Band 2: Das Kind der Nacht (vierter Teil)

KAPITEL 9

Die Suche beginnt

„Zurück zu den Autos! Jetzt!“ Marcus‘ Stimme riss Erik aus seiner Erstarrung.

Sie rannten durch den Garten zurück zum Haus. Marcus führte, die Pistole gezückt, seine Augen scannten jede Ecke, jeden Schatten. Thomas folgte mit Frau Hartmann und Sophie, die jetzt weinte – ein normales, menschliches Weinen. Erik bildete die Nachhut, den Seelenschlüssel fest umklammert, obwohl seine Hände noch immer zitterten.

Als sie die Vorderseite des Hauses erreichten, waren die Vampire verschwunden. Die Straße lag verlassen da, fast friedlich im morgendlichen Sonnenlicht.

„Wo sind sie?“ flüsterte Frau Hartmann.

„Versteckt“, antwortete Marcus knapp. „Die Sonne ist aufgegangen. Sie können sich nicht lange draußen aufhalten.“

„Aber Dimitri—“

„War alt genug, um das Sonnenlicht kurz zu ertragen.“ Marcus öffnete die Tür des Mercedes, half Frau Hartmann hinein. „Die Ältesten können im Licht existieren. Nicht lange, nicht bequem, aber sie können es. Los, einsteigen.“

Sie quetschten sich in den Wagen. Marcus am Steuer, Thomas vorne, Erik, Frau Hartmann und Sophie hinten. Der Motor sprang an, und sie rasten davon.

Erik sah aus dem Rückfenster. Die Villa wurde kleiner, verschwand hinter einer Kurve. Keine Verfolger. Zumindest keine sichtbaren.

„Wir können sie nicht einfach zurücklassen“, sagte Erik. „Helena. Wir müssen—“

„Was?“ Marcus‘ Augen trafen seine im Rückspiegel. „Zurückgehen? Gegen ein Dutzend Vampire kämpfen? Sie aus den Klauen ihres eigenen Bruders befreien, der wahrscheinlich jetzt schon plant, wie er sie umbringt?“

„Dimitri hat sie nicht getötet“, sagte Thomas ruhig. „Noch nicht.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil er mit ihr reden wollte. Wenn er sie töten wollte, hätte er es vor unseren Augen getan. Als Botschaft.“ Thomas sah aus dem Fenster, sein Gesicht nachdenklich. „Nein, er will etwas von ihr. Information vielleicht. Oder…“ Er verstummte.

„Oder was?“ drängte Erik.

„Oder er will sie zurück. Zu ihm. Zu ihnen.“ Thomas‘ Stimme wurde leiser. „Vampirismus ist eine Krankheit, aber auch eine Verführung. Sie verspricht Macht, ewiges Leben, Freiheit von menschlichen Schwächen. Für jemanden wie Dimitri, der sein ganzes Leben lang von seinen Vampir-Vorfahren umgeben war… es war vielleicht unvermeidlich.“

„Und er will, dass Helena den gleichen Weg geht“, verstand Erik.

„Möglicherweise.“

„Das wird nicht passieren.“ Marcus‘ Kiefer war angespannt. „Helena ist stärker als das. Sie hat sich ihr ganzes Leben lang gegen diese Versuchung gewehrt.“

„Aber jetzt ist sie allein mit ihrem Bruder. Dem einzigen noch lebenden Mitglied ihrer Familie.“ Thomas seufzte. „Selbst die Stärksten können in Momenten der Einsamkeit schwach werden.“

Erik ballte die Fäuste. „Wir finden sie. Wir holen sie zurück.“

„Wie?“ Marcus nahm eine scharfe Kurve. „München ist groß. Die Vampire haben hundert Verstecke. Die Katakomben, alte Gebäude, verlassene U-Bahn-Tunnel. Wir könnten Wochen suchen.“

„Dann suchen wir Wochen.“

„Wir haben keine Wochen!“ Marcus schlug aufs Lenkrad. „Du hast die anderen sechs Babys vergessen? Die auch verwandelt werden? Die sterben werden, wenn wir nichts tun?“

Die Worte trafen Erik wie Schläge. Er hatte sie tatsächlich vergessen. In der Panik um Helena hatte er die Mission aus den Augen verloren.

„Die Kinder“, flüsterte Frau Hartmann. Sie hielt Sophie fest, schaukelte sie. „Es gibt noch mehr wie meine Sophie?“

„Sechs weitere“, bestätigte Thomas. „Alle in Gefahr. Alle brauchen Hilfe.“

„Dann müssen Sie ihnen helfen“, sagte Frau Hartmann. Ihre Stimme war fest, trotz der Tränen in ihren Augen. „Ich verstehe nicht alles, was hier passiert. Vampire, Rituale, Schlüssel, die leuchten. Aber ich verstehe das: Unschuldige Kinder sind in Gefahr. Und Sie sind die Einzigen, die ihnen helfen können.“

„Aber Helena—“ begann Erik.

„Wird verstehen“, unterbrach Frau Hartmann. „Jede Mutter, jede Großmutter würde verstehen. Die Kinder zuerst.“

Marcus nickte grimmig. „Die Alte hat Recht. Wir konzentrieren uns auf die Mission. Helena kann auf sich selbst aufpassen. Sie ist nicht hilflos.“

„Aber sie ist allein“, sagte Erik.

„Ist sie nicht.“ Thomas zog sein Handy heraus. „Helena trägt immer einen Tracker. Ein kleines Gerät, in ihre Halskette eingenäht. Für genau solche Situationen.“

„Warum hast du das nicht früher gesagt?“ Marcus klang erleichtert und wütend zugleich.

„Weil ich wollte, dass du klar denkst. Nicht in Panik verfällst.“ Thomas tippte auf seinem Handy. Eine Karte erschien. „Sie ist… Stadtmitte. Nähe Marienplatz. Bewegt sich nicht.“

„Gefangen?“

„Oder sie wartet.“ Thomas vergrößerte die Karte. „Das ist ein Café. Augustiner am Platzl. Öffentlich, hell, voller Menschen.“

„Dimitri würde sie nicht an einen öffentlichen Ort bringen“, sagte Marcus skeptisch. „Es sei denn…“

„Es sei denn, er will wirklich nur reden“, beendete Thomas. „Ohne Zeugen der Nachtwache. Ohne Druck.“

Erik fühlte, wie sich seine Brust ein wenig lockerte. „Dann ist sie sicher. Vorerst.“

„Vorerst“, bestätigte Marcus. „Aber wir müssen sie bald rausholen. Je länger sie mit ihm zusammen ist…“

„Desto größer die Gefahr, dass sie sich beeinflussen lässt“, sagte Thomas. „Ich weiß.“

Sie erreichten die Zentrale. Marcus fuhr direkt in die unterirdische Garage, ein versteckter Eingang unter der Buchhandlung, den Erik zuvor nicht bemerkt hatte.

Yuki wartete bereits dort, ihr Gesicht angespannt. „Ich habe alles auf den Monitoren gesehen. Helena—“

„Ist mit ihrem Bruder“, sagte Marcus knapp, während er ausstieg. „Wir tracken sie. Aber zuerst…“ Er half Frau Hartmann und Sophie aus dem Wagen. „Wir haben Gäste.“

Yuki nickte verstehend. „Ich bereite ein Zimmer vor. Frau Hartmann, bitte folgen Sie mir.“

„Ich muss meine Familie anrufen, sie wissen lassen—“

„Nichts“, unterbrach Yuki sanft, aber bestimmt. „Es tut mir leid, aber niemand darf wissen, wo Sie sind. Nicht, bis das vorbei ist.“

„Aber—“

„Ihr Leben hängt davon ab. Und das von Sophie.“ Yukis Augen waren mitfühlend. „Bitte, vertrauen Sie uns.“

Frau Hartmann sah zwischen ihnen allen hin und her, dann zu ihrer Enkelin. Schließlich nickte sie. „In Ordnung. Aber ich will Updates. Jede Stunde.“

„Versprochen“, sagte Yuki.

Sie führte Frau Hartmann und Sophie in die Zentrale. Erik, Marcus und Thomas folgten.

Im Konferenzraum breitete Marcus die Liste aus, die Yuki zusammengestellt hatte. Sechs weitere Namen. Sechs weitere Familien.

„Familie Müller, Sendling. Baby Leon, vier Wochen alt. Erste Wunde vor zwei Wochen.“

„Familie Schneider, Neuhausen. Baby Emma, sechs Wochen alt. Erste Wunde vor drei Wochen.“

„Familie Özkan, Giesing. Baby Ayşe, fünf Wochen alt. Erste Wunde vor zehn Tagen.“

Die Liste ging weiter. Jeder Name ein Leben. Jeder Name ein Kind in Gefahr.

„Wir teilen uns auf“, sagte Marcus. „Zu dritt schaffen wir maximal zwei, vielleicht drei Rituale heute. Wenn wir Glück haben.“

„Ich kann alleine gehen“, bot Erik an. „Mit dem Schlüssel. Ich führe die Rituale durch.“

„Nein.“ Thomas schüttelte den Kopf. „Du hast heute schon fast deine Seele verloren. Der Schlüssel braucht Zeit. Und du brauchst Erholung.“

„Aber—“

„Er hat Recht.“ Marcus sah Erik an, sein Gesicht ernst. „Du bist wertvoll, Rookie. Aber nicht unbezahlbar. Wenn du dich verbrennst, verlieren wir nicht nur dich, sondern auch den Schlüssel. Und ohne beides sind wir machtlos.“

Erik wollte protestieren, aber er wusste, sie hatten Recht. Sein Körper fühlte sich an, als wäre er durch einen Fleischwolf gedreht worden. Jeder Muskel schmerzte. Und der Kontakt mit der Ältesten… das hatte etwas in ihm verändert. Er fühlte sich ausgehöhlt.

„Also was dann?“ fragte er.

„Wir priorisieren.“ Yuki war wieder eingetreten, ohne Frau Hartmann. „Ich habe die medizinischen Daten aller sechs Fälle analysiert. Basierend auf der Schwere der Symptome, der Zeit seit der ersten Infektion…“ Sie zeigte auf die Liste. „Diese drei sind am kritischsten. Sie müssen heute behandelt werden. Spätestens morgen.“

„Familie Müller“, las Marcus. „Familie Özkan. Und… Familie Wagner.“

„Wagner?“ Erik sah auf die Liste. „Die waren noch nicht dabei.“

„Ich habe sie gerade hinzugefügt.“ Yukis Gesicht war ernst. „Das Baby wurde erst vor drei Tagen in die Notaufnahme eingeliefert. Die Symptome sind extrem. Wenn wir nicht heute handeln…“

Sie musste den Satz nicht beenden.

„Dann beginnen wir mit den Wagners“, sagte Thomas. „Wo wohnen sie?“

„Schwabing. Nicht weit von den Bergers.“ Yuki reichte ihm eine Adresse. „Aber es gibt ein Problem.“

„Natürlich gibt es das“, murmelte Marcus. „Was?“

„Der Vater, Herr Wagner, ist Polizist. Kriminalpolizei. Er wird uns nicht einfach so reinlassen. Und er wird definitiv nicht glauben, was wir ihm sagen.“

„Ein Cop.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Fantastisch.“

„Vielleicht ist das ein Vorteil“, sagte Erik. „Ein Cop ist trainiert, Beweise zu sehen. Wenn wir ihm die Wahrheit zeigen…“

„Oder er verhaftet uns wegen versuchter Entführung“, konterte Marcus.

„Wir müssen es versuchen.“ Thomas stand auf. „Die Zeit läuft. Jede Minute, die wir diskutieren, ist eine Minute, die das Baby nicht hat.“

„Einverstanden.“ Marcus griff nach seinem Jackett. „Thomas und ich übernehmen die Wagners. Erik, du bleibst hier. Ruhst dich aus. Yuki kümmert sich um dich.“

„Ich kann—“

„Du kannst hier bleiben“, unterbrach Marcus fest. „Das ist ein Befehl, Rookie.“

Erik wollte weiter protestieren, aber ein Blick von Thomas ließ ihn verstummen. Der stille Priester legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Vertrau uns. Wir brauchen dich stark. Nicht ausgebrannt.“

Sie gingen. Erik blieb im Konferenzraum zurück, starrte auf die Liste mit Namen. So viele Leben. So viel auf dem Spiel.

„Komm.“ Yukis Stimme war sanft. „Ich zeige dir, wo du dich ausruhen kannst.“

„Ich will mich nicht ausruhen. Ich will—“

„Helfen. Ich weiß.“ Yuki lächelte schwach. „Aber im Moment hilfst du am meisten, indem du dich erholst. Komm.“

Sie führte ihn durch die Gänge zu einem kleinen Zimmer. Ein Bett, ein Stuhl, eine Lampe. Spartanisch, aber sauber.

„Das war mein Zimmer, als ich hier anfing“, sagte Yuki. „Vor fünf Jahren. Damals konnte ich auch nicht schlafen. Zu viel im Kopf.“

„Was hat geholfen?“

„Meditation. Und die Erkenntnis, dass ich nicht alles kontrollieren kann.“ Sie setzte sich auf den Stuhl, ließ Erik das Bett. „Manchmal musst du loslassen, Erik. Vertrauen, dass andere ihre Rolle spielen.“

„Aber Helena—“

„Ist eine der stärksten Personen, die ich kenne.“ Yukis Augen glänzten. „Sie hat den Tod ihrer Eltern überlebt. Die Verwandlung ihres Vaters und ihres Bruders. Jahrzehnte der Jagd, der Verluste, der Verzweiflung. Und sie ist immer noch hier. Kämpft immer noch.“

„Aber was, wenn Dimitri sie überzeugt? Was, wenn sie sich verwandeln lässt?“

„Dann haben wir sie verloren.“ Yukis Stimme war leise, aber ehrlich. „Aber ich glaube nicht, dass das passieren wird. Helena hat zu viel gesehen. Zu viel gekämpft. Sie weiß, wofür sie steht.“

Erik wollte ihr glauben. Aber die Zweifel nagten an ihm.

Yuki stand auf. „Ich lasse dich allein. Versuch zu schlafen. Oder zumindest zu meditieren. Ich bin nebenan, wenn du mich brauchst.“

Sie ging. Die Tür schloss sich leise.

Erik lag auf dem Bett, starrte an die Decke. Schlaf schien unmöglich. Sein Geist raste, sprang zwischen Helena, den Babys, der Ältesten.

Du wirst scheitern, hatte sie gesagt. Wie alle vor dir.

War das wahr? War er nur der Nächste in einer langen Reihe von gescheiterten Trägern des Seelenschlüssels?

Er zog den Schlüssel aus seiner Tasche, betrachtete ihn im schwachen Licht. Das Metall war kalt jetzt, leblos. Keine Spur von dem Glühen, das es im Ritual hatte.

„Wer warst du?“ flüsterte Erik. „Wer hat dich getragen, bevor ich es tat?“

Der Schlüssel antwortete nicht. Natürlich nicht.

Aber als Erik seine Augen schloss, sah er Gesichter. Flüchtig, wie Schatten. Menschen aus anderen Zeiten. Ein Mönch mit Tonsur. Eine Frau in mittelalterlicher Kleidung. Ein Soldat mit einer Uniform aus dem Ersten Weltkrieg.

Alle hatten sie den Schlüssel getragen. Alle hatten sie gekämpft.

Und alle waren sie gestorben.

Erik öffnete die Augen, sein Herz hämmerte. „Nein. Ich werde nicht sterben. Nicht so.“

Er stand auf, trotz Yukis Rat. Er konnte nicht einfach hier liegen und nichts tun.

Er ging zurück zum Konferenzraum. Yuki saß dort, arbeitete an ihrem Laptop.

„Ich dachte, du ruhst dich aus“, sagte sie, ohne aufzusehen.

„Ich kann nicht.“ Erik setzte sich ihr gegenüber. „Zeig mir Helenas Position. Ich will wissen, dass sie in Ordnung ist.“

Yuki zögerte, dann drehte sie ihren Laptop. Die Karte zeigte einen blinkenden Punkt. „Immer noch am gleichen Ort. Augustiner am Platzl.“

„Wie lange schon?“

„Dreißig Minuten. Sie bewegt sich nicht.“

„Das ist gut, oder? Das bedeutet, sie ist nicht gefangen. Dimitri hat sie nicht entführt.“

„Oder der Tracker wurde gefunden und entfernt.“ Yukis Stimme war vorsichtig. „Das ist auch möglich.“

Erik fühlte, wie sein Magen sich zusammenzog. „Können wir das überprüfen?“

„Wie? Wir können nicht einfach ins Café gehen. Wenn Dimitri uns sieht—“

„Dann sieht er uns nicht.“ Erik stand auf. „Gibt es Kameras in der Nähe? Straßenkameras, Geschäfte?“

„Wahrscheinlich.“ Yuki tippte. „Marienplatz ist voll überwacht. Einen Moment…“

Sie hackte sich in die städtischen Systeme. Bilder füllten den Bildschirm. Verschiedene Winkel des Platzes, der umliegenden Straßen.

„Da.“ Erik deutete auf einen Monitor. „Das Café.“

Yuki vergrößerte. Das Bild war körnig, aber erkennbar. Das Café war voll, Touristen und Einheimische frühstückten.

Und an einem Tisch in der Ecke, halb verborgen: Helena und Dimitri.

Sie saßen sich gegenüber, sprachen. Helenas Gesicht war angespannt, aber ruhig. Dimitri lächelte, gestikulierte, sah fast… menschlich aus.

„Sie reden wirklich nur“, flüsterte Yuki. „Keine Gewalt. Keine Gefangenschaft.“

„Über was reden sie?“

„Kein Ton auf den Kameras. Wir können nur raten.“ Yuki lehnte sich zurück. „Aber ihre Körpersprache… Helena ist defensiv. Die Arme verschränkt, zurückgelehnt. Dimitri ist offen, nach vorne gebeugt. Er versucht, sie zu überzeugen.“

„Wovon?“

„Was auch immer er will.“ Yuki sah Erik an. „Aber sie hört zu. Das ist wichtig. Sie ist nicht geflohen.“

„Sollte sie aber“, murmelte Erik.

Sie beobachteten weiter. Minuten vergingen. Das Gespräch ging weiter.

Dann stand Dimitri auf. Er legte Geld auf den Tisch, sagte etwas zu Helena. Sie schüttelte den Kopf.

Er lächelte, traurig, dann ging er. Verschwand aus dem Bild.

Helena blieb sitzen. Allein. Den Kopf in den Händen.

„Sie ist frei“, sagte Yuki. „Er hat sie gehen lassen.“

Erik fühlte Erleichterung, aber auch Verwirrung. „Warum? Was will er?“

„Das werden wir herausfinden.“ Yuki griff nach ihrem Handy. „Ich rufe sie an.“

Sie wählte. Das Telefon klingelte. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Dann, auf dem Bildschirm: Helena griff nach ihrem Handy, sah auf das Display.

Und lehnte den Anruf ab.

„Was?“ Yuki starrte auf ihr Handy. „Sie… sie hat abgelehnt.“

„Versuch es nochmal.“

Yuki wählte erneut. Wieder klingelte es. Und wieder lehnte Helena ab.

„Sie will nicht mit uns sprechen“, flüsterte Yuki. „Warum?“

Erik fühlte eine kalte Angst in seiner Brust aufsteigen. „Weil Dimitri sie überzeugt hat. Von irgendetwas.“

Auf dem Bildschirm stand Helena auf. Sie ließ Geld auf dem Tisch, zog ihre Jacke an. Dann verließ sie das Café.

Aber sie ging nicht in Richtung der Nachtwache-Zentrale.

Sie ging in die entgegengesetzte Richtung.

„Wo geht sie hin?“ fragte Erik.

Yuki wechselte zwischen verschiedenen Kameras, folgte Helena durch die Straßen. „Richtung Hauptbahnhof. Warum würde sie—“

„Sie verlässt München“, verstand Erik plötzlich. „Dimitri hat sie überzeugt zu gehen.“

„Oder sie führt einen Plan aus“, sagte Yuki. Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt. „Helena würde uns nicht einfach im Stich lassen.“

„Würde sie nicht?“ Erik dachte an das, was Thomas gesagt hatte. Selbst die Stärksten können in Momenten der Einsamkeit schwach werden.

Sie beobachteten, wie Helena den Hauptbahnhof betrat. Die Kameras im Inneren zeigten sie am Ticketschalter.

„Ich muss zu ihr“, sagte Erik plötzlich. Er stand auf. „Bevor sie einen Zug nimmt.“

„Erik, warte—“

„Nein. Du hast gesagt, ich soll mich ausruhen. Aber ich kann nicht untätig zusehen, wie wir Helena verlieren.“ Er griff nach seiner Jacke. „Der Hauptbahnhof ist fünfzehn Minuten von hier. Ich kann sie erreichen.“

„Und wenn es gefährlich ist? Wenn Dimitri in der Nähe ist?“

„Dann werde ich vorsichtig sein.“ Erik zögerte. „Yuki, ruf Marcus und Thomas an. Sag ihnen, was passiert ist. Aber ich warte nicht.“

Er rannte zur Tür.

„Erik!“ Yukis Stimme folgte ihm. „Nimm wenigstens das!“

Sie warf ihm etwas zu. Er fing es. Ein kleiner Taser, nicht größer als ein Handy.

„Gegen Menschen und junge Vampire effektiv“, erklärte sie. „Gegen Alte wie Dimitri… weniger. Aber besser als nichts.“

„Danke.“ Erik steckte den Taser ein, dann rannte er die Wendeltreppe hoch.

Durch die Buchhandlung, auf die Straße. Die Morgensonne war jetzt voll aufgegangen, wärmte die Stadt. Menschen eilten vorbei, gingen ihrer Arbeit nach, ahnungslos von der Dunkelheit, die unter ihren Füßen lauerte.

Erik rannte. Sein Körper protestierte, jeder Schritt schmerzte, aber er ignorierte es.

Helena verließ die Nachtwache. Verließ sie alle.

Und er würde sie nicht gehen lassen. Nicht ohne Kampf.

Der Hauptbahnhof ragte vor ihm auf, ein massiver Bau aus Glas und Stahl.

Erik stürzte hinein.

Die Halle war überfüllt. Reisende, Pendler, Touristen. Hunderte von Menschen.

Wo war sie?

Erik scannte die Menge, verzweifelt. Dort! Am Gleis 17, ein Zug bereit zur Abfahrt.

Und auf dem Bahnsteig, gerade einsteigend: Helena.

„Helena!“ Erik schrie ihren Namen, drängte sich durch die Menge.

Sie hörte ihn nicht. Oder ignorierte ihn.

Die Türen des Zuges begannen sich zu schließen.

„Nein!“ Erik sprintete, erreichte das Gleis.

Die Türen schlossen sich. Einen Spalt noch offen.

Erik sprang.

Er schaffte es. Gerade so. Die Türen schlossen sich hinter ihm, trafen fast seine Jacke.

Der Zug setzte sich in Bewegung.

Erik keuchte, lehnte sich gegen die Wand. Die anderen Passagiere starrten ihn an.

Er ignorierte sie, ging durch den Waggon.

Dort, im nächsten Abteil: Helena.

Sie saß am Fenster, sah hinaus, während München an ihr vorbeizog.

Erik setzte sich ihr gegenüber.

Sie sah auf, überrascht, dann resigniert.

„Du hättest nicht kommen sollen“, sagte sie leise.

„Du hättest nicht gehen sollen“, konterte Erik.

Sie schwiegen, während der Zug an Fahrt gewann.

Dann, leise: „Er hat mir etwas erzählt. Dimitri. Etwas über den Rat. Über die Älteste.“

„Was?“

Helena sah ihn an, ihre Augen waren müde. Und verängstigt.

„Sie ist meine Mutter.“

Die Worte ließen die Welt stillstehen.

„Was?“ flüsterte Erik.

„Die Älteste. Die Anführerin des Rates. Die Quelle all dieser Dunkelheit.“ Helenas Stimme brach. „Sie ist meine Mutter.“


KAPITEL 10

Die erste Begegnung

Erik starrte Helena an, unfähig zu sprechen. Der Zug ratterte weiter, München verschwand hinter ihnen, aber alles, was Erik hören konnte, war das Echo ihrer Worte.

Sie ist meine Mutter.

„Das… das ist nicht möglich“, stammelte er schließlich. „Deine Mutter hieß Maria. Du hast es gesagt. Sie war menschlich. Sie ist gestorben, als du—“

„Die Frau, die mich aufgezogen hat, hieß Maria“, unterbrach Helena. Ihre Stimme war flach, emotionslos – die Stimme von jemandem, der sich zwingen musste, nicht zusammenzubrechen. „Aber sie war nicht meine biologische Mutter. Das hat Dimitri mir heute erzählt. Die Wahrheit, die er seit vierzig Jahren kennt.“

„Dimitri lügt. Er ist ein Vampir, er manipuliert—“

„Nein.“ Helena schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, es wäre eine Lüge. Aber er hatte Beweise. Fotos. Briefe. Dokumente aus dem Jahr 1957, als ich geboren wurde.“

Sie holte einen Umschlag aus ihrer Tasche, schob ihn über den Tisch. Ihre Hände zitterten.

Erik öffnete ihn vorsichtig. Darin: alte Schwarzweiß-Fotos. Das erste zeigte eine Frau, jung, atemberaubend schön, mit langem dunklem Haar und durchdringenden Augen. Sie hielt ein Baby im Arm.

„Das bin ich“, flüsterte Helena. „Drei Tage alt. Und das…“ Sie zeigte auf die Frau. „Das ist sie. Die Älteste.“

Erik betrachtete das Foto genauer. Die Frau sah jung aus, vielleicht dreißig. Aber ihre Augen… ihre Augen waren alt. Unendlich alt. Und sie glühten leicht, selbst im verblassten Foto.

„Wie ist das möglich? Vampire können keine Kinder bekommen.“

„Die meisten können es nicht“, sagte Helena. „Aber die Ältesten, die, die Jahrtausende alt sind… sie haben Fähigkeiten, die die Jüngeren nicht besitzen. Sie können ihre Verwandlung kontrollieren, zeitweise umkehren. Genug, um…“ Sie brach ab, sah weg. „Sie wurde von meinem Vater schwanger. Konstantin. Lange bevor er verwandelt wurde.“

„Aber warum? Warum würde ein Vampir ein Kind wollen?“

„Experiment. Erbe. Macht.“ Helenas Stimme wurde bitter. „Dimitri sagte, die Älteste wollte sehen, ob ein Kind aus Vampir und Mensch geboren werden könnte. Ein Dhampir, aber stärker. Mit Potential.“

„Potential wofür?“

„Um eine Brücke zu sein. Zwischen den Welten. Zwischen Vampiren und Menschen.“ Helena lachte bitter. „Oder um eine Waffe zu sein. Je nachdem, wie man es sieht.“

Erik blätterte durch die anderen Fotos. Eines zeigte die gleiche Frau mit einem kleinen Jungen – Dimitri, vermutete Erik. Ein anderes zeigte Konstantin, noch menschlich, glücklich, neben der Frau stehend.

„Was ist passiert? Warum bist du bei Maria aufgewachsen?“

„Weil die Älteste beschloss, dass ich ein Fehlschlag war.“ Helenas Stimme war kaum hörbar. „Ich war zu menschlich. Zu normal. Keine übernatürlichen Kräfte, keine Verbindung zur Dunkelheit. Nur ein gewöhnliches Baby. Also gab sie mich weg. An Maria, eine Krankenschwester, die für sie arbeitete. Maria sollte mich aufziehen, mich beobachten. Sehen, ob ich später doch noch Fähigkeiten entwickeln würde.“

„Und?“

„Nichts. Ich blieb menschlich. Völlig, komplett menschlich.“ Helena sah auf ihre Hände. „Aber Dimitri nicht. Er war drei Jahre älter, und bei ihm funktionierten die Gene. Er war stärker als normale Kinder, schneller, seine Sinne waren schärfer. Die Älteste war begeistert. Er war ihr Erfolg.“

„Deshalb wurde er verwandelt.“

„Als er einundzwanzig war, bot sie ihm die Wahl. Bleib menschlich und stirb eines Tages. Oder werde ein Vampir und lebe ewig an ihrer Seite.“ Helenas Augen füllten sich mit Tränen. „Er wählte sie. Seine leibliche Mutter. Statt mich. Statt Maria. Statt seinem menschlichen Leben.“

Der Zug fuhr in einen Tunnel. Die Lichter flackerten. Im schwachen Licht sah Helena gebrochen aus.

„Deshalb verlässt du München“, verstand Erik. „Du kannst nicht gegen deine eigene Mutter kämpfen.“

„Wie soll ich das tun?“ Helenas Stimme brach endgültig. „Sie ist meine Mutter, Erik. Sie hat mich geboren. Und jetzt soll ich sie töten?“

„Sie ist ein Monster. Sie plant, tausende Menschen zu töten.“

„Sie ist immer noch meine Mutter!“

Die Worte hingen zwischen ihnen, zu groß, zu schwer.

Der Zug verließ den Tunnel. Draußen war Landschaft, Felder, Wälder. Sie bewegten sich schnell, weg von München, weg von allem.

„Wohin fährt dieser Zug?“ fragte Erik.

„Salzburg. Dann weiter nach Wien.“ Helena wischte sich die Augen. „Ich dachte… ich könnte verschwinden. Irgendwo neu anfangen. Die Nachtwache einer anderen Person überlassen.“

„Marcus?“

„Er ist fähig. Brutal, aber effektiv.“ Helena lächelte schwach. „Und er hat nicht den emotionalen Ballast, den ich habe.“

„Aber er ist nicht du.“ Erik beugte sich vor. „Helena, die Nachtwache braucht dich. Die Stadt braucht dich. Die sechs Babys brauchen dich.“

„Sie haben Thomas. Sie haben den Seelenschlüssel. Sie haben—“

„Sie haben nicht ihren Anführer.“ Erik griff über den Tisch, nahm ihre Hand. „Du rennst weg. Ich verstehe es. Ich verstehe, warum. Aber du hast mir selbst gesagt: Manchmal ist die richtige Entscheidung die schwierigste.“

„Das war, bevor ich wusste, dass ich das Kind eines Monsters bin.“

„Du bist nicht dein Blut.“ Eriks Stimme wurde fester. „Du bist deine Taten. Deine Entscheidungen. Dein Leben. Und du hast dein ganzes Leben damit verbracht, gegen die Dunkelheit zu kämpfen. Das macht dich nicht zu einem Monster. Das macht dich zu einem Helden.“

Helena schloss die Augen. Tränen liefen ihre Wangen hinunter.

„Ich habe Angst“, flüsterte sie. „Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wirklich Angst. Nicht vor den Vampiren. Nicht vor dem Tod. Sondern davor, dass Dimitri Recht hat.“

„Recht womit?“

„Dass ich am Ende wie sie werde. Wie meine Mutter. Dass die Dunkelheit in mir ist, wartet, bis sie ausbricht.“

„Das wird nicht passieren.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil ich dich kenne.“ Erik drückte ihre Hand fester. „Nicht lange, das stimmt. Aber lang genug, um zu sehen, wer du bist. Und du bist nicht dunkel. Du bist das Gegenteil davon.“

Der Zug begann zu bremsen. Eine Stimme über Lautsprecher: „Nächster Halt: Rosenheim.“

„Wir steigen hier aus“, sagte Erik. „Fahren zurück nach München.“

„Erik—“

„Kein aber. Die Mission ist nicht vorbei. Und du bist ein Teil davon.“ Er stand auf. „Komm. Bevor du noch mehr Zeit verschwendest mit Selbstzweifeln.“

Helena sah ihn lange an. Dann, endlich, nickte sie. „Du bist erstaunlich stur für einen Rookie.“

„Ich hatte eine gute Lehrerin.“

Sie verließen den Zug in Rosenheim. Der Bahnsteig war fast leer, nur ein paar Pendler stiegen ein und aus.

Helena holte ihr Handy heraus, sah die verpassten Anrufe von Yuki. „Ich muss sie anrufen. Sie erklären, warum—“

„Später.“ Erik deutete auf die andere Seite der Gleise. „Nächster Zug zurück nach München ist in zwanzig Minuten. Bis dahin…“ Er sah sich um, entdeckte ein kleines Café am Bahnhof. „Kaffee?“

Helena lächelte schwach. „Kaffee klingt gut.“


Sie saßen in dem Café, tranken überteuerten Bahnhofskaffee, der trotzdem besser schmeckte als erwartet.

„Erzähl mir von ihr“, sagte Erik. „Von der Ältesten. Nicht als deine Mutter. Als Feindin. Was wissen wir über sie?“

Helena atmete tief durch, schaltete in ihren professionellen Modus. „Ihr Name, ihr echter Name, ist Katalin. Ungarischer Herkunft. Geboren vermutlich im 11. Jahrhundert, vielleicht früher.“

„So alt?“

„Die ältesten Vampire gehen zurück bis zu den Römern. Manche behaupten, noch weiter.“ Helena nippte an ihrem Kaffee. „Katalin wurde vermutlich verwandelt während der ersten Kreuzzüge. Es gibt Berichte von einer ‚Blutgräfin‘ in Jerusalem, die ganze Dörfer entvölkerte.“

„Und sie gründete den Rat?“

„Nicht allein. Aber sie war eine der Gründerinnen. Im 13. Jahrhundert, als die Vampirjäger organisierter wurden, beschlossen die mächtigsten Vampire, sich zusammenzuschließen. Für Schutz, für Macht, für…“ Helena zögerte. „Für eine Vision.“

„Die ewige Nacht.“

„Ja. Aber es war mehr als das. Sie wollten eine Welt, in der Vampire nicht mehr versteckt leben müssen. In der sie herrschen können, offen, ohne Angst.“ Helenas Augen wurden dunkel. „Das erste Mal versuchten sie es im 14. Jahrhundert. In Budapest. Sie töteten den Großteil der Bevölkerung, verwandelten Hunderte. Fast hätten sie es geschafft.“

„Was hat sie gestoppt?“

„Andere Vampire. Die, die glaubten, dass Koexistenz möglich ist. Sie verbündeten sich mit menschlichen Jägern. Der Krieg dauerte zehn Jahre. Am Ende war Budapest in Trümmern, und der Rat musste fliehen.“

„Aber sie gaben nicht auf.“

„Katalin gibt nie auf. Das ist ihr Markenzeichen.“ Helena stellte ihre Tasse ab. „Sie wartet. Jahrzehnte, Jahrhunderte. Aber sie vergisst nie. Und sie plant immer drei Schritte voraus.“

„Dann hat sie München nicht zufällig gewählt.“

„Nein. München liegt auf einem der stärksten Ley-Linien-Knotenpunkte in Europa. Perfekt für das Ritual. Und…“ Helena zögerte. „Dimitri sagte, sie sei schon seit Jahren hier. Bereite alles vor.“

„Jahre?“ Erik fühlte einen Schauer. „Wie lange genau?“

„Mindestens zehn. Vielleicht zwanzig.“ Helena sah aus dem Fenster, wo der Regen wieder eingesetzt hatte. „Sie hat sich in die Stadt integriert. Eine Identität aufgebaut. Ein Leben. Niemand weiß, wer sie wirklich ist.“

„Aber Dimitri weiß es.“

„Ja.“

„Und er hat es dir nicht gesagt. Wo sie ist. Wer sie ist.“

„Nein.“ Helenas Stimme wurde bitter. „Er sagte, das müsse ich selbst herausfinden. Als Test. Um zu sehen, ob ich würdig bin, meine eigene Mutter zu jagen.“

„Das ist krank.“

„Das ist Dimitri.“ Helena seufzte. „Er war immer der Spieler. Selbst als Kind. Alles musste ein Spiel sein, eine Herausforderung.“

„Aber er hat dir etwas gegeben. Sonst wärst du nicht auf diesem Zug gewesen.“

Helena nickte langsam. Sie holte den Umschlag wieder heraus, zog ein weiteres Foto heraus. „Das hier.“

Das Foto zeigte eine moderne Straße in München. Ein Geschäft mit der Aufschrift: Galerie Schwarzmond – Antike Kunst & Kuriositäten.

„Was ist das?“

„Ein Laden in der Maximilianstraße. Gehört angeblich einer gewissen ‚Frau Steiner‘. Einer Kunsthändlerin, zurückgezogen, exzentrisch.“ Helenas Finger zitterten leicht, als sie das Foto hielt. „Dimitri sagte, wenn ich sie finden wolle, solle ich dort anfangen.“

„Das ist sie? Katalin versteckt sich als Kunsthändlerin?“

„Warum nicht? Es ist perfekt. Sie handelt mit alten Gegenständen, reist um die Welt für Auktionen, niemand stellt Fragen.“ Helena lachte bitter. „Und sie hat Zugang zu okkulten Artefakten. Perfekt für jemanden, der ein Weltuntergangs-Ritual plant.“

Erik betrachtete das Foto. Das Geschäft sah unscheinbar aus. Ein normaler Laden in einer teuren Gegend.

„Wir gehen hin“, sagte er plötzlich.

„Was? Nein. Erik, wir können nicht einfach—“

„Warum nicht?“ Erik beugte sich vor. „Sie weiß nicht, dass du weißt. Das gibt uns einen Vorteil. Wir gehen rein, sehen uns um, sammeln Informationen.“

„Und wenn sie mich erkennt? Ich bin ihre Tochter. Selbst nach sechzig Jahren—“

„Dann spielst du die Rolle.“ Eriks Geist arbeitete schnell. „Du bist eine Kundin. Interessiert an okkulten Gegenständen. Du stellst Fragen, schaust dich um. Ich begleite dich als… als dein Assistent. Oder Freund. Was auch immer.“

„Das ist zu gefährlich.“

„Alles, was wir tun, ist gefährlich.“ Erik griff nach ihrer Hand über den Tisch. „Aber wir müssen sie konfrontieren. Früher oder später. Besser auf unseren Bedingungen als auf ihren.“

Helena schwieg lange. Der Regen trommelte gegen die Fenster des Cafés. Irgendwo im Hintergrund spielte leise Musik.

„Du hast Recht“, sagte sie schließlich. „Ich bin weggelaufen. Aber das löst nichts.“ Sie sah Erik in die Augen. „Wenn wir das tun, wenn wir wirklich hineingehen… verspreche mir etwas.“

„Was?“

„Wenn es schiefgeht, wenn sie mich angreift oder verwandeln will… töte mich.“

„Helena—“

„Versprich es mir, Erik.“ Ihre Augen waren fest, entschlossen. „Ich werde nicht werden wie sie. Lieber sterbe ich.“

Erik fühlte, wie sich sein Hals zuschnürte. „Das wird nicht nötig sein.“

„Aber wenn doch. Versprich es.“

Erik nickte langsam. „Ich verspreche es.“

„Gut.“ Helena stand auf, ließ Geld auf dem Tisch. „Dann lass uns zurück nach München fahren. Wir haben eine Mutter zu besuchen.“


Die Rückfahrt verlief in angespanntem Schweigen. Erik versuchte, sich vorzubereiten, mental durchzugehen, was sie erwarten könnten. Aber wie bereitete man sich darauf vor, der Ältesten der Vampire gegenüberzutreten? Der Quelle aller Dunkelheit?

Helena starrte aus dem Fenster, verloren in ihren eigenen Gedanken. Gelegentlich berührte sie den Umschlag mit den Fotos, als müsse sie sich vergewissern, dass er real war.

Sie erreichten München gegen Mittag. Die Stadt wirkte normal, fast idyllisch im trüben Novemberlicht. Menschen gingen einkaufen, Straßenbahnen ratterten vorbei, das Leben ging weiter.

„Wir sollten zu den anderen zurück“, sagte Helena, als sie den Bahnhof verließen. „Sie aktualisieren. Vielleicht Marcus und Thomas als Backup mitnehmen.“

„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Dimitri sagte, du sollst sie allein finden. Als Test. Wenn wir mit einem ganzen Team ankommen, weiß sie sofort, dass etwas nicht stimmt.“

„Aber—“

„Wir zwei. Mehr nicht.“ Erik sah sie an. „Vertraust du mir?“

Helena zögerte, dann nickte sie. „Ja. Ich vertraue dir.“

Sie nahmen ein Taxi zur Maximilianstraße, eine der edelsten Einkaufsstraßen Münchens. Designer-Boutiquen, teure Restaurants, Touristen mit vollen Einkaufstüten.

Und mittendrin, zwischen einem Juwelier und einem italienischen Restaurant: Galerie Schwarzmond.

Das Schaufenster zeigte antike Statuen, alte Gemälde, mysteriöse Artefakte hinter Glas. Alles schien echt zu sein, wertvoll, aus verschiedenen Epochen und Kulturen.

„Bereit?“ fragte Erik.

Helena atmete tief durch. „Nein. Aber das spielt keine Rolle.“

Sie öffneten die Tür. Eine kleine Glocke bimmelte.

Der Laden war größer, als er von außen wirkte. Hohe Decken, gedämpftes Licht, der Geruch von altem Holz und Weihrauch. Regale voller Bücher, Vitrinen mit Schmuck und Waffen, Gemälde an den Wänden.

Und am Ende des Raumes, hinter einem antiken Schreibtisch: eine Frau.

Sie war vielleicht vierzig, elegant gekleidet in ein schwarzes Kostüm. Ihr Haar war dunkel mit einigen grauen Strähnen, zurückgebunden zu einem strengen Knoten. Sie trug eine rahmenlose Brille und sah auf, als sie eintraten.

„Guten Tag“, sagte sie. Ihre Stimme war warm, kultiviert, mit einem leichten Akzent, den Erik nicht einordnen konnte. „Willkommen in der Galerie Schwarzmond. Kann ich Ihnen helfen?“

Helena erstarrte.

Erik spürte es sofort. Das war sie. Die Frau aus den Fotos, nur älter jetzt – oder besser, sie spielte älter. Das war Katalin. Die Älteste.

Helenas Mutter.

„Wir… wir interessieren uns für okkulte Artefakte“, sagte Erik schnell, als Helena nicht antwortete. „Etwas Besonderes. Für eine Sammlung.“

Die Frau lächelte. „Natürlich. Okkulte Stücke sind meine Spezialität.“ Sie stand auf, kam näher. „Suchen Sie etwas Spezifisches? Eine bestimmte Epoche? Kultur?“

Sie war jetzt nur noch drei Meter entfernt. Erik konnte ihre Augen sehen. Sie waren dunkelbraun, fast schwarz.

Und sie leuchteten nicht. Zumindest nicht im Moment.

„Etwas… Mächtiges“, sagte Erik. „Etwas mit Geschichte.“

„Alles hier hat Geschichte.“ Die Frau – Frau Steiner, Katalin – deutete auf die Ausstellungsstücke. „Aber wenn Sie nach wahrer Macht suchen…“ Sie ging zu einer verschlossenen Vitrine. „Vielleicht interessiert Sie das.“

Sie holte einen Schlüssel hervor, öffnete die Vitrine. Darin lag ein Dolch, die Klinge aus schwarzem Metall, der Griff mit Runen verziert.

„Opferdolch“, erklärte sie. „Aus dem 15. Jahrhundert. Benutzt von einem Hexenzirkel in Prag für Blutrituale.“ Sie hob ihn vorsichtig heraus. „Sehr selten. Sehr mächtig. Und sehr teuer.“

Sie reichte den Dolch Erik. Er nahm ihn, spürte sofort eine Kälte, die von der Klinge ausging.

„Faszinierend“, murmelte er und versuchte, normal zu klingen.

Katalin wandte sich Helena zu. „Und Sie, meine Liebe? Interessiert Sie auch okkulte Kunst? Oder eher… persönliche Artefakte?“

Helena hob endlich den Blick. Ihre Augen trafen die ihrer Mutter.

Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

„Persönliche“, flüsterte Helena. „Sehr persönliche.“

Katalins Lächeln vertiefte sich. „Ich habe etwas, das Sie vielleicht interessieren würde. Kommen Sie.“

Sie führte sie tiefer in den Laden, zu einem Hinterraum. Erik folgte, seine Hand unbewusst zum Taser in seiner Tasche wandernd.

Der Hinterraum war kleiner, intimer. Kerzen brannten, warfen tanzende Schatten. An den Wänden hingen weitere Artefakte, aber diese waren anders. Dunkler. Gefährlicher.

Katalin ging zu einem kleinen Altar, auf dem eine einzelne Kerze brannte. Neben der Kerze: ein Foto.

Sie nahm es, reichte es Helena.

Helena sah darauf – und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

„Was ist das?“ flüsterte sie.

„Ein Foto“, sagte Katalin sanft. „Von vor langer Zeit. Von einer Mutter und ihrer Tochter.“

Es war das gleiche Foto, das Dimitri Helena gegeben hatte. Die Älteste, jung aussehend, mit einem Baby im Arm.

„Woher haben Sie das?“ Helenas Stimme zitterte.

Katalin trat näher. Sehr nahe. So nahe, dass Erik die Kälte spüren konnte, die von ihr ausging.

„Weil ich dort war“, flüsterte Katalin. „Weil ich dieses Baby gehalten habe. Weil ich…“ Sie hob ihre Hand, berührte sanft Helenas Wange. „Weil ich dich geboren habe, mein Kind.“

Helena wich zurück, stolperte fast. „Nein. Du… du kannst nicht—“

„Aber ich kann. Und ich bin.“ Katalins Augen begannen zu leuchten. Rot. Intensiv. „Willkommen zu Hause, Helena. Ich habe so lange auf dich gewartet.“

Erik riss den Taser heraus, zielte auf Katalin—

Sie bewegte sich. Zu schnell, um zu sehen. Einen Moment war sie dort, im nächsten hatte sie Eriks Handgelenk gepackt, den Taser weggeschleudert.

„Wie unhöflich“, sagte sie. „Und du musst Erik Schönwaldt sein. Der neue Träger des Seelenschlüssels.“

Wie wusste sie seinen Namen?

„Lass ihn los!“ Helena hatte eine kleine Pistole gezogen, richtete sie auf Katalin.

Katalin lachte. „Du würdest auf deine eigene Mutter schießen? Wie tragisch. Wie… menschlich.“

„Du bist nicht meine Mutter. Du bist ein Monster.“

„Ich bin beides.“ Katalin ließ Erik los, drehte sich zu Helena. „Und du, mein Kind, bist mehr wie ich, als du zugeben willst.“

„Nein.“

„Doch.“ Katalin trat näher, keine Angst vor der Pistole. „Du hast dein ganzes Leben damit verbracht, gegen die Dunkelheit zu kämpfen. Aber warum? Weil du sie hasst? Oder weil du sie fürchtest… in dir selbst?“

„Halt den Mund.“

„Du hast mein Blut, Helena. Meine Stärke. Mein Potential.“ Katalins Augen glühten heller. „Warum leugnen, was du bist? Warum kämpfen gegen deine Natur?“

„Weil meine Natur menschlich ist!“ Helenas Stimme brach. „Ich bin nicht du. Ich werde nie wie du sein!“

„Wirklich?“ Katalin lächelte traurig. „Dann warum zitterst du? Warum kannst du nicht abdrücken?“

Helenas Hand zitterte tatsächlich. Die Pistole schwankte.

„Tu es nicht“, flüsterte Katalin. „Töte mich nicht, Helena. Nicht, bevor du die Wahrheit kennst.“

„Was für eine Wahrheit?“

„Die Wahrheit über das Ritual. Über die ewige Nacht. Über das, was wirklich passieren wird, wenn wir erfolgreich sind.“ Katalin‘ Stimme wurde eindringlich. „Es ist nicht das, was du denkst. Es ist nicht Zerstörung. Es ist… Transformation.“

„Lügen.“

„Ist es das?“ Katalin deutete auf die Artefakte an den Wänden. „Jedes dieser Objekte erzählt eine Geschichte. Von Kulturen, die mit der Dunkelheit lebten. Von Menschen und Vampiren, die koexistierten. Es war einst möglich. Es könnte wieder möglich sein.“

„Durch Massenmord?“

„Durch Opfer.“ Katalins Stimme wurde härter. „Ja, Menschen werden sterben. Aber nicht alle. Die Starken werden überleben. Werden sich anpassen. Und am Ende wird eine neue Welt entstehen. Eine bessere Welt.“

„Für Vampire.“

„Für alle.“ Katalin streckte ihre Hand aus. „Schließ dich mir an, Helena. Du und dein Bruder. Meine Kinder. Gemeinsam könnten wir—“

„Nein.“ Helena drückte ab.

Der Schuss war ohrenbetäubend im kleinen Raum.

Katalin bewegte sich, aber nicht schnell genug. Die Kugel traf sie in die Schulter, schleuderte sie zurück.

Sie prallte gegen die Wand, rutschte zu Boden.

„Lauf!“ schrie Helena. „Erik, lauf!“

Sie rannten. Durch den Hinterraum, durch den Laden, zur Tür.

Hinter ihnen: Katalins Lachen. Nicht schmerzhaft. Nicht wütend.

Vergnügt.

„Lauft, Kinder“, rief sie. „Aber ihr könnt nicht ewig rennen. Früher oder später werdet ihr zu mir zurückkommen müssen. Und dann werdet ihr verstehen.“

Sie erreichten die Straße, stürzten hinaus in das Tageslicht.

Menschen starrten sie an, erschrocken von ihrem panischen Rennen.

Helena griff Eriks Hand, zog ihn mit sich. „Weiter. Wir müssen weg von hier.“

Sie rannten, durch Straßen, um Ecken, bis sie sicher waren, dass niemand folgte.

Schließlich hielten sie an, keuchend, in einer Seitengasse.

„Du hast auf sie geschossen“, keuchte Erik. „Deine eigene Mutter.“

„Sie ist nicht meine Mutter.“ Helenas Augen waren wild. „Sie ist das, was mich geboren hat. Aber sie ist nicht meine Mutter.“

Sie sank gegen eine Wand, rutschte zu Boden.

„Ich habe versagt“, flüsterte sie. „Ich konnte sie nicht töten. Ich hatte die Chance, und ich habe nur geschossen, um zu fliehen.“

„Du hast nicht versagt.“ Erik kniete sich neben sie. „Du hast überlebt. Wir beide haben überlebt.“

„Aber jetzt weiß sie, dass wir wissen. Sie wird vorbereitet sein.“

„Gut.“ Erik‘ Stimme wurde fest. „Dann sind wir quitt. Weil wir jetzt auch vorbereitet sind.“

Helena sah ihn an. „Wie können wir gegen so etwas kämpfen? Gegen meine eigene Mutter?“

„Indem wir uns daran erinnern, wer wir sind.“ Erik half ihr auf. „Du bist Helena Konstantin. Anführerin der Nachtwache. Und ich bin… nun ja, ich bin noch dabei herauszufinden, wer ich bin. Aber gemeinsam…“

„Gemeinsam haben wir vielleicht eine Chance“, beendete Helena den Satz. Sie lächelte schwach. „Wann bist du so optimistisch geworden?“

„Seit ich aufgehört habe wegzurennen.“

Sie gingen zurück zur Zentrale, langsamer jetzt, vorsichtig.

Die erste Begegnung mit der Ältesten war vorbei.

Aber der Krieg hatte gerade erst begonnen.


KAPITEL 11

Die unmögliche Wahl

Die Zentrale war in Aufruhr, als sie zurückkehrten.

Marcus stand im Konferenzraum, telefonierte lautstark mit jemandem, seine Stimme hallte durch die Gänge. Yuki saß vor ihren Monitoren, tippte fieberhaft. Thomas war nirgends zu sehen.

„Wo wart ihr verdammt nochmal?“ Marcus legte auf, als er Helena und Erik sah. Sein Gesicht war rot, die Stirnader pulsierte. „Drei Stunden! Drei Stunden ohne ein Wort! Yuki hat gesagt, du wärst im Zug nach Salzburg, und dann—“

„Es tut mir leid.“ Helena hob beschwichtigend die Hände. „Wir mussten… ich musste etwas klären.“

„Etwas klären?“ Marcus‘ Stimme wurde gefährlich leise. „Während wir hier draußen unsere Ärsche riskieren für die Kinder? Während Thomas und ich bei den Wagners waren und fast von einem Vampir zerrissen wurden?“

„Was?“ Erik trat vor. „Was ist passiert?“

Marcus holte tief Luft, versuchte sich zu beruhigen. „Die Wagners. Der Cop und seine Frau. Wir kamen an, wollten mit ihnen reden. Aber jemand war vor uns dort.“

„Ein Vampir?“

„Zwei. Valentina und ein anderer.“ Marcus rieb sich das Gesicht. „Sie hatten das Baby bereits. Als wir ankamen, waren die Eltern… sie waren noch am Leben, aber kaum. Gebissen, ausgeblutet, bewusstlos.“

„Und das Baby?“ fragte Helena, obwohl Erik die Antwort bereits in ihren Augen sah.

„Weg. Sie haben es mitgenommen.“ Marcus schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wir haben versucht zu folgen, aber sie waren zu schnell. Verschwanden in den Katakomben unter Schwabing.“

„Die Eltern?“ fragte Erik leise.

„Im Krankenhaus. Koma. Die Ärzte geben ihnen fünfzig-fünfzig.“ Marcus sah Helena direkt an. „Wo warst du, Boss? Als das passierte, wo warst du?“

Helena wich seinem Blick nicht aus. „Ich habe meine Mutter getroffen.“

Stille im Raum.

„Deine Mutter ist tot“, sagte Marcus schließlich. „Das hast du uns gesagt. Maria starb vor zwanzig Jahren.“

„Maria war nicht meine leibliche Mutter.“ Helena zog einen Stuhl heraus, setzte sich schwer. „Meine leibliche Mutter ist Katalin. Die Älteste.“

Marcus starrte sie an. Dann lachte er, ungläubig. „Das ist ein Scherz, oder? Bitte sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist.“

„Ich wünschte, es wäre einer.“

„Scheiße.“ Marcus ließ sich auf einen anderen Stuhl fallen. „Scheiße, scheiße, scheiße.“

Yuki war von ihren Monitoren aufgestanden, kam näher. „Helena, das bedeutet… dein ganzes Leben…“

„War eine Lüge. Ja.“ Helenas Stimme war flach. „Dimitri hat es mir heute erzählt. Mit Beweisen. Und dann bin ich zu ihr gegangen. Zu ihrer Galerie.“

„Du bist hingegangen?“ Marcus‘ Augen weiteten sich. „Allein?“

„Mit mir“, sagte Erik schnell. „Wir sind zusammen hingegangen.“

„Oh, na dann ist ja alles gut.“ Marcus‘ Sarkasmus war beißend. „Der Rookie und die Chefin, die gerade herausgefunden hat, dass sie die Tochter des Obervampirs ist, spazieren in deren Laden. Was könnte da schon schiefgehen?“

„Wir haben überlebt“, sagte Helena. „Und wir haben Informationen gesammelt.“

„Was für Informationen?“

Helena erzählte ihnen alles. Die Galerie, die Konfrontation, Katalins Worte über Transformation statt Zerstörung. Und den Schuss.

„Du hast auf sie geschossen“, wiederholte Marcus fassungslos. „Auf deine eigene Mutter.“

„Sie ist kein Mensch mehr. Sie ist ein Monster.“ Helenas Stimme war fest, aber Erik hörte die Unsicherheit darunter. „Ich tat, was getan werden musste.“

„Und doch entkam sie.“

„Sie ist die Älteste. Natürlich entkam sie.“ Helena stand auf, ging zur Karte von München an der Wand. „Aber jetzt wissen wir, wo sie sich versteckt. Das ist ein Vorteil.“

„Oder eine Falle“, warf Yuki ein. „Sie hat euch gehen lassen. Sie hätte euch töten können, aber sie tat es nicht. Warum?“

„Weil sie mich will.“ Helenas Finger fuhren über die Karte, über die markierten Ley-Linien. „Sie will, dass ich mich ihr anschließe. Dimitri auch. Ihre Kinder, vereint unter ihrer Herrschaft.“

„Das wird nicht passieren“, sagte Marcus.

„Nein. Das wird es nicht.“ Helena drehte sich um. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Katalin ist nicht dumm. Sie plant drei Schritte voraus. Wenn sie uns gehen ließ, dann hatte das einen Grund.“

„Was für einen Grund?“

„Das ist die Frage.“ Helena ging zurück zum Tisch, breitete die Liste der Familien aus. „Marcus, du sagtest, die Wagners wurden angegriffen. Valentina hat ihr Baby. Was ist mit den anderen fünf?“

„Thomas ist bei den Özkan“, berichtete Marcus. „Er führt das Ritual durch. Allein, weil ich hier auf euch warten musste.“

„Allein?“ Helenas Stimme wurde scharf. „Das ist zu gefährlich. Die Vampire könnten—“

„Könnten, ja. Aber was sollten wir tun? Du warst weg, Erik war weg. Die Kinder sterben.“ Marcus‘ Kiefer war angespannt. „Thomas traf eine Entscheidung.“

„Wann hat er angefangen?“

„Vor einer Stunde.“ Marcus sah auf seine Uhr. „Er sollte bald fertig sein. Wenn alles gutgeht.“

„Und wenn nicht?“

„Dann haben wir einen toten Priester und ein weiteres verlorenes Baby.“ Marcus‘ Worte waren hart, aber ehrlich. „So ist die Realität, Boss.“

Helena schloss die Augen, atmete tief durch. „Yuki, kannst du Thomas erreichen? Funkverbindung?“

„Ich versuche es.“ Yuki ging zurück zu ihren Monitoren, setzte ein Headset auf. „Thomas, hier Zentrale. Bitte melden.“

Rauschen.

„Thomas, melden.“

Mehr Rauschen. Dann, schwach, eine Stimme: „…hier. Ritual… fast fertig…“

„Bist du in Sicherheit?“

„…Familie ist in Ordnung… Baby reagiert… Dunkelheit wider…setzt sich…“

Die Verbindung brach ab.

„Thomas!“ Yuki tippte fieberhaft. „Verdammt, ich habe ihn verloren.“

„Wo ist er?“ fragte Helena.

„Giesing. Wohnblock am Candidplatz.“ Yuki zeigte die Adresse auf dem Monitor. „Zehn Minuten von hier.“

„Wir fahren hin.“ Helena griff nach ihrer Jacke. „Marcus, du und ich. Erik, du bleibst hier mit Yuki.“

„Nein.“ Erik schüttelte den Kopf. „Ihr braucht den Schlüssel. Wenn das Ritual schiefgeht, wenn die Dunkelheit zu stark ist—“

„Erik hat Recht“, sagte Marcus widerwillig. „Der Schlüssel könnte entscheidend sein.“

Helena sah zwischen ihnen hin und her. „In Ordnung. Aber du bleibst hinter uns, verstanden? Keine Heldenaktionen.“

„Verstanden.“

Sie rannten zur Garage. Marcus fuhr, zu schnell, ignorierte Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen. Helena saß vorne, überprüfte ihre Waffen. Erik hinten, den Seelenschlüssel fest umklammert.

„Was ist, wenn Katalin dort ist?“ fragte Erik. „Wenn das eine Falle ist?“

„Dann kämpfen wir“, sagte Marcus knapp.

„Gegen die Älteste? Sie ist—“

„Uns überlegen, ich weiß.“ Marcus nahm eine Kurve auf zwei Rädern. „Aber wir haben keine Wahl. Thomas ist dort. Vielleicht in Gefahr. Wir lassen niemanden zurück.“

Sie erreichten den Candidplatz. Der Wohnblock war typisch Münchner Nachkriegsbau. Grau, funktional, mit Balkonen voller Wäscheleinen und Fahrrädern.

„Dritter Stock“, sagte Helena und sprang aus dem Wagen, bevor er ganz stand. „Familie Özkan, Wohnung 3B.“

Sie rannten ins Gebäude. Das Treppenhaus roch nach Kohl und Putzmittel. Irgendwo weinte ein Baby – aber nicht mit dem unnatürlichen Schrei eines verwandelten Kindes.

Dritter Stock. Wohnung 3B. Die Tür stand einen Spalt offen.

Marcus zog seine Pistole. Helena ihr Messer. Erik den Seelenschlüssel.

Marcus stieß die Tür auf.

Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ Erik den Atem stocken.

Thomas lag auf dem Boden, blutend aus einer Wunde an der Stirn. Neben ihm: eine junge Frau in Hijab, bewusstlos, aber atmend. Und auf dem Teppich, im Zentrum eines zerbrochenen Kreidekreises: ein Baby.

Das Baby – Ayşe – weinte. Aber es war ein normales Weinen. Ihre Haut hatte Farbe, ihre Augen waren braun, menschlich.

„Das Ritual war erfolgreich“, keuchte Thomas. Er versuchte aufzustehen, fiel zurück. „Aber dann… sie kamen…“

„Wer kam?“ Helena kniete neben ihm.

„Valentina. Und andere. Drei, vier, ich habe nicht genau gezählt.“ Thomas‘ Augen waren glasig. „Sie wollten das Baby. Ich habe widerstanden, aber…“

„Wo sind sie jetzt?“ fragte Marcus, die Waffe erhoben, spähte in die anderen Räume.

„Weg. Sie flohen, als das Baby begann zu weinen. Normal zu weinen.“ Thomas lächelte schwach. „Sie wollten es nicht mehr. Es war nutzlos für sie.“

Erik ging zum Baby, hob es vorsichtig auf. Ayşe beruhigte sich sofort, schmiegte sich an ihn. So warm. So lebendig. So menschlich.

„Du hast sie gerettet“, flüsterte er zu Thomas.

„Wir haben sie gerettet“, korrigierte Thomas. „Alle von uns.“

Helena verband Thomas‘ Kopfwunde mit einem Handtuch aus der Küche. „Kannst du gehen?“

„Ich denke schon. Nur ein wenig benommen.“ Thomas stand auf, wankte leicht. Marcus stützte ihn.

„Und die Mutter?“ Erik deutete auf die bewusstlose Frau.

„Schock. Die Vampire haben sie nicht verletzt, nur erschreckt.“ Helena überprüfte ihren Puls. „Sie wird aufwachen. Verwirrt, verängstigt, aber am Leben.“

„Wir können sie nicht hier lassen“, sagte Erik. „Wenn die Vampire zurückkommen—“

„Sie kommen nicht zurück. Nicht für ein geheiltes Baby.“ Helena stand auf. „Aber du hast Recht. Wir bringen sie zur Zentrale. Alle – die Mutter, das Baby. Bis das vorbei ist.“

„Das wird ihr nicht gefallen“, murmelte Marcus. „Zwei Familien versteckt in unserem Hauptquartier. Das ist ein Sicherheitsrisiko.“

„Alles ist ein Sicherheitsrisiko.“ Helena sah sich in der verwüsteten Wohnung um. „Aber lebende Zeugen sind besser als tote. Wir bringen sie mit.“

Sie trugen Frau Özkan und Baby Ayşe hinunter zum Auto. Einige Nachbarn spähten aus ihren Türen, aber niemand fragte. In München lernte man, sich aus fremden Angelegenheiten herauszuhalten.

Auf der Rückfahrt zur Zentrale herrschte angespannte Stille. Thomas hielt seine Wunde, murmelte Gebete. Frau Özkan begann zu erwachen, verwirrt und panisch. Helena beruhigte sie auf Deutsch, dann auf gebrochenem Türkisch.

„Sie sagt, sie habe Monster gesehen“, übersetzte Helena. „Frauen mit roten Augen, die in ihre Wohnung kamen.“

„Was sagen wir ihr?“

„Die Wahrheit. Später. Wenn sie bereit ist.“ Helena sah aus dem Fenster. „Im Moment sagen wir ihr, dass sie in Sicherheit ist. Das ist alles, was zählt.“


Zurück in der Zentrale hatte sich die Situation weiter zugespitzt.

Yuki empfing sie mit düsteren Neuigkeiten. „Zwei weitere Familien wurden angegriffen. Die Schneiders in Neuhausen und die Müllers in Sendling.“

„Und die Babys?“ fragte Helena, während Marcus Frau Özkan und Ayşe in einen der Ruheräume führte.

„Verschwunden. Beide. Die Eltern überlebten, aber die Babys sind weg.“ Yukis Gesicht war aschfahl. „Das sind jetzt drei von sechs. Die Hälfte.“

„Die anderen drei?“

„Ich habe sie gewarnt. Die Familien sind untergetaucht, versteckt bei Verwandten. Aber…“ Yuki zögerte. „Wir haben keine Möglichkeit, die Rituale durchzuführen. Nicht ohne die Babys zu finden.“

Helena sank auf einen Stuhl. „Drei Babys in den Händen des Rates. Was wollen sie damit?“

„Opfer“, sagte Thomas, der gerade mit Marcus zurückkam. „Für das Ritual der ewigen Nacht. Katalin sammelt sie.“

„Aber warum Babys?“ fragte Erik. „Erwachsene wären einfacher zu beschaffen.“

„Unschuld“, antwortete Thomas. „Die reinste Form. Unverdorbene Seelen. Sie verstärken die Macht des Rituals.“ Er setzte sich schwer. „Und halb verwandelte Babys sind noch wertvoller. Sie sind bereits mit der Dunkelheit verbunden, aber nicht vollständig. Perfekt für—“

„Für eine Brücke“, unterbrach Helena. „Zwischen Leben und Tod. Zwischen Licht und Dunkelheit.“

„Genau.“

„Dann müssen wir sie zurückholen“, sagte Erik. „Die drei Babys. Vor der Sommersonnenwende.“

„Das sind sieben Monate“, sagte Marcus. „Wir haben Zeit.“

„Haben wir das?“ Helena stand auf, ging zur Karte. „Katalin hat sich gezeigt. Sie weiß, dass wir wissen. Was, wenn sie beschleunigt? Was, wenn sie das Ritual früher durchführt?“

„Unmöglich“, sagte Yuki. „Die Sommersonnenwende ist entscheidend. Die Ley-Linien sind nur dann stark genug.“

„Bist du sicher?“

Yuki zögerte. „Neunzig Prozent sicher.“

„Und die anderen zehn Prozent?“

„Sind das Risiko, das wir eingehen müssen.“ Yuki kam zum Tisch, breitete ihre Recherchen aus. „Ich habe jeden Text über das Ritual der ewigen Nacht analysiert. Alle Berichte, alle Legenden. Die Sommersonnenwende wird immer erwähnt. Es ist nicht verhandelbar.“

„Außer es gibt Ausnahmen“, murmelte Helena. „Ausnahmen, die nicht aufgeschrieben wurden.“

„Oder die verloren gingen“, fügte Thomas hinzu. „Viele okkulte Texte wurden im Laufe der Jahrhunderte vernichtet. Von der Kirche, von Jägern, von den Vampiren selbst.“

„Dann gehen wir davon aus, dass wir sieben Monate haben“, entschied Helena. „Aber wir handeln, als hätten wir sieben Wochen. Wir beschleunigen alles.“

„Was ist der Plan?“ fragte Marcus.

Helena atmete tief durch. „Wir finden die Babys. Wo auch immer Katalin sie versteckt hat, wir finden sie. Und wir holen sie zurück.“

„Und wie?“ Marcus‘ Skeptizismus war deutlich. „München ist riesig. Die Katakomben allein sind ein Labyrinth. Wir könnten Jahre suchen.“

„Dann nutzen wir einen Lockvogel“, sagte Helena.

„Was für einen Lockvogel?“

Helena sah Erik an. „Den Seelenschlüssel.“

Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Was?“

„Katalin will ihn. Sie hat es gesagt, als wir in der Galerie waren. Der Schlüssel ist Teil ihrer Pläne.“ Helena trat näher. „Wenn wir ihn als Köder benutzen, wird sie kommen. Oder ihre Diener schicken.“

„Du willst, dass ich mich als Ziel anbiete.“

„Ich will, dass wir eine Falle stellen. Mit dir als Lockvogel, ja. Aber geschützt, bewacht. Wir kontrollieren die Situation.“

„Und wenn sie zu stark ist? Wenn sie mich überwältigen?“

„Dann sterben wir alle“, sagte Marcus trocken. „Aber hey, keine Sorge. Das wäre ein schneller Tod.“

„Marcus“, tadelte Helena.

„Was? Es ist die Wahrheit.“ Marcus verschränkte die Arme. „Der Plan ist riskant. Aber ich sehe keine Alternative. Wir können nicht passiv warten. Wir müssen agieren.“

Erik sah auf den Schlüssel in seiner Hand. Das Metall war warm, pulsierte leicht. Als würde es auf seine Entscheidung warten.

„Wo würden wir die Falle stellen?“ fragte er.

„Einer der Ley-Linien-Punkte“, sagte Helena. „Viktualienmarkt vielleicht. Öffentlich, aber nicht zu überfüllt nachts. Wir können die Umgebung kontrollieren.“

„Und wann?“

„Heute Nacht.“

„So schnell?“ Yuki sah besorgt aus. „Wir brauchen mehr Vorbereitungszeit. Mehr Ausrüstung.“

„Wir haben keine Zeit.“ Helenas Stimme war fest. „Katalin beschleunigt. Sie hat heute drei Babys genommen. Wenn wir warten, nimmt sie die restlichen drei.“

„Die sind versteckt“, erinnerte Marcus.

„Versteckt ist nicht sicher. Nicht gegen sie.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Wir tun es heute Nacht. Letztes Angebot.“

Thomas nickte langsam. „Ich bin dabei.“

„Ich auch“, sagte Marcus nach einem Moment.

„Ich koordiniere von hier“, bot Yuki an. „Kameras, Überwachung, Backup.“

Alle Blicke wandten sich Erik zu.

„Erik?“ Helenas Stimme war sanft. „Niemand zwingt dich. Wenn du nein sagst, finden wir einen anderen Weg.“

Erik dachte an die Babys. Lukas, gerettet. Sophie, halb gerettet. Ayşe, gerade gerettet. Und die drei anderen, irgendwo in der Dunkelheit gefangen.

Er dachte an Clara, die sich geopfert hatte. An seine Urgroßeltern, die in die Flammen gegangen waren.

An all die Menschen, die starben, weil niemand handelte.

„Ich mache es“, sagte er. „Aber eine Bedingung.“

„Welche?“

„Wenn Katalin kommt. Wenn sie persönlich erscheint.“ Erik sah Helena direkt in die Augen. „Dann bin ich derjenige, der sie konfrontiert. Nicht du.“

„Erik—“

„Nein. Hör zu.“ Erik stand auf. „Sie ist deine Mutter. Biologisch zumindest. Du hast heute bewiesen, dass du auf sie schießen kannst. Aber sie töten?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob du dazu fähig bist. Und das solltest du auch nicht sein müssen.“

„Aber du bist?“

„Ich habe keinen emotionalen Konflikt. Für mich ist sie nur ein Monster. Ein sehr mächtiges Monster.“ Erik‘ Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich werde tun, was getan werden muss.“

Helena schwieg lange. Dann, fast unhörbar: „Danke.“

„Rührend“, sagte Marcus. „Aber können wir jetzt den Plan konkretisieren? Zeit ist knapp.“

Die nächsten Stunden vergingen in intensiver Vorbereitung.

Yuki hackte sich in die Überwachungssysteme rund um den Viktualienmarkt. Marcus inspizierte Waffen, bereitete Fallen vor – Silbernetze, geweihte Granaten, UV-Lampen. Thomas betete, segnete Ausrüstung, bereitete Bannkreise vor.

Und Erik übte mit dem Seelenschlüssel.

In dem kleinen Trainingsraum, allein, versuchte er die Kontrolle zu perfektionieren. Das Licht zu rufen, ohne Panik. Es zu halten, ohne sich selbst zu verlieren.

Es wurde besser. Nicht perfekt, aber besser.

„Du lernst schnell“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Erik drehte sich um. Helena stand in der Tür.

„Kann nicht schlafen?“ fragte er.

„Niemand kann schlafen. Nicht vor so einer Mission.“ Sie trat ein, schloss die Tür. „Darf ich?“

„Natürlich.“

Sie setzte sich auf den Boden, lehnte sich gegen die Wand. Erik setzte sich ihr gegenüber.

„Danke“, sagte sie nach einem Moment. „Für vorhin. Für das Angebot, Katalin zu konfrontieren.“

„Ich meinte es ernst.“

„Ich weiß. Das macht es… kompliziert.“ Helena sah auf ihre Hände. „Teil von mir will sie tot sehen. Das Monster, das tausende getötet hat. Aber ein anderer Teil…“ Sie brach ab.

„Will die Mutter, die du nie hattest“, beendete Erik leise.

„Ist das pathetisch?“

„Nein. Das ist menschlich.“ Erik lehnte sich vor. „Aber Helena, du musst verstehen – sie wird diese Schwäche ausnutzen. Sie hat es heute schon getan. Sie wird es wieder tun.“

„Ich weiß.“

„Deshalb ist es besser, wenn ich es tue. Wenn es soweit kommt.“

Helena nickte langsam. „Aber versprich mir etwas.“

„Was?“

„Zögere nicht. Wenn du die Chance hast, sie zu töten – tu es. Sofort. Ohne nachzudenken.“ Ihre Augen trafen seine, intensiv. „Denn wenn du zögerst, wird sie dich töten. Und dann uns alle.“

„Ich verspreche es.“

Sie standen auf. Helena streckte ihre Hand aus. Erik schüttelte sie.

„Für die Babys“, sagte sie.

„Für die Babys“, wiederholte Erik.


Um 22:00 Uhr brachen sie auf.

Der Viktualienmarkt lag still unter dem Nachthimmel. Die Stände waren geschlossen, mit Planen abgedeckt. Nur vereinzelte Straßenlaternen warfen gelbes Licht auf die leeren Wege.

Erik stand in der Mitte, beim Maibaum. Allein. Sichtbar.

In seiner Hand: der Seelenschlüssel, offen gezeigt, glühend im Dunkeln.

Der perfekte Köder.

Marcus war auf einem Dach, mit einem Scharfschützengewehr. Thomas in den Schatten, bereit mit seinen Bannkreisen. Helena versteckt hinter einem Stand, nur zwanzig Meter entfernt.

Und Yuki in der Zentrale, beobachtete über ein Dutzend Kameras.

„Position eingenommen“, flüsterte Erik in sein Mikrofon.

„Empfangen“, kam Yukis Stimme. „Alle Kameras online. Keine Bewegung bisher.“

„Geduld“, murmelte Marcus. „Sie werden kommen.“

Sie warteten.

Eine Minute. Fünf Minuten. Zehn.

Erik fühlte den Schweiß auf seiner Stirn, trotz der Kälte. Seine Hände umklammerten den Schlüssel, fühlten sein Pulsieren.

„Bewegung“, sagte Yuki plötzlich. „Östliche Seite. Drei Gestalten.“

Erik drehte sich. Dort, zwischen den Ständen, tauchten Schatten auf.

Vampire. Er erkannte sie sofort an der Art, wie sie sich bewegten. Zu flüssig. Zu schnell.

Sie kamen näher. Zwei Männer, eine Frau. Die Frau war Valentina.

Sie blieben zehn Meter entfernt stehen.

„Der Träger des Seelenschlüssels“, sagte Valentina. Ihr Lächeln war kalt. „Wie mutig von dir, allein zu kommen.“

„Ich bin nicht allein“, sagte Erik.

„Natürlich nicht. Deine Freunde verstecken sich. Wie Ratten.“ Valentinas Augen leuchteten. „Aber das spielt keine Rolle. Du bist hier. Der Schlüssel ist hier. Das ist alles, was zählt.“

„Ihr wollt ihn? Kommt und holt ihn.“

„So einfach?“ Valentina lachte. „Du glaubst, das ist eine Falle. Dass deine Freunde uns überwältigen werden, wenn wir angreifen.“

„Ist es nicht?“

„Vielleicht. Aber weißt du, was das Lustige ist?“ Valentina trat näher. Einen Schritt. Noch einen. „Wir haben auch eine Falle.“

Ein Schrei.

Nicht von Erik. Von hinter ihm.

Er wirbelte herum.

Thomas lag am Boden, eine Gestalt über ihm. Ein Vampir, den sie nicht gesehen hatten, der sich aus den Schatten materialisiert hatte.

„Thomas!“ Helena stürmte aus ihrem Versteck, Waffe gezogen.

Aber es war zu spät.

Der Vampir riss Thomas hoch, hielt ihn als Schild.

„Lassen Sie Ihre Waffen fallen“, sagte der Vampir. „Oder der Priester stirbt.“

„Nicht schießen!“ rief Thomas. „Es ist eine Falle, sie—“

Der Vampir schlug ihm ins Gesicht. Thomas‘ Kopf schnellte zur Seite.

„Waffen. Jetzt.“

Helena zögerte. Dann ließ sie ihre Pistole fallen.

„Du auch, Dachschütze“, rief der Vampir nach oben. „Ich kann dich riechen.“

Marcus fluchte, aber seine Waffe fiel von dem Dach, landete klirrend auf dem Pflaster.

„Gut. Sehr gut.“ Der Vampir lächelte. „Und jetzt, Träger, gib uns den Schlüssel.“

„Nein“, sagte Erik.

„Dann stirbt er.“

„Wenn er stirbt, lasse ich den Schlüssel explodieren.“ Erik hob ihn höher. „Und uns alle mit ihm.“

Das war eine Lüge. Er hatte keine Ahnung, ob der Schlüssel explodieren konnte. Aber er musste Zeit gewinnen.

Der Vampir zögerte.

„Er blufft“, sagte Valentina. „Töte den Priester.“

„Warte!“ Eine neue Stimme. Aus den Schatten.

Eine Gestalt trat ins Licht.

Dimitri.

Er sah zwischen ihnen allen hin und her. Dann lächelte er.

„Niemand muss sterben“, sagte er. „Heute Nacht jedenfalls. Ich habe ein besseres Angebot.“

„Was für ein Angebot?“ fragte Helena, ihre Stimme gepresst.

„Ein Handel.“ Dimitri kam näher, seine Hände erhoben, als wollte er zeigen, dass er keine Waffe trug. „Der Schlüssel gegen die Babys.“

Stille.

„Alle drei“, fuhr Dimitri fort. „Unversehrt, geheilt. Wir geben sie euch zurück. Im Austausch für den Seelenschlüssel.“

„Das ist eine Lüge“, sagte Marcus irgendwo aus der Dunkelheit.

„Ist es das?“ Dimitri sah zu Helena. „Schwester, du kennst mich. Ich mag ein Monster sein, aber ich lüge nicht. Nicht bei Geschäften.“

„Du bietest uns drei Babys für den Schlüssel“, sagte Helena langsam. „Warum?“

„Weil die Älteste gnädig ist. Sie sieht, dass ihr kämpft, dass ihr leidet. Und sie bietet einen Ausweg.“ Dimitris Augen glühten schwach. „Die Babys gegen den Schlüssel. Ein Leben für ein Werkzeug. Ein gerechter Handel.“

„Und das Ritual?“ fragte Erik. „Die ewige Nacht?“

„Wird trotzdem stattfinden. Mit oder ohne Schlüssel.“ Dimitri zuckte mit den Schultern. „Aber mit dem Schlüssel wird es… einfacher. Weniger blutig. Weniger Opfer.“

„Du lügst.“

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“ Dimitris Lächeln wurde breiter. „Aber die Frage ist: Bist du bereit, das Risiko einzugehen? Drei unschuldige Babys gegen deine Paranoia?“

Erik sah zu Helena. Ihre Augen waren weit, gequält.

„Nicht tun“, flüsterte Thomas, immer noch vom Vampir gehalten. „Erik, gib ihnen den Schlüssel nicht.“

„Aber die Babys—“

„Sind bereits verloren“, sagte Thomas. „Wenn du den Schlüssel gibst, sind wir alle verloren.“

„Er hat Recht“, kam Marcus‘ Stimme. „Das ist eine Falle.“

„Oder es ist eine Chance“, konterte Dimitri. „Eine Chance, Leben zu retten. Ist das nicht das, worum es geht?“

Erik fühlte das Gewicht des Schlüssels in seiner Hand. Das Pulsieren, das stärker wurde.

Drei Babys. Unschuldige Leben.

Gegen ein Artefakt. Ein Werkzeug.

Eine unmögliche Wahl.

„Ich brauche Garantien“, sagte Erik schließlich. „Beweise, dass die Babys leben. Dass ihr sie wirklich zurückgebt.“

„Natürlich.“ Dimitri nickte einem der anderen Vampire zu.

Der Vampir holte ein Handy heraus, zeigte ein Video.

Drei Babys. In Wiegen. Schlafend. Ihre kleine Brüste hoben und senkten sich.

Lebendig.

„Zufrieden?“ fragte Dimitri.

Erik sah zu Helena. Sie hatte Tränen in den Augen.

„Es ist deine Entscheidung“, flüsterte sie. „Ich kann sie nicht für dich treffen.“

Erik schloss die Augen.

Was würde Clara tun?

Was würden seine Urgroßeltern tun?

Er öffnete die Augen.

„Nein“, sagte er. „Kein Handel.“

Dimitris Lächeln verschwand. „Das ist deine letzte Antwort?“

„Ja.“

„Dann“, sagte eine neue Stimme, „lassen Sie mich eine bessere machen.“

Alle drehten sich um.

Aus den Schatten trat Katalin.

Die Älteste.

Sie sah Erik an, ihr Lächeln war kalt wie Eis. „Der Schlüssel“, sagte sie. „Gegen Helena.“

Der nächste Teil folgt am Sonntag, 18. Januar

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