Band 3: Die Sommersonnenwende
PROLOG: Sechs Monate später
Der Schnee fiel leise auf München.
Dicke, schwere Flocken, die die Stadt in eine Decke aus Weiß hüllten. Es war der einundzwanzigste Dezember, die Wintersonnenwende, der kürzeste Tag des Jahres. Um vier Uhr nachmittags war es bereits dunkel, die Straßenlaternen warfen gelbe Lichtkegel auf die verschneiten Gehwege.
Erik Schönwaldt stand am Fenster seines Büros und beobachtete die Stadt unter sich. Sein Atem beschlug die kalte Scheibe. Mit dem Ärmel wischte er sie frei, nur um zu sehen, wie der Nebel sofort zurückkehrte.
Sechs Monate.
Sechs Monate seit der Schlacht am Odeonsplatz. Sechs Monate seit Helenas Opfer. Sechs Monate, in denen er versuchte, ihre Schuhe zu füllen – und jeden Tag aufs Neue spürte, wie sie ihm zu groß waren.
Der Seelenschlüssel hing schwer um seinen Hals. Erik griff danach, fühlte das vertraute Gewicht, die Wärme, die von ihm ausging. In den letzten Monaten war der Schlüssel zu einem Teil von ihm geworden. Oder er zu einem Teil des Schlüssels – manchmal wusste er nicht mehr, wo die Grenze verlief.
Du wirst es lernen, flüsterten die Stimmen in seinem Kopf. So wie wir es lernten. So wie alle vor dir.
„Halt die Klappe“, murmelte Erik und wandte sich vom Fenster ab.
Sein Büro – Helenas altes Büro – war größer geworden. Mehr Möbel, mehr Akten, mehr Verantwortung. An den Wänden hingen Karten von München, jede mit dutzenden farbigen Stecknadeln markiert. Rot für Vampir-Sichtungen. Blau für gelöste Fälle. Schwarz für die Toten.
Zu viele schwarze Nadeln.
Trotz allem, was sie getan hatten, trotz der Schlacht, trotz des Sieges – München war nicht sicher. Es würde nie wirklich sicher sein. Die Vampire waren nur vorsichtiger geworden, versteckten sich tiefer, jagten selektiver.
Aber sie waren noch da.
Und Katalin… Katalin war irgendwo da draußen. Verwundet, geschwächt, aber nicht tot. Erik spürte es. Manchmal, in den stillen Stunden der Nacht, glaubte er, ihre Präsenz zu fühlen. Eine Kälte, die nicht vom Winter kam.
Ein Klopfen an der Tür.
„Herein.“
Marcus trat ein, den Arm noch immer in einer Schlinge. Die Verletzungen von der Schlacht waren schlimmer gewesen, als er zugegeben hatte. Drei gebrochene Rippen, eine durchbohrte Lunge, und ein Stich, der nur knapp sein Herz verfehlt hatte. Die Ärzte sagten, er hatte Glück gehabt.
Erik sah nur einen Mann, der zu alt für diesen Krieg geworden war.
„Lagebericht“, sagte Marcus und ließ sich in den Sessel vor dem Schreibtisch fallen. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, aber er versuchte, es zu verbergen. „Drei Vorfälle letzte Nacht. Alle im Westend.“
„Vampire?“
„Wahrscheinlich. Zwei Obdachlose, tot aufgefunden. Extreme Anämie. Die üblichen Wunden.“ Marcus legte einen Ordner auf den Tisch. „Weber hat die Autopsien gemacht. Gleiche Bissmuster wie früher, aber… anders.“
„Anders, wie?“
„Weniger präzise. Fast… gehetzt.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Als hätten die Täter Angst gehabt. Oder waren unerfahren.“
Erik öffnete den Ordner, sah sich die Fotos an. Die Wunden waren tatsächlich anders – tiefer, unregelmäßiger. Nicht die chirurgische Präzision, die Katalins Vampire gezeigt hatten.
„Neue Vampire“, sagte er. „Jung. Ungezügelt.“
„Das denke ich auch. Was bedeutet, dass jemand sie erschafft.“ Marcus lehnte sich zurück. „Die Frage ist: wer? Katalin ist abgetaucht. Dimitri ist mit ihr verschwunden. Wer immer das macht, ist entweder neu in der Stadt oder–“
„Oder es ist jemand, den wir übersehen haben.“ Erik schloss den Ordner. „Yuki, ist sie noch in der Bibliothek?“
„Wo sonst?“ Marcus lächelte schwach. „Sie hat seit drei Tagen das Archiv nicht verlassen. Ich glaube, sie schläft dort unten.“
„Ich spreche mit ihr.“ Erik stand auf, griff nach seiner Jacke. „Was ist mit den neuen Rekruten?“
„Sarah wird nächste Woche aus dem Krankenhaus entlassen. Die Wunde ist verheilt, aber die Narbe…“ Marcus verstummte. Sie alle trugen Narben jetzt, manche sichtbar, manche nicht.
„James?“
„Immer noch in Therapie. Das mit seiner Tochter… das hat ihn gebrochen, Erik. Ich weiß nicht, ob er jemals wieder einsatzbereit sein wird.“
Erik nickte. James hatte seine Tochter gerettet, aber der Preis war hoch gewesen. Das Mädchen hatte zwei Monate in Katalins Fängen verbracht. Was auch immer dort geschehen war, sie sprach nicht darüber. Und James… James konnte kaum noch seine Tochter ansehen, ohne zusammenzubrechen.
„Und Kenji?“
„Trainiert die Neuen. Fünf haben wir jetzt. Alle motiviert, alle fähig. Aber…“ Marcus zögerte. „Sie sind jung, Erik. Zu jung. Sie haben noch nie gegen etwas Echtes gekämpft.“
„Dann werden sie es lernen.“ Erik zog die Jacke an, fühlte das vertraute Gewicht der Waffen in den Innentaschen. „Wie wir alle lernen mussten.“
„Helena hätte mehr Zeit für Training gehabt.“
„Helena hatte zwanzig Jahre.“ Eriks Stimme wurde schärfer, als er beabsichtigt hatte. „Ich habe sechs Monate. Und ich tue mein Bestes.“
Marcus hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß. Tut mir leid. Ich bin nur… müde.“
„Wir sind alle müde.“ Erik ging zur Tür, hielt dann inne. „Geh nach Hause, Marcus. Ruh dich aus. Das ist ein Befehl.“
„Seit wann gibst du mir Befehle?“ Aber Marcus lächelte, wenn auch matt.
„Seit Helena mir diesen verdammten Ring gegeben hat.“ Erik berührte das Silber an seinem Finger. „Und seit du derjenige bist, der mir sagt, ich solle ihn ernst nehmen.“
„Touché.“ Marcus stand mühsam auf. „Aber wenn etwas passiert–“
„Dann rufe ich dich an. Versprochen.“
Marcus nickte und ging. Erik blieb noch einen Moment stehen, sah auf das Chaos seines Schreibtischs. Berichte, Fotos, alte Zeitungen mit Schlagzeilen über die „Gasexplosion“ am Odeonsplatz. Die offizielle Geschichte, die die Welt glaubte.
Die Lüge, die notwendig war.
Erik seufzte und verließ das Büro.
Die Zentrale der Nachtwache hatte sich in den letzten Monaten verändert.
Was einmal die alte Buchhandlung gewesen war, war jetzt nur noch eine Fassade. Dahinter lagen drei Stockwerke aus modernster Technik, Trainingsräumen, und einem Archiv, das Jahrhunderte umfasste.
Erik stieg die Wendeltreppe hinunter ins Untergeschoss, wo die Luft kühler wurde und nach altem Papier roch. Am Ende des Gangs leuchtete Licht unter einer Tür hervor.
Die Bibliothek.
Er klopfte, wartete.
„Herein!“ Yukis Stimme klang müde.
Erik öffnete die Tür. Der Raum war groß, mit Regalen, die bis zur Decke reichten. Tische waren mit Büchern übersät, alte Manuskripte, verstaubte Folianten, und Yukis Laptop, der inmitten des Chaos wie ein Anachronismus wirkte.
Yuki saß an einem der Tische, die Brille auf der Nasenspitze, das schwarze Haar zu einem unordentlichen Dutt gebunden. Vor ihr lagen drei aufgeschlagene Bücher, alle in Sprachen, die Erik nicht identifizieren konnte.
„Du solltest schlafen“, sagte er.
„Du auch.“ Yuki sah nicht auf. „Aber hier sind wir beide.“
Erik setzte sich ihr gegenüber. „Marcus sagt, die neuen Vampire sind anders. Ungezügelt.“
„Ich weiß. Ich habe die Berichte gelesen.“ Yuki schob ein Buch zur Seite, griff nach einem anderen. „Und ich glaube, ich weiß, warum.“
„Erzähl.“
„Erinnerst du dich, was Katalin in ihrem Ritual versucht hat? Die ewige Nacht?“ Yuki tippte auf eine Seite in dem Buch. „Sie hat es nicht geschafft. Aber das Ritual… es hat Spuren hinterlassen. Energetische Resonanzen entlang der Ley-Linien.“
„Auf Deutsch?“
Yuki lächelte schwach. „Die Barriere zwischen unserer Welt und… der anderen Seite ist dünner geworden. Nicht viel, aber genug. Vampire können jetzt leichter erschaffen werden. Der Transformationsprozess ist schneller, weniger kontrolliert.“
„Was bedeutet, dass mehr Menschen sich verwandeln.“
„Und die, die sich verwandeln, sind instabiler. Hungriger. Gefährlicher.“ Yuki nahm ihre Brille ab, rieb sich die Augen. „Wir sehen erst den Anfang, Erik. Wenn wir nichts unternehmen, wird München in einem Jahr ein Vampir-Nest sein.“
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Was können wir tun?“
„Die Barriere verstärken. Es gibt Rituale, alte Rituale, die–“ Yuki verstummte, ihr Blick fiel auf etwas hinter Erik.
Er drehte sich um.
Am Rand des Raums, halb verborgen im Schatten zwischen zwei Regalen, stand eine Gestalt.
Eriks Hand schoss zu seiner Waffe. „ARIA!“ rief er. „Eindringling in der Bibliothek! Alarm!“
Nichts. Die KI antwortete nicht.
„Eure künstliche Intelligenz ist… pausiert“, sagte die Gestalt mit einer Stimme, die männlich und alt klang, mit einem Akzent, den Erik nicht einordnen konnte. „Nur vorübergehend. Ich wollte nicht, dass wir gestört werden.“
„Wer auch immer du bist“, Erik zog die Waffe, zielte auf die Schatten, „du hast drei Sekunden, dich zu zeigen, bevor ich schieße.“
„Keine Gewalt, bitte.“ Die Gestalt hob langsam die Hände, Handflächen nach außen. „Ich bin nicht gekommen, um zu kämpfen.“
„Das sagen sie alle“, knurrte Erik. „Raus ins Licht. Jetzt.“
Die Gestalt trat vor. Zentimeter für Zentimeter, als hätte sie alle Zeit der Welt.
Es war ein Mann – oder etwas, das einmal ein Mann gewesen war. Alt, vielleicht siebzig im äußeren Erscheinungsbild, mit langem grauem Haar, das über seine Schultern fiel. Sein Gesicht war kantig, von Zeit und Schmerz gezeichnet, mit tiefen Furchen um Mund und Augen. Er trug einen langen dunklen Mantel, der aussah, als stamme er aus einem anderen Jahrhundert – schweres Tuch, mit seltsamen Symbolen am Saum bestickt.
Aber es waren die Augen, die Erik innehalten ließen. Silbern. Nicht grau – silbern, wie poliertes Metall, leuchtend im schwachen Licht der Bibliothek. Kein Mensch hatte solche Augen.
Vampir. Ein sehr, sehr alter.
„Wie bist du hier reingekommen?“ Erik senkte die Waffe nicht. „Unsere Barrieren sollten–“
„Eure Barrieren sind beeindruckend. Wirklich.“ Der Alte lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. „Für junge Vampire wären sie unüberwindbar. Ultraviolette Strahlung in den Türrahmen. Gesegnetes Salz unter den Schwellen. Silberstaub in der Belüftung. Helena hat gute Arbeit geleistet.“ Er neigte respektvoll den Kopf. „Aber ich… ich bin alt. Älter als eure Fallen. Älter als diese Stadt.“
„Wer bist du?“ Yuki hatte eine Flasche Weihwasser in der Hand, bereit zu werfen.
Der Alte musterte sie beide mit einem Blick, der tausend Jahre zu umfassen schien. „Mein Name ist Lucian. Vor tausend Jahren trug ich einen anderen Namen, in einem Land, das nicht mehr existiert. Aber das spielt keine Rolle mehr.“ Seine silbernen Augen fixierten Erik. „Ich war einst Teil des Rates. Ich diente Katalin, der Großen Mutter, die ihr bekämpft. Fünfhundert Jahre lang war ich ihr Schatten, ihr Vollstrecker, ihr treuester Diener.“
„War?“ Eriks Finger lag am Abzug.
„War.“ Lucians Stimme wurde härter. „Ich bin nicht mehr loyal zu Katalin. Im Gegenteil – ich bin hier, um zu warnen.“
„Warnen wovor?“ Yukis Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte die Anspannung hören.
„Vor dem, was kommen wird.“ Lucian trat näher, langsam, vorsichtig. „Katalin plant ihre Rache. Ihr denkt, ihr habt sechs Monate Ruhe. Aber das ist falsch. Sie hat die ganze Zeit gearbeitet, tief unter der Stadt. Sammelt Kraft. Sammelt Verbündete.“
„Was will sie?“
„Das Gleiche wie immer. Die ewige Nacht. Das Tor zur anderen Seite.“ Lucian blieb zwei Meter entfernt stehen. „Aber diesmal wird sie nicht scheitern. Sie hat aus ihren Fehlern gelernt. Und sie hat etwas gefunden… etwas, das alles ändert.“
„Was?“
„Die Legende der drei Schlüssel.“ Lucians Blick fiel auf Eriks Brust, wo der Seelenschlüssel unter seiner Jacke verborgen war. „Du trägst einen. Aber es gibt zwei weitere. Und wenn Katalin alle drei findet, wenn sie sie zur nächsten Sommersonnenwende benutzt…“ Er verstummte.
„Was passiert dann?“ drängte Erik.
„Dann wird nicht nur München fallen. Dann wird die Welt, wie ihr sie kennt, enden.“ Lucian senkte seine Hände. „Die Urväter werden erwachen. Die ersten Vampire, so alt, dass sie Göttern gleichen. Und wenn sie erwachen…“
„Dann ist es vorbei“, flüsterte Yuki.
„Ja.“
Stille füllte die Bibliothek. Erik konnte sein eigenes Herz hören, schnell, zu schnell.
„Warum sollten wir dir glauben?“ fragte er schließlich. „Du bist ein Vampir. Teil des Rates.“
„War Teil des Rates.“ Lucians Stimme wurde härter. „Ich diente Katalin tausend Jahre. Ich glaubte an ihre Vision. Aber was sie jetzt plant… das ist nicht Vision. Das ist Wahnsinn. Die Urväter sollten schlafen. Für immer. Wenn sie erwachen, werden sie nicht zwischen Mensch und Vampir unterscheiden. Sie werden alles verschlingen.“
„Und du willst uns helfen, sie aufzuhalten.“
„Ich will die Welt nicht enden sehen. Auch nicht nach tausend Jahren.“ Lucian holte etwas aus seinem Mantel, eine Karte, alt und vergilbt. Er legte sie auf den Tisch. „Die anderen zwei Schlüssel. Ich weiß, wo sie sind. Oder zumindest, wo sie sein sollten.“
Erik und Yuki beugten sich über die Karte. Zwei Orte waren markiert. Einer in Wien. Einer in… Erik verengte die Augen.
„Schloss Falkenstein“, flüsterte er.
„Ja.“ Lucian nickte. „Dort, wo deine Geschichte begann. Dort, wo sie enden könnte.“
Erik griff nach der Karte, studierte sie. Seine Gedanken rasten. Wenn das stimmte, wenn es wirklich drei Schlüssel gab, wenn Katalin sie alle suchte…
„Wir müssen sie zuerst finden“, sagte er.
„Ja. Aber seid vorsichtig.“ Lucian wandte sich zur Tür. „Katalin ist nicht allein. Sie hat Verbündete, mächtiger als ihr euch vorstellen könnt. Und sie wird alles tun, um die Schlüssel zu bekommen.“
„Warte.“ Erik stand auf. „Wohin gehst du?“
„Zurück in die Schatten. Wo ich hingehöre.“ Lucian blieb im Türrahmen stehen, drehte sich halb um. „Aber ich werde euch helfen, wo ich kann. Informationen. Warnungen. Mehr kann ich nicht bieten.“
„Warum?“
„Weil ich müde bin, Erik Schönwaldt. Müde von Krieg. Müde von Tod. Und weil…“ Er zögerte. „Weil Helena mir einmal das Leben rettete. Vor langer Zeit, als ich noch glaubte, Erlösung sei möglich. Sie zeigte mir, dass es einen anderen Weg gibt.“
„Du kanntest Helena?“
„Flüchtig. Aber genug, um zu wissen, dass sie bemerkenswert war. Und dass ihr Opfer nicht umsonst sein sollte.“ Lucian lächelte schwach. „Ehrt ihr Andenken. Stoppt Katalin. Rettet die Welt.“
Dann war er verschwunden, so leise, wie er gekommen war.
„Warte.“ Erik stand auf. „Wohin gehst du?“
„Zurück in die Schatten. Wo ich hingehöre.“ Lucian blieb im Türrahmen stehen, drehte sich halb um. „Aber ich werde euch helfen, wo ich kann. Informationen. Warnungen. Mehr kann ich nicht bieten.“
„Warum?“ Eriks Stimme wurde schärfer. „Warum wirklich? Nach tausend Jahren plötzlich ein Gewissen?“
Lucian schwieg einen langen Moment. Seine silbernen Augen fixierten Erik, und zum ersten Mal sah Erik etwas darin – nicht nur Trauer, sondern echten Schmerz.
„Weißt du, was das Schlimmste am Vampirdasein ist?“ fragte Lucian leise. „Nicht der Hunger. Nicht die Einsamkeit. Es ist das Erinnern. Wir vergessen nichts, Erik. Jedes Gesicht. Jeder Schrei. Jeder Tropfen Blut. Tausend Jahre Erinnerungen, die niemals verblassen.“
Er trat zurück ins Licht, nur für einen Moment. „Ich erinnere mich an meine erste Jagd. An das Mädchen, das ich tötete. Sie war zwölf Jahre alt, hatte braune Augen, und sie bat mich um Gnade.“ Seine Stimme brach leicht. „Das war vor neunhundert Jahren. Und ich sehe ihr Gesicht noch immer. Jede Nacht.“
„Und jetzt willst du Vergebung?“ fragte Yuki, ihre Stimme sanfter.
„Vergebung?“ Lucian lachte bitter. „Nein. Die verdiene ich nicht. Aber vielleicht…“ Er sah zum Fenster, wo draußen München schlief. „Vielleicht kann ich verhindern, dass noch mehr Gesichter zu meinen Erinnerungen hinzukommen. Dass noch mehr Kinder sterben für Katalins Wahnsinn.“
„Du könntest für uns arbeiten“, sagte Erik plötzlich. „Der Nachtwache beitreten. Nicht alle Vampire sind unsere Feinde.“
„Das weiß ich. Helena hat mir das gezeigt.“ Lucian schüttelte den Kopf. „Aber ich bin zu alt, zu schuldig. Zu viele von euren Jägern würden mich töten wollen – mit Recht. Nein, ich bleibe im Schatten. Ein Informant. Ein Geist.“ Er wandte sich zur Tür. „Wenn ich mehr erfahre über Katalins Pläne, werde ich euch kontaktieren. Achtet auf die Zeichen.“
„Welche Zeichen?“
„Ihr werdet sie erkennen.“ Lucians Stimme wurde zu einem Flüstern. „Und Erik?“
„Ja?“
„Vertraue dem Schlüssel nicht zu sehr. Ich kenne seine Geschichte. Die Seelen darin… sie wollen frei sein. Und sie werden dich benutzen, wenn du sie lässt.“
Bevor Erik antworten konnte, war Lucian verschwunden. Nicht gegangen – verschwunden. Als hätte er sich in die Schatten aufgelöst.
Erik und Yuki standen da, starrten auf die leere Tür.
„Glaubst du ihm?“ fragte Yuki schließlich.
„Ich weiß es nicht.“ Erik sah auf die Karte. „Aber wenn er Recht hat… wenn es wirklich drei Schlüssel gibt…“
„Dann haben wir keine Wahl.“ Yuki nahm die Karte, faltete sie zusammen. „Wir müssen sie finden. Bevor Katalin es tut.“
Erik nickte langsam. Er fühlte das Gewicht des Schlüssels um seinen Hals, spürte seine Wärme, sein Flüstern.
Es beginnt, sagten die Stimmen. Das Ende oder der Anfang. Nur du kannst entscheiden.
„Versammle das Team“, sagte Erik. „Alle. Wir haben viel zu besprechen.“
„Jetzt? Es ist fast Mitternacht.“
„Katalin wartet nicht auf bequeme Zeiten.“ Erik ging zur Tür. „Und wir auch nicht.“
Weit unter der Stadt, tiefer als die Katakomben, tiefer als die U-Bahn-Tunnel, tiefer als das Fundament Münchens selbst, saß Katalin in ihrem neuen Thronsaal.
Er war kleiner als der alte, provisorischer. Aber er würde ausreichen. Für jetzt.
Dimitri kniete vor ihr, den Kopf gesenkt.
„Lucian hat sie kontaktiert“, sagte er. „Wie du vorhergesagt hast.“
„Natürlich hat er das.“ Katalin lächelte. „Lucian war immer vorhersehbar. Seine Sentimentalität ist seine Schwäche.“
„Glaubst du, sie werden die Schlüssel suchen?“
„Ich weiß, dass sie es werden. Erik ist impulsiv, jung, verzweifelt, etwas zu tun.“ Katalin stand auf, ging zu einem Spiegel – nicht ein echter Spiegel, sondern eine magische Projektion, die die Stadt darüber zeigte. „Er wird nach Wien gehen. Und nach Falkenstein. Genau wie ich es will.“
„Warum?“
„Weil während er jagt, wir vorbereiten.“ Katalin berührte den Spiegel, genau wo die Frauenkirche war. „Die Sommersonnenwende ist in sechs Monaten. Genug Zeit, um alles zu arrangieren.“
„Und wenn er die Schlüssel findet?“
„Dann nehmen wir sie ihm ab.“ Katalin wandte sich zu Dimitri. „Aber ich glaube nicht, dass er sie finden wird. Nicht alle. Nicht rechtzeitig.“
„Du hast sie bereits.“
Katalins Lächeln wurde breiter. Sie ging zu einem kleinen Altar in der Ecke, wo unter einem schwarzen Tuch etwas verborgen lag. Sie zog das Tuch weg.
Dort, auf schwarzem Samt, lagen zwei Schlüssel. Eisern, alt, mit Ornamenten, die im schwachen Licht glühten.
„Der Wiener Schlüssel und der Falkenstein-Schlüssel“, sagte sie. „Beide bereits in meinem Besitz. Lucians Karte ist eine Lüge. Ein schöner Köder.“
„Dann was ist in Wien? Was ist in Falkenstein?“
„Fallen. Sehr clevere Fallen.“ Katalin deckte die Schlüssel wieder zu. „Wenn Erik dort hingeht, wird er beschäftigt sein. Verletzt vielleicht. Geschwächt definitiv. Und während er kämpft, werden wir hier arbeiten. Ungestört.“
„Brillant.“ Dimitri stand auf. „Und sein Schlüssel?“
„Werden wir nehmen. Zur Sommersonnenwende. Wenn alles bereit ist.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Geduld, mein Sohn. Geduld ist unsere größte Waffe.“
Sie setzte sich, schloss die Augen.
Draußen, Hunderte Meter über ihr, feierte München das Ende des kürzesten Tages. Lichter glitzerten, Weihnachtsmärkte waren voll, Menschen lachten.
Ahnungslos.
Immer ahnungslos.
Katalin lächelte im Dunkeln.
Nur noch sechs Monate.
Dann würde die Sonne für immer untergehen.
## KAPITEL 1: Die neue Normalität
Der Wecker klingelte um fünf Uhr morgens.
Erik schlug blind danach, traf ihn beim dritten Versuch. Das Klingeln verstummte, aber der Schaden war angerichtet – er war wach. Vollständig, schmerzhaft wach.
Er lag noch einen Moment da, starrte an die Decke seiner Wohnung. Dieselbe Wohnung wie vor sechs Monaten, aber sie fühlte sich anders an. Fremder. Als gehörte sie jemand anderem.
Vielleicht tat sie das. Der Mann, der hier einmal gelebt hatte – der Versicherungsangestellte mit dem langweiligen Job und den vorhersehbaren Wochenenden – existierte nicht mehr. An seiner Stelle war… was? Ein Vampirjäger? Ein Anführer? Ein Mann, der mit toten Menschen sprach?
Erik setzte sich auf, rieb sich das Gesicht. Er hatte wieder schlecht geschlafen. Albträume, wie jede Nacht. Manchmal war es Helena, die fiel. Manchmal Clara, die in Flammen aufging. Manchmal seine Urgroßeltern, gefangen für die Ewigkeit.
Und manchmal – das war am schlimmsten – träumte er von den Menschen, die er nicht gerettet hatte. Den Gesichtern am Odeonsplatz, die von der Dunkelheit verschlungen wurden, bevor er sie erreichen konnte.
*Vierunddreißig*, flüsterten die Stimmen in seinem Kopf. Die Seelen im Schlüssel, die nie schweigen. *Vierunddreißig Tote. Nicht schlecht. Aber auch nicht gut genug.*
„Ich habe mein Bestes getan“, murmelte Erik, stand auf.
*Dein Bestes ist nie genug. Nicht in diesem Krieg.*
Er ignorierte die Stimmen, ging ins Badezimmer. Das Licht über dem Spiegel flackerte – musste seit Wochen ausgetauscht werden, aber Erik fand nie die Zeit. Er sah sein Spiegelbild an.
Sechsundzwanzig Jahre alt, aber er sah älter aus. Dunkle Ringe unter den Augen. Das Haar länger, als er es normalerweise trug. Stoppeln, die zu einem Bart werden wollten, den er sich nie nehmen würde.
Und die Narben. Neue Narben, die sich zu den alten gesellten. Eine dünne Linie an seinem Hals, wo Valentinas Klaue ihn gestreift hatte. Eine Brandwunde am linken Unterarm, vom Ritual am Odeonsplatz. Und über seinem Herzen, kaum sichtbar – die Stelle, wo er den Seelenschlüssel gegen seine Brust gedrückt hatte, als das Licht aus ihm herausbrach.
Erik drehte sich vom Spiegel weg. Manche Dinge sah man besser nicht zu lange an.
Die Dusche war kalt – die Heizung in seinem Altbau funktionierte nur sporadisch. Aber die Kälte half, ihn wachzurütteln. Er duschte schnell, zog sich an. Schwarze Jeans, dunkles Hemd, Lederjacke. Praktisch, unauffällig. Und genug Taschen für Waffen.
Der Seelenschlüssel lag auf dem Nachttisch, wo er ihn jede Nacht hinlegte. Erik nahm ihn, hielt ihn einen Moment in der Hand. Im Morgenlicht sah er harmlos aus. Nur ein alter Schlüssel.
Aber Erik konnte das Pulsieren spüren. Das Flüstern der Seelen, die darin gefangen waren. Die Macht, die darauf wartete, freigesetzt zu werden.
*Trage mich*, flüsterten die Stimmen. *Nutze mich. Wir sind bereit.*
„Ich weiß.“ Erik legte den Schlüssel um seinen Hals, fühlte das vertraute Gewicht. „Aber nur, wenn es sein muss.“
*Es muss immer sein. Früher oder später.*
Erik verließ die Wohnung um halb sechs. Draußen war es noch dunkel, die Straßen leer bis auf ein paar frühe Pendler und die Müllabfuhr. Der Schnee vom Vortag war zu grauem Matsch geworden, der seine Schuhe durchnässte.
Er ging zu Fuß zur Zentrale. Zwanzig Minuten durch die erwachende Stadt. Normalerweise hätte er die U-Bahn genommen, aber seit der Schlacht am Odeonsplatz mied er unterirdische Orte. Zu viele Erinnerungen. Zu viele Schatten.
Die Straßen Münchens sahen friedlich aus im Morgengrauen. Weihnachtsbeleuchtung hing noch in den Schaufenstern, obwohl Weihnachten vorbei war. Ein paar frühe Bäckereien waren geöffnet, der Geruch von frischem Brot hing in der Luft.
Normal. Alles so normal.
Erik wusste es besser. Er sah die Zeichen, die andere übersahen. Die Graffiti an bestimmten Wänden – nicht gewöhnliche Tags, sondern Markierungen in einer alten Sprache. Warnungen. Territoriumsgrenzen.
Die Obdachlosen, die in Hauseingängen schliefen – manche waren wirklich obdachlos. Andere waren Wächter, Vampire, die den Tag verschliefen, aber nachts die Straßen kontrollierten.
Und die Schatten. Immer die Schatten, die sich bewegten, wenn sie nicht sollten.
*Du siehst zu viel*, sagten die Stimmen. *Das ist die Last des Trägers. Du kannst nicht mehr wegsehen.*
„Will ich auch nicht“, murmelte Erik.
Er erreichte die Buchhandlung um sechs. Von außen sah sie immer noch aus wie früher – geschlossen, verstaubt, vergessen. Aber als Erik die Tür öffnete und den Code in das versteckte Tastenfeld eingab, veränderte sich alles.
Lichter flackerten auf. Die Regale voller Bücher waren nur eine Illusion – Hologramme, projiziert von Geräten in den Wänden. Dahinter lagen die echten Räume. Das Herz der Nachtwache.
„Guten Morgen, Erik“, sagte eine synthetische Stimme aus den Lautsprechern. ARIA – Automated Response and Intelligence Assistant. Yukis neueste Schöpfung, ein KI-System, das die Sicherheit überwachte.
„Morgen, ARIA. Status?“
„Keine Vorfälle über Nacht. Alle Sicherheitssysteme funktional. Marcus kam um 4:37 Uhr, ist im Trainingsraum. Yuki ist in der Bibliothek, wie immer.“
„Sie war die ganze Nacht hier?“
„Affirmativ. Soll ich sie daran erinnern, dass Menschen Schlaf benötigen?“
„Tu das.“ Erik ging durch den Vorhang zur Treppe. „Und sag Marcus, er soll aufhören zu trainieren, bevor er sich noch mehr verletzt.“
„Übermittelt. Möchtest du Kaffee?“
„Immer.“
Erik stieg die Wendeltreppe hinunter. Die Zentrale war in den letzten Monaten gewachsen. Was einmal drei Stockwerke gewesen war, waren jetzt fünf. Yuki hatte alte Katakomben unter dem Gebäude entdeckt und sie in Lagerräume und ein erweitertes Archiv verwandelt.
Auf der zweiten Ebene hielt Erik an. Hier waren die Trainingsräume. Durch die Glaswand konnte er Marcus sehen, der trotz seiner Verletzungen gegen einen Boxsack einschlug.
Erik öffnete die Tür. „Du solltest dich ausruhen.“
Marcus hielt inne, keuchend, schweißgebadet. „Sagt der Mann, der jeden Tag um fünf aufsteht.“
„Ich habe keine gebrochenen Rippen.“
„Die sind verheilt.“ Marcus griff nach einem Handtuch, wischte sich das Gesicht ab. „Meistens.“
„Marcus–“
„Ich kann nicht einfach dasitzen, Erik.“ Marcus‘ Stimme wurde härter. „Ich bin seit dreißig Jahren Jäger. Das ist alles, was ich kenne. Wenn ich aufhöre…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wer ich bin, wenn ich nicht kämpfe.“
Erik verstand das. Besser, als er zugeben wollte.
„Dann trainiere die Neuen“, sagte er. „Kenji ist gut, aber er braucht Hilfe. Fünf Rekruten sind viel für einen Mann.“
„Ich bin kein Lehrer.“
„Du warst meiner.“ Erik lächelte schwach. „Und ich lebe noch.“
„Knapp.“ Aber Marcus lächelte auch. „In Ordnung. Ich spreche mit Kenji. Aber ich will auch im Feld sein, wenn es ernst wird.“
„Wenn es ernst wird, brauche ich jeden.“ Erik wandte sich zur Tür. „Lagebesprechung um acht. Sei da.“
„Aye, Boss.“
Erik ging weiter nach unten, zur dritten Ebene. Hier waren die Büros, der Konferenzraum, die Kommandozentrale mit ihren Dutzenden Monitoren, die verschiedene Teile Münchens überwachten.
Und in der Ecke, fast versteckt – Helenas altes Büro. Jetzt seins.
Erik blieb vor der Tür stehen, wie jeden Morgen. Zögerte, wie jeden Morgen.
*Sie ist tot*, sagten die Stimmen. *Du kannst sie nicht zurückbringen. Geh hinein. Tu deine Arbeit.*
Er öffnete die Tür.
Das Büro war aufgeräumt – Erik hatte die meisten von Helenas persönlichen Sachen entfernt, in Kartons verpackt, im Archiv gelagert. Aber ein paar Dinge hatte er behalten. Ein Foto von Helena und ihrem Team, aufgenommen vor zehn Jahren. Alle lächelnd, jung, hoffnungsvoll.
Die meisten von ihnen waren jetzt tot.
Und auf dem Schreibtisch, in einem einfachen Rahmen – der Brief, den Helena ihm hinterlassen hatte. Erik las ihn nicht mehr jeden Tag, aber er war da. Eine Erinnerung.
*Bereitschaft kommt nicht durch Warten. Sie kommt durch Handeln.*
Erik setzte sich, schaltete den Computer ein. Während er hochfuhr, trank er den Kaffee, den ARIA auf seinen Schreibtisch gebeamt hatte. Nicht wirklich gebeamt – ein Vakuumröhrensystem, das Yuki installiert hatte. Aber manchmal fühlte es sich wie Magie an.
Der Bildschirm flackerte auf. Dutzende offene Fenster – Berichte, Überwachungsvideos, E-Mails von Kontakten in der ganzen Stadt.
Erik begann zu arbeiten.
Zwei Stunden vergingen in einem Strudel aus Daten. Sichtungsberichte von letzter Nacht. Drei Vampire im Westend – Marcus hatte Recht gehabt. Alle jung, unerfahren. Eines der neuen Wesen, das die geschwächte Barriere erschaffen hatte.
Ein Einbruch in ein Blutdepot im Klinikum. Nichts gestohlen, aber Spuren von etwas… anderem. Yuki musste das analysieren.
Und dann, begraben zwischen Spam und Routinemeldungen – eine E-Mail, die Erik innehalten ließ.
Der Absender: A.Berger.
Anna.
Erik öffnete sie.
*Erik,*
*Ich hoffe, diese Nachricht erreicht dich. Ich weiß, wir sollten nicht direkt kommunizieren (du hast das oft genug gesagt), aber ich muss dich etwas fragen.*
*Lukas ist jetzt fast zwei. Er ist gesund, glücklich, völlig normal. Die Ärzte sagen, es gibt keine Anzeichen von… von dem, was passiert ist. Das Ritual hat funktioniert.*
*Aber manchmal, nachts, wacht er schreiend auf. Und wenn ich ihn beruhige, sagt er Dinge. Worte in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Alte Worte.*
*Ist das normal? Kann das… kann noch etwas von der Dunkelheit in ihm sein?*
*Bitte, sag mir die Wahrheit. Ich kann das nicht allein durchstehen.*
*Anna*
Erik lehnte sich zurück, rieb sich die Augen. Verdammt.
Lukas sollte geheilt sein. Das Ritual, das sie durchgeführt hatten, bevor die große Schlacht – es sollte alle Spuren der Vampir-Essenz entfernt haben. Thomas hatte es selbst überprüft, dreimal.
Aber Thomas war tot. Und niemand anderes in der Nachtwache hatte sein Wissen über Rituale.
Erik griff nach seinem Handy, tippte eine Antwort.
*Anna,*
*Bring Lukas morgen zur Zentrale. Nachmittags, 14 Uhr. Ich lasse ihn untersuchen.*
*Erik*
Kurz, sachlich. Aber was sollte er sonst sagen? „Keine Sorge, dein Kind ist wahrscheinlich nicht von dämonischer Energie besessen“?
Er schickte die Nachricht, machte sich eine Notiz. Morgen, 14 Uhr, Lukas untersuchen. Vielleicht konnte Yuki helfen. Oder einer der neuen Rekruten – Kenji hatte Erfahrung mit spiritueller Reinigung.
Ein Klopfen an der Tür.
„Herein.“
Yuki trat ein, einen Stapel Bücher unter dem Arm, die Brille schief auf der Nase. Sie sah erschöpft aus, aber ihre Augen leuchteten mit der Intensität, die Erik kannte – sie hatte etwas gefunden.
„Ich muss mit dir reden“, sagte sie ohne Präambel.
„Über Lucians Karte?“
„Über alles.“ Yuki ließ die Bücher auf seinen Schreibtisch fallen. „Ich habe die ganze Nacht geforscht. Die Legende der drei Schlüssel, die Urväter, alles.“
„Und?“
„Und es ist wahr. Alles davon.“ Yuki setzte sich, zog eines der Bücher zu sich. „Sieh dir das an.“
Es war ein altes Manuskript, handgeschrieben, in einer Sprache, die Erik für Latein hielt, aber nicht ganz.
„Das ist ein Text aus dem 12. Jahrhundert“, erklärte Yuki. „Geschrieben von einem Mönch namens Gregor, der behauptete, die Urväter gesehen zu haben. Hier–“ Sie deutete auf eine Passage. „Er beschreibt drei Artefakte, geschmiedet von den ersten Alchemisten. Schlüssel, die die Tore zwischen den Welten öffnen können.“
„Wie der Seelenschlüssel.“
„Genau. Aber mächtiger, wenn sie zusammen sind. Separat öffnen sie Türen, schaffen Barrieren, manipulieren Energie. Aber zusammen…“ Yuki sah auf. „Zusammen können sie die Urväter erwecken. Die ersten Vampire, die vor der Sintflut existierten.“
„Vor der Sintflut? Das ist–“
„Mythologie, ich weiß. Aber was, wenn es nicht ist? Was, wenn es eine Zeit gab, lange vor der aufgezeichneten Geschichte, als Vampire die Welt beherrschten? Und was, wenn sie nicht ausstarben, sondern nur… schliefen?“
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Wo schlafen sie?“
„Das weiß niemand. Die Texte sprechen von einem Ort ‚jenseits der Schleier‘, ‚unter dem tiefsten Meer‘, ‚im Herzen der Erde‘. Metaphern vielleicht. Oder buchstäblich.“ Yuki lehnte sich zurück. „Aber wenn Katalin die drei Schlüssel benutzt, findet sie den Weg. Und dann…“
„Dann erweckt sie Götter.“
„Nicht Götter. Aber nahe genug.“ Yukis Gesicht war ernst. „Erik, wenn das passiert, können wir nichts tun. Niemand kann. Die Urväter sind jenseits von allem, was wir bekämpfen können.“
„Dann stellen wir sicher, dass es nicht passiert.“ Erik stand auf. „Lucians Karte zeigt Wien und Falkenstein. Wenn die Schlüssel dort sind, müssen wir sie zuerst finden.“
„Ich komme mit.“
„Nein. Du bleibst hier, hältst die Zentrale. Marcus kann nicht führen, nicht mit seinen Verletzungen. Ich brauche dich hier.“
„Aber–“
„Das ist ein Befehl, Yuki.“ Eriks Stimme wurde fester. „Wenn etwas passiert, wenn Katalin angreift, während ich weg bin, bist du die Einzige, die alles zusammenhalten kann.“
Yuki wollte protestieren, sah aber etwas in Eriks Gesicht, das sie innehalten ließ. Sie nickte langsam.
„In Ordnung. Aber nimm jemanden mit. Sarah ist fast geheilt, sie kann–“
„Ich nehme Kenji. Er ist am besten trainiert von den Neuen.“ Erik ging zur Tür. „Und vielleicht… vielleicht James.“
„James? Erik, er ist nicht bereit. Mental nicht.“
„Dann wird es Zeit, dass er bereit wird. Ich kann ihn nicht für immer schützen.“ Erik öffnete die Tür. „Lagebesprechung in zwanzig Minuten. Sag den anderen Bescheid.“
Er ging, bevor Yuki weiter diskutieren konnte.
—
Der Konferenzraum war voll, als Erik eintrat.
Marcus saß am Tisch, frisch geduscht, aber immer noch erschöpft aussehend. Yuki hatte ihren Laptop aufgeklappt, Kabel verbanden ihn mit dem Hauptmonitor.
Und die Neuen: Kenji, der japanische Mönch, saß im Lotussitz auf seinem Stuhl, die Augen geschlossen, meditierend. Sarah, die ehemalige Polizistin, lehnte an der Wand, einen Kaffeebecher in der Hand. Ihr linker Arm war noch bandagiert, aber sie wirkte kampfbereit.
Und in der Ecke, fast versteckt – James. Er sah dünner aus als vor sechs Monaten, das Gesicht eingefallen, die Augen unstet. Er begegnete Eriks Blick nicht.
Die drei anderen Rekruten waren im Feld, Nachtpatrouille.
„Danke, dass ihr gekommen seid“, begann Erik und setzte sich an das Kopfende. Helenas Platz. Sein Platz jetzt.
„Was gibt’s, Boss?“ Sarah nahm einen Schluck Kaffee. „ARIA sagte, es wäre dringend.“
„Es ist dringend.“ Erik nickte Yuki zu. Sie tippte auf ihrem Laptop, und der Monitor flackerte auf.
Die Karte, die Lucian ihnen gegeben hatte, erschien. Die beiden markierten Orte leuchteten rot.
„Letzte Nacht hatten wir Besuch“, sagte Erik. „Ein Vampir namens Lucian. Ehemaliges Ratsmitglied, behauptet, übergelaufen zu sein.“
„Glaubst du ihm?“ fragte Marcus.
„Ich weiß es nicht. Aber was er sagte…“ Erik stand auf, ging zur Karte. „Er warnte uns vor Katalins Plan. Sie will das Ritual zur nächsten Sommersonnenwende wiederholen. Aber diesmal mit drei Artefakten – drei Seelenschlüsseln.“
Stille im Raum.
„Drei?“ Sarah stellte ihren Becher ab. „Ich dachte, es gäbe nur einen.“
„Dachten wir auch.“ Yuki übernahm. „Aber ich habe die ganze Nacht recherchiert. Die Legende ist real. Es gibt drei Schlüssel, geschmiedet vor Jahrhunderten. Separat sind sie mächtig. Zusammen sind sie… gottgleich.“
„Und Katalin will alle drei.“ Kenji öffnete die Augen. „Um was zu tun?“
„Die Urväter zu erwecken.“ Eriks Stimme war ruhig, aber fest. „Die ersten Vampire. Wenn sie erwachen, fällt nicht nur München. Sondern die Welt.“
„Scheiße“, flüsterte Sarah.
„Wo sind die anderen Schlüssel?“ fragte Marcus.
„Laut Lucians Karte: einer in Wien, einer in Schloss Falkenstein.“ Erik deutete auf die Markierungen. „Ich werde beide Orte besuchen. Die Schlüssel finden, bevor Katalin es tut.“
„Wann?“
„Morgen. Ich fliege nach Wien, durchsuche das Museum, wo der Schlüssel sein soll. Dann weiter nach Falkenstein.“
„Ich komme mit.“ Marcus stand auf.
„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Du bleibst hier, überwachst die Rekruten. Yuki bleibt, koordiniert alles. Sarah–“ Er sah sie an. „Du bist noch nicht einsatzbereit. Tut mir leid.“
„Verdammt, Erik–“
„Das ist keine Diskussion.“ Erik wandte sich zu Kenji. „Du kommst mit mir. Und James.“
Alle starrten ihn an. James sah auf, Überraschung und Angst in seinen Augen.
„Ich… ich kann nicht“, stammelte James. „Ich bin nicht… ich bin nicht bereit.“
„Dann wirst du es unterwegs.“ Erik ging zu ihm, kniete sich hin, sah ihm in die Augen. „James, ich weiß, was du durchgemacht hast. Was deine Tochter durchgemacht hat. Aber du kannst nicht für immer im Schatten bleiben. Katalin hat dich gebrochen. Zeit, dass du zurückschlägst.“
„Und wenn ich versage? Wenn ich euch im Stich lasse?“
„Dann lässt du uns im Stich. Aber ich glaube nicht, dass du das tust.“ Erik stand auf. „Wir fliegen morgen früh. Packt leicht. Waffen, das Nötigste. Wir sind in drei Tagen zurück.“
„Und wenn es eine Falle ist?“ Yuki‘ Stimme war leise. „Wenn Lucian lügt?“
„Dann gehen wir hinein mit offenen Augen.“ Erik berührte den Seelenschlüssel um seinen Hals. „Aber wir haben keine Wahl. Wenn die Schlüssel echt sind, wenn Katalin sie sucht – wir müssen zuerst dort sein.“
„Und wenn sie schon dort ist?“ fragte Marcus.
„Dann kämpfen wir.“ Eriks Stimme wurde härter. „Wie wir immer kämpfen.“
Er sah jeden von ihnen an, einer nach dem anderen. Sah die Zweifel, die Ängste, aber auch die Entschlossenheit.
„Wir haben die letzte Schlacht gewonnen“, sagte er. „Aber wir haben auch viel verloren. Thomas. Helena. Zu viele andere. Ich werde nicht zulassen, dass ihr Opfer umsonst war. Wir werden Katalin stoppen. Was auch immer es kostet.“
„Was auch immer es kostet“, wiederholte Marcus. Einer nach dem anderen schlossen sich die anderen an.
Sogar James, seine Stimme kaum hörbar.
„Was auch immer es kostet.“
—
Nach der Besprechung blieb Erik noch im Konferenzraum. Die anderen waren gegangen, Vorbereitungen zu treffen, zu packen, zu planen.
Nur Yuki blieb, räumte ihren Laptop zusammen.
„Erik“, sagte sie leise. „Darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Glaubst du wirklich, dass James bereit ist? Oder versuchst du nur, ihn zu retten?“
Erik schwieg einen Moment. „Beides“, gab er schließlich zu. „Aber hauptsächlich das Letztere.“
„Das ist gefährlich. Für ihn. Für euch alle.“
„Ich weiß. Aber…“ Erik sah zum Fenster, wo draußen München erwachte. „Helena hätte nicht aufgegeben. Nicht bei ihm. Nicht bei irgendjemanden. Sie glaubte, dass jeder gerettet werden kann.“
„Und du?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich muss es versuchen.“ Erik wandte sich zu ihr. „Pass auf sie auf, während ich weg bin. Auf alle.“
„Das werde ich.“ Yuki ging zur Tür, hielt dann inne. „Und Erik? Komm zurück. Lebendig. Wir brauchen dich.“
„Ich tue mein Bestes.“
„Dein Bestes ist nie genug.“ Yuki lächelte schwach. „Also tu mehr.“
Dann war sie weg.
Erik blieb allein im Konferenzraum zurück. Er ging zum Fenster, sah auf die Stadt hinaus.
Irgendwo da draußen, tief unter den Straßen, plante Katalin. Wartete. Lauerte.
Und in zwei Tagen würde Erik in ihre Falle gehen.
Wenn es eine war.
Wenn nicht… dann vielleicht, nur vielleicht, hatten sie eine Chance.
*Du weißt, dass es eine Falle ist*, flüsterten die Stimmen. *Lucian arbeitet für sie. Die Schlüssel sind nicht dort. Du verschwendest Zeit.*
„Vielleicht“, sagte Erik laut. „Aber ich muss sicher sein.“
*Sicherheit ist eine Illusion. Es gibt nur Handeln und Warten. Und Warten tötet.*
„Dann handeln wir.“ Erik berührte den Schlüssel, fühlte seine Wärme. „Und wir werden sehen, wer Recht hat.“
Er verließ den Raum, ging zurück zu seinem Büro.
Es gab noch viel zu tun vor morgen. Flüge buchen. Waffen vorbereiten. Kontakte in Wien und im Schwarzwald warnen.
Und morgen Nachmittag – Lukas untersuchen. Das Kind, das sie gerettet hatten. Das Kind, das vielleicht doch nicht ganz geheilt war.
Erik setzte sich an seinen Schreibtisch, begann zu tippen.
Die Arbeit ging weiter.
Sie ging immer weiter.
Bis zum Ende.
Was auch immer das Ende sein mochte.
—
Weit unter der Stadt, in ihrem neuen Thronsaal, spürte Katalin die Bewegung.
„Er beißt an“, sagte sie zu Dimitri. „Genau wie vorhergesagt.“
„Sollen wir die Fallen aktivieren?“
„Noch nicht. Lass ihn nach Wien kommen. Lass ihn denken, er hätte eine Chance.“ Katalin lächelte. „Je mehr Hoffnung er hat, desto süßer wird die Verzweiflung sein, wenn er die Wahrheit erfährt.“
„Und wenn er die Schlüssel findet?“
„Das wird er nicht. Aber selbst wenn…“ Katalin berührte die beiden echten Schlüssel auf ihrem Altar. „Wir haben, was wir brauchen. Sein Schlüssel kommt später. Zur Sommersonnenwende.“
„Sechs Monate.“
„Sechs Monate.“ Katalins Augen glühten im Dunkeln. „Und dann wird alles anders.“
Sie schloss die Augen, sank in ihre Meditation.
Draußen ging die Sonne auf über München.
Ahnungslos wie immer.
Aber nicht mehr lange.
KAPITEL 2: Reisevorbereitungen
Der Tag verging in fieberhaften Vorbereitungen.
Erik verbrachte Stunden damit, die Reise zu organisieren. Flüge nach Wien – drei Tickets, morgen früh um sechs. Ein Mietwagen für die Fahrt nach Falkenstein. Kontakte in beiden Städten, diskrete Anfragen, ob jemand ungewöhnliche Vampir-Aktivitäten bemerkt hatte.
Die Antworten waren … beunruhigend.
In Wien hatte es in den letzten zwei Wochen fünf ungeklärte Todesfälle gegeben. Alle in der Nähe des Kunsthistorischen Museums, wo laut Lucians Karte der zweite Schlüssel sein sollte. Die österreichische Nachtwache – eine kleine Zelle, nur drei Mitglieder – berichtete von erhöhter Vampir-Präsenz in der Innenstadt.
Und Falkenstein …
Erik starrte auf die E-Mail von Herr Bachmann, dem alten Mann aus dem Dorf in der Nähe des Schlosses. Er hatte Eriks Kontaktdaten aus den Akten der Nachtwache bekommen.
Herr Schönwaldt,
Das Schloss ist nicht mehr verlassen. Seit drei Monaten leben dort … Dinge. Wir hören sie nachts. Sehen Lichter in den Fenstern. Manche aus dem Dorf sind verschwunden – drei bisher. Die Polizei findet keine Spuren.
Ich rate Ihnen, nicht zu kommen. Was auch immer dort ist, es ist schlimmer als zuvor.
Gott schütze Sie.
H. Bachmann
Erik lehnte sich zurück. Schlimmer als zuvor. Schlimmer als der Vampir, der seine Urgroßeltern gefangen gehalten hatte. Schlimmer als Clara.
Du solltest nicht gehen, flüsterten die Stimmen. Das ist Selbstmord.
„Vielleicht“, murmelte Erik. „Aber die Alternative ist schlimmer.“
Er schrieb eine kurze Antwort an Bachmann, bedankte sich für die Warnung, versicherte ihm, dass er vorsichtig sein würde. Was sollte er sonst sagen?
Um zwölf Uhr verließ Erik die Zentrale kurz, um Waffen zu besorgen. Nicht aus dem offiziellen Arsenal der Nachtwache – die besten Waffen bekam man woanders.
Er fuhr in den Süden Münchens, zu einem Industriegebiet, das nachts von Obdachlosen und Drogenabhängigen bewohnt wurde. Tagsüber war es leer, verlassen. Perfekt für diskrete Geschäfte.
Die Werkstatt lag hinter einer verfallenen Fabrik, getarnt als KFZ-Reparatur. Aber die Autos, die hier repariert wurden, waren nicht das Hauptgeschäft.
Erik parkte, ging zur Hintertür, klopfte dreimal.
„Wer ist da?“ Eine raue Stimme, verzerrt durch einen Lautsprecher.
„Erik Schönwaldt. Helena hat mich geschickt.“
Eine Pause. Dann: „Helena ist tot.“
„Ich weiß. Ich bin ihr Nachfolger.“
Die Tür öffnete sich. Dahinter stand ein Mann, der aussah wie ein Biker – groß, breit, mit Tattoos auf beiden Armen und einem dichten Bart. Aber seine Augen waren scharf, wachsam.
„Gunther“, begrüßte Erik ihn.
„Schönwaldt.“ Gunther trat beiseite. „Komm rein. Schnell.“
Erik trat ein. Die Werkstatt war größer, als sie von außen aussah. Werkbänke säumten die Wände, bedeckt mit Werkzeugen, Metallteilen, und … Waffen. Viele Waffen.
Pistolen, Gewehre, Armbrüste, Messer. Manche sahen normal aus. Andere waren eindeutig modifiziert – mit Silberkugeln, gesegneten Spitzen, UV-Lampen.
„Was brauchst du?“ fragte Gunther und ging zu einer der Werkbänke.
„Ich reise nach Wien und in den Schwarzwald. Könnte auf ältere Vampire treffen.“ Erik sah sich um. „Etwas Tragbares, aber Effektives.“
„Älter? Wie alt?“
„Jahrhunderte. Vielleicht mehr.“
Gunther pfiff leise. „In die große Liga, huh?“ Er öffnete einen Schrank, holte etwas heraus. „Dann brauchst du das hier.“
Er legte drei Gegenstände auf die Werkbank.
Erstens: Eine Pistole. Kleiner als eine normale, fast wie eine Spielzeugpistole. Aber das Metall glänzte silbern, und an der Seite waren Runen eingraviert.
„Glock 19, modifiziert. Silberkugeln, gesegnet von einem Priester in Rom. Fünfzehn Schuss. Stoppt alles bis zu fünfhundert Jahren.“ Gunther tätschelte die Waffe liebevoll. „Und du brauchst mehr Feuerkraft.“
Zweitens: Ein Messer. Lang, schmal, die Klinge aus einem Material, das Erik nicht identifizieren konnte. Nicht Stahl. Etwas Dunkleres.
„Obsidian-Klinge, geschmiedet mit Asche von Vampiren. Schneidet durch fast alles. Und wenn es das Herz trifft …“ Gunther machte eine auseinanderbrechende Geste. „Sofortiger Tod. Kein Wiederkommen.“
Drittens: Ein kleines Gerät, nicht größer als ein Feuerzeug. Mit einem Knopf an der Seite.
„UV-Granate. Neueste Modell. Drück den Knopf, wirf es, such Deckung. Drei Sekunden später – Boom. UV-Licht, stark genug, um einen Vampir in Asche zu verwandeln. Radius: zehn Meter.“
„Wie viele hast du?“
„Von den Granaten? Vier.“ Gunther holte sie aus einer Schublade. „Mehr kann ich nicht entbehren. Die Dinger sind teuer in der Herstellung.“
„Ich nehme sie alle.“ Erik griff in seine Jacke, holte einen Umschlag heraus. Bargeld. Die Nachtwache bezahlte gut, und Erik hatte gelernt, immer Reserven zu haben.
Gunther zählte das Geld, nickte zufrieden. „Es ist mir ein Vergnügen, Geschäfte zu machen.“ Er packte die Waffen in eine unauffällige Sporttasche. „Und Schönwaldt?“
„Ja?“
„Sei vorsichtig da draußen. Helena war eine gute Kundin. Wäre schade, wenn ihr Nachfolger nach sechs Monaten stirbt.“
„Ich tue mein Bestes.“ Erik nahm die Tasche. „Wenn ich zurückkomme, brauche ich vielleicht schwereres Gerät. Für die Sommersonnenwende.“
Gunthers Gesicht wurde ernst. „Ich habe Gerüchte gehört. Über Katalin. Über ein großes Ritual.“
„Die Gerüchte sind wahr.“
„Dann fang schon mal an zu sparen. Für das, was du brauchst, um gegen sie zu kämpfen …“ Er schüttelte den Kopf. „Das wird nicht billig.“
„Geld ist kein Problem. Leben zu retten, ist unbezahlbar.“
„Schön gesagt. Helena hätte das gemocht.“ Gunther führte ihn zur Tür. „Geh mit Gott, Schönwaldt. Oder an was auch immer du glaubst.“
Erik verließ die Werkstatt, die Tasche unter dem Arm. Der Himmel hatte sich verdunkelt – Wolken, dick und grau, hingen tief. Es würde bald wieder schneien.
Er fuhr zurück zur Zentrale, parkte in der versteckten Garage unter dem Gebäude. Als er ausstieg, wartete jemand auf ihn.
James.
Er stand im Schatten, die Hände in den Taschen, das Gesicht blass.
„Erik“, sagte er leise. „Können wir reden?“
„Natürlich.“ Erik schloss das Auto ab. „Was gibt’s?“
„Ich… ich weiß nicht, ob ich das kann. Die Reise. Nach Wien, nach Falkenstein.“ James‘ Stimme zitterte. „Seit… seit dem, was mit meiner Tochter passiert ist, kann ich nicht mehr kämpfen. Jedes Mal, wenn ich einen Vampir sehe, erinnere ich mich…“
„An sie. In Katalins Fängen.“ Erik nickte. „Ich verstehe.“
„Tust du das?“ James sah auf. Seine Augen waren rot, als hätte er geweint. „Weißt du, wie es ist, dein Kind leiden zu sehen? Zu wissen, dass du es nicht beschützen konntest?“
Erik dachte an Lukas. An die anderen Babys. An all die Menschen, die er nicht gerettet hatte.
„Nicht genau“, gab er zu. „Aber ich weiß, wie es ist, zu versagen. Menschen sterben zu sehen, die du hättest retten sollen.“
„Und wie lebst du damit?“
„Indem ich weiterkämpfe. Indem ich versuche, beim nächsten Mal besser zu sein.“ Erik legte James die Hand auf die Schulter. „James, ich bringe dich nicht mit, um dich zu quälen. Ich bringe dich mit, weil ich glaube, dass du heilen musst. Und manchmal heilt man nur, indem man sich dem stellt, was einen gebrochen hat.“
„Und wenn es mich noch mehr bricht?“
„Dann wirst du nicht allein sein. Ich bin da. Kenji ist da. Wir lassen dich nicht fallen.“
James schwieg lange. Dann, langsam, nickte er. „In Ordnung. Ich komme mit. Aber ich kann nichts versprechen.“
„Musst du nicht. Komm einfach mit. Der Rest findet sich.“ Erik nahm die Tasche. „Hast du gepackt?“
„Noch nicht.“
„Dann tu das. Wir fliegen morgen um sechs. Sei um fünf hier.“
James nickte und ging. Erik sah ihm nach, fühlte eine Mischung aus Hoffnung und Angst. James war ein guter Mann, ein guter Jäger. Aber er war gebrochen. Und gebrochene Menschen waren unvorhersehbar.
Du riskierst zu viel, flüsterten die Stimmen. Er wird dich im Stich lassen. Oder Schlimmeres.
„Vielleicht“, murmelte Erik. „Aber Helena hätte es versucht. Also versuche ich es auch.“
Er ging nach oben, zurück zu seinem Büro. Aber als er die Treppe erreichte, hörte er etwas. Stimmen. Aufgeregte Stimmen, aus dem Konferenzraum.
Erik beschleunigte seine Schritte.
Im Konferenzraum fand er das ganze Team versammelt. Marcus, Yuki, Kenji, Sarah. Und auf dem Hauptmonitor – ein Nachrichtensender.
„Was ist los?“ fragte Erik.
„Das.“ Marcus deutete auf den Bildschirm.
Der Nachrichtensprecher sah ernst aus. Hinter ihm eine Breaking-News-Grafik.
„…ein weiterer mysteriöser Vorfall in der Münchner Innenstadt. Augenzeugen berichten von seltsamen Phänomenen rund um die Frauenkirche zur Mitternacht. Lichter am Himmel, unerklärliche Geräusche, und mehrere Personen, die das Bewusstsein verloren haben.“
Die Kamera schwenkte zu Aufnahmen vom Marienplatz. Polizeiautos, Krankenwagen. Und Menschen, die auf Tragen weggetragen wurden, blass, ihre Augen geschlossen.
„Wie viele?“ fragte Erik.
„Sieben“, antwortete Yuki. „Alle gefunden in einem Kreis um die Frauenkirche. Alle mit den gleichen Symptomen: extreme Erschöpfung, Gedächtnisverlust, und …“ Sie zögerte. „Bissspuren am Hals.“
„Verdammt.“ Erik ging näher an den Monitor. „Das war ein Ritual.“
„Zur Wintersonnenwende“, sagte Kenji. „Ein Markierungsritual. Um die Ley-Linien zu aktivieren.“
„Genau.“ Yuki tippte auf ihrem Laptop. Eine Karte von München erschien auf einem zweiten Monitor. Sieben Punkte leuchteten rot auf, alle um die Frauenkirche herum. „Die Opfer wurden an genau diesen Punkten gefunden. Die gleichen Punkte, die Katalin für das Sommersonnenwenden-Ritual braucht.“
„Sie bereitet vor“, sagte Marcus. „Markiert die Stadt. Macht sie bereit für das große Ritual.“
„Aber das ist in sechs Monaten.“ Sarah runzelte die Stirn. „Warum so früh?“
„Weil solche Rituale Zeit brauchen.“ Thomas‘ Stimme – nein, nicht Thomas. Er war tot. Aber Erik erinnerte sich an seine Worte, aus Monaten des Trainings. „Man kann nicht einfach zur Sommersonnenwende erscheinen und ein Ritual durchführen. Man muss die Orte vorbereiten. Die Energie aufbauen. Die Barrieren schwächen.“
„Und sie tut das jetzt“, sagte Erik. „Während wir nach Wien jagen.“
„Du denkst, es ist eine Ablenkung?“ fragte Yuki.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht beides. Die Schlüssel sind wichtig, aber die Vorbereitung auch.“ Erik ging zur Karte, studierte die Punkte. „Yuki, kannst du diese Orte überwachen? 24/7?“
„Ich kann Kameras installieren. ARIA kann sie überwachen.“ Yuki machte sich Notizen. „Aber wenn Katalin wieder zuschlägt, wenn sie mehr Opfer braucht …“
„Dann greift ein anderes Team ein.“ Erik wandte sich zu Sarah. „Du führst. Marcus unterstützt, aber du triffst die Entscheidungen im Feld.“
„Ich?“ Sarah sah überrascht aus. „Aber ich bin erst seit sechs Monaten dabei.“
„Und du bist eine der Besten. Ex-Polizistin, Kampftraining, schnelles Denken.“ Erik lächelte. „Helena hätte dich gewählt. Ich wähle dich.“
Sarah nickte langsam, eine Mischung aus Stolz und Angst in ihrem Gesicht. „In Ordnung. Ich werde dich nicht enttäuschen.“
„Das weiß ich.“ Erik sah auf die Uhr. 13:37. „Verdammt. Ich habe einen Termin. Anna bringt Lukas.“
„Heute?“ Yuki sah auf. „Erik, mit allem, was passiert–“
„Ist ein zweijähriges Kind immer noch wichtig.“ Erik ging zur Tür. „Marcus, Sarah, bereitet ein Schutzteam vor. Drei Leute, Nachtschicht, überwachen die markierten Orte. Kenji, pack für morgen. Yuki, installiere die Kameras.“
„Und du?“ fragte Marcus.
„Ich kümmere mich um ein Kind, das vielleicht von Dunkelheit besessen ist.“ Erik öffnete die Tür. „Der übliche Mittwoch.“
Anna Berger kam pünktlich um vierzehn Uhr.
Erik empfing sie an der Vordertür der Buchhandlung, die für Besucher normalerweise geschlossen war. Anna sah müde aus, dunkle Ringe unter den Augen, ihr blondes Haar zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden.
In ihren Armen: Lukas. Ein kleiner Junge mit braunen Locken und großen, neugierigen Augen. Er sah gesund aus, normal. Ein ganz normaler Zweijährige.
Aber Erik konnte etwas spüren. Eine Kälte, die von dem Kind ausging. Nicht stark, kaum wahrnehmbar. Aber da.
„Danke, dass du gekommen bist“, sagte Erik und führte sie nach innen.
„Ich hatte keine Wahl“, antwortete Anna. Ihre Stimme war angespannt. „Letzte Nacht hat er wieder … Dinge gesagt. Im Schlaf. Worte, die ich nicht verstehe.“
„Kannst du dich an welche erinnern?“
Anna zögerte. Dann: „Kath’arn. Immer wieder. Kath’arn.“
Katalin. Das Kind sprach Katalins Namen.
Erik fühlte einen kalten Schauer. „Komm mit. Wir haben einen speziellen Raum für … Untersuchungen.“
Er führte sie durch die Buchhandlung, nach unten, durch die Sicherheitsschleusen. Annas Augen wurden größer, als sie die moderne Technik sah, die versteckten Räume.
„Was ist das hier?“ fragte sie.
„Die Zentrale der Nachtwache. Unser Hauptquartier.“ Erik führte sie zu einem kleineren Raum auf der dritten Ebene. „Hier drinnen.“
Der Raum war weiß, steril, mit einem Untersuchungstisch in der Mitte. An den Wänden: medizinische Geräte, aber auch andere Dinge. Kristalle, Weihrauch, alte Texte.
Kenji wartete bereits, in seinen Mönchsroben, eine Gebetskette in der Hand.
„Das ist Kenji“, stellte Erik vor. „Er ist… Spezialist für spirituelle Reinigung.“
„Frau Berger.“ Kenji verneigte sich leicht. „Bitte, setzen Sie sich. Ich werde Lukas untersuchen.“
Anna setzte sich, hielt Lukas fest. Der Junge sah sich neugierig um, griff nach allem, was glänzte.
Kenji trat näher, kniete sich vor den Jungen. „Hallo, Lukas. Ich bin Kenji. Darf ich dich ansehen?“
Lukas musterte ihn mit großen Augen. Dann nickte er.
Kenji begann seine Untersuchung. Zuerst normal – Puls, Atmung, Reflexe. Alles schien in Ordnung.
Dann holte er eine kleine Schale hervor, füllte sie mit Wasser, murmelte etwas darüber. Weihwasser, realisierte Erik.
Kenji tauchte seine Finger hinein, berührte Lukas‘ Stirn.
Der Junge zuckte zurück, begann zu weinen.
„Mama!“ Er klammerte sich an Anna.
„Was hast du getan?“ Anna stand auf, schützend.
„Nichts Schmerzhaftes, verspreche ich.“ Kenji sah zu Erik. „Aber es ist, wie ich befürchtete. Da ist noch etwas in ihm. Ein Fragment. Sehr klein, aber präsent.“
„Ein Fragment wovon?“
„Der Vampir-Essenz. Von dem, der ihn ursprünglich biss.“ Kenji wischte das Wasser ab. „Das Ritual hat das meiste entfernt, aber nicht alles. Ein kleines Stück hat überlebt, versteckt tief in seiner Seele.“
„Was bedeutet das?“ Annas Stimme zitterte. „Wird er … wird er sich verwandeln?“
„Nein. Nicht von selbst. Das Fragment ist zu klein.“ Kenji stand auf. „Aber es ist eine Verbindung. Eine Tür. Und wenn jemand diese Tür öffnet, von der anderen Seite …“
„Dann können sie Lukas erreichen“, beendete Erik den Satz. „Ihn beeinflussen. Durch ihn sprechen.“
„Genau.“
Annas Gesicht war aschfahl geworden. „Wer würde das tun? Wer will meinen Sohn?“
Erik und Kenji tauschten einen Blick.
„Valentina“, sagte Erik leise. „Die Vampirin, die ihn gebissen hat. Sie ist noch da draußen. Mit Katalin.“
„Und sie nutzt die Verbindung“, fügte Kenji hinzu. „Um durch Lukas zu sprechen. Um zu sehen, was er sieht. Vielleicht sogar, um Informationen zu sammeln.“
„Das ist …“ Anna setzte sich wieder, hielt Lukas fest. „Das ist ein Albtraum.“
„Können wir es entfernen?“ fragte Erik. „Das Fragment?“
„Ja. Aber es erfordert ein Ritual. Stärker als das letzte. Und …“ Kenji zögerte. „Es könnte schmerzhaft sein. Für Lukas.“
„Ich will nicht, dass er leidet.“ Anna‘ Augen füllten sich mit Tränen. „Er hat schon genug durchgemacht.“
„Ich weiß. Aber wenn wir das Fragment nicht entfernen, wird Valentina weiter durch ihn sprechen. Weiter ihn benutzen.“ Erik kniete sich vor Anna. „Und zur Sommersonnenwende, wenn Katalin ihr Ritual durchführt … das Fragment könnte aktiviert werden. Lukas könnte Teil des Rituals werden, ob er will oder nicht.“
Anna schluckte. „Wie lange haben wir?“
„Für das Ritual? Ich kann es in einer Woche durchführen“, sagte Kenji. „Ich muss mich vorbereiten, die richtigen Materialien sammeln.“
„Aber ich bin nicht hier.“ Erik stand auf. „Ich reise nach Wien und Falkenstein. Für drei, vielleicht vier Tage.“
„Dann mache ich es, wenn du zurück bist.“ Kenji sah Anna an. „Bis dahin – haltet Lukas von großen Menschenmengen fern. Von dunklen Orten. Und wenn er wieder diese Worte sagt, diese fremden Worte, schreibt sie auf. Sie könnten wichtig sein.“
Anna nickte, Tränen liefen ihr übers Gesicht. „Danke. Danke, dass ihr helft.“
„Das ist, was wir tun.“ Erik führte sie zur Tür. „Wir beschützen. Egal was.“
Er brachte Anna und Lukas zurück nach oben, zur Vordertür. Draußen hatte es begonnen zu schneien, große dicke Flocken, die die Stadt in Weiß hüllten.
Anna zögerte an der Schwelle. „Erik … seid vorsichtig. Was auch immer in Wien und Falkenstein ist … kommt zurück. Lukas braucht euch.“
„Ich werde zurückkommen.“ Erik lächelte, auch wenn er es nicht fühlte. „Versprochen.“
Anna nickte und ging, Lukas fest in ihren Armen. Erik sah ihnen nach, bis sie in den Schneefall verschwanden.
Du kannst nicht versprechen, was du nicht kontrollieren kannst, flüsterten die Stimmen. Du könntest in Wien sterben. In Falkenstein. In München. Der Tod wartet überall.
„Dann warte ich auch“, murmelte Erik und schloss die Tür.
Der Rest des Tages verging in einem Wirbel.
Sarah und Marcus organisierten die Schutzteams. Drei Gruppen, jeweils zwei Personen, die die markierten Orte überwachten. Sie hatten Waffen, UV-Lampen, direkte Kommunikation mit der Zentrale.
Yuki installierte Kameras – kleine, versteckte Geräte, die kaum zu sehen waren. Binnen Stunden hatte sie ein Netzwerk aufgebaut, das die gesamte Innenstadt überwachte.
Und Erik packte. Kleidung für drei Tage, Waffen, den Seelenschlüssel. Und etwas, das er fast vergessen hatte – ein altes Foto. Von ihm, Helena, Marcus, Thomas und den anderen. Aufgenommen vor sechs Monaten, kurz nach der Schlacht am Odeonsplatz.
Sie lächelten nicht. Aber sie lebten. Und das zählte.
Erik steckte das Foto in seine Tasche, ein Talisman gegen die Dunkelheit.
Um Mitternacht war alles bereit. Erik stand am Fenster seines Büros, sah auf die verschneite Stadt hinaus.
Irgendwo da draußen, an sieben Orten, warteten Katalins Markierungen. Pulsierend mit dunkler Energie, bereiteten den Weg für das große Ritual.
Und in sechs Stunden würde Erik nach Wien fliegen. In eine Falle oder zu einem echten Schlüssel. Er wusste es nicht.
Aber er würde es herausfinden.
Du wirst versagen, flüsterten die Stimmen. Wie alle vor dir.
„Vielleicht“, sagte Erik laut. „Aber nicht heute.“
Er verließ das Büro, ging nach unten, zu den Schlafräumen, die die Zentrale für lange Nächte hatte.
Er musste schlafen. Morgen würde ein langer Tag werden.
Aber als er sich hinlegte, kam der Schlaf nicht. Stattdessen starrte er an die Decke, hörte die Stimmen im Schlüssel, hörte das Flüstern der Stadt.
Und tief unter der Erde, in ihrem Thronsaal, lächelte Katalin.
„Schlaf gut, Erik Schönwaldt“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Denn morgen beginnt dein Ende.“
Dimitri, neben ihr, sah auf. „Die Fallen sind bereit?“
„Bereit und wartend.“ Katalin berührte die beiden Schlüssel auf ihrem Altar. „In Wien wird er nur Tod finden. In Falkenstein wird er Verzweiflung finden. Und wenn er zurückkommt – falls er zurückkommt – wird er gebrochen sein.“
„Und wenn nicht?“
„Dann wird er tot sein. Was auch funktioniert.“ Katalin stand auf, ging zu einer großen Karte an der Wand – München, mit den sieben markierten Orten leuchtend rot. „Bereite die nächste Phase vor. In vier Wochen, zum Neumond im Januar, führen wir das zweite Verstärkungsritual durch.“
„Wieder sieben Opfer?“
„Nein. Vierzehn. Doppelt so viele.“ Katalins Finger fuhr über die Karte, von Punkt zu Punkt, wie eine Spinne über ihr Netz. „Jedes Ritual lädt die Orte auf. Verstärkt die Verbindung zu den Ley-Linien. Zur Wintersonnenwende haben wir die Basis gelegt. Zum Neumond verdoppeln wir die Macht. Dann, jeden Monat, wieder. Januar, Februar, März, April, Mai.“
„Fünf Rituale bis zur Sommersonnenwende.“
„Sechs, wenn man die Wintersonnenwende mitzählt.“ Katalin wandte sich zu Dimitri, ihre Augen glühten im Kerzenlicht. „Sechs Monate. Sechs Rituale. Mit jedem wird die Barriere zwischen unserer Welt und der Anderen dünner. Bis sie am 21. Juni so dünn ist wie Seidenpapier. Dann werden die drei Schlüssel sie zerreißen wie… nun, wie Papier.“
„Und die Nachtwache?“ fragte Dimitri. „Sie werden versuchen, die nächsten Rituale zu verhindern.“
„Lass sie versuchen.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Sie können nicht alle sieben Orte gleichzeitig schützen. Nicht jeden Monat. Nicht über sechs Monate hinweg. Irgendwo, irgendwann werden wir durchbrechen. Und wenn sie einen Ort verlieren, nur einen…“ Sie lächelte kalt. „Dann bricht die ganze Struktur zusammen.“
„Und Erik?“
„Wird beim nächsten Ritual bereits in Wien sein. Oder tot. Oder auf dem Weg nach Falkenstein.“ Katalin lehnte sich zurück. „So oder so – er wird nicht hier sein, um München zu beschützen. Und das ist alles, was zählt.“
„Bis zur Sommersonnenwende.“
„Genau. Dann, wenn die Sonne am längsten scheint, werden wir sie für immer auslöschen.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Sechs Monate. Sechs Rituale. Und am Ende – die ewige Nacht.“
Dimitri verneigte sich und ging, um die Vorbereitungen zu treffen.
Katalin blieb allein zurück, umgeben von Dunkelheit und Kerzenlicht.
Draußen schneite es weiter. Die Stadt schlief, ahnungslos.
Die Wintersonnenwende war vorbei. Das erste Ritual vollbracht.
Aber es war nur der Anfang.
Fünf weitere Rituale warteten.
Fünf weitere Monate bis zur Sommersonnenwende.
Und dann – die ewige Nacht.
—
**ENDE VON KAPITEL 2**
Die nächten drei Kapitel werden am Sonntag (15.2.) veröffentlicht.