PROLOG
Das Grauen auf der Säuglingsstation
Die Nachtschicht war immer die schwerste. Nicht wegen der Arbeit – die war in dieser Abteilung meistens ruhig. Nein, es war die Stille, die Petra Meyer nervös machte. Diese absolute Stille, die nur in Krankenhäusern um drei Uhr morgens existiert, wenn die Welt ihren Atem anhält und selbst die Stadt draußen zu schlafen scheint.
Petra ging durch den Flur der Säuglingsstation im Klinikum rechts der Isar, ihre Gummisohlen quietschten leise auf dem frisch gewischten Linoleum. Das Neonlicht summte über ihr, ein monotones Brummen, das sie nach fünfzehn Jahren in diesem Job kaum noch wahrnahm. In der Hand hielt sie ihr Klemmbrett mit den Kontrollbögen. Alles war wie immer. Vitale Werte stabil. Temperatur konstant. Acht Neugeborene, alle friedlich schlafend.
Sie warf einen Blick durch das Fenster des Säuglingszimmers. Die kleinen Bettchen standen in zwei ordentlichen Reihen, jedes mit seinem Namensschild. Die Monitore zeigten beruhigende grüne Linien – Herzschlag, Atmung, alles in Ordnung.
Petra lächelte. Dies war ihr Lieblingsteil der Arbeit. Diese kleinen Wesen, so neu in der Welt, so verletzlich. Sie zu beschützen, während ihre Eltern zu Hause schliefen, erschöpft von der Geburt und den ersten aufreibenden Tagen. Es war eine Verantwortung, die sie ernst nahm.
Sie ging weiter zum Pausenraum, um ihren Kaffee aufzuwärmen. Die Mikrowelle summte, und Petra starrte gedankenverloren auf die sich drehende Tasse. Noch vier Stunden bis zum Schichtwechsel. Noch vier Stunden, dann würde die Morgenschwester übernehmen, und Petra könnte nach Hause, zu ihrem eigenen kleinen Sohn, der gerade drei Jahre alt geworden war.
Die Mikrowelle piepte. Petra nahm die Tasse, blies auf den dampfenden Kaffee, und–
Ein Geräusch.
Kaum wahrnehmbar, aber da. Ein leises Quietschen, wie von einem Fenster, das geöffnet wurde.
Petra runzelte die Stirn. Die Fenster auf dieser Station waren alle verschlossen, sie hatte es selbst überprüft. Das war Vorschrift. Säuglinge waren anfällig für Zugluft, für Temperaturschwankungen. Und das Sicherheitsprotokoll war streng – alle Fenster mussten nachts verriegelt sein.
Sie stellte den Kaffee ab und ging zurück zum Flur. Alles war still. Keine Bewegung. Vielleicht hatte sie sich das Geräusch nur eingebildet. Die Müdigkeit nach einer langen Schicht konnte einem Streiche spielen.
Aber dann sah sie es.
Am Ende des Flurs, beim Säuglingszimmer. Das Fenster stand einen Spalt offen. Nicht weit, vielleicht zehn Zentimeter. Aber definitiv offen.
Ein kalter Luftzug strich durch den Korridor.
Petra beschleunigte ihre Schritte, ihr Herz schlug plötzlich schneller. Das war nicht möglich. Sie hatte jedes Fenster persönlich kontrolliert, vor nicht einmal einer Stunde. Jedes einzelne.
Sie erreichte das Fenster, schob es zu, verriegelte es mit zitternden Fingern. Draußen lag München in Dunkelheit, nur vereinzelte Straßenlaternen warfen schwache Lichtpunkte auf die leeren Straßen. Der Krankenhaushof darunter war verlassen.
Petra atmete tief durch. Vielleicht hatte das Reinigungspersonal es offen gelassen. Ja, das musste es sein. Ein einfacher Fehler.
Sie wandte sich zum Säuglingszimmer. Durch das Glasfenster konnte sie die Bettchen sehen, die kleinen Gestalten unter ihren Decken. Alles schien in Ordnung.
Aber als sie die Tür öffnete und eintrat, spürte sie es.
Die Temperatur war anders. Kälter. Als hätte jemand einen Kühlschrank geöffnet.
Und da war noch etwas. Ein Geruch. Schwach, aber deutlich. Metallisch. Wie Kupfer. Wie…
Blut.
Petras Atem beschleunigte sich. Sie ging von Bettchen zu Bettchen, überprüfte jedes Baby. Alle schliefen. Alle atmeten ruhig. Normale kleine Atemzüge, die Brust hob und senkte sich im Rhythmus des Lebens.
Aber beim siebten Bettchen hielt sie inne.
Lukas Berger. Geboren vor vier Tagen. Ein gesunder Junge, 3200 Gramm, keine Komplikationen.
Er schlief, genau wie die anderen. Aber sein Gesicht war nach oben gedreht, und am Hals, auf der linken Seite, waren zwei kleine rote Punkte.
Petra beugte sich näher. Ihr Herz hämmerte jetzt so laut, dass sie dachte, es würde die Babys wecken.
Die Punkte waren frisch. Winzig, kaum größer als Nadelstiche. Aber eindeutig da. Und um sie herum, auf der zarten Babyhaut, eine leichte Rötung.
„Was zum Teufel…“, flüsterte Petra.
Sie griff nach der Notfallklingel, drückte sie. Ihr Blick ging zurück zum Fenster. War da eine Bewegung gewesen? Ein Schatten, der sich vom Fensterrahmen löste?
Nein. Das konnte nicht sein. Sie waren im vierten Stock.
Die Tür flog auf. Dr. Mehmet Yildiz, der diensthabende Arzt, stürzte herein.
„Was ist los? Der Alarm–“
„Das Baby“, sagte Petra und deutete auf Lukas. Ihre Stimme zitterte. „Schauen Sie sich seinen Hals an.“
Dr. Yildiz trat näher, holte eine kleine Taschenlampe heraus. Er untersuchte die Punkte, runzelte die Stirn.
„Sieht aus wie Insektenstiche“, sagte er schließlich. „Zwei Mückenstiche vielleicht?“
„Im November? Im vierten Stock? Bei geschlossenen Fenstern?“ Petras Stimme wurde schärfer. „Doktor, das Fenster stand offen. Ich weiß, dass ich es geschlossen hatte, aber es stand offen.“
Dr. Yildiz sah sie an, dann zurück zum Baby. Er betastete die Stelle vorsichtig. Lukas rührte sich nicht, schlief tief und fest.
„Die Haut ist nicht erhitzt. Keine Schwellung. Kein Fieber.“ Er nahm sein Stethoskop, hörte das Herz ab. „Herzschlag normal. Atmung normal.“ Er sah Petra an. „Es sieht nicht nach etwas Ernstlichem aus. Wahrscheinlich hat sich das Baby selbst gekratzt, oder es war tatsächlich ein Insekt, das irgendwie–“
„Das war kein Insekt“, unterbrach Petra. „Und das Kind hat sich nicht gekratzt. Es hat Fäustlinge an.“
Dr. Yildiz schwieg einen Moment. Dann seufzte er. „Was denken Sie denn, was es war?“
Petra öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Was sollte sie sagen? Dass sie ein Fenster im vierten Stock offen gefunden hatte? Dass die Luft nach Blut roch? Dass sie das Gefühl hatte, beobachtet zu werden?
„Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Aber ich will, dass wir das dokumentieren. Und ich will, dass die Eltern morgen früh informiert werden.“
„Selbstverständlich.“ Dr. Yildiz machte sich Notizen. „Ich werde es in die Akte aufnehmen. Zwei oberflächliche Hautläsionen, Ursache unklar. Wir beobachten das Baby über Nacht. Wenn sich irgendetwas ändert, rufen Sie mich sofort.“
Er verließ das Zimmer, und Petra blieb zurück, allein mit den schlafenden Säuglingen.
Sie ging zurück zum Fenster, überprüfte es erneut. Fest verschlossen. Aber als sie hinausblickte in die Dunkelheit, sah sie ihn.
Nur für einen Moment. Nur einen Herzschlag lang.
Eine Gestalt. Auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes. Zu weit entfernt, um Details zu erkennen. Aber sie stand dort, reglos, und starrte zu ihr herüber.
Petra blinzelte.
Die Gestalt war verschwunden.
Sie trat vom Fenster zurück, ihre Hände zitterten. Das war nichts gewesen. Schatten, die Müdigkeit spielte ihr Streiche. Es musste so sein.
Aber den Rest der Nacht blieb sie im Säuglingszimmer. Saß auf einem Stuhl neben Lukas‘ Bettchen. Beobachtete das Baby. Beobachtete das Fenster.
Und versuchte, sich einzureden, dass alles in Ordnung war.
Am nächsten Morgen, als Anna und Michael Berger kamen, um ihren Sohn zu besuchen, erzählte ihr Dr. Yildiz von den „Insektenstichen“. Nichts Ernstes, versicherte er. Nur eine kleine Unregelmäßigkeit. Das Baby sei völlig gesund, alle Untersuchungen seien normal.
Anna nahm Lukas auf den Arm, drückte ihn an ihre Brust. „Mein armer Kleiner“, murmelte sie und küsste seine Stirn.
Sie bemerkte nicht, dass sein Körper kühler war als sonst. Nicht viel, nur ein wenig. Kaum merklich.
Und sie bemerkte nicht, wie seine kleinen Augen, als er kurz aufwachte und sie ansah, für einen Moment einen rötlichen Schimmer hatten. Nur einen Moment, dann waren sie wieder das normale Braun.
Michael unterschrieb die Entlassungspapiere. Sie packten ihre Sachen, setzten Lukas in die Babyschale, und fuhren nach Hause.
In ihre schöne Wohnung in Schwabing, mit dem Kinderzimmer, das sie so liebevoll eingerichtet hatten. Mit dem Mobilé über dem Bett, das kleine Sterne an die Decke warf.
Alles war perfekt.
Alles war normal.
Aber in dieser Nacht, als Anna versuchte, Lukas zu stillen, verweigerte er die Brust. Zum ersten Mal. Er wandte den Kopf weg, begann zu weinen. Ein hohes, durchdringendes Weinen, das nicht aufhören wollte.
Und als Anna, verzweifelt und erschöpft, eine Flasche mit Milchpulver machte, trank er gierig. Aber am nächsten Tag verweigerte er auch die Flasche.
Es sei nur eine Phase, sagte der Kinderarzt. Babys seien manchmal schwierig. Das würde vorübergehen.
Aber es ging nicht vorbei.
Und mit jedem Tag wurde Lukas blasser.
Mit jedem Tag schlief er mehr tagsüber und war nachts hellwach.
Und mit jedem Tag wuchsen die beiden kleinen Punkte an seinem Hals. Nicht größer. Aber dunkler. Tiefer.
Als wären sie keine Wunden.
Sondern Narben.
Narben von etwas, das wiederkommen würde.
Weit entfernt von der Wohnung der Bergers, in den alten Katakomben unter der Münchner Innenstadt, öffnete eine Gestalt ihre Augen. Rote Augen, die in der Dunkelheit glühten.
Sie lächelte.
„Es ist getan“, flüsterte sie in die Stille. „Das Kind ist markiert. Der Samen ist gepflanzt.“
Eine andere Stimme antwortete aus der Dunkelheit. Alt. Weiblich. Mächtig.
„Gut. Wenn die Zeit reif ist, werden wir es zu uns holen. Ein Kind der Nacht. Ein unschuldiges Gefäß. Perfekt für unsere Zwecke.“
„Und wenn sie versuchen, es zurückzuholen?“
Ein Lachen, kalt wie Eis.
„Dann werden sie scheitern. Wie alle vor ihnen.“
Die Gestalt erhob sich, ging durch die gewundenen Tunnel, tiefer unter die Stadt. Zu einem Raum, wo andere warteten. Dutzende. Alle mit roten Augen. Alle hungrig.
Die Versammlung hatte begonnen.
Und München, ahnungslos, schlief darüber.
Ende des Prologs
In drei Wochen würde Erik Schönwaldt den Anruf erhalten.
In drei Wochen würde die Jagd beginnen.
Aber diese Nacht gehörte den Schatten.
Und die Schatten waren hungrig.
KAPITEL 1
Die Einladung
Erik Schönwaldt wachte um 3:47 Uhr auf. Schweißgebadet, die Laken um seine Beine gewickelt, sein Herz hämmerte gegen die Rippen wie ein gefangener Vogel.
Der Traum war wieder da gewesen. Immer der gleiche. Immer Clara.
Sie stand über dem brennenden Körper des Vampirs, die Fackel in der Hand. Aber in seinen Träumen drehte sie sich nicht zu ihm um mit diesem erlösten Lächeln. Stattdessen öffnete sie den Mund und schrie. Ein Schrei, der kein Ende nahm. Und der Vampir stand wieder auf, verbrannt und entstellt, und zog sie hinunter in die Flammen. Immer wieder. Jede Nacht.
Erik saß auf, rieb sich das Gesicht. Seine Wohnung war dunkel, nur das schwache Leuchten der Straßenlaternen draußen fiel durch die halb geöffneten Jalousien. Die digitale Uhr auf seinem Nachttisch blinkte vorwurfsvoll: 03:47. 03:47. 03:47.
Drei Wochen war es her. Drei Wochen seit Schloss Falkenstein. Drei Wochen seit er Clara hatte sterben sehen. Seit er seine Urgroßeltern hatte sterben sehen. Seit er den Vampir getötet hatte.
Oder hatte Clara ihn getötet? Erik war sich nicht mehr sicher. Die Erinnerungen verschwammen, verschmolzen zu einem Albtraum aus Feuer und Blut und Asche.
Er stand auf, ging in die Küche. Das Linoleum war kalt unter seinen nackten Füßen. Er machte kein Licht. Irgendwie fühlte sich die Dunkelheit vertrauter an jetzt. Sicherer.
Was zur Hölle war falsch mit ihm?
Erik öffnete den Kühlschrank, das Licht blendete ihn kurz. Er holte eine Flasche Wasser heraus, trank in langen Zügen. Das Wasser war eiskalt, fast schmerzhaft. Aber der Schmerz war gut. Er lenkte ab.
Auf dem Küchentisch lag der Karton.
Erik starrte ihn an. Seit drei Wochen stand er da, ungeöffnet und doch allgegenwärtig. Darin die Überreste seiner Reise in die Dunkelheit. Die Briefe von Elise. Das Foto seiner Urgroßeltern vor dem Schloss. Der eiserne Schlüssel mit der Aufschrift „Westflügel“. Ein Fragment aus Claras Tagebuch, das er in der Halle gefunden hatte, bevor sie das Schloss verließen. Die kleine Holzfigur, die Herr Bachmann ihm gegeben hatte.
Beweise. Erinnerungen. Mahnungen.
Erik hatte versucht, sie zu vergessen. Hatte versucht, zu seinem alten Leben zurückzukehren. War wieder arbeiten gegangen, hatte versucht, mit Freunden auszugehen, hatte versucht, so zu tun, als wäre nichts geschehen.
Aber die Welt sah anders aus jetzt.
Er sah Schatten, wo früher keine waren. Hörte Dinge in der Stille, die nicht da sein sollten. Und manchmal, wenn er durch die Straßen ging, spürte er es – eine Präsenz, etwas Altes, etwas Hungriges, das in den Winkeln der Zivilisation lauerte.
Seine Therapeutin – ja, er ging jetzt zu einer Therapeutin – nannte es posttraumatische Belastungsstörung. Sagte, die Ereignisse im Haus seiner Großmutter, der Brand, die Todesfälle, sie hätten ihn traumatisiert. Das sei normal. Das würde vergehen.
Aber Erik hatte ihr nicht die Wahrheit erzählt. Konnte es nicht. Wie sollte er jemandem von Vampiren erzählen? Von Dienern, die hundert Jahre alt waren? Von einem Schloss, das nicht in den Karten existierte?
Sie würden ihn für verrückt halten. Vielleicht war er verrückt.
Aber dann sah er wieder auf den Karton, auf die Beweise, und er wusste: Es war real gewesen. Alles davon.
Erik ging zurück ins Schlafzimmer, wusste, dass er nicht mehr schlafen würde. Er zog sich einen Pullover über, setzte sich an seinen Schreibtisch, klappte den Laptop auf.
Das war die andere Sache, die sich verändert hatte. Die Nachrichten. Früher hatte Erik die Nachrichten ignoriert, war zu beschäftigt mit seinem eigenen Leben gewesen. Jetzt las er sie täglich. Stündlich. Suchte nach Mustern. Nach Hinweisen.
Nach Zeichen.
Er scrollte durch die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Ein Artikel erregte seine Aufmerksamkeit:
Mysteriöse Todesfälle in München häufen sich
In den letzten drei Wochen wurden in München fünf junge Menschen tot aufgefunden, alle mit ähnlichen Symptomen: extreme Blutarmut, blasse Haut, und unerklärliche Wunden am Hals. Die Behörden gehen von einer bisher unbekannten Virusinfektion aus…
Erik las den Artikel zweimal. Dann ein drittes Mal.
Fünf Tote. Extreme Blutarmut. Wunden am Hals.
Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Nein. Das konnte nicht sein. Das Schloss war Hunderte Kilometer entfernt. Und der Vampir war tot. Tot und zu Asche verbrannt.
Aber was, wenn es mehr gab? Was, wenn der Vampir von Schloss Falkenstein nicht der Einzige war?
Erik stand auf, begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Gedanken rasten.
Er erinnerte sich an die Worte des Vampirs, kurz bevor er starb: „Du hättest unsterblich sein können…“
Und an etwas, das Clara einmal gesagt hatte, in einem luziden Moment, bevor die Bindung sie zurückzog: „Es gibt mehr. Viel mehr. In den Städten, in den Schatten. Sie verstecken sich. Sie jagen.“
Erik hatte gedacht, es wäre das Delirium gewesen. Die Verzweiflung einer Frau, die wusste, dass sie sterben würde.
Aber was, wenn es die Wahrheit gewesen war?
Er ging zurück zum Laptop, recherchierte weiter. Andere Städte, andere Vorfälle. Hamburg: Drei ungeklärte Todesfälle im letzten Monat. Berlin: Eine Serie von „Drogenopfern“ mit ungewöhnlichen Symptomen. Köln: Ein Muster von verschwundenen Obdachlosen.
Überall die gleichen Zeichen. Blutarmut. Wunden. Und die Behörden, die es auf Krankheiten schoben, auf Drogen, auf Zufall.
Weil sie die Wahrheit nicht sehen wollten.
Weil sie nicht glauben konnten, was Erik jetzt wusste: Die Monster waren real.
Er schloss den Laptop, rieb sich die Augen. Es war jetzt fast fünf Uhr morgens. In zwei Stunden musste er zur Arbeit. Zu seinem langweiligen, sicheren, normalen Job in einem Versicherungsbüro.
Aber er würde sich nicht konzentrieren können. Er wusste es jetzt schon.
Erik ging zurück zur Küche, machte sich einen starken Kaffee. Während die Maschine gurgelte und zischte, stand er am Fenster und blickte auf die erwachende Stadt hinaus.
Irgendwo da draußen, in München, tötete etwas Menschen. Etwas, das die Welt für unmöglich hielt.
Aber Erik wusste es besser.
Die Frage war: Was sollte er dagegen tun?
Der Kaffee war fertig. Erik goss ihn in eine Tasse, nahm einen Schluck. Er verbrannte sich die Zunge, fluchte leise.
Und dann sah er ihn.
Den Brief.
Er lag auf der Fußmatte, halb unter der Tür durchgeschoben. Erik war sicher, dass er vorhin nicht da gewesen war. Er war um drei Uhr wach geworden, hatte den Flur durchquert. Er hätte ihn gesehen.
Aber da war er jetzt.
Ein cremefarbener Umschlag. Keine Briefmarke. Keine Absenderadresse. Nur sein Name, in altmodischer, geschwungener Handschrift:
Erik Schönwaldt
Erik stellte die Kaffeetasse ab, ging zur Tür. Sein Herz hämmerte wieder. Vorsichtig, als könnte der Brief explodieren, hob er ihn auf.
Das Papier fühlte sich schwer an. Teuer. Alt.
Er drehte den Umschlag um. Auf der Rückseite war ein Siegel aus dunkelrotem Wachs. In das Wachs geprägt war ein Symbol: Ein Auge, durchzogen von einem Schwert.
Erik‘ Hände zitterten leicht, als er das Siegel brach.
Im Umschlag war eine einzelne Karte. Schweres, cremefarbenes Papier, mit einer geprägten goldenen Kante. Die Handschrift war die gleiche wie auf dem Umschlag:
Herr Schönwaldt,
Sie haben überlebt, was die meisten nicht überleben. Sie haben gesehen, was die meisten nie sehen. Sie haben die Dunkelheit bekämpft und gewonnen – wenn auch zu einem Preis.
Es gibt andere wie Sie. Menschen, die die Wahrheit kennen. Menschen, die kämpfen.
Die Vorfälle in München sind kein Zufall. Sie sind kein Virus. Sie sind das, was Sie bereits vermuten.
Wenn Sie mehr wissen wollen über das, was in der Dunkelheit lauert – und wie man es bekämpft – rufen Sie diese Nummer an:
089 / 555-0347
Kommen Sie nach München. Morgen, 14:00 Uhr. Café Frischhut am Viktualienmarkt.
Bringen Sie mit, was Sie aus dem Schloss mitgenommen haben. Insbesondere den Schlüssel.
Wir haben auf Sie gewartet.
– Die Nachtwache
Darunter war das gleiche Symbol wie auf dem Siegel. Das Auge mit dem Schwert.
Erik las die Karte dreimal. Sein Verstand versuchte, das zu verarbeiten. Jemand wusste von Schloss Falkenstein. Jemand wusste, dass er dort gewesen war. Jemand wusste von dem Schlüssel.
Wie war das möglich?
Und wer war „Die Nachtwache“?
Erik ging zum Karton, öffnete ihn zum ersten Mal seit Wochen. Der Geruch von altem Papier und verbranntem Holz stieg ihm entgegen. Er griff nach dem Schlüssel, hielt ihn ins Licht.
Der eiserne Schlüssel glänzte matt. Die Ornamente an seinem Griff schienen im Morgenlicht zu flimmern, als wären sie mehr als nur Dekoration. Die kleine Plakette: Westflügel.
Warum wollten sie ausgerechnet diesen Schlüssel?
Erik legte den Schlüssel zurück, nahm sein Handy. Die Nummer von der Karte starrte ihn an. 089 – Münchner Vorwahl.
Er könnte ignorieren. Könnte den Brief wegwerfen, den Karton versiegeln, sein Leben weiterleben. Zur Arbeit gehen, zur Therapie, so tun, als wäre alles normal.
Aber da waren diese fünf Toten in München. Diese Menschen, die niemand retten konnte, weil niemand wusste, was sie wirklich getötet hatte.
Und da waren die Gesichter seiner Urgroßeltern, von Elise und Friedrich, die hundert Jahre in diesem Schloss gefangen gewesen waren.
Und Clara. Immer Clara, die sich selbst geopfert hatte, damit andere leben konnten.
Erik griff nach seinem Handy, tippte die Nummer ein.
Seine Finger schwebten über dem grünen Knopf.
Wenn er anrief, gab es kein Zurück mehr. Das wusste er instinktiv. Dies war der Moment, in dem sein Leben eine Richtung einschlagen würde, von der er nicht mehr abweichen konnte.
Erik dachte an den Artikel. An die fünf Toten. An die Familien, die jemanden verloren hatten und nie erfahren würden warum.
Er drückte den grünen Knopf.
Das Freizeichen. Einmal. Zweimal. Drei Mal.
Dann eine Stimme. Weiblich. Ruhig. Mit einem leichten Akzent, den Erik nicht einordnen konnte.
„Herr Schönwaldt. Wir haben auf Ihren Anruf gewartet.“
Erik räusperte sich. „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Dr. Helena Konstantin. Ich leite eine Organisation, die sich mit… ungewöhnlichen Fällen befasst. Fällen, die die Behörden nicht verstehen. Nicht verstehen wollen.“
„Die Nachtwache.“
„Richtig.“ Eine Pause. „Wir haben Ihre Geschichte verfolgt. Schloss Falkenstein. Der Vampir. Ihre Urgroßeltern. Was dort geschehen ist.“
Erik‘ Griff um das Handy versteifte sich. „Woher wissen Sie davon? Das Schloss… die Polizei konnte es nicht finden. Sie glauben, ich hätte mir das alles ausgedacht.“
„Die Polizei sucht mit den falschen Werkzeugen“, sagte Helena. „Sie suchen nach etwas, das auf Karten existiert. In Registern. Aber manche Orte existieren nur… dazwischen. In den Spalten der Realität, die die meisten Menschen ignorieren.“
„Sie klingen, als wären Sie verrückt.“
Helena lachte leise. „Das sagen viele, Herr Schönwaldt. Bis sie es selbst erleben.“ Ihre Stimme wurde ernst. „Aber Sie haben es bereits erlebt. Sie wissen, dass die Dunkelheit real ist. Dass die Monster existieren. Die Frage ist: Was werden Sie jetzt damit tun?“
Erik schwieg einen Moment. Draußen ging die Sonne auf, tauchte die Stadt in goldenes Licht. Eine neue Tag. Ein normaler Tag. Für alle anderen.
„Die Vorfälle in München“, sagte er schließlich. „Der Artikel von heute. Das war kein Virus, oder?“
„Nein.“
„Und Sie wissen, was es ist.“
„Ja.“
„Was wollen Sie von mir?“
Helena atmete aus. „Ihre Hilfe. Wir haben Ressourcen, Informationen, Werkzeuge. Aber wir brauchen jemanden wie Sie. Jemanden, der ins Feld gehen kann. Der sich der Dunkelheit stellen kann.“ Eine Pause. „Jemanden, der bereits gejagt hat und überlebt.“
„Ich bin kein Jäger“, sagte Erik. „Ich bin… ich bin nur jemand, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.“
„Sind Sie das?“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Oder sind Sie jemand, der eine Wahl getroffen hat? Der ins Schloss zurückging, obwohl er fliehen konnte? Der einen Plan fasste und einen Turm anzündete, um Unschuldige zu befreien?“
Erik schloss die Augen. Bilder blitzten auf. Der brennende Saal. Clara mit dem Pflock in der Hand. Seine Urgroßeltern, Hand in Hand, wie sie in das Haus gingen, um zu sterben.
„Sie hatten keine andere Wahl mehr“, flüsterte er.
„Aber Sie hatten eine“, erwiderte Helena. „Und Sie haben die richtige getroffen.“ Eine Pause. „Die Menschen, die in München sterben, Herr Schönwaldt – sie haben keine Wahl. Sie wissen nicht einmal, was sie jagt. Aber Sie wissen es. Und Sie können etwas dagegen tun.“
Erik öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf den Karton. Auf den Schlüssel. Auf die Briefe seiner Urgroßmutter, geschrieben in Verzweiflung und Hoffnung.
„Was ist mit dem Schlüssel?“, fragte er. „Warum ist er wichtig?“
„Das erkläre ich Ihnen morgen. Persönlich.“ Helenas Stimme wurde dringlicher. „Kommen Sie nach München, Herr Schönwaldt. Hören Sie sich an, was wir zu sagen haben. Danach können Sie immer noch entscheiden, ob Sie gehen wollen. Aber geben Sie uns – geben Sie diesen Menschen – eine Chance.“
Erik ging zum Fenster, blickte auf die Straße hinunter. Menschen gingen zur Arbeit, trugen Kaffeebecher, hetzten zu U-Bahn-Stationen. Alles normal. Alles sicher.
Aber es war eine Illusion. Das wusste er jetzt.
„Morgen, 14 Uhr“, sagte er. „Café Frischhut.“
„Ich werde dort sein.“ Helena klang erleichtert. „Und Herr Schönwaldt?“
„Ja?“
„Danke. Sie treffen die richtige Entscheidung.“
Sie legte auf.
Erik stand noch lange am Fenster, das Handy in der Hand. Die Sonne stieg höher, vertrieb die Schatten. Aber Erik wusste: Die Schatten kamen immer zurück. Sobald die Sonne unterging.
Und diesmal würde er bereit sein.
Er rief bei der Arbeit an, meldete sich krank. Dann packte er eine Tasche. Kleidung für ein paar Tage. Seine Toilettenartikel. Und den Karton. Den gesamten Karton mit allem, was er aus dem Schloss mitgebracht hatte.
Um acht Uhr morgens verließ er seine Wohnung.
Um neun Uhr saß er im Zug nach München.
Um vierzehn Uhr würde sein neues Leben beginnen.
Aber das wusste Erik noch nicht.
Alles, was er wusste, war: Er konnte nicht mehr wegsehen.
Die Dunkelheit hatte ihn gerufen.
Und diesmal würde er antworten.
KAPITEL 2
Das Café am Viktualienmarkt
München empfing Erik mit grauem Himmel und dem Geruch von Regen.
Der Hauptbahnhof war überfüllt, ein Meer aus Menschen, die sich durch die Hallen drängten. Ankündigungen dröhnten aus den Lautsprechern, vermischten sich mit dem Quietschen von Zügen und dem Summen tausender Gespräche. Erik stand einen Moment reglos da, den Karton unter dem Arm, seine Reisetasche in der Hand, und ließ die Welle aus Lärm und Bewegung über sich hinwegspülen.
Drei Jahre war es her, seit er zuletzt in München gewesen war. Ein Wochenendtrip mit Freunden, Bier im Englischen Garten, Touristenkram am Marienplatz. Die Stadt hatte ihm damals gefallen – lebendig, aber nicht hektisch wie Berlin. Gemütlich, auf eine bayerische Art.
Jetzt sah sie anders aus.
Erik konnte es nicht genau benennen, aber etwas hatte sich verändert. Vielleicht nicht die Stadt selbst, sondern seine Wahrnehmung. Er sah die Schatten unter den Brücken, die dunklen Ecken zwischen den Säulen. Er bemerkte die Menschen, die zu blass aussahen, zu dünn, ihre Augen glasig vom Mangel an Schlaf oder… von etwas anderem.
Hör auf, ermahnte er sich. Nicht jeder Obdachlose ist ein Vampir. Nicht jeder Schatten ist eine Bedrohung.
Aber die Paranoia ließ sich nicht so einfach abschütteln.
Erik folgte den Schildern zur U-Bahn. Die Nachtwache hatte ihm eine Adresse geschickt – ein Hotel in der Nähe des Viktualienmarkts. Nichts Besonderes, aber sauber und bezahlbar. Und vor allem: In der Nähe des Treffpunkts.
Die U-Bahn war überfüllt, Erik musste stehen, eingequetscht zwischen einem Mann, der nach Zigaretten roch, und einer jungen Frau, die so in ihr Handy vertieft war, dass sie nicht bemerkte, wie ihre Handtasche gegen Eriks Bein schlug. Er hielt den Karton fest an seine Brust gedrückt, schützte ihn instinktiv.
Der Schlüssel war darin. Und die Briefe. Und all die anderen Dinge, die bewiesen, dass er nicht verrückt war.
Stadtmitte, verkündete die automatische Stimme. Erik drängte sich durch die Menge nach draußen.
Der Regen hatte begonnen, fein und durchdringend. Erik zog den Kragen seiner Jacke hoch und bahnte sich seinen Weg durch die Fußgängerzone. Das Hotel war leicht zu finden – ein schmaler Bau, eingeklemmt zwischen einem Souvenirshop und einem türkischen Imbiss.
Das Zimmer war klein, aber sauber. Ein schmales Bett, ein Schrank, ein winziges Badezimmer. Erik legte den Karton auf den Schreibtisch, die Tasche aufs Bett. Dann stand er am Fenster und blickte auf die Straße hinunter.
Menschen eilten vorbei, Schirme über den Köpfen, hetzten von Geschäft zu Geschäft. Normale Menschen mit normalen Leben. Jobs, Familien, Sorgen über Rechnungen und Beziehungen.
Beneidete Erik sie? Oder bemitleidete er sie, weil sie nicht wussten, was in den Schatten lauerte?
Er sah auf die Uhr. 12:37. Noch über eine Stunde bis zum Treffen.
Erik duschte, zog frische Kleidung an. Dann holte er den Schlüssel aus dem Karton, hielt ihn ins Licht.
Im Tageslicht sah er noch gewöhnlicher aus als nachts. Nur ein alter eiserner Schlüssel, verrostet und schwer. Die Ornamente waren kaum noch zu erkennen, verschlissen von Zeit und Gebrauch.
Aber als Erik ihn in die Hand nahm, spürte er es. Eine Art Wärme. Ein Pulsieren, fast wie ein Herzschlag.
Du bildest dir das ein, sagte er sich. Es ist nur Metall. Nur ein verdammter Schlüssel.
Aber dann erinnerte er sich, wie der Schlüssel im U-Bahn-Depot geleuchtet hatte. Wie er eine Barriere geschaffen hatte, die den Vampir gefangen hielt. Wie Clara gesagt hatte: „Er öffnet nicht nur Türen…“
Erik steckte den Schlüssel in seine Jackentasche. Die Tasche fühlte sich schwerer an, als sie sein sollte.
Um 13:45 verließ er das Hotel.
Der Viktualienmarkt war nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Erik ging langsam, nahm die Umgebung in sich auf. Der Regen hatte aufgehört, aber die Wolken hingen noch tief, machten den Tag düster und grau.
Der Markt war überfüllt. Stände mit Obst und Gemüse, Fleisch und Käse, Blumen und Gewürzen drängten sich aneinander. Der Geruch war überwältigend – eine Mischung aus frischem Brot, gegrillten Würsten, Kräutern und dem süßlichen Duft von überreifem Obst.
Mitten auf dem Markt stand ein Maibaum, umgeben von Biergartentischen. Und an der Ecke, in einem alten Gebäude mit grüner Fassade, das Café Frischhut.
Erik blieb vor dem Eingang stehen. Durch die Fenster konnte er die Inneneinrichtung sehen – rustikale Holztische, eine Theke mit einer Glasvitrine voller Gebäck, alte Fotos an den Wänden. Es sah gemütlich aus. Normal.
Aber Erik wusste: Nichts war mehr normal.
Er atmete tief durch und trat ein.
Das Café war warm, erfüllt vom Duft frisch gebrühten Kaffees. Etwa ein Dutzend Tische, die meisten besetzt. Touristen, die sich über Stadtpläne beugten. Einheimische, die ihre Zeitung lasen. Ein älteres Ehepaar, das schweigend Kuchen aß.
Und in der hintersten Ecke, an einem Tisch beim Fenster, saß eine Frau.
Erik erkannte sie sofort, obwohl er sie nie zuvor gesehen hatte. Es war etwas an der Art, wie sie dasaß – aufrecht, wachsam, die Hände um eine Kaffeetasse gefaltet. Sie beobachtete die Tür, beobachtete ihn, und als ihre Blicke sich trafen, nickte sie leicht.
Dr. Helena Konstantin.
Erik ging zu ihrem Tisch. Mit jedem Schritt musterte er sie, versuchte ein Bild von ihr zu bekommen.
Sie war Mitte Vierzig, schätzte er. Elegant, auf eine zeitlose Art – dunkles Haar, das zu einem strengen Knoten gebunden war, ein dunkelblauer Hosenanzug, minimaler Schmuck. Ihr Gesicht war markant, hohe Wangenknochen, eine gerade Nase, und Augen, die von einem ungewöhnlichen Grau waren. Intelligent. Wachsam. Und müde. Die Art von Müdigkeit, die nicht von einer schlaflosen Nacht kam, sondern von Jahren.
„Herr Schönwaldt“, sagte sie, als er den Tisch erreichte. Ihre Stimme war die gleiche wie am Telefon – ruhig, kontrolliert, mit diesem leichten Akzent. Osteuropa vielleicht. „Bitte, setzen Sie sich.“
Erik zog einen Stuhl heraus, setzte sich. Er legte seine Jacke über die Lehne, behielt aber die Hand in der Tasche, fühlte das Gewicht des Schlüssels.
„Sie haben ihn mitgebracht“, sagte Helena. Es war keine Frage.
„Woher wissen Sie—“
„Man sieht es Ihnen an.“ Ein kleines Lächeln. „Die Art, wie Sie die Tasche halten. Schützend. Als trügen Sie etwas Wertvolles. Oder Gefährliches.“
Erik zog langsam die Hand aus der Tasche. „Beides, vermute ich.“
„Vermutlich.“ Helena winkte einer Kellnerin. „Möchten Sie etwas? Der Kaffee hier ist ausgezeichnet.“
„Nur Kaffee, danke.“
Die Kellnerin kam, nahm die Bestellung auf, verschwand wieder. Helena wartete, bis sie außer Hörweite war, bevor sie weitersprach.
„Ich nehme an, Sie haben Fragen.“
„Tausende“, sagte Erik. „Aber fangen wir mit der offensichtlichsten an: Wer sind Sie?“
Helena lehnte sich zurück. „Ich bin Historikerin. Spezialisiert auf europäische Mythologie, Folklore, und… okkulte Phänomene. Ich habe an verschiedenen Universitäten gelehrt – Wien, Prag, Oxford. Aber vor zehn Jahren habe ich die akademische Welt verlassen.“
„Warum?“
„Weil ich etwas gelernt hatte, das die akademische Welt nicht akzeptieren konnte.“ Sie sah ihm direkt in die Augen. „Die Mythen sind wahr. Nicht alle, nicht genau so, wie sie erzählt werden. Aber es gibt einen Kern Wahrheit in ihnen. Vampire existieren. Und sie haben existiert, solange es Menschen gibt.“
Die Kellnerin brachte Eriks Kaffee. Er nahm einen Schluck, heiß und stark, und ließ die Worte auf sich wirken.
„Die Nachtwache“, sagte er. „Was ist das?“
„Eine Organisation“, antwortete Helena. „Sehr alt, sehr diskret. Gegründet im 13. Jahrhundert von einer Gruppe von Mönchen, die erkannten, dass die Welt Schutz brauchte vor dem, was in der Dunkelheit lauert. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich entwickelt, verändert. Heute sind wir keine Mönche mehr. Wir sind Wissenschaftler, Historiker, ehemalige Soldaten, Priester, Menschen aus allen Bereichen. Aber wir alle teilen das gleiche Ziel.“
„Die Vampire töten.“
Helena schüttelte den Kopf. „Nicht unbedingt töten. Schützen. Die Balance wahren. Es gibt Vampire, die friedlich leben, die keine Menschen jagen. Die sich an die Regeln halten. Mit denen haben wir keinen Konflikt.“
Erik starrte sie an. „Sie scherzen.“
„Ich scherze nicht.“ Helenas Gesicht war ernst. „Die Welt ist komplizierter, als Sie vielleicht denken, Herr Schönwaldt. Gut und Böse sind keine absoluten Kategorien. Es gibt Vampire, die einst Menschen waren, die sich nicht verwandeln wollten, die versuchen, an ihrer Menschlichkeit festzuhalten. Die nur tierisches Blut trinken. Die anderen helfen.“
„Und der Vampir auf Schloss Falkenstein? War das einer der ‚guten‘?“
Helenas Blick wurde hart. „Nein. Definitiv nicht. Was dort geschehen ist… das war eine der schlimmsten Formen von Vampirismus. Ein Raubtier, das Unschuldige gefangen hielt, sie über Jahrzehnte quälte. Was Sie getan haben – ihn zu töten – war die richtige Entscheidung.“
„Ich habe ihn nicht getötet“, sagte Erik leise. „Clara hat es getan. Und es hat sie ihr Leben gekostet.“
„Ich weiß.“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Wir haben von ihr gehört. Von allen, die in diesem Schloss gestorben sind. Und wir ehren ihr Opfer.“
Erik ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn Sie von dem Schloss wussten, warum haben Sie nicht geholfen? Warum haben Sie sie dort gelassen?“
„Weil wir erst vor drei Wochen davon erfahren haben.“ Helena beugte sich vor. „Das Schloss war versteckt, Herr Schönwaldt. Nicht nur physisch, sondern… magisch. Es existierte außerhalb der normalen Welt. Wir hatten Gerüchte gehört, alte Geschichten aus dem Schwarzwald. Aber niemand konnte es finden. Bis Sie es taten.“
„Ich hatte die Briefe. Die GPS-Koordinaten.“
„Sie hatten mehr als das.“ Helenas Augen glitzerten. „Sie hatten Blut-Verbindung. Ihre Urgroßeltern waren dort. Das Schloss hat Sie gerufen, weil Sie zur Familie gehörten. Deshalb konnten Sie es finden, wo wir gescheitert waren.“
Erik nahm einen weiteren Schluck Kaffee, versuchte seine Gedanken zu ordnen. „Was ist mit München? Den fünf Toten?“
Helenas Gesicht verdüsterte sich. „Das ist der Grund, warum wir Sie kontaktiert haben. Die Situation hier ist… kompliziert. Und potenziell katastrophal.“
Sie holte ein Tablet aus ihrer Tasche, entsperrte es, schob es über den Tisch zu Erik. Auf dem Bildschirm waren Fotos. Autopsiefotos.
Erik zwang sich hinzusehen. Fünf Leichen. Alle jung, zwischen zwanzig und dreißig. Alle mit der gleichen blassen Haut, den eingefallenen Augen. Und alle mit den gleichen Wunden am Hals – zwei kleine Punktionen, sauber, fast chirurgisch.
„Die offizielle Erklärung ist eine neue Form von Anämie“, sagte Helena. „Verursacht durch einen unbekannten Virus. Die Behörden halten die Wunden für Insektenstiche.“
„Aber das sind sie nicht.“
„Nein.“ Helena scrollte weiter. „Das Blut wurde entnommen. Nicht getrunken, nicht vor Ort. Sondern mit Präzision abgezapft. Als wäre es für etwas gesammelt worden.“
Erik sah auf. „Wofür?“
„Das ist die Frage.“ Helena nahm das Tablet zurück. „Normalerweise töten Vampire durch Exsanguination – sie trinken das Blut direkt. Schnell, effizient. Aber hier… hier ist jemand methodisch. Sammelt Blut. Und wir glauben, es ist für ein Ritual.“
„Was für ein Ritual?“
Helena zögerte. „Wir sind uns nicht sicher. Aber wir haben… Hinweise gefunden. In alten Texten, in Prophezeiungen. Es gibt ein Ereignis, das manche Vampire herbeiführen wollen. Ein Ereignis, das ihre Macht vervielfachen würde.“
„Was für ein Ereignis?“
„Die ewige Nacht.“ Helenas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Eine Verdunkelung der Sonne. Nicht global, aber lokal. München würde in Dunkelheit getaucht, und die Vampire könnten frei jagen. Tag und Nacht. Tausende würden sterben.“
Erik lehnte sich zurück. Das war zu viel. Zu groß. „Das ist… das klingt wie Science-Fiction.“
„Es klingt unmöglich“, korrigierte Helena. „Aber vieles, was Sie erlebt haben, klang auch unmöglich, bis Sie es gesehen haben.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Wir haben drei Monate, um sie aufzuhalten. Die Sommersonnenwende. Der 21. Juni. An diesem Tag sind die Ley-Linien am stärksten. Wenn sie das Ritual vollziehen können…“
„Dann wird München zur Vampir-Stadt.“
„Ja.“
Erik rieb sich das Gesicht. „Und was habe ich damit zu tun? Ich bin kein Soldat. Kein Magier. Ich bin nur—“
„Sie sind jemand, der einen der mächtigsten Vampire in Europa besiegt hat“, unterbrach Helena. „Sie sind jemand, der Mut bewiesen hat. Intelligenz. Die Fähigkeit, unter Druck Entscheidungen zu treffen.“ Sie legte ihre Hand auf den Tisch, fast, als wollte sie nach seiner greifen, hielt dann aber inne. „Und Sie haben etwas, das wir brauchen. Den Seelenschlüssel.“
Da war es. Der wahre Grund.
Erik zog den Schlüssel aus seiner Tasche, legte ihn auf den Tisch. Im schwachen Licht des Cafés sah er unscheinbar aus. Alt. Harmlos.
Helena starrte ihn an, als hätte Erik einen Schatz vor sie gelegt.
„Darf ich?“, fragte sie.
Erik nickte.
Helena nahm den Schlüssel vorsichtig in die Hand, drehte ihn, untersuchte die Ornamente. Ihre Finger fuhren über die Gravuren, und Erik konnte schwören, dass der Schlüssel leicht zu glühen begann.
„Bemerkenswert“, flüsterte sie. „Ich habe nur von solchen Schlüsseln gelesen. Gedacht, sie wären Mythen.“
„Was ist er?“
Helena legte den Schlüssel behutsam zurück. „Ein Artefakt aus einer Zeit, als Magie und Wissenschaft noch nicht getrennt waren. Geschmiedet von Alchemisten, wahrscheinlich im 15. oder 16. Jahrhundert. Er öffnet nicht nur physische Türen, sondern auch… Barrieren. Zwischen Leben und Tod. Zwischen Realität und… anderem.“
„Das klingt gefährlich.“
„Es ist gefährlich.“ Helenas Augen trafen seine. „In den falschen Händen könnte dieser Schlüssel Unvorstellbares anrichten. Aber in den richtigen Händen… könnte er die Waffe sein, die wir brauchen, um das Ritual zu stoppen.“
Erik nahm den Schlüssel zurück, spürte wieder dieses Pulsieren. „Und Sie denken, ich habe die richtigen Hände?“
„Ich denke, der Schlüssel hat Sie gewählt.“ Helena lächelte schwach. „Diese Dinge… sie haben ihren eigenen Willen. Sie suchen sich ihre Träger. Und er hat Sie aus dem Schloss geführt. Hat Ihnen geholfen, den Vampir zu besiegen. Das war kein Zufall.“
Erik steckte den Schlüssel weg, fühlte sich plötzlich sehr müde. „Was wollen Sie von mir, Dr. Konstantin?“
„Ich will, dass Sie sich uns anschließen. Der Nachtwache. Wir bilden Sie aus, geben Ihnen die Werkzeuge und das Wissen, das Sie brauchen. Und gemeinsam jagen wir die Vampire, die für die Toten verantwortlich sind.“ Sie lehnte sich vor. „Aber vor allem brauche ich, dass Sie mir helfen, München zu retten. Helfen Sie mir, die ewige Nacht zu verhindern.“
„Und wenn ich nein sage?“
Helenas Blick wurde traurig. „Dann respektiere ich Ihre Entscheidung. Sie können gehen, zurück zu Ihrem Leben. Wir werden versuchen, es allein zu schaffen. Aber…“ Sie zögerte. „Ich glaube nicht, dass Sie jemals wirklich zurückkehren können. Nicht nach dem, was Sie gesehen haben. Die Dunkelheit hat Sie berührt, Herr Schönwaldt. Sie wird Sie nie wieder loslassen.“
Erik sah aus dem Fenster. Draußen auf dem Markt gingen Menschen ihren alltäglichen Geschäften nach. Kauften Gemüse, lachten, telefonierten. Die Welt drehte sich weiter, ahnungslos von der Bedrohung, die unter ihren Füßen lauerte.
Er dachte an die fünf Toten. An ihre Familien. An die Menschen, die sterben würden, wenn niemand handelte.
Und er dachte an Clara. An ihr Lächeln, kurz bevor sie starb. An die Worte: „Für alle von uns.“
Erik wandte sich zurück zu Helena. „Ich habe eine Bedingung.“
„Und die wäre?“
„Keine Geheimnisse. Sie sagen mir alles. Über die Vampire, über das Ritual, über Ihre Organisation. Ich will wissen, worauf ich mich einlasse.“
Helena nickte langsam. „Einverstanden. Vollständige Transparenz.“
„Dann bin ich dabei.“
Zum ersten Mal zeigte Helena ein echtes Lächeln. „Willkommen bei der Nachtwache, Herr Schönwaldt.“ Sie stand auf, streckte ihm die Hand entgegen. „Oder darf ich Erik sagen?“
Erik stand ebenfalls auf, schüttelte ihre Hand. Ihr Griff war fest, warm. „Erik ist gut.“
„Perfekt.“ Helena ließ seine Hand los. „Dann lass uns gehen. Ich will dir zeigen, wo wir arbeiten. Und dich dem Team vorstellen.“
„Team?“
„Du dachtest, ich tue das allein?“ Helena lachte leise. „Nein, Erik. Die Nachtwache ist größer, als du denkst. Und jeder spielt eine Rolle.“ Sie legte Geld auf den Tisch für den Kaffee. „Komm. Zeit, dass du die Wahrheit über München erfährst.“
Sie gingen zur Tür. Aber bevor Erik hinaustrat, hielt ihn Helena am Arm zurück.
„Noch etwas“, sagte sie ernst. „Ab jetzt wird dein Leben gefährlich. Die Vampire, die wir jagen – sie jagen auch uns. Du musst wachsam sein. Immer. Vertrau niemandem blind. Und wenn du jemals das Gefühl hast, verfolgt zu werden…“ Sie sah ihm in die Augen. „Lauf nicht. Kämpfe.“
Erik nickte langsam. „Verstanden.“
Sie traten hinaus auf den Markt. Die Wolken hatten sich gelichtet, ein schwacher Sonnenstrahl brach durch. Aber Erik sah die Schatten zwischen den Ständen, die dunklen Ecken, wo das Licht nicht hinkam.
Und er wusste: Helena hatte Recht.
Die Dunkelheit würde ihn nie wieder loslassen.
Aber diesmal würde er nicht weglaufen. Diesmal würde er zurückschlagen.
KAPITEL 3
Das erste Opfer
Der Regen hatte wieder eingesetzt, als Helena und Erik durch die Münchner Innenstadt fuhren. Schwerer, durchdringender Regen, der die Straßen in glänzende schwarze Spiegel verwandelte. Die Scheibenwischer des BMW kämpften gegen die Wassermassen, ihr rhythmisches Quietschen war das einzige Geräusch im Wagen.
Erik saß auf dem Beifahrersitz, den Karton mit dem Schlüssel auf seinem Schoß, und beobachtete die vorüberziehenden Straßen. München sah anders aus jetzt, nachdem Helena ihm die Wahrheit erzählt hatte. Bedrohlicher. Als würde hinter jeder Fassade, in jedem dunklen Fenster etwas lauern.
„Wohin fahren wir?“, fragte er schließlich.
„Institut für Rechtsmedizin“, antwortete Helena, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Auf der anderen Seite der Isar. Ein Kollege wartet dort auf uns.“
„Ein Kollege von der Nachtwache?“
„Nein. Ein normaler Gerichtsmediziner. Aber einer, der… Fragen stellt. Der Muster erkennt.“ Sie nahm eine Kurve, zu schnell für Eriks Geschmack. „Dr. Martin Weber. Er weiß nicht offiziell von uns, aber er verdächtigt, dass etwas nicht stimmt mit den Fällen. Wir haben eine… Vereinbarung.“
„Was für eine Vereinbarung?“
„Wir geben ihm Antworten, die sein Verstand akzeptieren kann. Dafür lässt er uns die Beweise sehen, die er nicht erklären kann.“ Helena lächelte dünn. „Eine symbiotische Beziehung.“
Sie fuhren über eine Brücke. Unter ihnen floss die Isar, dunkel und geschwollen vom Regen. Erik konnte sich vorstellen, wie Dinge in diesem Wasser verschwanden. Beweise. Leichen. Geheimnisse.
Das Institut für Rechtsmedizin war ein moderner Bau aus Glas und Beton, der sich an den Hang schmiegte. Hell erleuchtet trotz der späten Stunde, ein Leuchtturm in der Dunkelheit. Helena parkte in einer reservierten Bucht, zeigte einem Wachmann einen Ausweis, und sie wurden durchgewunken.
„Lass mich das Reden übernehmen“, sagte Helena, als sie durch den Eingang gingen. „Weber ist… eigen. Er mag keine Überraschungen.“
Die Korridore rochen nach Desinfektionsmittel und etwas anderem. Etwas Süßlichem, das Erik nicht benennen wollte. Tod, dachte er. Das ist der Geruch des Todes.
Sie nahmen einen Aufzug ins Untergeschoss. Die Türen öffneten sich zu einem weiteren Gang, weiße Wände, grelles Neonlicht. Am Ende stand eine Tür mit der Aufschrift: AUTOPSIESAAL 3 – ZUTRITT NUR FÜR BEFUGTES PERSONAL.
Helena klopfte zweimal, dann einmal, dann wieder zweimal. Ein Code.
Die Tür öffnete sich.
Der Mann, der sie hereinließ, war Anfang Fünfzig, groß und hager, mit schlohweißem Haar und einer randlosen Brille. Er trug grüne OP-Kleidung und Latexhandschuhe. Seine Augen, hinter den Gläsern, waren wachsam und intelligent.
„Helena“, sagte er zur Begrüßung. Seine Stimme war tief, mit einem leichten norddeutschen Akzent. „Pünktlich wie immer.“
„Martin. Das ist Erik Schönwaldt. Er arbeitet jetzt mit uns.“
Dr. Weber musterte Erik mit einem Blick, der gleichzeitig durch ihn hindurchzusehen und ihn zu sezieren schien. „Der Mann aus dem Schwarzwald“, sagte er schließlich. „Helena hat mir von Ihnen erzählt. Schloss Falkenstein.“
Erik nickte steif. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Wir werden sehen.“ Weber drehte sich um und ging in den Saal. „Folgen Sie mir.“
Der Autopsiesaal war genau so, wie Erik ihn sich vorgestellt hatte – und gleichzeitig schlimmer. Edelstahltische, grelles Licht, Regale mit Instrumenten, die zu präzise aussahen. Und in der Mitte, auf einem der Tische, unter einem weißen Tuch, die Umrisse eines Körpers.
„Das letzte Opfer“, sagte Weber, während er zum Tisch ging. „Sophie Hartmann. Vierundzwanzig Jahre alt. Studentin an der LMU. Gefunden vor drei Tagen in ihrer Wohnung in Maxvorstadt. Mitbewohnerin kam nach Hause und fand sie im Bett. Tot.“
Er zog das Tuch zurück.
Erik zwang sich hinzusehen.
Sophie Hartmann war – war gewesen – eine junge Frau mit kurzen dunklen Haaren und einem schmalen Gesicht. Ihre Haut hatte die unnatürliche Blässe des Todes, aber noch etwas mehr. Eine Durchscheinbarkeit, als könnte man durch sie hindurchsehen. Ihre Lippen waren bläulich, ihre Augen geschlossen, eingefallen.
„Todesursache?“ Helena trat näher, professionell, unbewegt.
„Offiziell? Akutes Herzversagen infolge extremer Anämie.“ Weber holte eine Akte, blätterte darin. „Hämoglobin-Wert bei der Auffindung: 3,2 Gramm pro Deziliter. Normal wäre 12 bis 16. Sie hatte praktisch kein Blut mehr im Körper.“
„Wie ist das möglich?“ Erik konnte seine Augen nicht von der Leiche abwenden. „Man müsste doch… ich meine, so viel Blutverlust, da müsste doch überall Blut sein.“
„Das ist das Rätsel.“ Weber ging zur Leiche, deutete auf verschiedene Punkte. „Keine äußeren Blutungen. Keine inneren Blutungen, soweit ich feststellen konnte. Das Blut ist nicht irgendwo hingeflossen. Es ist… verschwunden.“
„Zeig ihm die Wunden“, sagte Helena leise.
Weber nickte. Er drehte vorsichtig den Kopf der Leiche zur Seite, zog das Haar zurück.
Dort, am Hals, unter dem linken Ohr: zwei kleine Punktionen. Rund, sauber, nicht größer als Nadelstiche. Aber tief. Erik konnte sehen, wo sie in die Halsschlagader führten.
„Zweimal“, sagte Weber. „Immer zweimal. Alle fünf Opfer hatten die gleichen Markierungen. Präzise platziert. Kein Zittern, kein Verrutschen. Als hätte jemand mit chirurgischer Genauigkeit gearbeitet.“
Erik beugte sich näher. Die Wunden sahen aus wie… wie Bissmale. Genau wie bei Lukas. Aber auch anders. Sauberer. Kontrollierter.
„Werkzeug oder Zähne?“, fragte Helena.
„Unmöglich zu sagen.“ Weber zog die Lampe näher. „Die Ränder sind zu glatt für die meisten Werkzeuge. Aber auch zu präzise für menschliche Zähne. Und schau dir das an.“
Er nahm eine Lupe aus seiner Tasche, reichte sie Erik. „Am Rand der linken Wunde. Siehst du es?“
Erik hielt die Lupe über die Punktionsstelle. Zuerst sah er nichts außer dem beschädigten Gewebe. Dann, fast unsichtbar, ein winziger Faden. Nicht aus Stoff. Etwas anderes.
„Ein Haar“, flüsterte er.
„Kein menschliches Haar.“ Weber klang triumphierend, wie ein Lehrer, dessen Schüler die richtige Antwort gegeben hatte. „Ich habe es analysiert. Die Struktur ist ungewöhnlich. Zu glatt, zu stark. Und die DNA…“ Er verstummte, schüttelte den Kopf. „Die DNA ergibt keinen Sinn. Sie passt zu keinem bekannten Säugetier.“
Erik richtete sich auf, reichte Helena die Lupe. Sie untersuchte die Wunde selbst, ihr Gesicht ausdruckslos.
„Was ist deine Theorie, Martin?“, fragte sie.
Weber zog die Handschuhe aus, warf sie in einen Abfallbehälter. „Offiziell? Eine neue Form von Parasit. Etwas, das Blut entzieht, ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht eine Zeckenart, die wir noch nicht kennen.“
„Und inoffiziell?“
Weber sah sie lange an. Dann ging er zu einem Regal, nahm ein Glas heraus. Darin, in Formaldehyd konserviert, das Haar.
„Inoffiziell“, sagte er leise, „habe ich in dreißig Jahren Rechtsmedizin vieles gesehen. Morde, Unfälle, Krankheiten. Ich dachte, ich könnte alles erklären. Aber das hier…“ Er stellte das Glas zurück. „Das hier folgt keiner Logik, die ich kenne. Und das Schlimmste ist: Es ist nicht das erste Mal.“
„Was meinst du?“ Erik trat näher.
Weber ging zu einem Computer, tippte etwas ein. Auf dem Bildschirm erschienen Akten. Viele Akten.
„In den letzten fünf Jahren“, sagte Weber, „gab es in München zwanzig ähnliche Fälle. Nicht alle identisch, aber alle mit extremem Blutverlust, keine Erklärung. Die Behörden haben sie als ‚ungeklärt‘ abgelegt. Zu schwierig, zu seltsam. Niemand will sich damit befassen.“
Helena trat neben ihn. „Zwanzig? Ich dachte, es wären nur fünf in den letzten drei Wochen.“
„Das sind die akuten Fälle. Die offensichtlichen.“ Weber scrollte durch die Daten. „Aber wenn man genauer hinschaut, findet man ein Muster. Alle paar Monate ein Tod. Immer die gleichen Symptome. Immer die gleichen Wunden.“ Er sah Helena an. „Was auch immer das ist – es ist nicht neu. Es ist hier. Seit Jahren.“
Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Seit Jahren. Vampire in München, seit Jahren unentdeckt.
„Warum jetzt?“ fragte er. „Warum sind in den letzten drei Wochen plötzlich fünf Menschen gestorben? Was hat sich geändert?“
„Das ist die richtige Frage.“ Helena wandte sich von dem Computer ab, ging zurück zur Leiche. „Martin, hast du bei diesem Opfer etwas anderes gefunden? Irgendetwas Ungewöhnliches?“
Weber zögerte. „Definiere ungewöhnlich.“
„Du weißt, was ich meine.“
Weber seufzte. Er ging zu einem Kühlschrank, öffnete ihn, holte eine Petrischale heraus. Darin: ein kleines Stück Gewebe.
„Das habe ich aus der Wunde entnommen“, sagte er und stellte die Schale unter ein Mikroskop. „Normalerweise findet man in solchen Wunden Bakterien, vielleicht Speichel, wenn es ein Biss war. Aber hier…“
Er trat beiseite, ließ Erik durch das Mikroskop schauen.
Erik sah… etwas. Zellen, dachte er, aber sie bewegten sich. Pulsierten. Als wären sie lebendig, obwohl die Frau tot war.
„Was ist das?“ flüsterte er.
„Ich weiß es nicht.“ Weber klang frustriert. „Ich habe es noch nie gesehen. Es verhält sich wie ein Virus, aber es ist zu groß. Wie ein Parasit, aber es hat keine erkennbare Struktur. Und das Verrückteste…“ Er nahm die Schale zurück. „Es stirbt, wenn es dem Sonnenlicht ausgesetzt wird. Sofort. Innerhalb von Sekunden.“
Stille füllte den Raum.
Helena und Erik tauschten einen Blick.
„Sonnenlicht“, sagte Erik leise.
Weber sah zwischen ihnen hin und her. „Was? Was bedeutet das?“
„Es bedeutet“, sagte Helena vorsichtig, „dass deine Theorie mit dem Parasiten nicht ganz falsch ist. Nur dass dieser Parasit… intelligenter ist, als du denkst.“
„Intelligenter? Helena, was zum Teufel redest du da?“
Helena atmete tief durch. „Martin, ich werde dir etwas erzählen, und du wirst mir nicht glauben. Aber ich brauche, dass du zuhörst.“
Weber verschränkte die Arme. „Ich höre.“
„Das, was diese Menschen getötet hat, ist kein Tier. Kein normales Tier. Es ist…“ Sie suchte nach Worten. „Es ist etwas sehr Altes. Etwas, das in Legenden existiert, aber auch in der Realität. Etwas, das Blut braucht, um zu überleben.“
Weber starrte sie an. „Du machst Witze.“
„Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“
„Helena, du bist Wissenschaftlerin. Du kannst nicht ernsthaft—“
„Ich war Wissenschaftlerin“, unterbrach Helena. „Bis ich Dinge sah, die die Wissenschaft nicht erklären konnte. Bis ich akzeptieren musste, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.“
Weber lachte ungläubig. „Du zitierst Shakespeare, um mir zu sagen, dass… was? Dass Vampire echt sind? Das ist lächerlich.“
„Ist es das?“ Erik mischte sich ein. Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Dr. Weber, Sie haben selbst gesagt, dass das hier keiner Logik folgt, die Sie kennen. Dass Sie so etwas noch nie gesehen haben. Was, wenn der Grund dafür ist, dass Sie mit der falschen Logik suchen?“
„Und die richtige Logik wäre Vampire?“ Weber schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, das ist Unsinn. Es muss eine wissenschaftliche Erklärung geben.“
„Und wenn die wissenschaftliche Erklärung ist, dass manche Legenden wahr sind?“ Helena trat näher. „Martin, ich kenne dich seit zehn Jahren. Du bist einer der besten Forensiker, die ich kenne. Du siehst Dinge, die andere übersehen. Aber manchmal, um die Wahrheit zu sehen, muss man bereit sein, das Unmögliche zu akzeptieren.“
Weber schwieg lange. Sein Blick wanderte zur Leiche, zum Mikroskop, zurück zu Helena.
„Angenommen“, sagte er schließlich, „nur angenommen, du hättest Recht. Was dann? Was macht man gegen… gegen so etwas?“
„Man jagt es.“ Helenas Stimme wurde hart. „Man findet es, und man stoppt es.“
„Und wie?“
„Das“, sagte Erik und klopfte auf den Karton unter seinem Arm, „finden wir noch heraus.“
Weber rieb sich die Augen. „Ich… ich brauche einen Moment.“
„Nimm dir die Zeit.“ Helena legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Aber während du nachdenkst: Gibt es noch etwas? Irgendeinen Hinweis, den wir übersehen haben könnten?“
Weber ging zurück zum Computer, fast mechanisch. „Die Fundorte“, sagte er. „Alle fünf Opfer wurden in ihren Wohnungen gefunden. Keine Einbruchsspuren. Keine Anzeichen von Kampf. Als wären sie… eingeladen worden.“
„Vampire brauchen eine Einladung“, murmelte Erik. „Das ist doch in den Geschichten so, oder?“
„In manchen“, bestätigte Helena. „Aber nicht bei allen. Und die Geschichten sind oft verfälscht. Aber Martin, du hast Recht – wenn es keine Einbruchsspuren gibt, bedeutet das, die Opfer kannten ihren Mörder. Oder ließen ihn freiwillig herein.“
„Es gibt noch etwas.“ Weber öffnete eine weitere Akte. Fotos von Sophies Wohnung. „Der Fundort war seltsam arrangiert. Die Mitbewohnerin sagte, Sophie hätte so nie ihr Bett gemacht. Aber als sie gefunden wurde, lag sie perfekt zurechtgemacht. Hände gefaltet über der Brust. Fast wie…“
„Wie in einem Sarg“, beendete Helena den Satz.
„Ja.“ Weber sah unbehaglich aus. „Und noch etwas. In der Wohnung fanden wir das hier.“
Er zeigte ein Foto. Auf Sophies Nachttisch: eine einzelne rote Rose, daneben eine Karte.
„Was steht auf der Karte?“ fragte Erik.
Weber holte ein Beweismitteltütchen hervor, reichte es Helena. Sie öffnete es vorsichtig, zog die Karte heraus.
Die Handschrift war elegant, altmodisch. Nur vier Worte:
Danke für das Geschenk.
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Das Geschenk. Das Blut.“
„Nicht nur das Blut.“ Helena drehte die Karte um. Auf der Rückseite: ein Symbol. Ein stilisiertes Auge mit einer vertikalen Pupille, umgeben von einer Krone.
„Kennst du das Symbol?“ fragte Erik.
Helena nickte langsam. Ihr Gesicht war bleich geworden. „Ja. Das ist das Siegel des Rates.“
„Des Rates?“
„Eine Versammlung alter Vampire. Die Ältesten. Die Mächtigsten.“ Helenas Stimme zitterte leicht. „Wenn sie hier sind, wenn sie in München aktiv werden…“ Sie brach ab, atmete tief durch. „Dann ist es schlimmer, als ich dachte.“
Weber sah zwischen ihnen hin und her. „Was bedeutet das? Was ist der Rat?“
„Trouble“, sagte Erik leise. „Große trouble.“
Helena steckte die Karte zurück in das Tütchen, gab es Weber zurück. „Martin, ich brauche, dass du das geheim hältst. Niemand darf von diesem Symbol wissen. Kannst du das tun?“
„Helena—“
„Bitte.“
Weber seufzte. „In Ordnung. Aber ich will Updates. Wenn du wirklich… jagst, will ich wissen, was passiert.“
„Du wirst es erfahren.“ Helena wandte sich zum Gehen, dann hielt sie inne. „Und Martin? Sei vorsichtig. Wenn der Rat wirklich hier ist, dann ist niemand sicher. Nicht einmal tagsüber.“
Sie verließen den Autopsiesaal. Der Gang draußen war plötzlich zu hell, zu laut. Erik konnte das Summen der Neonröhren hören, das Brummen der Ventilatoren.
Im Aufzug sagte Helena: „Wir müssen zurück zur Zentrale. Das Team muss das erfahren.“
„Das Symbol“, sagte Erik. „Du hast es wiedererkannt. Woher?“
Helena sah zur Seite. „Mein Vater hatte das gleiche Symbol. Als Tätowierung. Auf seiner Brust.“
Erik erinnerte sich. Der Vampir im U-Bahn-Depot. Konstantin. Helenass Vater.
„Du denkst, er war Teil des Rates?“
„Ich weiß es nicht. Er hat nie darüber gesprochen.“ Helenas Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte den Schmerz darunter hören. „Aber wenn er es war, wenn der Rat dahintersteckt… dann ist das hier persönlich. Sehr persönlich.“
Die Aufzugtüren öffneten sich. Sie gingen zurück zum Auto, durch den Regen, der noch stärker geworden war.
Als sie einstiegen, sagte Erik: „Was hat Weber gemeint mit ‚als wären sie eingeladen worden‘? Brauchen Vampire wirklich eine Einladung?“
„Manche.“ Helena startete den Motor. „Es hängt vom Alter ab, von der Macht. Junge Vampire sind an Regeln gebunden. Sie können nicht in ein Heim eindringen ohne Erlaubnis. Aber ältere…“ Sie bog auf die Straße. „Ältere haben Wege, diese Regeln zu umgehen. Und die Ältesten – der Rat – sie folgen überhaupt keinen Regeln mehr.“
„Wie viele sind im Rat?“
„Niemand weiß es genau. Die Zahlen variieren. Manche sagen sieben. Manche sagen zwölf. Ich habe gehört, es könnten sogar mehr sein.“ Helenas Hände umklammerten das Lenkrad. „Aber eins wissen wir: Sie sind Jahrhunderte alt. Manche Jahrtausende. Sie haben Reiche aufsteigen und fallen sehen. Sie haben Kriege überlebt, Plagen, alles. Und sie sind unbeschreiblich mächtig.“
„Und die sind jetzt hier. In München.“
„Ja.“
„Warum? Was wollen sie hier?“
Helena schwieg einen Moment. Dann: „Ich weiß es nicht. Aber was auch immer es ist – es ist groß. Der Rat bewegt sich nicht ohne Grund. Und wenn sie anfangen, so offen zu töten, Symbole zu hinterlassen…“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie wollen, dass wir es wissen. Sie wollen, dass wir Angst haben.“
„Mission erfüllt“, murmelte Erik.
Sie fuhren durch die dunklen Straßen Münchens. Die Stadt sah friedlich aus, ahnungslos. Menschen in erleuchteten Fenstern, die ihre Leben lebten. Restaurants, Bars, normales Leben.
Aber Erik sah jetzt die Schatten. Die dunklen Stellen zwischen den Gebäuden. Die Gestalten, die sich zu schnell bewegten, um menschlich zu sein.
„Wie viele gibt es?“ fragte er plötzlich. „Wie viele Vampire in München?“
„Schwer zu sagen. Wir schätzen… vielleicht zwanzig. Dreißig.“ Helena bog in eine Seitenstraße. „Die meisten leben friedlich. Trinken tierisches Blut, halten sich versteckt. Wir haben eine Art… Waffenstillstand mit ihnen.“
„Und die anderen?“
„Die anderen jagen.“ Helenas Stimme wurde kalt. „Und die jagen wir.“
Sie hielten vor einem unscheinbaren Gebäude in der Altstadt. Von außen sah es aus wie eine alte Buchhandlung, geschlossen für die Nacht.
„Wir sind da“, sagte Helena.
Erik stieg aus, den Karton unter dem Arm. Der Regen hatte nachgelassen zu einem feinen Niesel. Die Straße war leer, still. Nur das Rauschen von Wasser in den Abflüssen.
Helena ging zur Tür der Buchhandlung, klopfte dreimal. Eine Pause. Dann zweimal. Dann einmal.
Die Tür öffnete sich von innen.
Ein Mann stand dort. Groß, muskulös, Anfang Vierzig, mit kurz geschnittenem grauem Haar und einer Narbe, die von seinem linken Auge bis zum Kinn verlief. Er trug schwarze Kampfkleidung und an seinem Gürtel hingen Waffen. Viele Waffen.
„Helena“, sagte er. Seine Stimme war rau, wie von zu viel Whiskey und Zigaretten. „Und das muss der Neue sein.“
„Erik Schönwaldt, das ist Marcus Wolf“, stellte Helena vor. „Er leitet unsere Feldoperationen.“
Marcus musterte Erik mit einem Blick, der ihn zu wiegen schien. „Schloss Falkenstein, hab ich gehört. Allein gegen einen alten Vampir. Entweder bist du mutig oder dumm.“
„Wahrscheinlich beides“, sagte Erik.
Marcus grinste plötzlich. „Mag ich. Komm rein, Rookie. Zeit, dass du die Familie kennenlernst.“
Sie traten ein in die Dunkelheit der Buchhandlung.
Und in eine Welt, die Erik nie für möglich gehalten hätte.
KAPITEL 4
Die Berger-Familie
Die Buchhandlung war klein und vollgestopft. Regale bis zur Decke, vollgepackt mit Büchern, deren Rücken im schwachen Licht kaum zu erkennen waren. Es roch nach altem Papier, Staub und etwas anderem – Weihrauch vielleicht, oder Kräutern.
Marcus führte sie durch einen schmalen Gang zwischen den Regalen hindurch, vorbei an einer Kasse, die aussah, als wäre sie seit Jahrzehnten nicht benutzt worden. An der hinteren Wand hing ein schwerer Vorhang. Marcus zog ihn beiseite, enthüllte eine Tür aus massivem Eichenholz.
„Nach dir“, sagte er zu Erik und öffnete die Tür.
Dahinter lag nicht, wie Erik erwartet hatte, ein Lagerraum. Stattdessen: eine Wendeltreppe, die nach unten führte. Steinerne Stufen, abgenutzt von unzähligen Füßen, erleuchtet von flackernden Lichtern, die in die Wand eingelassen waren.
„Wie tief geht das?“ fragte Erik, während sie abstiegen.
„Drei Stockwerke“, antwortete Helena vor ihm. „Die oberen zwei sind Büros und Trainingsräume. Das unterste ist das Archiv.“
„Und darunter sind die alten Katakomben“, fügte Marcus hinzu. „Aus dem Mittelalter. München steht auf einem Labyrinth aus Tunneln. Die meisten kennt niemand mehr. Perfekt für uns – und leider auch perfekt für die, die wir jagen.“
Sie erreichten den Boden der Treppe. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihnen, mit Türen auf beiden Seiten. Moderne Beleuchtung jetzt, LED-Streifen an der Decke. Der Kontrast zwischen dem alten Stein und der modernen Technik war verstörend.
Helena öffnete eine der Türen. „Konferenzraum. Das Team sollte schon warten.“
Der Raum war überraschend geräumig. Ein langer Tisch aus dunklem Holz in der Mitte, umgeben von Stühlen. An den Wänden: Whiteboards voller Notizen, Fotos, Karten von München mit Markierungen. Und Monitore, mehrere, die verschiedene Stadtteile zeigten – Überwachungskameras, realisierte Erik.
Am Tisch saßen zwei Menschen.
Die erste war eine Frau, Mitte Dreißig, mit langem schwarzem Haar und asiatischen Gesichtszügen. Sie trug eine Brille mit dickem Rahmen und hatte ein Tablet vor sich, auf dem sie etwas las. Als sie aufblickte, lächelte sie freundlich.
„Du musst Erik sein“, sagte sie mit einem leichten amerikanischen Akzent. „Helena hat von dir erzählt. Ich bin Yuki Tanaka.“
„Die Historikerin“, sagte Erik und erinnerte sich an Helenas Beschreibung im Café.
„Und Mythologin. Und gelegentlich Übersetzerin für Sprachen, die seit tausend Jahren tot sind.“ Yuki stand auf, reichte ihm die Hand. Ihr Händedruck war warm, fest. „Willkommen bei der Nachtwache.“
Der zweite Mensch am Tisch war ein Mann, wahrscheinlich Mitte Fünfzig, mit ergrauendem Haar und dem Gesicht eines Menschen, der viel gelächelt hatte – Lachfalten um die Augen und den Mund. Er trug einen schwarzen Pullover und um den Hals ein Kruzifix. Aber es war seine Präsenz, die Erik beeindruckte. Eine Ruhe, eine Stille, die von ihm ausging wie Wellen.
„Bruder Thomas“, sagte Helena. „Unser spiritueller Berater.“
Der Mann stand auf, nickte Erik zu. „Nur Thomas ist gut. Ich habe die Kirche vor langer Zeit verlassen.“ Seine Stimme war sanft, fast melodisch. „Aber der Glaube… der Glaube hat mich nie verlassen.“
„Thomas war Exorzist“, erklärte Marcus und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Einer der besten. Bis er Dinge gesehen hat, die die Kirche nicht akzeptieren konnte.“
„Die Kirche weiß viel über das Böse“, sagte Thomas leise. „Aber nicht alles. Und was sie nicht versteht, verbannt sie.“ Er lächelte schwach. „Ich wurde verbannt. Aber die Arbeit… die Arbeit geht weiter.“
Helena setzte sich an das Kopfende des Tisches. Erik nahm neben Yuki Platz, stellte den Karton vor sich ab.
„Status?“ fragte Helena.
Marcus lehnte sich zurück. „Keine neuen Vorfälle in den letzten vierundzwanzig Stunden. Aber die Überwachung hat etwas aufgefangen.“ Er deutete auf einen der Monitore. „Kameras am Viktualienmarkt, heute Morgen um vier. Schau dir das an.“
Er drückte einen Knopf auf einer Fernbedienung. Auf dem Monitor lief ein Video. Schwarzweiß, körnig, aber deutlich genug. Der menschenleere Markt, Stände im Schatten. Dann, am Rand des Bildschirms: eine Gestalt.
Sie bewegte sich zu schnell. Einen Moment war sie da, im nächsten verschwommen, dann wieder scharf. Nicht wie ein Mensch, der rennt. Wie ein Standbild, das Frames überspringt.
„Vampir“, sagte Marcus unnötig.
Die Gestalt hielt inne, drehte sich zur Kamera. Nur für einen Moment. Lange genug, um ein Gesicht zu erkennen. Weiblich. Jung. Schön. Und die Augen –
„Sie leuchten“, flüsterte Erik.
„Tapetum lucidum“, sagte Yuki. „Eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut. Katzen haben sie. Und Vampire.“ Sie tippte auf ihrem Tablet. „Ich habe das Gesicht durch unsere Datenbank laufen lassen. Keine Treffer. Entweder ist sie neu in der Stadt, oder sie war sehr gut darin, sich zu verstecken.“
„Oder beides“, murmelte Helena. Sie sah müde aus plötzlich, älter. „Marcus, wo war sie unterwegs? Konnten wir sie weiterverfolgen?“
„Verloren in der Giselastraße. Zu viele tote Winkel.“ Marcus schüttelte den Kopf. „Aber die Richtung war klar. Sie kam aus Schwabing.“
„Schwabing.“ Helena runzelte die Stirn. „Yuki, gibt es Berichte aus Schwabing? Verdächtige Aktivitäten?“
Yuki scrollte durch ihr Tablet. „Nichts in den offiziellen Kanälen. Aber…“ Sie zögerte. „Es gibt einen Forumsbeitrag. Einer dieser Verschwörungstheorie-Seiten. Eine Mutter behauptet, ihr Baby verhält sich seltsam. Schläft nur tagsüber, schreit nachts. Sie meint, es wäre… verflucht.“
„Verflucht“, wiederholte Marcus skeptisch. „Klingt nach postnataler Depression.“
„Normalerweise würde ich zustimmen.“ Yuki vergrößerte etwas auf ihrem Bildschirm. „Aber sie erwähnt etwas anderes. Zwei kleine Wunden am Hals des Babys. Die Ärzte sagten, es wären Insektenstiche.“
Stille im Raum.
Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Wie alt ist das Baby?“
„Sechs Wochen.“
„Wo in Schwabing?“
Yuki tippte. „Sie gibt keine genaue Adresse an, aber sie erwähnt den Englischen Garten in Laufnähe. Und das Klinikum rechts der Isar.“
Helena und Erik tauschten einen Blick.
„Das Klinikum“, sagte Erik. „Das ist das Krankenhaus aus dem Bericht. Die Säuglingsstation.“
„Welcher Bericht?“ fragte Marcus verwirrt.
„Ich habe einen Bericht gelesen“, improvisierte Helena schnell. „Vor drei Wochen, eine Nachtschwester meldete einen Vorfall. Ein offenes Fenster, ein Baby mit Bisswunden. Wurde als unbedeutend eingestuft.“
„Vor drei Wochen.“ Thomas sprach zum ersten Mal. „Das war, als die Todesfälle begannen.“
„Es passt zeitlich“, bestätigte Yuki. „Wenn ein Baby gebissen wurde, könnte das Teil eines größeren Plans sein.“
„Welcher Plan?“ fragte Erik. „Warum sollte ein Vampir ein Baby beißen?“
„Erschaffung“, sagte Thomas leise. Alle sahen ihn an. „Es ist eine alte Praxis. Sehr selten, sehr verboten unter den meisten Vampirclans. Ein Kind, das in jungem Alter gebissen wird, verwandelt sich nicht sofort. Stattdessen… wächst es mit der Dunkelheit in sich. Wird zu etwas zwischen Mensch und Vampir.“
„Ein Dhampir“, sagte Yuki. „Halb Mensch, halb Vampir. In der Folklore sind sie oft Jäger, benutzen ihre Fähigkeiten gegen Vampire. Aber in der Realität…“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind Werkzeuge. Sklaven für den, der sie erschaffen hat.“
Erik dachte an das Baby im Bericht. Lukas. „Können wir es rückgängig machen?“
Thomas nickte langsam. „Wenn es früh genug erkannt wird, ja. Es gibt ein Ritual. Schwierig, gefährlich, aber möglich.“
„Dann müssen wir das Baby finden.“ Helena stand auf. „Yuki, kannst du die Mutter aufspüren? Über den Forumsbeitrag?“
„Ich kann es versuchen. Gib mir eine Stunde.“
„Tu das.“ Helena wandte sich an Marcus. „Bereite ein Team vor. Wenn wir das Baby finden, brauchen wir Schutz. Der Vampir, der es gebissen hat, wird die Verbindung spüren.“
„Verstanden.“ Marcus stand auf, griff nach seinem Gürtel, überprüfte die Waffen. „Wir fahren leicht bewaffnet. Keine schweren Geschütze. Das ist ein Wohngebiet.“
„Und Erik?“ Thomas sah ihn an. „Was ist mit ihm?“
„Er kommt mit.“ Helenas Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Er hat ein Recht zu sehen, womit wir uns beschäftigen. Und…“ Sie sah zum Karton. „Er hat etwas, das wir brauchen könnten.“
Alle Blicke wanderten zum Karton.
„Der Seelenschlüssel“, sagte Yuki ehrfürchtig. „Darf ich?“
Erik nickte. Er öffnete den Karton, holte den Schlüssel heraus.
Im LED-Licht des Konferenzraums sah er unscheinbar aus. Nur ein alter eiserner Schlüssel, verrostet und schwer.
Aber als Yuki ihn in die Hand nahm, geschah etwas.
Der Schlüssel begann zu glühen. Schwach zuerst, dann heller. Ein warmes, goldenes Licht, das von den Ornamenten ausging.
„Unglaublich“, flüsterte Yuki. Sie drehte den Schlüssel, untersuchte die Gravuren. „Diese Symbole… das ist Alchemie. Und das hier…“ Sie deutete auf eine Reihe von Markierungen. „Das ist Hebräisch. Sehr altes Hebräisch.“
„Was bedeutet es?“ fragte Erik.
„’Öffner der Wege zwischen Leben und Tod‘.“ Yuki sah auf. „Das ist kein gewöhnlicher Schlüssel. Das ist ein Artefakt von immenser Macht.“
„Kann er bei dem Ritual helfen?“ fragte Helena.
„Möglicherweise.“ Thomas war neben Yuki getreten, betrachtete den Schlüssel ebenfalls. „Wenn die Barriere zwischen dem Kind und der Dunkelheit gebrochen werden muss… ja, das könnte funktionieren.“
„Dann nehmen wir ihn mit.“ Helena wandte sich an Erik. „Bist du bereit?“
War er bereit? Erik wusste es nicht. Aber er dachte an das Baby, an Lukas, an ein Leben, das gerade erst begonnen hatte und schon von Dunkelheit bedroht wurde.
„Ja“, sagte er. „Ich bin bereit.“
Eine Stunde später saßen sie in zwei Autos. Helena, Erik und Thomas im ersten, einem unauffälligen grauen VW. Marcus und Yuki im zweiten, einem schwarzen SUV mit getönten Scheiben.
Yuki hatte die Familie gefunden. Anna Berger. Fünfundzwanzig Jahre alt, verheiratet mit Michael Berger, achtundzwanzig. Sohn Lukas, geboren am 12. Oktober. Wohnung in Schwabing, Clemensstraße, dritter Stock.
Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel war immer noch bewölkt, eine graue Decke, die die Stadt erstickte. Die Straßen waren nass, reflektierten die Lichter der Straßenlaternen wie flüssiges Silber.
„Was sagen wir ihnen?“ fragte Erik. „Den Eltern? Die werden uns doch nie glauben.“
„Wir sagen die Wahrheit“, antwortete Helena. „Oder genug davon, dass sie zuhören.“
„Und wenn sie uns nicht reinlassen?“
„Dann überzeugen wir sie.“ Helenas Stimme war fest. „Ich habe eine Mutter noch nie ein Kind opfern sehen, Erik. Wenn sie wirklich glaubt, dass etwas mit ihrem Sohn nicht stimmt, wird sie uns zuhören.“
Sie parkten eine Straße weiter, um nicht aufzufallen. Die Clemensstraße war ruhig, Wohnhäuser aus der Gründerzeit, gut gepflegt. Balkone mit Blumenkästen, auch jetzt im November. Normale Familien, normale Leben.
„Nummer achtzehn“, sagte Yuki über Funk. „Dritter Stock, rechts.“
Sie näherten sich dem Gebäude. Marcus und Yuki blieben draußen, beobachteten die Umgebung. Helena, Erik und Thomas gingen hinein.
Das Treppenhaus roch nach Putzmittel und Kaffee. Irgendwo weinte ein Kind. Nicht Lukas, zu alt, zu kräftig. Aber es erinnerte Erik daran, was auf dem Spiel stand.
Dritter Stock. Rechts. An der Tür ein Namensschild: Berger.
Helena klingelte.
Nichts. Sie warteten. Klingelten wieder.
Dann, Schritte. Langsam, zögernd. Eine Frau‘ Stimme: „Ja?“
„Frau Berger? Mein Name ist Dr. Helena Konstantin. Ich bin… ich bin hier wegen Ihres Sohnes.“
„Was wollen Sie?“ Die Stimme klang erschöpft. Ängstlich. „Sind Sie vom Jugendamt? Wir haben nichts falsch gemacht, ich schwöre–“
„Wir sind nicht vom Jugendamt.“ Helenas Stimme war sanft. „Wir sind hier, um zu helfen. Bitte, öffnen Sie die Tür. Nur für einen Moment.“
Eine lange Pause. Dann das Geräusch von einem Schloss, das geöffnet wurde.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau spähte heraus. Jung, mit blonden Haaren, die zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden waren. Dunkle Ringe unter den Augen. Sie trug einen Bademantel und sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht richtig geschlafen.
„Was wollen Sie?“ wiederholte sie.
„Dürfen wir reinkommen?“ fragte Helena. „Es geht um die Wunden an Lukas‘ Hals.“
Anna Berger erstarrte. Ihre Augen wurden groß. „Woher… woher wissen Sie davon?“
„Weil wir wissen, was sie verursacht hat.“ Helena hielt ihren Blick. „Und wir können helfen.“
Anna öffnete die Tür weiter. Sie sah zwischen Helena, Erik und Thomas hin und her. „Sie glauben mir? Sie denken nicht, dass ich verrückt bin?“
„Nein“, sagte Erik leise. „Wir denken nicht, dass Sie verrückt sind.“
Tränen stiegen in Annas Augen. „Niemand glaubt mir. Die Ärzte, mein Mann, niemand. Sie sagen alle, es wäre normal, es wäre nur eine Phase. Aber ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Ich sehe es in seinen Augen, wenn er mich ansieht. Das ist nicht mein Baby. Das ist…“
„Dürfen wir ihn sehen?“ fragte Thomas sanft.
Anna nickte, trat beiseite. „Er schläft. Er schläft immer tagsüber. Aber nachts…“ Ihre Stimme brach. „Nachts ist er hellwach. Und er schreit. Und seine Augen…“
Sie führte sie durch die Wohnung. Klein, aber gemütlich. Fotos an den Wänden, ein junges Paar, glücklich. Hochzeit, Urlaub, das erste Ultraschallbild. Ein normales Leben, dachte Erik. Oder es war es mal.
Das Kinderzimmer war am Ende des Flurs. Die Tür stand halb offen. Anna blieb davor stehen, als hätte sie Angst hineinzugehen.
„Darf ich?“ fragte Erik.
Anna nickte stumm.
Erik öffnete die Tür leise, trat ein.
Das Zimmer war dunkel. Alle Vorhänge zugezogen, kein Licht außer einem schwachen Nachtlicht in der Ecke. Im Zentrum stand ein Kinderbett, und darin, unter einer Decke, ein kleines Bündel.
Erik trat näher. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Das Baby lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen, atmete ruhig. Es sah aus wie jedes andere Baby. Klein, verletzlich, unschuldig.
Aber dann sah Erik die Wunden.
Am Hals, unter dem linken Ohr. Zwei kleine Punkte. Nicht frisch, aber nicht verheilt. Dunkel, fast schwarz. Und um sie herum, auf der zarten Haut, ein feines Netz aus Adern. Zu dunkel. Zu sichtbar.
„Er trinkt nicht mehr“, flüsterte Anna hinter ihm. „Keine Muttermilch, keine Flasche. Nur… nur wenn ich…“ Sie brach ab.
„Nur wenn Sie was?“ fragte Helena sanft.
„Nur wenn ich mein Blut hineintue.“ Annas Stimme war kaum hörbar. „Ich habe mich geschnitten, aus Verzweiflung, und ein Tropfen fiel in die Milch. Und er… er trank. Zum ersten Mal seit Tagen. Und ich wusste…“ Sie begann zu weinen. „Ich wusste, dass mein Baby… dass er…“
Helena nahm Anna in die Arme, hielt sie, während sie schluchzte.
Thomas war neben Erik getreten. Er betrachtete das Baby mit einem Ausdruck tiefen Mitgefühls. „Es ist früh“, murmelte er. „Die Verwandlung hat gerade erst begonnen. Wir haben noch Zeit.“
„Wie viel Zeit?“ fragte Erik.
„Tage. Vielleicht eine Woche.“ Thomas holte ein kleines Kruzifix aus seiner Tasche, hielt es über das Baby.
Lukas‘ Augen öffneten sich.
Sie waren nicht braun, wie sie sein sollten. Sie waren rot. Leuchtend rot, glühend in der Dunkelheit.
Das Baby sah Thomas an. Sah das Kruzifix. Und begann zu schreien.
Es war kein normales Babygeschrei. Es war durchdringend, unnatürlich, ein Laut, der durch Mark und Bein ging.
Die Lampe an der Decke flackerte. Das Nachtlicht explodierte in einem Funkenregen.
„Raus!“ rief Thomas. „Alle raus, jetzt!“
Sie stolperten aus dem Zimmer, Helena zerrte Anna mit sich. Die Tür schlug hinter ihnen zu, als hätte ein Windstoß sie erfasst.
Im Flur war es plötzlich eiskalt. Ihr Atem bildete Wolken.
„Was passiert?“ Anna klammerte sich an Helena. „Was passiert mit meinem Baby?“
„Die Dunkelheit reagiert“, sagte Thomas. „Der Vampir, der ihn gebissen hat – er spürt uns. Spürt, dass wir hier sind.“
„Dann wird er kommen“, sagte Helena. „Marcus!“ Sie sprach in ein kleines Headset an ihrem Ohr. „Wir haben Kontakt. Bereitet euch vor.“
Marcus‘ Stimme knackte zurück: „Verstanden. Yuki sieht etwas auf den Dächern. Bewegung. Mehrere Gestalten.“
„Mehrere?“ Helenas Gesicht wurde blass. „Das ist nicht gut.“
Ein Krachen. Die Haustür, unten im Treppenhaus.
Dann Schritte. Schnell. Zu schnell.
„Verschließ die Tür!“ befahl Helena.
Erik rannte zur Wohnungstür, drehte den Schlüssel. Schob einen Stuhl davor. Es würde nicht viel helfen, das wusste er, aber besser als nichts.
„Hinten raus“, sagte Thomas. „Gibt es einen Hinterausgang?“
Anna nickte benommen. „Die Feuertreppe. Vom Balkon.“
„Gut. Hol dein Baby. Wir gehen. Jetzt.“
Anna rannte zurück ins Kinderzimmer. Das Schreien hatte aufgehört. Stille. Zu still.
Erik folgte ihr, für den Fall, dass –
Anna stand am Kinderbett, erstarrt.
Das Bett war leer.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein. Wo ist er? Wo ist mein Baby?“
Am Fenster, hinter den Vorhängen, eine Bewegung.
Erik riss die Vorhänge auf.
Draußen auf dem Balkon stand eine Gestalt. Weiblich. Jung. Das Gesicht aus dem Überwachungsvideo.
In ihren Armen: Baby Lukas.
Die Frau lächelte. Ihre Zähne waren zu weiß, zu scharf.
„Ihr hättet ihn mir nicht wegnehmen sollen“, sagte sie. Ihre Stimme war melodisch, fast singend. „Er gehört mir. Ich habe ihn erwählt.“
„Valentina“, flüsterte Helena hinter Erik. „Gib uns das Kind.“
„Nein.“ Valentina trat zurück, balancierte am Rand des Balkons. Drei Stockwerke über der Straße. „Er ist mein Geschenk. Mein Beitrag zum Rat.“
„Der Rat wird scheitern“, sagte Thomas. Er war vorgetreten, das Kruzifix in der Hand. „Im Namen–“
Valentina lachte. „Deine Symbole haben keine Macht über mich, Priester. Ich bin alt. Älter als dein Gott.“
Sie sprang.
Einfach so. Vom Balkon, drei Stockwerke nach unten, das Baby im Arm.
Anna schrie.
Erik rannte auf den Balkon, sah hinunter.
Valentina landete auf der Straße. Auf ihren Füßen. Perfekt. Als wäre sie nur eine Stufe hinuntergesprungen.
Sie sah zu ihm hoch, lächelte noch einmal.
Dann rannte sie. So schnell, dass sie verschwamm.
„Nein!“ Anna versuchte, über das Geländer zu klettern. Erik hielt sie zurück.
„Marcus!“ rief Helena in ihr Headset. „Sie hat das Baby! Südliche Richtung, Clemensstraße runter!“
„Wir sind dran!“ Marcus‘ Stimme, dann Motorengeräusch.
Sie rannten aus der Wohnung, die Treppe hinunter. Anna stolperte, weinte, aber Helena hielt sie aufrecht.
Draußen stand der SUV, Motor laufend. Marcus am Steuer, Yuki daneben mit einem Laptop.
„Einsteigen!“ brüllte Marcus.
Sie quetschten sich hinein. Erik, Helena, Thomas, Anna. Der Wagen schoss los, bevor die Tür richtig zu war.
„Wo ist sie?“ fragte Helena.
„Tracking die Handysignale im Umkreis.“ Yuki tippte fieberhaft. „Vampire nutzen manchmal gestohlene Handys zur Kommunikation. Wenn wir Glück haben… da!“ Sie zeigte auf den Bildschirm. „Ein Signal, bewegt sich extrem schnell. Nymphenburger Straße, Richtung Westen.“
„Das ist Richtung Park.“ Marcus trat aufs Gas. „Sie will in die Bäume. Verdammt.“
Sie rasten durch die Straßen. Ampeln ignorierten, Hupen hinter sich. Anna saß zusammengesunken, weinte leise. Erik fühlte sich hilflos.
„Warum?“ fragte er laut. „Warum will sie das Baby?“
„Der Rat“, antwortete Helena. „Thomas hatte Recht. Ein Kind, halb verwandelt, ist ein mächtiges Werkzeug. Es kann Dinge tun, die normale Vampire nicht können. Grenzen überschreiten. Und…“ Sie zögerte. „Es kann als Opfer dienen. Für ein Ritual.“
„Was für ein Ritual?“
„Das wollen wir nicht herausfinden.“
Sie erreichten den Rand des Parks. Nymphenburg, der alte königliche Park, erstreckte sich vor ihnen. Dunkel, weitläufig, unüberschaubar.
„Sie ist da drin“, sagte Yuki. „Das Signal ist statisch geworden. Sie wartet.“
„Es ist eine Falle“, sagte Thomas.
„Natürlich ist es eine Falle“, knurrte Marcus. Er griff nach einer Waffe unter seinem Sitz, eine große silberne Pistole. „Aber wir haben keine Wahl.“
Sie stiegen aus. Der Wind hatte aufgefrischt, zerrte an ihren Jacken. Der Park lag vor ihnen wie ein schwarzes Meer.
„Anna, du bleibst hier“, befahl Helena.
„Nein!“ Anna griff nach Helenas Arm. „Das ist mein Baby! Ich komme mit!“
„Du wirst nur–“
„Ich komme mit!“ Annas Stimme brach. „Bitte. Ich kann nicht… ich kann nicht hier warten und nichts tun.“
Helena sah sie lange an. Dann nickte sie. „Bleib hinter uns. Egal was passiert.“
Sie betraten den Park.
Die Bäume schluckten das Licht. Nur der Mond, halb verdeckt durch Wolken, gab etwas Orientierung. Ihre Schritte knirschten auf Kies, dann auf Laub.
„Ich höre etwas“, flüsterte Thomas. „Da vorne.“
Sie folgten dem Geräusch. Ein Weinen. Babys weinen.
Lukas.
Sie erreichten eine Lichtung. In der Mitte, auf einem alten Steinbrunnen, stand Valentina.
Sie hielt Lukas hoch, wie eine Trophäe.
„Ihr seid gekommen“, sagte sie. „Gut. Ich wollte Zeugen.“
Um die Lichtung herum, zwischen den Bäumen, bewegten sich Schatten. Viele Schatten.
„Wir sind umzingelt“, murmelte Marcus.
Valentina lächelte. „Der Rat sendet seine Grüße.“
Die Schatten traten ins Licht.
Vampire. Fünf, sechs, sieben. Männer und Frauen, alle mit diesen leuchtenden Augen, alle unmenschlich schön und absolut tödlich.
„Gebt uns das Kind“, sagte Helena. Ihre Stimme zitterte nicht. „Und wir lassen euch gehen.“
„Lügnerin“, sagte Valentina. „Aber es spielt keine Rolle. Ihr werdet heute Nacht alle sterben. Und das Kind…“ Sie sah auf Lukas hinunter. „Das Kind wird das Tor öffnen.“
„Was für ein Tor?“ fragte Erik.
Valentina sah ihn an. „Das Tor zur ewigen Nacht, natürlich. Wenn ein unschuldiges Leben geopfert wird, an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit… dann können wir die Sonne auslöschen. Für immer.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte Thomas.
„Das ist Evolution.“ Valentina‘ Augen glühten heller. „Die Menschheit hatte lange genug ihre Chance. Jetzt ist es unsere Zeit.“
Sie hob Lukas höher.
Das Baby schrie.
Und Erik wusste: Sie hatte nicht vor, zu warten.
Sie würde das Baby jetzt töten. Hier. Vor ihnen.
Ohne nachzudenken, griff Erik in seine Tasche. Der Seelenschlüssel war da, kalt und schwer.
Er zog ihn heraus.
Der Schlüssel explodierte in Licht.
Nicht das warme, goldene Leuchten von vorher. Sondern gleißend hell, wie ein Blitz, wie die Sonne selbst.
Die Vampire schrien, wichen zurück, hielten ihre Hände vor die Augen.
Valentina stolperte, fast ließ sie Lukas fallen.
„Jetzt!“ brüllte Marcus.
Er feuerte. Der Knall war ohrenbetäubend. Eine silberne Kugel traf einen der Vampire in die Schulter, er heulte auf.
Chaos brach aus.
Die Vampire griffen an. Thomas schwang sein Kruzifix, murmelte Gebete. Helena hatte einen Flammenwerfer hervorgeholt, kleine Gasflammen züngelten.
Und Erik stand da, den Schlüssel in der Hand, und das Licht wurde heller, heller, bis es schmerzte hinzusehen.
Eine Barriere bildete sich. Wie im U-Bahn-Depot, wie auf Schloss Falkenstein. Ein Ring aus Licht, der sie umschloss, der die Vampire fernhielt.
Valentina schrie. „Was ist das? Was hast du da?“
Erik wusste es nicht. Aber er hielt den Schlüssel fester, konzentrierte sich.
„Gib mir das Baby“, sagte er. „Oder ich weite die Barriere aus. Und du verbrennst.“
Valentina sah ihn an. Hass in ihren Augen. Aber auch… Angst.
„Du weißt nicht, was du tust“, zischte sie. „Du weißt nicht, was der Schlüssel ist.“
„Dann erklär es mir.“
Sie lachte. Ein kaltes, bitteres Lachen. „Der Seelenschlüssel. Geschmiedet von den Alchemisten von Prag. Er öffnet nicht nur Türen, Jäger. Er öffnet Seelen. Und wenn du ihn weiter benutzt…“ Sie lächelte grausam. „Wird er auch deine öffnen.“
Erik zögerte. Nur einen Moment.
Valentina nutzte es.
Sie warf Lukas.
Einfach so. Warf das Baby hoch in die Luft, über die Barriere hinweg.
Anna schrie, rannte los.
Sie fing Lukas auf, stolperte, fiel zu Boden. Aber sie hatte ihn. Sie hatte ihr Baby.
Und Valentina nutzte die Ablenkung, um zu springen. Über die Barriere, über sie alle hinweg, landete hinter ihnen.
„Rückzug!“ rief sie den anderen Vampiren zu.
Sie gehorchten sofort. Verschwanden zwischen den Bäumen, so schnell, dass sie nur Schatten waren.
Innerhalb von Sekunden war die Lichtung leer.
Nur sie waren übrig. Keuchend, erschöpft, aber lebendig.
Anna saß auf dem Boden, hielt Lukas an ihre Brust, weinte und lachte gleichzeitig. Das Baby weinte auch, aber es war ein normales Weinen jetzt. Kein unnatürliches Kreischen.
Erik ließ den Schlüssel sinken. Das Licht erlosch.
Seine Hände zitterten.
„Gut gemacht, Rookie“, sagte Marcus. Er klang beeindruckt.
Aber Helena sah besorgt aus. „Erik. Wie hast du das gemacht? Mit dem Schlüssel?“
„Ich… ich weiß nicht. Ich habe nur gedacht, dass ich sie aufhalten muss, und…“ Er sah auf den Schlüssel. Der sah jetzt wieder normal aus. Nur Metall. „Was meinte sie mit ‚er öffnet Seelen‘?“
Thomas trat zu ihm, betrachtete den Schlüssel mit ernster Miene. „Es ist ein Warnung. Der Seelenschlüssel ist mächtig, aber er fordert einen Preis. Jedes Mal, wenn du ihn benutzt, öffnest du eine Tür. Nicht nur nach außen. Auch nach innen.“
„Was bedeutet das?“
„Es bedeutet“, sagte Helena leise, „dass du vorsichtig sein musst. Der Schlüssel könnte dich verändern. Wenn du ihn zu oft benutzt…“
Sie beendete den Satz nicht.
Sie musste es nicht.
Erik verstand.
Der Schlüssel war nicht nur eine Waffe.
Er war eine Gefahr.
Für seine Feinde.
Und für ihn selbst.
Kapitel 5
Die Nachtwache-Zentrale
Die Fahrt zurück war still.
Anna saß hinten im SUV, Lukas fest an sich gedrückt, und starrte aus dem Fenster. Das Baby hatte aufgehört zu weinen und war eingeschlafen – ein tiefer, friedlicher Schlaf, wie ihn Anna seit Wochen nicht mehr bei ihm gesehen hatte. Die roten Augen waren verschwunden. Die Wunden am Hals schienen blasser, weniger bedrohlich.
Aber Erik wusste: Es war noch nicht vorbei.
„Was passiert jetzt?“ fragte Anna schließlich. Ihre Stimme war heiser vom Weinen. „Mit Lukas? Ist er… ist er geheilt?“
Helena drehte sich vom Beifahrersitz um. „Noch nicht. Das Licht des Schlüssels hat die Verwandlung verlangsamt, aber nicht gestoppt. Wir müssen das Ritual durchführen.“
„Welches Ritual?“
„Ein Reinigungsritual. Sehr alt, sehr mächtig.“ Helenas Stimme war sanft, aber bestimmt. „Es wird die Verbindung zwischen Lukas und dem Vampir brechen. Die Dunkelheit aus ihm entfernen.“
„Ist es gefährlich?“
Eine Pause. Dann: „Ja. Es ist gefährlich. Aber ohne das Ritual…“ Helena ließ den Satz unbeendet.
Anna schloss die Augen, drückte Lukas noch fester an sich. „Was muss ich tun?“
„Vertrauen“, sagte Thomas von Eriks anderer Seite. „Vertrauen Sie uns. Und beten Sie. Wenn Sie können.“
„Ich bin nicht religiös.“
„Das müssen Sie nicht sein. Beten ist… Hoffnung mit Worten. Und Hoffnung brauchen wir.“
Sie erreichten die Buchhandlung kurz vor Mitternacht. Die Straßen waren leer, die Stadt schlief. Nur vereinzelt brannte noch Licht in Fenstern.
Marcus parkte in einer Seitengasse. Sie stiegen aus, schnell, wachsam. Erik spürte Augen auf sich, unsichtbare Blicke aus der Dunkelheit. Die Vampire beobachteten sie. Er war sich sicher.
„Schnell rein“, murmelte Helena.
Sie huschten zur Tür der Buchhandlung. Das gleiche Klopfmuster: dreimal, Pause, zweimal, einmal. Die Tür öffnete sich sofort.
Yuki stand dort, das Tablet in der Hand. „Ich habe den Rat recherchiert“, sagte sie ohne Begrüßung. „Ihr müsst das sehen.“
Sie gingen hinein, durch die Regale, durch den Vorhang, die Wendeltreppe hinunter. Anna folgte zögernd, hielt Lukas schützend, ihre Augen weiteten sich, als sie die unterirdische Anlage sah.
„Wo… wo sind wir?“ flüsterte sie.
„Irgendwo sicher“, antwortete Helena. „Das ist alles, was im Moment zählt.“
Sie führten Anna in einen kleinen Raum neben dem Konferenzraum. Ein Sofa, eine Decke, eine Lampe. Spartanisch, aber gemütlich.
„Ruhen Sie sich aus“, sagte Helena. „Wir bereiten alles vor. Das Ritual wird einige Stunden dauern.“
„Wann?“
„Vor Sonnenaufgang. Das ist wichtig. Das erste Licht des Tages wird unsere Arbeit verstärken.“
Anna nickte müde. Sie setzte sich aufs Sofa, legte Lukas neben sich. Das Baby schlief friedlich weiter.
„Wird er leiden?“ fragte Anna leise. „Beim Ritual?“
Thomas kniete sich neben sie. „Ich werde dafür sorgen, dass er so wenig wie möglich spürt. Das verspreche ich Ihnen.“
Anna sah ihn an, suchte in seinem Gesicht nach Täuschung, nach falschen Versprechungen. Aber alles, was sie fand, war ehrliche Anteilnahme.
„Danke“, flüsterte sie.
Sie ließen Anna mit ihrem Baby allein, zogen die Tür leise hinter sich zu.
Im Konferenzraum wartete Yuki bereits, ihr Tablet auf den großen Monitor projiziert. Darauf: alte Texte, Zeichnungen, Fotografien.
„Was hast du gefunden?“ fragte Helena und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sie sah erschöpft aus. Die Jagd, die Konfrontation, das alles forderte seinen Tribut.
„Der Rat der Ältesten“, begann Yuki und tippte auf ihrem Tablet. Das Bild wechselte zu einem alten Kupferstich. Sieben Gestalten um einen Tisch, alle in Roben, alle mit leuchtenden Augen. „Erwähnt wird er erstmals im 12. Jahrhundert, in einem Manuskript aus Konstantinopel. Eine Versammlung der ältesten Vampire Europas, gegründet um… nun ja, darüber streiten sich die Quellen.“
„Worüber streiten sie sich nicht?“ murmelte Marcus. Er holte eine Flasche Whiskey aus einem Schrank, schenkte sich ein Glas ein. „Will jemand?“
Erik nickte. Sein Körper war angespannt, Adrenalin noch immer in seinen Adern. Der Alkohol könnte helfen.
Marcus goss zwei Gläser ein, reichte Erik eines. „Auf deine erste Jagd, Rookie. Du hast dich gut geschlagen.“
„Ich hatte keine Ahnung, was ich tat“, sagte Erik und nahm einen Schluck. Der Whiskey brannte, aber angenehm.
„Niemand von uns weiß, was er tut“, sagte Marcus trocken. „Wir improvisieren alle.“
„Marcus“, tadelte Helena. „Nicht jetzt.“
„Was? Es ist die Wahrheit.“ Marcus lehnte sich zurück. „Aber ja, Boss. Entschuldigung.“
Yuki räusperte sich. „Also, der Rat. Manche Quellen sagen, er wurde gegründet, um Frieden zwischen den Vampir-Clans zu schaffen. Um Regeln aufzustellen, Territorien zu verteilen. Eine Art… Vampire-UNO.“
„Klingt zivilisiert“, sagte Erik.
„Klingt es. Ist es nicht.“ Yuki wischte zum nächsten Bild. Ein mittelalterliches Gemälde, halb verblasst. Eine brennende Stadt, Menschen fliehend, und über allem: Schatten mit roten Augen. „Andere Quellen sagen, der Rat wurde gegründet mit einem anderen Ziel: die Weltherrschaft.“
„Natürlich“, seufzte Marcus. „Warum auch nicht.“
„Die Idee war“, fuhr Yuki fort, „eine Welt zu schaffen, in der Vampire nicht mehr versteckt leben müssen. Eine Welt, in der sie die dominante Spezies sind. Und die Menschen…“ Sie zögerte. „Die Menschen wären Vieh.“
Stille im Raum.
„Das ist nicht passiert“, sagte Erik schließlich. „Offensichtlich.“
„Weil sie aufgehalten wurden“, sagte Thomas. Er hatte sich an die Wand gelehnt, die Arme verschränkt. „Im 14. Jahrhundert gab es einen Krieg. Vampire gegen Vampire. Der Rat wollte seine Vision durchsetzen. Aber es gab andere, die widerstanden. Die glaubten, dass Vampire und Menschen koexistieren könnten, ohne dass eine Seite die andere versklavt.“
„Wer gewann?“ fragte Erik.
„Niemand.“ Thomas‘ Gesicht war ernst. „Der Krieg endete in einem Patt. Der Rat zog sich zurück, versteckte sich. Jahrhunderte lang waren sie still. Manche dachten, sie wären ausgelöscht worden. Aber…“ Er deutete auf Yukis Bildschirm. „Sie waren nur geduldig.“
Yuki wechselte zu einem moderneren Dokument. „In den letzten zwanzig Jahren gab es Gerüchte. Sichtungen. Treffen in Prag, in Istanbul, in Budapest. Der Rat reformiert sich. Und dieses Mal…“ Sie sah Helena an. „Dieses Mal sind sie organisierter. Stärker. Und sie haben einen Plan.“
„Die ewige Nacht“, sagte Helena. „Valentina hat es erwähnt. Sie wollen die Sonne auslöschen.“
„Wie?“ fragte Marcus skeptisch. „Das ist doch unmöglich. Selbst mit Magie – die Sonne ist… die Sonne.“
„Nicht die echte Sonne“, erklärte Yuki. „Nur das Licht über einer Stadt. Es ist ein Ritual, das in alten Grimoires beschrieben wird. Die ‚Große Verdunkelung‘. Wenn es an bestimmten Kraftorten durchgeführt wird, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Opfern…“ Sie scrollte zu einem Diagramm. Eine Karte von München, mit markierten Punkten. „Dann könnte es tatsächlich funktionieren.“
„Wie lange?“ fragte Helena. „Wie lange würde die Verdunkelung dauern?“
„Das ist unklar. Manche Texte sagen Tage. Andere sagen… ewig. Bis das Ritual rückgängig gemacht wird.“
„Und wie macht man es rückgängig?“
Yuki schüttelte den Kopf. „Das steht nirgends. Vermutlich, weil niemand, der es versucht hat, überlebt hat, um es aufzuschreiben.“
„Fantastisch“, murmelte Marcus.
Erik betrachtete die Karte. „Diese Punkte – was bedeuten sie?“
„Ley-Linien“, antwortete Yuki. „Energielinien, die sich durch die Erde ziehen. Alte Kulturen kannten sie, bauten ihre heiligen Stätten darauf. Stonehenge, die Pyramiden, viele Kathedralen.“ Sie zeigte auf die Münchner Karte. „München liegt auf einem Knotenpunkt mehrerer Ley-Linien. Deshalb wurde die Stadt hier gegründet. Und deshalb ist sie perfekt für das Ritual.“
„Wo genau sind diese Punkte?“ fragte Helena.
Yuki vergrößerte die Karte. „Frauenkirche – das ist das Zentrum. Dann Viktualienmarkt, Englischer Garten, die Isar an der Ludwigsbrücke, und…“ Sie stockte. „Schloss Nymphenburg.“
„Wo wir gerade waren“, sagte Erik.
„Genau. Der Rat testet bereits die Standorte. Sie bereiten sich vor.“
Helena stand auf, ging zur Karte, berührte die markierten Punkte. „Wann? Wann würden sie das Ritual durchführen?“
„Zur Sommersonnenwende“, sagte Thomas. „21. Juni. Der längste Tag des Jahres. Wenn die Sonne am stärksten ist, ist auch die Dunkelheit am mächtigsten. Das Paradoxon des Gleichgewichts.“
„Das sind…“ Helena rechnete. „Sieben Monate.“
„Sieben Monate, um sie zu stoppen“, bestätigte Yuki.
„Oder sieben Monate, in denen sie stärker werden“, konterte Marcus. „Valentina hat heute Nacht entkommen. Sie weiß jetzt, dass wir Bescheid wissen. Der Rat wird sich vorbereiten.“
„Dann müssen wir auch vorbereitet sein.“ Helena wandte sich zu Erik. „Du hast heute etwas Außergewöhnliches getan. Mit dem Schlüssel. Wie hast du das gemacht?“
Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten noch leicht. „Ich… ich habe nur daran gedacht, dass ich sie aufhalten muss. Und der Schlüssel… reagierte.“
„Er reagierte auf deinen Willen.“ Thomas trat zu ihm. „Der Seelenschlüssel ist kein gewöhnliches Werkzeug. Er ist eine Erweiterung dessen, der ihn trägt. Deine Absicht, deine Emotion – sie fließen in ihn hinein.“
„Valentina sagte, er öffnet Seelen“, erinnerte Erik. „Was meinte sie damit?“
Thomas und Helena tauschten einen Blick.
„Der Schlüssel hat zwei Funktionen“, erklärte Thomas schließlich. „Die offensichtliche: Er öffnet Türen, Barrieren, Wege zwischen den Welten. Aber die zweite, die gefährlichere…“ Er zögerte. „Er öffnet auch die Seele des Trägers. Legt sie frei. Jedes Mal, wenn du ihn benutzt, gibst du ein Stück von dir selbst hinein.“
„Und was passiert, wenn ich zu viel gebe?“
„Du wirst Teil des Schlüssels.“ Thomas‘ Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Deine Seele, dein Bewusstsein – sie werden darin gefangen. Und der Schlüssel wird… lebendiger. Mächtiger. Aber du…“ Er ließ den Satz unbeendet.
Erik fühlte eine Kälte in seiner Brust. „Ich würde verschwinden.“
„Ja.“
„Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“ Erik sah Helena an, seine Stimme härter als beabsichtigt.
„Weil du ihn trotzdem benutzt hättest“, antwortete Helena ruhig. „Um das Baby zu retten. Und das war richtig. Aber jetzt weißt du es. Und du musst eine Wahl treffen, Erik.“
„Was für eine Wahl?“
„Ob du den Schlüssel weiterhin trägst. Ob du bereit bist, das Risiko einzugehen.“ Helena trat näher. „Niemand wird es dir verübeln, wenn du nein sagst. Wir finden andere Wege. Andere Werkzeuge.“
Erik zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Das Metall fühlte sich warm an, fast lebendig. Er konnte schwören, er spürte ein Pulsieren – wie einen Herzschlag.
Er dachte an Clara. An das Schloss. An die Entscheidung, zurückzugehen, obwohl er hätte fliehen können.
Manche Entscheidungen waren einfach.
„Ich behalte ihn“, sagte er. „Aber ich werde vorsichtig sein.“
Helena lächelte schwach. „Das hoffe ich.“
„Gut“, sagte Marcus und hob sein Glas. „Dann haben wir einen Plan. Erik ist unsere Geheimwaffe. Yuki recherchiert weiter den Rat. Thomas bereitet das Ritual für das Baby vor. Und ich…“ Er grinste. „Ich besorge größere Waffen.“
„Und ich“, sagte Helena, „werde einen alten Kontakt aufsuchen. Jemanden, der mehr über den Rat wissen könnte.“
„Wer?“ fragte Yuki.
Helena zögerte. „Jemand, der einst Teil davon war.“
Stille.
„Du meinst nicht…“ begann Marcus.
„Doch.“ Helenas Gesicht war ausdruckslos. „Ich muss mit meinem Vater sprechen.“
„Dein Vater ist tot“, sagte Erik verwirrt. „Im U-Bahn-Depot. Konstantin. Du hast es erzählt.“
„Konstantin ist tot“, bestätigte Helena. „Aber er war nicht der einzige Vampir in meiner Familie.“
Sie ging zu einem der Whiteboards, zog ein Foto hervor, das mit einem Magneten befestigt war. Ein altes Schwarzweißfoto, vergilbt an den Rändern. Darauf: eine Familie. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder – ein Junge und ein Mädchen.
„Das ist meine Familie“, sagte Helena leise. „Fotografiert 1962. Ich war fünf Jahre alt. Das Mädchen.“ Sie deutete auf die kleine Gestalt mit dunklen Haaren und ernstem Gesicht. „Mein Bruder Dimitri war acht. Meine Eltern – Konstantin und Maria.“
„Was ist passiert?“ fragte Erik.
„1970 verschwand mein Vater. Einfach so, eines Nachts. Meine Mutter sagte, er wäre auf Geschäftsreise. Aber er kam nie zurück.“ Helenas Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte den Schmerz darunter hören. „Jahre später erfuhr ich die Wahrheit. Er war verwandelt worden. Wurde ein Vampir. Und irgendwann auch mein Bruder.“
„Dein Bruder“, wiederholte Yuki leise. „Du hast nie von ihm gesprochen.“
„Weil es schmerzt.“ Helena legte das Foto zurück. „Dimitri wurde 1985 verwandelt. Mit dreiundzwanzig Jahren. Ich habe es versucht – versucht, ihn zu retten, zurückzuholen. Aber er…“ Sie schüttelte den Kopf. „Er wollte nicht gerettet werden. Er umarmte die Dunkelheit. Schloss sich dem Rat an.“
„Und du glaubst, er ist noch am Leben?“ fragte Thomas.
„Ich weiß es. Ich habe ihn vor zwei Jahren gesehen. In Wien. Kurz, nur aus der Ferne. Aber er war es.“ Helenas Hände ballten sich zu Fäusten. „Wenn der Rat in München aktiv ist, dann ist Dimitri hier. Irgendwo.“
„Und du willst ihn finden“, sagte Erik.
„Ich muss ihn finden. Er kennt die Pläne des Rates. Er könnte uns sagen, wann genau sie das Ritual durchführen werden, wer involviert ist.“ Helena atmete tief durch. „Es ist ein Risiko. Aber es könnte unsere einzige Chance sein.“
„Er ist dein Bruder“, sagte Thomas sanft. „Das macht es gefährlich. Emotional gefährlich.“
„Ich weiß.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Aber ich kann das. Ich muss.“
Marcus stellte sein Glas ab. „Dann gehen wir mit dir.“
„Nein. Das muss ich allein tun. Dimitri würde nie mit mir sprechen, wenn ich ein ganzes Team mitbringe.“
„Helena—“
„Das ist nicht verhandelbar, Marcus.“ Helenas Stimme war Stahl. „Ich gehe allein. Aber vorher…“ Sie sah zur Tür, hinter der Anna und Lukas warteten. „Vorher retten wir das Baby.“
Die nächsten Stunden vergingen in Vorbereitung.
Thomas verwandelte einen der Kellerräume in eine Ritualstätte. Er zog mit Kreide Symbole auf den Boden – komplexe geometrische Muster, durchzogen mit hebräischen und lateinischen Buchstaben. In den Ecken stellte er Kerzen auf, dicke weiße Kerzen, die nach Weihrauch rochen.
Yuki bereitete die benötigten Zutaten vor. Getrocknete Kräuter – Salbei, Rosmarin, Eisenkraut. Ein kleiner Kelch mit Weihwasser aus einem Brunnen in Lourdes. Und etwas, das Erik nervös machte: eine kleine silberne Klinge.
„Für das Blut“, erklärte Yuki, als sie seinen Blick bemerkte. „Das Ritual benötigt drei Blutstropfen. Einen von der Mutter, einen vom Kind, und…“ Sie sah zu Erik. „Einen vom Träger des Seelenschlüssels.“
„Von mir?“ Erik fühlte sich plötzlich sehr unwohl.
„Der Schlüssel ist Teil des Rituals“, erklärte Thomas. „Er wird die Barriere erschaffen, die die Dunkelheit aus dem Kind zieht. Aber er braucht eine Verbindung zu dir. Dein Blut wird diese Verbindung herstellen.“
„Und wenn etwas schiefgeht?“
„Dann wird die Dunkelheit dich auch berühren.“ Thomas sah ihn ernst an. „Deshalb ist es wichtig, dass du stark bleibst. Konzentriert. Die Dunkelheit wird versuchen, in dich einzudringen. Du musst ihr widerstehen.“
„Wie?“
„Denk an etwas Gutes. An Licht. An Liebe.“ Thomas legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast die Kraft, Erik. Ich habe es heute Nacht gesehen. Vertrau dir selbst.“
Erik nickte, versuchte die Zuversicht zu spüren, die Thomas ausstrahlte. Aber alles, was er fühlte, war Angst.
Um vier Uhr morgens war alles bereit.
Sie holten Anna und Lukas. Das Baby war wach jetzt, aber ruhig, sah mit großen Augen um sich.
„Es wird wehtun?“ fragte Anna zum dritten Mal.
„Nur kurz“, versicherte Thomas. „Und dann wird alles vorbei sein.“
Sie legten Lukas in die Mitte des Kreises, auf eine weiche Decke. Anna kniete daneben, hielt seine kleine Hand.
Erik nahm Position gegenüber ein, den Seelenschlüssel in der Hand. Helena, Marcus und Yuki standen außerhalb des Kreises, Beobachter, Beschützer.
Thomas begann zu chanten. Alte Worte, in einer Sprache, die Erik nicht verstand. Lateinisch vielleicht, oder noch älter. Die Luft im Raum veränderte sich, wurde dichter, schwerer.
Die Kerzen flackerten, obwohl keine Zugluft da war.
Thomas nahm die silberne Klinge. „Anna. Deine Hand.“
Anna streckte ihre Hand aus, zitternd. Thomas stach schnell zu, ein kleiner Schnitt an der Fingerspitze. Drei Tropfen Blut fielen in den Kelch mit Weihwasser.
Dann wandte er sich zu Lukas. „Verzeihen Sie mir“, flüsterte er.
Er stach. Lukas schrie. Nur kurz, aber durchdringend. Drei Tropfen fielen in den Kelch.
„Erik.“
Erik streckte seine Hand aus. Die Klinge war kalt, scharf. Der Stich war schnell, aber schmerzhaft. Drei Tropfen Blut tropften in den Kelch, vermischten sich mit den anderen.
Das Wasser begann zu leuchten. Erst schwach, dann heller, ein goldenes Licht.
Thomas hob den Kelch über Lukas. „Im Namen des Lichts, das älter ist als die Dunkelheit. Im Namen der Leben, die das Opfer überdauern. Im Namen der Liebe, die stärker ist als der Tod.“ Er goss das leuchtende Wasser über Lukas‘ Stirn. „Ich befehle der Dunkelheit: Verlasse dieses Kind!“
Lukas schrie wieder. Aber dieses Mal hörte es nicht auf.
Die Luft im Raum wurde eiskalt. Erik sah seinen Atem, sah, wie die anderen zitterten.
Und dann sah er es.
Aus Lukas‘ Körper, aus den Wunden an seinem Hals, begann etwas zu sickern. Nicht Blut. Etwas Dunkleres. Eine schwarze, ölige Substanz, die sich wand wie lebendig.
„Der Schlüssel!“ rief Thomas. „Jetzt, Erik!“
Erik hob den Seelenschlüssel. Er begann sofort zu glühen, heller als je zuvor. Das Licht strömte aus ihm heraus, füllte den Raum, traf die Dunkelheit.
Die schwarze Substanz zischte, wie Wasser auf heißem Metall. Sie versuchte, zurück in Lukas‘ Körper zu fliehen, aber das Licht hielt sie fest, zerrte sie heraus.
„Widersteh ihr!“ Thomas‘ Stimme war kaum über Lukas‘ Schreien zu hören. „Lass sie nicht zurück!“
Erik konzentrierte sich. Aber die Dunkelheit hatte eine Stimme. Flüsterte in seinen Kopf.
Lass los, sagte sie. Lass uns zurück. Das Kind gehört uns.
„Nein“, presste Erik zwischen den Zähnen hervor.
Du bist schwach. Du bist allein. Du kannst uns nicht besiegen.
„Ich bin nicht allein.“
Er sah Anna, wie sie über ihren Sohn gebeugt war, Tränen auf ihren Wangen, aber ihr Gesicht voller Entschlossenheit.
Er sah Thomas, wie er weiterbetete, unermüdlich, seine Stimme ein Anker in dem Chaos.
Er sah Helena, Marcus, Yuki – alle bereit, zu kämpfen, zu schützen.
Und er dachte an Clara. An ihr Lächeln, kurz bevor sie starb. An die Worte: Für alle von uns.
Das Licht aus dem Schlüssel explodierte.
Die Dunkelheit schrie – ein hoher, schriller Ton, der in den Ohren wehtat. Dann zerfiel sie zu Rauch, zu nichts.
Lukas‘ Schreien verstummte.
Stille.
Das Baby atmete. Ruhig. Gleichmäßig.
Die Wunden an seinem Hals waren verschwunden. Nur glatte, rosa Babyhaut.
Seine Augen öffneten sich. Braun. Normal. Menschlich.
Anna schluchzte auf, nahm Lukas in die Arme, drückte ihn an sich.
„Es ist vorbei“, sagte Thomas leise. „Er ist frei.“
Erik ließ den Schlüssel sinken. Seine Hände zitterten so stark, dass er ihn fast fallen ließ.
Helena fing ihn auf, den Schlüssel und Erik, der plötzlich sehr schwach auf den Beinen war.
„Du hast es geschafft“, flüsterte sie. „Gut gemacht.“
Erik lächelte schwach. Dann wurde alles schwarz.
Er wachte in einem der kleinen Zimmer auf, auf einem schmalen Bett. Wie lange er bewusstlos gewesen war, wusste er nicht.
Helena saß neben dem Bett, las in einem alten Buch.
„Willkommen zurück“, sagte sie, als sie bemerkte, dass er wach war.
„Wie lange?“ krächzte Erik.
„Drei Stunden. Die Sonne ist aufgegangen.“ Helena legte das Buch beiseite. „Wie fühlst du dich?“
„Ausgelaugt.“ Erik setzte sich auf, langsam. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er eine Woche nicht geschlafen. „Das Baby?“
„Gesund. Vollkommen gesund. Anna ist mit ihm nach Hause gefahren. Marcus und Yuki begleiten sie, stellen sicher, dass niemand ihnen folgt.“
„Und die Dunkelheit? Ist sie wirklich weg?“
„Thomas hat es überprüft. Ja. Lukas ist ein normales Baby. Er wird ein normales Leben haben.“ Helena lächelte. „Du hast ein Leben gerettet, Erik. Dein erstes als Teil der Nachtwache.“
„Es fühlt sich nicht wie ein Sieg an“, sagte Erik leise. „Valentina ist entkommen. Der Rat ist noch da draußen.“
„Das stimmt. Aber wir haben heute Nacht bewiesen, dass sie nicht unbesiegbar sind. Dass wir sie aufhalten können.“ Helena stand auf. „Ruh dich noch aus. Wenn du bereit bist, gibt es etwas, das ich dir zeigen möchte.“
„Was?“
„Dein neues Zuhause. Wenn du bleiben willst, natürlich.“
Erik dachte darüber nach. Sein altes Leben – die Wohnung, der Job, die Normalität. Es fühlte sich an wie ein Traum, wie etwas, das jemand anderem gehörte.
Das hier, die Nachtwache, die Jagd, die Dunkelheit – das fühlte sich real an.
„Ich bleibe“, sagte er.
Helena lächelte. Ein echtes, warmes Lächeln. „Dann willkommen in der Familie, Erik Schönwaldt.“
Sie verließ das Zimmer, schloss die Tür leise hinter sich.
Erik lag noch eine Weile da, starrte an die Decke, verarbeitete alles.
Sein Leben hatte sich verändert. Unwiderruflich.
Aber vielleicht war das okay.
Vielleicht war es genau das, was er brauchte.
Ein Zweck. Eine Mission.
Eine Chance, etwas Gutes zu tun.
Er schloss die Augen, driftete zurück in den Schlaf.
Und dieses Mal gab es keine Albträume.
Nur Dunkelheit.
Friedliche, stille Dunkelheit.
KAPITEL 6
Der Köder
Erik wachte zum zweiten Mal auf, als jemand an die Tür klopfte.
„Ja?“ Seine Stimme war noch heiser.
Die Tür öffnete sich. Marcus stand dort, in schwarzer Kampfmontur, eine Kaffeetasse in der Hand.
„Aufstehen, Rookie. Zeit fürs Training.“
Erik sah auf die Uhr an der Wand. 18:47. Er hatte fast den ganzen Tag geschlafen.
„Training?“
„Du dachtest, wir setzen dich einfach so auf die Straße?“ Marcus grinste. „Helena mag dich mögen, aber ich bin derjenige, der dich am Leben halten muss. Und dafür musst du kämpfen lernen.“
„Ich kann kämpfen.“
„Du kannst einen glühenden Schlüssel halten“, korrigierte Marcus. „Das ist nicht dasselbe. Komm. Zieh dir was Bequemes an. Wir haben eine Stunde, bevor die echte Arbeit beginnt.“
„Was für Arbeit?“
Marcus‘ Grin wurde breiter. „Wir gehen auf die Jagd.“
Zwanzig Minuten später stand Erik in einem der Kellerräume, der zum Trainingsraum umfunktioniert worden war. Matten am Boden, Sandsäcke an den Wänden, ein Gestell voller Waffen – Messer, Stäbe, sogar einige Schwerter.
Marcus warf ihm ein Holzschwert zu. Erik fing es, überrascht von seinem Gewicht.
„Zu schwer?“ fragte Marcus.
„Nein. Nur… ich habe noch nie mit einem Schwert gekämpft.“
„Dann wird es Zeit, dass du es lernst.“ Marcus nahm selbst ein Holzschwert, ging in Angriffsposition. „Regel Nummer eins: Vampire sind schneller als du. Viel schneller. Du wirst sie nicht im Kampf übertreffen.“
„Beruhigend.“
„Regel Nummer zwei: Aber sie sind arrogant. Sie unterschätzen Menschen. Das ist dein Vorteil.“ Marcus kreiste um ihn herum. „Regel Nummer drei: Ziel auf die Gliedmaßen. Verlangsame sie. Ein Vampir ohne Beine ist genauso hilflos wie ein Mensch.“
„Und das Herz? Der Pflock durchs Herz?“
„Funktioniert. Aber nur, wenn du nahe genug rankommst. Und wenn sie dich nah ranlassen, bist du wahrscheinlich schon tot.“ Marcus stoppte. „Bereit?“
„Ich—“
Marcus griff an.
Erik parierte instinktiv, sein Holzschwert krachte gegen Marcus‘. Der Aufprall ließ seine Arme vibrieren.
„Gut!“ rief Marcus. „Aber zu langsam!“
Er griff wieder an, schneller. Erik wich aus, versuchte zu kontern, aber Marcus war überall. Links, rechts, ein Schlag gegen Eriks Rippen.
Erik stolperte, ging zu Boden.
„Tot“, sagte Marcus. „Aufstehen.“
Erik rappelte sich auf, keuchend.
Sie trainierten eine volle Stunde. Jedes Mal, wenn Erik dachte, er würde den Rhythmus verstehen, änderte Marcus die Taktik. Griff aus unerwarteten Winkeln an. Benutzte schmutzige Tricks – Fußfeger, Ellbogen, Kopfstöße.
„Vampire kämpfen nicht fair“, erklärte Marcus, nachdem er Erik zum zehnten Mal zu Boden geschickt hatte. „Warum solltest du?“
Am Ende der Stunde war Erik schweißgebadet, hatte blaue Flecken an Stellen, von denen er nicht wusste, dass man dort blaue Flecken bekommen konnte, und seine Muskeln brannten.
Aber er fühlte sich… gut. Lebendig.
„Nicht schlecht für den ersten Tag“, sagte Marcus und reichte ihm ein Handtuch. „Du hast Instinkte. Das ist gut. Aber Instinkte reichen nicht. Du brauchst Disziplin.“
„Wann üben wir weiter?“
„Jeden Tag. Zwei Stunden.“ Marcus klopfte ihm auf die Schulter, etwas zu hart. „Willkommen in der Hölle, Rookie.“
Sie gingen zurück zum Konferenzraum. Die anderen waren bereits dort.
Helena stand vor der Münchner Karte, markierte etwas mit einem roten Stift. Yuki tippte auf ihrem Tablet. Thomas saß am Tisch, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen – betete oder meditierte.
„Status?“ fragte Marcus.
Helena drehte sich um. „Wir haben ein Problem. Oder besser gesagt, wir haben keine Spur.“
„Was meinst du?“
„Valentina. Die anderen Vampire von letzter Nacht. Sie sind verschwunden. Komplett vom Radar.“ Helena klang frustriert. „Ich habe all unsere Quellen aktiviert – Informanten, Überwachungskameras, alles. Nichts.“
„Sie haben sich versteckt“, sagte Yuki. „Nach dem Zwischenfall im Park wissen sie, dass wir sie jagen. Sie werden vorsichtiger sein.“
„Zu vorsichtig“, murmelte Marcus. „Wir brauchen einen neuen Ansatz.“
„Deshalb habe ich euch gerufen.“ Helena ging zum Tisch, breitete mehrere Fotos aus. Überwachungsbilder von verschiedenen Orten in München. Bars, Clubs, dunkle Gassen. „Vampire müssen jagen. Sie können nicht monatelang ohne Blut überleben. Wenn sie in München bleiben, werden sie irgendwann zuschlagen.“
„Und wir warten, bis sie wieder töten?“ Erik schüttelte den Kopf. „Das können wir nicht.“
„Das werden wir nicht.“ Helena sah ihn an. „Deshalb setzen wir einen Köder.“
Stille im Raum.
„Du meinst…“ begann Yuki.
„Ja. Wir geben ihnen ein Ziel. Jemanden, der verlockend aussieht. Verletzlich. Allein.“ Helenas Blick wanderte zu Marcus. „Jemanden, den sie nicht widerstehen können.“
Marcus lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Du willst, dass ich mich als Lockvogel anbiete.“
„Du bist der Erfahrenste. Wenn etwas schiefgeht—“
„Wird es nicht.“ Marcus grinste plötzlich. „Ich habe das schon mal gemacht. Berlin, vor drei Jahren. Hat damals funktioniert.“
„Und du wurdest fast getötet“, erinnerte Yuki.
„Aber nur fast.“ Marcus zwinkerte ihr zu. „Außerdem bin ich seitdem klüger geworden.“
„Das bezweifle ich“, murmelte Yuki, aber sie lächelte.
Erik trat näher zu den Fotos. „Wo würden wir das machen?“
„Glockenbachviertel“, antwortete Helena. „Ein Hotspot für das Münchner Nachtleben. Viele Menschen, viele Bars. Perfekt für Vampire, die jagen wollen. Und…“ Sie zeigte auf eines der Fotos. „Es liegt auf einer der Ley-Linien. Wenn der Rat dort aktiv werden will, werden sie früher oder später dort auftauchen.“
„Wann?“
„Heute Nacht.“
Erik sah sie ungläubig an. „So schnell?“
„Je länger wir warten, desto mehr Zeit haben sie, sich zu organisieren.“ Helenas Stimme war fest. „Wir müssen Druck ausüben. Sie aus ihren Verstecken locken.“
„Und wenn sie nicht kommen?“
„Dann versuchen wir es morgen wieder. Und übermorgen.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Das ist unsere Aufgabe. Geduld und Ausdauer. Wir geben nicht auf.“
Thomas öffnete die Augen. „Wer wird Marcus begleiten? Als Backup?“
„Erik“, sagte Helena.
Alle starrten sie an.
„Ich?“ Erik schüttelte den Kopf. „Ich habe gerade erst angefangen zu trainieren. Vor einer Stunde wusste ich nicht mal, wie man ein Schwert hält!“
„Deshalb wirst du nicht kämpfen.“ Helena ging zu einem Schrank, holte etwas heraus. Ein Paar Kopfhörer, verbunden mit einem kleinen Gerät. „Du wirst beobachten. Von einem Dach aus, mit einem Fernglas. Du bist unsere Augen. Wenn du etwas siehst, sagst du es uns über Funk.“
„Das kann ich machen.“
„Und du hast den Seelenschlüssel.“ Helena reichte ihm das Gerät. „Wenn etwas schiefgeht, wenn Marcus in Gefahr ist, benutzt du ihn. Erschaffst eine Barriere, hältst die Vampire zurück, bis wir eingreifen können.“
„Und wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe?“
„Dann stirbt Marcus.“ Helenas Stimme war kalt. Realistisch. „Deshalb musst du konzentriert sein. Keine Fehler.“
Erik schluckte. Das Gewicht der Verantwortung drückte auf seine Schultern.
„Ich verstehe.“
„Gut.“ Helena wandte sich an die anderen. „Yuki, du bleibst hier, koordinierst über die Kameras. Thomas, du kommst mit mir. Wir sind das zweite Team, bleiben in der Nähe, bereit einzugreifen.“
„Bewaffnung?“ fragte Marcus.
„Leicht. Pistolen, Messer. Nichts, was Aufmerksamkeit erregt.“ Helena sah auf die Uhr. „Wir brechen in einer Stunde auf. Bereitet euch vor.“
Erik verbrachte die nächste Stunde damit, sich Ausrüstung zusammenzustellen.
Yuki half ihm. Sie zeigte ihm, wie man die Funkkommunikation benutzte, wie man das Fernglas mit Nachtsicht einstellte, wie man eine kleine Pistole versteckt trug – „nur für den Notfall“, betonte sie.
Und dann war da der Schlüssel.
Erik zog ihn aus seiner Tasche, legte ihn auf den Tisch zwischen sich und Yuki.
„Macht er dir Angst?“ fragte Yuki leise.
„Ja“, gab Erik zu. „Thomas sagte, er könnte meine Seele verschlingen, wenn ich ihn zu oft benutze.“
„Das ist möglich.“ Yuki berührte den Schlüssel vorsichtig, mit nur einem Finger. „Aber es gibt auch Schutzmaßnahmen.“
„Was für Schutzmaßnahmen?“
Sie ging zu einem Regal, holte eine kleine Box heraus. Darin: mehrere dünne Armbänder, aus geflochtenem Metall.
„Silber, durchzogen mit Eisen“, erklärte sie. „Beide Metalle haben schützende Eigenschaften gegen dunkle Magie. Wenn du das trägst, wird der Schlüssel langsamer in dich eindringen.“
„Langsamer. Nicht gar nicht.“
„Nichts kann dich komplett schützen, Erik. Aber das hier gibt dir Zeit. Erhöht deine Chancen.“ Yuki nahm eines der Armbänder, legte es um sein Handgelenk. Es fühlte sich kühl an, beruhigend.
„Danke.“
„Danke mir nicht. Ich will nicht, dass du endet wie…“ Sie brach ab.
„Wie wer?“
Yuki zögerte. „Der letzte Träger des Seelenschlüssels. Vor zwanzig Jahren. Ein Mann namens Jakob Stein. Er war… mutig. Stark. Aber er benutzte den Schlüssel zu oft. Zu rücksichtslos.“ Sie sah weg. „Eines Tages fanden wir ihn. Er hielt den Schlüssel, aber er… er war nicht mehr da. Sein Körper war leer. Als hätte jemand seine Seele herausgesaugt.“
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“
„Wir haben ihn begraben. Mit dem Schlüssel.“ Yuki sah ihn an. „Aber drei Monate später erschien der Schlüssel wieder. In der Nähe von Schloss Falkenstein. Als hätte er einen neuen Träger gesucht.“
„Mich.“
„Dich.“ Yuki legte ihre Hand auf seine. „Sei vorsichtig, Erik. Der Schlüssel ist mächtig, aber er ist auch hungrig. Füttere ihn nicht zu sehr.“
„Ich werde vorsichtig sein.“
„Versprichst du es?“
„Ich verspreche es.“
Um 22:00 Uhr brachen sie auf.
Zwei Autos wieder. Marcus und Erik im ersten, einem unauffälligen Toyota. Helena und Thomas im zweiten, einem dunklen Mercedes.
Die Fahrt ins Glockenbachviertel dauerte fünfzehn Minuten. Die Straßen waren voll, trotz des kalten Novemberabends. Menschen strömten in Bars, Restaurants, Clubs. Lachten, feierten, lebten.
Ahnungslos von dem, was in den Schatten lauerte.
Marcus parkte in einer Seitengasse. „Dein Aussichtspunkt ist dort drüben.“ Er zeigte auf ein Gebäude, vier Stockwerke hoch, flaches Dach. „Über die Feuertreppe. Du kennst den Weg?“
Erik nickte. Sie hatten die Route auf einer Karte studiert.
„Gut. Yuki ist auf Kanal drei. Helena und Thomas auf Kanal zwei. Ich bin auf Kanal eins.“ Marcus reichte ihm ein kleines Funkgerät. „Bleib im Schatten. Beweg dich nicht, es sei denn, es ist absolut notwendig. Und wenn du etwas siehst…“
„Sage ich es sofort.“
„Genau.“ Marcus sah ihn an, sein Gesicht ernst geworden. „Und Erik? Wenn die Dinge eskalieren, wenn es zu gefährlich wird – renne. Verstanden? Wir brauchen keine toten Helden.“
„Verstanden.“
Sie stiegen aus. Die kalte Luft traf Erik ins Gesicht, schärfte seine Sinne.
Marcus ging in Richtung der belebtesten Straße. Er hatte seine Kampfkleidung gegen Jeans und eine Lederjacke getauscht, sah aus wie jeder andere Münchner, der ausging.
Erik ging die andere Richtung, fand die Feuertreppe, kletterte nach oben.
Das Dach war flach, mit Kies bedeckt. Lüftungsschächte ragten wie Skulpturen empor. Erik positionierte sich hinter einem der Schächte, hatte freien Blick auf die Straße unten.
Er holte das Fernglas heraus, stellte die Nachtsicht ein. Die Welt wurde grün, aber schärfer.
„Position eingenommen“, flüsterte er ins Funkgerät.
„Empfangen“, antwortete Yukis Stimme. „Kameras sind online. Ich sehe dich.“
„Marcus?“
„Auf dem Weg zur Bar“, kam Marcus‘ Stimme, begleitet von Hintergrundlärm – Musik, Stimmen. „Ich bestelle mir einen Drink. Und dann beginnt die Show.“
Erik beobachtete. Die Straße unten war ein Fluss aus Menschen. Gruppen von Freunden, Pärchen, einzelne Gestalten.
Welche von ihnen waren menschlich? Welche waren… etwas anderes?
„Yuki“, flüsterte Erik. „Worauf achte ich? Wie erkenne ich einen Vampir?“
„Bewegungsmuster“, antwortete Yuki. „Sie bewegen sich anders. Flüssiger. Und sie meiden große Gruppen. Jagen lieber Einzelne.“
„Wie lange dauert es normalerweise?“
„Manchmal Minuten. Manchmal Stunden. Manchmal gar nicht.“ Yukis Stimme war ruhig. „Hab Geduld.“
Erik hatte Geduld. Er saß dort, bewegungslos, beobachtete.
Eine halbe Stunde verging. Marcus trank seinen Drink, bestellte einen zweiten. Spielte die Rolle des leicht betrunkenen Mannes perfekt.
Eine Stunde. Menschen kamen und gingen. Die Bars füllten sich, leerten sich, füllten sich wieder.
„Irgendwas?“ fragte Helena über Funk.
„Negativ“, antwortete Erik.
„Bleib dran.“
Weitere dreißig Minuten. Erik spürte die Kälte jetzt, die durch seine Jacke kroch. Seine Beine wurden steif vom Kauern.
Und dann sah er sie.
Eine Frau. Jung, vielleicht fünfundzwanzig. Langes dunkles Haar, ein rotes Kleid, das im Neonlicht leuchtete. Sie stand am Rand der Straße, abseits der Menge, und beobachtete.
Ihre Bewegungen waren zu geschmeidig. Zu präzise. Und ihre Augen – selbst durch das Fernglas konnte Erik sehen, wie sie leuchteten. Nur schwach, aber da.
„Kontakt“, flüsterte Erik. „Weiblich, rotes Kleid, südliches Ende der Straße.“
„Bestätigt“, sagte Yuki. „Kamera dreiundzwanzig hat sie auch. Das ist nicht Valentina, aber definitiv ein Vampir.“
„Marcus“, sagte Helena. „Verlasse die Bar. Langsam. Geh Richtung Süden.“
„Verstanden.“
Erik beobachtete, wie Marcus aus der Bar kam, leicht schwankend – perfekte Schauspielerei. Er ging die Straße hinunter, allein, verwundbar.
Die Frau im roten Kleid bemerkte ihn.
Ihre Haltung änderte sich. Von beobachtend zu… raubtierartig.
Sie begann zu folgen.
„Sie ist auf ihn aufmerksam geworden“, flüsterte Erik. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
„Ich sehe sie“, kam Marcus‘ ruhige Stimme. „Bleibt sie auf Distanz?“
„Nein. Sie kommt näher. Zwanzig Meter. Fünfzehn.“
Marcus bog in eine dunklere Seitengasse ein. Perfekt – weniger Zeugen, mehr Schatten.
Die Frau folgte.
„Zehn Meter“, sagte Erik.
„Wir kommen rein“, sagte Helena. „Thomas und ich, östlicher Zugang.“
„Ich bin bereit“, sagte Marcus.
Die Frau beschleunigte plötzlich. Nicht rennend, aber schneller als ein Mensch gehen würde.
Fünf Meter.
Marcus drehte sich um, als hätte er sie gerade erst bemerkt. „Oh, Entschuldigung, habe ich Sie erschreckt?“
Die Frau lächelte. Selbst von oben konnte Erik die Zähne sehen. Zu weiß. Zu scharf.
„Nein“, sagte sie. Ihre Stimme war melodisch. „Ich bin nur einsam. Wie wäre es mit Gesellschaft?“
„Tut mir leid, ich bin auf dem Weg nach—“
Sie griff an.
Schneller als Erik es verfolgen konnte. Eine Sekunde war sie zwei Meter entfernt, im nächsten Moment hatte sie Marcus am Kragen gepackt, drückte ihn gegen die Wand.
„Du riechst interessant“, zischte sie. „Nicht nur Mensch. Etwas… mehr.“
Marcus grinste. „Du auch, Liebes.“
Er rammte ihr ein Silbermesser in die Schulter.
Die Frau schrie, ließ los, stolperte zurück. Dampf stieg von der Wunde auf, wo das Silber ihr Fleisch berührte.
„Du wagst es—“
Helena und Thomas stürmten aus dem östlichen Zugang. Helena hatte ihre Pistole gezogen, Thomas schwang eine silberne Kette wie eine Peitsche.
Die Vampirin sah zwischen ihnen hin und her, realisierte: Sie war umzingelt.
„Falle“, zischte sie.
„Kluges Mädchen“, sagte Marcus.
Sie sprang.
Nicht auf sie zu – nach oben. An der Hauswand hoch, unmenschlich schnell, ihre Finger fanden Halt an winzigen Vorsprüngen.
„Sie kommt zum Dach!“ rief Yuki in Eriks Ohr.
Erik drehte sich um, gerade rechtzeitig.
Die Vampirin landete auf dem Dach, zehn Meter von ihm entfernt.
Ihre Augen fanden ihn sofort. Leuchteten rot auf.
„Ein Beobachter“, sagte sie. „Wie süß.“
Erik griff nach dem Seelenschlüssel.
Aber die Vampirin war schneller.
Sie überbrückte die Distanz in einem Herzschlag, ihre Hand um Eriks Kehle, hob ihn hoch.
„Lass den Schlüssel fallen“, zischte sie. „Oder ich breche dir das Genick.“
Erik konnte nicht atmen. Seine Finger klammerten sich an ihre Hand, versuchten sie zu lösen, aber sie war aus Stein.
„Erik!“ Helenas Stimme, verzweifelt, aus dem Funkgerät.
Die Vampirin beugte sich näher. „Du hast etwas, das uns gehört. Etwas Altes. Etwas Mächtiges.“ Ihre Augen fixierten den Schlüssel in Eriks Hand. „Gib ihn mir.“
Erik‘ Vision verschwamm. Sauerstoffmangel. Sekunden, bevor er das Bewusstsein verlieren würde.
Er dachte an Clara. An das Baby. An alles, wofür er gekämpft hatte.
Und er tat das Einzige, was er konnte.
Er aktivierte den Schlüssel.
Das Licht explodierte aus ihm heraus. Nicht gerichtet wie beim Ritual, sondern wild, unkontrolliert.
Die Vampirin schrie, ließ los, stolperte zurück. Ihr Gesicht war verbrannt, wo das Licht sie getroffen hatte.
Erik fiel zu Boden, keuchte nach Luft.
Die Barriere bildete sich, ein Ring aus Licht, hielt die Vampirin auf Distanz.
Sie fauchte, versuchte durchzubrechen, aber das Licht hielt.
„Du wirst sterben, Jäger“, zischte sie. „Du und alle, die du liebst. Der Rat kommt. Die ewige Nacht kommt. Und niemand wird euch retten.“
Dann sprang sie. Vom Dach, vier Stockwerke nach unten.
Erik krabbelte zum Rand, sah hinunter.
Die Vampirin landete auf der Straße, rollte ab, und rannte. Verschwand in den Schatten, bevor Helena oder Thomas sie erreichen konnten.
„Erik!“ Marcus kam die Feuertreppe hochgestürmt. „Bist du okay?“
Erik nickte, immer noch nach Atem ringend. Sein Hals schmerzte, würde Blutergüsse haben.
Aber er lebte.
„Sie ist entkommen“, keuchte er.
„Das ist egal.“ Marcus half ihm auf. „Du hast überlebt. Das ist, was zählt.“
Helena und Thomas erreichten das Dach. Helenas Gesicht war blass.
„Erik, es tut mir leid. Ich hätte nicht—“
„Es ist okay.“ Erik‘ Stimme war rau. „Wir haben gelernt, was wir wissen mussten.“
„Was denn?“ fragte Thomas.
„Sie wissen vom Schlüssel.“ Erik hielt den noch immer leuchtenden Schlüssel hoch. „Sie wollen ihn. Und sie werden wiederkommen, um ihn zu holen.“
Helena und Marcus tauschten einen Blick.
„Dann haben wir ein größeres Problem“, sagte Helena leise.
„Wieso?“ fragte Erik.
„Weil“, sagte Marcus, „wenn der Rat den Seelenschlüssel in die Finger bekommt, können sie nicht nur die Sonne auslöschen.“
„Was dann?“
„Sie können die Tore zur Hölle öffnen“, antwortete Thomas. „Und alles, was je gestorben ist, zurückholen.“
Die Worte hingen in der kalten Nachtluft.
Erik sah auf den Schlüssel in seiner Hand.
Die Verantwortung, die er trug, war gerade viel schwerer geworden.
„Dann“, sagte er leise, „sollten wir sicherstellen, dass sie ihn nie bekommen.“
Helena nickte. „Dann sollten wir das.“
Sie verließen das Dach, zurück zu den Autos, zurück zur Sicherheit der Zentrale.
Aber Erik wusste: Wirkliche Sicherheit gab es nicht mehr.
Nicht, solange der Rat in München war.
Nicht, solange er den Seelenschlüssel trug.
Der Krieg hatte gerade erst begonnen.
KAPITEL 7
Die DNA-Spur
Die Rückfahrt zur Zentrale war angespannt. Erik saß hinten im Mercedes, den Seelenschlüssel fest umklammert, während Helena fuhr und Thomas neben ihr schwieg. Sein Hals schmerzte noch immer, wo die Vampirin ihn gepackt hatte. Er konnte die Abdrücke ihrer Finger spüren, eingebrannt in seine Haut.
„Du hättest sterben können“, sagte Helena schließlich. Ihre Stimme war kontrolliert, aber Erik hörte die Anspannung darunter.
„Bin ich aber nicht.“
„Nur weil du Glück hattest.“
„Oder weil der Schlüssel mich beschützt hat.“ Erik sah auf das Artefakt. Es glühte noch schwach, ein pulsierendes goldenes Licht. „Er wusste, dass ich in Gefahr war.“
„Der Schlüssel ist kein lebendes Wesen“, sagte Thomas leise. „Er reagiert auf dich. Auf deine Angst, deinen Überlebenswillen. Aber er hat keinen eigenen Willen.“
„Bist du sicher?“
Thomas schwieg.
Sie erreichten die Buchhandlung. Marcus war bereits da, hatte den Toyota in die Garage gefahren. Er wartete an der Tür, eine blutige Schramme an der Wange.
„Sie hat dich erwischt“, bemerkte Erik.
„Nur ein Kratzer.“ Marcus winkte ab. „Aber sie war schnell. Schneller als die meisten, die ich gesehen habe.“
„Und sie wusste vom Schlüssel“, sagte Helena, während sie die Wendeltreppe hinunterstiegen. „Das ist das Beunruhigendste. Der Rat hat Informationen über uns.“
„Oder sie haben erraten, was Erik trägt“, meinte Thomas. „Der Seelenschlüssel ist eine Legende in der Vampirwelt. Wenn sie einen Menschen sehen, der mit einem glühenden Artefakt kämpft, ziehen sie ihre Schlüsse.“
Im Konferenzraum erwartete sie Yuki bereits. Sie hatte mehrere Monitore aktiviert, alle zeigten verschiedene Aufnahmen des Zwischenfalls. Auf einem Bildschirm war die Vampirin zu sehen, vergrößert, ihr Gesicht eingefangen in dem Moment, bevor sie angriff.
„Ich habe sie durch unsere Datenbank laufen lassen“, sagte Yuki ohne Begrüßung. „Keine Treffer in Europa. Aber…“ Sie tippte, und das Bild wechselte zu einem alten Schwarz-Weiß-Foto. „Das hier ist von 1923. Budapest. Eine Serie von Morden. Die Behörden fanden zwölf Leichen, alle blutleer.“
Auf dem Foto stand eine Frau in einem altmodischen Kleid. Das Gesicht war unscharf, aber die Ähnlichkeit war da.
„Das ist sie?“ fragte Erik.
„Ich bin zu neunzig Prozent sicher.“ Yuki vergrößerte das Gesicht. „Die Gesichtszüge stimmen überein. Wenn sie es ist, dann ist sie mindestens hundert Jahre alt.“
„Alt genug, um mächtig zu sein“, murmelte Marcus.
„Aber nicht alt genug, um im Rat zu sein“, sagte Helena. „Die Ältesten sind Jahrtausende alt. Sie ist vermutlich eine Dienerin. Eine Vollstreckerin.“
„Eine von vielen“, fügte Thomas hinzu. „Wenn der Rat wirklich nach München gekommen ist, haben sie eine Armee mitgebracht.“
„Dann müssen wir herausfinden, wie groß diese Armee ist.“ Helena wandte sich an Yuki. „Was haben wir von heute Nacht? Irgendwelche Spuren?“
„Besser als Spuren.“ Yuki lächelte dünn. „Marcus hat sie verletzt. Als sie floh, hat sie geblutet. Ich habe Teams zur Gasse geschickt. Sie haben Proben gesammelt.“
„Blutproben?“ Eriks Interesse war geweckt. „Was können wir damit anfangen?“
„Mehr, als du denkst.“ Yuki stand auf, winkte sie zu einem anderen Raum. „Kommt. Ich zeige es euch.“
Sie gingen durch einen Korridor, tiefer in die Zentrale hinein. Yuki öffnete eine Tür mit einem Zahlencode. Dahinter: ein Labor.
Es war klein, aber hochmodern. Zentrifugen, Mikroskope, Computer mit mehreren Bildschirmen. An einer Wand: ein großer Kühlschrank, wahrscheinlich für Proben.
„Willkommen in meinem Reich“, sagte Yuki. Sie ging zu einem der Computer, loggte sich ein. „Als ich der Nachtwache beitrat, bestand ich darauf, dass wir wissenschaftlich arbeiten. Mythen und Legenden sind schön und gut, aber DNA lügt nicht.“
„Vampire haben DNA?“ fragte Erik.
„Ja und nein.“ Yuki zog Handschuhe an, holte eine Petrischale aus einem kleinen Kühlschrank neben dem Computer. Darin: eine dunkle, fast schwarze Flüssigkeit. Das Blut der Vampirin. „Ihr Blut ist anders als menschliches. Die roten Blutkörperchen sind mutiert, können Sauerstoff effizienter transportieren. Und es gibt… Zusätze.“
„Zusätze?“
Yuki platzierte einen Tropfen des Blutes auf einen Objektträger, schob ihn unter ein Mikroskop. Sie tippte, und das Bild erschien auf einem der Monitore.
Erik starrte darauf.
Das Blut bewegte sich. Nicht wie normales Blut, träge und dick. Sondern lebendig, als wären winzige Organismen darin, die schwammen, sich wanden.
„Was ist das?“ flüsterte er.
„Das ist die vampirische Essenz“, erklärte Yuki. „Ein Virus, ein Parasit, ein Fluch – niemand weiß genau, was es ist. Aber es verändert den menschlichen Körper auf fundamentaler Ebene. Erhöht die Stärke, die Geschwindigkeit, die Sinne. Stoppt das Altern. Und erschafft… nun ja, einen Vampir.“
„Kann man es heilen?“ fragte Thomas. „Wenn es ein Virus ist, gibt es ein Heilmittel?“
„Theoretisch ja. Praktisch…“ Yuki schüttelte den Kopf. „Sobald die Verwandlung abgeschlossen ist, ist das Virus so tief integriert, dass eine Entfernung den Wirt töten würde. Deshalb funktioniert das Ritual nur bei Kindern wie Lukas – weil die Verwandlung noch nicht abgeschlossen war.“
„Aber du kannst das Blut analysieren“, sagte Helena. „Was suchst du?“
„DNA-Marker. Jeder Vampir-Clan hat einzigartige genetische Signaturen. Wie Fingerabdrücke.“ Yuki begann zu tippen, Daten füllten den Bildschirm. „Wenn ich die Signatur dieser Vampirin identifizieren kann, können wir herausfinden, zu welchem Clan sie gehört. Und vielleicht…“ Sie zögerte. „Vielleicht auch, wer sie erschaffen hat.“
„Wie lange wird das dauern?“ fragte Marcus.
„Die Erstanalyse ist bereits fertig. Ich habe sie durch die Datenbank laufen lassen, während ihr zurückgefahren seid.“ Yuki öffnete eine Datei. „Und ich habe etwas Interessantes gefunden.“
Sie vergrößerte einen Abschnitt der DNA-Sequenz. Für Erik sah es aus wie zufällige Buchstaben und Zahlen, aber Yukis Augen leuchteten auf.
„Das hier“, sagte sie und deutete auf eine Sequenz, „ist eine Übereinstimmung mit einer anderen Probe aus unserer Datenbank.“
„Welche Probe?“ fragte Helena.
Yuki öffnete ein zweites Fenster. Darauf: Informationen zu einem Fall. Berlin, vor drei Jahren. Ein Vampirangriff in einem U-Bahnhof. Fünf Tote. Der Vampir war entkommen, aber hatte Blut hinterlassen.
„Das ist derselbe Clan“, sagte Yuki. „Die genetischen Marker stimmen zu achtundneunzig Prozent überein.“
„Was bedeutet das?“ fragte Erik.
„Es bedeutet“, sagte Helena langsam, „dass der Vampir, der vor drei Jahren in Berlin getötet hat, und die Vampirin, die heute Nacht Marcus angegriffen hat, entweder verwandt sind oder vom selben Schöpfer abstammen.“
„Und schau dir das an.“ Yuki scrollte weiter. „Ich habe die Datenbank erweitert, internationale Fälle einbezogen. Budapest, Prag, Wien – in den letzten zehn Jahren gab es in allen diesen Städten ähnliche Vorfälle. Und die DNA-Spuren…“ Sie zeigte eine Grafik, Linien, die verschiedene Städte miteinander verbanden. „Sie stammen alle vom selben Ursprung.“
„Ein Stammbaum“, flüsterte Thomas. „Ein Vampir-Stammbaum.“
„Genau.“ Yuki vergrößerte die Grafik. „Und wenn ich die Entwicklung zurückverfolge, komme ich zu einem Ursprungspunkt. Einer Quelle.“
Sie tippte. Das Bild zoomte auf eine Markierung, ein Name erschien.
Ursprung: Budapest, 1891. Primäre Quelle: Unbekannt. Codename: Die Älteste.
Stille im Labor.
„Die Älteste“, wiederholte Helena. „Das ist die Anführerin des Rates. Sie muss es sein.“
„Wenn alle diese Vampire von ihr abstammen“, sagte Marcus langsam, „wie viele hat sie dann erschaffen?“
„Schwer zu sagen. Aber basierend auf den Fällen, die wir dokumentiert haben…“ Yuki rechnete. „Mindestens fünfzig. Vielleicht mehr.“
„Fünfzig Vampire“, flüsterte Erik. „Alle in Europa verteilt.“
„Nicht mehr.“ Helena trat näher zum Bildschirm. „Yuki, überlagere die Karte mit aktuellen Sichtungen. Zeig mir, wo diese Vampire jetzt sind.“
Yuki tippte. Die Karte änderte sich, neue Markierungen erschienen. Und ein Muster wurde sichtbar.
Alle Markierungen konzentrierten sich auf eine Stadt.
München.
„Sie kommen zusammen“, flüsterte Thomas. „Sie versammeln sich.“
„Für die Sommersonnenwende“, sagte Helena. „Für das Ritual.“
„Aber warum so früh?“ fragte Marcus. „Das sind noch sieben Monate. Warum kommen sie jetzt schon?“
„Vorbereitung“, antwortete Yuki. „Ein Ritual dieser Größenordnung braucht Zeit. Sie müssen die Ley-Linien aktivieren, die Standorte vorbereiten, Opfer sammeln.“
„Opfer“, wiederholte Erik. Sein Magen zog sich zusammen. „Die fünf Toten. Das waren nicht nur zufällige Jagden.“
„Nein.“ Helenas Gesicht war ernst. „Das waren Tests. Sie sammeln Blut, testen die Resonanz, bereiten die Opfer vor.“
„Aber da ist noch etwas“, sagte Yuki. Sie öffnete eine weitere Datei. „Als ich die Blutprobe der Vampirin analysiert habe, fand ich Spuren von etwas anderem. Nicht vampirisch. Nicht menschlich.“
Sie vergrößerte das Bild. Zwischen den vampirischen Zellen: winzige, fast unsichtbare Partikel.
„Was ist das?“ fragte Erik.
„Ich weiß es nicht genau. Aber…“ Yuki zögerte. „Es sieht aus wie Säuglingsblut.“
Die Worte ließen die Temperatur im Raum fallen.
„Lukas“, flüsterte Helena. „Sie war bei Lukas.“
„Oder bei anderen Babys“, sagte Yuki. „Ich habe die Datenbank der Münchner Krankenhäuser überprüft. Säuglingsstationen. In den letzten drei Wochen gab es sieben Vorfälle wie den auf der Station rechts der Isar. Babys mit unerklärlichen Wunden am Hals. Alle wurden als Insektenstiche abgetan.“
„Sieben Babys“, sagte Thomas, seine Stimme brach fast. „Mein Gott.“
„Wir haben Lukas gerettet“, sagte Helena schnell. „Wir können die anderen auch retten.“
„Können wir?“ Marcus klang skeptisch. „Wir hatten einen Hinweis bei Lukas. Die Mutter hatte im Internet gepostet. Aber wenn die anderen Familien still bleiben, wenn sie nichts sagen…“
„Dann müssen wir sie finden.“ Helena wandte sich an Yuki. „Ich brauche eine Liste. Alle Säuglinge, die in den letzten drei Wochen in Münchner Krankenhäusern wegen unerklärlicher Wunden behandelt wurden. Namen, Adressen, alles.“
„Das ist illegal“, sagte Yuki. „Datenschutz—“
„Yuki.“ Helenas Stimme war scharf. „Es geht um Kinder. Um Babys, die in Vampire verwandelt werden. Glaubst du, Datenschutz interessiert mich gerade?“
Yuki schluckte, nickte dann. „Ich kann die Datenbanken hacken. Es wird einige Stunden dauern, aber ich bekomme die Liste.“
„Gut. Tu es.“ Helena atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. „Marcus, du und Thomas, ihr bereitet die Ausrüstung vor. Wenn wir diese Familien aufsuchen, müssen wir bereit sein, das Ritual mehrfach durchzuführen.“
„Haben wir genug Material?“ fragte Thomas.
„Wir werden genug haben müssen.“ Helena wandte sich an Erik. „Und du…“
„Ich komme mit“, sagte Erik sofort.
„Erik, du wurdest heute Nacht fast getötet—“
„Und ich lebe noch. Und ich habe den Schlüssel. Wenn ihr mehrere Rituale durchführen müsst, braucht ihr mich.“ Erik‘ Stimme war fest. „Außerdem – die Vampirin wusste vom Schlüssel. Der Rat wird nicht aufhören, ihn zu suchen. Wo ich auch bin, ich bin ein Ziel. Also kann ich genauso gut nützlich sein.“
Helena sah ihn lange an. Dann nickte sie langsam. „In Ordnung. Aber du folgst meinen Befehlen. Keine Alleingänge.“
„Verstanden.“
„Gut.“ Helena wandte sich zur Tür. „Wir haben bis zum Morgengrauen Zeit. Yuki besorgt die Liste. Der Rest von uns bereitet sich vor. Und dann…“ Sie sah jeden von ihnen an. „Dann retten wir diese Kinder.“
Sie verließen das Labor. Nur Yuki blieb zurück, bereits wieder in ihre Computer vertieft.
Erik folgte den anderen zurück zum Konferenzraum. Sein Körper war erschöpft, aber sein Geist raste. Sieben Babys. Sieben kleine Leben, die in Dunkelheit verwandelt wurden.
Und irgendwo da draußen: die Älteste. Die Frau, die all dies geplant hatte. Die Hunderte, vielleicht Tausende verwandelt hatte.
„Helena“, sagte Erik plötzlich. „Du hast gesagt, du willst deinen Bruder finden. Dimitri.“
Helena hielt inne, drehte sich um. „Ja.“
„Wann?“
„Bald. Aber zuerst die Kinder.“ Ihre Augen waren müde. „Ich kann nicht… ich kann nicht an meinen Bruder denken, solange unschuldige Leben auf dem Spiel stehen.“
„Aber er könnte uns helfen. Er könnte wissen, wo die Älteste ist, was sie plant.“
„Oder er könnte uns töten.“ Helenas Stimme war bitter. „Dimitri ist nicht mehr der Bruder, den ich kannte. Er ist seit vierzig Jahren ein Vampir. Er hat getötet, gejagt, Dinge getan, die…“ Sie brach ab. „Ich weiß nicht, ob ich ihm noch trauen kann.“
„Aber du musst es versuchen.“
„Ja.“ Helena lächelte schwach. „Ich muss es versuchen.“
Die nächsten Stunden vergingen in fieberhafter Aktivität.
Thomas verwandelte einen weiteren Kellerraum in eine Ritualstätte, bereitete alles vor für mehrere Zeremonien. Marcus organisierte die Ausrüstung – mehr Weihwasser, mehr Kerzen, mehr silberne Klingen.
Und Erik übte.
In dem kleinen Trainingsraum, allein, übte er mit dem Seelenschlüssel. Versuchte, ihn zu kontrollieren, das Licht gezielt zu rufen, statt in wilder Panik.
Es war schwieriger, als er dachte.
Der Schlüssel reagierte auf Emotion. Auf Angst und Verzweiflung. Aber wenn Erik versuchte, ihn ruhig zu aktivieren, passierte… nichts.
„Du denkst zu viel“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Erik drehte sich um. Thomas stand in der Tür, die Arme verschränkt.
„Wie meinst du das?“
„Der Schlüssel ist keine Maschine. Er ist eine Verbindung. Zwischen dir und…“ Thomas suchte nach Worten. „Etwas Größerem. Einer Quelle. Du kannst ihn nicht kontrollieren durch reinen Willen. Du musst ihn fühlen.“
„Fühlen?“
„Vertrau ihm. Lass ihn in dich fließen, statt zu versuchen, ihn zu zwingen.“ Thomas trat näher. „Darf ich?“
Erik nickte.
Thomas legte seine Hand auf Eriks, die den Schlüssel hielt. „Schließ die Augen. Atme tief durch. Fühl das Metall. Die Wärme. Das Pulsieren.“
Erik gehorchte. Das Metall war warm, fast heiß. Und da war ein Rhythmus – wie ein Herzschlag, genau wie er es vorher gespürt hatte.
„Jetzt stell dir vor, dass dieser Herzschlag deiner ist“, sagte Thomas leise. „Dass ihr eins seid. Nicht Träger und Werkzeug. Sondern Partner.“
Erik konzentrierte sich. Der Herzschlag des Schlüssels, sein eigener Herzschlag – sie verschmolzen, wurden eins.
Und der Schlüssel begann zu leuchten.
Sanft. Kontrolliert. Ein warmes, goldenes Licht.
„Gut“, flüsterte Thomas. „Jetzt halte es. Atme mit ihm.“
Erik hielt. Das Licht blieb stabil. Nicht wild wie in der Panik, nicht explosiv. Einfach… da.
„Wie lange kann ich das halten?“ fragte Erik.
„Das hängt von dir ab. Von deiner Stärke. Deiner Konzentration.“ Thomas ließ los. „Aber sei vorsichtig. Je länger du ihn aktiv hältst, desto mehr gibst du von dir selbst hinein.“
Erik öffnete die Augen, ließ das Licht verlöschen. „Danke.“
„Keine Ursache.“ Thomas lächelte. „Du lernst schnell. Das ist gut. Du wirst es brauchen.“
Um 5:30 Uhr morgens kam Yuki aus ihrem Labor.
Sie sah erschöpft aus, aber triumphierend. In der Hand: ein Ausdruck, mehrere Seiten.
„Ich habe sie“, sagte sie und legte die Papiere auf den Konferenztisch. „Sieben Familien. Alle mit Säuglingen, die in den letzten drei Wochen wegen unerklärlicher Wunden behandelt wurden.“
Helena nahm die Liste, überflog sie. „Namen, Adressen, alles hier?“
„Alles.“ Yuki setzte sich, rieb sich die Augen. „Aber es gibt ein Problem.“
„Was für ein Problem?“
„Die Familie Berger – Lukas – ist nicht die Einzige, bei der wir zu spät kommen könnten.“ Yuki deutete auf einen der Namen. „Schau dir diesen Fall an. Sophie Hartmann. Acht Wochen alt. Erste Wunde vor sechs Wochen.“
Erik erstarrte. „Hartmann? Wie die Frau aus der Rechtsmedizin? Sophie Hartmann?“
„Die Tochter“, sagte Yuki leise. „Sophie Hartmann, die Studentin, die wir in der Rechtsmedizin gesehen haben – sie hatte eine jüngere Schwester. Ein Baby. Und beide wurden angegriffen.“
„Mein Gott.“ Helena ließ die Papiere fallen. „Die Vampirin hat nicht nur die Studentin getötet. Sie hat auch das Baby infiziert.“
„Wo ist das Baby jetzt?“ fragte Marcus.
Yuki scrollte auf ihrem Tablet. „Bei der Großmutter. Die Eltern sind tot – beide bei einem Autounfall vor zwei Wochen.“
„Ein Unfall?“ Thomas klang skeptisch. „Oder wurde nachgeholfen?“
„Schwer zu sagen. Aber die Zeitlinie passt.“ Yuki sah auf. „Wenn das Baby seit sechs Wochen infiziert ist…“
„Dann ist die Verwandlung fast abgeschlossen“, beendete Thomas den Satz. „Wir haben vielleicht noch Tage. Vielleicht nur Stunden.“
„Dann beginnen wir mit dieser Familie.“ Helena stand auf. „Yuki, gib mir die Adresse.“
„Bogenhausen. Nicht weit von hier.“
„Gut. Marcus, Thomas, Erik – mit mir. Yuki, du bleibst hier, koordinierst. Wenn etwas schiefgeht—“
„Rufe ich Verstärkung. Ich weiß.“ Yuki nickte.
Sie brachen auf, während draußen die erste Dämmerung den Himmel färbte.
Die Stadt erwachte. Menschen gingen zur Arbeit, Cafés öffneten, das Leben ging weiter.
Aber für die Familie Hartmann, für das kleine Baby Sophie, tickte eine Uhr.
Und die Zeit lief ab.
KAPITEL 8
Bei Familie Hartmann
Die Adresse in Bogenhausen führte sie zu einer ruhigen Wohnstraße mit gepflegten Gärten und großen Villen. Alte Bäume säumten die Straße, ihre kahlen Äste ragten wie Skelette in den grauen Morgenhimmel.
„Nummer siebenundzwanzig“, sagte Helena und deutete auf ein weißes Haus mit dunkelgrünen Fensterläden. Ein Mercedes stand in der Auffahrt, der Vorgarten war makellos, selbst im November.
„Reiche Gegend“, bemerkte Marcus. „Wie erklären wir einer wohlhabenden Großmutter, dass ihr Enkelkind von einem Vampir gebissen wurde?“
„Vorsichtig“, antwortete Helena. Sie parkte den Wagen am Straßenrand. „Und ehrlich. Die Wahrheit funktioniert manchmal besser als Lügen.“
„Manchmal“, murmelte Marcus skeptisch.
Sie stiegen aus. Die Luft war kalt, feucht vom nächtlichen Tau. Erik zog seine Jacke enger um sich. Der Seelenschlüssel hing schwer in seiner Tasche, ein ständiges Gewicht, eine ständige Erinnerung.
Helena klingelte. Ein melodisches Chime ertönte irgendwo im Inneren des Hauses.
Sie warteten. Erik konnte sein eigenes Herz hören, zu laut, zu schnell.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau spähte heraus, Ende Sechzig, mit grauem Haar, das zu einem eleganten Bob geschnitten war. Sie trug einen Morgenmantel aus Seide und sah sie mit einer Mischung aus Verwirrung und Besorgnis an.
„Ja?“
„Frau Hartmann?“ Helena zeigte einen Ausweis, zu schnell für die Frau, um ihn wirklich zu lesen. „Mein Name ist Dr. Konstantin. Ich bin vom Gesundheitsamt. Es geht um Ihre Enkelin Sophie.“
Die Verwirrung wurde zu Alarm. „Sophie? Was ist mit ihr? Ist etwas passiert?“
„Dürfen wir reinkommen? Es ist wichtig.“
Frau Hartmann zögerte, aber der Ernst in Helenas Gesicht überzeugte sie. Sie öffnete die Tür ganz. „Natürlich. Bitte.“
Sie betraten ein geräumiges Foyer. Marmorböden, ein Kronleuchter an der Decke, Kunstwerke an den Wänden. Der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee hing in der Luft.
„Meine Enkelin“, sagte Frau Hartmann nervös. „Sie ist gesund. Die Ärzte haben gesagt—“
„Wir wissen, was die Ärzte gesagt haben.“ Helenas Stimme war sanft, aber bestimmt. „Aber wir glauben, dass es mehr gibt. Etwas, das die reguläre Medizin nicht erfassen kann.“
„Ich verstehe nicht.“
„Dürfen wir Sophie sehen?“
Frau Hartmann führte sie durch einen langen Flur zu einem Zimmer im Erdgeschoss. Sie öffnete die Tür leise. „Sie schläft noch. Sie schläft immer bis spät am Morgen seit… seit dem Vorfall.“
Das Zimmer war als provisorisches Kinderzimmer eingerichtet. Ein Laufstall stand in der Ecke, ein Wickeltisch an der Wand. Und in einem kleinen Reisebett: ein Baby.
Erik trat näher. Sein Magen zog sich zusammen.
Das Baby – Sophie – war winzig, kaum acht Wochen alt. Aber ihre Haut hatte diese durchscheinende Qualität, die Erik von Lukas kannte. Zu blass, fast grau. Die kleinen Äderchen unter der Haut waren zu deutlich sichtbar, wie ein dunkles Netz.
Und am Hals: die Wunden. Zwei Punktionen, größer als bei Lukas, tiefer. Die Haut um sie herum war dunkel verfärbt, fast schwarz.
„Wie lange hat sie diese Wunden?“ fragte Thomas leise.
„Sechs Wochen“, antwortete Frau Hartmann. Sie stand in der Tür, ihre Hände zitterten leicht. „Die Ärzte sagten, es wären Insektenstiche. Aber sie heilen nicht. Und Sophie…“ Ihre Stimme brach. „Sie verhält sich so seltsam. Schläft nur tagsüber. Nachts ist sie wach, schreit. Und ihr Appetit… sie will keine normale Milch mehr.“
„Was will sie?“ fragte Helena, obwohl Erik sah, dass sie die Antwort bereits kannte.
„Ich… ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.“ Frau Hartmann sah weg, beschämt. „Eines Nachts, als ich ihre Flasche machte, habe ich mich geschnitten. Am Finger. Ein paar Tropfen Blut fielen hinein. Und Sophie…“ Sie schluckte. „Sie trank. Zum ersten Mal seit Tagen. Und seitdem… seitdem gebe ich ein paar Tropfen hinein. Nur ein paar. Ich dachte, vielleicht braucht sie Eisen, oder…“
„Sie tun nichts Falsches“, sagte Helena schnell. „Sie haben getan, was Sie konnten, um Ihre Enkelin am Leben zu halten.“
„Aber was ist mit ihr los?“ Tränen liefen über Frau Hartmanns Gesicht. „Bitte, sagen Sie mir die Wahrheit. Meine Tochter ist tot. Mein Schwiegersohn ist tot. Sophie ist alles, was mir bleibt. Bitte.“
Helena atmete tief durch. „Die Wahrheit ist kompliziert. Und Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben.“
„Versuchen Sie es.“
Helena sah zu Thomas, dann zu Erik. Eine stumme Frage: Wie viel sagen wir?
Thomas nickte leicht. Sag es ihr.
„Ihre Enkelin wurde angegriffen“, begann Helena. „Von etwas, das nicht menschlich ist. Etwas sehr Altes und sehr Gefährliches. Die Wunden an ihrem Hals sind nicht von Insekten. Sie sind Bisswunden.“
„Bisswunden? Von was? Einem Tier?“
„Von einem Vampir.“
Die Worte hingen in der Luft wie eine Detonation.
Frau Hartmann starrte Helena an. Dann lachte sie, ein kurzes, ungläubiges Lachen. „Das ist… das ist absurd. Vampire gibt es nicht. Das sind Märchen.“
„Waren Märchen“, korrigierte Marcus. „Bis sie real wurden.“
„Sie sind verrückt. Alle drei.“ Frau Hartmann wich zur Tür zurück. „Ich will, dass Sie gehen. Jetzt. Oder ich rufe die Polizei.“
„Bitte, hören Sie uns an.“ Erik trat vor. „Ich weiß, wie das klingt. Ich hätte es auch nicht geglaubt. Aber vor drei Wochen haben wir ein anderes Baby gerettet. Lukas Berger. Er hatte die gleichen Symptome wie Sophie. Und wir konnten ihn heilen.“
„Heilen? Wie?“
„Durch ein Ritual. Es ist kompliziert, aber es funktioniert.“ Erik zog den Seelenschlüssel aus seiner Tasche. „Mit diesem.“
Frau Hartmann starrte auf den Schlüssel. Im morgendlichen Licht glühte er schwach, ein warmes, goldenes Pulsieren.
„Was… was ist das?“
„Ein Werkzeug“, sagte Thomas. „Ein sehr altes, sehr mächtiges Werkzeug. Es kann die Dunkelheit aus Ihrer Enkelin ziehen. Aber wir müssen schnell handeln. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es.“
„Und wenn ich nein sage?“
„Dann wird Sophie sterben.“ Helenas Stimme war hart, aber ehrlich. „Oder schlimmer – sie wird sich vollständig verwandeln. Und dann ist sie kein Baby mehr. Dann ist sie ein Monster.“
Frau Hartmann sah zum Bett, wo Sophie friedlich schlief. Ihre kleine Brust hob und senkte sich im Rhythmus des Atmens. So normal. So unschuldig.
„Sie ist alles, was mir bleibt“, flüsterte Frau Hartmann.
„Dann lassen Sie uns ihr helfen“, sagte Helena sanft.
Eine lange Pause. Dann nickte Frau Hartmann, Tränen strömten über ihr Gesicht. „Was muss ich tun?“
Sie arbeiteten schnell.
Thomas verwandelte das Wohnzimmer in eine provisorische Ritualstätte. Er zog mit Kreide Symbole auf den Parkettboden – Frau Hartmann protestierte schwach, aber gab dann auf – und stellte Kerzen in einem Kreis auf.
Marcus positionierte sich am Fenster, beobachtete die Straße. „Wenn der Vampir spürt, was wir tun, wird er kommen“, sagte er. „Wir müssen bereit sein.“
Erik half Thomas mit den Vorbereitungen. Seine Hände zitterten leicht, aber er zwang sich zur Ruhe. Du hast das schon einmal getan, erinnerte er sich. Mit Lukas. Du kannst es wieder tun.
Aber eine Stimme in seinem Kopf flüsterte: Lukas war jünger. Lukas‘ Verwandlung hatte gerade erst begonnen. Sophie ist weiter fortgeschritten. Was, wenn es nicht funktioniert?
„Erik.“ Thomas‘ Hand auf seiner Schulter. „Vertrau dem Prozess. Vertrau dir selbst.“
Erik nickte, versuchte zu glauben.
Helena holte Sophie aus dem Bett. Das Baby wachte auf, begann sofort zu weinen. Nicht das durchdringende, unnatürliche Schreien von Lukas, aber nah dran. Ein Laut, der auf den Nerven zerrte.
„Es ist in Ordnung“, murmelte Helena und wiegte das Baby. „Es wird gleich vorbei sein.“
Sie legten Sophie in die Mitte des Kreises, auf eine weiche Decke. Frau Hartmann kniete daneben, hielt die kleine Hand ihrer Enkelin, weinte still.
„Sind Sie bereit?“ fragte Thomas.
Frau Hartmann nickte.
Thomas begann zu singen. Die gleichen alten Worte wie beim Ritual für Lukas. Lateinisch, Hebräisch, Sprachen, die Erik nicht verstand, aber deren Kraft er spüren konnte.
Die Luft im Raum veränderte sich. Wurde dichter, schwerer. Die Kerzen flackerten.
Thomas nahm die silberne Klinge. „Ihr Blut, Frau Hartmann.“
Die ältere Frau streckte ihre Hand aus. Thomas stach schnell zu, drei Tropfen Blut fielen in den Kelch mit Weihwasser.
Dann wandte er sich zu Sophie. „Vergib mir, Kleines.“
Er stach. Sophie schrie, laut und durchdringend.
Drei Tropfen fielen in den Kelch.
„Erik.“
Erik trat vor, streckte seine Hand aus. Die Klinge stach. Der Schmerz war scharf, aber kurz. Drei Tropfen seines Blutes vermischten sich mit den anderen.
Das Wasser im Kelch begann zu leuchten. Schwächer als bei Lukas, stellte Erik fest. Schwächer und… flackernder.
Thomas hob den Kelch über Sophie. „Im Namen des Lichts, das älter ist als die Dunkelheit. Im Namen der Leben, die das Opfer überdauern. Im Namen der Liebe, die stärker ist als der Tod.“ Er goss das leuchtende Wasser über Sophies Stirn. „Ich befehle der Dunkelheit: Verlasse dieses Kind!“
Sophie schrie wieder. Aber dieses Mal hörte es nicht auf.
Ihr kleiner Körper begann zu zittern. Die Wunden an ihrem Hals öffneten sich, dunkelrotes, fast schwarzes Blut sickerte heraus.
„Der Schlüssel!“ rief Thomas. „Jetzt!“
Erik hob den Seelenschlüssel. Er konzentrierte sich, wie Thomas ihm beigebracht hatte. Spürte den Herzschlag des Schlüssels, ließ ihn mit seinem eigenen verschmelzen.
Das Licht kam. Aber langsamer als zuvor. Und schwächer.
„Erik, mehr!“ Thomas‘ Stimme war angespannt. „Gib mehr!“
Erik versuchte es. Drückte härter, konzentrierte sich stärker. Das Licht wurde intensiver, aber nicht genug.
Aus Sophies Wunden begann die Dunkelheit zu sickern. Die gleiche schwarze, ölige Substanz wie bei Lukas. Aber mehr. Viel mehr.
Sie wand sich, versuchte zurück in Sophies Körper zu fließen.
„Halte sie zurück!“ schrie Thomas.
Erik drückte mit aller Kraft. Das Licht explodierte aus dem Schlüssel, traf die Dunkelheit.
Aber die Dunkelheit wehrte sich.
Sie begann zu flüstern. Nicht mit Worten, sondern mit Gedanken, direkt in Eriks Kopf.
Sie ist unser. Sie gehört uns. Du kannst sie nicht retten.
„Lügen“, presste Erik hervor.
Schau sie an. Schau, wie weit sie bereits ist. Sie ist mehr von uns als von euch.
Erik zwang sich hinzusehen. Sophies Augen hatten sich geöffnet. Sie waren rot. Leuchtend rot. Und in ihnen… war da noch Menschlichkeit? Oder nur Hunger?
Lass los, flüsterte die Dunkelheit. Lass uns das Kind. Nimm dafür ein anderes. Die anderen sechs. Du kannst nicht alle retten.
„Halt den Mund!“ Erik schrie es laut. Das Licht aus dem Schlüssel pulsierte, wurde instabil.
„Erik, Konzentration!“ Helenas Stimme, scharf. „Verliere dich nicht!“
Aber es war zu spät. Die Dunkelheit hatte einen Riss gefunden, einen Moment der Schwäche.
Sie schoss vor, nicht zu Sophie zurück, sondern auf Erik zu.
Sie traf ihn wie eine Faust. Kalt, brutal, eindringend.
Erik schrie.
Bilder fluteten seinen Geist. Nicht seine eigenen. Erinnerungen der Dunkelheit.
Menschen, die starben. Hunderte, Tausende. Über Jahrhunderte. Gesichter voller Angst, Schreie, die nie endeten. Blut, so viel Blut.
Und mittendrin: eine Gestalt. Eine Frau. Alt, unvorstellbar alt. Ihre Augen waren tiefschwarz, leer wie das Nichts selbst.
Die Älteste.
Sie sah ihn an. Durch die Jahrhunderte, durch die Dunkelheit, direkt in Erik.
„Du“, flüsterte sie. Ihre Stimme war überall und nirgendwo. „Du trägst den Schlüssel. Du wagst es, mich herauszufordern.“
Erik konnte nicht antworten. Konnte sich nicht bewegen.
„Du wirst scheitern“, sagte die Älteste. „Wie alle vor dir. Und wenn du scheiterst, nehme ich nicht nur das Kind. Ich nehme dich.“
Dann lachte sie. Ein Lachen, das in Eriks Schädel widerhallte, ihn von innen zerriss.
„Erik!“ Jemand schüttelte ihn. „Erik, komm zurück!“
Mit einer monumentalen Anstrengung riss Erik sich los. Die Vision zerbrach.
Er war zurück im Wohnzimmer. Auf seinen Knien. Thomas hielt ihn, schüttelte ihn.
„Bist du da? Erik?“
„Ich… ich bin hier.“ Erik keuchte. „Was ist passiert?“
„Du bist zusammengebrochen. Die Dunkelheit hat dich angegriffen.“ Thomas‘ Gesicht war bleich. „Ich dachte, wir hätten dich verloren.“
„Das Baby?“ Erik sah zum Kreis.
Sophie lag still. Zu still.
Frau Hartmann weinte, hielt ihr Enkelkind, schaukelte sie hin und her.
„Nein“, flüsterte Erik. „Nein, bitte nicht.“
Helena kniete neben Frau Hartmann, legte zwei Finger an Sophies Hals. Eine lange, quälende Pause.
Dann: „Sie atmet. Schwach, aber sie atmet.“
Relief durchflutete Erik wie eine Welle.
„Die Wunden?“ fragte Thomas.
Helena schob vorsichtig Sophies Haar beiseite. Die Wunden am Hals waren… kleiner. Nicht verschwunden, aber definitiv kleiner. Die schwarze Verfärbung war zurückgegangen.
„Es hat funktioniert“, sagte Helena ungläubig. „Nicht vollständig, aber… es hat funktioniert.“
„Was bedeutet ’nicht vollständig‘?“ fragte Frau Hartmann panisch.
„Es bedeutet, die Dunkelheit ist noch teilweise in ihr.“ Thomas stand auf, sah müde aus. „Wir haben sie zurückgedrängt, verlangsamt, aber nicht ganz entfernt. Sophie ist noch in Gefahr.“
„Was können wir tun?“
„Das Ritual wiederholen. In ein paar Tagen, wenn sie stärker ist.“ Helena sah zu Erik. „Und wenn wir stärker sind.“
Erik fühlte sich ausgehöhlt. Als hätte jemand ihn von innen ausgekratzt. Der Schlüssel lag neben ihm auf dem Boden, das Metall war kalt, leblos.
„Ich habe sie gesehen“, flüsterte er. „Die Älteste. Sie war in der Dunkelheit. Sie hat mit mir gesprochen.“
Alle starrten ihn an.
„Was hat sie gesagt?“ fragte Helena.
„Dass ich scheitern werde. Dass sie mich nehmen wird.“ Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten unkontrollierbar. „Sie weiß, wer ich bin. Sie weiß vom Schlüssel.“
„Natürlich weiß sie es“, sagte Marcus von seinem Posten am Fenster. „Sie ist die Älteste. Sie weiß alles.“
„Dann sind wir in Gefahr.“ Thomas sammelte die Ritualutensilien ein. „Wenn sie Erik kennt, wird sie ihn jagen. Gezielt.“
„Lass sie kommen“, sagte Erik. Seine Stimme war schwächer als beabsichtigt. „Ich habe keine Angst vor ihr.“
„Du solltest aber“, sagte Helena leise. „Die Älteste ist nicht irgendein Vampir. Sie ist die Quelle. Die Urmutter der Dunkelheit. Wenn sie dich wirklich will…“ Sie ließ den Satz unbeendet.
Ein Krachen.
Alle drehten sich zur Fensterfront.
Marcus stand dort, die Pistole gezogen. „Wir haben Gesellschaft.“
Draußen, auf der Straße, standen Gestalten. Fünf, sechs, mehr. Alle in Schwarz gekleidet, alle reglos, alle mit leuchtenden Augen.
Und an ihrer Spitze: Valentina.
Sie lächelte und winkte spöttisch.
„Zeit zu gehen“, sagte Marcus. „Jetzt.“
„Der Hinterausgang“, sagte Frau Hartmann schnell. „Durch die Küche, zum Garten. Von dort können Sie—“
„Sie kommen mit uns“, unterbrach Helena. „Sie und Sophie. Wenn sie wissen, dass wir hier waren, sind Sie nicht mehr sicher.“
„Aber mein Haus—“
„Ist nur ein Haus.“ Helena half ihr auf. „Ihr Leben ist wichtiger.“
Sie rannten durch das Haus, zur Küche. Thomas trug das Ritual-Material, Marcus deckte von hinten. Erik stolperte, noch geschwächt von der Konfrontation mit der Dunkelheit, aber Helena stützte ihn.
Die Hintertür. Der Garten. Ein hoher Zaun, aber mit einem Tor.
Sie erreichten das Tor, Marcus riss es auf—
Und erstarrte.
Auf der anderen Seite stand eine Gestalt.
Groß. Männlich. Mit dunklem Haar und einem Gesicht, das Erik irgendwie bekannt vorkam.
Die Gestalt lächelte. „Hallo, Schwester.“
Helena erbleichte. „Dimitri.“
Der Vampir – Helenas Bruder – trat ins Licht. Seine Augen waren rot, aber anders als die anderen. Intelligenter. Fast… menschlich.
„Du läufst“, sagte er. „Das ist neu. Die Helena, die ich kannte, rannte nie.“
„Die Helena, die du kanntest, ist lange tot“, presste Helena hervor. Sie hob ihre Pistole, richtete sie auf sein Herz. „Genau wie du.“
„Bin ich das?“ Dimitri sah theatralisch an sich herunter. „Ich fühle mich sehr lebendig.“
„Was willst du?“
„Reden. Mit dir. Allein.“ Seine Augen wanderten zu den anderen. „Aber ich sehe, du hast Freunde. Und ein Baby.“ Sein Blick ruhte auf Sophie, die Frau Hartmann fest an sich drückte. „Ein halb verwandeltes Baby. Interessant.“
„Bleib weg von ihr“, zischte Marcus.
„Oder was? Du erschießt mich?“ Dimitri lachte. „Ich habe Kugeln überlebt, die größer waren als deine Pistole, Jäger.“
„Dimitri.“ Helenas Stimme brach. „Bitte. Lass uns gehen.“
„Lass euch gehen?“ Dimitri neigte den Kopf. „Aber ihr habt gerade etwas getan, das den Rat sehr wütend macht. Ihr habt versucht, eines seiner Geschenke zu stehlen.“
„Das Baby ist kein Geschenk. Es ist ein Leben.“
„Für euch vielleicht. Für uns…“ Dimitri zuckte mit den Schultern. „Es ist Ressource. Werkzeug. Mittel zum Zweck.“
„Du warst einmal menschlich“, flüsterte Helena. „Du hattest einmal ein Herz.“
„Das war vor vierzig Jahren, Schwester. Viel hat sich geändert.“ Dimitri trat näher. „Aber vielleicht… kannst du mich daran erinnern. An das, was ich war.“
„Wie?“
„Komm mit mir. Allein. Rede mit mir. Und ich lasse deine Freunde gehen.“
„Das ist eine Falle“, sagte Marcus sofort.
„Natürlich ist es eine Falle.“ Dimitri grinste. „Aber es ist auch ein Angebot. Das einzige, das ihr bekommen werdet.“
Helena sah zu den anderen. Dann zurück zu ihrem Bruder.
„In Ordnung“, sagte sie. „Ich komme.“
„Helena, nein!“ Erik griff nach ihrem Arm. „Du kannst ihm nicht trauen!“
„Ich weiß.“ Helena lächelte traurig. „Aber ich muss es versuchen. Für alle von uns.“
Sie reichte Marcus ihre Pistole. Dann ging sie auf Dimitri zu.
Er streckte seine Hand aus. Sie nahm sie.
„Bis bald, Jäger“, sagte Dimitri zu den anderen. „Passt auf das Baby auf. Wir werden es bald zurückholen.“
Dann verschwanden sie. Einfach so. In die Dunkelheit, zu schnell, um sie zu verfolgen.
Erik stand da, gelähmt, während die Morgensonne endlich über die Dächer stieg.
Helena war weg.
Und er hatte keine Ahnung, ob er sie jemals wiedersehen würde.
KAPITEL 9
Die Suche beginnt
„Zurück zu den Autos! Jetzt!“ Marcus‘ Stimme riss Erik aus seiner Erstarrung.
Sie rannten durch den Garten zurück zum Haus. Marcus führte, die Pistole gezückt, seine Augen scannten jede Ecke, jeden Schatten. Thomas folgte mit Frau Hartmann und Sophie, die jetzt weinte – ein normales, menschliches Weinen. Erik bildete die Nachhut, den Seelenschlüssel fest umklammert, obwohl seine Hände noch immer zitterten.
Als sie die Vorderseite des Hauses erreichten, waren die Vampire verschwunden. Die Straße lag verlassen da, fast friedlich im morgendlichen Sonnenlicht.
„Wo sind sie?“ flüsterte Frau Hartmann.
„Versteckt“, antwortete Marcus knapp. „Die Sonne ist aufgegangen. Sie können sich nicht lange draußen aufhalten.“
„Aber Dimitri—“
„War alt genug, um das Sonnenlicht kurz zu ertragen.“ Marcus öffnete die Tür des Mercedes, half Frau Hartmann hinein. „Die Ältesten können im Licht existieren. Nicht lange, nicht bequem, aber sie können es. Los, einsteigen.“
Sie quetschten sich in den Wagen. Marcus am Steuer, Thomas vorne, Erik, Frau Hartmann und Sophie hinten. Der Motor sprang an, und sie rasten davon.
Erik sah aus dem Rückfenster. Die Villa wurde kleiner, verschwand hinter einer Kurve. Keine Verfolger. Zumindest keine sichtbaren.
„Wir können sie nicht einfach zurücklassen“, sagte Erik. „Helena. Wir müssen—“
„Was?“ Marcus‘ Augen trafen seine im Rückspiegel. „Zurückgehen? Gegen ein Dutzend Vampire kämpfen? Sie aus den Klauen ihres eigenen Bruders befreien, der wahrscheinlich jetzt schon plant, wie er sie umbringt?“
„Dimitri hat sie nicht getötet“, sagte Thomas ruhig. „Noch nicht.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil er mit ihr reden wollte. Wenn er sie töten wollte, hätte er es vor unseren Augen getan. Als Botschaft.“ Thomas sah aus dem Fenster, sein Gesicht nachdenklich. „Nein, er will etwas von ihr. Information vielleicht. Oder…“ Er verstummte.
„Oder was?“ drängte Erik.
„Oder er will sie zurück. Zu ihm. Zu ihnen.“ Thomas‘ Stimme wurde leiser. „Vampirismus ist eine Krankheit, aber auch eine Verführung. Sie verspricht Macht, ewiges Leben, Freiheit von menschlichen Schwächen. Für jemanden wie Dimitri, der sein ganzes Leben lang von seinen Vampir-Vorfahren umgeben war… es war vielleicht unvermeidlich.“
„Und er will, dass Helena den gleichen Weg geht“, verstand Erik.
„Möglicherweise.“
„Das wird nicht passieren.“ Marcus‘ Kiefer war angespannt. „Helena ist stärker als das. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang gegen diese Versuchung gewehrt.“
„Aber jetzt ist sie allein mit ihrem Bruder. Dem einzigen noch lebenden Mitglied ihrer Familie.“ Thomas seufzte. „Selbst die Stärksten können in Momenten der Einsamkeit schwach werden.“
Erik ballte die Fäuste. „Wir finden sie. Wir holen sie zurück.“
„Wie?“ Marcus nahm eine scharfe Kurve. „München ist groß. Die Vampire haben hundert Verstecke. Die Katakomben, alte Gebäude, verlassene U-Bahn-Tunnel. Wir könnten Wochen suchen.“
„Dann suchen wir Wochen.“
„Wir haben keine Wochen!“ Marcus schlug aufs Lenkrad. „Du hast die anderen sechs Babys vergessen? Die auch verwandelt werden? Die sterben werden, wenn wir nichts tun?“
Die Worte trafen Erik wie Schläge. Er hatte sie tatsächlich vergessen. In der Panik um Helena hatte er die Mission aus den Augen verloren.
„Die Kinder“, flüsterte Frau Hartmann. Sie hielt Sophie fest, schaukelte sie. „Es gibt noch mehr wie meine Sophie?“
„Sechs weitere“, bestätigte Thomas. „Alle in Gefahr. Alle brauchen Hilfe.“
„Dann müssen Sie ihnen helfen“, sagte Frau Hartmann. Ihre Stimme war fest, trotz der Tränen in ihren Augen. „Ich verstehe nicht alles, was hier passiert. Vampire, Rituale, Schlüssel, die leuchten. Aber ich verstehe das: Unschuldige Kinder sind in Gefahr. Und Sie sind die Einzigen, die ihnen helfen können.“
„Aber Helena—“ begann Erik.
„Wird verstehen“, unterbrach Frau Hartmann. „Jede Mutter, jede Großmutter würde verstehen. Die Kinder zuerst.“
Marcus nickte grimmig. „Die Alte hat Recht. Wir konzentrieren uns auf die Mission. Helena kann auf sich selbst aufpassen. Sie ist nicht hilflos.“
„Aber sie ist allein“, sagte Erik.
„Ist sie nicht.“ Thomas zog sein Handy heraus. „Helena trägt immer einen Tracker. Ein kleines Gerät, in ihre Halskette eingenäht. Für genau solche Situationen.“
„Warum hast du das nicht früher gesagt?“ Marcus klang erleichtert und wütend zugleich.
„Weil ich wollte, dass du klar denkst. Nicht in Panik verfällst.“ Thomas tippte auf seinem Handy. Eine Karte erschien. „Sie ist… Stadtmitte. Nähe Marienplatz. Bewegt sich nicht.“
„Gefangen?“
„Oder sie wartet.“ Thomas vergrößerte die Karte. „Das ist ein Café. Augustiner am Platzl. Öffentlich, hell, voller Menschen.“
„Dimitri würde sie nicht an einen öffentlichen Ort bringen“, sagte Marcus skeptisch. „Es sei denn…“
„Es sei denn, er will wirklich nur reden“, beendete Thomas. „Ohne Zeugen der Nachtwache. Ohne Druck.“
Erik fühlte, wie sich seine Brust ein wenig lockerte. „Dann ist sie sicher. Vorerst.“
„Vorerst“, bestätigte Marcus. „Aber wir müssen sie bald rausholen. Je länger sie mit ihm zusammen ist…“
„Desto größer die Gefahr, dass sie sich beeinflussen lässt“, sagte Thomas. „Ich weiß.“
Sie erreichten die Zentrale. Marcus fuhr direkt in die unterirdische Garage, ein versteckter Eingang unter der Buchhandlung, den Erik zuvor nicht bemerkt hatte.
Yuki wartete bereits dort, ihr Gesicht angespannt. „Ich habe alles auf den Monitoren gesehen. Helena—“
„Ist mit ihrem Bruder“, sagte Marcus knapp, während er ausstieg. „Wir tracken sie. Aber zuerst…“ Er half Frau Hartmann und Sophie aus dem Wagen. „Wir haben Gäste.“
Yuki nickte verstehend. „Ich bereite ein Zimmer vor. Frau Hartmann, bitte folgen Sie mir.“
„Ich muss meine Familie anrufen, sie wissen lassen—“
„Nichts“, unterbrach Yuki sanft, aber bestimmt. „Es tut mir leid, aber niemand darf wissen, wo Sie sind. Nicht, bis das vorbei ist.“
„Aber—“
„Ihr Leben hängt davon ab. Und das von Sophie.“ Yukis Augen waren mitfühlend. „Bitte, vertrauen Sie uns.“
Frau Hartmann sah zwischen ihnen allen hin und her, dann zu ihrer Enkelin. Schließlich nickte sie. „In Ordnung. Aber ich will Updates. Jede Stunde.“
„Versprochen“, sagte Yuki.
Sie führte Frau Hartmann und Sophie in die Zentrale. Erik, Marcus und Thomas folgten.
Im Konferenzraum breitete Marcus die Liste aus, die Yuki zusammengestellt hatte. Sechs weitere Namen. Sechs weitere Familien.
„Familie Müller, Sendling. Baby Leon, vier Wochen alt. Erste Wunde vor zwei Wochen.“
„Familie Schneider, Neuhausen. Baby Emma, sechs Wochen alt. Erste Wunde vor drei Wochen.“
„Familie Özkan, Giesing. Baby Ayşe, fünf Wochen alt. Erste Wunde vor zehn Tagen.“
Die Liste ging weiter. Jeder Name ein Leben. Jeder Name ein Kind in Gefahr.
„Wir teilen uns auf“, sagte Marcus. „Zu dritt schaffen wir maximal zwei, vielleicht drei Rituale heute. Wenn wir Glück haben.“
„Ich kann alleine gehen“, bot Erik an. „Mit dem Schlüssel. Ich führe die Rituale durch.“
„Nein.“ Thomas schüttelte den Kopf. „Du hast heute schon fast deine Seele verloren. Der Schlüssel braucht Zeit. Und du brauchst Erholung.“
„Aber—“
„Er hat Recht.“ Marcus sah Erik an, sein Gesicht ernst. „Du bist wertvoll, Rookie. Aber nicht unbezahlbar. Wenn du dich verbrennst, verlieren wir nicht nur dich, sondern auch den Schlüssel. Und ohne beides sind wir machtlos.“
Erik wollte protestieren, aber er wusste, sie hatten Recht. Sein Körper fühlte sich an, als wäre er durch einen Fleischwolf gedreht worden. Jeder Muskel schmerzte. Und der Kontakt mit der Ältesten… das hatte etwas in ihm verändert. Er fühlte sich ausgehöhlt.
„Also was dann?“ fragte er.
„Wir priorisieren.“ Yuki war wieder eingetreten, ohne Frau Hartmann. „Ich habe die medizinischen Daten aller sechs Fälle analysiert. Basierend auf der Schwere der Symptome, der Zeit seit der ersten Infektion…“ Sie zeigte auf die Liste. „Diese drei sind am kritischsten. Sie müssen heute behandelt werden. Spätestens morgen.“
„Familie Müller“, las Marcus. „Familie Özkan. Und… Familie Wagner.“
„Wagner?“ Erik sah auf die Liste. „Die waren noch nicht dabei.“
„Ich habe sie gerade hinzugefügt.“ Yukis Gesicht war ernst. „Das Baby wurde erst vor drei Tagen in die Notaufnahme eingeliefert. Die Symptome sind extrem. Wenn wir nicht heute handeln…“
Sie musste den Satz nicht beenden.
„Dann beginnen wir mit den Wagners“, sagte Thomas. „Wo wohnen sie?“
„Schwabing. Nicht weit von den Bergers.“ Yuki reichte ihm eine Adresse. „Aber es gibt ein Problem.“
„Natürlich gibt es das“, murmelte Marcus. „Was?“
„Der Vater, Herr Wagner, ist Polizist. Kriminalpolizei. Er wird uns nicht einfach so reinlassen. Und er wird definitiv nicht glauben, was wir ihm sagen.“
„Ein Cop.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Fantastisch.“
„Vielleicht ist das ein Vorteil“, sagte Erik. „Ein Cop ist trainiert, Beweise zu sehen. Wenn wir ihm die Wahrheit zeigen…“
„Oder er verhaftet uns wegen versuchter Entführung“, konterte Marcus.
„Wir müssen es versuchen.“ Thomas stand auf. „Die Zeit läuft. Jede Minute, die wir diskutieren, ist eine Minute, die das Baby nicht hat.“
„Einverstanden.“ Marcus griff nach seinem Jackett. „Thomas und ich übernehmen die Wagners. Erik, du bleibst hier. Ruhst dich aus. Yuki kümmert sich um dich.“
„Ich kann—“
„Du kannst hier bleiben“, unterbrach Marcus fest. „Das ist ein Befehl, Rookie.“
Erik wollte weiter protestieren, aber ein Blick von Thomas ließ ihn verstummen. Der stille Priester legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Vertrau uns. Wir brauchen dich stark. Nicht ausgebrannt.“
Sie gingen. Erik blieb im Konferenzraum zurück, starrte auf die Liste mit Namen. So viele Leben. So viel auf dem Spiel.
„Komm.“ Yukis Stimme war sanft. „Ich zeige dir, wo du dich ausruhen kannst.“
„Ich will mich nicht ausruhen. Ich will—“
„Helfen. Ich weiß.“ Yuki lächelte schwach. „Aber im Moment hilfst du am meisten, indem du dich erholst. Komm.“
Sie führte ihn durch die Gänge zu einem kleinen Zimmer. Ein Bett, ein Stuhl, eine Lampe. Spartanisch, aber sauber.
„Das war mein Zimmer, als ich hier anfing“, sagte Yuki. „Vor fünf Jahren. Damals konnte ich auch nicht schlafen. Zu viel im Kopf.“
„Was hat geholfen?“
„Meditation. Und die Erkenntnis, dass ich nicht alles kontrollieren kann.“ Sie setzte sich auf den Stuhl, ließ Erik das Bett. „Manchmal musst du loslassen, Erik. Vertrauen, dass andere ihre Rolle spielen.“
„Aber Helena—“
„Ist eine der stärksten Personen, die ich kenne.“ Yukis Augen glänzten. „Sie hat den Tod ihrer Eltern überlebt. Die Verwandlung ihres Vaters und ihres Bruders. Jahrzehnte der Jagd, der Verluste, der Verzweiflung. Und sie ist immer noch hier. Kämpft immer noch.“
„Aber was, wenn Dimitri sie überzeugt? Was, wenn sie sich verwandeln lässt?“
„Dann haben wir sie verloren.“ Yukis Stimme war leise, aber ehrlich. „Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird. Helena hat zu viel gesehen. Zu viel gekämpft. Sie weiß, wofür sie steht.“
Erik wollte ihr glauben. Aber die Zweifel nagten an ihm.
Yuki stand auf. „Ich lasse dich allein. Versuch zu schlafen. Oder zumindest zu meditieren. Ich bin nebenan, wenn du mich brauchst.“
Sie ging. Die Tür schloss sich leise.
Erik lag auf dem Bett, starrte an die Decke. Schlaf schien unmöglich. Sein Geist raste, sprang zwischen Helena, den Babys, der Ältesten.
Du wirst scheitern, hatte sie gesagt. Wie alle vor dir.
War das wahr? War er nur der Nächste in einer langen Reihe von gescheiterten Trägern des Seelenschlüssels?
Er zog den Schlüssel aus seiner Tasche, betrachtete ihn im schwachen Licht. Das Metall war kalt jetzt, leblos. Keine Spur von dem Glühen, das es im Ritual hatte.
„Wer warst du?“ flüsterte Erik. „Wer hat dich getragen, bevor ich es tat?“
Der Schlüssel antwortete nicht. Natürlich nicht.
Aber als Erik seine Augen schloss, sah er Gesichter. Flüchtig, wie Schatten. Menschen aus anderen Zeiten. Ein Mönch mit Tonsur. Eine Frau in mittelalterlicher Kleidung. Ein Soldat mit einer Uniform aus dem Ersten Weltkrieg.
Alle hatten sie den Schlüssel getragen. Alle hatten sie gekämpft.
Und alle waren sie gestorben.
Erik öffnete die Augen, sein Herz hämmerte. „Nein. Ich werde nicht sterben. Nicht so.“
Er stand auf, trotz Yukis Rat. Er konnte nicht einfach hier liegen und nichts tun.
Er ging zurück zum Konferenzraum. Yuki saß dort, arbeitete an ihrem Laptop.
„Ich dachte, du ruhst dich aus“, sagte sie, ohne aufzusehen.
„Ich kann nicht.“ Erik setzte sich ihr gegenüber. „Zeig mir Helenas Position. Ich will wissen, dass sie in Ordnung ist.“
Yuki zögerte, dann drehte sie ihren Laptop. Die Karte zeigte einen blinkenden Punkt. „Immer noch am gleichen Ort. Augustiner am Platzl.“
„Wie lange schon?“
„Dreißig Minuten. Sie bewegt sich nicht.“
„Das ist gut, oder? Das bedeutet, sie ist nicht gefangen. Dimitri hat sie nicht entführt.“
„Oder der Tracker wurde gefunden und entfernt.“ Yukis Stimme war vorsichtig. „Das ist auch möglich.“
Erik fühlte, wie sein Magen sich zusammenzog. „Können wir das überprüfen?“
„Wie? Wir können nicht einfach ins Café gehen. Wenn Dimitri uns sieht—“
„Dann sieht er uns nicht.“ Erik stand auf. „Gibt es Kameras in der Nähe? Straßenkameras, Geschäfte?“
„Wahrscheinlich.“ Yuki tippte. „Marienplatz ist voll überwacht. Einen Moment…“
Sie hackte sich in die städtischen Systeme. Bilder füllten den Bildschirm. Verschiedene Winkel des Platzes, der umliegenden Straßen.
„Da.“ Erik deutete auf einen Monitor. „Das Café.“
Yuki vergrößerte. Das Bild war körnig, aber erkennbar. Das Café war voll, Touristen und Einheimische frühstückten.
Und an einem Tisch in der Ecke, halb verborgen: Helena und Dimitri.
Sie saßen sich gegenüber, sprachen. Helenas Gesicht war angespannt, aber ruhig. Dimitri lächelte, gestikulierte, sah fast… menschlich aus.
„Sie reden wirklich nur“, flüsterte Yuki. „Keine Gewalt. Keine Gefangenschaft.“
„Über was reden sie?“
„Kein Ton auf den Kameras. Wir können nur raten.“ Yuki lehnte sich zurück. „Aber ihre Körpersprache… Helena ist defensiv. Die Arme verschränkt, zurückgelehnt. Dimitri ist offen, nach vorne gebeugt. Er versucht, sie zu überzeugen.“
„Wovon?“
„Was auch immer er will.“ Yuki sah Erik an. „Aber sie hört zu. Das ist wichtig. Sie ist nicht geflohen.“
„Sollte sie aber“, murmelte Erik.
Sie beobachteten weiter. Minuten vergingen. Das Gespräch ging weiter.
Dann stand Dimitri auf. Er legte Geld auf den Tisch, sagte etwas zu Helena. Sie schüttelte den Kopf.
Er lächelte, traurig, dann ging er. Verschwand aus dem Bild.
Helena blieb sitzen. Allein. Den Kopf in den Händen.
„Sie ist frei“, sagte Yuki. „Er hat sie gehen lassen.“
Erik fühlte Erleichterung, aber auch Verwirrung. „Warum? Was will er?“
„Das werden wir herausfinden.“ Yuki griff nach ihrem Handy. „Ich rufe sie an.“
Sie wählte. Das Telefon klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Dann, auf dem Bildschirm: Helena griff nach ihrem Handy, sah auf das Display.
Und lehnte den Anruf ab.
„Was?“ Yuki starrte auf ihr Handy. „Sie… sie hat abgelehnt.“
„Versuch es nochmal.“
Yuki wählte erneut. Wieder klingelte es. Und wieder lehnte Helena ab.
„Sie will nicht mit uns sprechen“, flüsterte Yuki. „Warum?“
Erik fühlte eine kalte Angst in seiner Brust aufsteigen. „Weil Dimitri sie überzeugt hat. Von irgendetwas.“
Auf dem Bildschirm stand Helena auf. Sie ließ Geld auf dem Tisch, zog ihre Jacke an. Dann verließ sie das Café.
Aber sie ging nicht in Richtung der Nachtwache-Zentrale.
Sie ging in die entgegengesetzte Richtung.
„Wo geht sie hin?“ fragte Erik.
Yuki wechselte zwischen verschiedenen Kameras, folgte Helena durch die Straßen. „Richtung Hauptbahnhof. Warum würde sie—“
„Sie verlässt München“, verstand Erik plötzlich. „Dimitri hat sie überzeugt zu gehen.“
„Oder sie führt einen Plan aus“, sagte Yuki. Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt. „Helena würde uns nicht einfach im Stich lassen.“
„Würde sie nicht?“ Erik dachte an das, was Thomas gesagt hatte. Selbst die Stärksten können in Momenten der Einsamkeit schwach werden.
Sie beobachteten, wie Helena den Hauptbahnhof betrat. Die Kameras im Inneren zeigten sie am Ticketschalter.
„Ich muss zu ihr“, sagte Erik plötzlich. Er stand auf. „Bevor sie einen Zug nimmt.“
„Erik, warte—“
„Nein. Du hast gesagt, ich soll mich ausruhen. Aber ich kann nicht untätig zusehen, wie wir Helena verlieren.“ Er griff nach seiner Jacke. „Der Hauptbahnhof ist fünfzehn Minuten von hier. Ich kann sie erreichen.“
„Und wenn es gefährlich ist? Wenn Dimitri in der Nähe ist?“
„Dann werde ich vorsichtig sein.“ Erik zögerte. „Yuki, ruf Marcus und Thomas an. Sag ihnen, was passiert ist. Aber ich warte nicht.“
Er rannte zur Tür.
„Erik!“ Yukis Stimme folgte ihm. „Nimm wenigstens das!“
Sie warf ihm etwas zu. Er fing es. Ein kleiner Taser, nicht größer als ein Handy.
„Gegen Menschen und junge Vampire effektiv“, erklärte sie. „Gegen Alte wie Dimitri… weniger. Aber besser als nichts.“
„Danke.“ Erik steckte den Taser ein, dann rannte er die Wendeltreppe hoch.
Durch die Buchhandlung, auf die Straße. Die Morgensonne war jetzt voll aufgegangen, wärmte die Stadt. Menschen eilten vorbei, gingen ihrer Arbeit nach, ahnungslos von der Dunkelheit, die unter ihren Füßen lauerte.
Erik rannte. Sein Körper protestierte, jeder Schritt schmerzte, aber er ignorierte es.
Helena verließ die Nachtwache. Verließ sie alle.
Und er würde sie nicht gehen lassen. Nicht ohne Kampf.
Der Hauptbahnhof ragte vor ihm auf, ein massiver Bau aus Glas und Stahl.
Erik stürzte hinein.
Die Halle war überfüllt. Reisende, Pendler, Touristen. Hunderte von Menschen.
Wo war sie?
Erik scannte die Menge, verzweifelt. Dort! Am Gleis 17, ein Zug bereit zur Abfahrt.
Und auf dem Bahnsteig, gerade einsteigend: Helena.
„Helena!“ Erik schrie ihren Namen, drängte sich durch die Menge.
Sie hörte ihn nicht. Oder ignorierte ihn.
Die Türen des Zuges begannen sich zu schließen.
„Nein!“ Erik sprintete, erreichte das Gleis.
Die Türen schlossen sich. Einen Spalt noch offen.
Erik sprang.
Er schaffte es. Gerade so. Die Türen schlossen sich hinter ihm, trafen fast seine Jacke.
Der Zug setzte sich in Bewegung.
Erik keuchte, lehnte sich gegen die Wand. Die anderen Passagiere starrten ihn an.
Er ignorierte sie, ging durch den Waggon.
Dort, im nächsten Abteil: Helena.
Sie saß am Fenster, sah hinaus, während München an ihr vorbeizog.
Erik setzte sich ihr gegenüber.
Sie sah auf, überrascht, dann resigniert.
„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie leise.
„Du hättest nicht gehen sollen“, konterte Erik.
Sie schwiegen, während der Zug an Fahrt gewann.
Dann, leise: „Er hat mir etwas erzählt. Dimitri. Etwas über den Rat. Über die Älteste.“
„Was?“
Helena sah ihn an, ihre Augen waren müde. Und verängstigt.
„Sie ist meine Mutter.“
Die Worte ließen die Welt stillstehen.
„Was?“ flüsterte Erik.
„Die Älteste. Die Anführerin des Rates. Die Quelle all dieser Dunkelheit.“ Helenas Stimme brach. „Sie ist meine Mutter.“
KAPITEL 10
Die erste Begegnung
Erik starrte Helena an, unfähig zu sprechen. Der Zug ratterte weiter, München verschwand hinter ihnen, aber alles, was Erik hören konnte, war das Echo ihrer Worte.
Sie ist meine Mutter.
„Das… das ist nicht möglich“, stammelte er schließlich. „Deine Mutter hieß Maria. Du hast es gesagt. Sie war menschlich. Sie ist gestorben, als du—“
„Die Frau, die mich aufgezogen hat, hieß Maria“, unterbrach Helena. Ihre Stimme war flach, emotionslos – die Stimme von jemandem, der sich zwingen musste, nicht zusammenzubrechen. „Aber sie war nicht meine biologische Mutter. Das hat Dimitri mir heute erzählt. Die Wahrheit, die er seit vierzig Jahren kennt.“
„Dimitri lügt. Er ist ein Vampir, er manipuliert—“
„Nein.“ Helena schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, es wäre eine Lüge. Aber er hatte Beweise. Fotos. Briefe. Dokumente aus dem Jahr 1957, als ich geboren wurde.“
Sie holte einen Umschlag aus ihrer Tasche, schob ihn über den Tisch. Ihre Hände zitterten.
Erik öffnete ihn vorsichtig. Darin: alte Schwarzweiß-Fotos. Das erste zeigte eine Frau, jung, atemberaubend schön, mit langem dunklem Haar und durchdringenden Augen. Sie hielt ein Baby im Arm.
„Das bin ich“, flüsterte Helena. „Drei Tage alt. Und das…“ Sie zeigte auf die Frau. „Das ist sie. Die Älteste.“
Erik betrachtete das Foto genauer. Die Frau sah jung aus, vielleicht dreißig. Aber ihre Augen… ihre Augen waren alt. Unendlich alt. Und sie glühten leicht, selbst im verblassten Foto.
„Wie ist das möglich? Vampire können keine Kinder bekommen.“
„Die meisten können es nicht“, sagte Helena. „Aber die Ältesten, die, die Jahrtausende alt sind… sie haben Fähigkeiten, die die Jüngeren nicht besitzen. Sie können ihre Verwandlung kontrollieren, zeitweise umkehren. Genug, um…“ Sie brach ab, sah weg. „Sie wurde von meinem Vater schwanger. Konstantin. Lange bevor er verwandelt wurde.“
„Aber warum? Warum würde ein Vampir ein Kind wollen?“
„Experiment. Erbe. Macht.“ Helenas Stimme wurde bitter. „Dimitri sagte, die Älteste wollte sehen, ob ein Kind aus Vampir und Mensch geboren werden könnte. Ein Dhampir, aber stärker. Mit Potential.“
„Potential wofür?“
„Um eine Brücke zu sein. Zwischen den Welten. Zwischen Vampiren und Menschen.“ Helena lachte bitter. „Oder um eine Waffe zu sein. Je nachdem, wie man es sieht.“
Erik blätterte durch die anderen Fotos. Eines zeigte die gleiche Frau mit einem kleinen Jungen – Dimitri, vermutete Erik. Ein anderes zeigte Konstantin, noch menschlich, glücklich, neben der Frau stehend.
„Was ist passiert? Warum bist du bei Maria aufgewachsen?“
„Weil die Älteste beschloss, dass ich ein Fehlschlag war.“ Helenas Stimme war kaum hörbar. „Ich war zu menschlich. Zu normal. Keine übernatürlichen Kräfte, keine Verbindung zur Dunkelheit. Nur ein gewöhnliches Baby. Also gab sie mich weg. An Maria, eine Krankenschwester, die für sie arbeitete. Maria sollte mich aufziehen, mich beobachten. Sehen, ob ich später doch noch Fähigkeiten entwickeln würde.“
„Und?“
„Nichts. Ich blieb menschlich. Völlig, komplett menschlich.“ Helena sah auf ihre Hände. „Aber Dimitri nicht. Er war drei Jahre älter, und bei ihm funktionierten die Gene. Er war stärker als normale Kinder, schneller, seine Sinne waren schärfer. Die Älteste war begeistert. Er war ihr Erfolg.“
„Deshalb wurde er verwandelt.“
„Als er einundzwanzig war, bot sie ihm die Wahl. Bleib menschlich und stirb eines Tages. Oder werde ein Vampir und lebe ewig an ihrer Seite.“ Helenas Augen füllten sich mit Tränen. „Er wählte sie. Seine leibliche Mutter. Statt mich. Statt Maria. Statt seinem menschlichen Leben.“
Der Zug fuhr in einen Tunnel. Die Lichter flackerten. Im schwachen Licht sah Helena gebrochen aus.
„Deshalb verlässt du München“, verstand Erik. „Du kannst nicht gegen deine eigene Mutter kämpfen.“
„Wie soll ich das tun?“ Helenas Stimme brach endgültig. „Sie ist meine Mutter, Erik. Sie hat mich geboren. Und jetzt soll ich sie töten?“
„Sie ist ein Monster. Sie plant, tausende Menschen zu töten.“
„Sie ist immer noch meine Mutter!“
Die Worte hingen zwischen ihnen, zu groß, zu schwer.
Der Zug verließ den Tunnel. Draußen war Landschaft, Felder, Wälder. Sie bewegten sich schnell, weg von München, weg von allem.
„Wohin fährt dieser Zug?“ fragte Erik.
„Salzburg. Dann weiter nach Wien.“ Helena wischte sich die Augen. „Ich dachte… ich könnte verschwinden. Irgendwo neu anfangen. Die Nachtwache einer anderen Person überlassen.“
„Marcus?“
„Er ist fähig. Brutal, aber effektiv.“ Helena lächelte schwach. „Und er hat nicht den emotionalen Ballast, den ich habe.“
„Aber er ist nicht du.“ Erik beugte sich vor. „Helena, die Nachtwache braucht dich. Die Stadt braucht dich. Die sechs Babys brauchen dich.“
„Sie haben Thomas. Sie haben den Seelenschlüssel. Sie haben—“
„Sie haben nicht ihren Anführer.“ Erik griff über den Tisch, nahm ihre Hand. „Du rennst weg. Ich verstehe es. Ich verstehe, warum. Aber du hast mir selbst gesagt: Manchmal ist die richtige Entscheidung die schwierigste.“
„Das war, bevor ich wusste, dass ich das Kind eines Monsters bin.“
„Du bist nicht dein Blut.“ Eriks Stimme wurde fester. „Du bist deine Taten. Deine Entscheidungen. Dein Leben. Und du hast dein ganzes Leben damit verbracht, gegen die Dunkelheit zu kämpfen. Das macht dich nicht zu einem Monster. Das macht dich zu einem Helden.“
Helena schloss die Augen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter.
„Ich habe Angst“, flüsterte sie. „Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wirklich Angst. Nicht vor den Vampiren. Nicht vor dem Tod. Sondern davor, dass Dimitri Recht hat.“
„Recht womit?“
„Dass ich am Ende wie sie werde. Wie meine Mutter. Dass die Dunkelheit in mir ist, wartet, bis sie ausbricht.“
„Das wird nicht passieren.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich dich kenne.“ Erik drückte ihre Hand fester. „Nicht lange, das stimmt. Aber lang genug, um zu sehen, wer du bist. Und du bist nicht dunkel. Du bist das Gegenteil davon.“
Der Zug begann zu bremsen. Eine Stimme über Lautsprecher: „Nächster Halt: Rosenheim.“
„Wir steigen hier aus“, sagte Erik. „Fahren zurück nach München.“
„Erik—“
„Kein aber. Die Mission ist nicht vorbei. Und du bist ein Teil davon.“ Er stand auf. „Komm. Bevor du noch mehr Zeit verschwendest mit Selbstzweifeln.“
Helena sah ihn lange an. Dann, endlich, nickte sie. „Du bist erstaunlich stur für einen Rookie.“
„Ich hatte eine gute Lehrerin.“
Sie verließen den Zug in Rosenheim. Der Bahnsteig war fast leer, nur ein paar Pendler stiegen ein und aus.
Helena holte ihr Handy heraus, sah die verpassten Anrufe von Yuki. „Ich muss sie anrufen. Sie erklären, warum—“
„Später.“ Erik deutete auf die andere Seite der Gleise. „Nächster Zug zurück nach München ist in zwanzig Minuten. Bis dahin…“ Er sah sich um, entdeckte ein kleines Café am Bahnhof. „Kaffee?“
Helena lächelte schwach. „Kaffee klingt gut.“
Sie saßen in dem Café, tranken überteuerten Bahnhofskaffee, der trotzdem besser schmeckte als erwartet.
„Erzähl mir von ihr“, sagte Erik. „Von der Ältesten. Nicht als deine Mutter. Als Feindin. Was wissen wir über sie?“
Helena atmete tief durch, schaltete in ihren professionellen Modus. „Ihr Name, ihr echter Name, ist Katalin. Ungarischer Herkunft. Geboren vermutlich im 11. Jahrhundert, vielleicht früher.“
„So alt?“
„Die ältesten Vampire gehen zurück bis zu den Römern. Manche behaupten, noch weiter.“ Helena nippte an ihrem Kaffee. „Katalin wurde vermutlich verwandelt während der ersten Kreuzzüge. Es gibt Berichte von einer ‚Blutgräfin‘ in Jerusalem, die ganze Dörfer entvölkerte.“
„Und sie gründete den Rat?“
„Nicht allein. Aber sie war eine der Gründerinnen. Im 13. Jahrhundert, als die Vampirjäger organisierter wurden, beschlossen die mächtigsten Vampire, sich zusammenzuschließen. Für Schutz, für Macht, für…“ Helena zögerte. „Für eine Vision.“
„Die ewige Nacht.“
„Ja. Aber es war mehr als das. Sie wollten eine Welt, in der Vampire nicht mehr versteckt leben müssen. In der sie herrschen können, offen, ohne Angst.“ Helenas Augen wurden dunkel. „Das erste Mal versuchten sie es im 14. Jahrhundert. In Budapest. Sie töteten den Großteil der Bevölkerung, verwandelten Hunderte. Fast hätten sie es geschafft.“
„Was hat sie gestoppt?“
„Andere Vampire. Die, die glaubten, dass Koexistenz möglich ist. Sie verbündeten sich mit menschlichen Jägern. Der Krieg dauerte zehn Jahre. Am Ende war Budapest in Trümmern, und der Rat musste fliehen.“
„Aber sie gaben nicht auf.“
„Katalin gibt nie auf. Das ist ihr Markenzeichen.“ Helena stellte ihre Tasse ab. „Sie wartet. Jahrzehnte, Jahrhunderte. Aber sie vergisst nie. Und sie plant immer drei Schritte voraus.“
„Dann hat sie München nicht zufällig gewählt.“
„Nein. München liegt auf einem der stärksten Ley-Linien-Knotenpunkte in Europa. Perfekt für das Ritual. Und…“ Helena zögerte. „Dimitri sagte, sie sei schon seit Jahren hier. Bereite alles vor.“
„Jahre?“ Erik fühlte einen Schauer. „Wie lange genau?“
„Mindestens zehn. Vielleicht zwanzig.“ Helena sah aus dem Fenster, wo der Regen wieder eingesetzt hatte. „Sie hat sich in die Stadt integriert. Eine Identität aufgebaut. Ein Leben. Niemand weiß, wer sie wirklich ist.“
„Aber Dimitri weiß es.“
„Ja.“
„Und er hat es dir nicht gesagt. Wo sie ist. Wer sie ist.“
„Nein.“ Helenas Stimme wurde bitter. „Er sagte, das müsse ich selbst herausfinden. Als Test. Um zu sehen, ob ich würdig bin, meine eigene Mutter zu jagen.“
„Das ist krank.“
„Das ist Dimitri.“ Helena seufzte. „Er war immer der Spieler. Selbst als Kind. Alles musste ein Spiel sein, eine Herausforderung.“
„Aber er hat dir etwas gegeben. Sonst wärst du nicht auf diesem Zug gewesen.“
Helena nickte langsam. Sie holte den Umschlag wieder heraus, zog ein weiteres Foto heraus. „Das hier.“
Das Foto zeigte eine moderne Straße in München. Ein Geschäft mit der Aufschrift: Galerie Schwarzmond – Antike Kunst & Kuriositäten.
„Was ist das?“
„Ein Laden in der Maximilianstraße. Gehört angeblich einer gewissen ‚Frau Steiner‘. Einer Kunsthändlerin, zurückgezogen, exzentrisch.“ Helenas Finger zitterten leicht, als sie das Foto hielt. „Dimitri sagte, wenn ich sie finden wolle, solle ich dort anfangen.“
„Das ist sie? Katalin versteckt sich als Kunsthändlerin?“
„Warum nicht? Es ist perfekt. Sie handelt mit alten Gegenständen, reist um die Welt für Auktionen, niemand stellt Fragen.“ Helena lachte bitter. „Und sie hat Zugang zu okkulten Artefakten. Perfekt für jemanden, der ein Weltuntergangs-Ritual plant.“
Erik betrachtete das Foto. Das Geschäft sah unscheinbar aus. Ein normaler Laden in einer teuren Gegend.
„Wir gehen hin“, sagte er plötzlich.
„Was? Nein. Erik, wir können nicht einfach—“
„Warum nicht?“ Erik beugte sich vor. „Sie weiß nicht, dass du weißt. Das gibt uns einen Vorteil. Wir gehen rein, sehen uns um, sammeln Informationen.“
„Und wenn sie mich erkennt? Ich bin ihre Tochter. Selbst nach sechzig Jahren—“
„Dann spielst du die Rolle.“ Eriks Geist arbeitete schnell. „Du bist eine Kundin. Interessiert an okkulten Gegenständen. Du stellst Fragen, schaust dich um. Ich begleite dich als… als dein Assistent. Oder Freund. Was auch immer.“
„Das ist zu gefährlich.“
„Alles, was wir tun, ist gefährlich.“ Erik griff nach ihrer Hand über den Tisch. „Aber wir müssen sie konfrontieren. Früher oder später. Besser auf unseren Bedingungen als auf ihren.“
Helena schwieg lange. Der Regen trommelte gegen die Fenster des Cafés. Irgendwo im Hintergrund spielte leise Musik.
„Du hast Recht“, sagte sie schließlich. „Ich bin weggelaufen. Aber das löst nichts.“ Sie sah Erik in die Augen. „Wenn wir das tun, wenn wir wirklich hineingehen… verspreche mir etwas.“
„Was?“
„Wenn es schiefgeht, wenn sie mich angreift oder verwandeln will… töte mich.“
„Helena—“
„Versprich es mir, Erik.“ Ihre Augen waren fest, entschlossen. „Ich werde nicht werden wie sie. Lieber sterbe ich.“
Erik fühlte, wie sich sein Hals zuschnürte. „Das wird nicht nötig sein.“
„Aber wenn doch. Versprich es.“
Erik nickte langsam. „Ich verspreche es.“
„Gut.“ Helena stand auf, ließ Geld auf dem Tisch. „Dann lass uns zurück nach München fahren. Wir haben eine Mutter zu besuchen.“
Die Rückfahrt verlief in angespanntem Schweigen. Erik versuchte, sich vorzubereiten, mental durchzugehen, was sie erwarten könnten. Aber wie bereitete man sich darauf vor, der Ältesten der Vampire gegenüberzutreten? Der Quelle aller Dunkelheit?
Helena starrte aus dem Fenster, verloren in ihren eigenen Gedanken. Gelegentlich berührte sie den Umschlag mit den Fotos, als müsse sie sich vergewissern, dass er real war.
Sie erreichten München gegen Mittag. Die Stadt wirkte normal, fast idyllisch im trüben Novemberlicht. Menschen gingen einkaufen, Straßenbahnen ratterten vorbei, das Leben ging weiter.
„Wir sollten zu den anderen zurück“, sagte Helena, als sie den Bahnhof verließen. „Sie aktualisieren. Vielleicht Marcus und Thomas als Backup mitnehmen.“
„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Dimitri sagte, du sollst sie allein finden. Als Test. Wenn wir mit einem ganzen Team ankommen, weiß sie sofort, dass etwas nicht stimmt.“
„Aber—“
„Wir zwei. Mehr nicht.“ Erik sah sie an. „Vertraust du mir?“
Helena zögerte, dann nickte sie. „Ja. Ich vertraue dir.“
Sie nahmen ein Taxi zur Maximilianstraße, eine der edelsten Einkaufsstraßen Münchens. Designer-Boutiquen, teure Restaurants, Touristen mit vollen Einkaufstüten.
Und mittendrin, zwischen einem Juwelier und einem italienischen Restaurant: Galerie Schwarzmond.
Das Schaufenster zeigte antike Statuen, alte Gemälde, mysteriöse Artefakte hinter Glas. Alles schien echt zu sein, wertvoll, aus verschiedenen Epochen und Kulturen.
„Bereit?“ fragte Erik.
Helena atmete tief durch. „Nein. Aber das spielt keine Rolle.“
Sie öffneten die Tür. Eine kleine Glocke bimmelte.
Der Laden war größer, als er von außen wirkte. Hohe Decken, gedämpftes Licht, der Geruch von altem Holz und Weihrauch. Regale voller Bücher, Vitrinen mit Schmuck und Waffen, Gemälde an den Wänden.
Und am Ende des Raumes, hinter einem antiken Schreibtisch: eine Frau.
Sie war vielleicht vierzig, elegant gekleidet in ein schwarzes Kostüm. Ihr Haar war dunkel mit einigen grauen Strähnen, zurückgebunden zu einem strengen Knoten. Sie trug eine rahmenlose Brille und sah auf, als sie eintraten.
„Guten Tag“, sagte sie. Ihre Stimme war warm, kultiviert, mit einem leichten Akzent, den Erik nicht einordnen konnte. „Willkommen in der Galerie Schwarzmond. Kann ich Ihnen helfen?“
Helena erstarrte.
Erik spürte es sofort. Das war sie. Die Frau aus den Fotos, nur älter jetzt – oder besser, sie spielte älter. Das war Katalin. Die Älteste.
Helenas Mutter.
„Wir… wir interessieren uns für okkulte Artefakte“, sagte Erik schnell, als Helena nicht antwortete. „Etwas Besonderes. Für eine Sammlung.“
Die Frau lächelte. „Natürlich. Okkulte Stücke sind meine Spezialität.“ Sie stand auf, kam näher. „Suchen Sie etwas Spezifisches? Eine bestimmte Epoche? Kultur?“
Sie war jetzt nur noch drei Meter entfernt. Erik konnte ihre Augen sehen. Sie waren dunkelbraun, fast schwarz.
Und sie leuchteten nicht. Zumindest nicht im Moment.
„Etwas… Mächtiges“, sagte Erik. „Etwas mit Geschichte.“
„Alles hier hat Geschichte.“ Die Frau – Frau Steiner, Katalin – deutete auf die Ausstellungsstücke. „Aber wenn Sie nach wahrer Macht suchen…“ Sie ging zu einer verschlossenen Vitrine. „Vielleicht interessiert Sie das.“
Sie holte einen Schlüssel hervor, öffnete die Vitrine. Darin lag ein Dolch, die Klinge aus schwarzem Metall, der Griff mit Runen verziert.
„Opferdolch“, erklärte sie. „Aus dem 15. Jahrhundert. Benutzt von einem Hexenzirkel in Prag für Blutrituale.“ Sie hob ihn vorsichtig heraus. „Sehr selten. Sehr mächtig. Und sehr teuer.“
Sie reichte den Dolch Erik. Er nahm ihn, spürte sofort eine Kälte, die von der Klinge ausging.
„Faszinierend“, murmelte er und versuchte, normal zu klingen.
Katalin wandte sich Helena zu. „Und Sie, meine Liebe? Interessiert Sie auch okkulte Kunst? Oder eher… persönliche Artefakte?“
Helena hob endlich den Blick. Ihre Augen trafen die ihrer Mutter.
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
„Persönliche“, flüsterte Helena. „Sehr persönliche.“
Katalins Lächeln vertiefte sich. „Ich habe etwas, das Sie vielleicht interessieren würde. Kommen Sie.“
Sie führte sie tiefer in den Laden, zu einem Hinterraum. Erik folgte, seine Hand unbewusst zum Taser in seiner Tasche wandernd.
Der Hinterraum war kleiner, intimer. Kerzen brannten, warfen tanzende Schatten. An den Wänden hingen weitere Artefakte, aber diese waren anders. Dunkler. Gefährlicher.
Katalin ging zu einem kleinen Altar, auf dem eine einzelne Kerze brannte. Neben der Kerze: ein Foto.
Sie nahm es, reichte es Helena.
Helena sah darauf – und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.
„Was ist das?“ flüsterte sie.
„Ein Foto“, sagte Katalin sanft. „Von vor langer Zeit. Von einer Mutter und ihrer Tochter.“
Es war das gleiche Foto, das Dimitri Helena gegeben hatte. Die Älteste, jung aussehend, mit einem Baby im Arm.
„Woher haben Sie das?“ Helenas Stimme zitterte.
Katalin trat näher. Sehr nahe. So nahe, dass Erik die Kälte spüren konnte, die von ihr ausging.
„Weil ich dort war“, flüsterte Katalin. „Weil ich dieses Baby gehalten habe. Weil ich…“ Sie hob ihre Hand, berührte sanft Helenas Wange. „Weil ich dich geboren habe, mein Kind.“
Helena wich zurück, stolperte fast. „Nein. Du… du kannst nicht—“
„Aber ich kann. Und ich bin.“ Katalins Augen begannen zu leuchten. Rot. Intensiv. „Willkommen zu Hause, Helena. Ich habe so lange auf dich gewartet.“
Erik riss den Taser heraus, zielte auf Katalin—
Sie bewegte sich. Zu schnell, um zu sehen. Einen Moment war sie dort, im nächsten hatte sie Eriks Handgelenk gepackt, den Taser weggeschleudert.
„Wie unhöflich“, sagte sie. „Und du musst Erik Schönwaldt sein. Der neue Träger des Seelenschlüssels.“
Wie wusste sie seinen Namen?
„Lass ihn los!“ Helena hatte eine kleine Pistole gezogen, richtete sie auf Katalin.
Katalin lachte. „Du würdest auf deine eigene Mutter schießen? Wie tragisch. Wie… menschlich.“
„Du bist nicht meine Mutter. Du bist ein Monster.“
„Ich bin beides.“ Katalin ließ Erik los, drehte sich zu Helena. „Und du, mein Kind, bist mehr wie ich, als du zugeben willst.“
„Nein.“
„Doch.“ Katalin trat näher, keine Angst vor der Pistole. „Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, gegen die Dunkelheit zu kämpfen. Aber warum? Weil du sie hasst? Oder weil du sie fürchtest… in dir selbst?“
„Halt den Mund.“
„Du hast mein Blut, Helena. Meine Stärke. Mein Potential.“ Katalins Augen glühten heller. „Warum leugnen, was du bist? Warum kämpfen gegen deine Natur?“
„Weil meine Natur menschlich ist!“ Helenas Stimme brach. „Ich bin nicht du. Ich werde nie wie du sein!“
„Wirklich?“ Katalin lächelte traurig. „Dann warum zitterst du? Warum kannst du nicht abdrücken?“
Helenas Hand zitterte tatsächlich. Die Pistole schwankte.
„Tu es nicht“, flüsterte Katalin. „Töte mich nicht, Helena. Nicht, bevor du die Wahrheit kennst.“
„Was für eine Wahrheit?“
„Die Wahrheit über das Ritual. Über die ewige Nacht. Über das, was wirklich passieren wird, wenn wir erfolgreich sind.“ Katalin‘ Stimme wurde eindringlich. „Es ist nicht das, was du denkst. Es ist nicht Zerstörung. Es ist… Transformation.“
„Lügen.“
„Ist es das?“ Katalin deutete auf die Artefakte an den Wänden. „Jedes dieser Objekte erzählt eine Geschichte. Von Kulturen, die mit der Dunkelheit lebten. Von Menschen und Vampiren, die koexistierten. Es war einst möglich. Es könnte wieder möglich sein.“
„Durch Massenmord?“
„Durch Opfer.“ Katalins Stimme wurde härter. „Ja, Menschen werden sterben. Aber nicht alle. Die Starken werden überleben. Werden sich anpassen. Und am Ende wird eine neue Welt entstehen. Eine bessere Welt.“
„Für Vampire.“
„Für alle.“ Katalin streckte ihre Hand aus. „Schließ dich mir an, Helena. Du und dein Bruder. Meine Kinder. Gemeinsam könnten wir—“
„Nein.“ Helena drückte ab.
Der Schuss war ohrenbetäubend im kleinen Raum.
Katalin bewegte sich, aber nicht schnell genug. Die Kugel traf sie in die Schulter, schleuderte sie zurück.
Sie prallte gegen die Wand, rutschte zu Boden.
„Lauf!“ schrie Helena. „Erik, lauf!“
Sie rannten. Durch den Hinterraum, durch den Laden, zur Tür.
Hinter ihnen: Katalins Lachen. Nicht schmerzhaft. Nicht wütend.
Vergnügt.
„Lauft, Kinder“, rief sie. „Aber ihr könnt nicht ewig rennen. Früher oder später werdet ihr zu mir zurückkommen müssen. Und dann werdet ihr verstehen.“
Sie erreichten die Straße, stürzten hinaus in das Tageslicht.
Menschen starrten sie an, erschrocken von ihrem panischen Rennen.
Helena griff Eriks Hand, zog ihn mit sich. „Weiter. Wir müssen weg von hier.“
Sie rannten, durch Straßen, um Ecken, bis sie sicher waren, dass niemand folgte.
Schließlich hielten sie an, keuchend, in einer Seitengasse.
„Du hast auf sie geschossen“, keuchte Erik. „Deine eigene Mutter.“
„Sie ist nicht meine Mutter.“ Helenas Augen waren wild. „Sie ist das, was mich geboren hat. Aber sie ist nicht meine Mutter.“
Sie sank gegen eine Wand, rutschte zu Boden.
„Ich habe versagt“, flüsterte sie. „Ich konnte sie nicht töten. Ich hatte die Chance, und ich habe nur geschossen, um zu fliehen.“
„Du hast nicht versagt.“ Erik kniete sich neben sie. „Du hast überlebt. Wir beide haben überlebt.“
„Aber jetzt weiß sie, dass wir wissen. Sie wird vorbereitet sein.“
„Gut.“ Erik‘ Stimme wurde fest. „Dann sind wir quitt. Weil wir jetzt auch vorbereitet sind.“
Helena sah ihn an. „Wie können wir gegen so etwas kämpfen? Gegen meine eigene Mutter?“
„Indem wir uns daran erinnern, wer wir sind.“ Erik half ihr auf. „Du bist Helena Konstantin. Anführerin der Nachtwache. Und ich bin… nun ja, ich bin noch dabei herauszufinden, wer ich bin. Aber gemeinsam…“
„Gemeinsam haben wir vielleicht eine Chance“, beendete Helena den Satz. Sie lächelte schwach. „Wann bist du so optimistisch geworden?“
„Seit ich aufgehört habe wegzurennen.“
Sie gingen zurück zur Zentrale, langsamer jetzt, vorsichtig.
Die erste Begegnung mit der Ältesten war vorbei.
Aber der Krieg hatte gerade erst begonnen.
KAPITEL 11
Die unmögliche Wahl
Die Zentrale war in Aufruhr, als sie zurückkehrten.
Marcus stand im Konferenzraum, telefonierte lautstark mit jemandem, seine Stimme hallte durch die Gänge. Yuki saß vor ihren Monitoren, tippte fieberhaft. Thomas war nirgends zu sehen.
„Wo wart ihr verdammt nochmal?“ Marcus legte auf, als er Helena und Erik sah. Sein Gesicht war rot, die Stirnader pulsierte. „Drei Stunden! Drei Stunden ohne ein Wort! Yuki hat gesagt, du wärst im Zug nach Salzburg, und dann—“
„Es tut mir leid.“ Helena hob beschwichtigend die Hände. „Wir mussten… ich musste etwas klären.“
„Etwas klären?“ Marcus‘ Stimme wurde gefährlich leise. „Während wir hier draußen unsere Ärsche riskieren für die Kinder? Während Thomas und ich bei den Wagners waren und fast von einem Vampir zerrissen wurden?“
„Was?“ Erik trat vor. „Was ist passiert?“
Marcus holte tief Luft, versuchte sich zu beruhigen. „Die Wagners. Der Cop und seine Frau. Wir kamen an, wollten mit ihnen reden. Aber jemand war vor uns dort.“
„Ein Vampir?“
„Zwei. Valentina und ein anderer.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Sie hatten das Baby bereits. Als wir ankamen, waren die Eltern… sie waren noch am Leben, aber kaum. Gebissen, ausgeblutet, bewusstlos.“
„Und das Baby?“ fragte Helena, obwohl Erik die Antwort bereits in ihren Augen sah.
„Weg. Sie haben es mitgenommen.“ Marcus schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wir haben versucht zu folgen, aber sie waren zu schnell. Verschwanden in den Katakomben unter Schwabing.“
„Die Eltern?“ fragte Erik leise.
„Im Krankenhaus. Koma. Die Ärzte geben ihnen fünfzig-fünfzig.“ Marcus sah Helena direkt an. „Wo warst du, Boss? Als das passierte, wo warst du?“
Helena wich seinem Blick nicht aus. „Ich habe meine Mutter getroffen.“
Stille im Raum.
„Deine Mutter ist tot“, sagte Marcus schließlich. „Das hast du uns gesagt. Maria starb vor zwanzig Jahren.“
„Maria war nicht meine leibliche Mutter.“ Helena zog einen Stuhl heraus, setzte sich schwer. „Meine leibliche Mutter ist Katalin. Die Älteste.“
Marcus starrte sie an. Dann lachte er, ungläubig. „Das ist ein Scherz, oder? Bitte sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist.“
„Ich wünschte, es wäre einer.“
„Scheiße.“ Marcus ließ sich auf einen anderen Stuhl fallen. „Scheiße, scheiße, scheiße.“
Yuki war von ihren Monitoren aufgestanden, kam näher. „Helena, das bedeutet… dein ganzes Leben…“
„War eine Lüge. Ja.“ Helenas Stimme war flach. „Dimitri hat es mir heute erzählt. Mit Beweisen. Und dann bin ich zu ihr gegangen. Zu ihrer Galerie.“
„Du bist hingegangen?“ Marcus‘ Augen weiteten sich. „Allein?“
„Mit mir“, sagte Erik schnell. „Wir sind zusammen hingegangen.“
„Oh, na dann ist ja alles gut.“ Marcus‘ Sarkasmus war beißend. „Der Rookie und die Chefin, die gerade herausgefunden hat, dass sie die Tochter des Obervampirs ist, spazieren in deren Laden. Was könnte da schon schiefgehen?“
„Wir haben überlebt“, sagte Helena. „Und wir haben Informationen gesammelt.“
„Was für Informationen?“
Helena erzählte ihnen alles. Die Galerie, die Konfrontation, Katalins Worte über Transformation statt Zerstörung. Und den Schuss.
„Du hast auf sie geschossen“, wiederholte Marcus fassungslos. „Auf deine eigene Mutter.“
„Sie ist kein Mensch mehr. Sie ist ein Monster.“ Helenas Stimme war fest, aber Erik hörte die Unsicherheit darunter. „Ich tat, was getan werden musste.“
„Und doch entkam sie.“
„Sie ist die Älteste. Natürlich entkam sie.“ Helena stand auf, ging zur Karte von München an der Wand. „Aber jetzt wissen wir, wo sie sich versteckt. Das ist ein Vorteil.“
„Oder eine Falle“, warf Yuki ein. „Sie hat euch gehen lassen. Sie hätte euch töten können, aber sie tat es nicht. Warum?“
„Weil sie mich will.“ Helenas Finger fuhren über die Karte, über die markierten Ley-Linien. „Sie will, dass ich mich ihr anschließe. Dimitri auch. Ihre Kinder, vereint unter ihrer Herrschaft.“
„Das wird nicht passieren“, sagte Marcus.
„Nein. Das wird es nicht.“ Helena drehte sich um. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Katalin ist nicht dumm. Sie plant drei Schritte voraus. Wenn sie uns gehen ließ, dann hatte das einen Grund.“
„Was für einen Grund?“
„Das ist die Frage.“ Helena ging zurück zum Tisch, breitete die Liste der Familien aus. „Marcus, du sagtest, die Wagners wurden angegriffen. Valentina hat ihr Baby. Was ist mit den anderen fünf?“
„Thomas ist bei den Özkan“, berichtete Marcus. „Er führt das Ritual durch. Allein, weil ich hier auf euch warten musste.“
„Allein?“ Helenas Stimme wurde scharf. „Das ist zu gefährlich. Die Vampire könnten—“
„Könnten, ja. Aber was sollten wir tun? Du warst weg, Erik war weg. Die Kinder sterben.“ Marcus‘ Kiefer war angespannt. „Thomas traf eine Entscheidung.“
„Wann hat er angefangen?“
„Vor einer Stunde.“ Marcus sah auf seine Uhr. „Er sollte bald fertig sein. Wenn alles gutgeht.“
„Und wenn nicht?“
„Dann haben wir einen toten Priester und ein weiteres verlorenes Baby.“ Marcus‘ Worte waren hart, aber ehrlich. „So ist die Realität, Boss.“
Helena schloss die Augen, atmete tief durch. „Yuki, kannst du Thomas erreichen? Funkverbindung?“
„Ich versuche es.“ Yuki ging zurück zu ihren Monitoren, setzte ein Headset auf. „Thomas, hier Zentrale. Bitte melden.“
Rauschen.
„Thomas, melden.“
Mehr Rauschen. Dann, schwach, eine Stimme: „…hier. Ritual… fast fertig…“
„Bist du in Sicherheit?“
„…Familie ist in Ordnung… Baby reagiert… Dunkelheit wider…setzt sich…“
Die Verbindung brach ab.
„Thomas!“ Yuki tippte fieberhaft. „Verdammt, ich habe ihn verloren.“
„Wo ist er?“ fragte Helena.
„Giesing. Wohnblock am Candidplatz.“ Yuki zeigte die Adresse auf dem Monitor. „Zehn Minuten von hier.“
„Wir fahren hin.“ Helena griff nach ihrer Jacke. „Marcus, du und ich. Erik, du bleibst hier mit Yuki.“
„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Ihr braucht den Schlüssel. Wenn das Ritual schiefgeht, wenn die Dunkelheit zu stark ist—“
„Erik hat Recht“, sagte Marcus widerwillig. „Der Schlüssel könnte entscheidend sein.“
Helena sah zwischen ihnen hin und her. „In Ordnung. Aber du bleibst hinter uns, verstanden? Keine Heldenaktionen.“
„Verstanden.“
Sie rannten zur Garage. Marcus fuhr, zu schnell, ignorierte Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Helena saß vorne, überprüfte ihre Waffen. Erik hinten, den Seelenschlüssel fest umklammert.
„Was ist, wenn Katalin dort ist?“ fragte Erik. „Wenn das eine Falle ist?“
„Dann kämpfen wir“, sagte Marcus knapp.
„Gegen die Älteste? Sie ist—“
„Uns überlegen, ich weiß.“ Marcus nahm eine Kurve auf zwei Rädern. „Aber wir haben keine Wahl. Thomas ist dort. Vielleicht in Gefahr. Wir lassen niemanden zurück.“
Sie erreichten den Candidplatz. Der Wohnblock war typisch Münchner Nachkriegsbau. Grau, funktional, mit Balkonen voller Wäscheleinen und Fahrrädern.
„Dritter Stock“, sagte Helena und sprang aus dem Wagen, bevor er ganz stand. „Familie Özkan, Wohnung 3B.“
Sie rannten ins Gebäude. Das Treppenhaus roch nach Kohl und Putzmittel. Irgendwo weinte ein Baby – aber nicht mit dem unnatürlichen Schrei eines verwandelten Kindes.
Dritter Stock. Wohnung 3B. Die Tür stand einen Spalt offen.
Marcus zog seine Pistole. Helena ihr Messer. Erik den Seelenschlüssel.
Marcus stieß die Tür auf.
Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ Erik den Atem stocken.
Thomas lag auf dem Boden, blutend aus einer Wunde an der Stirn. Neben ihm: eine junge Frau in Hijab, bewusstlos, aber atmend. Und auf dem Teppich, im Zentrum eines zerbrochenen Kreidekreises: ein Baby.
Das Baby – Ayşe – weinte. Aber es war ein normales Weinen. Ihre Haut hatte Farbe, ihre Augen waren braun, menschlich.
„Das Ritual war erfolgreich“, keuchte Thomas. Er versuchte aufzustehen, fiel zurück. „Aber dann… sie kamen…“
„Wer kam?“ Helena kniete neben ihm.
„Valentina. Und andere. Drei, vier, ich habe nicht genau gezählt.“ Thomas‘ Augen waren glasig. „Sie wollten das Baby. Ich habe widerstanden, aber…“
„Wo sind sie jetzt?“ fragte Marcus, die Waffe erhoben, spähte in die anderen Räume.
„Weg. Sie flohen, als das Baby begann zu weinen. Normal zu weinen.“ Thomas lächelte schwach. „Sie wollten es nicht mehr. Es war nutzlos für sie.“
Erik ging zum Baby, hob es vorsichtig auf. Ayşe beruhigte sich sofort, schmiegte sich an ihn. So warm. So lebendig. So menschlich.
„Du hast sie gerettet“, flüsterte er zu Thomas.
„Wir haben sie gerettet“, korrigierte Thomas. „Alle von uns.“
Helena verband Thomas‘ Kopfwunde mit einem Handtuch aus der Küche. „Kannst du gehen?“
„Ich denke schon. Nur ein wenig benommen.“ Thomas stand auf, wankte leicht. Marcus stützte ihn.
„Und die Mutter?“ Erik deutete auf die bewusstlose Frau.
„Schock. Die Vampire haben sie nicht verletzt, nur erschreckt.“ Helena überprüfte ihren Puls. „Sie wird aufwachen. Verwirrt, verängstigt, aber am Leben.“
„Wir können sie nicht hier lassen“, sagte Erik. „Wenn die Vampire zurückkommen—“
„Sie kommen nicht zurück. Nicht für ein geheiltes Baby.“ Helena stand auf. „Aber du hast Recht. Wir bringen sie zur Zentrale. Alle – die Mutter, das Baby. Bis das vorbei ist.“
„Das wird ihr nicht gefallen“, murmelte Marcus. „Zwei Familien versteckt in unserem Hauptquartier. Das ist ein Sicherheitsrisiko.“
„Alles ist ein Sicherheitsrisiko.“ Helena sah sich in der verwüsteten Wohnung um. „Aber lebende Zeugen sind besser als tote. Wir bringen sie mit.“
Sie trugen Frau Özkan und Baby Ayşe hinunter zum Auto. Einige Nachbarn spähten aus ihren Türen, aber niemand fragte. In München lernte man, sich aus fremden Angelegenheiten herauszuhalten.
Auf der Rückfahrt zur Zentrale herrschte angespannte Stille. Thomas hielt seine Wunde, murmelte Gebete. Frau Özkan begann zu erwachen, verwirrt und panisch. Helena beruhigte sie auf Deutsch, dann auf gebrochenem Türkisch.
„Sie sagt, sie habe Monster gesehen“, übersetzte Helena. „Frauen mit roten Augen, die in ihre Wohnung kamen.“
„Was sagen wir ihr?“
„Die Wahrheit. Später. Wenn sie bereit ist.“ Helena sah aus dem Fenster. „Im Moment sagen wir ihr, dass sie in Sicherheit ist. Das ist alles, was zählt.“
Zurück in der Zentrale hatte sich die Situation weiter zugespitzt.
Yuki empfing sie mit düsteren Neuigkeiten. „Zwei weitere Familien wurden angegriffen. Die Schneiders in Neuhausen und die Müllers in Sendling.“
„Und die Babys?“ fragte Helena, während Marcus Frau Özkan und Ayşe in einen der Ruheräume führte.
„Verschwunden. Beide. Die Eltern überlebten, aber die Babys sind weg.“ Yukis Gesicht war aschfahl. „Das sind jetzt drei von sechs. Die Hälfte.“
„Die anderen drei?“
„Ich habe sie gewarnt. Die Familien sind untergetaucht, versteckt bei Verwandten. Aber…“ Yuki zögerte. „Wir haben keine Möglichkeit, die Rituale durchzuführen. Nicht ohne die Babys zu finden.“
Helena sank auf einen Stuhl. „Drei Babys in den Händen des Rates. Was wollen sie damit?“
„Opfer“, sagte Thomas, der gerade mit Marcus zurückkam. „Für das Ritual der ewigen Nacht. Katalin sammelt sie.“
„Aber warum Babys?“ fragte Erik. „Erwachsene wären einfacher zu beschaffen.“
„Unschuld“, antwortete Thomas. „Die reinste Form. Unverdorbene Seelen. Sie verstärken die Macht des Rituals.“ Er setzte sich schwer. „Und halb verwandelte Babys sind noch wertvoller. Sie sind bereits mit der Dunkelheit verbunden, aber nicht vollständig. Perfekt für—“
„Für eine Brücke“, unterbrach Helena. „Zwischen Leben und Tod. Zwischen Licht und Dunkelheit.“
„Genau.“
„Dann müssen wir sie zurückholen“, sagte Erik. „Die drei Babys. Vor der Sommersonnenwende.“
„Das sind sieben Monate“, sagte Marcus. „Wir haben Zeit.“
„Haben wir das?“ Helena stand auf, ging zur Karte. „Katalin hat sich gezeigt. Sie weiß, dass wir wissen. Was, wenn sie beschleunigt? Was, wenn sie das Ritual früher durchführt?“
„Unmöglich“, sagte Yuki. „Die Sommersonnenwende ist entscheidend. Die Ley-Linien sind nur dann stark genug.“
„Bist du sicher?“
Yuki zögerte. „Neunzig Prozent sicher.“
„Und die anderen zehn Prozent?“
„Sind das Risiko, das wir eingehen müssen.“ Yuki kam zum Tisch, breitete ihre Recherchen aus. „Ich habe jeden Text über das Ritual der ewigen Nacht analysiert. Alle Berichte, alle Legenden. Die Sommersonnenwende wird immer erwähnt. Es ist nicht verhandelbar.“
„Außer es gibt Ausnahmen“, murmelte Helena. „Ausnahmen, die nicht aufgeschrieben wurden.“
„Oder die verloren gingen“, fügte Thomas hinzu. „Viele okkulte Texte wurden im Laufe der Jahrhunderte vernichtet. Von der Kirche, von Jägern, von den Vampiren selbst.“
„Dann gehen wir davon aus, dass wir sieben Monate haben“, entschied Helena. „Aber wir handeln, als hätten wir sieben Wochen. Wir beschleunigen alles.“
„Was ist der Plan?“ fragte Marcus.
Helena atmete tief durch. „Wir finden die Babys. Wo auch immer Katalin sie versteckt hat, wir finden sie. Und wir holen sie zurück.“
„Und wie?“ Marcus‘ Skeptizismus war deutlich. „München ist riesig. Die Katakomben allein sind ein Labyrinth. Wir könnten Jahre suchen.“
„Dann nutzen wir einen Lockvogel“, sagte Helena.
„Was für einen Lockvogel?“
Helena sah Erik an. „Den Seelenschlüssel.“
Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Was?“
„Katalin will ihn. Sie hat es gesagt, als wir in der Galerie waren. Der Schlüssel ist Teil ihrer Pläne.“ Helena trat näher. „Wenn wir ihn als Köder benutzen, wird sie kommen. Oder ihre Diener schicken.“
„Du willst, dass ich mich als Ziel anbiete.“
„Ich will, dass wir eine Falle stellen. Mit dir als Lockvogel, ja. Aber geschützt, bewacht. Wir kontrollieren die Situation.“
„Und wenn sie zu stark ist? Wenn sie mich überwältigen?“
„Dann sterben wir alle“, sagte Marcus trocken. „Aber hey, keine Sorge. Das wäre ein schneller Tod.“
„Marcus“, tadelte Helena.
„Was? Es ist die Wahrheit.“ Marcus verschränkte die Arme. „Der Plan ist riskant. Aber ich sehe keine Alternative. Wir können nicht passiv warten. Wir müssen agieren.“
Erik sah auf den Schlüssel in seiner Hand. Das Metall war warm, pulsierte leicht. Als würde es auf seine Entscheidung warten.
„Wo würden wir die Falle stellen?“ fragte er.
„Einer der Ley-Linien-Punkte“, sagte Helena. „Viktualienmarkt vielleicht. Öffentlich, aber nicht zu überfüllt nachts. Wir können die Umgebung kontrollieren.“
„Und wann?“
„Heute Nacht.“
„So schnell?“ Yuki sah besorgt aus. „Wir brauchen mehr Vorbereitungszeit. Mehr Ausrüstung.“
„Wir haben keine Zeit.“ Helenas Stimme war fest. „Katalin beschleunigt. Sie hat heute drei Babys genommen. Wenn wir warten, nimmt sie die restlichen drei.“
„Die sind versteckt“, erinnerte Marcus.
„Versteckt ist nicht sicher. Nicht gegen sie.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Wir tun es heute Nacht. Letztes Angebot.“
Thomas nickte langsam. „Ich bin dabei.“
„Ich auch“, sagte Marcus nach einem Moment.
„Ich koordiniere von hier“, bot Yuki an. „Kameras, Überwachung, Backup.“
Alle Blicke wandten sich Erik zu.
„Erik?“ Helenas Stimme war sanft. „Niemand zwingt dich. Wenn du nein sagst, finden wir einen anderen Weg.“
Erik dachte an die Babys. Lukas, gerettet. Sophie, halb gerettet. Ayşe, gerade gerettet. Und die drei anderen, irgendwo in der Dunkelheit gefangen.
Er dachte an Clara, die sich geopfert hatte. An seine Urgroßeltern, die in die Flammen gegangen waren.
An all die Menschen, die starben, weil niemand handelte.
„Ich mache es“, sagte er. „Aber eine Bedingung.“
„Welche?“
„Wenn Katalin kommt. Wenn sie persönlich erscheint.“ Erik sah Helena direkt in die Augen. „Dann bin ich derjenige, der sie konfrontiert. Nicht du.“
„Erik—“
„Nein. Hör zu.“ Erik stand auf. „Sie ist deine Mutter. Biologisch zumindest. Du hast heute bewiesen, dass du auf sie schießen kannst. Aber sie töten?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob du dazu fähig bist. Und das solltest du auch nicht sein müssen.“
„Aber du bist?“
„Ich habe keinen emotionalen Konflikt. Für mich ist sie nur ein Monster. Ein sehr mächtiges Monster.“ Erik‘ Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich werde tun, was getan werden muss.“
Helena schwieg lange. Dann, fast unhörbar: „Danke.“
„Rührend“, sagte Marcus. „Aber können wir jetzt den Plan konkretisieren? Zeit ist knapp.“
Die nächsten Stunden vergingen in intensiver Vorbereitung.
Yuki hackte sich in die Überwachungssysteme rund um den Viktualienmarkt. Marcus inspizierte Waffen, bereitete Fallen vor – Silbernetze, geweihte Granaten, UV-Lampen. Thomas betete, segnete Ausrüstung, bereitete Bannkreise vor.
Und Erik übte mit dem Seelenschlüssel.
In dem kleinen Trainingsraum, allein, versuchte er die Kontrolle zu perfektionieren. Das Licht zu rufen, ohne Panik. Es zu halten, ohne sich selbst zu verlieren.
Es wurde besser. Nicht perfekt, aber besser.
„Du lernst schnell“, sagte eine Stimme hinter ihm.
Erik drehte sich um. Helena stand in der Tür.
„Kann nicht schlafen?“ fragte er.
„Niemand kann schlafen. Nicht vor so einer Mission.“ Sie trat ein, schloss die Tür. „Darf ich?“
„Natürlich.“
Sie setzte sich auf den Boden, lehnte sich gegen die Wand. Erik setzte sich ihr gegenüber.
„Danke“, sagte sie nach einem Moment. „Für vorhin. Für das Angebot, Katalin zu konfrontieren.“
„Ich meinte es ernst.“
„Ich weiß. Das macht es… kompliziert.“ Helena sah auf ihre Hände. „Teil von mir will sie tot sehen. Das Monster, das tausende getötet hat. Aber ein anderer Teil…“ Sie brach ab.
„Will die Mutter, die du nie hattest“, beendete Erik leise.
„Ist das pathetisch?“
„Nein. Das ist menschlich.“ Erik lehnte sich vor. „Aber Helena, du musst verstehen – sie wird diese Schwäche ausnutzen. Sie hat es heute schon getan. Sie wird es wieder tun.“
„Ich weiß.“
„Deshalb ist es besser, wenn ich es tue. Wenn es soweit kommt.“
Helena nickte langsam. „Aber versprich mir etwas.“
„Was?“
„Zögere nicht. Wenn du die Chance hast, sie zu töten – tu es. Sofort. Ohne nachzudenken.“ Ihre Augen trafen seine, intensiv. „Denn wenn du zögerst, wird sie dich töten. Und dann uns alle.“
„Ich verspreche es.“
Sie standen auf. Helena streckte ihre Hand aus. Erik schüttelte sie.
„Für die Babys“, sagte sie.
„Für die Babys“, wiederholte Erik.
Um 22:00 Uhr brachen sie auf.
Der Viktualienmarkt lag still unter dem Nachthimmel. Die Stände waren geschlossen, mit Planen abgedeckt. Nur vereinzelte Straßenlaternen warfen gelbes Licht auf die leeren Wege.
Erik stand in der Mitte, beim Maibaum. Allein. Sichtbar.
In seiner Hand: der Seelenschlüssel, offen gezeigt, glühend im Dunkeln.
Der perfekte Köder.
Marcus war auf einem Dach, mit einem Scharfschützengewehr. Thomas in den Schatten, bereit mit seinen Bannkreisen. Helena versteckt hinter einem Stand, nur zwanzig Meter entfernt.
Und Yuki in der Zentrale, beobachtete über ein Dutzend Kameras.
„Position eingenommen“, flüsterte Erik in sein Mikrofon.
„Empfangen“, kam Yukis Stimme. „Alle Kameras online. Keine Bewegung bisher.“
„Geduld“, murmelte Marcus. „Sie werden kommen.“
Sie warteten.
Eine Minute. Fünf Minuten. Zehn.
Erik fühlte den Schweiß auf seiner Stirn, trotz der Kälte. Seine Hände umklammerten den Schlüssel, fühlten sein Pulsieren.
„Bewegung“, sagte Yuki plötzlich. „Östliche Seite. Drei Gestalten.“
Erik drehte sich. Dort, zwischen den Ständen, tauchten Schatten auf.
Vampire. Er erkannte sie sofort an der Art, wie sie sich bewegten. Zu flüssig. Zu schnell.
Sie kamen näher. Zwei Männer, eine Frau. Die Frau war Valentina.
Sie blieben zehn Meter entfernt stehen.
„Der Träger des Seelenschlüssels“, sagte Valentina. Ihr Lächeln war kalt. „Wie mutig von dir, allein zu kommen.“
„Ich bin nicht allein“, sagte Erik.
„Natürlich nicht. Deine Freunde verstecken sich. Wie Ratten.“ Valentinas Augen leuchteten. „Aber das spielt keine Rolle. Du bist hier. Der Schlüssel ist hier. Das ist alles, was zählt.“
„Ihr wollt ihn? Kommt und holt ihn.“
„So einfach?“ Valentina lachte. „Du glaubst, das ist eine Falle. Dass deine Freunde uns überwältigen werden, wenn wir angreifen.“
„Ist es nicht?“
„Vielleicht. Aber weißt du, was das Lustige ist?“ Valentina trat näher. Einen Schritt. Noch einen. „Wir haben auch eine Falle.“
Ein Schrei.
Nicht von Erik. Von hinter ihm.
Er wirbelte herum.
Thomas lag am Boden, eine Gestalt über ihm. Ein Vampir, den sie nicht gesehen hatten, der sich aus den Schatten materialisiert hatte.
„Thomas!“ Helena stürmte aus ihrem Versteck, Waffe gezogen.
Aber es war zu spät.
Der Vampir riss Thomas hoch, hielt ihn als Schild.
„Lassen Sie Ihre Waffen fallen“, sagte der Vampir. „Oder der Priester stirbt.“
„Nicht schießen!“ rief Thomas. „Es ist eine Falle, sie—“
Der Vampir schlug ihm ins Gesicht. Thomas‘ Kopf schnellte zur Seite.
„Waffen. Jetzt.“
Helena zögerte. Dann ließ sie ihre Pistole fallen.
„Du auch, Dachschütze“, rief der Vampir nach oben. „Ich kann dich riechen.“
Marcus fluchte, aber seine Waffe fiel von dem Dach, landete klirrend auf dem Pflaster.
„Gut. Sehr gut.“ Der Vampir lächelte. „Und jetzt, Träger, gib uns den Schlüssel.“
„Nein“, sagte Erik.
„Dann stirbt er.“
„Wenn er stirbt, lasse ich den Schlüssel explodieren.“ Erik hob ihn höher. „Und uns alle mit ihm.“
Das war eine Lüge. Er hatte keine Ahnung, ob der Schlüssel explodieren konnte. Aber er musste Zeit gewinnen.
Der Vampir zögerte.
„Er blufft“, sagte Valentina. „Töte den Priester.“
„Warte!“ Eine neue Stimme. Aus den Schatten.
Eine Gestalt trat ins Licht.
Dimitri.
Er sah zwischen ihnen allen hin und her. Dann lächelte er.
„Niemand muss sterben“, sagte er. „Heute Nacht jedenfalls. Ich habe ein besseres Angebot.“
„Was für ein Angebot?“ fragte Helena, ihre Stimme gepresst.
„Ein Handel.“ Dimitri kam näher, seine Hände erhoben, als wollte er zeigen, dass er keine Waffe trug. „Der Schlüssel gegen die Babys.“
Stille.
„Alle drei“, fuhr Dimitri fort. „Unversehrt, geheilt. Wir geben sie euch zurück. Im Austausch für den Seelenschlüssel.“
„Das ist eine Lüge“, sagte Marcus irgendwo aus der Dunkelheit.
„Ist es das?“ Dimitri sah zu Helena. „Schwester, du kennst mich. Ich mag ein Monster sein, aber ich lüge nicht. Nicht bei Geschäften.“
„Du bietest uns drei Babys für den Schlüssel“, sagte Helena langsam. „Warum?“
„Weil die Älteste gnädig ist. Sie sieht, dass ihr kämpft, dass ihr leidet. Und sie bietet einen Ausweg.“ Dimitris Augen glühten schwach. „Die Babys gegen den Schlüssel. Ein Leben für ein Werkzeug. Ein gerechter Handel.“
„Und das Ritual?“ fragte Erik. „Die ewige Nacht?“
„Wird trotzdem stattfinden. Mit oder ohne Schlüssel.“ Dimitri zuckte mit den Schultern. „Aber mit dem Schlüssel wird es… einfacher. Weniger blutig. Weniger Opfer.“
„Du lügst.“
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“ Dimitris Lächeln wurde breiter. „Aber die Frage ist: Bist du bereit, das Risiko einzugehen? Drei unschuldige Babys gegen deine Paranoia?“
Erik sah zu Helena. Ihre Augen waren weit, gequält.
„Nicht tun“, flüsterte Thomas, immer noch vom Vampir gehalten. „Erik, gib ihnen den Schlüssel nicht.“
„Aber die Babys—“
„Sind bereits verloren“, sagte Thomas. „Wenn du den Schlüssel gibst, sind wir alle verloren.“
„Er hat Recht“, kam Marcus‘ Stimme. „Das ist eine Falle.“
„Oder es ist eine Chance“, konterte Dimitri. „Eine Chance, Leben zu retten. Ist das nicht das, worum es geht?“
Erik fühlte das Gewicht des Schlüssels in seiner Hand. Das Pulsieren, das stärker wurde.
Drei Babys. Unschuldige Leben.
Gegen ein Artefakt. Ein Werkzeug.
Eine unmögliche Wahl.
„Ich brauche Garantien“, sagte Erik schließlich. „Beweise, dass die Babys leben. Dass ihr sie wirklich zurückgebt.“
„Natürlich.“ Dimitri nickte einem der anderen Vampire zu.
Der Vampir holte ein Handy heraus, zeigte ein Video.
Drei Babys. In Wiegen. Schlafend. Ihre kleine Brüste hoben und senkten sich.
Lebendig.
„Zufrieden?“ fragte Dimitri.
Erik sah zu Helena. Sie hatte Tränen in den Augen.
„Es ist deine Entscheidung“, flüsterte sie. „Ich kann sie nicht für dich treffen.“
Erik schloss die Augen.
Was würde Clara tun?
Was würden seine Urgroßeltern tun?
Er öffnete die Augen.
„Nein“, sagte er. „Kein Handel.“
Dimitris Lächeln verschwand. „Das ist deine letzte Antwort?“
„Ja.“
„Dann“, sagte eine neue Stimme, „lassen Sie mich eine bessere machen.“
Alle drehten sich um.
Aus den Schatten trat Katalin.
Die Älteste.
Sie sah Erik an, ihr Lächeln war kalt wie Eis. „Der Schlüssel“, sagte sie. „Gegen Helena.“
KAPITEL 12
Das Ritual der Umkehr
Die Welt schien stillzustehen.
Katalin stand dort, zehn Meter entfernt, gekleidet in ein elegantes schwarzes Kleid, als wäre sie auf dem Weg zu einer Gala. Ihr Haar fiel offen über ihre Schultern, ihr Gesicht war zeitlos schön – und absolut emotionslos.
„Mutter“, flüsterte Helena.
„Tochter.“ Katalins Stimme war sanft, fast liebevoll. „Wie schön, dich wiederzusehen. Unter… besseren Umständen.“
„Was meinst du mit ‚Helena gegen den Schlüssel‘?“ Eriks Stimme war schärfer als beabsichtigt.
„Genau das, was ich sage.“ Katalin kam näher, ihre Bewegungen waren fließend, hypnotisch. „Du gibst mir den Seelenschlüssel. Dafür gebe ich dir die drei Babys. Und Helena kommt mit mir.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte Marcus von seinem Versteck. „Helena ist keine Ware!“
„Aber der Schlüssel ist es?“ Katalin lächelte. „Interessante Prioritäten habt ihr, Jäger.“
„Ich gehe nirgendwo mit dir hin“, sagte Helena. Ihre Hand bewegte sich zu ihrer Waffe am Boden.
„Lass das.“ Katalins Augen glühten plötzlich auf, intensiv rot. „Berühr die Waffe, und der Priester stirbt. Dann die anderen. Und dann du.“
Helenas Hand erstarrte.
„Gut.“ Katalin entspannte sich wieder. „Siehst du, ich bin nicht hier, um zu töten. Im Gegenteil. Ich bin hier, um Leben zu retten. Drei kleine Leben. Alles, was ich verlange, ist ein Gespräch. Mit meiner Tochter. Privat.“
„Ein Gespräch“, wiederholte Helena skeptisch. „Das ist alles?“
„Das ist alles. Kein Zwang. Keine Verwandlung. Nur ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter.“ Katalin hielt ihre Hände hoch, die Handflächen offen. „Danach kannst du gehen. Wenn du willst.“
„Und der Schlüssel?“
„Bleibt bei mir. Als… Versicherung.“ Katalin sah zu Erik. „Aber keine Sorge, junger Träger. Ich werde ihn gut behandeln. Wie ein Teil meiner Familie.“
„Der Schlüssel ist keine Person“, sagte Erik.
„Bist du sicher?“ Katalins Lächeln wurde rätselhaft. „Du fühlst sein Herz schlagen. Du spürst seinen Willen. Wie ist das anders als eine Person?“
Erik hatte keine Antwort darauf.
„Helena, tu es nicht“, sagte Thomas, seine Stimme schwach vom Schlag. „Sie manipuliert dich.“
„Natürlich tue ich das“, sagte Katalin unverblümt. „Manipulation ist mein Handwerk. Aber das macht mein Angebot nicht weniger real. Drei Babys. Für ein Gespräch und ein altes Stück Metall.“
„Und wenn Helena nein sagt?“ fragte Erik.
„Dann gehen wir alle mit leeren Händen nach Hause. Ihr ohne die Babys. Ich ohne den Schlüssel oder meine Tochter.“ Katalin zuckte mit den Schultern. „Aber die Babys bleiben bei mir. Und in sieben Monaten, zur Sommersonnenwende, werden sie Teil von etwas Größerem. Etwas Wunderbarem.“
„Etwas Schrecklichem“, korrigierte Helena.
„Das ist eine Frage der Perspektive.“ Katalin trat noch näher, jetzt nur noch fünf Meter entfernt. „Helena, meine Liebe, ich weiß, du hast Angst. Angst vor mir, angst vor dem, was ich bin. Aber ich bin immer noch deine Mutter. Ich habe dich neun Monate getragen. Ich habe dich geboren. Dieses Band kann nicht gebrochen werden.“
„Du hast mich weggegeben.“
„Weil ich dachte, es wäre besser für dich. Ein normales Leben, ohne die Bürde des Wissens.“ Katalins Augen wurden weich – oder sie täuschte es vor. „Aber jetzt bist du hier. Du kennst die Wahrheit. Und ich gebe dir die Chance, sie vollständig zu verstehen.“
Helena schwieg lange. Erik konnte sehen, wie sie kämpfte, zerrissen zwischen Pflicht und Neugier, zwischen Hass und etwas anderem.
„Eine Stunde“, sagte Helena schließlich. „Du bekommst eine Stunde. Und die Babys werden zuerst übergeben.“
„Helena, nein!“ Marcus‘ Stimme war scharf. „Das ist—“
„Meine Entscheidung“, unterbrach Helena. Sie sah Erik an. „Der Schlüssel bleibt bei dir. Gib ihn nicht her.“
„Aber—“
„Das ist ein Befehl.“ Helenas Augen waren fest. „Bewahre ihn. Schütze ihn. Koste es, was es wolle.“
Erik nickte langsam, fühlte das Gewicht ihrer Worte.
Katalin lächelte triumphierend. „Weise Entscheidung, Tochter. Dimitri?“
Dimitri trat vor, sprach leise in ein Funkgerät. Minuten später erschienen zwei weitere Vampire, trugen drei Babyschalen.
Sie stellten sie in der Mitte des Platzes ab, zehn Meter von Erik entfernt.
„Die Babys“, sagte Katalin. „Wie versprochen. Unversehrt.“
Marcus kam aus der Dunkelheit, vorsichtig, die Waffe immer noch auf die Vampire gerichtet. Er überprüfte jede Babyschale.
„Sie leben“, bestätigte er angespannt. „Aber sie sind noch infiziert. Die Wunden sind da.“
„Natürlich sind sie noch infiziert“, sagte Katalin. „Das Umkehrritual muss noch durchgeführt werden. Aber sie sind am Leben. Das war der Handel.“
„Du hast gesagt, sie wären geheilt!“
„Ich sagte, sie wären unversehrt. Und das sind sie. Keine neuen Verletzungen, kein zusätzliches Leid.“ Katalins Stimme wurde kälter. „Wenn du mehr erwartet hast, war das dein Missverständnis.“
„Das ist Betrug!“
„Das ist Verhandlung.“ Katalin wandte sich Helena zu. „Kommst du nun? Oder müssen wir noch länger in der Kälte stehen?“
Helena sah zu Thomas, der jetzt vom Vampir losgelassen worden war und zu Boden gesackt war. Dann zu Marcus, der die Babys schützend an sich zog. Und schließlich zu Erik.
„Pass auf sie auf“, sagte sie leise. „Auf alle.“
„Helena—“
„Verspreche es mir.“
Erik nickte, zu angespannt zum Sprechen.
Helena ging zu Katalin. Mutter und Tochter standen sich gegenüber, zwei Spiegelbilder aus verschiedenen Zeiten.
„Keine Tricks“, sagte Helena. „Eine Stunde. Dann lässt du mich gehen.“
„Keine Tricks“, bestätigte Katalin. Sie streckte ihre Hand aus.
Nach einem langen Moment nahm Helena sie.
„Valentina, Dimitri – mit mir. Die anderen, bleibt und… beobachtet.“ Katalin lächelte zu Erik. „Wir sehen uns bald wieder, Träger. Ich hoffe, du nutzt diese Zeit weise.“
Sie verschwanden. Einfach so. Helena, Katalin, Dimitri und Valentina lösten sich in die Schatten auf, zu schnell für das Auge.
Zurück blieben Erik, Thomas, Marcus, die drei Babys, und ein halbes Dutzend Vampire, die sie aus der Dunkelheit beobachteten.
„Was jetzt?“ flüsterte Erik.
„Jetzt“, sagte Marcus und hob vorsichtig die Babyschalen auf, „bringen wir diese Kinder nach Hause. Und beten, dass Helena weiß, was sie tut.“
Die Rückfahrt zur Zentrale war angespannt.
Marcus fuhr mit den drei Babyschalen im Fond. Thomas saß vorne, hielt seine Kopfwunde. Erik auf dem Beifahrersitz, den Seelenschlüssel umklammernd, beobachtete die Straßen hinter ihnen.
„Sie folgen uns nicht“, sagte Marcus nach einigen Minuten. „Zumindest nicht offensichtlich.“
„Katalin hat, was sie will“, murmelte Thomas. „Helena.“
„Aber nicht den Schlüssel.“ Erik sah auf das Artefakt. „Warum hat sie nicht darauf bestanden?“
„Weil sie Zeit kauft“, sagte Marcus. „Eine Stunde mit Helena. Was kann sie in einer Stunde tun?“
„Überzeugen. Manipulieren. Säen von Zweifeln.“ Thomas‘ Stimme war schwach. „Katalin ist Jahrhunderte alt. Sie weiß, wie man Menschen bricht. Nicht durch Gewalt, sondern durch Worte.“
„Helena ist stark.“
„Ist sie?“ Thomas sah zu Erik. „Sie hat gerade herausgefunden, dass ihre Mutter die Quelle allen Übels ist. Dass ihr ganzes Leben eine Lüge war. Wie stark kann jemand sein unter solchem Gewicht?“
Erik hatte keine Antwort.
Sie erreichten die Zentrale. Yuki wartete bereits, blass und nervös.
„Ich habe alles gesehen“, sagte sie, als sie ausstiegen. „Die Kameras… Helena ging freiwillig mit ihr.“
„Sie hatte keine Wahl.“ Marcus trug die Babyschalen hinein. „Wo sollen wir sie hinbringen?“
„Der medizinische Raum. Ich habe alles vorbereitet für die Rituale.“ Yuki sah die Babys an, ihr Gesicht wurde weich. „Die armen Dinger. Wie schlimm ist es?“
„Schlimm.“ Thomas folgte schwankend. „Wir müssen sofort beginnen. Je länger wir warten, desto stärker wird die Dunkelheit.“
Sie trugen die Babys in einen Raum, den Erik noch nicht gesehen hatte. Er war größer als die anderen, ausgestattet wie ein kleines Krankenhauszimmer, aber mit Zusätzen – Kerzen in den Ecken, Kreidekreise am Boden, Regale voller okkulter Artefakte.
„Drei Rituale, nacheinander“, sagte Thomas und begann, die Utensilien vorzubereiten. „Wir müssen schnell sein.“
„Können wir das ohne Helena?“ fragte Yuki.
„Wir müssen.“ Thomas sah zu Erik. „Du hast Lukas und Sophie gerettet. Du kannst diese auch retten.“
„Aber ich war erschöpft nach nur einem Ritual. Drei—“
„Werden dich fast umbringen, ja.“ Thomas‘ Lächeln war traurig. „Aber fast ist nicht ganz. Du bist jung. Du bist stark. Du wirst überleben.“
„Und wenn nicht?“
„Dann sterben diese Kinder.“ Thomas‘ Worte waren hart, aber ehrlich. „Wahl ist eine Illusion, Erik. Manchmal gibt es nur Pflicht.“
Erik atmete tief durch. „Dann lass uns anfangen.“
Das erste Ritual war für Baby Leon Müller. Vier Wochen alt, erste Infektion vor zwei Wochen.
Erik folgte dem vertrauten Ablauf. Das Blut der Mutter – Frau Müller war in der Zentrale, herbeigeholt von Marcus. Das Blut des Kindes. Sein eigenes Blut.
Das leuchtende Wasser. Der Segen. Und dann der Seelenschlüssel.
Erik rief das Licht. Es kam leichter diesmal, als hätte der Schlüssel gelernt, ihm zu gehorchen.
Die Dunkelheit sickerte aus Leon. Schwarz, ölig, widerwärtig. Sie wand sich, versuchte zu fliehen, aber das Licht hielt sie fest.
Lass uns, flüsterte die Dunkelheit. Er gehört uns.
„Nein“, presste Erik hervor.
Du bist schwach. Du kannst nicht drei retten. Du wirst scheitern.
„Ich werde nicht scheitern.“
Das Licht intensivierte sich. Die Dunkelheit schrie – ein hoher, gellender Ton, der physisch wehtat – und zerfiel dann zu Rauch.
Leon atmete. Normal. Menschlich.
Das erste Ritual war vollbracht.
Erik sank auf einen Stuhl, schweißgebadet, zitternd.
„Trink das.“ Yuki reichte ihm eine Flasche Wasser. „Du brauchst Flüssigkeit. Und das.“ Eine Tablette.
„Was ist das?“
„Multivitamine. Und ein leichtes Stimulans. Um dich wach zu halten.“ Yuki‘ Gesicht war besorgt. „Erik, bist du sicher, dass du weitermachen kannst?“
„Ich muss.“ Erik trank, schluckte die Tablette. „Wie viel Zeit ist vergangen?“
„Zwanzig Minuten.“
Zwanzig Minuten. Das bedeutete, Helena war seit fast einer halben Stunde bei Katalin.
Was passiert dort?
„Nächstes Baby“, sagte Thomas. „Emma Schneider. Sechs Wochen alt. Erste Infektion vor drei Wochen.“
Emma war schlimmer. Die Verwandlung war weiter fortgeschritten. Die Wunden tiefer, die Haut blasser.
Das Ritual begann. Blut, Segen, Schlüssel.
Aber diesmal wehrte sich die Dunkelheit stärker.
Sie strömte aus Emma nicht als Sickern, sondern als Flut. Schwarz und massiv, füllte den Raum mit Kälte.
Erik hielt den Schlüssel höher, rief mehr Licht.
Aber es war nicht genug.
Die Dunkelheit begann, ihn zu umringen, zu umschließen.
Du bist erschöpft, flüsterte sie. Deine Kraft schwindet. Lass los. Ruhe dich aus.
„Nein!“
Du kannst nicht alle retten. Wähle. Dieses Kind oder die nächste. Aber nicht beide.
„Ich werde beide retten!“
Erik drückte mit aller Kraft. Das Licht aus dem Schlüssel explodierte, heller als je zuvor.
Zu hell.
Erik schrie. Der Schmerz war unerträglich, als würde der Schlüssel ihn von innen verbrennen.
Aber die Dunkelheit zerbrach. Zersplitterte zu tausend Stücken und löste sich auf.
Emma atmete.
Erik fiel zu Boden.
„Erik!“ Yuki und Thomas stürzten zu ihm.
„Ich… ich bin okay.“ Erik keuchte. „Nur… nur müde.“
„Zu müde.“ Thomas fühlte seinen Puls. „Dein Herz rast. Du musst aufhören.“
„Ein Baby noch. Nur noch eins.“ Erik versuchte aufzustehen, fiel zurück. „Ich kann es schaffen.“
„Du wirst sterben.“
„Dann sterbe ich.“ Erik sah Thomas in die Augen. „Aber ich werde nicht aufgeben. Nicht jetzt.“
Thomas schwieg lange. Dann nickte er. „Deine Wahl. Aber wenn es zu viel wird, wenn du fühlst, dass der Schlüssel dich übernimmt – hör auf. Sofort.“
„Versprochen.“
Das dritte Baby. Das Wagner-Baby – sie hatten ihm noch keinen Namen gegeben.
Das jüngste. Nur drei Wochen alt. Aber die Verwandlung war am weitesten fortgeschritten.
„Warum?“ fragte Erik, während Thomas das Ritual vorbereitete. „Warum ist dieses Baby am schlimmsten?“
„Weil es als erstes gebissen wurde“, antwortete Thomas. „Vor fast vier Wochen. Es hatte die meiste Zeit, die Dunkelheit in sich aufzunehmen.“
„Können wir es retten?“
„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen es versuchen.“
Das Ritual begann.
Und sofort wusste Erik: Das war anders.
Die Dunkelheit in diesem Baby war nicht nur stärker. Sie war intelligenter. Bewusster.
Als das geweihte Wasser über die Stirn des Babys floss, öffneten sich seine Augen.
Rot. Glühend rot.
Und es lächelte.
„Das ist nicht gut“, murmelte Yuki.
Erik hob den Schlüssel. Rief das Licht.
Aber die Dunkelheit kam nicht heraus.
Stattdessen zog sie sich zurück. Tiefer in das Baby hinein. Versteckte sich.
„Sie flieht“, sagte Thomas. „Sie weiß, dass sie besiegt werden kann, also versteckt sie sich.“
„Was tun wir?“
„Du musst hinein.“ Thomas‘ Augen waren ernst. „In das Kind. Mit dem Schlüssel. Folge der Dunkelheit, wo sie sich versteckt.“
„Hinein? Wie?“
„Der Schlüssel öffnet Türen. Nicht nur physische. Auch spirituelle.“ Thomas legte seine Hand auf Eriks Schulter. „Aber sei gewarnt: Wenn du hineingehst, könntest du dich verlieren. Die Dunkelheit wird versuchen, dich zu fangen, dich zu einem Teil von sich zu machen.“
„Und wenn ich nicht gehe?“
„Dann stirbt das Baby. Langsam. Über Tage. Wird zu etwas, das weder menschlich noch vampirisch ist. Ein Abomination.“
Erik sah auf das Baby. So klein. So hilflos.
„Zeig mir, wie.“
Thomas führte ihn durch die Schritte. Erik musste den Schlüssel gegen die Stirn des Babys halten. Seine Augen schließen. Atmen. Sich mit dem Pulsieren des Schlüssels synchronisieren.
Und dann… loslassen.
Erik tat es.
Die Welt verschwamm.
Er war nicht mehr im Raum.
Er war… irgendwo anders.
Dunkel. So dunkel, dass er seine eigene Hand nicht sehen konnte.
Aber der Schlüssel glühte. Ein kleiner Lichtpunkt in der endlosen Schwärze.
„Hallo?“ Eriks Stimme hallte, seltsam verzerrt.
Keine Antwort.
Er ging vorwärts. Oder dachte er, dass er vorwärts ging. Hier gab es keine Richtung.
Dann, aus der Dunkelheit: eine Gestalt.
Klein. Kind-groß.
Nein. Baby-groß.
Es war das Wagner-Baby. Aber… anders. Es stand aufrecht, unmöglich für ein drei Wochen altes Kind. Seine Augen glühten rot, aber intelligenter als sie sollten.
„Du bist gekommen“, sagte das Baby. Die Stimme war nicht die eines Babys. Sie war alt. Uralte. „Wie mutig. Wie dumm.“
„Wer bist du?“ fragte Erik.
„Ich bin die Dunkelheit. Ich bin das, was bleibt, wenn das Licht erlischt.“ Das Baby lächelte, zeigte winzige scharfe Zähne. „Ich bin das Ende.“
„Du bist ein Parasit. Und ich werde dich entfernen.“
„Wirst du?“ Das Baby lachte. „Schau dich um, Träger. Du bist in meiner Welt. Hier habe ich die Macht.“
Die Dunkelheit begann sich zu bewegen. Zu wachsen. Sie erhob sich um Erik, formte Wände, dann eine Decke. Ein Käfig aus Schatten.
„Du bist gefangen“, sagte das Baby. „Genau wie alle vor dir, die versuchten, mich zu bekämpfen.“
„Alle?“ Erik‘ Herz sank. „Du meinst, andere Träger des Schlüssels?“
„Oh ja. So viele. Über die Jahrhunderte.“ Die Dunkelheit flackerte, zeigte Bilder. Gesichter. Menschen, die den Schlüssel trugen, die in die Dunkelheit eintraten und nie wiederkehrten. „Du wirst der nächste sein. Deine Seele wird sich der Sammlung anschließen.“
„Nein.“ Erik hob den Schlüssel. Das Licht pulsierte. „Ich bin nicht wie sie.“
„Wirklich? Was macht dich so besonders?“
„Ich…“ Erik zögerte. Was machte ihn besonders? Er war kein Held. Kein großer Krieger. Nur ein Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.
Oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
„Ich habe Menschen, die auf mich zählen“, sagte Erik schließlich. „Helena. Marcus. Thomas. Yuki. Die Familien dieser Kinder.“ Er trat näher zum Baby. „Und dieses Baby hat Eltern, die es lieben. Die wollen, dass es lebt. Normal lebt.“
„Liebe.“ Die Dunkelheit lachte. „Was ist Liebe gegen Ewigkeit?“
„Alles.“ Erik‘ Stimme wurde fester. „Liebe ist der Grund, warum wir kämpfen. Warum wir nicht aufgeben. Warum ich nicht aufgebe.“
Er drückte den Schlüssel gegen das Baby.
Das Licht explodierte.
Die Dunkelheit schrie, versuchte zurückzuweichen, aber es gab nirgendwo hin zu gehen.
Erik fühlte den Schlüssel in seiner Hand heiß werden. Zu heiß. Fast unerträglich.
Aber er ließ nicht los.
„Für das Baby“, flüsterte er. „Für alle von ihnen.“
Das Licht wurde blendend. Die Dunkelheit begann zu zerbrechen, zu zersplittern.
„Du… du kannst mich nicht zerstören“, stammelte die Dunkelheit. „Ich bin ewig! Ich bin—“
„Du bist nichts.“ Erik drückte härter. „Und jetzt verschwindest du.“
Ein letzter Schrei. Dann Stille.
Die Dunkelheit war weg.
Erik öffnete die Augen.
Er war zurück im Raum. Am Boden liegend. Der Schlüssel noch in seiner Hand, jetzt kalt.
Thomas und Yuki beugten sich über ihn.
„Erik? Kannst du mich hören?“
„Ich… ja.“ Erik setzte sich auf, jede Bewegung schmerzhaft. „Das Baby?“
Thomas deutete zur Krippe.
Das Wagner-Baby lag dort, friedlich schlafend. Die Wunden an seinem Hals waren verschwunden. Seine Haut hatte Farbe. Seine kleine Brust hob und senkte sich im Rhythmus normalen Atmens.
„Du hast es geschafft“, flüsterte Yuki. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Alle drei. Du hast sie alle gerettet.“
Erik lächelte schwach. Dann wurde alles schwarz.
Als er wieder aufwachte, war er in einem der Ruheräume.
Wie lange er bewusstlos gewesen war, wusste er nicht.
Die Tür öffnete sich. Marcus kam herein.
„Du bist wach. Gut.“ Marcus setzte sich auf einen Stuhl. „Du warst vier Stunden weg. Wir dachten schon, du hättest dich selbst getötet.“
„Die Babys?“
„Alle stabil. Geheilt. Ihre Familien sind bei ihnen.“ Marcus lächelte schwach. „Du bist ein verdammter Held, Rookie.“
„Ich fühle mich nicht wie ein Held.“ Erik versuchte aufzusitzen, winkte ab. „Helena? Ist sie zurück?“
Marcus‘ Lächeln verschwand. „Nein.“
„Wie lange ist es her?“
„Seit sie mit Katalin ging? Fünf Stunden.“
„Aber das Abkommen war eine Stunde!“
„Ich weiß.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Wir haben versucht, sie zu tracken, aber der Sender ist tot. Entweder gefunden und zerstört, oder…“ Er ließ den Satz unbeendet.
„Wir müssen sie finden!“
„Und wo suchen?“ Marcus‘ Frustration war deutlich. „München ist riesig. Die Katakomben sind ein Labyrinth. Wir haben keine Ahnung, wo Katalin sie hingebracht hat.“
„Dann fragen wir jemanden, der es weiß.“ Erik stand auf, ignorierte den Schwindel. „Dimitri. Er war dabei.“
„Dimitri wird nicht mit uns reden.“
„Vielleicht doch. Wenn wir das Richtige anbieten.“ Erik griff nach dem Seelenschlüssel, der auf einem Nachttisch lag. „Er will das hier. Sie alle wollen es.“
„Du willst dich wieder als Köder anbieten? Nach dem, was gerade passiert ist?“
„Hast du eine bessere Idee?“
Marcus schwieg.
„Genau.“ Erik ging zur Tür. „Ruf das Team zusammen. Wir holen Helena zurück.“
„Und wenn sie nicht zurückwill?“ Die Frage hing in der Luft, zu groß, zu beängstigend.
„Dann überzeugen wir sie“, sagte Erik einfach. „So wie sie uns überzeugt hat.“
Er verließ das Zimmer, den Schlüssel fest umklammert.
Helena hatte ihn gerettet. Hatte ihm eine Chance gegeben.
Jetzt war es Zeit, dass er das Gleiche für sie tat.
KAPITEL 13
Die Falle
Der Konferenzraum war angespannt, als Erik eintrat.
Thomas saß am Tisch, einen frischen Verband um den Kopf. Yuki tippte fieberhaft auf ihrem Laptop. Marcus lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, sein Gesicht eine Maske aus Sorge und Wut.
„Vier Stunden ohne Lebenszeichen“, sagte Yuki, ohne aufzusehen. „Ihr Tracker ist definitiv tot. Handy ausgeschaltet. Keine Aktivität auf ihren Kreditkarten oder Konten.“
„Sie ist entweder gefangen oder versteckt sich“, sagte Thomas leise. „Oder…“
„Sag es nicht“, unterbrach Marcus scharf. „Sag nicht, dass sie sich ihnen angeschlossen hat.“
„Ich sage nur, es ist eine Möglichkeit. Katalin ist ihre Mutter. Dimitri ihr Bruder.“ Thomas‘ Stimme war sanft, aber fest. „Familienbande sind stark. Selbst bei den Stärksten unter uns.“
„Helena würde uns niemals verraten.“ Marcus‘ Hände ballten sich zu Fäusten. „Sie hat ihr ganzes Leben damit verbracht, gegen diese Monster zu kämpfen.“
„Aber sie hat auch ihr ganzes Leben damit verbracht, sich nach einer Familie zu sehnen“, konterte Thomas. „Nach Verbindung. Zugehörigkeit. Katalin bietet ihr genau das.“
„Durch Lügen und Manipulation!“
„Vielleicht. Aber wirksame Lügen.“ Thomas sah zu Erik. „Du warst bei ihr, als sie Katalin konfrontierte. Wie war sie? Was hast du gesehen?“
Erik dachte zurück an den Moment in der Galerie. Helenas zitternde Hand. Die Tränen in ihren Augen. Die Sehnsucht, vermischt mit Hass.
„Sie war zerrissen“, sagte er schließlich. „Aber am Ende schoss sie. Sie wählte uns.“
„Am Ende, ja. Aber nach fünf Stunden mit Katalin? Allein?“ Thomas schüttelte den Kopf. „Menschen verändern sich, Erik. Besonders unter emotionalem Druck.“
„Dann finden wir sie, bevor es zu spät ist.“ Erik legte den Seelenschlüssel auf den Tisch. „Marcus hatte Recht – wir nutzen das als Köder. Dimitri will es. Wir locken ihn heraus, zwingen ihn, uns zu sagen, wo Helena ist.“
„Und wenn er uns anlügt?“ fragte Yuki.
„Dann folgen wir ihm. Tracken ihn. Er wird früher oder später zu Katalin zurückkehren.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir haben keine andere Wahl.“
„Eigentlich“, kam eine neue Stimme von der Tür, „haben Sie vielleicht doch eine.“
Alle drehten sich um.
Anna Berger stand dort, Lukas im Arm. Hinter ihr: Frau Hartmann mit Sophie und Frau Özkan mit Ayşe.
„Was macht ihr hier?“ fragte Marcus. „Ihr solltet in euren Zimmern bleiben.“
„Wir konnten nicht.“ Anna trat ein. „Wir haben gehört, was passiert ist. Dr. Konstantin ist weg. Wegen uns. Wegen unseren Kindern.“
„Das ist nicht eure Schuld.“
„Aber wir können helfen.“ Anna kam zum Tisch. „Bevor Sie uns fanden, bevor Sie die Rituale durchführten… die Vampire, die unsere Babys gebissen haben. Sie sprachen manchmal. Untereinander. Sie dachten, wir würden nicht zuhören oder verstehen.“
„Was haben sie gesagt?“ Eriks Interesse war geweckt.
„Orte. Namen.“ Anna sah zu den anderen Müttern. „Frau Hartmann, Sie erzählen.“
Die ältere Frau trat vor. „Der Vampir, der in mein Haus kam – die Frau, Valentina. Sie telefonierte einmal, als sie dachte, ich wäre bewusstlos. Sie sagte etwas über ‚die Versammlung unter der alten Kirche‘. Ich nahm an, sie meinte eine Kirche hier in München.“
„Welche Kirche?“ fragte Yuki und tippte bereits.
„Sie nannte keinen Namen. Aber sie sagte, es wäre in der Altstadt. Und es wäre tief. Sehr tief.“
„Die Katakomben unter der Peterskirche“, sagte Thomas sofort. „Das passt. Die Peterskirche ist die älteste Kirche Münchens. Aus dem 11. Jahrhundert. Und die Katakomben darunter sind ein Labyrinth.“
„Ich war da mal auf einer Tour“, sagte Yuki. „Aber die öffentlichen Teile sind klein. Vielleicht fünfzig Meter Tunnel.“
„Die öffentlichen Teile, ja. Aber es gibt mehr.“ Thomas stand auf, ging zur Karte von München. „Die Altstadt steht auf einem Netzwerk mittelalterlicher Tunnel. Manche sind kartiert, die meisten nicht. Unter der Peterskirche gibt es Gerüchte über einen alten Tempel. Vorrömisch. Ein Ort der Macht.“
„Ein perfekter Ort für Vampire, um sich zu verstecken“, murmelte Marcus.
„Oder um ein Ritual vorzubereiten“, fügte Erik hinzu. „Yuki, ist die Peterskirche auf einer der Ley-Linien?“
Yuki überprüfte ihre Karten. „Ja. Tatsächlich ist sie genau dort, wo zwei Linien sich kreuzen. Ein Knotenpunkt.“
„Dann ist das unser Ziel.“ Erik fühlte eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit. „Wir gehen hinein. Finden Helena. Holen sie zurück.“
„Das ist Selbstmord“, sagte Marcus flach. „Wenn Katalin dort ist, wenn der ganze Rat dort ist – wir sind zu viert gegen dutzende Vampire.“
„Zu fünft“, korrigierte eine schwache Stimme.
Alle drehten sich zur Tür.
Frau Wagner stand dort. Die Frau des Polizisten, Mutter des dritten geretteten Babys. Sie sah erschöpft aus, aber ihre Augen waren fest.
„Mein Mann“, sagte sie leise. „Er liegt im Koma wegen dieser Monster. Mein Sohn wäre jetzt tot ohne Sie. Wenn es eine Chance gibt zu kämpfen, zu helfen…“ Sie trat ein. „Ich bin dabei.“
„Sie sind keine Kämpferin“, sagte Marcus sanft.
„Nein. Aber ich bin Krankenschwester. Ich kenne Anatomie, Erste Hilfe, wie man Menschen am Leben hält.“ Frau Wagner‘ Stimme wurde fester. „Sie brauchen medizinische Unterstützung. Ich biete sie an.“
Erik sah zu den anderen Müttern. „Und ihr? Wollt ihr auch helfen?“
Anna nickte. „Wir schulden Dr. Konstantin unser Leben. Unsere Kinder‘ Leben. Das können wir nicht ignorieren.“
„Das ist zu gefährlich“, begann Thomas.
„Alles, was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war gefährlich“, unterbrach Anna. „Wir bleiben sowieso nicht hier und warten. Besser, wir tun etwas Nützliches.“
Marcus sah zu Erik, dann zu Thomas. Eine stumme Diskussion. Schließlich seufzte er.
„In Ordnung. Aber ihr bleibt im Backup. Keine direkte Konfrontation. Nur Unterstützung.“ Er ging zu einem Schrank, öffnete ihn. Darin: Funkgeräte, Erste-Hilfe-Ausrüstung, UV-Taschenlampen. „Wir rüsten euch aus. Und ihr folgt unseren Befehlen. Verstanden?“
Die Frauen nickten.
„Gut.“ Marcus begann, Ausrüstung zu verteilen. „Dann bereiten wir uns vor. Wir brechen in einer Stunde auf.“
Die Vorbereitungen verliefen in angespannter Stille.
Erik übte wieder mit dem Seelenschlüssel, versuchte seine Erschöpfung zu ignorieren. Sein Körper schmerzte noch von den drei Ritualen, aber es gab keine Zeit zum Ausruhen.
„Du solltest nicht gehen“, sagte Yuki leise. Sie war zu ihm in den Trainingsraum gekommen. „Dein Körper braucht Erholung. Wenn du den Schlüssel wieder benutzt, so bald nach den Ritualen…“
„Ich weiß. Ich riskiere, meine Seele zu verlieren.“ Erik ließ das Licht des Schlüssels aufflackern, kontrolliert, dann verlöschen. „Aber ich kann Helena nicht im Stich lassen.“
„Helena würde wollen, dass du sicher bist.“
„Helena würde das Gleiche für mich tun. Für jeden von uns.“ Erik sah Yuki an. „Du bleibst hier, koordinierst von der Zentrale?“
„Ja. Jemand muss die Überwachung übernehmen, die Kameras überwachen.“ Yuki zögerte. „Erik, wenn du… wenn du nicht zurückkommst. Was soll ich mit dem Schlüssel tun?“
„Zerstöre ihn.“
„Was?“
„Wenn ich nicht zurückkomme, wenn Katalin mich und den Schlüssel bekommt – zerstöre ihn. Wie auch immer nötig. Schmelze ihn, wirf ihn ins Meer, was auch immer.“ Erik‘ Stimme war fest. „Der Rat darf ihn nicht haben.“
„Ich weiß nicht, wie man einen mystischen Schlüssel zerstört.“
„Dann improvisiere.“ Erik versuchte zu lächeln. „Du bist gut darin.“
Yuki lächelte nicht zurück. „Versprich mir, dass du zurückkommst.“
„Ich verspreche, es zu versuchen.“
Um 23:00 Uhr versammelten sie sich in der Garage.
Zwei Teams. Das erste: Marcus, Thomas und Erik, die direkt in die Katakomben gehen würden. Das zweite: die drei Mütter und Frau Wagner, die als Backup und medizinische Unterstützung dienen würden.
„Funkkanal drei für das erste Team, Kanal vier für das Backup“, erklärte Yuki und verteilte die Geräte. „Ich bin auf beiden Kanälen. Wenn etwas schiefgeht, ruft sofort.“
„Waffen?“ Marcus überprüfte seine Pistole, lud sie mit Silberkugeln.
„Für das erste Team: Pistolen, Messer, UV-Lampen, geweihtes Wasser, Bannkreise-Kreiden.“ Thomas packte seine Ausrüstung in einen Rucksack. „Für das Backup: Taser, UV-Taschenlampen, Erste-Hilfe-Koffer.“
„Und der Schlüssel.“ Erik befestigte ihn an einer Kette um seinen Hals, steckte ihn unter sein Shirt. „Immer bei mir.“
Sie fuhren in zwei Autos. Die Altstadt war überraschend belebt für einen späten Novemberabend – Touristen, Einheimische, die Reste des Abendlebens. Die Peterskirche ragte über dem Marienplatz auf, ihre gotische Silhouette dunkel gegen den bewölkten Himmel.
„Der öffentliche Eingang zu den Katakomben ist geschlossen“, sagte Marcus und parkte in einer Seitengasse. „Aber ich kenne einen anderen Weg.“
Er führte sie zu einem unscheinbaren Gebäude neben der Kirche. Eine alte Bäckerei, seit Jahren geschlossen. Marcus holte einen Dietrich heraus, öffnete die Hintertür.
„Wann hast du das gelernt?“ fragte Erik.
„Polizeiakademie. Bevor ich zur Nachtwache kam.“ Marcus grinste kurz. „Man lernt nützliche Dinge.“
Sie gingen hinein. Das Innere der Bäckerei war staubig, verlassen. Aber Marcus ging zielsicher zu einer Falltür im Boden, halb verdeckt von alten Regalen.
„Hier.“ Er öffnete sie. Darunter: eine Steintreppe, die nach unten führte. „Dieser Tunnel wurde im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker genutzt. Er verbindet mehrere Gebäude in der Altstadt – einschließlich der Katakomben unter der Kirche.“
„Woher weißt du das?“ fragte Thomas.
„Helena hat es mir gezeigt. Vor Jahren, als wir zum ersten Mal die Katakomben erkundeten.“ Marcus‘ Stimme wurde leiser. „Sie kannte jeden versteckten Weg in dieser Stadt.“
Sie stiegen hinab. Die Luft wurde kälter, feuchter. Die Steintreppe war steil, ausgetreten von jahrhundertelangem Gebrauch.
Am Fuß der Treppe: ein Tunnel. Niedrig, eng, ausgeleuchtet nur von ihren Taschenlampen.
„Das Backup-Team bleibt hier“, befahl Marcus. „Wenn wir in zehn Minuten nicht zurück sind, ruft Verstärkung.“
„Was für Verstärkung?“ fragte Anna. „Die Polizei? Die würden uns nicht glauben.“
„Dann improvisiert.“ Marcus reichte ihr ein Funkgerät. „Yuki wird euch sagen, was zu tun ist.“
Sie gingen weiter, ließen die Mütter zurück. Der Tunnel erstreckte sich hundert Meter, dann verzweigte er sich.
„Links“, sagte Thomas. „Ich spüre etwas. Eine Präsenz.“
„Vampire?“
„Vielleicht. Oder etwas Älteres.“ Thomas‘ Hand ging zu seinem Kruzifix. „Seid wachsam.“
Sie nahmen den linken Tunnel. Er führte abwärts, tiefer, die Wände wurden rauer, weniger bearbeitet. Keine moderne Bauweise mehr. Das hier war alt. Sehr alt.
Nach weiteren fünfzig Metern öffnete sich der Tunnel zu einer Kammer.
Und dort, an den Wänden: Symbole. Graviert in den Stein. Nicht christlich. Nicht römisch. Etwas viel Älteres.
„Keltisch“, flüsterte Thomas ehrfürchtig. „Das hier ist ein vorrömischer Tempel. Ich habe darüber gelesen, aber dachte, er wäre eine Legende.“
„Legenden sind oft wahr“, murmelte Marcus. „Besonders in unserer Welt.“
In der Mitte der Kammer: ein Altar. Aus massivem Stein, mit getrockneten Blutflecken.
Und dahinter: eine Tür. Geschlossen, aus Holz und Eisen, mit Symbolen, die im schwachen Licht ihrer Lampen glühten.
„Das ist es“, sagte Erik. „Dahinter. Sie sind dahinter.“
„Wie kannst du das wissen?“ fragte Marcus.
Erik berührte den Schlüssel unter seinem Shirt. Er pulsierte, heiß, dringend. „Der Schlüssel weiß es. Er fühlt… etwas. Eine Resonanz.“
Thomas trat zur Tür, untersuchte die Symbole. „Das ist eine Barriere. Magisch versiegelt. Nur jemand mit der richtigen Erlaubnis kann sie öffnen.“
„Oder jemand mit dem Seelenschlüssel“, sagte Erik. Er zog das Artefakt hervor.
Es glühte hell auf, als er sich der Tür näherte.
„Erik, warte—“ begann Marcus.
Aber Erik drückte den Schlüssel gegen die Tür.
Licht explodierte. Die Symbole auf der Tür leuchteten auf, hell und intensiv. Dann, mit einem tiefen Knacken, schwang die Tür auf.
Dahinter: Dunkelheit. Absolute Dunkelheit, die ihre Taschenlampen zu schlucken schien.
Und aus dieser Dunkelheit: eine Stimme.
„Willkommen, Träger. Wir haben auf dich gewartet.“
Es war Katalins Stimme.
Erik‘ Herz hämmerte. Aber er trat vorwärts, durch die Tür.
Marcus und Thomas folgten.
Die Dunkelheit verschlang sie.
Als ihre Augen sich anpassten, sahen sie, wo sie waren.
Eine riesige Kammer. Größer als alles, was Erik erwartet hatte. Die Decke war hoch, verloren im Schatten. Die Wände waren bedeckt mit mehr Symbolen, mehr Gravuren, manche leuchteten schwach mit eigenem Licht.
Und in der Mitte: ein Kreis. Gezogen mit etwas, das nicht Kreide war. Blut, realisierte Erik mit wachsendem Entsetzen.
Im Kreis: drei Krippen. Und darin…
„Die Babys“, flüsterte Thomas entsetzt.
Die Wagner-, Müller- und Schneider-Babys. Die drei, die vom Rat entführt worden waren.
Aber sie sahen anders aus. Ihre Haut war grau, ihre Augen, als sie sich öffneten, leuchteten rot. Sie waren nicht mehr halb verwandelt.
Sie waren vollständig verwandelt.
„Nein“, keuchte Erik. „Wir haben sie gerettet. Wir haben die Rituale durchgeführt!“
„Ihr habt die falschen Babys gerettet“, sagte Katalin.
Sie trat aus den Schatten, elegant in ein blutrotes Kleid gekleidet. Ihre Augen leuchteten.
„Was?“ Marcus hob seine Pistole.
„Die Babys, die ich euch gab – das waren Köder. Andere Kinder, ähnlich alt, ähnlich aussehend. Aus Waisenhäusern, niemand würde sie vermissen.“ Katalins Lächeln war kalt. „Ihr habt so verzweifelt retten wollen, dass ihr nicht überprüft habt. Keine DNA-Tests, keine Verifizierung. Nur Hoffnung.“
„Du Miststück“, zischte Marcus und zielte.
„Schieß nicht.“ Eine neue Stimme. Vertraut. Schmerzhaft vertraut.
Helena trat neben Katalin.
Aber es war nicht die Helena, die Erik kannte.
Sie trug ein schwarzes Kleid, ähnlich wie Katalins. Ihr Haar war offen, fiel in dunklen Wellen über ihre Schultern. Und ihre Augen…
Ihre Augen leuchteten rot.
„Helena?“ Eriks Stimme brach. „Was haben sie dir angetan?“
„Sie haben mir nichts angetan.“ Helenas Stimme war ruhig, fast friedlich. „Sie haben mir die Wahrheit gezeigt. Mein wahres Erbe. Meine wahre Familie.“
„Nein. Das ist nicht wahr. Sie haben dich manipuliert—“
„Sie haben mich befreit.“ Helena trat näher, kam an den Rand des Blutkreises. „Jahrelang habe ich gegen meine Natur gekämpft. Gegen das, was ich bin. Aber Mutter hat mir geholfen zu verstehen.“
„Sie ist nicht deine Mutter!“ schrie Marcus. „Sie ist ein Monster!“
„Sie ist beides.“ Helena lächelte, und es war das Lächeln eines Raubtiers. „Und jetzt bin ich es auch.“
Erik fühlte, wie seine Welt zusammenbrach. „Du bist nicht verwandelt. Ich sehe keine Bisswunden.“
„Weil ich freiwillig trank.“ Helena hob ihre Hand, zeigte ihr Handgelenk. Dort, kaum sichtbar: eine kleine Narbe. „Aus dem Kelch der Ewigkeit. Das Blut der Ältesten, vermischt mit meinem eigenen. Kein Biss nötig.“
„Das ist nicht möglich“, stammelte Thomas. „Die Verwandlung dauert Tage. Wochen.“
„Für normale Menschen, ja. Aber ich bin nicht normal.“ Helenas Augen trafen Eriks. „Ich bin Katalins Tochter. Ihr Blut war bereits in mir. Es brauchte nur… Aktivierung.“
„Helena, bitte.“ Erik trat näher, ignorierte die Warnung in Marcus‘ Augen. „Das bist nicht du. Kämpfe dagegen. Ich weiß, dass du noch da drin bist.“
„Ich bin hier. Klarer als je zuvor.“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Erik, ich bin nicht dein Feind. Ich bin immer noch ich. Nur… besser. Stärker. Ohne die Zweifel, ohne die Angst.“
„Ohne die Menschlichkeit.“
„Die Menschlichkeit hat mich nur schwach gemacht.“ Helena schüttelte den Kopf. „Aber jetzt verstehe ich. Mutter hatte Recht. Die Transformation ist nicht Zerstörung. Sie ist Evolution.“
„Sie ist Verdammnis!“ Thomas trat vor, hielt sein Kruzifix hoch.
Helena zuckte nicht zusammen. Das Kruzifix hatte keine Wirkung.
„Interessant“, sagte sie leise. „Ich dachte, das würde wehtun. Aber ich fühle… nichts.“
„Weil du zu neu bist“, erklärte Katalin. Sie legte ihre Hand auf Helenas Schulter, eine mütterliche Geste. „Die alten Symbole brauchen Zeit, um zu wirken. In ein paar Tagen wirst du sie spüren. Aber sie werden dich nicht zerstören. Nur… unangenehm sein.“
„Dann haben wir noch Zeit!“ Erik wandte sich an Helena. „Hör zu, wir können das rückgängig machen. Das Ritual, das wir für die Babys benutzten – wir können es für dich benutzen. Du bist erst seit Stunden verwandelt, es ist noch nicht zu spät!“
„Aber ich will es nicht rückgängig machen.“ Helenas Augen wurden hart. „Verstehst du das nicht? Ich habe gewählt. Freiwillig. Keine Manipulation, keine Zwang. Ich sah, was Mutter mir anzubieten hatte, und ich nahm es.“
„Was sie dir anbietet, ist Tod!“ Marcus‘ Stimme hallte in der Kammer. „Tod und Dunkelheit!“
„Sie bietet mir ewiges Leben. Macht. Und eine Familie.“ Helena sah zu Katalin, dann zu Dimitri, der aus den Schatten getreten war. „Meine echte Familie. Nicht die Lügen, mit denen ich aufgewachsen bin.“
„Wir waren deine Familie!“ Erik fühlte Tränen in seinen Augen. „Die Nachtwache. Thomas, Marcus, Yuki. Ich. Wir haben zusammen gekämpft, gelitten, gesiegt.“
„Und ich werde euch immer dankbar sein.“ Helenas Stimme wurde weicher. „Deshalb biete ich euch eine Chance. Schließt euch mir an. Euch allen. Trinkt aus dem Kelch. Werdet wie ich. Und gemeinsam können wir die Welt verändern.“
„Wir würden lieber sterben“, sagte Thomas flach.
„Das“, sagte Katalin, „kann arrangiert werden.“
Sie schnippte mit den Fingern.
Aus den Schatten kamen sie. Vampire. Dutzende. Umringten Erik, Marcus und Thomas.
„Aber das wäre Verschwendung“, fuhr Katalin fort. „Ihr seid fähig. Stark. Ihr könntet wertvolle Ergänzungen zum Rat sein.“
„Niemals“, spuckte Marcus.
„Schade.“ Katalin seufzte theatralisch. „Dann bleibt nur eine Option. Nehmt ihnen den Schlüssel. Tötet sie, wenn nötig.“
Die Vampire griffen an.
Marcus feuerte. Silberkugeln durchschlugen zwei Vampire, die heulend zu Boden gingen.
Thomas warf geweihtes Wasser. Es zischte auf der Haut der Vampire, verbrannte sie.
Aber es waren zu viele.
Erik hob den Seelenschlüssel, rief das Licht.
Es kam. Aber schwächer als zuvor. Sein Körper war zu erschöpft, seine Seele zu ausgezehrt.
Die Barriere, die er erschuf, hielt nur Sekunden.
Dann brach sie zusammen.
Die Vampire überfluteten sie.
Erik wurde zu Boden gerissen. Hände – kalte, unmenschlich starke Hände – rissen an ihm, versuchten, den Schlüssel zu nehmen.
„Nein!“ Erik klammerte sich daran, kämpfte mit aller Kraft.
Dann: ein Schuss.
Ein Vampir, der über Erik war, fiel zur Seite.
Erik sah auf.
Am Eingang der Kammer: die Mütter. Anna, Frau Hartmann, Frau Özkan, Frau Wagner.
Sie hatten Waffen gezogen – die Taser, die UV-Lampen. Und sie schossen.
„Backup ist da!“ schrie Anna. „Los, aufstehen!“
Die Ablenkung gab Erik Zeit. Er sprang auf, den Schlüssel fest umklammert.
Marcus und Thomas kämpften sich ebenfalls frei, blutend, aber lebendig.
„Rückzug!“ befahl Marcus. „Zur Tür!“
Sie rannten. Die Mütter deckten sie, schossen mit den UV-Lampen, die die Vampire zischen und zurückweichen ließen.
Aber dann stellte sich jemand in ihren Weg.
Helena.
„Ihr könnt nicht gehen“, sagte sie. Nicht drohend. Fast traurig. „Nicht mit dem Schlüssel.“
„Dann halt uns auf“, sagte Erik. Er hob den Schlüssel. „Wenn du kannst.“
Helena zögerte. Nur einen Moment. Aber es war genug.
Erik stürmte an ihr vorbei, durch die Tür, zurück in den Tunnel.
Die anderen folgten.
Hinter ihnen: Helenas Stimme, rufend: „Erik! Komm zurück! Bitte!“
Aber er rannte weiter.
Sie erreichten die Steintreppe, stolperten nach oben, zurück in die verlassene Bäckerei.
„Zu den Autos!“ keuchte Marcus.
Sie rannten durch die Straßen, ignorierten die verwunderten Blicke von Passanten.
Erreichten die Autos, sprangen hinein.
Marcus fuhr, zu schnell, nahm Kurven auf zwei Rädern.
Erst als sie die Zentrale erreichten, erst als sie in Sicherheit waren, erlaubte Erik sich, zu atmen.
„Wir haben versagt“, flüsterte Thomas. Blut lief von einer Wunde an seiner Stirn. „Helena ist verloren.“
„Nein.“ Erik umklammerte den Schlüssel. „Sie ist nicht verloren. Noch nicht. Sie zögerte. Hast du es gesehen? Als ich an ihr vorbeilief, zögerte sie.“
„Ein Moment Zögern rettet sie nicht“, sagte Marcus bitter.
„Aber es zeigt, dass sie noch da ist. Die echte Helena, tief drin.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir geben nicht auf. Wir finden einen Weg, sie zurückzuholen.“
„Wie?“ Marcus‘ Stimme war müde. „Sie ist verwandelt. Freiwillig verwandelt. Es gibt kein Ritual, das das rückgängig machen kann.“
„Dann erfinden wir eins.“ Erik stand auf, trotz der Schmerzen. „Oder wir finden einen anderen Weg. Aber wir geben nicht auf.“
Er verließ das Auto, ging in die Zentrale.
Yuki wartete dort, ihr Gesicht blass.
„Ich habe alles gesehen“, flüsterte sie. Tränen liefen über ihre Wangen. „Auf den Kameras. Helena… sie ist…“
„Ist immer noch zu retten“, unterbrach Erik. „Und das werden wir. Egal wie.“
Er ging in sein Zimmer, legte den Schlüssel behutsam auf den Nachttisch.
Dann fiel er aufs Bett.
Und zum ersten Mal seit Wochen weinte er.
Für Helena. Für die verlorenen Babys. Für alles, was schiefgegangen war.
Aber auch für das, was noch kommen würde.
Denn der Krieg war nicht vorbei.
Er hatte gerade erst begonnen.
KAPITEL 14
U-Bahn-Schlacht
Erik wachte auf vom Klang von Stimmen.
Laute Stimmen. Streitende Stimmen.
Er sah auf die Uhr. 4:37 Uhr morgens. Er hatte zwei Stunden geschlafen.
Er stand auf, folgte den Stimmen zum Konferenzraum.
Marcus und Thomas stritten. Yuki saß dazwischen, versuchte zu vermitteln.
„—völlig verrückt!“ Marcus schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du kannst nicht ernsthaft vorschlagen, dass wir einfach zurückgehen!“
„Ich schlage vor, dass wir Helena nicht aufgeben.“ Thomas‘ Stimme war ruhig, aber fest. „Sie hat uns nicht aufgegeben, als wir in Gefahr waren. Warum sollten wir sie aufgeben?“
„Weil sie jetzt einer von ihnen ist!“ Marcus‘ Gesicht war rot. „Sie ist ein Vampir, Thomas! Sie trinkt Blut, sie dient Katalin, sie ist—“
„Ist immer noch Helena.“ Thomas stand auf. „Ich habe es in ihren Augen gesehen. Unter der Dunkelheit, unter der Verwandlung – sie ist noch da.“
„Das ist Wunschdenken.“
„Ist es das?“ Thomas wandte sich zu Erik, der gerade eingetreten war. „Erik, du warst näher an ihr als wir alle. Sag es ihm. Sag ihm, dass sie zögerte.“
Erik rieb sich das Gesicht. „Sie zögerte, ja. Aber ich weiß nicht, ob das genug ist.“
„Siehst du?“ Marcus deutete auf Erik. „Selbst er—“
„Aber“, fuhr Erik fort, „ich glaube, wir müssen es versuchen. Helena hat ihr Leben der Rettung anderer gewidmet. Das Mindeste, was wir tun können, ist zu versuchen, sie zu retten.“
„Wie?“ Marcus‘ Frustration war greifbar. „Es gibt kein Ritual für freiwillige Verwandlung! Sie hat getrunken aus dem Kelch, sie hat gewählt – das ist etwas völlig anderes als die Babys!“
„Dann finden wir einen Weg.“ Yuki mischte sich ein. Sie sah erschöpft aus, hatte offensichtlich die ganze Nacht durchgearbeitet. „Ich habe recherchiert. Jede Quelle, jeden Text über Vampirismus, den ich finden konnte.“
„Und?“ fragte Erik.
„Es gibt… Präzedenzfälle. Sehr seltene, aber sie existieren.“ Yuki öffnete ihren Laptop, zeigte eine Seite mit alten Texten. „Im 15. Jahrhundert, in Rumänien, gab es einen Fall. Ein Vampir, der freiwillig verwandelt wurde, kehrte zur Menschlichkeit zurück.“
„Wie?“
„Durch etwas, das sie ‚die Konfrontation‘ nannten. Der Vampir wurde gezwungen, sich seiner Menschlichkeit zu stellen. Erinnerungen, Emotionen, Verbindungen – alles, was er aufgegeben hatte.“ Yuki scrollte weiter. „Es war qualvoll. Die meisten überlebten es nicht. Aber diejenigen, die es taten…“
„Wurden wieder menschlich“, beendete Thomas den Satz. „Ich habe davon gehört. Ein orthodoxes Ritual. Sehr alt, sehr gefährlich.“
„Können wir es durchführen?“ fragte Erik.
„Theoretisch ja. Aber wir bräuchten Helenas Kooperation. Sie müsste freiwillig teilnehmen.“ Thomas sah skeptisch aus. „Und nachdem, was wir gesehen haben…“
„Sie wird nicht kooperieren“, sagte Marcus flach. „Sie hat ihre Wahl getroffen.“
„Dann überzeugen wir sie“, sagte Erik. „Wir bringen sie dazu, zu zweifeln. An Katalin, an der Verwandlung, an allem.“
„Und wie genau planst du, das zu tun?“
Erik ging zur Karte von München. Seine Augen scannten die markierten Ley-Linien, die Orte, wo der Rat aktiv war.
„Katalin plant das Ritual der ewigen Nacht. Zur Sommersonnenwende, in sieben Monaten. Aber sie bereitet jetzt schon vor.“ Er deutete auf die verschiedenen Punkte. „Sie braucht Opfer. Macht. Ressourcen.“
„Worauf willst du hinaus?“ fragte Marcus.
„Wir stören ihre Pläne. Sabotieren ihre Vorbereitungen. Jedes Mal, wenn sie versucht, einen Schritt zu machen, sind wir da und stoppen sie.“ Erik drehte sich zu den anderen. „Wenn wir sie genug nerven, genug verzögern – vielleicht realisiert Helena, dass sie auf der falschen Seite steht.“
„Das ist ein langer Weg“, sagte Yuki skeptisch.
„Hast du eine bessere Idee?“
Schweigen.
„Dann ist es entschieden.“ Erik ging zurück zum Tisch. „Yuki, was weißt du über die nächsten geplanten Aktivitäten des Rates?“
Yuki tippte auf ihrem Laptop. „Ich habe die Überwachung der Ley-Linien-Punkte intensiviert. In den letzten vierundzwanzig Stunden gab es erhöhte Aktivität an drei Orten: Frauenkirche, Englischer Garten, und…“ Sie zögerte. „Die U-Bahn-Station Sendlinger Tor.“
„Sendlinger Tor?“ Marcus runzelte die Stirn. „Das ist nicht auf der Ley-Linien-Karte.“
„Nein, aber es liegt direkt darunter. Eine alte unterirdische Quelle, die früher als Heiligtum genutzt wurde.“ Yuki vergrößerte die Karte. „Und es gibt Berichte von seltsamen Vorkommnissen dort. Menschen, die verschwinden. Blutige Spuren. Die Polizei untersucht, findet aber nichts.“
„Weil die Vampire die Spuren verwischen“, sagte Thomas. „Sendlinger Tor. Das macht Sinn. Es ist zentral, stark frequentiert, aber nachts relativ leer.“
„Was planen sie dort?“ fragte Erik.
„Keine Ahnung. Aber es muss wichtig sein, wenn sie so viel Aktivität riskieren.“ Yuki zeigte Kamera-Aufnahmen. „Schau dir das an. Gestern Nacht, 2:37 Uhr.“
Das Video zeigte die U-Bahn-Station. Leer, bis auf einen Sicherheitsmann. Dann, aus dem Tunnel: Gestalten. Vampire. Sechs, sieben, mehr. Sie trugen etwas – große Kisten, schwer.
„Was ist in den Kisten?“ fragte Erik.
„Kann ich nicht erkennen. Zu dunkel, zu weit weg von den Kameras.“ Yuki spulte vor. „Aber sie gingen tiefer in den Tunnel. Nicht zur Plattform, sondern in einen Wartungstunnel.“
„Sie bauen etwas“, realisierte Thomas. „Oder lagern etwas.“
„Für das Ritual“, fügte Erik hinzu. „Das müssen Vorbereitungen sein.“
Marcus lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Also was? Wir gehen hin, sehen uns um, zerstören, was auch immer sie dort haben?“
„Genau.“
„Das ist Selbstmord. Wenn sie uns erwarten—“
„Werden wir vorsichtig sein.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir gehen mit minimalem Team. Nur wir drei. Yuki koordiniert von hier. Die Mütter bleiben hier, in Sicherheit.“
„Die Mütter werden das nicht mögen“, murmelte Yuki.
„Die Mütter haben gestern Nacht ihr Leben riskiert. Das war genug.“ Erik‘ Stimme wurde fester. „Das hier ist unsere Aufgabe. Wir lassen keine Zivilisten mehr in Gefahr bringen.“
„Einverstanden“, sagte Marcus nach einem Moment. „Aber wir gehen vorbereitet. Maximale Bewaffnung, maximale Vorsicht.“
„Wann?“ fragte Thomas.
Erik sah auf die Uhr. „Die U-Bahn öffnet um 4:00 Uhr morgens. Aber der Verkehr ist minimal bis 6:00 Uhr. Wir haben ein Fenster von zwei Stunden.“
„Das gibt uns neunzehn Stunden Vorbereitung“, rechnete Marcus. „Gut. Wir brauchen jede Minute davon.“
Der Tag verging in fieberhaften Vorbereitungen.
Marcus inspizierte Waffen, baute improvisierte Sprengsätze – „nur für den Notfall“, betonte er. Thomas bereitete Bannkreise vor, segnete Munition, betete über Artefakten.
Erik übte wieder mit dem Schlüssel. Aber vorsichtiger diesmal. Rief das Licht nur kurz, ließ es dann verlöschen. Versuchte, seine Seele zu schonen.
„Du musst dich ausruhen“, sagte Yuki, als sie ihm Mittagessen brachte. „Dein Körper braucht Erholung.“
„Ich kann nicht schlafen.“ Erik nahm das Sandwich, aß mechanisch. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich Helena. Wie sie da stand, mit leuchtenden Augen, und uns ansah, als wären wir Fremde.“
„Sie war nicht sie selbst.“
„Aber sie war es auch.“ Erik legte das Sandwich weg, hatte plötzlich keinen Appetit mehr. „Das ist das Erschreckende. Teile von ihr waren noch da. Ihre Stimme, ihre Manierismen. Aber verdreht. Korrumpiert.“
„Deshalb müssen wir sie zurückholen.“ Yuki setzte sich neben ihn. „Erik, ich habe mit Thomas gesprochen. Über das Ritual der Konfrontation. Er glaubt, es könnte funktionieren. Aber…“
„Aber?“
„Es braucht jemanden, der Helena nah steht. Jemanden, dem sie vertraut, selbst jetzt.“ Yukis Augen trafen seine. „Jemanden wie dich.“
„Mich? Ich kenne sie kaum zwei Wochen.“
„Aber in diesen zwei Wochen hast du mehr mit ihr durchgemacht als die meisten Menschen in einem Leben. Du hast mit ihr gekämpft, geblutet, gelitten.“ Yuki lächelte schwach. „Sie vertraut dir. Das habe ich gesehen, in der Art, wie sie dich ansah.“
„Sie sah mich gestern an, als wollte sie mich töten.“
„Sie sah dich an, als hätte sie Angst, dass du sie richten würdest.“ Yuki korrigierte. „Das ist nicht dasselbe.“
Erik schwieg, dachte darüber nach.
„Wenn wir sie wirklich zurückholen wollen“, fuhr Yuki fort, „dann bist du der Schlüssel. Nicht das Artefakt. Du.“
„Kein Druck oder so“, murmelte Erik.
„Sorry.“ Yuki stand auf. „Aber es ist die Wahrheit. Deshalb ist es so wichtig, dass du heute Nacht überlebst. München braucht dich. Die Nachtwache braucht dich.“
„Helena braucht mich.“
„Genau.“ Yuki ging zur Tür, hielt dann inne. „Erik? Bring dich nicht um. Nicht für Helena, nicht für irgendjemanden. Dein Leben ist auch wertvoll.“
„Ich werde vorsichtig sein.“
„Gut.“ Sie ging.
Erik blieb zurück, starrte auf den Seelenschlüssel auf dem Tisch.
Das Artefakt glühte schwach, pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags.
„Was bist du wirklich?“ flüsterte Erik. „Warum hast du mich gewählt?“
Der Schlüssel antwortete nicht. Natürlich nicht.
Aber Erik schwor, er konnte ein Flüstern hören. Tief in seinem Geist.
Weil du bereit bist zu opfern. Wie alle vor dir.
Um 3:30 Uhr morgens brachen sie auf.
Die Stadt schlief noch, die Straßen waren leer. Nur vereinzelte Taxis und Nachtarbeiter waren unterwegs.
Sie parkten zwei Blocks von Sendlinger Tor entfernt. Gingen zu Fuß, unauffällig, Rucksäcke mit Ausrüstung über den Schultern.
Die U-Bahn-Station öffnete gerade, als sie ankamen. Ein müder Schaffner öffnete die Tore, nickte ihnen zu.
Sie kauften Tickets, stiegen hinab zur Plattform.
Die Station war fast leer. Nur ein Obdachloser auf einer Bank, schlafend unter Zeitungen. Eine Gruppe Partygänger, betrunken, lachten zu laut.
„Wartungstunnel ist dort drüben“, flüsterte Marcus und deutete zu einer Tür am Ende der Plattform. „Mit Vorhängeschloss.“
„Ich habe einen Bolzenschneider“, sagte Erik und klopfte auf seinen Rucksack.
„Natürlich hast du den.“ Marcus grinste kurz. „Lass uns warten, bis ein Zug kommt. Die Ablenkung nutzen.“
Sie warteten. Fünf Minuten. Zehn.
Dann: das Rattern eines einfahrenden Zuges.
„Jetzt!“ Marcus bewegte sich schnell zur Tür.
Erik folgte, holte den Bolzenschneider heraus. Ein Schnitt, das Schloss fiel ab.
Thomas hielt Wache, lenkte die Aufmerksamkeit des Schaffners mit einer Frage über Fahrpläne ab.
Sie huschten durch die Tür, schlossen sie hinter sich.
Dahinter: Dunkelheit. Ein enger Tunnel, nur erleuchtet von Notbeleuchtung.
Marcus schaltete seine Taschenlampe ein. „Vorsichtig. Schienen sind noch aktiv.“
Sie gingen am Rand des Tunnels, vermieden die Schienen. Der Tunnel erstreckte sich hundert Meter, dann verzweigte er sich.
„Links oder rechts?“ flüsterte Erik.
„Links. Ich rieche etwas.“ Thomas schnüffelte. „Blut. Und etwas anderes. Weihrauch vielleicht.“
Sie nahmen den linken Tunnel. Er führte abwärts, tiefer unter die Stadt.
Nach weiteren fünfzig Metern: eine Kammer.
Sie war groß, halb natürlich, halb ausgegraben. Die Wände waren feucht, bedeckt mit Moos. Und in der Mitte…
„Mein Gott“, flüsterte Marcus.
Ein Altar. Größer als der in den Katakomben unter der Peterskirche. Aus schwarzem Stein, mit Gravuren, die im Licht ihrer Lampen zu pulsieren schienen.
Und um den Altar herum: die Kisten. Die Kisten aus dem Überwachungsvideo.
Erik trat näher, öffnete eine.
Darin: Knochen. Menschliche Knochen, sauber gebleicht, mit Runen graviert.
„Opfergaben“, sagte Thomas leise. „Für das Ritual. Die Knochen verstärken die Verbindung zur Dunkelheit.“
„Wie viele?“ fragte Marcus.
Erik zählte die Kisten. „Zwölf. Jede voll mit Knochen.“
„Das sind hunderte Menschen“, flüsterte Thomas entsetzt. „Wo haben sie die her?“
„Friedhöfe. Katakomben. Massengräber.“ Marcus‘ Stimme war hart. „Katalin hat Jahrhunderte Zeit gehabt, um zu sammeln.“
„Wir müssen das zerstören“, sagte Erik. Er griff nach seinem Rucksack, holte einen der improvisierten Sprengsätze heraus, die Marcus gebaut hatte. „Alles davon.“
„Einverstanden.“ Marcus begann, die anderen Sprengsätze zu platzieren. „Thomas, kannst du sie segnen? Sicherstellen, dass nicht nur der Altar zerstört wird, sondern auch die magische Verbindung?“
„Ich kann es versuchen.“ Thomas ging von Kiste zu Kiste, murmelte Gebete, besprengte sie mit Weihwasser.
Erik platzierte den letzten Sprengsatz am Altar selbst. Seine Hände zitterten leicht. Wenn das schiefging, wenn die Explosion zu groß war, könnten sie den ganzen Tunnel zum Einsturz bringen.
„Fertig“, sagte Marcus. „Zünder auf fünf Minuten. Wir haben Zeit, rauszukommen.“
„Dann los—“
„Wie rührend.“
Alle drehten sich um.
Am Eingang der Kammer: Dimitri.
Und hinter ihm: Helena.
„Ihr dachtet wirklich, wir würden diesen Ort unbewacht lassen?“ Dimitri lächelte. „Wie naiv.“
„Dimitri, lass uns gehen“, sagte Erik. Seine Hand bewegte sich zum Seelenschlüssel. „Wir wollen keinen Kampf.“
„Aber ich will einen.“ Dimitris Augen leuchteten auf. „Ihr habt unsere Pläne gestört. Unsere Vorbereitungen sabotiert. Das verlangt nach… Konsequenzen.“
„Helena.“ Erik ignorierte Dimitri, fokussierte sich auf sie. „Du musst das nicht tun. Du kannst uns gehen lassen.“
Helena sah ihn an. Für einen Moment – nur einen Herzschlag – sah Erik etwas in ihren Augen. Zweifel? Bedauern?
Dann war es weg.
„Ihr hättet nicht kommen sollen“, sagte sie leise. „Jetzt muss ich euch aufhalten.“
„Dann tu es.“ Erik zog den Seelenschlüssel hervor. „Wenn du kannst.“
Helena zögerte wieder. Nur eine Sekunde.
Aber Dimitri nicht.
Er griff an.
Zu schnell, um zu sehen. Erik wurde zu Boden gerissen, der Schlüssel flog aus seiner Hand.
Marcus feuerte, aber Dimitri wich aus, die Kugeln trafen nur Stein.
Thomas warf Weihwasser, traf Dimitri an der Schulter. Der Vampir zischte, wich zurück.
Erik krabbelte zum Schlüssel, griff danach—
Helena war schneller.
Sie stand über ihm, den Schlüssel in ihrer Hand.
„Tut mir leid“, flüsterte sie.
Dann traten mehr Vampire aus den Schatten. Fünf, sechs, mehr.
Sie waren umzingelt.
„Die Sprengsätze!“ schrie Marcus. „Aktiviert sie jetzt!“
Thomas drückte einen Knopf auf einem Fernzünder.
Nichts passierte.
„Sie funktionieren nicht!“ Thomas drückte wieder. „Irgendetwas blockiert das Signal!“
„Magische Interferenz“, sagte Dimitri amüsiert. „Wir haben gelernt, seit eurem letzten kleinen Stunt. Technologie ist so… unzuverlässig in Gegenwart alter Magie.“
„Dann machen wir es manuell.“ Marcus zog ein Messer, stürmte zu einem der Sprengsätze.
Ein Vampir griff ihn an. Marcus wehrte sich, aber er war unterlegen.
Erik sah zu Helena. Sie hielt den Schlüssel, starrte darauf, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.
„Helena“, sagte Erik leise. „Bitte. Gib mir den Schlüssel. Lass uns gehen.“
„Ich kann nicht.“ Ihre Stimme zitterte. „Mutter… sie würde…“
„Scheiß auf deine Mutter!“ Eriks Stimme wurde lauter. „Du bist nicht ihr Werkzeug! Du bist Helena Konstantin! Anführerin der Nachtwache! Und du hast dein Leben damit verbracht, Menschen zu retten!“
„Ich habe aufgehört zu retten.“ Helenas Augen füllten sich mit etwas – Tränen? Konnten Vampire weinen? „Jetzt nehme ich.“
„Das ist eine Lüge, die Katalin dir erzählt hat.“ Erik stand auf, ignorierte die Vampire um ihn herum. „Du bist besser als das. Ich weiß, du bist es.“
Helena schüttelte den Kopf. „Du kennst mich nicht.“
„Doch, tue ich.“ Erik trat näher. So nah, dass er den Geruch von Blut an ihr riechen konnte. „Du bist die Frau, die in einen Zug nach Salzburg stieg, weil sie dachte, sie könnte nicht kämpfen. Aber ich holte dich zurück. Weißt du, warum?“
„Warum?“
„Weil ich glaubte an dich. An deine Stärke. An deine Güte.“ Erik‘ Augen trafen ihre. „Und ich glaube immer noch an dich.“
Eine Träne – tatsächlich eine Träne – lief über Helenas Wange.
„Erik…“ Ihre Hand mit dem Schlüssel zitterte.
„Genug!“ Dimitri stürmte vor, griff nach Erik.
Aber Helena bewegte sich schneller.
Sie stellte sich zwischen sie, den Schlüssel hoch erhoben.
„Nein“, sagte sie. „Lass ihn in Ruhe.“
Dimitri erstarrte. „Was tust du?“
„Ich… ich weiß es nicht.“ Helena sah auf den Schlüssel in ihrer Hand. „Aber das fühlt sich nicht richtig an. Nichts davon fühlt sich richtig an.“
„Du bist verwirrt. Das ist normal für neue Vampire. Es geht vorbei.“ Dimitris Stimme wurde sanfter, manipulativ. „Komm, Schwester. Gib mir den Schlüssel. Lass uns nach Hause gehen.“
„Nach Hause…“ Helenas Stimme war distant. „Wo ist Zuhause?“
„Bei Mutter. Bei mir. Bei der Familie.“
„Bei Katalin, meinst du.“ Helenas Augen wurden klarer. „Bei der Frau, die mich weggab. Die mich nur wollte, als ich für sie nützlich war.“
„Sie tat, was sie für richtig hielt—“
„Sie tat, was für sie praktisch war!“ Helenas Stimme wurde stärker. „Und jetzt manipuliert sie mich wieder. Benutzt mich. Wie sie alle benutzt.“
Sie wandte sich zu Erik, drückte ihm den Schlüssel in die Hand.
„Geh“, flüsterte sie. „Nimm die anderen. Lauf.“
„Nicht ohne dich.“
„Ich gehöre noch zu ihnen. Ich habe getrunken, ich bin verwandelt. Ich kann nicht—“
„Du kannst.“ Erik nahm ihre Hand. „Komm mit uns. Wir finden einen Weg.“
Helena sah zu Dimitri, dann zurück zu Erik.
„Ich… ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.“
„Du bist die stärkste Person, die ich kenne.“
Helena lächelte schwach. „Du kennst nicht viele Menschen.“
„Genug, um zu wissen, wann jemand besonders ist.“
Dimitri schrie wütend. „Wenn du mit ihnen gehst, bist du Verräter! Mutter wird dich jagen, dich töten!“
„Dann soll sie es versuchen.“ Helena drehte sich zu ihm. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, jemand anderem zu gefallen. Mutter, der Nachtwache, der Gesellschaft. Aber jetzt…“ Sie atmete tief durch. „Jetzt tue ich, was ich für richtig halte.“
Sie wandte sich zu den anderen Vampiren. „Lasst sie gehen. Alle.“
Die Vampire zögerten, sahen zu Dimitri.
„Ihr gehorcht mir“, zischte Dimitri. „Nicht ihr!“
„Dann kämpfen wir.“ Helenas Augen leuchteten auf, intensiv rot. „Und ich verspreche euch – ich bin stärker als ihr alle zusammen.“
Es war kein leeres Prahlen. Erik spürte die Macht, die von ihr ausging. Katalins Blut hatte sie unglaublich stark gemacht.
Die Vampire wichen zurück.
„Das werdet ihr bereuen“, sagte Dimitri kalt. „Alle von euch.“
Dann verschwand er. Einfach so, in die Schatten.
Die anderen Vampire folgten.
Helena sank zu Boden, plötzlich schwach.
„Helena!“ Erik fing sie auf.
„Die Sprengsätze“, keuchte sie. „Ihr müsst sie… manuell zünden…“
„In drei Minuten“, sagte Marcus und kam herbeigerannt. „Wir müssen raus. Jetzt!“
Sie stützten Helena, rannten zurück durch den Tunnel.
Hinter ihnen: Thomas, der die Zünder manuell aktivierte.
Sie erreichten die Haupttunnel. Die Plattform. Stolperten die Treppen hoch.
Erreichten die Straße gerade, als die Explosion kam.
Ein tiefes Grollen. Der Boden zitterte. Irgendwo in der Tiefe, unter der Stadt, brach etwas zusammen.
Sie stolperten weiter, weg von der Station, bis sie sicher waren.
Dann, erst dann, erlaubten sie sich zu atmen.
Helena lag auf dem Boden, keuchte. Ihre Haut rauchte leicht – die Morgensonne begann aufzugehen.
„Wir müssen sie nach drin bringen“, sagte Thomas. „Das Sonnenlicht wird sie töten.“
Sie trugen Helena zum Auto, fuhren zurück zur Zentrale.
Im schwachen Licht des Morgens sah Erik ihr Gesicht. Gequält. Zerrissen. Aber auch… erleichtert.
„Danke“, flüsterte sie. „Danke, dass du nicht aufgegeben hast.“
„Niemals“, sagte Erik einfach.
Sie erreichten die Zentrale. Yuki wartete bereits, blass und besorgt.
„Helena!“ Sie rannte zu ihr, half, sie hineinzutragen.
„Ich bin… anders jetzt“, warnte Helena. „Ich bin ein Vampir. Ich brauche…“
„Wir werden uns darum kümmern“, sagte Yuki fest. „Zusammen. Wie eine Familie.“
Sie brachten Helena in einen abgedunkelten Raum, legten sie aufs Bett.
„Ruhe dich aus“, sagte Thomas. „Wir reden später.“
Helena nickte schwach, ihre Augen fielen zu.
Sie verließen das Zimmer, schlossen die Tür leise.
Im Konferenzraum brachen alle gleichzeitig zusammen.
„Das war zu knapp“, sagte Marcus nach einer langen Pause.
„Aber wir haben sie zurück“, sagte Yuki. Tränen der Erleichterung liefen über ihr Gesicht. „Helena ist zurück.“
„Nicht ganz“, sagte Thomas leise. „Sie ist immer noch verwandelt. Immer noch ein Vampir. Der Kampf ist noch nicht vorbei.“
„Aber wir haben eine Chance“, sagte Erik. „Das ist mehr, als wir vor zwölf Stunden hatten.“
Er lehnte sich zurück, fühlte die Erschöpfung in jedem Muskel.
Sie hatten Helena zurück. Aber zu welchem Preis?
Und was würde Katalin jetzt tun?
Der Krieg war in eine neue Phase eingetreten.
Und Erik hatte das Gefühl, dass das Schlimmste noch bevorstand.
KAPITEL 18
Die Nachwirkungen
Die Sonne ging auf über München.
Erik stand auf dem Dach der Zentrale, beobachtete die Stadt, die zum Leben erwachte. Autos füllten die Straßen, Menschen eilten zur Arbeit, alles schien normal.
Sie wussten nicht, wie nahe sie der Vernichtung gekommen waren. Wie eine Frau ihr Leben gegeben hatte, damit sie leben konnten.
„Du solltest schlafen.“
Yuki war hinter ihn getreten, zwei Tassen Kaffee in der Hand. Sie reichte ihm eine.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte Erik. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie. Helena. Wie sie fiel.“
„Wir alle sehen sie.“ Yuki trank von ihrem Kaffee, ihre Hände zitterten leicht. „Marcus hat die ganze Nacht nicht gesprochen. Thomas ist in der Kapelle, betet seit Stunden. Und ich…“ Sie brach ab. „Ich weiß nicht, wie wir weitermachen sollen.“
„Wir machen weiter, weil sie es von uns erwarten würde.“ Erik wandte sich vom Rand ab. „Katalin lebt noch. Der Rat lebt noch. Der Krieg ist nicht vorbei.“
„Aber wir haben den Schlüssel.“ Yuki deutete auf Eriks Hals, wo das Artefakt hing, dunkler irgendwie, gezeichnet von dem, was geschehen war. „Katalin kann das Ritual nicht ohne ihn durchführen.“
„Kann sie nicht? Sie hat gesagt, der Schlüssel macht das Unmögliche möglich. Aber sie war bereit, es ohne ihn zu versuchen, nur schwieriger.“ Erik schüttelte den Kopf. „Nein, sie wird einen anderen Weg finden. Sie ist tausend Jahre alt. Sie hat Zeit. Geduld.“
„Dann was tun wir?“
„Wir bereiten uns vor. Wir heilen. Wir werden stärker.“ Erik sah zu ihr. „Und wir trauern. Richtig. Helena verdient das.“
Die Bestattung fand drei Tage später statt.
Nicht in einer Kirche – Helena war nie religiös gewesen. Stattdessen in einem kleinen Hain am Stadtrand, unter alten Eichen, wo die Nachtwache ihre Gefallenen begrub.
Es war eine kleine Zeremonie. Nur das Team: Marcus, Thomas, Yuki, Erik. Die drei Mütter waren gekommen – Anna, Frau Hartmann, Frau Özkan. Und Frau Wagner mit ihrem Mann, der gerade aus dem Koma erwacht war.
Und überraschend: ein Fremder.
Ein älterer Mann, Ende Sechzig, mit weißem Haar und traurigen Augen. Er stand abseits, beobachtete.
„Wer ist das?“ flüsterte Erik Marcus zu.
„Keine Ahnung.“ Marcus‘ Hand wanderte zu seiner Waffe. „Aber er strahlt keine Bedrohung aus.“
Thomas hielt die Trauerrede. Einfach, ehrlich, ohne religiöse Floskeln.
„Helena Konstantin widmete ihr Leben dem Schutz der Unschuldigen. Sie kämpfte gegen die Dunkelheit, selbst als die Dunkelheit Teil von ihr wurde. Und am Ende gab sie alles, damit andere leben konnten.“ Thomas‘ Stimme brach leicht. „Sie war eine Kriegerin. Eine Anführerin. Eine Freundin. Und sie wird nie vergessen werden.“
Sie senkten den Sarg – schlicht, aus hellem Holz. Erik hatte darauf bestanden, dass Helenas Körper geborgen wurde, aus den Trümmern unter dem Gasteig. Sie verdiente eine anständige Beerdigung.
Jeder warf eine Handvoll Erde. Erik ging als letzter.
Er stand am Rand des Grabes, der Seelenschlüssel schwer um seinen Hals.
„Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst“, sagte er leise. „Aber falls doch… danke. Für alles. Für den Glauben an mich, als ich es selbst nicht tat. Für die Führung, als ich verloren war. Und für das Opfer, das du gebracht hast.“
Er warf seine Handvoll Erde, sah zu, wie sie auf den Sarg fiel.
„Ich verspreche dir, dein Werk fortzuführen. Die Nachtwache wird weitermachen. Ich werde weitermachen.“
Er trat zurück.
Die Zeremonie endete. Die Mütter umarmten einander, weinten still. Thomas und Marcus füllten das Grab, Schaufel für Schaufel.
Der fremde Mann trat zu Erik.
„Sie war bemerkenswert“, sagte er. Seine Stimme war tief, kultiviert, mit einem leichten Akzent. Deutsch, aber nicht bayerisch.
„Kannten Sie sie?“ fragte Erik vorsichtig.
„In gewisser Weise. Ich bin Johann Steiner. Ich… arbeitete mit Helena vor vielen Jahren. Bevor sie die Nachtwache gründete.“
„Steiner.“ Erik runzelte die Stirn. „Das war der Name, den Katalin benutzte. Die Kunsthändlerin.“
„Meine Schwester.“ Johann‘ Gesicht verdüsterte sich. „Oder die Frau, die einst meine Schwester war, vor tausend Jahren. Bevor sie wurde, was sie jetzt ist.“
Erik‘ Hand bewegte sich zum Seelenschlüssel. „Sie sind Katalins Bruder?“
„Ich war es. Aber ich lehnte die Verwandlung ab, die sie annahm. Wählte, menschlich zu bleiben, menschlich zu sterben.“ Johann lächelte traurig. „Obwohl ’sterben‘ vielleicht das falsche Wort ist. Ich habe… Wege gefunden, mein Leben zu verlängern. Nicht ewig, aber länger als normal.“
„Warum sind Sie hier?“
„Um zu trauern. Und um zu warnen.“ Johann sah zu dem frisch gefüllten Grab. „Helena war eine der Wenigen, die Katalin jemals herausforderte. Die ihr zeigte, dass selbst die Dunkelheit Grenzen hat. Ihr Tod wird Katalin nicht aufhalten. Im Gegenteil – er wird sie wütender machen. Entschlossener.“
„Das ist nicht gerade tröstlich.“
„Es soll nicht trösten. Es soll vorbereiten.“ Johann holte etwas aus seiner Tasche, eine kleine Schatulle. „Helena bat mich vor Jahren, dies zu verwahren. Für den Fall, dass sie jemals fiel. Sie sagte, ich solle es ihrem Nachfolger geben.“
„Ihrem Nachfolger?“ Erik nahm die Schatulle. Sie war schwer, aus dunklem Holz, mit eingelegtem Silber.
„Der Person, die die Nachtwache führen würde nach ihr.“ Johann‘ Augen trafen Eriks. „Ich nehme an, das bist du.“
„Ich bin kein Anführer. Ich bin nur—“
„Der Träger des Seelenschlüssels. Der Mann, der drei Babys rettete, einen Altar zerstörte, Helena aus Katalins Fängen befreite.“ Johann lächelte. „Du unterschätzt dich, junger Mann.“
Erik öffnete die Schatulle. Darin: ein Brief, versiegelt mit Wachs. Und ein Ring – silber, mit einem eingravierten Symbol. Das gleiche Symbol wie auf der Visitenkarte der Nachtwache. Das Auge mit dem Schwert.
„Der Anführerring“, erklärte Johann. „Getragen von jedem Leiter der Nachtwache seit ihrer Gründung im 13. Jahrhundert. Helena trug ihn zwanzig Jahre lang. Jetzt ist er deiner.“
„Ich kann das nicht—“
„Du musst.“ Johann‘ Stimme wurde fester. „Die Nachtwache braucht Führung. Die Stadt braucht Schutz. Und Katalin wird nicht warten, bis du bereit bist.“
Erik sah auf den Ring, auf den Brief. Seine Hände zitterten.
„Lies den Brief“, sagte Johann sanft. „Wenn du danach immer noch zweifelst, können wir reden. Aber jetzt… jetzt muss ich gehen.“
„Wohin?“
„Irgendwo sicher. Katalin weiß, dass ich hier war. Sie wird Fragen stellen.“ Johann wandte sich zum Gehen, hielt dann inne. „Oh, und Erik? Ein letzter Rat.“
„Ja?“
„Vertraue dem Schlüssel nicht zu sehr. Er ist mächtig, ja. Aber er ist auch hungrig. Vergiss nie: Er nimmt, während er gibt.“
Dann war er weg, verschwand zwischen den Bäumen.
Erik blieb zurück, die Schatulle in der Hand.
„Was war das?“ Marcus war zu ihm getreten, hatte das Gespräch beobachtet.
„Katalins Bruder. Anscheinend.“
„Und wir haben ihn einfach gehen lassen?“
„Er ist keine Bedrohung. Zumindest nicht jetzt.“ Erik öffnete den Brief, begann zu lesen.
Helenas Handschrift. Vertraut jetzt, nach zwei Wochen, wo er ihre Berichte, ihre Notizen gesehen hatte.
Erik,
Wenn du das liest, bin ich tot. Keine Trauer – ich habe den Tod akzeptiert, lange bevor du mich kanntest. In unserer Welt ist er nicht das Ende, sondern eine unvermeidliche Konsequenz.
Aber mein Tod bedeutet, dass du jetzt führen musst. Die Nachtwache braucht einen Anführer. Das Team braucht Richtung. Und München braucht Schutz.
Ich weiß, du fühlst dich nicht bereit. Niemand fühlt sich jemals bereit. Ich fühlte mich nicht bereit, als ich vor zwanzig Jahren den Ring übernahm. Aber Bereitschaft kommt nicht durch Warten. Sie kommt durch Handeln.
Du hast bereits gezeigt, was du kannst. Du rettetest Babys, kämpftest gegen Vampire, trugst den Seelenschlüssel mit mehr Würde als die meisten vor dir. Du bist kein gewöhnlicher Mensch, Erik. Du bist etwas Besonderes.
Also bitte ich dich: Nimm den Ring. Führe die Nachtwache. Beende, was ich begonnen habe. Stoppe Katalin, rette München, schütze die Unschuldigen.
Und wenn es zu schwer wird, wenn du zweifelst – erinnere dich an die, die du bereits gerettet hast. An Lukas, Sophie, Ayşe. An ihre Familien. Sie leben wegen dir.
Das ist, wofür wir kämpfen. Nicht für Ruhm, nicht für Macht. Sondern für die einfache Möglichkeit, dass Menschen normal leben können. Ahnungslos von der Dunkelheit.
Lass sie weiter ahnungslos sein.
In Hoffnung und Glauben,
Helena
Erik faltete den Brief zusammen, Tränen verschwammen seine Sicht.
„Was steht drin?“ fragte Marcus.
„Eine Aufgabe.“ Erik nahm den Ring aus der Schatulle, betrachtete ihn im Morgenlicht. „Sie will, dass ich die Nachtwache führe.“
„Wirst du?“
Erik schwieg lange. Dann, langsam, steckte er den Ring an seinen Finger.
Er passte perfekt.
„Ja“, sagte er. „Ich werde.“
Marcus nickte, ein seltenes Lächeln auf seinem Gesicht. „Gut. Weil ich keine Ahnung habe, wie man einen Laden führt.“
„Ich auch nicht.“
„Dann lernen wir zusammen.“ Marcus klopfte ihm auf die Schulter. „Komm. Die anderen warten. Wir haben viel zu besprechen.“
Zurück in der Zentrale versammelten sie sich im Konferenzraum.
Das Team war kleiner jetzt, ohne Helena. Der leere Stuhl am Kopfende des Tisches schmerzte.
Aber sie waren noch da. Marcus, Thomas, Yuki. Und jetzt Erik, der zögernd am Kopfende saß, wo Helena immer gesessen hatte.
„Erst mal“, begann Erik, „wir trauern. Richtig. Helena verdient unseren Respekt, unsere Erinnerung. Aber dann…“ Er atmete tief durch. „Dann arbeiten wir weiter. Weil das ist, was sie wollen würde.“
„Einverstanden“, sagte Thomas. „Aber wir müssen realistisch sein. Wir sind zu viert. Gegen einen ganzen Rat von Vampiren.“
„Dann rekrutieren wir.“ Erik sah zu Yuki. „Du hast Kontakte, oder? Andere Jäger, andere Organisationen?“
„Einige. Aber die meisten sind… misstrauisch gegenüber der Nachtwache. Helena hatte Feinde in der Jäger-Community.“ Yuki zögerte. „Sie war zu progressiv für manche. Arbeitete mit ‚guten‘ Vampiren, verhandelte statt zu töten.“
„Dann überzeugen wir sie, dass ihr Weg der richtige war.“ Erik stand auf, ging zur Karte. „Katalin lebt noch. Dimitri auch. Valentina. Und wie viele andere im Rat?“
„Mindestens ein Dutzend“, sagte Thomas. „Vielleicht mehr. Schwer zu sagen.“
„Und die Babys? Haben wir sie alle gerettet?“
„Ja.“ Marcus nickte. „Alle drei sind bei ihren Familien. Geheilt, dank dem Ritual vor Wochen. Sie werden normale Leben führen.“
„Gut. Das ist ein Sieg.“ Erik markierte etwas auf der Karte. „Aber Katalin wird neue Opfer suchen. Neue Pläne machen.“
„Sie wird vorsichtiger sein jetzt“, sagte Yuki. „Nachdem, was Helena tat – das Ritual umkehren, die Dunkelheit bannen. Katalin wird Zeit brauchen, um sich zu erholen.“
„Wie viel Zeit?“
„Wochen. Vielleicht Monate.“ Yuki tippte auf ihrem Laptop. „Solche Rituale verbrauchen Energie. Selbst für jemanden so mächtigen wie Katalin.“
„Dann nutzen wir diese Zeit.“ Erik wandte sich zum Team. „Wir trainieren. Rekrutieren. Bereiten uns vor. Und wir suchen nach Katalins Schwächen.“
„Hat sie welche?“ fragte Marcus skeptisch. „Sie ist tausend Jahre alt. Was könnte sie möglicherweise verwundbar machen?“
„Jeder hat Schwächen.“ Erik dachte an Katalins Gesicht, als Helena sich ihr widersetzte. Die Überraschung, die Angst, nur für einen Moment. „Sogar die Älteste.“
„Dann finden wir sie“, sagte Thomas. „Zusammen.“
Sie verbrachten die nächsten Stunden mit Planung. Rekrutierung, Training, Überwachung. Es gab so viel zu tun, so viel zu organisieren.
Aber zum ersten Mal seit Tagen fühlte Erik etwas wie Hoffnung.
Sie hatten verloren. Schwer. Helena war tot, und nichts würde sie zurückbringen.
Aber sie waren nicht besiegt.
Spät in der Nacht, als die anderen geschlafen hatten, ging Erik zurück zum Trainingsraum.
Er nahm den Seelenschlüssel, legte ihn auf einen Tisch, betrachtete ihn.
„Du hast sie getötet“, sagte er leise. „Helena. Du hast sie verbraucht.“
Der Schlüssel antwortete nicht. Natürlich nicht.
Aber Erik schwor, er konnte ein Flüstern hören. Tief, so tief, dass er nicht sicher war, ob es real war oder nur in seinem Kopf.
Sie gab sich freiwillig. Wie alle vor ihr. Wie du eines Tages geben wirst.
„Nein.“ Erik griff nach dem Schlüssel, fühlte seine Kälte. „Ich werde nicht wie sie enden. Ich werde einen Weg finden, dich zu kontrollieren.“
Viele haben das geglaubt. Alle scheiterten.
„Dann werde ich der Erste sein, der Erfolg hat.“
Erik steckte den Schlüssel zurück um seinen Hals, fühlte sein Gewicht.
Er ging zum Fenster, blickte auf München hinaus. Die Stadt schlief, friedlich, ahnungslos.
Irgendwo da draußen, in den Schatten, plante Katalin. Warte. Sammelte Kraft für einen weiteren Versuch.
Aber Erik würde bereit sein.
Er war jetzt der Anführer der Nachtwache. Der Träger des Seelenschlüssels. Der Beschützer von München.
Und er würde nicht versagen.
Für Helena. Für die Stadt. Für alle, die noch kämpfen mussten.
Der Krieg war noch nicht vorbei.
Aber Erik war bereit für die nächste Schlacht.
Weit unter der Stadt, in den tiefsten Katakomben, saß Katalin auf einem Thron aus Knochen.
Dimitri kniete vor ihr, den Kopf gesenkt.
„Mutter“, sagte er. „Das Ritual scheiterte. Helena—“
„Ist tot. Ich weiß.“ Katalins Stimme war kalt, emotionslos. „Meine eigene Tochter, geopfert für ihre falschen Ideale.“
„Traust du ihr?“
„Traure ich einer Rebellin? Einem Verräter?“ Katalin stand auf. „Nein. Aber ich respektiere ihr Opfer. Sie starb für das, woran sie glaubte. Es gibt schlimmere Arten zu sterben.“
„Was tun wir jetzt?“
„Wir warten. Heilen. Planen.“ Katalin ging zu einem Fenster – nicht wirklich ein Fenster, sondern ein magischer Spiegel, der die Stadt darüber zeigte. „Der junge Träger denkt, er hat gewonnen. Dass Helenas Tod ihm Zeit gekauft hat.“
„Hat er das nicht?“
„Zeit, ja. Aber nicht so viel, wie er denkt.“ Katalin lächelte, kalt, grausam. „Ich habe tausend Jahre gelebt. Ich kann warten. Und wenn ich zuschlagen…“ Sie berührte den Spiegel, genau wo Erik‘ Bild war. „Wird er nicht bereit sein.“
„Wann?“
„Zur Sommersonnenwende. Wie ursprünglich geplant.“ Katalin wandte sich ab. „Sechs Monate. Genug Zeit für ihn, sich sicher zu fühlen. Genug Zeit für ihn, Fehler zu machen.“
„Und der Seelenschlüssel?“
„Ist bei ihm. Aber das ist kein Problem.“ Katalin‘ Augen leuchteten. „Der Schlüssel und sein Träger sind verbunden. Je mehr er ihn benutzt, desto stärker wird die Verbindung. Und eines Tages…“ Sie lachte leise. „Wird er nicht mehr wissen, wo er endet und der Schlüssel beginnt.“
„Dann wird er unser sein.“
„Genau.“ Katalin kehrte zu ihrem Thron zurück. „Geduld, mein Sohn. Geduld ist unsere größte Waffe.“
Sie setzte sich, schloss die Augen.
Und oben, ahnungslos, schlief München weiter.
Nicht wissend, dass die Dunkelheit nur wartete.
Beobachtete.
Plante.
EPILOG
Die Versammlung
Sechs Monate später.
Juni kam nach München mit ungewöhnlicher Hitze.
Die Stadt brannte unter einer gnadenlosen Sonne, Touristen drängten sich in den Biergärten, Kinder spielten in den Brunnen, und das Leben ging weiter, wie es immer weiterging.
Ahnungslos.
Erik stand am Fenster seines neuen Büros – Helenas altes Büro – und beobachtete die Stadt, die er beschützen geschworen hatte.
Sechs Monate.
Sechs Monate seit Helenas Tod. Seit er den Ring der Nachtwache übernommen hatte. Seit er zum Anführer geworden war, ob er es wollte oder nicht.
Die Monate waren nicht einfach gewesen.
Die Rekrutierung ging langsam. Viele Jäger misstrauten der Nachtwache, misstrauten Erik – zu jung, zu unerfahren, hieß es. Aber einige kamen. Drei neue Mitglieder: Sarah, eine ehemalige Polizistin aus Hamburg. James, ein britischer Okkultist. Und Kenji, ein japanischer Mönch, spezialisiert auf östliche Vampire.
Das Training war brutal. Marcus ließ nicht nach, drillte Erik jeden Tag, bis er kaum stehen konnte. Aber Erik wurde stärker. Schneller. Besser.
Und der Seelenschlüssel…
Erik berührte das Artefakt um seinen Hals. Es fühlte sich wärmer an jetzt. Fast lebendig. Er hatte es oft benutzen müssen in den letzten Monaten – kleine Einsätze, vereinzelte Vampire, nichts im Vergleich zu Katalin, aber genug, um ihn zu erschöpfen.
Und jedes Mal, wenn er es benutzte, fühlte er die Verbindung stärker werden. Die Flüstern in seinem Kopf. Die Seelen der vorherigen Träger, die riefen, lockten, warnten.
Du wirst wie wir, flüsterten sie. Verzehrt. Verloren.
„Noch nicht“, murmelte Erik. „Nicht heute.“
Ein Klopfen an der Tür.
„Herein.“
Marcus trat ein, einen Ordner in der Hand. Sein Gesicht war ernst. „Wir haben Bewegung.“
„Wo?“
„Überall.“ Marcus legte den Ordner auf den Schreibtisch, öffnete ihn. Darin: Überwachungsfotos, Berichte, Karten. „Yuki hat es aufgefangen. Vampire, die nach München strömen. Nicht nur aus Deutschland. Aus ganz Europa. Frankreich, Italien, Polen, Russland.“
„Sie versammeln sich.“
„Ja. Und es gibt nur einen Grund, warum sie das tun würden.“ Marcus deutete auf das Datum auf einem der Berichte. „21. Juni. Sommersonnenwende. In drei Tagen.“
Erik fühlte einen kalten Schauer seinen Rücken hinunterlaufen. „Sie werden es versuchen. Wieder.“
„Sieht so aus. Aber diesmal kommen sie mit einer Armee.“
„Haben wir Zahlen?“
„Schwer zu sagen. Yuki schätzt mindestens fünfzig Vampire. Vielleicht mehr.“ Marcus schloss den Ordner. „Wir sind zu zehnt. Selbst mit Training, mit Ausrüstung – das sind schlechte Chancen.“
„Dann machen wir sie besser.“ Erik ging zur Tür. „Versammle das Team. Alle. Wir haben eine Strategie zu planen.“
Im Konferenzraum wartete bereits das Team.
Marcus, Thomas, Yuki – die Originale. Sarah, James, Kenji – die Neuen. Und überraschend: Anna Berger.
„Anna?“ Erik war überrascht. „Was machst du hier?“
„Ich habe gehört, was passiert.“ Anna stand auf, resolut. „Katalin plant etwas Großes. Etwas, das meine Familie, mein Kind gefährdet. Ich kann nicht einfach zu Hause sitzen und nichts tun.“
„Das ist zu gefährlich—“
„War es das nicht immer?“ Anna unterbrach. „Dr. Konstantin gab ihr Leben, um uns zu retten. Das Mindeste, was ich tun kann, ist zu helfen.“
„Sie ist nicht allein“, sagte eine andere Stimme.
Frau Hartmann trat ein, gefolgt von Frau Özkan und Frau Wagner mit ihrem Mann.
„Die Mütter-Brigade“, murmelte Marcus, aber er lächelte. „In Ordnung. Willkommen im Team.“
Sie setzten sich. Erik am Kopfende, wo Helena gesessen hatte.
„Status“, sagte er, seine Stimme fester als er sich fühlte. „Yuki?“
„Katalin bereitet das Ritual vor. Zur Sommersonnenwende, wie ursprünglich geplant.“ Yuki projizierte Karten auf den Monitor. „Der Hauptort ist die Frauenkirche. Aber sie hat auch die sechs umliegenden Ley-Linien-Punkte aktiviert. Viktualienmarkt, Englischer Garten, Isar-Brücke, Nymphenburg, Olympiapark, und…“ Sie zögerte. „Hier. Direkt über uns.“
„Über der Zentrale?“ Erik stand auf. „Das ist kein Zufall.“
„Nein. Sie weiß, wo wir sind. Sie hat immer gewusst.“ Yuki zeigte weitere Daten. „Ich habe versucht, uns zu verschleiern, aber Katalin ist zu gut. Sie hat Spione überall.“
„Dann müssen wir davon ausgehen, dass sie jeden unserer Schritte kennt.“ Erik ging zur Karte. „Was braucht sie für das Ritual?“
„Sieben Opfer, an den sieben Punkten. Gleichzeitig geopfert, zur Mitternacht.“ Thomas hatte alte Texte vor sich. „Und etwas, das die Macht verstärkt. Ursprünglich wollte sie den Seelenschlüssel. Aber ohne ihn…“
„Was ohne ihn?“ drängte Erik.
„Braucht sie mehr Opfer. Nicht sieben. Siebzig.“
Stille im Raum.
„Siebzig Menschen“, flüsterte Anna entsetzt. „Wo würde sie so viele finden?“
„Einfach.“ Marcus‘ Stimme war dunkel. „Das Sommerfest. Am Odeonsplatz. Morgen Nacht. Tausende von Menschen, dicht gedrängt, feiern. Perfektes Jagdgebiet.“
„Wir müssen es absagen“, sagte Sarah sofort.
„Können wir nicht.“ Yuki schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht. Anonyme Bombendrohungen, gefälschte Wetterwarnungen, alles. Aber die Stadt ignoriert es. Zu viel Geld investiert, zu viel Tourismus.“
„Dann schützen wir es“, sagte Erik. „Wir gehen hin. Wir bewachen das Fest. Und wenn Katalin zuschlägt, sind wir bereit.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte James. „Wir können nicht tausende Menschen gegen fünfzig Vampire verteidigen.“
„Dann was? Wir lassen sie sterben?“ Erik sah jeden von ihnen an. „Nein. Das ist nicht, wofür die Nachtwache steht. Wir beschützen. Koste es, was es wolle.“
„Auch wenn es uns kostet?“ fragte Kenji leise.
„Ja.“ Erik‘ Stimme war fest. „Auch dann.“
Thomas stand auf. „Dann beten wir. Und bereiten uns vor. Denn morgen Nacht wird eine Schlacht sein, wie München sie noch nie gesehen hat.“
Die nächsten vierundzwanzig Stunden vergingen in fieberhaften Vorbereitungen.
Waffen wurden verteilt. Silberkugeln, gesegnete Messer, UV-Granaten – alles, was die Nachtwache über Jahrzehnte gesammelt hatte.
Bannkreise wurden gezogen, an strategischen Punkten um den Odeonsplatz. Versteckt, unsichtbar für das normale Auge, aber mächtig genug, um Vampire zu verlangsamen.
Und Erik übte mit dem Seelenschlüssel.
Nicht allein diesmal. Thomas half ihm, zeigte ihm alte Techniken, vergessene Rituale.
„Der Schlüssel ist mehr als eine Waffe“, erklärte Thomas. „Er ist ein Kanal. Zwischen den Welten. Zwischen Leben und Tod. Wenn du ihn richtig benutzt, kannst du nicht nur Vampire abwehren, sondern die Dunkelheit selbst bannen.“
„Wie Helena es tat.“
„Ja. Aber Helena gab ihr Leben dafür.“ Thomas‘ Augen waren ernst. „Du musst einen Weg finden, es zu tun, ohne dich zu opfern.“
„Und wenn es keinen gibt?“
„Dann…“ Thomas zögerte. „Dann machst du, was getan werden muss. Aber nur als letzter Ausweg.“
Erik nickte, fühlte das Gewicht der Verantwortung.
Sommersonnenwende.
Der längste Tag des Jahres.
Die Sonne schien gnadenlos, aber als der Abend kam, kühlte die Stadt ab. Tausende strömten zum Odeonsplatz, bereit zu feiern.
Musik dröhnte. Bier floss. Lachen erfüllte die Luft.
Und in den Schatten, unsichtbar für die feiernden Menschen, positionierte sich die Nachtwache.
Erik stand auf einem Dach über dem Platz, Fernglas in der Hand. Er scannte die Menge, suchte nach Anomalien.
„Irgendwas?“ Marcus‘ Stimme in seinem Ohr, über Funk.
„Noch nicht. Aber sie werden kommen.“ Erik sah auf die Uhr. 23:47. „Dreizehn Minuten bis Mitternacht.“
„Alle Positionen besetzt“, berichtete Yuki. „Sarah am Südeingang, James am Norden. Kenji bewacht die Frauenkirche. Thomas ist bei den Müttern, in Reserve.“
„Gut. Bleibt wachsam.“
Die Minuten tickten vorbei. 23:50. 23:55.
Dann, um 23:58, sah Erik sie.
Gestalten, die sich durch die Menge bewegten. Zu flüssig, zu schnell. Vampire.
„Kontakt“, sagte er ruhig. „Sie sind hier.“
„Wie viele?“ Marcus‘ Stimme war angespannt.
„Ich zähle… zehn, fünfzehn, zwanzig.“ Erik‘ Herz beschleunigte sich. „Nein, warte. Mehr kommen. Aus allen Richtungen.“
„Scheiße. Sie umzingeln uns.“
„Alle Teams, bereit machen!“ Erik sprang vom Dach, landete auf dem Platz, rollte ab.
Menschen starrten ihn an, lachten, dachten, es wäre Teil der Unterhaltung.
Dann begannen die Schreie.
Vampire griffen an. Offen, brutal, keine Verstellung mehr.
Sie rissen Menschen nieder, bissen, tranken.
Panik brach aus. Die Menge stampfte, versuchte zu fliehen, aber es gab zu viele, zu eng.
„Jetzt!“ schrie Erik.
Die Nachtwache stürmte hervor.
Marcus feuerte, seine Pistole ein Staccato aus Silber. Vampire fielen, heulten.
Sarah und James warfen UV-Granaten. Licht explodierte, Vampire brannten, zischten.
Kenji schwang sein Katana, gebenedeit von hundert Mönchen. Köpfe rollten.
Und Erik hob den Seelenschlüssel.
Das Licht explodierte aus ihm heraus, eine Welle aus goldener Energie, die Vampire zurückschleuderte, Menschen schützte.
Aber es waren zu viele.
Für jeden Vampir, den sie fällten, kamen zwei weitere. Die Menge wurde dezimiert.
„Wir verlieren!“ schrie Sarah. „Es sind zu viele!“
„Haltet durch!“ Erik kämpfte sich zur Mitte des Platzes vor. „Nur noch—“
Eine Stimme, verstärkt, magisch, überlagerte alle andere Geräusche:
„Mitternacht.“
Die Glocken der Frauenkirche begannen zu läuten.
Und aus dem Boden, aus jedem der sieben Ley-Linien-Punkte, stieg Dunkelheit auf.
Nicht Rauch. Nicht Schatten. Manifestierte Dunkelheit, fest, greifbar, lebendig.
Sie streckte sich aus, griff nach Menschen, zog sie hinein.
Schreie. Überall Schreie.
Erik sah zu, entsetzt, wie dutzende Menschen in die Dunkelheit gezogen wurden.
„Nein!“ Er hob den Schlüssel höher, rief mehr Licht.
Aber es war nicht genug.
Die Dunkelheit verschlang das Licht, wurde stärker.
„Erik!“ Thomas‘ Stimme, über Funk. „Du musst das Ritual durchführen! Das, was ich dir zeigte!“
„Aber das wird mich töten!“
„Wenn du es nicht tust, werden sie alle sterben!“
Erik sah sich um. Die Nachtwache kämpfte, aber sie wurden überwältigt. Marcus war am Boden, blutend. Sarah und James waren umzingelt. Kenji kämpfte mit drei Vampiren gleichzeitig.
Und die Menschen – tausende unschuldige Menschen – wurden in die Dunkelheit gezogen.
Erik traf eine Entscheidung.
„Thomas, sag den anderen, sie sollen sich zurückziehen. So weit wie möglich.“
„Was wirst du tun?“
„Was Helena tat.“ Erik atmete tief durch. „Was getan werden muss.“
Er ging zur Mitte des Platzes, wo die Dunkelheit am stärksten war.
Hob den Seelenschlüssel mit beiden Händen.
Und begann zu chanten. Die Worte, die Thomas ihm gelehrt hatte. Alte Worte, in einer Sprache, die vor Latein, vor Griechisch, vor allem kam.
Die Sprache der ersten Jäger.
Der Schlüssel begann zu glühen. Heller, als er je geglüht hatte.
Und Erik fühlte, wie seine Seele hineingezogen wurde.
Nein, flüsterten die Stimmen der vorherigen Träger. Nicht so. Du wirst wie wir. Gefangen. Ewig.
„Dann werde ich gefangen sein“, sagte Erik laut. „Aber ich werde nicht zusehen, wie unschuldige Menschen sterben.“
Er drückte den Schlüssel gegen seine Brust.
Das Licht explodierte.
Nicht nach außen diesmal. Nach innen.
In Erik hinein.
Er schrie, Schmerz wie nie zuvor. Als würde jede Zelle seines Körpers brennen.
Aber er hielt fest.
Das Licht strömte aus ihm heraus, aus dem Schlüssel, vermischten sich, wurden eins.
Und kollidierten mit der Dunkelheit.
Der Aufprall war kataklysmisch.
Eine Schockwelle fegte über den Platz, schleuderte Vampire zurück, befreite Menschen aus der Dunkelheit.
Die Dunkelheit begann zu zerbrechen, zu zersplittern.
Und Erik fühlte, wie er verschwand.
Stück für Stück, zog der Schlüssel ihn hinein.
Das ist das Ende, dachte er. Wie Helena. Ich werde sterben.
Aber dann – eine Hand.
Greifend nach ihm, durch das Licht.
Eine vertraute Hand.
„Noch nicht, Erik.“
Helena.
Sie stand dort, im Licht, durchscheinend, ein Geist, eine Erinnerung.
Aber real genug, um ihn zu halten.
„Du bist nicht bereit zu sterben“, sagte sie sanft. „Du hast noch so viel zu tun.“
„Aber das Ritual—“
„Muss nicht dein Leben kosten. Nur deinen Willen. Deine Entschlossenheit.“ Helena lächelte. „Kämpfe, Erik. Wie du immer gekämpft hast. Nicht gegen den Schlüssel. Mit ihm.“
„Ich verstehe nicht—“
„Du wirst.“ Sie ließ los, trat zurück ins Licht. „Lebe. Führe. Beschütze. Für mich. Für alle.“
Dann war sie weg.
Und Erik verstand.
Der Schlüssel war kein Feind. Kein Werkzeug, das nahm.
Er war ein Partner. Der gab und nahm in gleichem Maße.
Und wenn Erik bereit war zu geben – nicht sein Leben, sondern seinen Willen, seine Kraft, seine Entschlossenheit – dann würde der Schlüssel geben zurück.
Erik öffnete sich dem Schlüssel. Vollständig. Bedingungslos.
Und das Licht explodierte erneut.
Aber diesmal nicht schmerzhaft.
Diesmal harmonisch.
Die Dunkelheit zerriss komplett, zerfiel zu nichts.
Die Vampire schrien, flohen, verbrannten im Licht.
Und die Menschen – die überlebenden Menschen – fielen zu Boden, frei, atmend, lebendig.
Das Licht verblasste.
Erik fiel zu Boden, erschöpft, aber lebend.
Der Schlüssel um seinen Hals glühte schwach, beruhigend.
„Du hast es geschafft“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Nicht bedrohlich. Nicht hungrig.
Dankbar.
„Wir haben es geschafft“, korrigierte Erik leise. „Zusammen.“
Die Nachwirkungen waren chaotisch.
Hunderte Verwundete. Dutzende Tote – trotz allem, was die Nachtwache getan hatte.
Aber Tausende überlebten.
Die offizielle Geschichte war ein Terroranschlag. Eine radikale Gruppe, mit Drogen, die Halluzinationen verursachten.
Niemand sprach von Vampiren. Die Welt war nicht bereit für diese Wahrheit.
Aber Erik wusste.
Und die Nachtwache wusste.
Katalin war geflohen, in dem Chaos. Dimitri auch. Der Rat war zerschlagen, aber nicht zerstört.
Sie würden zurückkommen. Eines Tages.
Aber bis dahin würde Erik bereit sein.
Eine Woche später stand Erik wieder am Grab.
Helenas Grab, unter den alten Eichen.
Er legte frische Blumen nieder.
„Danke“, sagte er leise. „Für die Rettung. Wieder einmal.“
Der Wind raschelte durch die Blätter. Fast wie eine Antwort.
„Ich werde weitermachen“, versprach Erik. „Die Nachtwache wird wachsen, stärker werden. Und eines Tages…“ Er berührte den Seelenschlüssel. „Eines Tages werden wir Katalin stoppen. Endgültig.“
Er wandte sich zum Gehen.
Marcus wartete am Rand des Hains, neben einem Auto.
„Bereit?“ fragte er.
„Bereit.“ Erik stieg ein.
Sie fuhren zurück zur Zentrale, zur Stadt, zur Arbeit.
Es gab noch viel zu tun.
Monster zu jagen. Menschen zu beschützen. Dunkelheit zu bekämpfen.
Aber Erik war nicht mehr allein.
Er hatte ein Team. Eine Familie. Und einen Zweck.
Der Krieg gegen die Dunkelheit war nicht vorbei.
Aber die Nachtwache war bereit.
München war sicher.
Vorerst.
Weit unter der Stadt, in einem neuen Versteck, saß Katalin.
Ihr Gesicht war ruhig, aber ihre Augen brannten mit unbändiger Wut.
„Er wird zahlen“, flüsterte sie. „Alle werden zahlen.“
„Wann, Mutter?“ fragte Dimitri.
„Bald. Aber nicht überstürzt. Ich habe tausend Jahre gelebt. Ich kann warten.“ Sie lächelte, kalt. „Und wenn ich zuschlage, wird Erik Schönwaldt nicht bereit sein.“
„Und wenn er es ist?“
„Dann wird es umso süßer sein, ihn zu brechen.“
Sie lehnte sich zurück in ihren Schatten.
Und wartete.
ENDE VON BAND 2
Erik Schönwaldt kehrt zurück in:
Band 3: DIE SOMMERSONNENWENDE
Die finale Schlacht um München
THE END
Ab Sonntag (8.2.) geht es weiter mit Band 3: Die Sommersonnenwende