Kapitel 6 – Die Flucht, die keine war
Sie liefen, bis Eriks Lungen brannten und seine Beine sich anfühlten wie Blei. Der Wald war ein Labyrinth aus Schatten und Nebel, die Bäume standen so dicht, dass es unmöglich war, mehr als ein paar Meter weit zu sehen. Wurzeln griffen nach seinen Füßen, Äste peitschten in sein Gesicht. Aber er stolperte weiter, getrieben von der Erinnerung an diese glühenden roten Augen, an dieses Lächeln.
Die Diener waren bei ihm. Elise und Friedrich direkt an seiner Seite, die anderen verteilt zwischen den Bäumen. Sie bewegten sich überraschend schnell für Menschen ihres scheinbaren Alters, ihre Körper schienen leichter geworden zu sein, als hätte die Freiheit ihnen neue Kraft gegeben.
Oder als hätten sie vergessen, wie man sich wie ein normaler Mensch bewegte.
„Wartet“, keuchte Erik schließlich. Er stolperte, fing sich an einem Baum ab. Sein verstauchter Knöchel pochte, jeder Schritt sendete Wellen von Schmerz durch sein Bein. „Ich kann nicht… ich muss…“
„Wir dürfen nicht stehenbleiben“, sagte Ernst. Seine Augen waren wild, flackernd zwischen den Bäumen. „Nicht, bis wir den Waldrand erreicht haben. Nicht, bis wir auf geweihtem Boden sind.“
„Geweihter Boden?“ Erik lehnte sich gegen den Baum, rang nach Atem. „Was meinst du?“
„Die Kirche im Dorf“, erklärte die junge Frau. Sie stand einige Meter entfernt, ihr Kopf ständig in Bewegung, lauschend. „Er kann geweihten Boden nicht betreten. Keiner Seiner Art kann das. Wenn wir dorthin gelangen, sind wir sicher.“
„Wenn wir dorthin gelangen“, murmelte Friedrich. Er stand neben Elise, seine Hand auf ihrer Schulter. Beide starrten zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Erik folgte ihren Blicken. Der Wald war still. Zu still. Kein Vogelsang, kein Rascheln von Kleintieren. Nur der Wind, der durch die Blätter strich, und das Klopfen seines eigenen Herzens.
„Glaubt ihr, Er folgt uns?“, flüsterte er.
„Er ist verletzt“, sagte Ernst. „Der Turm… das muss Ihn geschwächt haben. Vielleicht braucht Er Zeit, um zu heilen.“
„Oder vielleicht“, sagte die junge Frau, „braucht Er uns nicht zu folgen. Vielleicht weiß Er bereits, dass wir zurückkommen werden.“
„Warum sollten wir zurückkommen?“ Erik starrte sie an. „Die Bindung ist gebrochen. Ihr seid frei.“
Sie lachte, ein bitteres, hohles Geräusch. „Bist du dir da sicher? Fühlst du dich frei, Erik? Oder spürst du es auch? Dieses Ziehen. Als würde ein Faden an deinem Herzen zerren. Als würde etwas dich zurückrufen.“
Erik wollte widersprechen. Aber er konnte es nicht. Weil sie Recht hatte. Er spürte es. Seit dem Moment, als sie durch das Tor gegangen waren. Eine Art Druck in seiner Brust, ein Unbehagen, das mit jedem Schritt weg vom Schloss stärker wurde.
„Das ist nur die Angst“, sagte er. „Der Schock. Es wird vergehen.“
„Wird es das?“ Die junge Frau trat näher. Zum ersten Mal sah Erik sie wirklich an. Sie war jung – oder war es einmal gewesen. Vielleicht Mitte Zwanzig, mit dunklen Haaren und großen, dunklen Augen. Aber diese Augen trugen das Gewicht von Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten. „Ich bin seit 1956 in diesem Schloss, Erik. Ich habe versucht zu fliehen, viermal, bevor die Bindung vollständig wurde. Jedes Mal fühlte es sich so an. Dieses Ziehen. Und jedes Mal wurde es stärker, bis ich nicht anders konnte, als zurückzugehen.“
„Aber diesmal ist es anders“, beharrte Erik. „Der Turm ist gefallen. Das Schloss ist beschädigt. Ihr habt das Tor durchschritten.“
„Wir werden sehen“, sagte sie leise. Dann drehte sie sich um und ging weiter.
Sie setzten ihren Weg fort, langsamer jetzt. Erik humpelte zwischen Elise und Friedrich, die ihn stützten, wenn sein Knöchel nachgab. Die anderen Diener waren stiller geworden, ihre anfängliche Euphorie verblasst zu einer angespannten Wachsamkeit.
Der Wald schien kein Ende zu nehmen. Erik hatte gestern vielleicht zwei, drei Stunden gebraucht, um zum Schloss zu gelangen. Jetzt fühlte es sich an, als wären sie schon genauso lange unterwegs, und doch sahen die Bäume überall gleich aus, endlos und gleichförmig.
„Sind wir noch auf dem richtigen Weg?“, fragte er.
Ernst hielt inne, blickte sich um. „Ich… ich bin mir nicht sicher. Der Wald hat sich verändert. Oder wir haben uns verirrt.“
„Das ist unmöglich“, sagte Friedrich. „Wir sind geradeaus gegangen. Immer in die gleiche Richtung.“
„Haben wir das?“ Elises Stimme war angespannt. „Ich habe das Gefühl… als würden wir im Kreis gehen.“
Erik spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Er blickte nach oben, suchte nach der Sonne, nach einem Anhaltspunkt zur Orientierung. Aber der Himmel war bedeckt, eine graue, undurchdringliche Masse, die jedes Gefühl für Zeit und Richtung raubte.
„Wir müssen weitergehen“, sagte er. „Irgendwann werden wir den Waldrand erreichen.“
Aber nach einer weiteren halben Stunde – oder war es eine Stunde? Zwei? – begannen sie, Dinge zu sehen, die nicht da sein sollten.
Markierungen an den Bäumen. Frische Markierungen, eingeritzt in die Rinde. Ernst trat näher, fuhr mit den Fingern darüber.
„Das habe ich gemacht“, flüsterte er. „Vor… vor zwanzig Minuten. Um unseren Weg zu markieren.“
„Das ist unmöglich“, sagte die junge Frau. „Wir sind nicht zurückgegangen. Wir sind geradeaus—“
„Der Wald will uns nicht gehen lassen“, unterbrach Elise. Ihre Stimme zitterte. „Er gehört zum Schloss. Genauso wie wir. Er lässt uns im Kreis laufen.“
„Nein“, sagte Erik fest, obwohl Angst in ihm aufstieg. „Nein, das ist nur Desorientierung. Wir ändern die Richtung. Gehen… gehen nach links. Oder rechts. Einfach anders.“
Sie versuchten es. Bogen scharf nach rechts ab, folgten einem Bach, den sie entdeckt hatten. Aber nach zwanzig Minuten kamen sie zurück zur gleichen Stelle. Den gleichen Markierungen. Dem gleichen Baum, an den Ernst sich angelehnt hatte.
Erik sank auf den Boden, sein Kopf in den Händen. „Das ist nicht real. Das kann nicht real sein.“
„Willkommen in unserer Welt“, sagte die junge Frau bitter. „Nichts ist real, wenn Er es nicht will.“
„Aber Er ist verletzt“, protestierte Erik. „Er sollte nicht die Kraft haben—“
„Du unterschätzt Ihn“, sagte Friedrich. Er setzte sich neben Erik. „Wir alle haben diesen Fehler gemacht. Immer wieder. Er ist schwächer, ja. Aber nicht machtlos. Besonders nicht in Seinem Wald. Seinem Territorium.“
Ein Geräusch ließ sie alle erstarren.
Langsame, schwere Schritte. Durch den Wald kommend. Von überall und nirgendwo zugleich.
„Er kommt“, flüsterte Elise. Ihr Gesicht war aschfahl geworden.
„Lauft“, sagte Ernst. „Jetzt.“
Sie rannten erneut, alle Erschöpfung vergessen. Erik ignorierte den Schmerz in seinem Knöchel, zwang seine Beine weiterzumachen. Die Schritte folgten ihnen, manchmal näher, manchmal ferner, aber immer da.
Sie stolperten auf eine Straße. Eine echte Straße, asphaltiert, mit verblassten weißen Linien. Erik erkannte sie – es war die Straße, auf der er gestern gefahren war.
„Da“, rief die junge Frau und deutete. In der Ferne, kaum mehr als ein verschwommener Fleck, waren Gebäude zu sehen. Das Dorf.
Sie rannten auf der Straße, ihre Schritte hallend auf dem Asphalt. Die Schritte hinter ihnen hielten inne. Erik wagte einen Blick zurück.
Am Waldrand stand eine Gestalt. Groß, dunkel, halb verborgen von Schatten. Sie bewegte sich nicht, folgte nicht. Stand nur da und beobachtete.
Aber Erik konnte die Augen sehen. Die roten, glühenden Augen.
Und er konnte das Lächeln sehen.
Sie erreichten das Dorf kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Die Sonne war noch nicht untergegangen, aber sie näherte sich dem Horizont, färbte den Himmel in Töne von Orange und Rot, die Erik unheimlich an Feuer erinnerten.
Die Straßen waren leer. Fenster waren geschlossen, Türen verriegelt. Es war, als hätte das Dorf gewusst, dass sie kommen würden, und hätte sich versteckt.
„Die Kirche“, sagte Ernst. Er deutete auf den kleinen Turm, der über den Dächern ragte. „Dort.“
Sie stolperten durch die Straßen, ihre Schritte laut in der Stille. Erik spürte Augen auf sich, verborgene Beobachter hinter zugezogenen Vorhängen. Aber niemand trat heraus. Niemand bot Hilfe an.
Die Kirche war klein, aus grauem Stein, mit einer schweren Holztür. Ernst erreichte sie zuerst, versuchte sie zu öffnen.
Verschlossen.
„Nein“, flüsterte er. Er hämmerte gegen die Tür. „Bitte. Lassen Sie uns rein. Wir brauchen Schutz.“
„Es gibt niemanden“, sagte die junge Frau. „Schau.“ Sie deutete auf ein kleines Schild neben der Tür, verwittert und schwer lesbar. „Gottesdienste nur Sonntags. Pfarrer: Kontakt über Gemeindebüro.“
„Wir brechen die Tür auf“, sagte Friedrich.
„Nein.“ Eine neue Stimme.
Sie wirbelten herum. Der alte Mann – Herr Bachmann, hatte die Bäckerin ihn genannt – stand dort. Er lehnte auf seinen Stock, sein Gesicht ausdruckslos.
„Sie sind zurückgekommen“, sagte er. „Ich wusste, dass Sie es würden.“
„Wir brauchen Hilfe“, sagte Erik. „Bitte. Er kommt. Er—“
„Ich weiß.“ Der Alte trat näher. Sein Blick glitt über die Diener, blieb an jedem einzelnen hängen. „Ich kenne Sie alle. Von den Geschichten. Von den Beschreibungen in den alten Aufzeichnungen.“ Er sah Elise an. „Sie sind Elise Hartmann. Verschwunden 1933.“ Dann Ernst. „Ernst Weber. Verschwunden 1889.“ Die junge Frau. „Clara Hoffmann. Verschwunden 1956.“
Clara – endlich hatte Erik ihren Namen – nickte langsam.
„Wie lange“, fragte der Alte, „haben Sie gedacht, Sie könnten frei bleiben?“
„Die Bindung ist gebrochen“, sagte Ernst. „Wir haben das Tor durchschritten.“
„Haben Sie das?“ Der Alte lächelte traurig. „Oder hat Er Sie gehen lassen?“
„Was meinen Sie?“, fragte Erik.
„Mein Vater hat mir Geschichten erzählt“, sagte Herr Bachmann. „Von anderen, die es vor Ihnen versucht haben. Diener, die glaubten, sie wären entkommen. Die ins Dorf kamen, Hilfe suchten. Aber immer, immer kehrten sie zurück. Manchmal nach einem Tag. Manchmal nach einer Woche. Aber sie kehrten zurück.“
„Wir sind anders“, beharrte Friedrich.
„Sind Sie das?“ Der Alte sah ihn durchdringend an. „Spüren Sie es nicht? Das Ziehen? Die Leere in Ihrer Brust, die größer wird mit jedem Moment, den Sie weg sind?“
Niemand antwortete. Aber Erik sah es in ihren Gesichtern. Die Wahrheit, die sie zu verbergen versucht hatten.
„Er spielt mit Ihnen“, sagte Herr Bachmann. „Das ist es, was Er tut. Er lässt Sie gehen, lässt Sie glauben, Sie wären frei. Und dann zieht Er Sie zurück. Langsam. Unaufhaltsam. Wie ein Fisch an einer Angel.“
„Nein“, flüsterte Elise. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Nein, das kann nicht sein. Wir haben so lange gewartet. So lange…“
Der Alte trat näher, legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid“, sagte er leise. „Aber einige Gefängnisse haben keine Gitter. Manche Ketten sind unsichtbar.“
Erik spürte, wie etwas in ihm brach. All die Hoffnung, der Mut, die Entschlossenheit – sie zerfielen zu Asche. „Dann war alles umsonst“, flüsterte er. „Der Turm, das Feuer, alles…“
„Nicht umsonst“, sagte der Alte. „Sie haben Ihm Schaden zugefügt. Das hat noch niemand geschafft. Vielleicht haben Sie Ihn geschwächt. Vielleicht dauert es länger, bis die Bindung vollständig zurückkehrt.“ Er sah Erik in die Augen. „Aber Sie werden zurückkehren. Alle von Ihnen. Das ist die Wahrheit, die Sie akzeptieren müssen.“
„Ich werde nicht zurückgehen“, sagte Erik. „Ich werde—“
Ein Schrei unterbrach ihn.
Clara. Sie stand ein paar Meter entfernt, die Hände an ihre Brust gepresst. Ihr Gesicht war verzerrt vor Schmerz.
„Es tut weh“, keuchte sie. „Oh Gott, es tut so weh.“
„Clara?“ Ernst eilte zu ihr. Aber als er sie berührte, schrie sie erneut.
„Nicht anfassen. Es macht es schlimmer. Ich spüre… ich spüre Ihn. Er ruft mich. Er will, dass ich zurückkomme.“
„Kämpf dagegen an“, sagte Erik. Er ging zu ihr, ignorierte ihre Warnung, nahm ihre Hände. Sie waren eiskalt, zitternd. „Du musst kämpfen.“
„Ich kann nicht.“ Tränen strömten über ihr Gesicht. „Es ist zu stark. Er ist zu stark.“
Und dann, vor ihren Augen, begann sie sich zu verändern.
Nicht dramatisch. Nicht wie in einem Film. Aber subtil, schrecklich. Ihre Haut wurde bleicher. Ihre Augen bekamen einen glasigen Glanz. Und ihr Ausdruck – der verzweifelte, kämpferische Ausdruck – wich etwas anderem. Etwas Leerem.
„Clara“, flüsterte Ernst. „Bleib bei uns.“
Aber Clara hörte nicht mehr zu. Sie zog ihre Hände aus Eriks Griff, drehte sich um. Begann zu gehen. Zurück zur Straße. Zurück zum Wald.
„Nein“, sagte Erik. Er versuchte, sie zu halten, aber sie war stärker als sie aussah. Sie schob ihn beiseite, ging weiter.
„Lass sie“, sagte Herr Bachmann leise. „Sie gehört Ihm. Sie gehörte Ihm immer.“
Sie beobachteten hilflos, wie Clara das Dorf verließ. Wie sie auf der Straße verschwand, eine einsame Gestalt im schwindenden Licht. Zurück zum Schloss. Zurück zu Ihm.
„Wie lange“, fragte Friedrich mit gebrochener Stimme, „haben wir noch?“
„Das ist unterschiedlich“, sagte der Alte. „Manche halten Tage aus. Andere nur Stunden. Es hängt davon ab, wie tief die Bindung ist. Wie lange Sie Ihm gedient haben.“
Elise sank zu Boden, ihre Hände bedeckten ihr Gesicht. „Fast hundert Jahre“, flüsterte sie. „Wir haben Ihm fast hundert Jahre gedient.“
„Dann“, sagte Herr Bachmann, „haben Sie nicht mehr viel Zeit.“
Erik fühlte sich taub. Leer. All dies – die Flucht, die Hoffnung, der Glaube, dass sie gewinnen könnten – war eine Illusion gewesen. Der Vampir hatte gewonnen. Hatte immer gewonnen.
„Es gibt keinen Ausweg“, murmelte er.
„Es gibt immer einen Ausweg“, sagte der Alte. „Aber nicht den, den Sie sich wünschen.“
„Was meinen Sie?“
Herr Bachmann sah zu den anderen Dienern. „Sie können nicht mehr frei sein. Nicht im Leben. Aber…“ Er zögerte. „Es gibt andere Arten von Freiheit.“
Erik verstand. „Sie meinen…“
„Der Tod“, sagte der Alte schlicht. „Der wahre Tod. Nicht die Halbexistenz im Schloss. Sondern das Ende. Vollständig. Endgültig.“
„Wie?“, fragte Ernst. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Aber in seinen Augen lag etwas. Keine Angst. Erleichterung.
„Feuer“, sagte Herr Bachmann. „Oder Enthauptung. Oder das Herz durchbohrt und dann verbrannt. Die alten Wege. Die Wege, die funktionieren, wenn die Bindung zu stark ist, um auf andere Weise gebrochen zu werden.“
„Sie bieten uns an, uns zu töten“, sagte Friedrich langsam.
„Ich biete Ihnen an, Sie zu befreien“, korrigierte der Alte. „Aber nur, wenn Sie es wollen. Die Wahl muss Ihre sein.“
Die Diener sahen einander an. In der wachsenden Dunkelheit waren ihre Gesichter Masken aus Schatten und Licht. Aber Erik konnte die Erschöpfung sehen. Die Verzweiflung. Das Gewicht von Jahrzehnten, Jahrhunderten.
„Ich will es“, sagte Ernst schließlich. „Ich bin so müde. So furchtbar müde.“
„Ich auch“, flüsterte Elise. Sie griff nach Friedrichs Hand. „Wir beide. Zusammen. So wie wir es immer sein sollten.“
Friedrich nickte. Tränen liefen über sein Gesicht, aber er lächelte. „Zusammen.“
„Nein“, sagte Erik. „Nein, es muss einen anderen Weg geben. Wir können—“
„Es gibt keinen anderen Weg“, sagte Elise sanft. Sie stand auf, trat zu ihm. Nahm sein Gesicht in ihre Hände – diese kalten, alten Hände. „Du hast dein Bestes getan, Erik. Du hast mehr getan, als irgendjemand in hundert Jahren. Aber manche Dinge können nicht repariert werden. Manche Schäden sind zu tief.“
„Aber ihr seid meine Familie“, flüsterte Erik. „Ich habe euch gerade erst gefunden.“
„Und du hast uns ein Geschenk gegeben“, sagte Friedrich. Er stand neben Elise, seine Hand auf ihrer Schulter. „Du hast uns gezeigt, dass jemand sich erinnert. Dass wir nicht vergessen wurden. Das ist mehr, als wir uns je erhofft hatten.“
Erik konnte nicht sprechen. Konnte nur nicken, während Tränen sein Gesicht hinabliefen.
„Kommt“, sagte Herr Bachmann leise. „Ich werde Ihnen helfen. Ihnen allen.“
Die Diener folgten ihm, einer nach dem anderen. Weg von der Kirche, zu einem der Häuser. Die Tür stand offen, Licht fiel heraus.
Erik blieb zurück. Konnte nicht mitgehen. Konnte nicht zusehen.
Er stand allein auf der Straße, während die Dunkelheit hereinbrach. Und irgendwo in der Ferne, am Waldrand, spürte er die Anwesenheit. Die Augen, die ihn beobachteten.
Der Vampir wartete.
Wartete darauf, dass Eriks eigene Bindung ihn zurückziehen würde.
Und Erik wusste, mit einer furchtbaren Gewissheit, dass es nur eine Frage der Zeit war.
Er hatte eine Nacht im Schloss verbracht. Eine einzige Nacht. War das genug, um eine Bindung zu schaffen?
Er spürte das Ziehen in seiner Brust. Schwach noch, aber da.
Ja. Es war genug gewesen.
Erik schloss die Augen und wartete darauf, dass der Morgen kam.
Oder dass die Dunkelheit ihn holte.
Kapitel 7 – Die Rückkehr
Erik verbrachte die Nacht in seinem Auto, geparkt am Straßenrand, weit genug vom Wald entfernt, um sich sicher zu fühlen, aber nah genug, um das Schloss zu spüren. Die Sitze waren unbequem, die Luft im Wagen wurde stickig und kalt, aber er wagte es nicht, in eines der Häuser im Dorf zu gehen. Er hatte gesehen, wie die Vorhänge sich bewegten, als er vorbeiging. Hatte die Angst gespürt, die wie ein lebendiges Ding durch die Straßen kriechte.
Sie wollten ihn hier nicht. Er war bereits markiert. Bereits verdammt.
Er versuchte zu schlafen, aber jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er sie. Elise und Friedrich, Hand in Hand, wie sie das Haus betraten. Ernst, der sich auf seinen Stock stützte, sein Gesicht gezeichnet von einer Mischung aus Erleichterung und Trauer. Die anderen Diener, deren Namen er nie erfahren hatte, die einer nach dem anderen in dem warmen Licht verschwanden.
Und dann, vielleicht eine Stunde später, hatte er den Rauch gesehen. Schwarz und dicht, aufsteigend in die Nachthimmel. Herr Bachmann hatte sein Versprechen gehalten. Hatte ihnen die Freiheit gegeben, die nur der Tod bieten konnte.
Erik hatte geweint. Hatte in seinem Auto gesessen und geweint wie ein Kind, seine Schultern bebend, sein Gesicht in den Händen vergraben. Er hatte sie verloren. Seine Urgroßeltern, diese Menschen, die er gerade erst kennengelernt hatte. Menschen, die hundert Jahre überlebt hatten, nur um in einem brennenden Haus zu sterben.
Aber es war ihre Wahl gewesen. Ihre Flucht.
Und jetzt war er allein.
Das Ziehen in seiner Brust war stärker geworden, als die Nacht fortschritt. Es war, als hätte jemand einen Haken in seinem Herzen verankert und zog nun langsam, unerbittlich daran. Nicht schmerzhaft, nicht genau. Aber beständig. Unausweichlich.
Er versuchte dagegen anzukämpfen. Startete den Motor mehrmals, legte den Gang ein, bereit zu fahren. Davon, weg vom Dorf, weg vom Schloss, zurück in die Zivilisation. Zurück zu seinem Leben.
Aber seine Hand zitterte auf dem Lenkrad. Sein Fuß konnte das Gaspedal nicht durchdrücken. Und das Ziehen wurde stärker, verwandelte sich in ein Brennen, in einen Schmerz, der durch seine Brust zu seiner Wirbelsäule strahlte.
Als die Dämmerung kam – ein graues, hoffnungsloses Licht, das kaum die Dunkelheit durchdrang – wusste Erik, dass er keine Wahl mehr hatte.
Er stieg aus dem Auto.
Die Straße war still, verlassen. Der Rauch war längst verflogen, aber der Geruch hing noch in der Luft. Verbranntes Holz. Verbranntes Fleisch. Erik zwang sich, nicht daran zu denken.
Er begann zu gehen. Nicht zum Wald. Nicht direkt. Zuerst ging er durch das Dorf, langsame Schritte, die auf dem Asphalt hallten. Er kam an der Bäckerei vorbei – geschlossen, die Fenster dunkel. An dem Haus, in dem seine Urgroßeltern gestorben waren – nur noch ein rauchender Haufen Asche und verkohlte Balken. An der Kirche, deren Tür noch immer verschlossen war, als könnte sie ihn nicht retten, selbst wenn sie wollte.
Am Ortsausgang blieb er stehen. Vor ihm lag die Straße, die zurück in die Welt führte. Hinter ihm der Wald. Das Schloss. Er.
Und begann zu gehen.
Der Wald war anders im Morgenlicht. Nicht weniger bedrohlich, aber… ruhiger. Die Bäume standen noch immer dicht, ihre Kronen verwoben zu einem natürlichen Dach. Aber das Gefühl der Orientierungslosigkeit, das gestern so überwältigend gewesen war, war verschwunden. Stattdessen gab es einen Pfad. Nicht sichtbar, nicht wirklich. Aber Erik konnte ihn spüren. Als würde etwas ihn führen. Als würde der Wald selbst ihm den Weg zeigen.
Er folgte dem Pfad. Ging über Wurzeln und durch Farne, durch Bäche und über moosbedeckte Steine. Sein verstauchter Knöchel schmerzte, aber der Schmerz schien fern, unwichtig. Das Ziehen in seiner Brust war jetzt ein Sog, eine Kraft, die ihn vorwärts zog, schneller, dringlicher.
Er versuchte sich einzureden, dass er eine Wahl hatte. Dass er jederzeit umkehren könnte. Aber sein Körper gehorchte nicht mehr seinen Gedanken. Seine Füße trugen ihn vorwärts, automatisch, unaufhaltsam.
Wie lange er ging, konnte er nicht sagen. Zeit hatte ihre Bedeutung verloren. Aber irgendwann öffnete sich der Wald, und da war sie. Die Lichtung. Das Schloss.
Erik blieb am Waldrand stehen und starrte.
Das Schloss sah anders aus im Tageslicht. Nicht weniger düster, aber… verwundbarer. Die Schäden, die das Feuer angerichtet hatte, waren deutlich sichtbar. Der Turm war ein Trümmerhaufen, ein Berg aus zerbrochenen Steinen und verkohlten Balken. Teile der Hauptmauer waren eingestürzt, klafften wie offene Wunden. Rauchschwaden stiegen noch immer auf, dünn und zittrig, wie die letzten Atemzüge eines sterbenden Tieres.
Aber das Schloss stand noch. Beschädigt, gebrochen, aber nicht tot.
Genau wie Er.
Erik überquerte die Lichtung. Mit jedem Schritt wurde das Ziehen schwächer, verwandelte sich in ein Gefühl von… Heimkommen. Als würde er an einen Ort zurückkehren, an den er gehörte. Die Vorstellung machte ihm übel, aber er konnte sie nicht abschütteln.
Das Tor stand offen. Einladend. Erik trat hindurch.
Der Hof war von Trümmern übersät. Steine, Holzstücke, zerbrochene Dachziegel. Und zwischen den Trümmern: Blutspuren. Frisch. Sie führten von dem zerstörten Turm quer über den Hof zur Haupteingangstür.
Erik folgte ihnen.
Die Tür war angelehnt. Er schob sie auf, trat ein.
Die Eingangshalle war dunkler als beim letzten Mal. Staub hing dick in der Luft, tanzte in den schwachen Lichtstrahlen, die durch die zerbrochenen Fenster fielen. Die große Treppe war teilweise eingestürzt, ihre Stufen aufgebrochen wie schlechte Zähne. Und überall Blutspuren. Mehr jetzt, deutlicher. Sie führten die Wände hinauf, über die Decke, als hätte etwas – etwas Verletztes, etwas Verzweifeltes – sich durch die Halle geschleppt.
„Ich wusste, dass du kommen würdest.“
Die Stimme kam von oben. Erik blickte auf.
Er stand auf der Galerie. Oder das, was von ihr übrig war. Eine dunkle Gestalt, zusammengesunken gegen das Geländer. Im schwachen Licht konnte Erik Details erkennen, die er lieber nicht gesehen hätte.
Der Vampir war schwer verletzt. Seine Kleidung war zerrissen, verbrannt, hing in Fetzen an seinem Körper. Die Haut darunter war blass, fast durchsichtig, gespannt über Knochen, die an manchen Stellen durchschimmerten. Eine Seite seines Gesichts war verbrannt, das Fleisch schwarz und aufgeplatzt. Und sein linker Arm hing in einem unnatürlichen Winkel, offensichtlich gebrochen.
Aber Er lebte. Und Seine Augen – diese schrecklichen, glühenden Augen – waren so intensiv wie eh und je.
„Du hast mich überrascht“, sagte der Vampir. Seine Stimme war heiser, unterbrochen von einem rasselnden Atem. „Das passiert nicht oft. Nicht mehr. Nicht in meinem Alter.“ Er lachte, ein schreckliches, gurgelndes Geräusch. „Jahrhunderte habe ich gelebt, Erik. Jahrhunderte. Und du – ein Junge, kaum mehr als ein Kind – du hast mehr Schaden angerichtet als alle Jäger, Priester und Krieger zusammen, die vor dir kamen.“
Erik sagte nichts. Stand nur da, seine Hände zu Fäusten geballt.
„Aber du hast einen Fehler gemacht“, fuhr der Vampir fort. Er schob sich vom Geländer ab, begann langsam die Treppe hinunterzusteigen. Jeder Schritt schien ihm Schmerzen zu bereiten, aber Er kam trotzdem näher. „Du hast gedacht, du könntest mich töten. Dachtest, das Feuer, der einstürzende Turm würden ausreichen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe den Schwarzen Tod überlebt, Erik. Habe die Inquisition überlebt. Habe Kriege überlebt, die ganze Königreiche ausgelöscht haben. Glaubst du wirklich, ein bisschen Feuer könnte mich töten?“
„Du bist verletzt“, sagte Erik. Seine Stimme klang fremder als beabsichtigt. „Du bist schwach.“
„Schwach, ja.“ Der Vampir erreichte den Fuß der Treppe. Stand nun nur wenige Meter von Erik entfernt. „Aber nicht besiegt. Und nicht allein.“
Erst jetzt bemerkte Erik sie. Schatten, die sich an den Rändern der Halle bewegten. Gestalten, die aus den Korridoren traten. Diener. Aber nicht seine Urgroßeltern. Andere. Ältere vielleicht, oder neuere. Ihre Gesichter waren leer, ihre Augen glasig. Sie bewegten sich wie Marionetten, deren Fäden von unsichtbaren Händen gezogen wurden.
„Sie gehören mir“, sagte der Vampir. „So wie du mir bald gehören wirst.“
„Ich werde dir nie gehören“, presste Erik hervor.
„Wirst du nicht?“ Der Vampir neigte den Kopf. „Dann warum bist du hier, Erik? Warum bist du zurückgekommen?“
Erik konnte nicht antworten. Weil er die Wahrheit kannte. Weil Er Recht hatte.
„Du spürst es bereits“, sagte der Vampir leise. „Die Bindung. Sie wächst mit jedem Moment, den du in meiner Nähe verbringst. Mit jedem Atemzug, den du in diesen Mauern nimmst. Du dachtest, eine Nacht wäre nicht genug. Aber du hast mein Blut gerochen, Erik. Meine Essenz eingeatmet. Bist durch meine Korridore gegangen, hast meine Luft geatmet. Das ist alles, was es braucht. Das ist alles, was es je brauchte.“
„Nein“, flüsterte Erik. Aber selbst während er es sagte, spürte er die Wahrheit. Das Ziehen war verschwunden. Stattdessen war da ein Gefühl von… Zugehörigkeit. Als wäre dies sein Platz. Als hätte er hier immer hingehört.
„Du kannst kämpfen“, sagte der Vampir. „Die meisten tun es. Für eine Weile. Aber am Ende geben sie alle auf. Am Ende akzeptieren sie alle, was sie geworden sind.“ Er trat näher. „Ich biete dir etwas, Erik. Etwas, das deine Vorfahren nie hatten. Eine Wahl.“
„Was für eine Wahl?“
„Du kannst ein Diener sein. Wie sie alle. Gebunden, gehorchend, bestehend in der Ewigkeit als mein Eigentum.“ Der Vampir hob seine unverletzte Hand. „Oder…“ Er lächelte, und es war ein schreckliches Lächeln, voller gebrochener Zähne und dunkler Versprechen. „Du kannst etwas mehr sein. Du kannst werden wie ich.“
Eriks Blut gefror. „Ein Vampir.“
„Ein Unsterblicher. Ein Ewiger. Frei von der Schwäche des sterblichen Fleisches. Frei von Krankheit, Alter, Tod.“ Der Vampir streckte seine Hand aus. „Du hast Mut bewiesen, Erik. Stärke. Das sind Qualitäten, die ich schätze. Qualitäten, die selten sind. Ich habe in Jahrhunderten niemanden verwandelt. Aber dich…“ Seine Augen glühten heller. „Dich könnte ich als Gefährten nehmen. Als Gleichgestellten. Gemeinsam könnten wir dieses Schloss wieder aufbauen. Könnten neue Diener finden. Könnten herrschen über die Nacht.“
„Ich würde eher sterben“, sagte Erik.
„Würdest du das?“ Der Vampir ließ seine Hand sinken. „Dann erkläre mir, warum du nicht schon tot bist. Du hattest Zeit, Erik. Zeit, zu fliehen. Zeit, dir das Leben zu nehmen, wie deine Vorfahren es taten. Aber du bist hier. Du bist zurückgekommen.“ Er trat noch näher, so nah, dass Erik seinen Atem riechen konnte – kalt und metallisch, nach altem Blut. „Vielleicht willst du sterben. Aber ein Teil von dir – ein tieferer, ehrlicherer Teil – will überleben. Will bestehen. Und ich biete dir diese Möglichkeit.“
Erik wich zurück. Sein Verstand wirbelte. Alles in ihm schrie, zu rennen, zu kämpfen, irgendetwas zu tun. Aber sein Körper gehorchte nicht. Die Bindung war zu stark. Oder vielleicht… vielleicht hatte der Vampir Recht. Vielleicht wollte ein Teil von ihm dies tatsächlich.
„Wie lange“, flüsterte Erik, „bis ich werde wie du?“
„Die Verwandlung dauert drei Nächte“, sagte der Vampir. „Drei Nächte des Leidens, des Brennens, des Sterbens und Wiedergeboren-Werdens. Es ist nicht angenehm. Aber am Ende…“ Er lächelte wieder. „Am Ende bist du frei. Wahrhaft frei.“
„Frei, um zu morden. Um zu töten. Um zu werden, was du bist.“
„Um zu werden, was ich bin“, bestätigte der Vampir. „Ein Raubtier. Ein Herrscher der Dunkelheit. Ist das so schrecklich? Die Menschen, die du töten würdest – sie sterben sowieso. In sechzig, siebzig Jahren, falls sie Glück haben. Was spielt es für eine Rolle, ob sie heute sterben oder morgen?“
„Es spielt eine Rolle für sie.“
„Tut es das?“ Der Vampir neigte den Kopf. „Hast du jemals beobachtet, wie Menschen sterben, Erik? Hast du gesehen, wie Krankheit ihren Körper auffrisst? Wie Alter sie zu Schatten ihrer selbst macht? Wie Angst und Verzweiflung sie in ihren letzten Momenten quälen? Der Tod, den ich bringe, ist schnell. Barmherzig, in einer Weise. Und das Blut…“ Seine Augen schlossen sich für einen Moment, ein Ausdruck beinahe ekstatisch. „Das Blut gibt mir Kraft. Erhält mich. Erlaubt mir zu bestehen, während Königreiche fallen und Zivilisationen zu Staub werden. Ist das nicht ein fairer Handel?“
„Nein“, sagte Erik. Aber seine Stimme war schwächer geworden. Unsicherer.
Der Vampir öffnete die Augen wieder. „Du bist noch jung. Noch voller menschlicher Sentimentalität. Aber das wird vergehen. Mit der Zeit werden all diese Bedenken, diese Ängste, diese moralischen Zweifel… sie werden verblassen wie alte Fotografien. Und dann wirst du verstehen.“ Er streckte seine Hand wieder aus. „Nimm meine Hand, Erik. Lass mich dich befreien. Von der Sterblichkeit. Von der Angst. Von allem, was dich menschlich macht und schwach.“
Erik starrte auf die ausgestreckte Hand. Die Finger waren lang, die Nägel scharf wie Klauen. Die Haut war blass, durchzogen von dunklen Adern. Es war die Hand eines Monsters.
Aber es war auch die Hand eines Angebots. Einer Möglichkeit. Eines Auswegs aus der Unausweichlichkeit des Todes.
Eriks eigene Hand zitterte. Hob sich. Bewegte sich langsam, unwillkürlich, zur ausgestreckten Hand des Vampirs.
Und dann, in dem Moment, bevor ihre Hände sich berührten, sah Erik etwas.
Am Rand seines Sichtfelds. Eine Bewegung.
Eine Gestalt, die aus einem der Seitenkorridore trat. Nicht einer der leeren, gehorsamen Diener. Jemand anderes. Jemand, der sich bewegte mit Absicht, mit Willen.
Clara.
Sie sah schrecklich aus. Ihr Gesicht war eingefallen, ihre Haut grau. Ihre Kleidung hing in Fetzen an ihrem Körper. Aber ihre Augen – ihre Augen waren klar. Wach. Und in ihren Händen hielt sie etwas.
Einen Holzpflock. Grob geschnitzt, aber scharf. Und eine Fackel.
Der Vampir bemerkte sie im selben Moment. Seine Augen weiteten sich. Er wirbelte herum, schneller als Erik folgen konnte.
Aber Clara war schneller.
Sie stieß den Pflock vorwärts, mit aller Kraft, die ihr verblieb. Die Spitze traf den Vampir in der Brust, durchbohrte das verbrannte Fleisch, drang tief ein.
Der Vampir schrie. Ein Geräusch wie zerbrechendes Glas und sterbende Tiere, so laut, dass Erik die Hände über die Ohren presste. Die Gestalt taumelte rückwärts, griff nach dem Pflock, versuchte ihn herauszuziehen.
Aber Clara war noch nicht fertig. Sie hob die Fackel, drückte die Flamme gegen die zerfetzten, ölgetränkten Stofffetzen, die noch an des Vampirs Körper hingen.
Sie entzündeten sich sofort.
Flammen rasten über den Körper des Vampirs, kletterten seinen Hals hinauf, fraßen sich in sein Gesicht. Der Schrei wurde lauter, durchdringender, füllte die gesamte Halle.
Die anderen Diener – die leeren, kontrollierten – brachen zusammen. Fielen wie Marionetten, deren Fäden durchtrennt wurden. Einige zuckten, andere lagen einfach still.
Der Vampir fiel auf die Knie. Flammen umhüllten ihn jetzt vollständig, verwandelten ihn in eine lebende Fackel. Aber Seine Augen – diese schrecklichen, glühenden Augen – fanden Erik noch einmal.
„Du…“, keuchte Er. „Du hättest… unsterblich sein können…“
Dann fiel Er nach vorne. Sein Körper krümmte sich, schrumpfte, verbrannte. Das Feuer fraß sich durch das uralte Fleisch, verwandelte es zu Asche.
Erik stand wie erstarrt. Konnte nicht glauben, was er sah. Nach allem – nach dem Feuer, dem Turm, der Flucht – war es Clara gewesen. Clara, die zurückgekehrt war. Clara, die das getan hatte, was er nicht konnte.
Sie stand über dem brennenden Körper, die Fackel noch immer in der Hand. Tränen liefen über ihr Gesicht, aber sie lächelte. Ein erschöpftes, erlöstes Lächeln.
„Für alle von uns“, flüsterte sie. „Für jeden, der je hier gefangen war.“
Der Körper des Vampirs brannte noch immer, aber die Flammen begannen zu sterben. Was übrig blieb, war kaum noch als menschlich – oder einst menschlich – erkennbar. Nur verkohlte Knochen und Asche.
Erik fiel auf die Knie. Die Erleichterung, die durch ihn strömte, war so überwältigend, dass er nicht stehen bleiben konnte. Es war vorbei. Wirklich vorbei.
„Clara“, brachte er heraus. „Wie… warum bist du…?“
Sie wandte sich ihm zu. „Ich wollte zurückkommen“, sagte sie leise. „Die Bindung war zu stark. Aber als ich hier ankam, als ich Ihn sah – so verletzt, so schwach – da wusste ich. Das war die Chance. Die einzige Chance, die wir je haben würden.“ Sie ließ die Fackel fallen, sank neben Erik auf den Boden. „Ich konnte nicht frei sein. Aber ich konnte sicherstellen, dass niemand sonst jemals wieder gefangen wird.“
Erik griff nach ihrer Hand. Sie war eiskalt, zittrig. „Danke“, flüsterte er.
Sie nickte. Dann schlossen sich ihre Augen. Ihr Körper sackte zusammen.
„Clara?“ Erik rüttelte sie. „Clara, bleib bei mir.“
Aber sie reagierte nicht. Ihr Atem wurde flacher, langsamer. Und dann hörte er auf.
Die Bindung war gebrochen. Und ohne sie, ohne die unnatürliche Kraft, die sie über ein Jahrhundert am Leben erhalten hatte, war Clara endlich sterblich geworden. Und gestorben.
Erik hielt sie, während die Stille sich über die Halle legte. Die anderen Diener regten sich nicht. Einige atmeten noch, schwach, aber die meisten waren bereits tot. Befreit durch den Tod ihres Meisters.
Langsam, vorsichtig, legte Erik Claras Körper auf den Boden. Stand auf. Blickte sich um.
Das Schloss fühlte sich anders an. Leerer. Als hätte etwas, das es bewohnt hatte – etwas Lebendiges, Böswilliges – es endlich verlassen. Die Wände waren nur noch Wände. Die Schatten nur noch Schatten.
Erik ging zur Tür. Trat hinaus in den Hof. Die Sonne war höher gestiegen, durchbrach sogar teilweise die Wolken. Ihr Licht fiel auf die Ruinen, auf die Trümmer, verwandelte die Zerstörung in etwas fast Schönes.
Er ging zum Tor. Streckte die Hand aus. Berührte das Metall.
Keine Schmerzen. Keine Bindung. Nichts.
Er war frei.
Erik ging durch das Tor. Über die Lichtung. In den Wald. Und diesmal führte der Wald ihn nicht im Kreis. Er fand den Weg zur Straße, zu seinem Auto, das noch immer dort stand, wo er es verlassen hatte.
Er stieg ein. Startete den Motor. Fuhr.
Und sah nicht zurück.
Wochen später saß Erik in seiner Wohnung, Hunderte Kilometer entfernt. Die physischen Wunden waren verheilt – der verstauchte Knöchel, die Schürfwunden, die Prellungen. Aber die Erinnerungen blieben. Die Albträume kamen jede Nacht.
Er hatte versucht, darüber zu berichten. Hatte die Polizei kontaktiert, von den Dienern erzählt, vom Schloss. Aber sie hatten ihm nicht geglaubt. Natürlich nicht. Die Geschichte war zu unglaublich, zu fantastisch.
Sie hatten das Dorf besucht. Hatten das ausgebrannte Haus gefunden, in dem Herr Bachmann die Diener befreit hatte. Hatten die Überreste – zu viele Überreste – für das Ergebnis eines tragischen Unfalls gehalten. Ein altes Haus, schlecht isoliert, ein Feuer in der Nacht. Diese Dinge passierten.
Das Schloss hatten sie nicht gefunden. Der Wald hatte es geschluckt, sagte die Polizei. Es gab keine Straßen dorthin, keine Wege. Und die Satellitenbilder zeigten nur Bäume. Vielleicht hatte sich Erik geirrt. Vielleicht war das Schloss woanders. Oder nirgends.
Aber Erik wusste die Wahrheit. Das Schloss war noch da. Leer jetzt, tot, aber da. Ein Grabmal für all jene, die nie entkommen waren.
Er hatte die Briefe von Elise behalten. Das Foto. Den Schlüssel. Sie lagen jetzt in einem Karton auf seinem Schreibtisch, zusammen mit anderen Dingen, die er aus dem Schloss mitgenommen hatte. Ein verkohltes Fragment aus Claras Tagebuch. Ein Stück des Holzpflocks. Die kleine Holzfigur, die Herr Bachmann ihm gegeben hatte.
Beweise. Erinnerungen. Mahnungen.
Erik hatte sich verändert. Er merkte es selbst. Die Welt sah anders aus jetzt. Dunkler. Er sah Schatten, wo früher keine waren. Hörte Dinge in der Stille. Und manchmal, wenn er durch die Straßen ging, spürte er es – eine Präsenz, etwas Altes, etwas Hungriges, das in den Winkeln der Zivilisation lauerte.
Die Polizei glaubte ihm nicht. Aber es gab andere.
Drei Tage nach seiner Rückkehr hatte er einen Brief erhalten. Keine Briefmarke, keine Absenderadresse. Nur sein Name auf dem Umschlag, in altmodischer Handschrift geschrieben.
Drinnen war eine einzelne Karte gewesen. Schweres, cremefarbenes Papier, mit einer geprägten Kante. Darauf stand nur:
Sie haben überlebt, was die meisten nicht überleben. Sie haben gesehen, was die meisten nie sehen. Wenn Sie mehr wissen wollen über das, was in der Dunkelheit lauert – und wie man es bekämpft – rufen Sie diese Nummer an.
Darunter eine Telefonnummer. Sonst nichts.
Erik hatte die Karte tagelang angestarrt. Hatte sie weggeworfen, dann wieder aus dem Müll geholt. Hatte die Nummer in sein Handy eingegeben, ohne anzurufen.
Bis gestern.
Gestern hatte er in den Nachrichten etwas gesehen. Ein Bericht über eine Serie mysteriöser Todesfälle in München. Junge Menschen, gesund, die plötzlich zusammenbrachen. Alle mit denselben Symptomen: extreme Blutarmut, blasse Haut, zwei kleine Wunden am Hals, die die Ärzte nicht erklären konnten.
Die offizielle Erklärung war eine unbekannte Virusinfektion. Aber Erik hatte die Fotos gesehen. Hatte die Beschreibungen gelesen. Und er wusste.
Er kannte diese Zeichen.
Also hatte er die Nummer angerufen.
Eine Frauenstimme hatte geantwortet. Ruhig, professionell, aber mit einem Unterton, der andeutete, dass sie genau wusste, wer er war.
„Herr Nachtwald. Wir haben auf Ihren Anruf gewartet.“
„Wer sind Sie?“
„Eine Organisation, die sich mit… ungewöhnlichen Fällen befasst. Fälle, die die Behörden nicht verstehen. Nicht verstehen wollen.“ Eine Pause. „Wir haben Ihre Geschichte verfolgt. Schloss Falkenstein. Der Vampir. Ihre Urgroßeltern. Sie haben bemerkenswerten Mut und Einfallsreichtum bewiesen.“
„Woher wissen Sie—“
„Wir wissen vieles, Herr Nachtwald. Und wir glauben, dass Sie ein Talent haben. Ein Talent, das selten ist. Die Fähigkeit, nicht nur zu überleben, sondern zu kämpfen. Zu gewinnen.“
Erik hatte geschwiegen, sein Herz hämmerte.
„Die Vorfälle in München“, hatte die Frau fortgefahren. „Sie haben davon gehört?“
„Ja.“
„Dann wissen Sie, dass es noch mehr gibt. Mehr wie Ihn. Nicht viele, aber genug. Sie verstecken sich in den Schatten unserer Welt. Sie jagen. Sie töten. Und niemand glaubt, dass sie real sind.“ Ihre Stimme wurde eindringlicher. „Aber Sie wissen es besser. Sie haben es erlebt.“
„Was wollen Sie von mir?“
„Ihre Hilfe. Wir haben Ressourcen, Informationen, Werkzeuge. Aber wir brauchen jemanden wie Sie. Jemanden, der ins Feld gehen kann. Der sich der Dunkelheit stellen kann.“ Eine Pause. „Jemanden, der bereit ist zu jagen.“
Erik hatte lange geschwiegen. Hatte an Elise gedacht. An Friedrich. An Clara. An all die Seelen, die in diesem Schloss gefangen gewesen waren.
„Ich muss darüber nachdenken“, hatte er schließlich gesagt.
„Natürlich. Aber nicht zu lange, Herr Nachtwald. In München sterben Menschen. Und morgen wird es eine andere Stadt sein. Eine andere Kreatur.“
Sie hatte ihm eine Adresse gegeben. Ein Café in der Innenstadt. Morgen, 14 Uhr.
„Wenn Sie kommen“, hatte sie gesagt, „bringen Sie mit, was Sie aus dem Schloss mitgenommen haben. Insbesondere den Schlüssel. Er könnte wichtiger sein, als Sie denken.“
Dann hatte sie aufgelegt.
Jetzt saß Erik an seinem Schreibtisch und starrte auf den Karton. Auf die Beweise seiner Reise in die Dunkelheit. Auf die Erinnerung an Menschen, die er nicht hatte retten können.
Aber vielleicht konnte er andere retten.
Vielleicht war das, was ihm im Schloss Falkenstein widerfahren war, nicht das Ende gewesen. Sondern der Anfang.
Er griff nach dem eisernen Schlüssel. Drehte ihn in seinen Händen. Das Metall fühlte sich warm an, fast lebendig. Die Ornamente schienen im Licht zu flackern, als wären sie mehr als nur Dekoration.
Westflügel, stand auf der Plakette.
Aber vielleicht war es mehr als das. Vielleicht war es ein Schlüssel zu etwas Größerem. Zu einem Verständnis der Dunkelheit, die er bekämpft hatte.
Erik stand auf. Ging zum Fenster. Draußen lag die Stadt, hell erleuchtet, voller Leben. Aber er wusste jetzt, was in den Schatten lauerte. Was zwischen den Lichtern wartete.
Und er wusste, dass er nicht wegsehen konnte.
Er packte den Karton zusammen. Schloss ihn. Stellte ihn neben seine Reisetasche.
Morgen würde er zu dem Treffen gehen. Würde hören, was diese Organisation zu sagen hatte. Würde entscheiden, ob er bereit war, diesen Weg zu gehen.
Der Weg des Jägers.
Erik blickte ein letztes Mal aus dem Fenster. Die Nacht war hereingebrochen, verwandelte die Stadt in ein Meer aus Lichtern und Schatten. Irgendwo da draußen, in einer anderen Stadt, tötete etwas Unschuldige. Etwas, das die Welt für unmöglich hielt.
Aber Erik wusste es besser.
Und bald würde diese Kreatur wissen, dass es jemanden gab, der zurückkämpfte.
Er lächelte. Zum ersten Mal seit Wochen war es kein trauriges Lächeln. Es war entschlossen.
Die Dunkelheit hatte ihn nicht gebrochen.
Sie hatte ihn geschmiedet.
Am nächsten Sonntag (21.12.) beginnen wir mit Band 2: Das Kind der Nacht