Band 2: Das Kind der Nacht (fünfter Teil)

KAPITEL 12

Das Ritual der Umkehr

Die Welt schien stillzustehen.

Katalin stand dort, zehn Meter entfernt, gekleidet in ein elegantes schwarzes Kleid, als wäre sie auf dem Weg zu einer Gala. Ihr Haar fiel offen über ihre Schultern, ihr Gesicht war zeitlos schön – und absolut emotionslos.

„Mutter“, flüsterte Helena.

„Tochter.“ Katalins Stimme war sanft, fast liebevoll. „Wie schön, dich wiederzusehen. Unter… besseren Umständen.“

„Was meinst du mit ‚Helena gegen den Schlüssel‘?“ Eriks Stimme war schärfer als beabsichtigt.

„Genau das, was ich sage.“ Katalin kam näher, ihre Bewegungen waren fließend, hypnotisch. „Du gibst mir den Seelenschlüssel. Dafür gebe ich dir die drei Babys. Und Helena kommt mit mir.“

„Das ist Wahnsinn“, sagte Marcus von seinem Versteck. „Helena ist keine Ware!“

„Aber der Schlüssel ist es?“ Katalin lächelte. „Interessante Prioritäten habt ihr, Jäger.“

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin“, sagte Helena. Ihre Hand bewegte sich zu ihrer Waffe am Boden.

„Lass das.“ Katalins Augen glühten plötzlich auf, intensiv rot. „Berühr die Waffe, und der Priester stirbt. Dann die anderen. Und dann du.“

Helenas Hand erstarrte.

„Gut.“ Katalin entspannte sich wieder. „Siehst du, ich bin nicht hier, um zu töten. Im Gegenteil. Ich bin hier, um Leben zu retten. Drei kleine Leben. Alles, was ich verlange, ist ein Gespräch. Mit meiner Tochter. Privat.“

„Ein Gespräch“, wiederholte Helena skeptisch. „Das ist alles?“

„Das ist alles. Kein Zwang. Keine Verwandlung. Nur ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter.“ Katalin hielt ihre Hände hoch, die Handflächen offen. „Danach kannst du gehen. Wenn du willst.“

„Und der Schlüssel?“

„Bleibt bei mir. Als… Versicherung.“ Katalin sah zu Erik. „Aber keine Sorge, junger Träger. Ich werde ihn gut behandeln. Wie ein Teil meiner Familie.“

„Der Schlüssel ist keine Person“, sagte Erik.

„Bist du sicher?“ Katalins Lächeln wurde rätselhaft. „Du fühlst sein Herz schlagen. Du spürst seinen Willen. Wie ist das anders als eine Person?“

Erik hatte keine Antwort darauf.

„Helena, tu es nicht“, sagte Thomas, seine Stimme schwach vom Schlag. „Sie manipuliert dich.“

„Natürlich tue ich das“, sagte Katalin unverblümt. „Manipulation ist mein Handwerk. Aber das macht mein Angebot nicht weniger real. Drei Babys. Für ein Gespräch und ein altes Stück Metall.“

„Und wenn Helena nein sagt?“ fragte Erik.

„Dann gehen wir alle mit leeren Händen nach Hause. Ihr ohne die Babys. Ich ohne den Schlüssel oder meine Tochter.“ Katalin zuckte mit den Schultern. „Aber die Babys bleiben bei mir. Und in sieben Monaten, zur Sommersonnenwende, werden sie Teil von etwas Größerem. Etwas Wunderbarem.“

„Etwas Schrecklichem“, korrigierte Helena.

„Das ist eine Frage der Perspektive.“ Katalin trat noch näher, jetzt nur noch fünf Meter entfernt. „Helena, meine Liebe, ich weiß, du hast Angst. Angst vor mir, angst vor dem, was ich bin. Aber ich bin immer noch deine Mutter. Ich habe dich neun Monate getragen. Ich habe dich geboren. Dieses Band kann nicht gebrochen werden.“

„Du hast mich weggegeben.“

„Weil ich dachte, es wäre besser für dich. Ein normales Leben, ohne die Bürde des Wissens.“ Katalins Augen wurden weich – oder sie täuschte es vor. „Aber jetzt bist du hier. Du kennst die Wahrheit. Und ich gebe dir die Chance, sie vollständig zu verstehen.“

Helena schwieg lange. Erik konnte sehen, wie sie kämpfte, zerrissen zwischen Pflicht und Neugier, zwischen Hass und etwas anderem.

„Eine Stunde“, sagte Helena schließlich. „Du bekommst eine Stunde. Und die Babys werden zuerst übergeben.“

„Helena, nein!“ Marcus‘ Stimme war scharf. „Das ist—“

„Meine Entscheidung“, unterbrach Helena. Sie sah Erik an. „Der Schlüssel bleibt bei dir. Gib ihn nicht her.“

„Aber—“

„Das ist ein Befehl.“ Helenas Augen waren fest. „Bewahre ihn. Schütze ihn. Koste es, was es wolle.“

Erik nickte langsam, fühlte das Gewicht ihrer Worte.

Katalin lächelte triumphierend. „Weise Entscheidung, Tochter. Dimitri?“

Dimitri trat vor, sprach leise in ein Funkgerät. Minuten später erschienen zwei weitere Vampire, trugen drei Babyschalen.

Sie stellten sie in der Mitte des Platzes ab, zehn Meter von Erik entfernt.

„Die Babys“, sagte Katalin. „Wie versprochen. Unversehrt.“

Marcus kam aus der Dunkelheit, vorsichtig, die Waffe immer noch auf die Vampire gerichtet. Er überprüfte jede Babyschale.

„Sie leben“, bestätigte er angespannt. „Aber sie sind noch infiziert. Die Wunden sind da.“

„Natürlich sind sie noch infiziert“, sagte Katalin. „Das Umkehrritual muss noch durchgeführt werden. Aber sie sind am Leben. Das war der Handel.“

„Du hast gesagt, sie wären geheilt!“

„Ich sagte, sie wären unversehrt. Und das sind sie. Keine neuen Verletzungen, kein zusätzliches Leid.“ Katalins Stimme wurde kälter. „Wenn du mehr erwartet hast, war das dein Missverständnis.“

„Das ist Betrug!“

„Das ist Verhandlung.“ Katalin wandte sich Helena zu. „Kommst du nun? Oder müssen wir noch länger in der Kälte stehen?“

Helena sah zu Thomas, der jetzt vom Vampir losgelassen worden war und zu Boden gesackt war. Dann zu Marcus, der die Babys schützend an sich zog. Und schließlich zu Erik.

„Pass auf sie auf“, sagte sie leise. „Auf alle.“

„Helena—“

„Verspreche es mir.“

Erik nickte, zu angespannt zum Sprechen.

Helena ging zu Katalin. Mutter und Tochter standen sich gegenüber, zwei Spiegelbilder aus verschiedenen Zeiten.

„Keine Tricks“, sagte Helena. „Eine Stunde. Dann lässt du mich gehen.“

„Keine Tricks“, bestätigte Katalin. Sie streckte ihre Hand aus.

Nach einem langen Moment nahm Helena sie.

„Valentina, Dimitri – mit mir. Die anderen, bleibt und… beobachtet.“ Katalin lächelte zu Erik. „Wir sehen uns bald wieder, Träger. Ich hoffe, du nutzt diese Zeit weise.“

Sie verschwanden. Einfach so. Helena, Katalin, Dimitri und Valentina lösten sich in die Schatten auf, zu schnell für das Auge.

Zurück blieben Erik, Thomas, Marcus, die drei Babys, und ein halbes Dutzend Vampire, die sie aus der Dunkelheit beobachteten.

„Was jetzt?“ flüsterte Erik.

„Jetzt“, sagte Marcus und hob vorsichtig die Babyschalen auf, „bringen wir diese Kinder nach Hause. Und beten, dass Helena weiß, was sie tut.“


Die Rückfahrt zur Zentrale war angespannt.

Marcus fuhr mit den drei Babyschalen im Fond. Thomas saß vorne, hielt seine Kopfwunde. Erik auf dem Beifahrersitz, den Seelenschlüssel umklammernd, beobachtete die Straßen hinter ihnen.

„Sie folgen uns nicht“, sagte Marcus nach einigen Minuten. „Zumindest nicht offensichtlich.“

„Katalin hat, was sie will“, murmelte Thomas. „Helena.“

„Aber nicht den Schlüssel.“ Erik sah auf das Artefakt. „Warum hat sie nicht darauf bestanden?“

„Weil sie Zeit kauft“, sagte Marcus. „Eine Stunde mit Helena. Was kann sie in einer Stunde tun?“

„Überzeugen. Manipulieren. Säen von Zweifeln.“ Thomas‘ Stimme war schwach. „Katalin ist Jahrhunderte alt. Sie weiß, wie man Menschen bricht. Nicht durch Gewalt, sondern durch Worte.“

„Helena ist stark.“

„Ist sie?“ Thomas sah zu Erik. „Sie hat gerade herausgefunden, dass ihre Mutter die Quelle allen Übels ist. Dass ihr ganzes Leben eine Lüge war. Wie stark kann jemand sein unter solchem Gewicht?“

Erik hatte keine Antwort.

Sie erreichten die Zentrale. Yuki wartete bereits, blass und nervös.

„Ich habe alles gesehen“, sagte sie, als sie ausstiegen. „Die Kameras… Helena ging freiwillig mit ihr.“

„Sie hatte keine Wahl.“ Marcus trug die Babyschalen hinein. „Wo sollen wir sie hinbringen?“

„Der medizinische Raum. Ich habe alles vorbereitet für die Rituale.“ Yuki sah die Babys an, ihr Gesicht wurde weich. „Die armen Dinger. Wie schlimm ist es?“

„Schlimm.“ Thomas folgte schwankend. „Wir müssen sofort beginnen. Je länger wir warten, desto stärker wird die Dunkelheit.“

Sie trugen die Babys in einen Raum, den Erik noch nicht gesehen hatte. Er war größer als die anderen, ausgestattet wie ein kleines Krankenhauszimmer, aber mit Zusätzen – Kerzen in den Ecken, Kreidekreise am Boden, Regale voller okkulter Artefakte.

„Drei Rituale, nacheinander“, sagte Thomas und begann, die Utensilien vorzubereiten. „Wir müssen schnell sein.“

„Können wir das ohne Helena?“ fragte Yuki.

„Wir müssen.“ Thomas sah zu Erik. „Du hast Lukas und Sophie gerettet. Du kannst diese auch retten.“

„Aber ich war erschöpft nach nur einem Ritual. Drei—“

„Werden dich fast umbringen, ja.“ Thomas‘ Lächeln war traurig. „Aber fast ist nicht ganz. Du bist jung. Du bist stark. Du wirst überleben.“

„Und wenn nicht?“

„Dann sterben diese Kinder.“ Thomas‘ Worte waren hart, aber ehrlich. „Wahl ist eine Illusion, Erik. Manchmal gibt es nur Pflicht.“

Erik atmete tief durch. „Dann lass uns anfangen.“


Das erste Ritual war für Baby Leon Müller. Vier Wochen alt, erste Infektion vor zwei Wochen.

Erik folgte dem vertrauten Ablauf. Das Blut der Mutter – Frau Müller war in der Zentrale, herbeigeholt von Marcus. Das Blut des Kindes. Sein eigenes Blut.

Das leuchtende Wasser. Der Segen. Und dann der Seelenschlüssel.

Erik rief das Licht. Es kam leichter diesmal, als hätte der Schlüssel gelernt, ihm zu gehorchen.

Die Dunkelheit sickerte aus Leon. Schwarz, ölig, widerwärtig. Sie wand sich, versuchte zu fliehen, aber das Licht hielt sie fest.

Lass uns, flüsterte die Dunkelheit. Er gehört uns.

„Nein“, presste Erik hervor.

Du bist schwach. Du kannst nicht drei retten. Du wirst scheitern.

„Ich werde nicht scheitern.“

Das Licht intensivierte sich. Die Dunkelheit schrie – ein hoher, gellender Ton, der physisch wehtat – und zerfiel dann zu Rauch.

Leon atmete. Normal. Menschlich.

Das erste Ritual war vollbracht.

Erik sank auf einen Stuhl, schweißgebadet, zitternd.

„Trink das.“ Yuki reichte ihm eine Flasche Wasser. „Du brauchst Flüssigkeit. Und das.“ Eine Tablette.

„Was ist das?“

„Multivitamine. Und ein leichtes Stimulans. Um dich wach zu halten.“ Yuki‘ Gesicht war besorgt. „Erik, bist du sicher, dass du weitermachen kannst?“

„Ich muss.“ Erik trank, schluckte die Tablette. „Wie viel Zeit ist vergangen?“

„Zwanzig Minuten.“

Zwanzig Minuten. Das bedeutete, Helena war seit fast einer halben Stunde bei Katalin.

Was passiert dort?

„Nächstes Baby“, sagte Thomas. „Emma Schneider. Sechs Wochen alt. Erste Infektion vor drei Wochen.“

Emma war schlimmer. Die Verwandlung war weiter fortgeschritten. Die Wunden tiefer, die Haut blasser.

Das Ritual begann. Blut, Segen, Schlüssel.

Aber diesmal wehrte sich die Dunkelheit stärker.

Sie strömte aus Emma nicht als Sickern, sondern als Flut. Schwarz und massiv, füllte den Raum mit Kälte.

Erik hielt den Schlüssel höher, rief mehr Licht.

Aber es war nicht genug.

Die Dunkelheit begann, ihn zu umringen, zu umschließen.

Du bist erschöpft, flüsterte sie. Deine Kraft schwindet. Lass los. Ruhe dich aus.

„Nein!“

Du kannst nicht alle retten. Wähle. Dieses Kind oder die nächste. Aber nicht beide.

„Ich werde beide retten!“

Erik drückte mit aller Kraft. Das Licht aus dem Schlüssel explodierte, heller als je zuvor.

Zu hell.

Erik schrie. Der Schmerz war unerträglich, als würde der Schlüssel ihn von innen verbrennen.

Aber die Dunkelheit zerbrach. Zersplitterte zu tausend Stücken und löste sich auf.

Emma atmete.

Erik fiel zu Boden.

„Erik!“ Yuki und Thomas stürzten zu ihm.

„Ich… ich bin okay.“ Erik keuchte. „Nur… nur müde.“

„Zu müde.“ Thomas fühlte seinen Puls. „Dein Herz rast. Du musst aufhören.“

„Ein Baby noch. Nur noch eins.“ Erik versuchte aufzustehen, fiel zurück. „Ich kann es schaffen.“

„Du wirst sterben.“

„Dann sterbe ich.“ Erik sah Thomas in die Augen. „Aber ich werde nicht aufgeben. Nicht jetzt.“

Thomas schwieg lange. Dann nickte er. „Deine Wahl. Aber wenn es zu viel wird, wenn du fühlst, dass der Schlüssel dich übernimmt – hör auf. Sofort.“

„Versprochen.“

Das dritte Baby. Das Wagner-Baby – sie hatten ihm noch keinen Namen gegeben.

Das jüngste. Nur drei Wochen alt. Aber die Verwandlung war am weitesten fortgeschritten.

„Warum?“ fragte Erik, während Thomas das Ritual vorbereitete. „Warum ist dieses Baby am schlimmsten?“

„Weil es als erstes gebissen wurde“, antwortete Thomas. „Vor fast vier Wochen. Es hatte die meiste Zeit, die Dunkelheit in sich aufzunehmen.“

„Können wir es retten?“

„Ich weiß es nicht. Aber wir müssen es versuchen.“

Das Ritual begann.

Und sofort wusste Erik: Das war anders.

Die Dunkelheit in diesem Baby war nicht nur stärker. Sie war intelligenter. Bewusster.

Als das geweihte Wasser über die Stirn des Babys floss, öffneten sich seine Augen.

Rot. Glühend rot.

Und es lächelte.

„Das ist nicht gut“, murmelte Yuki.

Erik hob den Schlüssel. Rief das Licht.

Aber die Dunkelheit kam nicht heraus.

Stattdessen zog sie sich zurück. Tiefer in das Baby hinein. Versteckte sich.

„Sie flieht“, sagte Thomas. „Sie weiß, dass sie besiegt werden kann, also versteckt sie sich.“

„Was tun wir?“

„Du musst hinein.“ Thomas‘ Augen waren ernst. „In das Kind. Mit dem Schlüssel. Folge der Dunkelheit, wo sie sich versteckt.“

„Hinein? Wie?“

„Der Schlüssel öffnet Türen. Nicht nur physische. Auch spirituelle.“ Thomas legte seine Hand auf Eriks Schulter. „Aber sei gewarnt: Wenn du hineingehst, könntest du dich verlieren. Die Dunkelheit wird versuchen, dich zu fangen, dich zu einem Teil von sich zu machen.“

„Und wenn ich nicht gehe?“

„Dann stirbt das Baby. Langsam. Über Tage. Wird zu etwas, das weder menschlich noch vampirisch ist. Ein Abomination.“

Erik sah auf das Baby. So klein. So hilflos.

„Zeig mir, wie.“

Thomas führte ihn durch die Schritte. Erik musste den Schlüssel gegen die Stirn des Babys halten. Seine Augen schließen. Atmen. Sich mit dem Pulsieren des Schlüssels synchronisieren.

Und dann… loslassen.

Erik tat es.

Die Welt verschwamm.


Er war nicht mehr im Raum.

Er war… irgendwo anders.

Dunkel. So dunkel, dass er seine eigene Hand nicht sehen konnte.

Aber der Schlüssel glühte. Ein kleiner Lichtpunkt in der endlosen Schwärze.

„Hallo?“ Eriks Stimme hallte, seltsam verzerrt.

Keine Antwort.

Er ging vorwärts. Oder dachte er, dass er vorwärts ging. Hier gab es keine Richtung.

Dann, aus der Dunkelheit: eine Gestalt.

Klein. Kind-groß.

Nein. Baby-groß.

Es war das Wagner-Baby. Aber… anders. Es stand aufrecht, unmöglich für ein drei Wochen altes Kind. Seine Augen glühten rot, aber intelligenter als sie sollten.

„Du bist gekommen“, sagte das Baby. Die Stimme war nicht die eines Babys. Sie war alt. Uralte. „Wie mutig. Wie dumm.“

„Wer bist du?“ fragte Erik.

„Ich bin die Dunkelheit. Ich bin das, was bleibt, wenn das Licht erlischt.“ Das Baby lächelte, zeigte winzige scharfe Zähne. „Ich bin das Ende.“

„Du bist ein Parasit. Und ich werde dich entfernen.“

„Wirst du?“ Das Baby lachte. „Schau dich um, Träger. Du bist in meiner Welt. Hier habe ich die Macht.“

Die Dunkelheit begann sich zu bewegen. Zu wachsen. Sie erhob sich um Erik, formte Wände, dann eine Decke. Ein Käfig aus Schatten.

„Du bist gefangen“, sagte das Baby. „Genau wie alle vor dir, die versuchten, mich zu bekämpfen.“

„Alle?“ Erik‘ Herz sank. „Du meinst, andere Träger des Schlüssels?“

„Oh ja. So viele. Über die Jahrhunderte.“ Die Dunkelheit flackerte, zeigte Bilder. Gesichter. Menschen, die den Schlüssel trugen, die in die Dunkelheit eintraten und nie wiederkehrten. „Du wirst der nächste sein. Deine Seele wird sich der Sammlung anschließen.“

„Nein.“ Erik hob den Schlüssel. Das Licht pulsierte. „Ich bin nicht wie sie.“

„Wirklich? Was macht dich so besonders?“

„Ich…“ Erik zögerte. Was machte ihn besonders? Er war kein Held. Kein großer Krieger. Nur ein Mann, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

„Ich habe Menschen, die auf mich zählen“, sagte Erik schließlich. „Helena. Marcus. Thomas. Yuki. Die Familien dieser Kinder.“ Er trat näher zum Baby. „Und dieses Baby hat Eltern, die es lieben. Die wollen, dass es lebt. Normal lebt.“

„Liebe.“ Die Dunkelheit lachte. „Was ist Liebe gegen Ewigkeit?“

„Alles.“ Erik‘ Stimme wurde fester. „Liebe ist der Grund, warum wir kämpfen. Warum wir nicht aufgeben. Warum ich nicht aufgebe.“

Er drückte den Schlüssel gegen das Baby.

Das Licht explodierte.

Die Dunkelheit schrie, versuchte zurückzuweichen, aber es gab nirgendwo hin zu gehen.

Erik fühlte den Schlüssel in seiner Hand heiß werden. Zu heiß. Fast unerträglich.

Aber er ließ nicht los.

„Für das Baby“, flüsterte er. „Für alle von ihnen.“

Das Licht wurde blendend. Die Dunkelheit begann zu zerbrechen, zu zersplittern.

„Du… du kannst mich nicht zerstören“, stammelte die Dunkelheit. „Ich bin ewig! Ich bin—“

„Du bist nichts.“ Erik drückte härter. „Und jetzt verschwindest du.“

Ein letzter Schrei. Dann Stille.

Die Dunkelheit war weg.

Erik öffnete die Augen.

Er war zurück im Raum. Am Boden liegend. Der Schlüssel noch in seiner Hand, jetzt kalt.

Thomas und Yuki beugten sich über ihn.

„Erik? Kannst du mich hören?“

„Ich… ja.“ Erik setzte sich auf, jede Bewegung schmerzhaft. „Das Baby?“

Thomas deutete zur Krippe.

Das Wagner-Baby lag dort, friedlich schlafend. Die Wunden an seinem Hals waren verschwunden. Seine Haut hatte Farbe. Seine kleine Brust hob und senkte sich im Rhythmus normalen Atmens.

„Du hast es geschafft“, flüsterte Yuki. Tränen liefen über ihr Gesicht. „Alle drei. Du hast sie alle gerettet.“

Erik lächelte schwach. Dann wurde alles schwarz.


Als er wieder aufwachte, war er in einem der Ruheräume.

Wie lange er bewusstlos gewesen war, wusste er nicht.

Die Tür öffnete sich. Marcus kam herein.

„Du bist wach. Gut.“ Marcus setzte sich auf einen Stuhl. „Du warst vier Stunden weg. Wir dachten schon, du hättest dich selbst getötet.“

„Die Babys?“

„Alle stabil. Geheilt. Ihre Familien sind bei ihnen.“ Marcus lächelte schwach. „Du bist ein verdammter Held, Rookie.“

„Ich fühle mich nicht wie ein Held.“ Erik versuchte aufzusitzen, winkte ab. „Helena? Ist sie zurück?“

Marcus‘ Lächeln verschwand. „Nein.“

„Wie lange ist es her?“

„Seit sie mit Katalin ging? Fünf Stunden.“

„Aber das Abkommen war eine Stunde!“

„Ich weiß.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Wir haben versucht, sie zu tracken, aber der Sender ist tot. Entweder gefunden und zerstört, oder…“ Er ließ den Satz unbeendet.

„Wir müssen sie finden!“

„Und wo suchen?“ Marcus‘ Frustration war deutlich. „München ist riesig. Die Katakomben sind ein Labyrinth. Wir haben keine Ahnung, wo Katalin sie hingebracht hat.“

„Dann fragen wir jemanden, der es weiß.“ Erik stand auf, ignorierte den Schwindel. „Dimitri. Er war dabei.“

„Dimitri wird nicht mit uns reden.“

„Vielleicht doch. Wenn wir das Richtige anbieten.“ Erik griff nach dem Seelenschlüssel, der auf einem Nachttisch lag. „Er will das hier. Sie alle wollen es.“

„Du willst dich wieder als Köder anbieten? Nach dem, was gerade passiert ist?“

„Hast du eine bessere Idee?“

Marcus schwieg.

„Genau.“ Erik ging zur Tür. „Ruf das Team zusammen. Wir holen Helena zurück.“

„Und wenn sie nicht zurückwill?“ Die Frage hing in der Luft, zu groß, zu beängstigend.

„Dann überzeugen wir sie“, sagte Erik einfach. „So wie sie uns überzeugt hat.“

Er verließ das Zimmer, den Schlüssel fest umklammert.

Helena hatte ihn gerettet. Hatte ihm eine Chance gegeben.

Jetzt war es Zeit, dass er das Gleiche für sie tat.


KAPITEL 13

Die Falle

Der Konferenzraum war angespannt, als Erik eintrat.

Thomas saß am Tisch, einen frischen Verband um den Kopf. Yuki tippte fieberhaft auf ihrem Laptop. Marcus lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, sein Gesicht eine Maske aus Sorge und Wut.

„Vier Stunden ohne Lebenszeichen“, sagte Yuki, ohne aufzusehen. „Ihr Tracker ist definitiv tot. Handy ausgeschaltet. Keine Aktivität auf ihren Kreditkarten oder Konten.“

„Sie ist entweder gefangen oder versteckt sich“, sagte Thomas leise. „Oder…“

„Sag es nicht“, unterbrach Marcus scharf. „Sag nicht, dass sie sich ihnen angeschlossen hat.“

„Ich sage nur, es ist eine Möglichkeit. Katalin ist ihre Mutter. Dimitri ihr Bruder.“ Thomas‘ Stimme war sanft, aber fest. „Familienbande sind stark. Selbst bei den Stärksten unter uns.“

„Helena würde uns niemals verraten.“ Marcus‘ Hände ballten sich zu Fäusten. „Sie hat ihr ganzes Leben damit verbracht, gegen diese Monster zu kämpfen.“

„Aber sie hat auch ihr ganzes Leben damit verbracht, sich nach einer Familie zu sehnen“, konterte Thomas. „Nach Verbindung. Zugehörigkeit. Katalin bietet ihr genau das.“

„Durch Lügen und Manipulation!“

„Vielleicht. Aber wirksame Lügen.“ Thomas sah zu Erik. „Du warst bei ihr, als sie Katalin konfrontierte. Wie war sie? Was hast du gesehen?“

Erik dachte zurück an den Moment in der Galerie. Helenas zitternde Hand. Die Tränen in ihren Augen. Die Sehnsucht, vermischt mit Hass.

„Sie war zerrissen“, sagte er schließlich. „Aber am Ende schoss sie. Sie wählte uns.“

„Am Ende, ja. Aber nach fünf Stunden mit Katalin? Allein?“ Thomas schüttelte den Kopf. „Menschen verändern sich, Erik. Besonders unter emotionalem Druck.“

„Dann finden wir sie, bevor es zu spät ist.“ Erik legte den Seelenschlüssel auf den Tisch. „Marcus hatte Recht – wir nutzen das als Köder. Dimitri will es. Wir locken ihn heraus, zwingen ihn, uns zu sagen, wo Helena ist.“

„Und wenn er uns anlügt?“ fragte Yuki.

„Dann folgen wir ihm. Tracken ihn. Er wird früher oder später zu Katalin zurückkehren.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir haben keine andere Wahl.“

„Eigentlich“, kam eine neue Stimme von der Tür, „haben Sie vielleicht doch eine.“

Alle drehten sich um.

Anna Berger stand dort, Lukas im Arm. Hinter ihr: Frau Hartmann mit Sophie und Frau Özkan mit Ayşe.

„Was macht ihr hier?“ fragte Marcus. „Ihr solltet in euren Zimmern bleiben.“

„Wir konnten nicht.“ Anna trat ein. „Wir haben gehört, was passiert ist. Dr. Konstantin ist weg. Wegen uns. Wegen unseren Kindern.“

„Das ist nicht eure Schuld.“

„Aber wir können helfen.“ Anna kam zum Tisch. „Bevor Sie uns fanden, bevor Sie die Rituale durchführten… die Vampire, die unsere Babys gebissen haben. Sie sprachen manchmal. Untereinander. Sie dachten, wir würden nicht zuhören oder verstehen.“

„Was haben sie gesagt?“ Eriks Interesse war geweckt.

„Orte. Namen.“ Anna sah zu den anderen Müttern. „Frau Hartmann, Sie erzählen.“

Die ältere Frau trat vor. „Der Vampir, der in mein Haus kam – die Frau, Valentina. Sie telefonierte einmal, als sie dachte, ich wäre bewusstlos. Sie sagte etwas über ‚die Versammlung unter der alten Kirche‘. Ich nahm an, sie meinte eine Kirche hier in München.“

„Welche Kirche?“ fragte Yuki und tippte bereits.

„Sie nannte keinen Namen. Aber sie sagte, es wäre in der Altstadt. Und es wäre tief. Sehr tief.“

„Die Katakomben unter der Peterskirche“, sagte Thomas sofort. „Das passt. Die Peterskirche ist die älteste Kirche Münchens. Aus dem 11. Jahrhundert. Und die Katakomben darunter sind ein Labyrinth.“

„Ich war da mal auf einer Tour“, sagte Yuki. „Aber die öffentlichen Teile sind klein. Vielleicht fünfzig Meter Tunnel.“

„Die öffentlichen Teile, ja. Aber es gibt mehr.“ Thomas stand auf, ging zur Karte von München. „Die Altstadt steht auf einem Netzwerk mittelalterlicher Tunnel. Manche sind kartiert, die meisten nicht. Unter der Peterskirche gibt es Gerüchte über einen alten Tempel. Vorrömisch. Ein Ort der Macht.“

„Ein perfekter Ort für Vampire, um sich zu verstecken“, murmelte Marcus.

„Oder um ein Ritual vorzubereiten“, fügte Erik hinzu. „Yuki, ist die Peterskirche auf einer der Ley-Linien?“

Yuki überprüfte ihre Karten. „Ja. Tatsächlich ist sie genau dort, wo zwei Linien sich kreuzen. Ein Knotenpunkt.“

„Dann ist das unser Ziel.“ Erik fühlte eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit. „Wir gehen hinein. Finden Helena. Holen sie zurück.“

„Das ist Selbstmord“, sagte Marcus flach. „Wenn Katalin dort ist, wenn der ganze Rat dort ist – wir sind zu viert gegen dutzende Vampire.“

„Zu fünft“, korrigierte eine schwache Stimme.

Alle drehten sich zur Tür.

Frau Wagner stand dort. Die Frau des Polizisten, Mutter des dritten geretteten Babys. Sie sah erschöpft aus, aber ihre Augen waren fest.

„Mein Mann“, sagte sie leise. „Er liegt im Koma wegen dieser Monster. Mein Sohn wäre jetzt tot ohne Sie. Wenn es eine Chance gibt zu kämpfen, zu helfen…“ Sie trat ein. „Ich bin dabei.“

„Sie sind keine Kämpferin“, sagte Marcus sanft.

„Nein. Aber ich bin Krankenschwester. Ich kenne Anatomie, Erste Hilfe, wie man Menschen am Leben hält.“ Frau Wagner‘ Stimme wurde fester. „Sie brauchen medizinische Unterstützung. Ich biete sie an.“

Erik sah zu den anderen Müttern. „Und ihr? Wollt ihr auch helfen?“

Anna nickte. „Wir schulden Dr. Konstantin unser Leben. Unsere Kinder‘ Leben. Das können wir nicht ignorieren.“

„Das ist zu gefährlich“, begann Thomas.

„Alles, was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war gefährlich“, unterbrach Anna. „Wir bleiben sowieso nicht hier und warten. Besser, wir tun etwas Nützliches.“

Marcus sah zu Erik, dann zu Thomas. Eine stumme Diskussion. Schließlich seufzte er.

„In Ordnung. Aber ihr bleibt im Backup. Keine direkte Konfrontation. Nur Unterstützung.“ Er ging zu einem Schrank, öffnete ihn. Darin: Funkgeräte, Erste-Hilfe-Ausrüstung, UV-Taschenlampen. „Wir rüsten euch aus. Und ihr folgt unseren Befehlen. Verstanden?“

Die Frauen nickten.

„Gut.“ Marcus begann, Ausrüstung zu verteilen. „Dann bereiten wir uns vor. Wir brechen in einer Stunde auf.“


Die Vorbereitungen verliefen in angespannter Stille.

Erik übte wieder mit dem Seelenschlüssel, versuchte seine Erschöpfung zu ignorieren. Sein Körper schmerzte noch von den drei Ritualen, aber es gab keine Zeit zum Ausruhen.

„Du solltest nicht gehen“, sagte Yuki leise. Sie war zu ihm in den Trainingsraum gekommen. „Dein Körper braucht Erholung. Wenn du den Schlüssel wieder benutzt, so bald nach den Ritualen…“

„Ich weiß. Ich riskiere, meine Seele zu verlieren.“ Erik ließ das Licht des Schlüssels aufflackern, kontrolliert, dann verlöschen. „Aber ich kann Helena nicht im Stich lassen.“

„Helena würde wollen, dass du sicher bist.“

„Helena würde das Gleiche für mich tun. Für jeden von uns.“ Erik sah Yuki an. „Du bleibst hier, koordinierst von der Zentrale?“

„Ja. Jemand muss die Überwachung übernehmen, die Kameras überwachen.“ Yuki zögerte. „Erik, wenn du… wenn du nicht zurückkommst. Was soll ich mit dem Schlüssel tun?“

„Zerstöre ihn.“

„Was?“

„Wenn ich nicht zurückkomme, wenn Katalin mich und den Schlüssel bekommt – zerstöre ihn. Wie auch immer nötig. Schmelze ihn, wirf ihn ins Meer, was auch immer.“ Erik‘ Stimme war fest. „Der Rat darf ihn nicht haben.“

„Ich weiß nicht, wie man einen mystischen Schlüssel zerstört.“

„Dann improvisiere.“ Erik versuchte zu lächeln. „Du bist gut darin.“

Yuki lächelte nicht zurück. „Versprich mir, dass du zurückkommst.“

„Ich verspreche, es zu versuchen.“


Um 23:00 Uhr versammelten sie sich in der Garage.

Zwei Teams. Das erste: Marcus, Thomas und Erik, die direkt in die Katakomben gehen würden. Das zweite: die drei Mütter und Frau Wagner, die als Backup und medizinische Unterstützung dienen würden.

„Funkkanal drei für das erste Team, Kanal vier für das Backup“, erklärte Yuki und verteilte die Geräte. „Ich bin auf beiden Kanälen. Wenn etwas schiefgeht, ruft sofort.“

„Waffen?“ Marcus überprüfte seine Pistole, lud sie mit Silberkugeln.

„Für das erste Team: Pistolen, Messer, UV-Lampen, geweihtes Wasser, Bannkreise-Kreiden.“ Thomas packte seine Ausrüstung in einen Rucksack. „Für das Backup: Taser, UV-Taschenlampen, Erste-Hilfe-Koffer.“

„Und der Schlüssel.“ Erik befestigte ihn an einer Kette um seinen Hals, steckte ihn unter sein Shirt. „Immer bei mir.“

Sie fuhren in zwei Autos. Die Altstadt war überraschend belebt für einen späten Novemberabend – Touristen, Einheimische, die Reste des Abendlebens. Die Peterskirche ragte über dem Marienplatz auf, ihre gotische Silhouette dunkel gegen den bewölkten Himmel.

„Der öffentliche Eingang zu den Katakomben ist geschlossen“, sagte Marcus und parkte in einer Seitengasse. „Aber ich kenne einen anderen Weg.“

Er führte sie zu einem unscheinbaren Gebäude neben der Kirche. Eine alte Bäckerei, seit Jahren geschlossen. Marcus holte einen Dietrich heraus, öffnete die Hintertür.

„Wann hast du das gelernt?“ fragte Erik.

„Polizeiakademie. Bevor ich zur Nachtwache kam.“ Marcus grinste kurz. „Man lernt nützliche Dinge.“

Sie gingen hinein. Das Innere der Bäckerei war staubig, verlassen. Aber Marcus ging zielsicher zu einer Falltür im Boden, halb verdeckt von alten Regalen.

„Hier.“ Er öffnete sie. Darunter: eine Steintreppe, die nach unten führte. „Dieser Tunnel wurde im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker genutzt. Er verbindet mehrere Gebäude in der Altstadt – einschließlich der Katakomben unter der Kirche.“

„Woher weißt du das?“ fragte Thomas.

„Helena hat es mir gezeigt. Vor Jahren, als wir zum ersten Mal die Katakomben erkundeten.“ Marcus‘ Stimme wurde leiser. „Sie kannte jeden versteckten Weg in dieser Stadt.“

Sie stiegen hinab. Die Luft wurde kälter, feuchter. Die Steintreppe war steil, ausgetreten von jahrhundertelangem Gebrauch.

Am Fuß der Treppe: ein Tunnel. Niedrig, eng, ausgeleuchtet nur von ihren Taschenlampen.

„Das Backup-Team bleibt hier“, befahl Marcus. „Wenn wir in zehn Minuten nicht zurück sind, ruft Verstärkung.“

„Was für Verstärkung?“ fragte Anna. „Die Polizei? Die würden uns nicht glauben.“

„Dann improvisiert.“ Marcus reichte ihr ein Funkgerät. „Yuki wird euch sagen, was zu tun ist.“

Sie gingen weiter, ließen die Mütter zurück. Der Tunnel erstreckte sich hundert Meter, dann verzweigte er sich.

„Links“, sagte Thomas. „Ich spüre etwas. Eine Präsenz.“

„Vampire?“

„Vielleicht. Oder etwas Älteres.“ Thomas‘ Hand ging zu seinem Kruzifix. „Seid wachsam.“

Sie nahmen den linken Tunnel. Er führte abwärts, tiefer, die Wände wurden rauer, weniger bearbeitet. Keine moderne Bauweise mehr. Das hier war alt. Sehr alt.

Nach weiteren fünfzig Metern öffnete sich der Tunnel zu einer Kammer.

Und dort, an den Wänden: Symbole. Graviert in den Stein. Nicht christlich. Nicht römisch. Etwas viel Älteres.

„Keltisch“, flüsterte Thomas ehrfürchtig. „Das hier ist ein vorrömischer Tempel. Ich habe darüber gelesen, aber dachte, er wäre eine Legende.“

„Legenden sind oft wahr“, murmelte Marcus. „Besonders in unserer Welt.“

In der Mitte der Kammer: ein Altar. Aus massivem Stein, mit getrockneten Blutflecken.

Und dahinter: eine Tür. Geschlossen, aus Holz und Eisen, mit Symbolen, die im schwachen Licht ihrer Lampen glühten.

„Das ist es“, sagte Erik. „Dahinter. Sie sind dahinter.“

„Wie kannst du das wissen?“ fragte Marcus.

Erik berührte den Schlüssel unter seinem Shirt. Er pulsierte, heiß, dringend. „Der Schlüssel weiß es. Er fühlt… etwas. Eine Resonanz.“

Thomas trat zur Tür, untersuchte die Symbole. „Das ist eine Barriere. Magisch versiegelt. Nur jemand mit der richtigen Erlaubnis kann sie öffnen.“

„Oder jemand mit dem Seelenschlüssel“, sagte Erik. Er zog das Artefakt hervor.

Es glühte hell auf, als er sich der Tür näherte.

„Erik, warte—“ begann Marcus.

Aber Erik drückte den Schlüssel gegen die Tür.

Licht explodierte. Die Symbole auf der Tür leuchteten auf, hell und intensiv. Dann, mit einem tiefen Knacken, schwang die Tür auf.

Dahinter: Dunkelheit. Absolute Dunkelheit, die ihre Taschenlampen zu schlucken schien.

Und aus dieser Dunkelheit: eine Stimme.

„Willkommen, Träger. Wir haben auf dich gewartet.“

Es war Katalins Stimme.

Erik‘ Herz hämmerte. Aber er trat vorwärts, durch die Tür.

Marcus und Thomas folgten.

Die Dunkelheit verschlang sie.


Als ihre Augen sich anpassten, sahen sie, wo sie waren.

Eine riesige Kammer. Größer als alles, was Erik erwartet hatte. Die Decke war hoch, verloren im Schatten. Die Wände waren bedeckt mit mehr Symbolen, mehr Gravuren, manche leuchteten schwach mit eigenem Licht.

Und in der Mitte: ein Kreis. Gezogen mit etwas, das nicht Kreide war. Blut, realisierte Erik mit wachsendem Entsetzen.

Im Kreis: drei Krippen. Und darin…

„Die Babys“, flüsterte Thomas entsetzt.

Die Wagner-, Müller- und Schneider-Babys. Die drei, die vom Rat entführt worden waren.

Aber sie sahen anders aus. Ihre Haut war grau, ihre Augen, als sie sich öffneten, leuchteten rot. Sie waren nicht mehr halb verwandelt.

Sie waren vollständig verwandelt.

„Nein“, keuchte Erik. „Wir haben sie gerettet. Wir haben die Rituale durchgeführt!“

„Ihr habt die falschen Babys gerettet“, sagte Katalin.

Sie trat aus den Schatten, elegant in ein blutrotes Kleid gekleidet. Ihre Augen leuchteten.

„Was?“ Marcus hob seine Pistole.

„Die Babys, die ich euch gab – das waren Köder. Andere Kinder, ähnlich alt, ähnlich aussehend. Aus Waisenhäusern, niemand würde sie vermissen.“ Katalins Lächeln war kalt. „Ihr habt so verzweifelt retten wollen, dass ihr nicht überprüft habt. Keine DNA-Tests, keine Verifizierung. Nur Hoffnung.“

„Du Miststück“, zischte Marcus und zielte.

„Schieß nicht.“ Eine neue Stimme. Vertraut. Schmerzhaft vertraut.

Helena trat neben Katalin.

Aber es war nicht die Helena, die Erik kannte.

Sie trug ein schwarzes Kleid, ähnlich wie Katalins. Ihr Haar war offen, fiel in dunklen Wellen über ihre Schultern. Und ihre Augen…

Ihre Augen leuchteten rot.

„Helena?“ Eriks Stimme brach. „Was haben sie dir angetan?“

„Sie haben mir nichts angetan.“ Helenas Stimme war ruhig, fast friedlich. „Sie haben mir die Wahrheit gezeigt. Mein wahres Erbe. Meine wahre Familie.“

„Nein. Das ist nicht wahr. Sie haben dich manipuliert—“

„Sie haben mich befreit.“ Helena trat näher, kam an den Rand des Blutkreises. „Jahrelang habe ich gegen meine Natur gekämpft. Gegen das, was ich bin. Aber Mutter hat mir geholfen zu verstehen.“

„Sie ist nicht deine Mutter!“ schrie Marcus. „Sie ist ein Monster!“

„Sie ist beides.“ Helena lächelte, und es war das Lächeln eines Raubtiers. „Und jetzt bin ich es auch.“

Erik fühlte, wie seine Welt zusammenbrach. „Du bist nicht verwandelt. Ich sehe keine Bisswunden.“

„Weil ich freiwillig trank.“ Helena hob ihre Hand, zeigte ihr Handgelenk. Dort, kaum sichtbar: eine kleine Narbe. „Aus dem Kelch der Ewigkeit. Das Blut der Ältesten, vermischt mit meinem eigenen. Kein Biss nötig.“

„Das ist nicht möglich“, stammelte Thomas. „Die Verwandlung dauert Tage. Wochen.“

„Für normale Menschen, ja. Aber ich bin nicht normal.“ Helenas Augen trafen Eriks. „Ich bin Katalins Tochter. Ihr Blut war bereits in mir. Es brauchte nur… Aktivierung.“

„Helena, bitte.“ Erik trat näher, ignorierte die Warnung in Marcus‘ Augen. „Das bist nicht du. Kämpfe dagegen. Ich weiß, dass du noch da drin bist.“

„Ich bin hier. Klarer als je zuvor.“ Helenas Stimme wurde sanfter. „Erik, ich bin nicht dein Feind. Ich bin immer noch ich. Nur… besser. Stärker. Ohne die Zweifel, ohne die Angst.“

„Ohne die Menschlichkeit.“

„Die Menschlichkeit hat mich nur schwach gemacht.“ Helena schüttelte den Kopf. „Aber jetzt verstehe ich. Mutter hatte Recht. Die Transformation ist nicht Zerstörung. Sie ist Evolution.“

„Sie ist Verdammnis!“ Thomas trat vor, hielt sein Kruzifix hoch.

Helena zuckte nicht zusammen. Das Kruzifix hatte keine Wirkung.

„Interessant“, sagte sie leise. „Ich dachte, das würde wehtun. Aber ich fühle… nichts.“

„Weil du zu neu bist“, erklärte Katalin. Sie legte ihre Hand auf Helenas Schulter, eine mütterliche Geste. „Die alten Symbole brauchen Zeit, um zu wirken. In ein paar Tagen wirst du sie spüren. Aber sie werden dich nicht zerstören. Nur… unangenehm sein.“

„Dann haben wir noch Zeit!“ Erik wandte sich an Helena. „Hör zu, wir können das rückgängig machen. Das Ritual, das wir für die Babys benutzten – wir können es für dich benutzen. Du bist erst seit Stunden verwandelt, es ist noch nicht zu spät!“

„Aber ich will es nicht rückgängig machen.“ Helenas Augen wurden hart. „Verstehst du das nicht? Ich habe gewählt. Freiwillig. Keine Manipulation, keine Zwang. Ich sah, was Mutter mir anzubieten hatte, und ich nahm es.“

„Was sie dir anbietet, ist Tod!“ Marcus‘ Stimme hallte in der Kammer. „Tod und Dunkelheit!“

„Sie bietet mir ewiges Leben. Macht. Und eine Familie.“ Helena sah zu Katalin, dann zu Dimitri, der aus den Schatten getreten war. „Meine echte Familie. Nicht die Lügen, mit denen ich aufgewachsen bin.“

„Wir waren deine Familie!“ Erik fühlte Tränen in seinen Augen. „Die Nachtwache. Thomas, Marcus, Yuki. Ich. Wir haben zusammen gekämpft, gelitten, gesiegt.“

„Und ich werde euch immer dankbar sein.“ Helenas Stimme wurde weicher. „Deshalb biete ich euch eine Chance. Schließt euch mir an. Euch allen. Trinkt aus dem Kelch. Werdet wie ich. Und gemeinsam können wir die Welt verändern.“

„Wir würden lieber sterben“, sagte Thomas flach.

„Das“, sagte Katalin, „kann arrangiert werden.“

Sie schnippte mit den Fingern.

Aus den Schatten kamen sie. Vampire. Dutzende. Umringten Erik, Marcus und Thomas.

„Aber das wäre Verschwendung“, fuhr Katalin fort. „Ihr seid fähig. Stark. Ihr könntet wertvolle Ergänzungen zum Rat sein.“

„Niemals“, spuckte Marcus.

„Schade.“ Katalin seufzte theatralisch. „Dann bleibt nur eine Option. Nehmt ihnen den Schlüssel. Tötet sie, wenn nötig.“

Die Vampire griffen an.

Marcus feuerte. Silberkugeln durchschlugen zwei Vampire, die heulend zu Boden gingen.

Thomas warf geweihtes Wasser. Es zischte auf der Haut der Vampire, verbrannte sie.

Aber es waren zu viele.

Erik hob den Seelenschlüssel, rief das Licht.

Es kam. Aber schwächer als zuvor. Sein Körper war zu erschöpft, seine Seele zu ausgezehrt.

Die Barriere, die er erschuf, hielt nur Sekunden.

Dann brach sie zusammen.

Die Vampire überfluteten sie.

Erik wurde zu Boden gerissen. Hände – kalte, unmenschlich starke Hände – rissen an ihm, versuchten, den Schlüssel zu nehmen.

„Nein!“ Erik klammerte sich daran, kämpfte mit aller Kraft.

Dann: ein Schuss.

Ein Vampir, der über Erik war, fiel zur Seite.

Erik sah auf.

Am Eingang der Kammer: die Mütter. Anna, Frau Hartmann, Frau Özkan, Frau Wagner.

Sie hatten Waffen gezogen – die Taser, die UV-Lampen. Und sie schossen.

„Backup ist da!“ schrie Anna. „Los, aufstehen!“

Die Ablenkung gab Erik Zeit. Er sprang auf, den Schlüssel fest umklammert.

Marcus und Thomas kämpften sich ebenfalls frei, blutend, aber lebendig.

„Rückzug!“ befahl Marcus. „Zur Tür!“

Sie rannten. Die Mütter deckten sie, schossen mit den UV-Lampen, die die Vampire zischen und zurückweichen ließen.

Aber dann stellte sich jemand in ihren Weg.

Helena.

„Ihr könnt nicht gehen“, sagte sie. Nicht drohend. Fast traurig. „Nicht mit dem Schlüssel.“

„Dann halt uns auf“, sagte Erik. Er hob den Schlüssel. „Wenn du kannst.“

Helena zögerte. Nur einen Moment. Aber es war genug.

Erik stürmte an ihr vorbei, durch die Tür, zurück in den Tunnel.

Die anderen folgten.

Hinter ihnen: Helenas Stimme, rufend: „Erik! Komm zurück! Bitte!“

Aber er rannte weiter.

Sie erreichten die Steintreppe, stolperten nach oben, zurück in die verlassene Bäckerei.

„Zu den Autos!“ keuchte Marcus.

Sie rannten durch die Straßen, ignorierten die verwunderten Blicke von Passanten.

Erreichten die Autos, sprangen hinein.

Marcus fuhr, zu schnell, nahm Kurven auf zwei Rädern.

Erst als sie die Zentrale erreichten, erst als sie in Sicherheit waren, erlaubte Erik sich, zu atmen.

„Wir haben versagt“, flüsterte Thomas. Blut lief von einer Wunde an seiner Stirn. „Helena ist verloren.“

„Nein.“ Erik umklammerte den Schlüssel. „Sie ist nicht verloren. Noch nicht. Sie zögerte. Hast du es gesehen? Als ich an ihr vorbeilief, zögerte sie.“

„Ein Moment Zögern rettet sie nicht“, sagte Marcus bitter.

„Aber es zeigt, dass sie noch da ist. Die echte Helena, tief drin.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir geben nicht auf. Wir finden einen Weg, sie zurückzuholen.“

„Wie?“ Marcus‘ Stimme war müde. „Sie ist verwandelt. Freiwillig verwandelt. Es gibt kein Ritual, das das rückgängig machen kann.“

„Dann erfinden wir eins.“ Erik stand auf, trotz der Schmerzen. „Oder wir finden einen anderen Weg. Aber wir geben nicht auf.“

Er verließ das Auto, ging in die Zentrale.

Yuki wartete dort, ihr Gesicht blass.

„Ich habe alles gesehen“, flüsterte sie. Tränen liefen über ihre Wangen. „Auf den Kameras. Helena… sie ist…“

„Ist immer noch zu retten“, unterbrach Erik. „Und das werden wir. Egal wie.“

Er ging in sein Zimmer, legte den Schlüssel behutsam auf den Nachttisch.

Dann fiel er aufs Bett.

Und zum ersten Mal seit Wochen weinte er.

Für Helena. Für die verlorenen Babys. Für alles, was schiefgegangen war.

Aber auch für das, was noch kommen würde.

Denn der Krieg war nicht vorbei.

Er hatte gerade erst begonnen.


KAPITEL 14

U-Bahn-Schlacht

Erik wachte auf vom Klang von Stimmen.

Laute Stimmen. Streitende Stimmen.

Er sah auf die Uhr. 4:37 Uhr morgens. Er hatte zwei Stunden geschlafen.

Er stand auf, folgte den Stimmen zum Konferenzraum.

Marcus und Thomas stritten. Yuki saß dazwischen, versuchte zu vermitteln.

„—völlig verrückt!“ Marcus schlug mit der Faust auf den Tisch. „Du kannst nicht ernsthaft vorschlagen, dass wir einfach zurückgehen!“

„Ich schlage vor, dass wir Helena nicht aufgeben.“ Thomas‘ Stimme war ruhig, aber fest. „Sie hat uns nicht aufgegeben, als wir in Gefahr waren. Warum sollten wir sie aufgeben?“

„Weil sie jetzt einer von ihnen ist!“ Marcus‘ Gesicht war rot. „Sie ist ein Vampir, Thomas! Sie trinkt Blut, sie dient Katalin, sie ist—“

„Ist immer noch Helena.“ Thomas stand auf. „Ich habe es in ihren Augen gesehen. Unter der Dunkelheit, unter der Verwandlung – sie ist noch da.“

„Das ist Wunschdenken.“

„Ist es das?“ Thomas wandte sich zu Erik, der gerade eingetreten war. „Erik, du warst näher an ihr als wir alle. Sag es ihm. Sag ihm, dass sie zögerte.“

Erik rieb sich das Gesicht. „Sie zögerte, ja. Aber ich weiß nicht, ob das genug ist.“

„Siehst du?“ Marcus deutete auf Erik. „Selbst er—“

„Aber“, fuhr Erik fort, „ich glaube, wir müssen es versuchen. Helena hat ihr Leben der Rettung anderer gewidmet. Das Mindeste, was wir tun können, ist zu versuchen, sie zu retten.“

„Wie?“ Marcus‘ Frustration war greifbar. „Es gibt kein Ritual für freiwillige Verwandlung! Sie hat getrunken aus dem Kelch, sie hat gewählt – das ist etwas völlig anderes als die Babys!“

„Dann finden wir einen Weg.“ Yuki mischte sich ein. Sie sah erschöpft aus, hatte offensichtlich die ganze Nacht durchgearbeitet. „Ich habe recherchiert. Jede Quelle, jeden Text über Vampirismus, den ich finden konnte.“

„Und?“ fragte Erik.

„Es gibt… Präzedenzfälle. Sehr seltene, aber sie existieren.“ Yuki öffnete ihren Laptop, zeigte eine Seite mit alten Texten. „Im 15. Jahrhundert, in Rumänien, gab es einen Fall. Ein Vampir, der freiwillig verwandelt wurde, kehrte zur Menschlichkeit zurück.“

„Wie?“

„Durch etwas, das sie ‚die Konfrontation‘ nannten. Der Vampir wurde gezwungen, sich seiner Menschlichkeit zu stellen. Erinnerungen, Emotionen, Verbindungen – alles, was er aufgegeben hatte.“ Yuki scrollte weiter. „Es war qualvoll. Die meisten überlebten es nicht. Aber diejenigen, die es taten…“

„Wurden wieder menschlich“, beendete Thomas den Satz. „Ich habe davon gehört. Ein orthodoxes Ritual. Sehr alt, sehr gefährlich.“

„Können wir es durchführen?“ fragte Erik.

„Theoretisch ja. Aber wir bräuchten Helenas Kooperation. Sie müsste freiwillig teilnehmen.“ Thomas sah skeptisch aus. „Und nachdem, was wir gesehen haben…“

„Sie wird nicht kooperieren“, sagte Marcus flach. „Sie hat ihre Wahl getroffen.“

„Dann überzeugen wir sie“, sagte Erik. „Wir bringen sie dazu, zu zweifeln. An Katalin, an der Verwandlung, an allem.“

„Und wie genau planst du, das zu tun?“

Erik ging zur Karte von München. Seine Augen scannten die markierten Ley-Linien, die Orte, wo der Rat aktiv war.

„Katalin plant das Ritual der ewigen Nacht. Zur Sommersonnenwende, in sieben Monaten. Aber sie bereitet jetzt schon vor.“ Er deutete auf die verschiedenen Punkte. „Sie braucht Opfer. Macht. Ressourcen.“

„Worauf willst du hinaus?“ fragte Marcus.

„Wir stören ihre Pläne. Sabotieren ihre Vorbereitungen. Jedes Mal, wenn sie versucht, einen Schritt zu machen, sind wir da und stoppen sie.“ Erik drehte sich zu den anderen. „Wenn wir sie genug nerven, genug verzögern – vielleicht realisiert Helena, dass sie auf der falschen Seite steht.“

„Das ist ein langer Weg“, sagte Yuki skeptisch.

„Hast du eine bessere Idee?“

Schweigen.

„Dann ist es entschieden.“ Erik ging zurück zum Tisch. „Yuki, was weißt du über die nächsten geplanten Aktivitäten des Rates?“

Yuki tippte auf ihrem Laptop. „Ich habe die Überwachung der Ley-Linien-Punkte intensiviert. In den letzten vierundzwanzig Stunden gab es erhöhte Aktivität an drei Orten: Frauenkirche, Englischer Garten, und…“ Sie zögerte. „Die U-Bahn-Station Sendlinger Tor.“

„Sendlinger Tor?“ Marcus runzelte die Stirn. „Das ist nicht auf der Ley-Linien-Karte.“

„Nein, aber es liegt direkt darunter. Eine alte unterirdische Quelle, die früher als Heiligtum genutzt wurde.“ Yuki vergrößerte die Karte. „Und es gibt Berichte von seltsamen Vorkommnissen dort. Menschen, die verschwinden. Blutige Spuren. Die Polizei untersucht, findet aber nichts.“

„Weil die Vampire die Spuren verwischen“, sagte Thomas. „Sendlinger Tor. Das macht Sinn. Es ist zentral, stark frequentiert, aber nachts relativ leer.“

„Was planen sie dort?“ fragte Erik.

„Keine Ahnung. Aber es muss wichtig sein, wenn sie so viel Aktivität riskieren.“ Yuki zeigte Kamera-Aufnahmen. „Schau dir das an. Gestern Nacht, 2:37 Uhr.“

Das Video zeigte die U-Bahn-Station. Leer, bis auf einen Sicherheitsmann. Dann, aus dem Tunnel: Gestalten. Vampire. Sechs, sieben, mehr. Sie trugen etwas – große Kisten, schwer.

„Was ist in den Kisten?“ fragte Erik.

„Kann ich nicht erkennen. Zu dunkel, zu weit weg von den Kameras.“ Yuki spulte vor. „Aber sie gingen tiefer in den Tunnel. Nicht zur Plattform, sondern in einen Wartungstunnel.“

„Sie bauen etwas“, realisierte Thomas. „Oder lagern etwas.“

„Für das Ritual“, fügte Erik hinzu. „Das müssen Vorbereitungen sein.“

Marcus lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Also was? Wir gehen hin, sehen uns um, zerstören, was auch immer sie dort haben?“

„Genau.“

„Das ist Selbstmord. Wenn sie uns erwarten—“

„Werden wir vorsichtig sein.“ Erik sah jeden von ihnen an. „Wir gehen mit minimalem Team. Nur wir drei. Yuki koordiniert von hier. Die Mütter bleiben hier, in Sicherheit.“

„Die Mütter werden das nicht mögen“, murmelte Yuki.

„Die Mütter haben gestern Nacht ihr Leben riskiert. Das war genug.“ Erik‘ Stimme wurde fester. „Das hier ist unsere Aufgabe. Wir lassen keine Zivilisten mehr in Gefahr bringen.“

„Einverstanden“, sagte Marcus nach einem Moment. „Aber wir gehen vorbereitet. Maximale Bewaffnung, maximale Vorsicht.“

„Wann?“ fragte Thomas.

Erik sah auf die Uhr. „Die U-Bahn öffnet um 4:00 Uhr morgens. Aber der Verkehr ist minimal bis 6:00 Uhr. Wir haben ein Fenster von zwei Stunden.“

„Das gibt uns neunzehn Stunden Vorbereitung“, rechnete Marcus. „Gut. Wir brauchen jede Minute davon.“


Der Tag verging in fieberhaften Vorbereitungen.

Marcus inspizierte Waffen, baute improvisierte Sprengsätze – „nur für den Notfall“, betonte er. Thomas bereitete Bannkreise vor, segnete Munition, betete über Artefakten.

Erik übte wieder mit dem Schlüssel. Aber vorsichtiger diesmal. Rief das Licht nur kurz, ließ es dann verlöschen. Versuchte, seine Seele zu schonen.

„Du musst dich ausruhen“, sagte Yuki, als sie ihm Mittagessen brachte. „Dein Körper braucht Erholung.“

„Ich kann nicht schlafen.“ Erik nahm das Sandwich, aß mechanisch. „Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich Helena. Wie sie da stand, mit leuchtenden Augen, und uns ansah, als wären wir Fremde.“

„Sie war nicht sie selbst.“

„Aber sie war es auch.“ Erik legte das Sandwich weg, hatte plötzlich keinen Appetit mehr. „Das ist das Erschreckende. Teile von ihr waren noch da. Ihre Stimme, ihre Manierismen. Aber verdreht. Korrumpiert.“

„Deshalb müssen wir sie zurückholen.“ Yuki setzte sich neben ihn. „Erik, ich habe mit Thomas gesprochen. Über das Ritual der Konfrontation. Er glaubt, es könnte funktionieren. Aber…“

„Aber?“

„Es braucht jemanden, der Helena nah steht. Jemanden, dem sie vertraut, selbst jetzt.“ Yukis Augen trafen seine. „Jemanden wie dich.“

„Mich? Ich kenne sie kaum zwei Wochen.“

„Aber in diesen zwei Wochen hast du mehr mit ihr durchgemacht als die meisten Menschen in einem Leben. Du hast mit ihr gekämpft, geblutet, gelitten.“ Yuki lächelte schwach. „Sie vertraut dir. Das habe ich gesehen, in der Art, wie sie dich ansah.“

„Sie sah mich gestern an, als wollte sie mich töten.“

„Sie sah dich an, als hätte sie Angst, dass du sie richten würdest.“ Yuki korrigierte. „Das ist nicht dasselbe.“

Erik schwieg, dachte darüber nach.

„Wenn wir sie wirklich zurückholen wollen“, fuhr Yuki fort, „dann bist du der Schlüssel. Nicht das Artefakt. Du.“

„Kein Druck oder so“, murmelte Erik.

„Sorry.“ Yuki stand auf. „Aber es ist die Wahrheit. Deshalb ist es so wichtig, dass du heute Nacht überlebst. München braucht dich. Die Nachtwache braucht dich.“

„Helena braucht mich.“

„Genau.“ Yuki ging zur Tür, hielt dann inne. „Erik? Bring dich nicht um. Nicht für Helena, nicht für irgendjemanden. Dein Leben ist auch wertvoll.“

„Ich werde vorsichtig sein.“

„Gut.“ Sie ging.

Erik blieb zurück, starrte auf den Seelenschlüssel auf dem Tisch.

Das Artefakt glühte schwach, pulsierte im Rhythmus seines Herzschlags.

„Was bist du wirklich?“ flüsterte Erik. „Warum hast du mich gewählt?“

Der Schlüssel antwortete nicht. Natürlich nicht.

Aber Erik schwor, er konnte ein Flüstern hören. Tief in seinem Geist.

Weil du bereit bist zu opfern. Wie alle vor dir.


Um 3:30 Uhr morgens brachen sie auf.

Die Stadt schlief noch, die Straßen waren leer. Nur vereinzelte Taxis und Nachtarbeiter waren unterwegs.

Sie parkten zwei Blocks von Sendlinger Tor entfernt. Gingen zu Fuß, unauffällig, Rucksäcke mit Ausrüstung über den Schultern.

Die U-Bahn-Station öffnete gerade, als sie ankamen. Ein müder Schaffner öffnete die Tore, nickte ihnen zu.

Sie kauften Tickets, stiegen hinab zur Plattform.

Die Station war fast leer. Nur ein Obdachloser auf einer Bank, schlafend unter Zeitungen. Eine Gruppe Partygänger, betrunken, lachten zu laut.

„Wartungstunnel ist dort drüben“, flüsterte Marcus und deutete zu einer Tür am Ende der Plattform. „Mit Vorhängeschloss.“

„Ich habe einen Bolzenschneider“, sagte Erik und klopfte auf seinen Rucksack.

„Natürlich hast du den.“ Marcus grinste kurz. „Lass uns warten, bis ein Zug kommt. Die Ablenkung nutzen.“

Sie warteten. Fünf Minuten. Zehn.

Dann: das Rattern eines einfahrenden Zuges.

„Jetzt!“ Marcus bewegte sich schnell zur Tür.

Erik folgte, holte den Bolzenschneider heraus. Ein Schnitt, das Schloss fiel ab.

Thomas hielt Wache, lenkte die Aufmerksamkeit des Schaffners mit einer Frage über Fahrpläne ab.

Sie huschten durch die Tür, schlossen sie hinter sich.

Dahinter: Dunkelheit. Ein enger Tunnel, nur erleuchtet von Notbeleuchtung.

Marcus schaltete seine Taschenlampe ein. „Vorsichtig. Schienen sind noch aktiv.“

Sie gingen am Rand des Tunnels, vermieden die Schienen. Der Tunnel erstreckte sich hundert Meter, dann verzweigte er sich.

„Links oder rechts?“ flüsterte Erik.

„Links. Ich rieche etwas.“ Thomas schnüffelte. „Blut. Und etwas anderes. Weihrauch vielleicht.“

Sie nahmen den linken Tunnel. Er führte abwärts, tiefer unter die Stadt.

Nach weiteren fünfzig Metern: eine Kammer.

Sie war groß, halb natürlich, halb ausgegraben. Die Wände waren feucht, bedeckt mit Moos. Und in der Mitte…

„Mein Gott“, flüsterte Marcus.

Ein Altar. Größer als der in den Katakomben unter der Peterskirche. Aus schwarzem Stein, mit Gravuren, die im Licht ihrer Lampen zu pulsieren schienen.

Und um den Altar herum: die Kisten. Die Kisten aus dem Überwachungsvideo.

Erik trat näher, öffnete eine.

Darin: Knochen. Menschliche Knochen, sauber gebleicht, mit Runen graviert.

„Opfergaben“, sagte Thomas leise. „Für das Ritual. Die Knochen verstärken die Verbindung zur Dunkelheit.“

„Wie viele?“ fragte Marcus.

Erik zählte die Kisten. „Zwölf. Jede voll mit Knochen.“

„Das sind hunderte Menschen“, flüsterte Thomas entsetzt. „Wo haben sie die her?“

„Friedhöfe. Katakomben. Massengräber.“ Marcus‘ Stimme war hart. „Katalin hat Jahrhunderte Zeit gehabt, um zu sammeln.“

„Wir müssen das zerstören“, sagte Erik. Er griff nach seinem Rucksack, holte einen der improvisierten Sprengsätze heraus, die Marcus gebaut hatte. „Alles davon.“

„Einverstanden.“ Marcus begann, die anderen Sprengsätze zu platzieren. „Thomas, kannst du sie segnen? Sicherstellen, dass nicht nur der Altar zerstört wird, sondern auch die magische Verbindung?“

„Ich kann es versuchen.“ Thomas ging von Kiste zu Kiste, murmelte Gebete, besprengte sie mit Weihwasser.

Erik platzierte den letzten Sprengsatz am Altar selbst. Seine Hände zitterten leicht. Wenn das schiefging, wenn die Explosion zu groß war, könnten sie den ganzen Tunnel zum Einsturz bringen.

„Fertig“, sagte Marcus. „Zünder auf fünf Minuten. Wir haben Zeit, rauszukommen.“

„Dann los—“

„Wie rührend.“

Alle drehten sich um.

Am Eingang der Kammer: Dimitri.

Und hinter ihm: Helena.

„Ihr dachtet wirklich, wir würden diesen Ort unbewacht lassen?“ Dimitri lächelte. „Wie naiv.“

„Dimitri, lass uns gehen“, sagte Erik. Seine Hand bewegte sich zum Seelenschlüssel. „Wir wollen keinen Kampf.“

„Aber ich will einen.“ Dimitris Augen leuchteten auf. „Ihr habt unsere Pläne gestört. Unsere Vorbereitungen sabotiert. Das verlangt nach… Konsequenzen.“

„Helena.“ Erik ignorierte Dimitri, fokussierte sich auf sie. „Du musst das nicht tun. Du kannst uns gehen lassen.“

Helena sah ihn an. Für einen Moment – nur einen Herzschlag – sah Erik etwas in ihren Augen. Zweifel? Bedauern?

Dann war es weg.

„Ihr hättet nicht kommen sollen“, sagte sie leise. „Jetzt muss ich euch aufhalten.“

„Dann tu es.“ Erik zog den Seelenschlüssel hervor. „Wenn du kannst.“

Helena zögerte wieder. Nur eine Sekunde.

Aber Dimitri nicht.

Er griff an.

Zu schnell, um zu sehen. Erik wurde zu Boden gerissen, der Schlüssel flog aus seiner Hand.

Marcus feuerte, aber Dimitri wich aus, die Kugeln trafen nur Stein.

Thomas warf Weihwasser, traf Dimitri an der Schulter. Der Vampir zischte, wich zurück.

Erik krabbelte zum Schlüssel, griff danach—

Helena war schneller.

Sie stand über ihm, den Schlüssel in ihrer Hand.

„Tut mir leid“, flüsterte sie.

Dann traten mehr Vampire aus den Schatten. Fünf, sechs, mehr.

Sie waren umzingelt.

„Die Sprengsätze!“ schrie Marcus. „Aktiviert sie jetzt!“

Thomas drückte einen Knopf auf einem Fernzünder.

Nichts passierte.

„Sie funktionieren nicht!“ Thomas drückte wieder. „Irgendetwas blockiert das Signal!“

„Magische Interferenz“, sagte Dimitri amüsiert. „Wir haben gelernt, seit eurem letzten kleinen Stunt. Technologie ist so… unzuverlässig in Gegenwart alter Magie.“

„Dann machen wir es manuell.“ Marcus zog ein Messer, stürmte zu einem der Sprengsätze.

Ein Vampir griff ihn an. Marcus wehrte sich, aber er war unterlegen.

Erik sah zu Helena. Sie hielt den Schlüssel, starrte darauf, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

„Helena“, sagte Erik leise. „Bitte. Gib mir den Schlüssel. Lass uns gehen.“

„Ich kann nicht.“ Ihre Stimme zitterte. „Mutter… sie würde…“

„Scheiß auf deine Mutter!“ Eriks Stimme wurde lauter. „Du bist nicht ihr Werkzeug! Du bist Helena Konstantin! Anführerin der Nachtwache! Und du hast dein Leben damit verbracht, Menschen zu retten!“

„Ich habe aufgehört zu retten.“ Helenas Augen füllten sich mit etwas – Tränen? Konnten Vampire weinen? „Jetzt nehme ich.“

„Das ist eine Lüge, die Katalin dir erzählt hat.“ Erik stand auf, ignorierte die Vampire um ihn herum. „Du bist besser als das. Ich weiß, du bist es.“

Helena schüttelte den Kopf. „Du kennst mich nicht.“

„Doch, tue ich.“ Erik trat näher. So nah, dass er den Geruch von Blut an ihr riechen konnte. „Du bist die Frau, die in einen Zug nach Salzburg stieg, weil sie dachte, sie könnte nicht kämpfen. Aber ich holte dich zurück. Weißt du, warum?“

„Warum?“

„Weil ich glaubte an dich. An deine Stärke. An deine Güte.“ Erik‘ Augen trafen ihre. „Und ich glaube immer noch an dich.“

Eine Träne – tatsächlich eine Träne – lief über Helenas Wange.

„Erik…“ Ihre Hand mit dem Schlüssel zitterte.

„Genug!“ Dimitri stürmte vor, griff nach Erik.

Aber Helena bewegte sich schneller.

Sie stellte sich zwischen sie, den Schlüssel hoch erhoben.

„Nein“, sagte sie. „Lass ihn in Ruhe.“

Dimitri erstarrte. „Was tust du?“

„Ich… ich weiß es nicht.“ Helena sah auf den Schlüssel in ihrer Hand. „Aber das fühlt sich nicht richtig an. Nichts davon fühlt sich richtig an.“

„Du bist verwirrt. Das ist normal für neue Vampire. Es geht vorbei.“ Dimitris Stimme wurde sanfter, manipulativ. „Komm, Schwester. Gib mir den Schlüssel. Lass uns nach Hause gehen.“

„Nach Hause…“ Helenas Stimme war distant. „Wo ist Zuhause?“

„Bei Mutter. Bei mir. Bei der Familie.“

„Bei Katalin, meinst du.“ Helenas Augen wurden klarer. „Bei der Frau, die mich weggab. Die mich nur wollte, als ich für sie nützlich war.“

„Sie tat, was sie für richtig hielt—“

„Sie tat, was für sie praktisch war!“ Helenas Stimme wurde stärker. „Und jetzt manipuliert sie mich wieder. Benutzt mich. Wie sie alle benutzt.“

Sie wandte sich zu Erik, drückte ihm den Schlüssel in die Hand.

„Geh“, flüsterte sie. „Nimm die anderen. Lauf.“

„Nicht ohne dich.“

„Ich gehöre noch zu ihnen. Ich habe getrunken, ich bin verwandelt. Ich kann nicht—“

„Du kannst.“ Erik nahm ihre Hand. „Komm mit uns. Wir finden einen Weg.“

Helena sah zu Dimitri, dann zurück zu Erik.

„Ich… ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.“

„Du bist die stärkste Person, die ich kenne.“

Helena lächelte schwach. „Du kennst nicht viele Menschen.“

„Genug, um zu wissen, wann jemand besonders ist.“

Dimitri schrie wütend. „Wenn du mit ihnen gehst, bist du Verräter! Mutter wird dich jagen, dich töten!“

„Dann soll sie es versuchen.“ Helena drehte sich zu ihm. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, jemand anderem zu gefallen. Mutter, der Nachtwache, der Gesellschaft. Aber jetzt…“ Sie atmete tief durch. „Jetzt tue ich, was ich für richtig halte.“

Sie wandte sich zu den anderen Vampiren. „Lasst sie gehen. Alle.“

Die Vampire zögerten, sahen zu Dimitri.

„Ihr gehorcht mir“, zischte Dimitri. „Nicht ihr!“

„Dann kämpfen wir.“ Helenas Augen leuchteten auf, intensiv rot. „Und ich verspreche euch – ich bin stärker als ihr alle zusammen.“

Es war kein leeres Prahlen. Erik spürte die Macht, die von ihr ausging. Katalins Blut hatte sie unglaublich stark gemacht.

Die Vampire wichen zurück.

„Das werdet ihr bereuen“, sagte Dimitri kalt. „Alle von euch.“

Dann verschwand er. Einfach so, in die Schatten.

Die anderen Vampire folgten.

Helena sank zu Boden, plötzlich schwach.

„Helena!“ Erik fing sie auf.

„Die Sprengsätze“, keuchte sie. „Ihr müsst sie… manuell zünden…“

„In drei Minuten“, sagte Marcus und kam herbeigerannt. „Wir müssen raus. Jetzt!“

Sie stützten Helena, rannten zurück durch den Tunnel.

Hinter ihnen: Thomas, der die Zünder manuell aktivierte.

Sie erreichten die Haupttunnel. Die Plattform. Stolperten die Treppen hoch.

Erreichten die Straße gerade, als die Explosion kam.

Ein tiefes Grollen. Der Boden zitterte. Irgendwo in der Tiefe, unter der Stadt, brach etwas zusammen.

Sie stolperten weiter, weg von der Station, bis sie sicher waren.

Dann, erst dann, erlaubten sie sich zu atmen.

Helena lag auf dem Boden, keuchte. Ihre Haut rauchte leicht – die Morgensonne begann aufzugehen.

„Wir müssen sie nach drin bringen“, sagte Thomas. „Das Sonnenlicht wird sie töten.“

Sie trugen Helena zum Auto, fuhren zurück zur Zentrale.

Im schwachen Licht des Morgens sah Erik ihr Gesicht. Gequält. Zerrissen. Aber auch… erleichtert.

„Danke“, flüsterte sie. „Danke, dass du nicht aufgegeben hast.“

„Niemals“, sagte Erik einfach.

Sie erreichten die Zentrale. Yuki wartete bereits, blass und besorgt.

„Helena!“ Sie rannte zu ihr, half, sie hineinzutragen.

„Ich bin… anders jetzt“, warnte Helena. „Ich bin ein Vampir. Ich brauche…“

„Wir werden uns darum kümmern“, sagte Yuki fest. „Zusammen. Wie eine Familie.“

Sie brachten Helena in einen abgedunkelten Raum, legten sie aufs Bett.

„Ruhe dich aus“, sagte Thomas. „Wir reden später.“

Helena nickte schwach, ihre Augen fielen zu.

Sie verließen das Zimmer, schlossen die Tür leise.

Im Konferenzraum brachen alle gleichzeitig zusammen.

„Das war zu knapp“, sagte Marcus nach einer langen Pause.

„Aber wir haben sie zurück“, sagte Yuki. Tränen der Erleichterung liefen über ihr Gesicht. „Helena ist zurück.“

„Nicht ganz“, sagte Thomas leise. „Sie ist immer noch verwandelt. Immer noch ein Vampir. Der Kampf ist noch nicht vorbei.“

„Aber wir haben eine Chance“, sagte Erik. „Das ist mehr, als wir vor zwölf Stunden hatten.“

Er lehnte sich zurück, fühlte die Erschöpfung in jedem Muskel.

Sie hatten Helena zurück. Aber zu welchem Preis?

Und was würde Katalin jetzt tun?

Der Krieg war in eine neue Phase eingetreten.

Und Erik hatte das Gefühl, dass das Schlimmste noch bevorstand.

Der sechste Teil folgt am Sonntag (25.1.)

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