot“, sagte Marcus. „Aufstehen.“
Erik rappelte sich auf, keuchend.
Sie trainierten eine volle Stunde. Jedes Mal, wenn Erik dachte, er würde den Rhythmus verstehen, änderte Marcus die Taktik. Griff aus unerwarteten Winkeln an. Benutzte schmutzige Tricks – Fußfeger, Ellbogen, Kopfstöße.
„Vampire kämpfen nicht fair“, erklärte Marcus, nachdem er Erik zum zehnten Mal zu Boden geschickt hatte. „Warum solltest du?“
Am Ende der Stunde war Erik schweißgebadet, hatte blaue Flecken an Stellen, von denen er nicht wusste, dass man dort blaue Flecken bekommen konnte, und seine Muskeln brannten.
Aber er fühlte sich… gut. Lebendig.
„Nicht schlecht für den ersten Tag“, sagte Marcus und reichte ihm ein Handtuch. „Du hast Instinkte. Das ist gut. Aber Instinkte reichen nicht. Du brauchst Disziplin.“
„Wann üben wir weiter?“
„Jeden Tag. Zwei Stunden.“ Marcus klopfte ihm auf die Schulter, etwas zu hart. „Willkommen in der Hölle, Rookie.“
Sie gingen zurück zum Konferenzraum. Die anderen waren bereits dort.
Helena stand vor der Münchner Karte, markierte etwas mit einem roten Stift. Yuki tippte auf ihrem Tablet. Thomas saß am Tisch, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen – betete oder meditierte.
„Status?“ fragte Marcus.
Helena drehte sich um. „Wir haben ein Problem. Oder besser gesagt, wir haben keine Spur.“
„Was meinst du?“
„Valentina. Die anderen Vampire von letzter Nacht. Sie sind verschwunden. Komplett vom Radar.“ Helena klang frustriert. „Ich habe all unsere Quellen aktiviert – Informanten, Überwachungskameras, alles. Nichts.“
„Sie haben sich versteckt“, sagte Yuki. „Nach dem Zwischenfall im Park wissen sie, dass wir sie jagen. Sie werden vorsichtiger sein.“
„Zu vorsichtig“, murmelte Marcus. „Wir brauchen einen neuen Ansatz.“
„Deshalb habe ich euch gerufen.“ Helena ging zum Tisch, breitete mehrere Fotos aus. Überwachungsbilder von verschiedenen Orten in München. Bars, Clubs, dunkle Gassen. „Vampire müssen jagen. Sie können nicht monatelang ohne Blut überleben. Wenn sie in München bleiben, werden sie irgendwann zuschlagen.“
„Und wir warten, bis sie wieder töten?“ Erik schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht.“
„Das werden wir nicht.“ Helena sah ihn an. „Deshalb setzen wir einen Köder.“
Stille im Raum.
„Du meinst…“ begann Yuki.
„Ja. Wir geben ihnen ein Ziel. Jemanden, der verlockend aussieht. Verletzlich. Allein.“ Helenas Blick wanderte zu Marcus. „Jemanden, den sie nicht widerstehen können.“
Marcus lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Du willst, dass ich mich als Lockvogel anbiete.“
„Du bist der Erfahrenste. Wenn etwas schiefgeht—“
„Wird es nicht.“ Marcus grinste plötzlich. „Ich habe das schon mal gemacht. Berlin, vor drei Jahren. Hat damals funktioniert.“
„Und du wurdest fast getötet“, erinnerte Yuki.
„Aber nur fast.“ Marcus zwinkerte ihr zu. „Außerdem bin ich seitdem klüger geworden.“
„Das bezweifle ich“, murmelte Yuki, aber sie lächelte.
Erik trat näher zu den Fotos. „Wo würden wir das machen?“
„Glockenbachviertel“, antwortete Helena. „Ein Hotspot für das Münchner Nachtleben. Viele Menschen, viele Bars. Perfekt für Vampire, die jagen wollen. Und…“ Sie zeigte auf eines der Fotos. „Es liegt auf einer der Ley-Linien. Wenn der Rat dort aktiv werden will, werden sie früher oder später dort auftauchen.“
„Wann?“
„Heute Nacht.“
Erik sah sie ungläubig an. „So schnell?“
„Je länger wir warten, desto mehr Zeit haben sie, sich zu organisieren.“ Helenas Stimme war fest. „Wir müssen Druck ausüben. Sie aus ihren Verstecken locken.“
„Und wenn sie nicht kommen?“
„Dann versuchen wir es morgen wieder. Und übermorgen.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Das ist unsere Aufgabe. Geduld und Ausdauer. Wir geben nicht auf.“
Thomas öffnete die Augen. „Wer wird Marcus begleiten? Als Backup?“
„Erik“, sagte Helena.
Alle starrten sie an.
„Ich?“ Erik schüttelte den Kopf. „Ich habe gerade erst angefangen zu trainieren. Vor einer Stunde wusste ich nicht mal, wie man ein Schwert hält!“
„Deshalb wirst du nicht kämpfen.“ Helena ging zu einem Schrank, holte etwas heraus. Ein Paar Kopfhörer, verbunden mit einem kleinen Gerät. „Du wirst beobachten. Von einem Dach aus, mit einem Fernglas. Du bist unsere Augen. Wenn du etwas siehst, sagst du es uns über Funk.“
„Das kann ich machen.“
„Und du hast den Seelenschlüssel.“ Helena reichte ihm das Gerät. „Wenn etwas schiefgeht, wenn Marcus in Gefahr ist, benutzt du ihn. Erschaffst eine Barriere, hältst die Vampire zurück, bis wir eingreifen können.“
„Und wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe?“
„Dann stirbt Marcus.“ Helenas Stimme war kalt. Realistisch. „Deshalb musst du konzentriert sein. Keine Fehler.“
Erik schluckte. Das Gewicht der Verantwortung drückte auf seine Schultern.
„Ich verstehe.“
„Gut.“ Helena wandte sich an die anderen. „Yuki, du bleibst hier, koordinierst über die Kameras. Thomas, du kommst mit mir. Wir sind das zweite Team, bleiben in der Nähe, bereit einzugreifen.“
„Bewaffnung?“ fragte Marcus.
„Leicht. Pistolen, Messer. Nichts, was Aufmerksamkeit erregt.“ Helena sah auf die Uhr. „Wir brechen in einer Stunde auf. Bereitet euch vor.“
Erik verbrachte die nächste Stunde damit, sich Ausrüstung zusammenzustellen.
Yuki half ihm. Sie zeigte ihm, wie man die Funkkommunikation benutzte, wie man das Fernglas mit Nachtsicht einstellte, wie man eine kleine Pistole versteckt trug – „nur für den Notfall“, betonte sie.
Und dann war da der Schlüssel.
Erik zog ihn aus seiner Tasche, legte ihn auf den Tisch zwischen sich und Yuki.
„Macht er dir Angst?“ fragte Yuki leise.
„Ja“, gab Erik zu. „Thomas sagte, er könnte meine Seele verschlingen, wenn ich ihn zu oft benutze.“
„Das ist möglich.“ Yuki berührte den Schlüssel vorsichtig, mit nur einem Finger. „Aber es gibt auch Schutzmaßnahmen.“
„Was für Schutzmaßnahmen?“
Sie ging zu einem Regal, holte eine kleine Box heraus. Darin: mehrere dünne Armbänder, aus geflochtenem Metall.
„Silber, durchzogen mit Eisen“, erklärte sie. „Beide Metalle haben schützende Eigenschaften gegen dunkle Magie. Wenn du das trägst, wird der Schlüssel langsamer in dich eindringen.“
„Langsamer. Nicht gar nicht.“
„Nichts kann dich komplett schützen, Erik. Aber das hier gibt dir Zeit. Erhöht deine Chancen.“ Yuki nahm eines der Armbänder, legte es um sein Handgelenk. Es fühlte sich kühl an, beruhigend.
„Danke.“
„Danke mir nicht. Ich will nicht, dass du endet wie…“ Sie brach ab.
„Wie wer?“
Yuki zögerte. „Der letzte Träger des Seelenschlüssels. Vor zwanzig Jahren. Ein Mann namens Jakob Stein. Er war… mutig. Stark. Aber er benutzte den Schlüssel zu oft. Zu rücksichtslos.“ Sie sah weg. „Eines Tages fanden wir ihn. Er hielt den Schlüssel, aber er… er war nicht mehr da. Sein Körper war leer. Als hätte jemand seine Seele herausgesaugt.“
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“
„Wir haben ihn begraben. Mit dem Schlüssel.“ Yuki sah ihn an. „Aber drei Monate später erschien der Schlüssel wieder. In der Nähe von Schloss Falkenstein. Als hätte er einen neuen Träger gesucht.“
„Mich.“
„Dich.“ Yuki legte ihre Hand auf seine. „Sei vorsichtig, Erik. Der Schlüssel ist mächtig, aber er ist auch hungrig. Füttere ihn nicht zu sehr.“
„Ich werde vorsichtig sein.“
„Versprichst du es?“
„Ich verspreche es.“
Um 22:00 Uhr brachen sie auf.
Zwei Autos wieder. Marcus und Erik im ersten, einem unauffälligen Toyota. Helena und Thomas im zweiten, einem dunklen Mercedes.
Die Fahrt ins Glockenbachviertel dauerte fünfzehn Minuten. Die Straßen waren voll, trotz des kalten Novemberabends. Menschen strömten in Bars, Restaurants, Clubs. Lachten, feierten, lebten.
Ahnungslos von dem, was in den Schatten lauerte.
Marcus parkte in einer Seitengasse. „Dein Aussichtspunkt ist dort drüben.“ Er zeigte auf ein Gebäude, vier Stockwerke hoch, flaches Dach. „Über die Feuertreppe. Du kennst den Weg?“
Erik nickte. Sie hatten die Route auf einer Karte studiert.
„Gut. Yuki ist auf Kanal drei. Helena und Thomas auf Kanal zwei. Ich bin auf Kanal eins.“ Marcus reichte ihm ein kleines Funkgerät. „Bleib im Schatten. Beweg dich nicht, es sei denn, es ist absolut notwendig. Und wenn du etwas siehst…“
„Sage ich es sofort.“
„Genau.“ Marcus sah ihn an, sein Gesicht ernst geworden. „Und Erik? Wenn die Dinge eskalieren, wenn es zu gefährlich wird – renne. Verstanden? Wir brauchen keine toten Helden.“
„Verstanden.“
Sie stiegen aus. Die kalte Luft traf Erik ins Gesicht, schärfte seine Sinne.
Marcus ging in Richtung der belebtesten Straße. Er hatte seine Kampfkleidung gegen Jeans und eine Lederjacke getauscht, sah aus wie jeder andere Münchner, der ausging.
Erik ging die andere Richtung, fand die Feuertreppe, kletterte nach oben.
Das Dach war flach, mit Kies bedeckt. Lüftungsschächte ragten wie Skulpturen empor. Erik positionierte sich hinter einem der Schächte, hatte freien Blick auf die Straße unten.
Er holte das Fernglas heraus, stellte die Nachtsicht ein. Die Welt wurde grün, aber schärfer.
„Position eingenommen“, flüsterte er ins Funkgerät.
„Empfangen“, antwortete Yukis Stimme. „Kameras sind online. Ich sehe dich.“
„Marcus?“
„Auf dem Weg zur Bar“, kam Marcus‘ Stimme, begleitet von Hintergrundlärm – Musik, Stimmen. „Ich bestelle mir einen Drink. Und dann beginnt die Show.“
Erik beobachtete. Die Straße unten war ein Fluss aus Menschen. Gruppen von Freunden, Pärchen, einzelne Gestalten.
Welche von ihnen waren menschlich? Welche waren… etwas anderes?
„Yuki“, flüsterte Erik. „Worauf achte ich? Wie erkenne ich einen Vampir?“
„Bewegungsmuster“, antwortete Yuki. „Sie bewegen sich anders. Flüssiger. Und sie meiden große Gruppen. Jagen lieber Einzelne.“
„Wie lange dauert es normalerweise?“
„Manchmal Minuten. Manchmal Stunden. Manchmal gar nicht.“ Yukis Stimme war ruhig. „Hab Geduld.“
Erik hatte Geduld. Er saß dort, bewegungslos, beobachtete.
Eine halbe Stunde verging. Marcus trank seinen Drink, bestellte einen zweiten. Spielte die Rolle des leicht betrunkenen Mannes perfekt.
Eine Stunde. Menschen kamen und gingen. Die Bars füllten sich, leerten sich, füllten sich wieder.
„Irgendwas?“ fragte Helena über Funk.
„Negativ“, antwortete Erik.
„Bleib dran.“
Weitere dreißig Minuten. Erik spürte die Kälte jetzt, die durch seine Jacke kroch. Seine Beine wurden steif vom Kauern.
Und dann sah er sie.
Eine Frau. Jung, vielleicht fünfundzwanzig. Langes dunkles Haar, ein rotes Kleid, das im Neonlicht leuchtete. Sie stand am Rand der Straße, abseits der Menge, und beobachtete.
Ihre Bewegungen waren zu geschmeidig. Zu präzise. Und ihre Augen – selbst durch das Fernglas konnte Erik sehen, wie sie leuchteten. Nur schwach, aber da.
„Kontakt“, flüsterte Erik. „Weiblich, rotes Kleid, südliches Ende der Straße.“
„Bestätigt“, sagte Yuki. „Kamera dreiundzwanzig hat sie auch. Das ist nicht Valentina, aber definitiv ein Vampir.“
„Marcus“, sagte Helena. „Verlasse die Bar. Langsam. Geh Richtung Süden.“
„Verstanden.“
Erik beobachtete, wie Marcus aus der Bar kam, leicht schwankend – perfekte Schauspielerei. Er ging die Straße hinunter, allein, verwundbar.
Die Frau im roten Kleid bemerkte ihn.
Ihre Haltung änderte sich. Von beobachtend zu… raubtierartig.
Sie begann zu folgen.
„Sie ist auf ihn aufmerksam geworden“, flüsterte Erik. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
„Ich sehe sie“, kam Marcus‘ ruhige Stimme. „Bleibt sie auf Distanz?“
„Nein. Sie kommt näher. Zwanzig Meter. Fünfzehn.“
Marcus bog in eine dunklere Seitengasse ein. Perfekt – weniger Zeugen, mehr Schatten.
Die Frau folgte.
„Zehn Meter“, sagte Erik.
„Wir kommen rein“, sagte Helena. „Thomas und ich, östlicher Zugang.“
„Ich bin bereit“, sagte Marcus.
Die Frau beschleunigte plötzlich. Nicht rennend, aber schneller als ein Mensch gehen würde.
Fünf Meter.
Marcus drehte sich um, als hätte er sie gerade erst bemerkt. „Oh, Entschuldigung, habe ich Sie erschreckt?“
Die Frau lächelte. Selbst von oben konnte Erik die Zähne sehen. Zu weiß. Zu scharf.
„Nein“, sagte sie. Ihre Stimme war melodisch. „Ich bin nur einsam. Wie wäre es mit Gesellschaft?“
„Tut mir leid, ich bin auf dem Weg nach—“
Sie griff an.
Schneller als Erik es verfolgen konnte. Eine Sekunde war sie zwei Meter entfernt, im nächsten Moment hatte sie Marcus am Kragen gepackt, drückte ihn gegen die Wand.
„Du riechst interessant“, zischte sie. „Nicht nur Mensch. Etwas… mehr.“
Marcus grinste. „Du auch, Liebes.“
Er rammte ihr ein Silbermesser in die Schulter.
Die Frau schrie, ließ los, stolperte zurück. Dampf stieg von der Wunde auf, wo das Silber ihr Fleisch berührte.
„Du wagst es—“
Helena und Thomas stürmten aus dem östlichen Zugang. Helena hatte ihre Pistole gezogen, Thomas schwang eine silberne Kette wie eine Peitsche.
Die Vampirin sah zwischen ihnen hin und her, realisierte: Sie war umzingelt.
„Falle“, zischte sie.
„Kluges Mädchen“, sagte Marcus.
Sie sprang.
Nicht auf sie zu – nach oben. An der Hauswand hoch, unmenschlich schnell, ihre Finger fanden Halt an winzigen Vorsprüngen.
„Sie kommt zum Dach!“ rief Yuki in Eriks Ohr.
Erik drehte sich um, gerade rechtzeitig.
Die Vampirin landete auf dem Dach, zehn Meter von ihm entfernt.
Ihre Augen fanden ihn sofort. Leuchteten rot auf.
„Ein Beobachter“, sagte sie. „Wie süß.“
Erik griff nach dem Seelenschlüssel.
Aber die Vampirin war schneller.
Sie überbrückte die Distanz in einem Herzschlag, ihre Hand um Eriks Kehle, hob ihn hoch.
„Lass den Schlüssel fallen“, zischte sie. „Oder ich breche dir das Genick.“
Erik konnte nicht atmen. Seine Finger klammerten sich an ihre Hand, versuchten sie zu lösen, aber sie war aus Stein.
„Erik!“ Helenas Stimme, verzweifelt, aus dem Funkgerät.
Die Vampirin beugte sich näher. „Du hast etwas, das uns gehört. Etwas Altes. Etwas Mächtiges.“ Ihre Augen fixierten den Schlüssel in Eriks Hand. „Gib ihn mir.“
Erik‘ Vision verschwamm. Sauerstoffmangel. Sekunden, bevor er das Bewusstsein verlieren würde.
Er dachte an Clara. An das Baby. An alles, wofür er gekämpft hatte.
Und er tat das Einzige, was er konnte.
Er aktivierte den Schlüssel.
Das Licht explodierte aus ihm heraus. Nicht gerichtet wie beim Ritual, sondern wild, unkontrolliert.
Die Vampirin schrie, ließ los, stolperte zurück. Ihr Gesicht war verbrannt, wo das Licht sie getroffen hatte.
Erik fiel zu Boden, keuchte nach Luft.
Die Barriere bildete sich, ein Ring aus Licht, hielt die Vampirin auf Distanz.
Sie fauchte, versuchte durchzubrechen, aber das Licht hielt.
„Du wirst sterben, Jäger“, zischte sie. „Du und alle, die du liebst. Der Rat kommt. Die ewige Nacht kommt. Und niemand wird euch retten.“
Dann sprang sie. Vom Dach, vier Stockwerke nach unten.
Erik krabbelte zum Rand, sah hinunter.
Die Vampirin landete auf der Straße, rollte ab, und rannte. Verschwand in den Schatten, bevor Helena oder Thomas sie erreichen konnten.
„Erik!“ Marcus kam die Feuertreppe hochgestürmt. „Bist du okay?“
Erik nickte, immer noch nach Atem ringend. Sein Hals schmerzte, würde Blutergüsse haben.
Aber er lebte.
„Sie ist entkommen“, keuchte er.
„Das ist egal.“ Marcus half ihm auf. „Du hast überlebt. Das ist, was zählt.“
Helena und Thomas erreichten das Dach. Helenas Gesicht war blass.
„Erik, es tut mir leid. Ich hätte nicht—“
„Es ist okay.“ Erik‘ Stimme war rau. „Wir haben gelernt, was wir wissen mussten.“
„Was denn?“ fragte Thomas.
„Sie wissen vom Schlüssel.“ Erik hielt den noch immer leuchtenden Schlüssel hoch. „Sie wollen ihn. Und sie werden wiederkommen, um ihn zu holen.“
Helena und Marcus tauschten einen Blick.
„Dann haben wir ein größeres Problem“, sagte Helena leise.
„Wieso?“ fragte Erik.
„Weil“, sagte Marcus, „wenn der Rat den Seelenschlüssel in die Finger bekommt, können sie nicht nur die Sonne auslöschen.“
„Was dann?“
„Sie können die Tore zur Hölle öffnen“, antwortete Thomas. „Und alles, was je gestorben ist, zurückholen.“
Die Worte hingen in der kalten Nachtluft.
Erik sah auf den Schlüssel in seiner Hand.
Die Verantwortung, die er trug, war gerade viel schwerer geworden.
„Dann“, sagte er leise, „sollten wir sicherstellen, dass sie ihn nie bekommen.“
Helena nickte. „Dann sollten wir das.“
Sie verließen das Dach, zurück zu den Autos, zurück zur Sicherheit der Zentrale.
Aber Erik wusste: Wirkliche Sicherheit gab es nicht mehr.
Nicht, solange der Rat in München war.
Nicht, solange er den Seelenschlüssel trug.
Der Krieg hatte gerade erst begonnen.
KAPITEL 7
Die DNA-Spur
Die Rückfahrt zur Zentrale war angespannt. Erik saß hinten im Mercedes, den Seelenschlüssel fest umklammert, während Helena fuhr und Thomas neben ihr schwieg. Sein Hals schmerzte noch immer, wo die Vampirin ihn gepackt hatte. Er konnte die Abdrücke ihrer Finger spüren, eingebrannt in seine Haut.
„Du hättest sterben können“, sagte Helena schließlich. Ihre Stimme war kontrolliert, aber Erik hörte die Anspannung darunter.
„Bin ich aber nicht.“
„Nur weil du Glück hattest.“
„Oder weil der Schlüssel mich beschützt hat.“ Erik sah auf das Artefakt. Es glühte noch schwach, ein pulsierendes goldenes Licht. „Er wusste, dass ich in Gefahr war.“
„Der Schlüssel ist kein lebendes Wesen“, sagte Thomas leise. „Er reagiert auf dich. Auf deine Angst, deinen Überlebenswillen. Aber er hat keinen eigenen Willen.“
„Bist du sicher?“
Thomas schwieg.
Sie erreichten die Buchhandlung. Marcus war bereits da, hatte den Toyota in die Garage gefahren. Er wartete an der Tür, eine blutige Schramme an der Wange.
„Sie hat dich erwischt“, bemerkte Erik.
„Nur ein Kratzer.“ Marcus winkte ab. „Aber sie war schnell. Schneller als die meisten, die ich gesehen habe.“
„Und sie wusste vom Schlüssel“, sagte Helena, während sie die Wendeltreppe hinunterstiegen. „Das ist das Beunruhigendste. Der Rat hat Informationen über uns.“
„Oder sie haben erraten, was Erik trägt“, meinte Thomas. „Der Seelenschlüssel ist eine Legende in der Vampirwelt. Wenn sie einen Menschen sehen, der mit einem glühenden Artefakt kämpft, ziehen sie ihre Schlüsse.“
Im Konferenzraum erwartete sie Yuki bereits. Sie hatte mehrere Monitore aktiviert, alle zeigten verschiedene Aufnahmen des Zwischenfalls. Auf einem Bildschirm war die Vampirin zu sehen, vergrößert, ihr Gesicht eingefangen in dem Moment, bevor sie angriff.
„Ich habe sie durch unsere Datenbank laufen lassen“, sagte Yuki ohne Begrüßung. „Keine Treffer in Europa. Aber…“ Sie tippte, und das Bild wechselte zu einem alten Schwarz-Weiß-Foto. „Das hier ist von 1923. Budapest. Eine Serie von Morden. Die Behörden fanden zwölf Leichen, alle blutleer.“
Auf dem Foto stand eine Frau in einem altmodischen Kleid. Das Gesicht war unscharf, aber die Ähnlichkeit war da.
„Das ist sie?“ fragte Erik.
„Ich bin zu neunzig Prozent sicher.“ Yuki vergrößerte das Gesicht. „Die Gesichtszüge stimmen überein. Wenn sie es ist, dann ist sie mindestens hundert Jahre alt.“
„Alt genug, um mächtig zu sein“, murmelte Marcus.
„Aber nicht alt genug, um im Rat zu sein“, sagte Helena. „Die Ältesten sind Jahrtausende alt. Sie ist vermutlich eine Dienerin. Eine Vollstreckerin.“
„Eine von vielen“, fügte Thomas hinzu. „Wenn der Rat wirklich nach München gekommen ist, haben sie eine Armee mitgebracht.“
„Dann müssen wir herausfinden, wie groß diese Armee ist.“ Helena wandte sich an Yuki. „Was haben wir von heute Nacht? Irgendwelche Spuren?“
„Besser als Spuren.“ Yuki lächelte dünn. „Marcus hat sie verletzt. Als sie floh, hat sie geblutet. Ich habe Teams zur Gasse geschickt. Sie haben Proben gesammelt.“
„Blutproben?“ Eriks Interesse war geweckt. „Was können wir damit anfangen?“
„Mehr, als du denkst.“ Yuki stand auf, winkte sie zu einem anderen Raum. „Kommt. Ich zeige es euch.“
Sie gingen durch einen Korridor, tiefer in die Zentrale hinein. Yuki öffnete eine Tür mit einem Zahlencode. Dahinter: ein Labor.
Es war klein, aber hochmodern. Zentrifugen, Mikroskope, Computer mit mehreren Bildschirmen. An einer Wand: ein großer Kühlschrank, wahrscheinlich für Proben.
„Willkommen in meinem Reich“, sagte Yuki. Sie ging zu einem der Computer, loggte sich ein. „Als ich der Nachtwache beitrat, bestand ich darauf, dass wir wissenschaftlich arbeiten. Mythen und Legenden sind schön und gut, aber DNA lügt nicht.“
„Vampire haben DNA?“ fragte Erik.
„Ja und nein.“ Yuki zog Handschuhe an, holte eine Petrischale aus einem kleinen Kühlschrank neben dem Computer. Darin: eine dunkle, fast schwarze Flüssigkeit. Das Blut der Vampirin. „Ihr Blut ist anders als menschliches. Die roten Blutkörperchen sind mutiert, können Sauerstoff effizienter transportieren. Und es gibt… Zusätze.“
„Zusätze?“
Yuki platzierte einen Tropfen des Blutes auf einen Objektträger, schob ihn unter ein Mikroskop. Sie tippte, und das Bild erschien auf einem der Monitore.
Erik starrte darauf.
Das Blut bewegte sich. Nicht wie normales Blut, träge und dick. Sondern lebendig, als wären winzige Organismen darin, die schwammen, sich wanden.
„Was ist das?“ flüsterte er.
„Das ist die vampirische Essenz“, erklärte Yuki. „Ein Virus, ein Parasit, ein Fluch – niemand weiß genau, was es ist. Aber es verändert den menschlichen Körper auf fundamentaler Ebene. Erhöht die Stärke, die Geschwindigkeit, die Sinne. Stoppt das Altern. Und erschafft… nun ja, einen Vampir.“
„Kann man es heilen?“ fragte Thomas. „Wenn es ein Virus ist, gibt es ein Heilmittel?“
„Theoretisch ja. Praktisch…“ Yuki schüttelte den Kopf. „Sobald die Verwandlung abgeschlossen ist, ist das Virus so tief integriert, dass eine Entfernung den Wirt töten würde. Deshalb funktioniert das Ritual nur bei Kindern wie Lukas – weil die Verwandlung noch nicht abgeschlossen war.“
„Aber du kannst das Blut analysieren“, sagte Helena. „Was suchst du?“
„DNA-Marker. Jeder Vampir-Clan hat einzigartige genetische Signaturen. Wie Fingerabdrücke.“ Yuki begann zu tippen, Daten füllten den Bildschirm. „Wenn ich die Signatur dieser Vampirin identifizieren kann, können wir herausfinden, zu welchem Clan sie gehört. Und vielleicht…“ Sie zögerte. „Vielleicht auch, wer sie erschaffen hat.“
„Wie lange wird das dauern?“ fragte Marcus.
„Die Erstanalyse ist bereits fertig. Ich habe sie durch die Datenbank laufen lassen, während ihr zurückgefahren seid.“ Yuki öffnete eine Datei. „Und ich habe etwas Interessantes gefunden.“
Sie vergrößerte einen Abschnitt der DNA-Sequenz. Für Erik sah es aus wie zufällige Buchstaben und Zahlen, aber Yukis Augen leuchteten auf.
„Das hier“, sagte sie und deutete auf eine Sequenz, „ist eine Übereinstimmung mit einer anderen Probe aus unserer Datenbank.“
„Welche Probe?“ fragte Helena.
Yuki öffnete ein zweites Fenster. Darauf: Informationen zu einem Fall. Berlin, vor drei Jahren. Ein Vampirangriff in einem U-Bahnhof. Fünf Tote. Der Vampir war entkommen, aber hatte Blut hinterlassen.
„Das ist derselbe Clan“, sagte Yuki. „Die genetischen Marker stimmen zu achtundneunzig Prozent überein.“
„Was bedeutet das?“ fragte Erik.
„Es bedeutet“, sagte Helena langsam, „dass der Vampir, der vor drei Jahren in Berlin getötet hat, und die Vampirin, die heute Nacht Marcus angegriffen hat, entweder verwandt sind oder vom selben Schöpfer abstammen.“
„Und schau dir das an.“ Yuki scrollte weiter. „Ich habe die Datenbank erweitert, internationale Fälle einbezogen. Budapest, Prag, Wien – in den letzten zehn Jahren gab es in allen diesen Städten ähnliche Vorfälle. Und die DNA-Spuren…“ Sie zeigte eine Grafik, Linien, die verschiedene Städte miteinander verbanden. „Sie stammen alle vom selben Ursprung.“
„Ein Stammbaum“, flüsterte Thomas. „Ein Vampir-Stammbaum.“
„Genau.“ Yuki vergrößerte die Grafik. „Und wenn ich die Entwicklung zurückverfolge, komme ich zu einem Ursprungspunkt. Einer Quelle.“
Sie tippte. Das Bild zoomte auf eine Markierung, ein Name erschien.
Ursprung: Budapest, 1891. Primäre Quelle: Unbekannt. Codename: Die Älteste.
Stille im Labor.
„Die Älteste“, wiederholte Helena. „Das ist die Anführerin des Rates. Sie muss es sein.“
„Wenn alle diese Vampire von ihr abstammen“, sagte Marcus langsam, „wie viele hat sie dann erschaffen?“
„Schwer zu sagen. Aber basierend auf den Fällen, die wir dokumentiert haben…“ Yuki rechnete. „Mindestens fünfzig. Vielleicht mehr.“
„Fünfzig Vampire“, flüsterte Erik. „Alle in Europa verteilt.“
„Nicht mehr.“ Helena trat näher zum Bildschirm. „Yuki, überlagere die Karte mit aktuellen Sichtungen. Zeig mir, wo diese Vampire jetzt sind.“
Yuki tippte. Die Karte änderte sich, neue Markierungen erschienen. Und ein Muster wurde sichtbar.
Alle Markierungen konzentrierten sich auf eine Stadt.
München.
„Sie kommen zusammen“, flüsterte Thomas. „Sie versammeln sich.“
„Für die Sommersonnenwende“, sagte Helena. „Für das Ritual.“
„Aber warum so früh?“ fragte Marcus. „Das sind noch sieben Monate. Warum kommen sie jetzt schon?“
„Vorbereitung“, antwortete Yuki. „Ein Ritual dieser Größenordnung braucht Zeit. Sie müssen die Ley-Linien aktivieren, die Standorte vorbereiten, Opfer sammeln.“
„Opfer“, wiederholte Erik. Sein Magen zog sich zusammen. „Die fünf Toten. Das waren nicht nur zufällige Jagden.“
„Nein.“ Helenas Gesicht war ernst. „Das waren Tests. Sie sammeln Blut, testen die Resonanz, bereiten die Opfer vor.“
„Aber da ist noch etwas“, sagte Yuki. Sie öffnete eine weitere Datei. „Als ich die Blutprobe der Vampirin analysiert habe, fand ich Spuren von etwas anderem. Nicht vampirisch. Nicht menschlich.“
Sie vergrößerte das Bild. Zwischen den vampirischen Zellen: winzige, fast unsichtbare Partikel.
„Was ist das?“ fragte Erik.
„Ich weiß es nicht genau. Aber…“ Yuki zögerte. „Es sieht aus wie Säuglingsblut.“
Die Worte ließen die Temperatur im Raum fallen.
„Lukas“, flüsterte Helena. „Sie war bei Lukas.“
„Oder bei anderen Babys“, sagte Yuki. „Ich habe die Datenbank der Münchner Krankenhäuser überprüft. Säuglingsstationen. In den letzten drei Wochen gab es sieben Vorfälle wie den auf der Station rechts der Isar. Babys mit unerklärlichen Wunden am Hals. Alle wurden als Insektenstiche abgetan.“
„Sieben Babys“, sagte Thomas, seine Stimme brach fast. „Mein Gott.“
„Wir haben Lukas gerettet“, sagte Helena schnell. „Wir können die anderen auch retten.“
„Können wir?“ Marcus klang skeptisch. „Wir hatten einen Hinweis bei Lukas. Die Mutter hatte im Internet gepostet. Aber wenn die anderen Familien still bleiben, wenn sie nichts sagen…“
„Dann müssen wir sie finden.“ Helena wandte sich an Yuki. „Ich brauche eine Liste. Alle Säuglinge, die in den letzten drei Wochen in Münchner Krankenhäusern wegen unerklärlicher Wunden behandelt wurden. Namen, Adressen, alles.“
„Das ist illegal“, sagte Yuki. „Datenschutz—“
„Yuki.“ Helenas Stimme war scharf. „Es geht um Kinder. Um Babys, die in Vampire verwandelt werden. Glaubst du, Datenschutz interessiert mich gerade?“
Yuki schluckte, nickte dann. „Ich kann die Datenbanken hacken. Es wird einige Stunden dauern, aber ich bekomme die Liste.“
„Gut. Tu es.“ Helena atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. „Marcus, du und Thomas, ihr bereitet die Ausrüstung vor. Wenn wir diese Familien aufsuchen, müssen wir bereit sein, das Ritual mehrfach durchzuführen.“
„Haben wir genug Material?“ fragte Thomas.
„Wir werden genug haben müssen.“ Helena wandte sich an Erik. „Und du…“
„Ich komme mit“, sagte Erik sofort.
„Erik, du wurdest heute Nacht fast getötet—“
„Und ich lebe noch. Und ich habe den Schlüssel. Wenn ihr mehrere Rituale durchführen müsst, braucht ihr mich.“ Erik‘ Stimme war fest. „Außerdem – die Vampirin wusste vom Schlüssel. Der Rat wird nicht aufhören, ihn zu suchen. Wo ich auch bin, ich bin ein Ziel. Also kann ich genauso gut nützlich sein.“
Helena sah ihn lange an. Dann nickte sie langsam. „In Ordnung. Aber du folgst meinen Befehlen. Keine Alleingänge.“
„Verstanden.“
„Gut.“ Helena wandte sich zur Tür. „Wir haben bis zum Morgengrauen Zeit. Yuki besorgt die Liste. Der Rest von uns bereitet sich vor. Und dann…“ Sie sah jeden von ihnen an. „Dann retten wir diese Kinder.“
Sie verließen das Labor. Nur Yuki blieb zurück, bereits wieder in ihre Computer vertieft.
Erik folgte den anderen zurück zum Konferenzraum. Sein Körper war erschöpft, aber sein Geist raste. Sieben Babys. Sieben kleine Leben, die in Dunkelheit verwandelt wurden.
Und irgendwo da draußen: die Älteste. Die Frau, die all dies geplant hatte. Die Hunderte, vielleicht Tausende verwandelt hatte.
„Helena“, sagte Erik plötzlich. „Du hast gesagt, du willst deinen Bruder finden. Dimitri.“
Helena hielt inne, drehte sich um. „Ja.“
„Wann?“
„Bald. Aber zuerst die Kinder.“ Ihre Augen waren müde. „Ich kann nicht… ich kann nicht an meinen Bruder denken, solange unschuldige Leben auf dem Spiel stehen.“
„Aber er könnte uns helfen. Er könnte wissen, wo die Älteste ist, was sie plant.“
„Oder er könnte uns töten.“ Helenas Stimme war bitter. „Dimitri ist nicht mehr der Bruder, den ich kannte. Er ist seit vierzig Jahren ein Vampir. Er hat getötet, gejagt, Dinge getan, die…“ Sie brach ab. „Ich weiß nicht, ob ich ihm noch trauen kann.“
„Aber du musst es versuchen.“
„Ja.“ Helena lächelte schwach. „Ich muss es versuchen.“
Die nächsten Stunden vergingen in fieberhafter Aktivität.
Thomas verwandelte einen weiteren Kellerraum in eine Ritualstätte, bereitete alles vor für mehrere Zeremonien. Marcus organisierte die Ausrüstung – mehr Weihwasser, mehr Kerzen, mehr silberne Klingen.
Und Erik übte.
In dem kleinen Trainingsraum, allein, übte er mit dem Seelenschlüssel. Versuchte, ihn zu kontrollieren, das Licht gezielt zu rufen, statt in wilder Panik.
Es war schwieriger, als er dachte.
Der Schlüssel reagierte auf Emotion. Auf Angst und Verzweiflung. Aber wenn Erik versuchte, ihn ruhig zu aktivieren, passierte… nichts.
„Du denkst zu viel“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Erik drehte sich um. Thomas stand in der Tür, die Arme verschränkt.
„Wie meinst du das?“
„Der Schlüssel ist keine Maschine. Er ist eine Verbindung. Zwischen dir und…“ Thomas suchte nach Worten. „Etwas Größerem. Einer Quelle. Du kannst ihn nicht kontrollieren durch reinen Willen. Du musst ihn fühlen.“
„Fühlen?“
„Vertrau ihm. Lass ihn in dich fließen, statt zu versuchen, ihn zu zwingen.“ Thomas trat näher. „Darf ich?“
Erik nickte.
Thomas legte seine Hand auf Eriks, die den Schlüssel hielt. „Schließ die Augen. Atme tief durch. Fühl das Metall. Die Wärme. Das Pulsieren.“
Erik gehorchte. Das Metall war warm, fast heiß. Und da war ein Rhythmus – wie ein Herzschlag, genau wie er es vorher gespürt hatte.
„Jetzt stell dir vor, dass dieser Herzschlag deiner ist“, sagte Thomas leise. „Dass ihr eins seid. Nicht Träger und Werkzeug. Sondern Partner.“
Erik konzentrierte sich. Der Herzschlag des Schlüssels, sein eigener Herzschlag – sie verschmolzen, wurden eins.
Und der Schlüssel begann zu leuchten.
Sanft. Kontrolliert. Ein warmes, goldenes Licht.
„Gut“, flüsterte Thomas. „Jetzt halte es. Atme mit ihm.“
Erik hielt. Das Licht blieb stabil. Nicht wild wie in der Panik, nicht explosiv. Einfach… da.
„Wie lange kann ich das halten?“ fragte Erik.
„Das hängt von dir ab. Von deiner Stärke. Deiner Konzentration.“ Thomas ließ los. „Aber sei vorsichtig. Je länger du ihn aktiv hältst, desto mehr gibst du von dir selbst hinein.“
Erik öffnete die Augen, ließ das Licht verlöschen. „Danke.“
„Keine Ursache.“ Thomas lächelte. „Du lernst schnell. Das ist gut. Du wirst es brauchen.“
Um 5:30 Uhr morgens kam Yuki aus ihrem Labor.
Sie sah erschöpft aus, aber triumphierend. In der Hand: ein Ausdruck, mehrere Seiten.
„Ich habe sie“, sagte sie und legte die Papiere auf den Konferenztisch. „Sieben Familien. Alle mit Säuglingen, die in den letzten drei Wochen wegen unerklärlicher Wunden behandelt wurden.“
Helena nahm die Liste, überflog sie. „Namen, Adressen, alles hier?“
„Alles.“ Yuki setzte sich, rieb sich die Augen. „Aber es gibt ein Problem.“
„Was für ein Problem?“
„Die Familie Berger – Lukas – ist nicht die Einzige, bei der wir zu spät kommen könnten.“ Yuki deutete auf einen der Namen. „Schau dir diesen Fall an. Sophie Hartmann. Acht Wochen alt. Erste Wunde vor sechs Wochen.“
Erik erstarrte. „Hartmann? Wie die Frau aus der Rechtsmedizin? Sophie Hartmann?“
„Die Tochter“, sagte Yuki leise. „Sophie Hartmann, die Studentin, die wir in der Rechtsmedizin gesehen haben – sie hatte eine jüngere Schwester. Ein Baby. Und beide wurden angegriffen.“
„Mein Gott.“ Helena ließ die Papiere fallen. „Die Vampirin hat nicht nur die Studentin getötet. Sie hat auch das Baby infiziert.“
„Wo ist das Baby jetzt?“ fragte Marcus.
Yuki scrollte auf ihrem Tablet. „Bei der Großmutter. Die Eltern sind tot – beide bei einem Autounfall vor zwei Wochen.“
„Ein Unfall?“ Thomas klang skeptisch. „Oder wurde nachgeholfen?“
„Schwer zu sagen. Aber die Zeitlinie passt.“ Yuki sah auf. „Wenn das Baby seit sechs Wochen infiziert ist…“
„Dann ist die Verwandlung fast abgeschlossen“, beendete Thomas den Satz. „Wir haben vielleicht noch Tage. Vielleicht nur Stunden.“
„Dann beginnen wir mit dieser Familie.“ Helena stand auf. „Yuki, gib mir die Adresse.“
„Bogenhausen. Nicht weit von hier.“
„Gut. Marcus, Thomas, Erik – mit mir. Yuki, du bleibst hier, koordinierst. Wenn etwas schiefgeht—“
„Rufe ich Verstärkung. Ich weiß.“ Yuki nickte.
Sie brachen auf, während draußen die erste Dämmerung den Himmel färbte.
Die Stadt erwachte. Menschen gingen zur Arbeit, Cafés öffneten, das Leben ging weiter.
Aber für die Familie Hartmann, für das kleine Baby Sophie, tickte eine Uhr.
Und die Zeit lief ab.
KAPITEL 8
Bei Familie Hartmann
Die Adresse in Bogenhausen führte sie zu einer ruhigen Wohnstraße mit gepflegten Gärten und großen Villen. Alte Bäume säumten die Straße, ihre kahlen Äste ragten wie Skelette in den grauen Morgenhimmel.
„Nummer siebenundzwanzig“, sagte Helena und deutete auf ein weißes Haus mit dunkelgrünen Fensterläden. Ein Mercedes stand in der Auffahrt, der Vorgarten war makellos, selbst im November.
„Reiche Gegend“, bemerkte Marcus. „Wie erklären wir einer wohlhabenden Großmutter, dass ihr Enkelkind von einem Vampir gebissen wurde?“
„Vorsichtig“, antwortete Helena. Sie parkte den Wagen am Straßenrand. „Und ehrlich. Die Wahrheit funktioniert manchmal besser als Lügen.“
„Manchmal“, murmelte Marcus skeptisch.
Sie stiegen aus. Die Luft war kalt, feucht vom nächtlichen Tau. Erik zog seine Jacke enger um sich. Der Seelenschlüssel hing schwer in seiner Tasche, ein ständiges Gewicht, eine ständige Erinnerung.
Helena klingelte. Ein melodisches Chime ertönte irgendwo im Inneren des Hauses.
Sie warteten. Erik konnte sein eigenes Herz hören, zu laut, zu schnell.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau spähte heraus, Ende Sechzig, mit grauem Haar, das zu einem eleganten Bob geschnitten war. Sie trug einen Morgenmantel aus Seide und sah sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Besorgnis an.
„Ja?“
„Frau Hartmann?“ Helena zeigte einen Ausweis, zu schnell für die Frau, um ihn wirklich zu lesen. „Mein Name ist Dr. Konstantin. Ich bin vom Gesundheitsamt. Es geht um Ihre Enkelin Sophie.“
Die Verwirrung wurde zu Alarm. „Sophie? Was ist mit ihr? Ist etwas passiert?“
„Dürfen wir reinkommen? Es ist wichtig.“
Frau Hartmann zögerte, aber der Ernst in Helenas Gesicht überzeugte sie. Sie öffnete die Tür ganz. „Natürlich. Bitte.“
Sie betraten ein geräumiges Foyer. Marmorböden, ein Kronleuchter an der Decke, Kunstwerke an den Wänden. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee hing in der Luft.
„Meine Enkelin“, sagte Frau Hartmann nervös. „Sie ist gesund. Die Ärzte haben gesagt—“
„Wir wissen, was die Ärzte gesagt haben.“ Helenas Stimme war sanft, aber bestimmt. „Aber wir glauben, dass es mehr gibt. Etwas, das die reguläre Medizin nicht erfassen kann.“
„Ich verstehe nicht.“
„Dürfen wir Sophie sehen?“
Frau Hartmann führte sie durch einen langen Flur zu einem Zimmer im Erdgeschoss. Sie öffnete die Tür leise. „Sie schläft noch. Sie schläft immer bis spät am Morgen seit… seit dem Vorfall.“
Das Zimmer war als provisorisches Kinderzimmer eingerichtet. Ein Laufstall stand in der Ecke, ein Wickeltisch an der Wand. Und in einem kleinen Reisebett: ein Baby.
Erik trat näher. Sein Magen zog sich zusammen.
Das Baby – Sophie – war winzig, kaum acht Wochen alt. Aber ihre Haut hatte diese durchscheinende Qualität, die Erik von Lukas kannte. Zu blass, fast grau. Die kleinen Äderchen unter der Haut waren zu deutlich sichtbar, wie ein dunkles Netz.
Und am Hals: die Wunden. Zwei Punktionen, größer als bei Lukas, tiefer. Die Haut um sie herum war dunkel verfärbt, fast schwarz.
„Wie lange hat sie diese Wunden?“ fragte Thomas leise.
„Sechs Wochen“, antwortete Frau Hartmann. Sie stand in der Tür, ihre Hände zitterten leicht. „Die Ärzte sagten, es wären Insektenstiche. Aber sie heilen nicht. Und Sophie…“ Ihre Stimme brach. „Sie verhält sich so seltsam. Schläft nur tagsüber. Nachts ist sie wach, schreit. Und ihr Appetit… sie will keine normale Milch mehr.“
„Was will sie?“ fragte Helena, obwohl Erik sah, dass sie die Antwort bereits kannte.
„Ich… ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.“ Frau Hartmann sah weg, beschämt. „Eines Nachts, als ich ihre Flasche machte, habe ich mich geschnitten. Am Finger. Ein paar Tropfen Blut fielen hinein. Und Sophie…“ Sie schluckte. „Sie trank. Zum ersten Mal seit Tagen. Und seitdem… seitdem gebe ich ein paar Tropfen hinein. Nur ein paar. Ich dachte, vielleicht braucht sie Eisen, oder…“
„Sie tun nichts Falsches“, sagte Helena schnell. „Sie haben getan, was Sie konnten, um Ihre Enkelin am Leben zu halten.“
„Aber was ist mit ihr los?“ Tränen liefen über Frau Hartmanns Gesicht. „Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit. Meine Tochter ist tot. Mein Schwiegersohn ist tot. Sophie ist alles, was mir bleibt. Bitte.“
Helena atmete tief durch. „Die Wahrheit ist kompliziert. Und Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben.“
„Versuchen Sie es.“
Helena sah zu Thomas, dann zu Erik. Eine stumme Frage: Wie viel sagen wir?
Thomas nickte leicht. Sag es ihr.
„Ihre Enkelin wurde angegriffen“, begann Helena. „Von etwas, das nicht menschlich ist. Etwas sehr Altes und sehr Gefährliches. Die Wunden an ihrem Hals sind nicht von Insekten. Sie sind Bisswunden.“
„Bisswunden? Von was? Einem Tier?“
„Von einem Vampir.“
Die Worte hingen in der Luft wie eine Detonation.
Frau Hartmann starrte Helena an. Dann lachte sie, ein kurzes, ungläubiges Lachen. „Das ist… das ist absurd. Vampire gibt es nicht. Das sind Märchen.“
„Waren Märchen“, korrigierte Marcus. „Bis sie real wurden.“
„Sie sind verrückt. Alle drei.“ Frau Hartmann wich zur Tür zurück. „Ich will, dass Sie gehen. Jetzt. Oder ich rufe die Polizei.“
„Bitte, hören Sie uns an.“ Erik trat vor. „Ich weiß, wie das klingt. Ich hätte es auch nicht geglaubt. Aber vor drei Wochen haben wir ein anderes Baby gerettet. Lukas Berger. Er hatte die gleichen Symptome wie Sophie. Und wir konnten ihn heilen.“
„Heilen? Wie?“
„Durch ein Ritual. Es ist kompliziert, aber es funktioniert.“ Erik zog den Seelenschlüssel aus seiner Tasche. „Mit diesem.“
Frau Hartmann starrte auf den Schlüssel. Im morgendlichen Licht glühte er schwach, ein warmes, goldenes Pulsieren.
„Was… was ist das?“
„Ein Werkzeug“, sagte Thomas. „Ein sehr altes, sehr mächtiges Werkzeug. Es kann die Dunkelheit aus Ihrer Enkelin ziehen. Aber wir müssen schnell handeln. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es.“
„Und wenn ich nein sage?“
„Dann wird Sophie sterben.“ Helenas Stimme war hart, aber ehrlich. „Oder schlimmer – sie wird sich vollständig verwandeln. Und dann ist sie kein Baby mehr. Dann ist sie ein Monster.“
Frau Hartmann sah zum Bett, wo Sophie friedlich schlief. Ihre kleine Brust hob und senkte sich im Rhythmus des Atmens. So normal. So unschuldig.
„Sie ist alles, was mir bleibt“, flüsterte Frau Hartmann.
„Dann lassen Sie uns ihr helfen“, sagte Helena sanft.
Eine lange Pause. Dann nickte Frau Hartmann, Tränen strömten über ihr Gesicht. „Was muss ich tun?“
Sie arbeiteten schnell.
Thomas verwandelte das Wohnzimmer in eine provisorische Ritualstätte. Er zog mit Kreide Symbole auf den Parkettboden – Frau Hartmann protestierte schwach, aber gab dann auf – und stellte Kerzen in einem Kreis auf.
Marcus positionierte sich am Fenster, beobachtete die Straße. „Wenn der Vampir spürt, was wir tun, wird er kommen“, sagte er. „Wir müssen bereit sein.“
Erik half Thomas mit den Vorbereitungen. Seine Hände zitterten leicht, aber er zwang sich zur Ruhe. Du hast das schon einmal getan, erinnerte er sich. Mit Lukas. Du kannst es wieder tun.
Aber eine Stimme in seinem Kopf flüsterte: Lukas war jünger. Lukas‘ Verwandlung hatte gerade erst begonnen. Sophie ist weiter fortgeschritten. Was, wenn es nicht funktioniert?
„Erik.“ Thomas‘ Hand auf seiner Schulter. „Vertrau dem Prozess. Vertrau dir selbst.“
Erik nickte, versuchte zu glauben.
Helena holte Sophie aus dem Bett. Das Baby wachte auf, begann sofort zu weinen. Nicht das durchdringende, unnatürliche Schreien von Lukas, aber nah dran. Ein Laut, der auf den Nerven zerrte.
„Es ist in Ordnung“, murmelte Helena und wiegte das Baby. „Es wird gleich vorbei sein.“
Sie legten Sophie in die Mitte des Kreises, auf eine weiche Decke. Frau Hartmann kniete daneben, hielt die kleine Hand ihrer Enkelin, weinte still.
„Sind Sie bereit?“ fragte Thomas.
Frau Hartmann nickte.
Thomas begann zu singen. Die gleichen alten Worte wie beim Ritual für Lukas. Lateinisch, Hebräisch, Sprachen, die Erik nicht verstand, aber deren Kraft er spüren konnte.
Die Luft im Raum veränderte sich. Wurde dichter, schwerer. Die Kerzen flackerten.
Thomas nahm die silberne Klinge. „Ihr Blut, Frau Hartmann.“
Die ältere Frau streckte ihre Hand aus. Thomas stach schnell zu, drei Tropfen Blut fielen in den Kelch mit Weihwasser.
Dann wandte er sich zu Sophie. „Vergib mir, Kleines.“
Er stach. Sophie schrie, laut und durchdringend.
Drei Tropfen fielen in den Kelch.
„Erik.“
Erik trat vor, streckte seine Hand aus. Die Klinge stach. Der Schmerz war scharf, aber kurz. Drei Tropfen seines Blutes vermischten sich mit den anderen.
Das Wasser im Kelch begann zu leuchten. Schwächer als bei Lukas, stellte Erik fest. Schwächer und… flackernder.
Thomas hob den Kelch über Sophie. „Im Namen des Lichts, das älter ist als die Dunkelheit. Im Namen der Leben, die das Opfer überdauern. Im Namen der Liebe, die stärker ist als der Tod.“ Er goss das leuchtende Wasser über Sophies Stirn. „Ich befehle der Dunkelheit: Verlasse dieses Kind!“
Sophie schrie wieder. Aber dieses Mal hörte es nicht auf.
Ihr kleiner Körper begann zu zittern. Die Wunden an ihrem Hals öffneten sich, dunkelrotes, fast schwarzes Blut sickerte heraus.
„Der Schlüssel!“ rief Thomas. „Jetzt!“
Erik hob den Seelenschlüssel. Er konzentrierte sich, wie Thomas ihm beigebracht hatte. Spürte den Herzschlag des Schlüssels, ließ ihn mit seinem eigenen verschmelzen.
Das Licht kam. Aber langsamer als zuvor. Und schwächer.
„Erik, mehr!“ Thomas‘ Stimme war angespannt. „Gib mehr!“
Erik versuchte es. Drückte härter, konzentrierte sich stärker. Das Licht wurde intensiver, aber nicht genug.
Aus Sophies Wunden begann die Dunkelheit zu sickern. Die gleiche schwarze, ölige Substanz wie bei Lukas. Aber mehr. Viel mehr.
Sie wand sich, versuchte zurück in Sophies Körper zu fließen.
„Halte sie zurück!“ schrie Thomas.
Erik drückte mit aller Kraft. Das Licht explodierte aus dem Schlüssel, traf die Dunkelheit.
Aber die Dunkelheit wehrte sich.
Sie begann zu flüstern. Nicht mit Worten, sondern mit Gedanken, direkt in Eriks Kopf.
Sie ist unser. Sie gehört uns. Du kannst sie nicht retten.
„Lügen“, presste Erik hervor.
Schau sie an. Schau, wie weit sie bereits ist. Sie ist mehr von uns als von euch.
Erik zwang sich hinzusehen. Sophies Augen hatten sich geöffnet. Sie waren rot. Leuchtend rot. Und in ihnen… war da noch Menschlichkeit? Oder nur Hunger?
Lass los, flüsterte die Dunkelheit. Lass uns das Kind. Nimm dafür ein anderes. Die anderen sechs. Du kannst nicht alle retten.
„Halt den Mund!“ Erik schrie es laut. Das Licht aus dem Schlüssel pulsierte, wurde instabil.
„Erik, Konzentration!“ Helenas Stimme, scharf. „Verliere dich nicht!“
Aber es war zu spät. Die Dunkelheit hatte einen Riss gefunden, einen Moment der Schwäche.
Sie schoss vor, nicht zu Sophie zurück, sondern auf Erik zu.
Sie traf ihn wie eine Faust. Kalt, brutal, eindringend.
Erik schrie.
Bilder fluteten seinen Geist. Nicht seine eigenen. Erinnerungen der Dunkelheit.
Menschen, die starben. Hunderte, Tausende. Über Jahrhunderte. Gesichter voller Angst, Schreie, die nie endeten. Blut, so viel Blut.
Und mittendrin: eine Gestalt. Eine Frau. Alt, unvorstellbar alt. Ihre Augen waren tiefschwarz, leer wie das Nichts selbst.
Die Älteste.
Sie sah ihn an. Durch die Jahrhunderte, durch die Dunkelheit, direkt in Erik.
„Du“, flüsterte sie. Ihre Stimme war überall und nirgendwo. „Du trägst den Schlüssel. Du wagst es, mich herauszufordern.“
Erik konnte nicht antworten. Konnte sich nicht bewegen.
„Du wirst scheitern“, sagte die Älteste. „Wie alle vor dir. Und wenn du scheiterst, nehme ich nicht nur das Kind. Ich nehme dich.“
Dann lachte sie. Ein Lachen, das in Eriks Schädel widerhallte, ihn von innen zerriss.
„Erik!“ Jemand schüttelte ihn. „Erik, komm zurück!“
Mit einer monumentalen Anstrengung riss Erik sich los. Die Vision zerbrach.
Er war zurück im Wohnzimmer. Auf seinen Knien. Thomas hielt ihn, schüttelte ihn.
„Bist du da? Erik?“
„Ich… ich bin hier.“ Erik keuchte. „Was ist passiert?“
„Du bist zusammengebrochen. Die Dunkelheit hat dich angegriffen.“ Thomas‘ Gesicht war bleich. „Ich dachte, wir hätten dich verloren.“
„Das Baby?“ Erik sah zum Kreis.
Sophie lag still. Zu still.
Frau Hartmann weinte, hielt ihr Enkelkind, schaukelte sie hin und her.
„Nein“, flüsterte Erik. „Nein, bitte nicht.“
Helena kniete neben Frau Hartmann, legte zwei Finger an Sophies Hals. Eine lange, quälende Pause.
Dann: „Sie atmet. Schwach, aber sie atmet.“
Relief durchflutete Erik wie eine Welle.
„Die Wunden?“ fragte Thomas.
Helena schob vorsichtig Sophies Haar beiseite. Die Wunden am Hals waren… kleiner. Nicht verschwunden, aber definitiv kleiner. Die schwarze Verfärbung war zurückgegangen.
„Es hat funktioniert“, sagte Helena ungläubig. „Nicht vollständig, aber… es hat funktioniert.“
„Was bedeutet ’nicht vollständig‘?“ fragte Frau Hartmann panisch.
„Es bedeutet, die Dunkelheit ist noch teilweise in ihr.“ Thomas stand auf, sah müde aus. „Wir haben sie zurückgedrängt, verlangsamt, aber nicht ganz entfernt. Sophie ist noch in Gefahr.“
„Was können wir tun?“
„Das Ritual wiederholen. In ein paar Tagen, wenn sie stärker ist.“ Helena sah zu Erik. „Und wenn wir stärker sind.“
Erik fühlte sich ausgehöhlt. Als hätte jemand ihn von innen ausgekratzt. Der Schlüssel lag neben ihm auf dem Boden, das Metall war kalt, leblos.
„Ich habe sie gesehen“, flüsterte er. „Die Älteste. Sie war in der Dunkelheit. Sie hat mit mir gesprochen.“
Alle starrten ihn an.
„Was hat sie gesagt?“ fragte Helena.
„Dass ich scheitern werde. Dass sie mich nehmen wird.“ Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten unkontrollierbar. „Sie weiß, wer ich bin. Sie weiß vom Schlüssel.“
„Natürlich weiß sie es“, sagte Marcus von seinem Posten am Fenster. „Sie ist die Älteste. Sie weiß alles.“
„Dann sind wir in Gefahr.“ Thomas sammelte die Ritualutensilien ein. „Wenn sie Erik kennt, wird sie ihn jagen. Gezielt.“
„Lass sie kommen“, sagte Erik. Seine Stimme war schwächer als beabsichtigt. „Ich habe keine Angst vor ihr.“
„Du solltest aber“, sagte Helena leise. „Die Älteste ist nicht irgendein Vampir. Sie ist die Quelle. Die Urmutter der Dunkelheit. Wenn sie dich wirklich will…“ Sie ließ den Satz unbeendet.
Ein Krachen.
Alle drehten sich zur Fensterfront.
Marcus stand dort, die Pistole gezogen. „Wir haben Gesellschaft.“
Draußen, auf der Straße, standen Gestalten. Fünf, sechs, mehr. Alle in Schwarz gekleidet, alle reglos, alle mit leuchtenden Augen.
Und an ihrer Spitze: Valentina.
Sie lächelte und winkte spöttisch.
„Zeit zu gehen“, sagte Marcus. „Jetzt.“
„Der Hinterausgang“, sagte Frau Hartmann schnell. „Durch die Küche, zum Garten. Von dort können Sie—“
„Sie kommen mit uns“, unterbrach Helena. „Sie und Sophie. Wenn sie wissen, dass wir hier waren, sind Sie nicht mehr sicher.“
„Aber mein Haus—“
„Ist nur ein Haus.“ Helena half ihr auf. „Ihr Leben ist wichtiger.“
Sie rannten durch das Haus, zur Küche. Thomas trug das Ritual-Material, Marcus deckte von hinten. Erik stolperte, noch geschwächt von der Konfrontation mit der Dunkelheit, aber Helena stützte ihn.
Die Hintertür. Der Garten. Ein hoher Zaun, aber mit einem Tor.
Sie erreichten das Tor, Marcus riss es auf—
Und erstarrte.
Auf der anderen Seite stand eine Gestalt.
Groß. Männlich. Mit dunklem Haar und einem Gesicht, das Erik irgendwie bekannt vorkam.
Die Gestalt lächelte. „Hallo, Schwester.“
Helena erbleichte. „Dimitri.“
Der Vampir – Helenas Bruder – trat ins Licht. Seine Augen waren rot, aber anders als die anderen. Intelligenter. Fast… menschlich.
„Du läufst“, sagte er. „Das ist neu. Die Helena, die ich kannte, rannte nie.“
„Die Helena, die du kanntest, ist lange tot“, presste Helena hervor. Sie hob ihre Pistole, richtete sie auf sein Herz. „Genau wie du.“
„Bin ich das?“ Dimitri sah theatralisch an sich herunter. „Ich fühle mich sehr lebendig.“
„Was willst du?“
„Reden. Mit dir. Allein.“ Seine Augen wanderten zu den anderen. „Aber ich sehe, du hast Freunde. Und ein Baby.“ Sein Blick ruhte auf Sophie, die Frau Hartmann fest an sich drückte. „Ein halb verwandeltes Baby. Interessant.“
„Bleib weg von ihr“, zischte Marcus.
„Oder was? Du erschießt mich?“ Dimitri lachte. „Ich habe Kugeln überlebt, die größer waren als deine Pistole, Jäger.“
„Dimitri.“ Helenas Stimme brach. „Bitte. Lass uns gehen.“
„Lass euch gehen?“ Dimitri neigte den Kopf. „Aber ihr habt gerade etwas getan, das den Rat sehr wütend macht. Ihr habt versucht, eines seiner Geschenke zu stehlen.“
„Das Baby ist kein Geschenk. Es ist ein Leben.“
„Für euch vielleicht. Für uns…“ Dimitri zuckte mit den Schultern. „Es ist Ressource. Werkzeug. Mittel zum Zweck.“
„Du warst einmal menschlich“, flüsterte Helena. „Du hattest einmal ein Herz.“
„Das war vor vierzig Jahren, Schwester. Viel hat sich geändert.“ Dimitri trat näher. „Aber vielleicht… kannst du mich daran erinnern. An das, was ich war.“
„Wie?“
„Komm mit mir. Allein. Rede mit mir. Und ich lasse deine Freunde gehen.“
„Das ist eine Falle“, sagte Marcus sofort.
„Natürlich ist es eine Falle.“ Dimitri grinste. „Aber es ist auch ein Angebot. Das einzige, das ihr bekommen werdet.“
Helena sah zu den anderen. Dann zurück zu ihrem Bruder.
„In Ordnung“, sagte sie. „Ich komme.“
„Helena, nein!“ Erik griff nach ihrem Arm. „Du kannst ihm nicht trauen!“
„Ich weiß.“ Helena lächelte traurig. „Aber ich muss es versuchen. Für alle von uns.“
Sie reichte Marcus ihre Pistole. Dann ging sie auf Dimitri zu.
Er streckte seine Hand aus. Sie nahm sie.
„Bis bald, Jäger“, sagte Dimitri zu den anderen. „Passt auf das Baby auf. Wir werden es bald zurückholen.“
Dann verschwanden sie. Einfach so. In die Dunkelheit, zu schnell, um sie zu verfolgen.
Erik stand da, gelähmt, während die Morgensonne endlich über die Dächer stieg.
Helena war weg.
Und er hatte keine Ahnung, ob er sie jemals wiedersehen würde.
Der vierte Teil, die Kapitel 9 bis 11, erscheinen am Sonntag (11.1.). Zuvor, am Mittwoch (7.1.) erscheint der dritte Teil in englischer Sprache.
The fourth part, chapters 9 to 11, will be released on Sunday (11 January). Prior to that, on Wednesday (7 January), the third part will be released in English.