KAPITEL 3
Das erste Opfer
Der Regen hatte wieder eingesetzt, als Helena und Erik durch die Münchner Innenstadt fuhren. Schwerer, durchdringender Regen, der die Straßen in glänzende schwarze Spiegel verwandelte. Die Scheibenwischer des BMW kämpften gegen die Wassermassen, ihr rhythmisches Quietschen war das einzige Geräusch im Wagen.
Erik saß auf dem Beifahrersitz, den Karton mit dem Schlüssel auf seinem Schoß, und beobachtete die vorüberziehenden Straßen. München sah anders aus jetzt, nachdem Helena ihm die Wahrheit erzählt hatte. Bedrohlicher. Als würde hinter jeder Fassade, in jedem dunklen Fenster etwas lauern.
„Wohin fahren wir?“, fragte er schließlich.
„Institut für Rechtsmedizin“, antwortete Helena, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Auf der anderen Seite der Isar. Ein Kollege wartet dort auf uns.“
„Ein Kollege von der Nachtwache?“
„Nein. Ein normaler Gerichtsmediziner. Aber einer, der… Fragen stellt. Der Muster erkennt.“ Sie nahm eine Kurve, zu schnell für Eriks Geschmack. „Dr. Martin Weber. Er weiß nicht offiziell von uns, aber er verdächtigt, dass etwas nicht stimmt mit den Fällen. Wir haben eine… Vereinbarung.“
„Was für eine Vereinbarung?“
„Wir geben ihm Antworten, die sein Verstand akzeptieren kann. Dafür lässt er uns die Beweise sehen, die er nicht erklären kann.“ Helena lächelte dünn. „Eine symbiotische Beziehung.“
Sie fuhren über eine Brücke. Unter ihnen floss die Isar, dunkel und geschwollen vom Regen. Erik konnte sich vorstellen, wie Dinge in diesem Wasser verschwanden. Beweise. Leichen. Geheimnisse.
Das Institut für Rechtsmedizin war ein moderner Bau aus Glas und Beton, der sich an den Hang schmiegte. Hell erleuchtet trotz der späten Stunde, ein Leuchtturm in der Dunkelheit. Helena parkte in einer reservierten Bucht, zeigte einem Wachmann einen Ausweis, und sie wurden durchgewunken.
„Lass mich das Reden übernehmen“, sagte Helena, als sie durch den Eingang gingen. „Weber ist… eigen. Er mag keine Überraschungen.“
Die Korridore rochen nach Desinfektionsmittel und etwas anderem. Etwas Süßlichem, das Erik nicht benennen wollte. Tod, dachte er. Das ist der Geruch des Todes.
Sie nahmen einen Aufzug ins Untergeschoss. Die Türen öffneten sich zu einem weiteren Gang, weiße Wände, grelles Neonlicht. Am Ende stand eine Tür mit der Aufschrift: AUTOPSIESAAL 3 – ZUTRITT NUR FÜR BEFUGTES PERSONAL.
Helena klopfte zweimal, dann einmal, dann wieder zweimal. Ein Code.
Die Tür öffnete sich.
Der Mann, der sie hereinließ, war Anfang Fünfzig, groß und hager, mit schlohweißem Haar und einer randlosen Brille. Er trug grüne OP-Kleidung und Latexhandschuhe. Seine Augen, hinter den Gläsern, waren wachsam und intelligent.
„Helena“, sagte er zur Begrüßung. Seine Stimme war tief, mit einem leichten norddeutschen Akzent. „Pünktlich wie immer.“
„Martin. Das ist Erik Schönwaldt. Er arbeitet jetzt mit uns.“
Dr. Weber musterte Erik mit einem Blick, der gleichzeitig durch ihn hindurchzusehen und ihn zu sezieren schien. „Der Mann aus dem Schwarzwald“, sagte er schließlich. „Helena hat mir von Ihnen erzählt. Schloss Falkenstein.“
Erik nickte steif. „Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Wir werden sehen.“ Weber drehte sich um und ging in den Saal. „Folgen Sie mir.“
Der Autopsiesaal war genau so, wie Erik ihn sich vorgestellt hatte – und gleichzeitig schlimmer. Edelstahltische, grelles Licht, Regale mit Instrumenten, die zu präzise aussahen. Und in der Mitte, auf einem der Tische, unter einem weißen Tuch, die Umrisse eines Körpers.
„Das letzte Opfer“, sagte Weber, während er zum Tisch ging. „Sophie Hartmann. Vierundzwanzig Jahre alt. Studentin an der LMU. Gefunden vor drei Tagen in ihrer Wohnung in Maxvorstadt. Mitbewohnerin kam nach Hause und fand sie im Bett. Tot.“
Er zog das Tuch zurück.
Erik zwang sich hinzusehen.
Sophie Hartmann war – war gewesen – eine junge Frau mit kurzen dunklen Haaren und einem schmalen Gesicht. Ihre Haut hatte die unnatürliche Blässe des Todes, aber noch etwas mehr. Eine Durchscheinbarkeit, als könnte man durch sie hindurchsehen. Ihre Lippen waren bläulich, ihre Augen geschlossen, eingefallen.
„Todesursache?“ Helena trat näher, professionell, unbewegt.
„Offiziell? Akutes Herzversagen infolge extremer Anämie.“ Weber holte eine Akte, blätterte darin. „Hämoglobin-Wert bei der Auffindung: 3,2 Gramm pro Deziliter. Normal wäre 12 bis 16. Sie hatte praktisch kein Blut mehr im Körper.“
„Wie ist das möglich?“ Erik konnte seine Augen nicht von der Leiche abwenden. „Man müsste doch… ich meine, so viel Blutverlust, da müsste doch überall Blut sein.“
„Das ist das Rätsel.“ Weber ging zur Leiche, deutete auf verschiedene Punkte. „Keine äußeren Blutungen. Keine inneren Blutungen, soweit ich feststellen konnte. Das Blut ist nicht irgendwo hingeflossen. Es ist… verschwunden.“
„Zeig ihm die Wunden“, sagte Helena leise.
Weber nickte. Er drehte vorsichtig den Kopf der Leiche zur Seite, zog das Haar zurück.
Dort, am Hals, unter dem linken Ohr: zwei kleine Punktionen. Rund, sauber, nicht größer als Nadelstiche. Aber tief. Erik konnte sehen, wo sie in die Halsschlagader führten.
„Zweimal“, sagte Weber. „Immer zweimal. Alle fünf Opfer hatten die gleichen Markierungen. Präzise platziert. Kein Zittern, kein Verrutschen. Als hätte jemand mit chirurgischer Genauigkeit gearbeitet.“
Erik beugte sich näher. Die Wunden sahen aus wie… wie Bissmale. Genau wie bei Lukas. Aber auch anders. Sauberer. Kontrollierter.
„Werkzeug oder Zähne?“, fragte Helena.
„Unmöglich zu sagen.“ Weber zog die Lampe näher. „Die Ränder sind zu glatt für die meisten Werkzeuge. Aber auch zu präzise für menschliche Zähne. Und schau dir das an.“
Er nahm eine Lupe aus seiner Tasche, reichte sie Erik. „Am Rand der linken Wunde. Siehst du es?“
Erik hielt die Lupe über die Punktionsstelle. Zuerst sah er nichts außer dem beschädigten Gewebe. Dann, fast unsichtbar, ein winziger Faden. Nicht aus Stoff. Etwas anderes.
„Ein Haar“, flüsterte er.
„Kein menschliches Haar.“ Weber klang triumphierend, wie ein Lehrer, dessen Schüler die richtige Antwort gegeben hatte. „Ich habe es analysiert. Die Struktur ist ungewöhnlich. Zu glatt, zu stark. Und die DNA…“ Er verstummte, schüttelte den Kopf. „Die DNA ergibt keinen Sinn. Sie passt zu keinem bekannten Säugetier.“
Erik richtete sich auf, reichte Helena die Lupe. Sie untersuchte die Wunde selbst, ihr Gesicht ausdruckslos.
„Was ist deine Theorie, Martin?“, fragte sie.
Weber zog die Handschuhe aus, warf sie in einen Abfallbehälter. „Offiziell? Eine neue Form von Parasit. Etwas, das Blut entzieht, ohne Spuren zu hinterlassen. Vielleicht eine Zeckenart, die wir noch nicht kennen.“
„Und inoffiziell?“
Weber sah sie lange an. Dann ging er zu einem Regal, nahm ein Glas heraus. Darin, in Formaldehyd konserviert, das Haar.
„Inoffiziell“, sagte er leise, „habe ich in dreißig Jahren Rechtsmedizin vieles gesehen. Morde, Unfälle, Krankheiten. Ich dachte, ich könnte alles erklären. Aber das hier…“ Er stellte das Glas zurück. „Das hier folgt keiner Logik, die ich kenne. Und das Schlimmste ist: Es ist nicht das erste Mal.“
„Was meinst du?“ Erik trat näher.
Weber ging zu einem Computer, tippte etwas ein. Auf dem Bildschirm erschienen Akten. Viele Akten.
„In den letzten fünf Jahren“, sagte Weber, „gab es in München zwanzig ähnliche Fälle. Nicht alle identisch, aber alle mit extremem Blutverlust, keine Erklärung. Die Behörden haben sie als ‚ungeklärt‘ abgelegt. Zu schwierig, zu seltsam. Niemand will sich damit befassen.“
Helena trat neben ihn. „Zwanzig? Ich dachte, es wären nur fünf in den letzten drei Wochen.“
„Das sind die akuten Fälle. Die offensichtlichen.“ Weber scrollte durch die Daten. „Aber wenn man genauer hinschaut, findet man ein Muster. Alle paar Monate ein Tod. Immer die gleichen Symptome. Immer die gleichen Wunden.“ Er sah Helena an. „Was auch immer das ist – es ist nicht neu. Es ist hier. Seit Jahren.“
Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Seit Jahren. Vampire in München, seit Jahren unentdeckt.
„Warum jetzt?“ fragte er. „Warum sind in den letzten drei Wochen plötzlich fünf Menschen gestorben? Was hat sich geändert?“
„Das ist die richtige Frage.“ Helena wandte sich von dem Computer ab, ging zurück zur Leiche. „Martin, hast du bei diesem Opfer etwas anderes gefunden? Irgendetwas Ungewöhnliches?“
Weber zögerte. „Definiere ungewöhnlich.“
„Du weißt, was ich meine.“
Weber seufzte. Er ging zu einem Kühlschrank, öffnete ihn, holte eine Petrischale heraus. Darin: ein kleines Stück Gewebe.
„Das habe ich aus der Wunde entnommen“, sagte er und stellte die Schale unter ein Mikroskop. „Normalerweise findet man in solchen Wunden Bakterien, vielleicht Speichel, wenn es ein Biss war. Aber hier…“
Er trat beiseite, ließ Erik durch das Mikroskop schauen.
Erik sah… etwas. Zellen, dachte er, aber sie bewegten sich. Pulsierten. Als wären sie lebendig, obwohl die Frau tot war.
„Was ist das?“ flüsterte er.
„Ich weiß es nicht.“ Weber klang frustriert. „Ich habe es noch nie gesehen. Es verhält sich wie ein Virus, aber es ist zu groß. Wie ein Parasit, aber es hat keine erkennbare Struktur. Und das Verrückteste…“ Er nahm die Schale zurück. „Es stirbt, wenn es dem Sonnenlicht ausgesetzt wird. Sofort. Innerhalb von Sekunden.“
Stille füllte den Raum.
Helena und Erik tauschten einen Blick.
„Sonnenlicht“, sagte Erik leise.
Weber sah zwischen ihnen hin und her. „Was? Was bedeutet das?“
„Es bedeutet“, sagte Helena vorsichtig, „dass deine Theorie mit dem Parasiten nicht ganz falsch ist. Nur dass dieser Parasit… intelligenter ist, als du denkst.“
„Intelligenter? Helena, was zum Teufel redest du da?“
Helena atmete tief durch. „Martin, ich werde dir etwas erzählen, und du wirst mir nicht glauben. Aber ich brauche, dass du zuhörst.“
Weber verschränkte die Arme. „Ich höre.“
„Das, was diese Menschen getötet hat, ist kein Tier. Kein normales Tier. Es ist…“ Sie suchte nach Worten. „Es ist etwas sehr Altes. Etwas, das in Legenden existiert, aber auch in der Realität. Etwas, das Blut braucht, um zu überleben.“
Weber starrte sie an. „Du machst Witze.“
„Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?“
„Helena, du bist Wissenschaftlerin. Du kannst nicht ernsthaft—“
„Ich war Wissenschaftlerin“, unterbrach Helena. „Bis ich Dinge sah, die die Wissenschaft nicht erklären konnte. Bis ich akzeptieren musste, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.“
Weber lachte ungläubig. „Du zitierst Shakespeare, um mir zu sagen, dass… was? Dass Vampire echt sind? Das ist lächerlich.“
„Ist es das?“ Erik mischte sich ein. Seine Stimme war ruhig, aber fest. „Dr. Weber, Sie haben selbst gesagt, dass das hier keiner Logik folgt, die Sie kennen. Dass Sie so etwas noch nie gesehen haben. Was, wenn der Grund dafür ist, dass Sie mit der falschen Logik suchen?“
„Und die richtige Logik wäre Vampire?“ Weber schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, das ist Unsinn. Es muss eine wissenschaftliche Erklärung geben.“
„Und wenn die wissenschaftliche Erklärung ist, dass manche Legenden wahr sind?“ Helena trat näher. „Martin, ich kenne dich seit zehn Jahren. Du bist einer der besten Forensiker, die ich kenne. Du siehst Dinge, die andere übersehen. Aber manchmal, um die Wahrheit zu sehen, muss man bereit sein, das Unmögliche zu akzeptieren.“
Weber schwieg lange. Sein Blick wanderte zur Leiche, zum Mikroskop, zurück zu Helena.
„Angenommen“, sagte er schließlich, „nur angenommen, du hättest Recht. Was dann? Was macht man gegen… gegen so etwas?“
„Man jagt es.“ Helenas Stimme wurde hart. „Man findet es, und man stoppt es.“
„Und wie?“
„Das“, sagte Erik und klopfte auf den Karton unter seinem Arm, „finden wir noch heraus.“
Weber rieb sich die Augen. „Ich… ich brauche einen Moment.“
„Nimm dir die Zeit.“ Helena legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Aber während du nachdenkst: Gibt es noch etwas? Irgendeinen Hinweis, den wir übersehen haben könnten?“
Weber ging zurück zum Computer, fast mechanisch. „Die Fundorte“, sagte er. „Alle fünf Opfer wurden in ihren Wohnungen gefunden. Keine Einbruchsspuren. Keine Anzeichen von Kampf. Als wären sie… eingeladen worden.“
„Vampire brauchen eine Einladung“, murmelte Erik. „Das ist doch in den Geschichten so, oder?“
„In manchen“, bestätigte Helena. „Aber nicht bei allen. Und die Geschichten sind oft verfälscht. Aber Martin, du hast Recht – wenn es keine Einbruchsspuren gibt, bedeutet das, die Opfer kannten ihren Mörder. Oder ließen ihn freiwillig herein.“
„Es gibt noch etwas.“ Weber öffnete eine weitere Akte. Fotos von Sophies Wohnung. „Der Fundort war seltsam arrangiert. Die Mitbewohnerin sagte, Sophie hätte so nie ihr Bett gemacht. Aber als sie gefunden wurde, lag sie perfekt zurechtgemacht. Hände gefaltet über der Brust. Fast wie…“
„Wie in einem Sarg“, beendete Helena den Satz.
„Ja.“ Weber sah unbehaglich aus. „Und noch etwas. In der Wohnung fanden wir das hier.“
Er zeigte ein Foto. Auf Sophies Nachttisch: eine einzelne rote Rose, daneben eine Karte.
„Was steht auf der Karte?“ fragte Erik.
Weber holte ein Beweismitteltütchen hervor, reichte es Helena. Sie öffnete es vorsichtig, zog die Karte heraus.
Die Handschrift war elegant, altmodisch. Nur vier Worte:
Danke für das Geschenk.
Erik fühlte eine Kälte seinen Rücken hinunterlaufen. „Das Geschenk. Das Blut.“
„Nicht nur das Blut.“ Helena drehte die Karte um. Auf der Rückseite: ein Symbol. Ein stilisiertes Auge mit einer vertikalen Pupille, umgeben von einer Krone.
„Kennst du das Symbol?“ fragte Erik.
Helena nickte langsam. Ihr Gesicht war bleich geworden. „Ja. Das ist das Siegel des Rates.“
„Des Rates?“
„Eine Versammlung alter Vampire. Die Ältesten. Die Mächtigsten.“ Helenas Stimme zitterte leicht. „Wenn sie hier sind, wenn sie in München aktiv werden…“ Sie brach ab, atmete tief durch. „Dann ist es schlimmer, als ich dachte.“
Weber sah zwischen ihnen hin und her. „Was bedeutet das? Was ist der Rat?“
„Trouble“, sagte Erik leise. „Große trouble.“
Helena steckte die Karte zurück in das Tütchen, gab es Weber zurück. „Martin, ich brauche, dass du das geheim hältst. Niemand darf von diesem Symbol wissen. Kannst du das tun?“
„Helena—“
„Bitte.“
Weber seufzte. „In Ordnung. Aber ich will Updates. Wenn du wirklich… jagst, will ich wissen, was passiert.“
„Du wirst es erfahren.“ Helena wandte sich zum Gehen, dann hielt sie inne. „Und Martin? Sei vorsichtig. Wenn der Rat wirklich hier ist, dann ist niemand sicher. Nicht einmal tagsüber.“
Sie verließen den Autopsiesaal. Der Gang draußen war plötzlich zu hell, zu laut. Erik konnte das Summen der Neonröhren hören, das Brummen der Ventilatoren.
Im Aufzug sagte Helena: „Wir müssen zurück zur Zentrale. Das Team muss das erfahren.“
„Das Symbol“, sagte Erik. „Du hast es wiedererkannt. Woher?“
Helena sah zur Seite. „Mein Vater hatte das gleiche Symbol. Als Tätowierung. Auf seiner Brust.“
Erik erinnerte sich. Der Vampir im U-Bahn-Depot. Konstantin. Helenass Vater.
„Du denkst, er war Teil des Rates?“
„Ich weiß es nicht. Er hat nie darüber gesprochen.“ Helenas Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte den Schmerz darunter hören. „Aber wenn er es war, wenn der Rat dahintersteckt… dann ist das hier persönlich. Sehr persönlich.“
Die Aufzugtüren öffneten sich. Sie gingen zurück zum Auto, durch den Regen, der noch stärker geworden war.
Als sie einstiegen, sagte Erik: „Was hat Weber gemeint mit ‚als wären sie eingeladen worden‘? Brauchen Vampire wirklich eine Einladung?“
„Manche.“ Helena startete den Motor. „Es hängt vom Alter ab, von der Macht. Junge Vampire sind an Regeln gebunden. Sie können nicht in ein Heim eindringen ohne Erlaubnis. Aber ältere…“ Sie bog auf die Straße. „Ältere haben Wege, diese Regeln zu umgehen. Und die Ältesten – der Rat – sie folgen überhaupt keinen Regeln mehr.“
„Wie viele sind im Rat?“
„Niemand weiß es genau. Die Zahlen variieren. Manche sagen sieben. Manche sagen zwölf. Ich habe gehört, es könnten sogar mehr sein.“ Helenas Hände umklammerten das Lenkrad. „Aber eins wissen wir: Sie sind Jahrhunderte alt. Manche Jahrtausende. Sie haben Reiche aufsteigen und fallen sehen. Sie haben Kriege überlebt, Plagen, alles. Und sie sind unbeschreiblich mächtig.“
„Und die sind jetzt hier. In München.“
„Ja.“
„Warum? Was wollen sie hier?“
Helena schwieg einen Moment. Dann: „Ich weiß es nicht. Aber was auch immer es ist – es ist groß. Der Rat bewegt sich nicht ohne Grund. Und wenn sie anfangen, so offen zu töten, Symbole zu hinterlassen…“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie wollen, dass wir es wissen. Sie wollen, dass wir Angst haben.“
„Mission erfüllt“, murmelte Erik.
Sie fuhren durch die dunklen Straßen Münchens. Die Stadt sah friedlich aus, ahnungslos. Menschen in erleuchteten Fenstern, die ihre Leben lebten. Restaurants, Bars, normales Leben.
Aber Erik sah jetzt die Schatten. Die dunklen Stellen zwischen den Gebäuden. Die Gestalten, die sich zu schnell bewegten, um menschlich zu sein.
„Wie viele gibt es?“ fragte er plötzlich. „Wie viele Vampire in München?“
„Schwer zu sagen. Wir schätzen… vielleicht zwanzig. Dreißig.“ Helena bog in eine Seitenstraße. „Die meisten leben friedlich. Trinken tierisches Blut, halten sich versteckt. Wir haben eine Art… Waffenstillstand mit ihnen.“
„Und die anderen?“
„Die anderen jagen.“ Helenas Stimme wurde kalt. „Und die jagen wir.“
Sie hielten vor einem unscheinbaren Gebäude in der Altstadt. Von außen sah es aus wie eine alte Buchhandlung, geschlossen für die Nacht.
„Wir sind da“, sagte Helena.
Erik stieg aus, den Karton unter dem Arm. Der Regen hatte nachgelassen zu einem feinen Niesel. Die Straße war leer, still. Nur das Rauschen von Wasser in den Abflüssen.
Helena ging zur Tür der Buchhandlung, klopfte dreimal. Eine Pause. Dann zweimal. Dann einmal.
Die Tür öffnete sich von innen.
Ein Mann stand dort. Groß, muskulös, Anfang Vierzig, mit kurz geschnittenem grauem Haar und einer Narbe, die von seinem linken Auge bis zum Kinn verlief. Er trug schwarze Kampfkleidung und an seinem Gürtel hingen Waffen. Viele Waffen.
„Helena“, sagte er. Seine Stimme war rau, wie von zu viel Whiskey und Zigaretten. „Und das muss der Neue sein.“
„Erik Schönwaldt, das ist Marcus Wolf“, stellte Helena vor. „Er leitet unsere Feldoperationen.“
Marcus musterte Erik mit einem Blick, der ihn zu wiegen schien. „Schloss Falkenstein, hab ich gehört. Allein gegen einen alten Vampir. Entweder bist du mutig oder dumm.“
„Wahrscheinlich beides“, sagte Erik.
Marcus grinste plötzlich. „Mag ich. Komm rein, Rookie. Zeit, dass du die Familie kennenlernst.“
Sie traten ein in die Dunkelheit der Buchhandlung.
Und in eine Welt, die Erik nie für möglich gehalten hätte.
KAPITEL 4
Die Berger-Familie
Die Buchhandlung war klein und vollgestopft. Regale bis zur Decke, vollgepackt mit Büchern, deren Rücken im schwachen Licht kaum zu erkennen waren. Es roch nach altem Papier, Staub und etwas anderem – Weihrauch vielleicht, oder Kräutern.
Marcus führte sie durch einen schmalen Gang zwischen den Regalen hindurch, vorbei an einer Kasse, die aussah, als wäre sie seit Jahrzehnten nicht benutzt worden. An der hinteren Wand hing ein schwerer Vorhang. Marcus zog ihn beiseite, enthüllte eine Tür aus massivem Eichenholz.
„Nach dir“, sagte er zu Erik und öffnete die Tür.
Dahinter lag nicht, wie Erik erwartet hatte, ein Lagerraum. Stattdessen: eine Wendeltreppe, die nach unten führte. Steinerne Stufen, abgenutzt von unzähligen Füßen, erleuchtet von flackernden Lichtern, die in die Wand eingelassen waren.
„Wie tief geht das?“ fragte Erik, während sie abstiegen.
„Drei Stockwerke“, antwortete Helena vor ihm. „Die oberen zwei sind Büros und Trainingsräume. Das unterste ist das Archiv.“
„Und darunter sind die alten Katakomben“, fügte Marcus hinzu. „Aus dem Mittelalter. München steht auf einem Labyrinth aus Tunneln. Die meisten kennt niemand mehr. Perfekt für uns – und leider auch perfekt für die, die wir jagen.“
Sie erreichten den Boden der Treppe. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihnen, mit Türen auf beiden Seiten. Moderne Beleuchtung jetzt, LED-Streifen an der Decke. Der Kontrast zwischen dem alten Stein und der modernen Technik war verstörend.
Helena öffnete eine der Türen. „Konferenzraum. Das Team sollte schon warten.“
Der Raum war überraschend geräumig. Ein langer Tisch aus dunklem Holz in der Mitte, umgeben von Stühlen. An den Wänden: Whiteboards voller Notizen, Fotos, Karten von München mit Markierungen. Und Monitore, mehrere, die verschiedene Stadtteile zeigten – Überwachungskameras, realisierte Erik.
Am Tisch saßen zwei Menschen.
Die erste war eine Frau, Mitte Dreißig, mit langem schwarzem Haar und asiatischen Gesichtszügen. Sie trug eine Brille mit dickem Rahmen und hatte ein Tablet vor sich, auf dem sie etwas las. Als sie aufblickte, lächelte sie freundlich.
„Du musst Erik sein“, sagte sie mit einem leichten amerikanischen Akzent. „Helena hat von dir erzählt. Ich bin Yuki Tanaka.“
„Die Historikerin“, sagte Erik und erinnerte sich an Helenas Beschreibung im Café.
„Und Mythologin. Und gelegentlich Übersetzerin für Sprachen, die seit tausend Jahren tot sind.“ Yuki stand auf, reichte ihm die Hand. Ihr Händedruck war warm, fest. „Willkommen bei der Nachtwache.“
Der zweite Mensch am Tisch war ein Mann, wahrscheinlich Mitte Fünfzig, mit ergrauendem Haar und dem Gesicht eines Menschen, der viel gelächelt hatte – Lachfalten um die Augen und den Mund. Er trug einen schwarzen Pullover und um den Hals ein Kruzifix. Aber es war seine Präsenz, die Erik beeindruckte. Eine Ruhe, eine Stille, die von ihm ausging wie Wellen.
„Bruder Thomas“, sagte Helena. „Unser spiritueller Berater.“
Der Mann stand auf, nickte Erik zu. „Nur Thomas ist gut. Ich habe die Kirche vor langer Zeit verlassen.“ Seine Stimme war sanft, fast melodisch. „Aber der Glaube… der Glaube hat mich nie verlassen.“
„Thomas war Exorzist“, erklärte Marcus und ließ sich auf einen Stuhl fallen. „Einer der besten. Bis er Dinge gesehen hat, die die Kirche nicht akzeptieren konnte.“
„Die Kirche weiß viel über das Böse“, sagte Thomas leise. „Aber nicht alles. Und was sie nicht versteht, verbannt sie.“ Er lächelte schwach. „Ich wurde verbannt. Aber die Arbeit… die Arbeit geht weiter.“
Helena setzte sich an das Kopfende des Tisches. Erik nahm neben Yuki Platz, stellte den Karton vor sich ab.
„Status?“ fragte Helena.
Marcus lehnte sich zurück. „Keine neuen Vorfälle in den letzten vierundzwanzig Stunden. Aber die Überwachung hat etwas aufgefangen.“ Er deutete auf einen der Monitore. „Kameras am Viktualienmarkt, heute Morgen um vier. Schau dir das an.“
Er drückte einen Knopf auf einer Fernbedienung. Auf dem Monitor lief ein Video. Schwarzweiß, körnig, aber deutlich genug. Der menschenleere Markt, Stände im Schatten. Dann, am Rand des Bildschirms: eine Gestalt.
Sie bewegte sich zu schnell. Einen Moment war sie da, im nächsten verschwommen, dann wieder scharf. Nicht wie ein Mensch, der rennt. Wie ein Standbild, das Frames überspringt.
„Vampir“, sagte Marcus unnötig.
Die Gestalt hielt inne, drehte sich zur Kamera. Nur für einen Moment. Lange genug, um ein Gesicht zu erkennen. Weiblich. Jung. Schön. Und die Augen –
„Sie leuchten“, flüsterte Erik.
„Tapetum lucidum“, sagte Yuki. „Eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut. Katzen haben sie. Und Vampire.“ Sie tippte auf ihrem Tablet. „Ich habe das Gesicht durch unsere Datenbank laufen lassen. Keine Treffer. Entweder ist sie neu in der Stadt, oder sie war sehr gut darin, sich zu verstecken.“
„Oder beides“, murmelte Helena. Sie sah müde aus plötzlich, älter. „Marcus, wo war sie unterwegs? Konnten wir sie weiterverfolgen?“
„Verloren in der Giselastraße. Zu viele tote Winkel.“ Marcus schüttelte den Kopf. „Aber die Richtung war klar. Sie kam aus Schwabing.“
„Schwabing.“ Helena runzelte die Stirn. „Yuki, gibt es Berichte aus Schwabing? Verdächtige Aktivitäten?“
Yuki scrollte durch ihr Tablet. „Nichts in den offiziellen Kanälen. Aber…“ Sie zögerte. „Es gibt einen Forumsbeitrag. Einer dieser Verschwörungstheorie-Seiten. Eine Mutter behauptet, ihr Baby verhält sich seltsam. Schläft nur tagsüber, schreit nachts. Sie meint, es wäre… verflucht.“
„Verflucht“, wiederholte Marcus skeptisch. „Klingt nach postnataler Depression.“
„Normalerweise würde ich zustimmen.“ Yuki vergrößerte etwas auf ihrem Bildschirm. „Aber sie erwähnt etwas anderes. Zwei kleine Wunden am Hals des Babys. Die Ärzte sagten, es wären Insektenstiche.“
Stille im Raum.
Erik fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. „Wie alt ist das Baby?“
„Sechs Wochen.“
„Wo in Schwabing?“
Yuki tippte. „Sie gibt keine genaue Adresse an, aber sie erwähnt den Englischen Garten in Laufnähe. Und das Klinikum rechts der Isar.“
Helena und Erik tauschten einen Blick.
„Das Klinikum“, sagte Erik. „Das ist das Krankenhaus aus dem Bericht. Die Säuglingsstation.“
„Welcher Bericht?“ fragte Marcus verwirrt.
„Ich habe einen Bericht gelesen“, improvisierte Helena schnell. „Vor drei Wochen, eine Nachtschwester meldete einen Vorfall. Ein offenes Fenster, ein Baby mit Bisswunden. Wurde als unbedeutend eingestuft.“
„Vor drei Wochen.“ Thomas sprach zum ersten Mal. „Das war, als die Todesfälle begannen.“
„Es passt zeitlich“, bestätigte Yuki. „Wenn ein Baby gebissen wurde, könnte das Teil eines größeren Plans sein.“
„Welcher Plan?“ fragte Erik. „Warum sollte ein Vampir ein Baby beißen?“
„Erschaffung“, sagte Thomas leise. Alle sahen ihn an. „Es ist eine alte Praxis. Sehr selten, sehr verboten unter den meisten Vampirclans. Ein Kind, das in jungem Alter gebissen wird, verwandelt sich nicht sofort. Stattdessen… wächst es mit der Dunkelheit in sich. Wird zu etwas zwischen Mensch und Vampir.“
„Ein Dhampir“, sagte Yuki. „Halb Mensch, halb Vampir. In der Folklore sind sie oft Jäger, benutzen ihre Fähigkeiten gegen Vampire. Aber in der Realität…“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind Werkzeuge. Sklaven für den, der sie erschaffen hat.“
Erik dachte an das Baby im Bericht. Lukas. „Können wir es rückgängig machen?“
Thomas nickte langsam. „Wenn es früh genug erkannt wird, ja. Es gibt ein Ritual. Schwierig, gefährlich, aber möglich.“
„Dann müssen wir das Baby finden.“ Helena stand auf. „Yuki, kannst du die Mutter aufspüren? Über den Forumsbeitrag?“
„Ich kann es versuchen. Gib mir eine Stunde.“
„Tu das.“ Helena wandte sich an Marcus. „Bereite ein Team vor. Wenn wir das Baby finden, brauchen wir Schutz. Der Vampir, der es gebissen hat, wird die Verbindung spüren.“
„Verstanden.“ Marcus stand auf, griff nach seinem Gürtel, überprüfte die Waffen. „Wir fahren leicht bewaffnet. Keine schweren Geschütze. Das ist ein Wohngebiet.“
„Und Erik?“ Thomas sah ihn an. „Was ist mit ihm?“
„Er kommt mit.“ Helenas Stimme ließ keinen Widerspruch zu. „Er hat ein Recht zu sehen, womit wir uns beschäftigen. Und…“ Sie sah zum Karton. „Er hat etwas, das wir brauchen könnten.“
Alle Blicke wanderten zum Karton.
„Der Seelenschlüssel“, sagte Yuki ehrfürchtig. „Darf ich?“
Erik nickte. Er öffnete den Karton, holte den Schlüssel heraus.
Im LED-Licht des Konferenzraums sah er unscheinbar aus. Nur ein alter eiserner Schlüssel, verrostet und schwer.
Aber als Yuki ihn in die Hand nahm, geschah etwas.
Der Schlüssel begann zu glühen. Schwach zuerst, dann heller. Ein warmes, goldenes Licht, das von den Ornamenten ausging.
„Unglaublich“, flüsterte Yuki. Sie drehte den Schlüssel, untersuchte die Gravuren. „Diese Symbole… das ist Alchemie. Und das hier…“ Sie deutete auf eine Reihe von Markierungen. „Das ist Hebräisch. Sehr altes Hebräisch.“
„Was bedeutet es?“ fragte Erik.
„’Öffner der Wege zwischen Leben und Tod‘.“ Yuki sah auf. „Das ist kein gewöhnlicher Schlüssel. Das ist ein Artefakt von immenser Macht.“
„Kann er bei dem Ritual helfen?“ fragte Helena.
„Möglicherweise.“ Thomas war neben Yuki getreten, betrachtete den Schlüssel ebenfalls. „Wenn die Barriere zwischen dem Kind und der Dunkelheit gebrochen werden muss… ja, das könnte funktionieren.“
„Dann nehmen wir ihn mit.“ Helena wandte sich an Erik. „Bist du bereit?“
War er bereit? Erik wusste es nicht. Aber er dachte an das Baby, an Lukas, an ein Leben, das gerade erst begonnen hatte und schon von Dunkelheit bedroht wurde.
„Ja“, sagte er. „Ich bin bereit.“
Eine Stunde später saßen sie in zwei Autos. Helena, Erik und Thomas im ersten, einem unauffälligen grauen VW. Marcus und Yuki im zweiten, einem schwarzen SUV mit getönten Scheiben.
Yuki hatte die Familie gefunden. Anna Berger. Fünfundzwanzig Jahre alt, verheiratet mit Michael Berger, achtundzwanzig. Sohn Lukas, geboren am 12. Oktober. Wohnung in Schwabing, Clemensstraße, dritter Stock.
Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten. Der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel war immer noch bewölkt, eine graue Decke, die die Stadt erstickte. Die Straßen waren nass, reflektierten die Lichter der Straßenlaternen wie flüssiges Silber.
„Was sagen wir ihnen?“ fragte Erik. „Den Eltern? Die werden uns doch nie glauben.“
„Wir sagen die Wahrheit“, antwortete Helena. „Oder genug davon, dass sie zuhören.“
„Und wenn sie uns nicht reinlassen?“
„Dann überzeugen wir sie.“ Helenas Stimme war fest. „Ich habe eine Mutter noch nie ein Kind opfern sehen, Erik. Wenn sie wirklich glaubt, dass etwas mit ihrem Sohn nicht stimmt, wird sie uns zuhören.“
Sie parkten eine Straße weiter, um nicht aufzufallen. Die Clemensstraße war ruhig, Wohnhäuser aus der Gründerzeit, gut gepflegt. Balkone mit Blumenkästen, auch jetzt im November. Normale Familien, normale Leben.
„Nummer achtzehn“, sagte Yuki über Funk. „Dritter Stock, rechts.“
Sie näherten sich dem Gebäude. Marcus und Yuki blieben draußen, beobachteten die Umgebung. Helena, Erik und Thomas gingen hinein.
Das Treppenhaus roch nach Putzmittel und Kaffee. Irgendwo weinte ein Kind. Nicht Lukas, zu alt, zu kräftig. Aber es erinnerte Erik daran, was auf dem Spiel stand.
Dritter Stock. Rechts. An der Tür ein Namensschild: Berger.
Helena klingelte.
Nichts. Sie warteten. Klingelten wieder.
Dann, Schritte. Langsam, zögernd. Eine Frau‘ Stimme: „Ja?“
„Frau Berger? Mein Name ist Dr. Helena Konstantin. Ich bin… ich bin hier wegen Ihres Sohnes.“
„Was wollen Sie?“ Die Stimme klang erschöpft. Ängstlich. „Sind Sie vom Jugendamt? Wir haben nichts falsch gemacht, ich schwöre–“
„Wir sind nicht vom Jugendamt.“ Helenas Stimme war sanft. „Wir sind hier, um zu helfen. Bitte, öffnen Sie die Tür. Nur für einen Moment.“
Eine lange Pause. Dann das Geräusch von einem Schloss, das geöffnet wurde.
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine Frau spähte heraus. Jung, mit blonden Haaren, die zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden waren. Dunkle Ringe unter den Augen. Sie trug einen Bademantel und sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht richtig geschlafen.
„Was wollen Sie?“ wiederholte sie.
„Dürfen wir reinkommen?“ fragte Helena. „Es geht um die Wunden an Lukas‘ Hals.“
Anna Berger erstarrte. Ihre Augen wurden groß. „Woher… woher wissen Sie davon?“
„Weil wir wissen, was sie verursacht hat.“ Helena hielt ihren Blick. „Und wir können helfen.“
Anna öffnete die Tür weiter. Sie sah zwischen Helena, Erik und Thomas hin und her. „Sie glauben mir? Sie denken nicht, dass ich verrückt bin?“
„Nein“, sagte Erik leise. „Wir denken nicht, dass Sie verrückt sind.“
Tränen stiegen in Annas Augen. „Niemand glaubt mir. Die Ärzte, mein Mann, niemand. Sie sagen alle, es wäre normal, es wäre nur eine Phase. Aber ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Ich sehe es in seinen Augen, wenn er mich ansieht. Das ist nicht mein Baby. Das ist…“
„Dürfen wir ihn sehen?“ fragte Thomas sanft.
Anna nickte, trat beiseite. „Er schläft. Er schläft immer tagsüber. Aber nachts…“ Ihre Stimme brach. „Nachts ist er hellwach. Und er schreit. Und seine Augen…“
Sie führte sie durch die Wohnung. Klein, aber gemütlich. Fotos an den Wänden, ein junges Paar, glücklich. Hochzeit, Urlaub, das erste Ultraschallbild. Ein normales Leben, dachte Erik. Oder es war es mal.
Das Kinderzimmer war am Ende des Flurs. Die Tür stand halb offen. Anna blieb davor stehen, als hätte sie Angst hineinzugehen.
„Darf ich?“ fragte Erik.
Anna nickte stumm.
Erik öffnete die Tür leise, trat ein.
Das Zimmer war dunkel. Alle Vorhänge zugezogen, kein Licht außer einem schwachen Nachtlicht in der Ecke. Im Zentrum stand ein Kinderbett, und darin, unter einer Decke, ein kleines Bündel.
Erik trat näher. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Das Baby lag auf dem Rücken, die Augen geschlossen, atmete ruhig. Es sah aus wie jedes andere Baby. Klein, verletzlich, unschuldig.
Aber dann sah Erik die Wunden.
Am Hals, unter dem linken Ohr. Zwei kleine Punkte. Nicht frisch, aber nicht verheilt. Dunkel, fast schwarz. Und um sie herum, auf der zarten Haut, ein feines Netz aus Adern. Zu dunkel. Zu sichtbar.
„Er trinkt nicht mehr“, flüsterte Anna hinter ihm. „Keine Muttermilch, keine Flasche. Nur… nur wenn ich…“ Sie brach ab.
„Nur wenn Sie was?“ fragte Helena sanft.
„Nur wenn ich mein Blut hineintue.“ Annas Stimme war kaum hörbar. „Ich habe mich geschnitten, aus Verzweiflung, und ein Tropfen fiel in die Milch. Und er… er trank. Zum ersten Mal seit Tagen. Und ich wusste…“ Sie begann zu weinen. „Ich wusste, dass mein Baby… dass er…“
Helena nahm Anna in die Arme, hielt sie, während sie schluchzte.
Thomas war neben Erik getreten. Er betrachtete das Baby mit einem Ausdruck tiefen Mitgefühls. „Es ist früh“, murmelte er. „Die Verwandlung hat gerade erst begonnen. Wir haben noch Zeit.“
„Wie viel Zeit?“ fragte Erik.
„Tage. Vielleicht eine Woche.“ Thomas holte ein kleines Kruzifix aus seiner Tasche, hielt es über das Baby.
Lukas‘ Augen öffneten sich.
Sie waren nicht braun, wie sie sein sollten. Sie waren rot. Leuchtend rot, glühend in der Dunkelheit.
Das Baby sah Thomas an. Sah das Kruzifix. Und begann zu schreien.
Es war kein normales Babygeschrei. Es war durchdringend, unnatürlich, ein Laut, der durch Mark und Bein ging.
Die Lampe an der Decke flackerte. Das Nachtlicht explodierte in einem Funkenregen.
„Raus!“ rief Thomas. „Alle raus, jetzt!“
Sie stolperten aus dem Zimmer, Helena zerrte Anna mit sich. Die Tür schlug hinter ihnen zu, als hätte ein Windstoß sie erfasst.
Im Flur war es plötzlich eiskalt. Ihr Atem bildete Wolken.
„Was passiert?“ Anna klammerte sich an Helena. „Was passiert mit meinem Baby?“
„Die Dunkelheit reagiert“, sagte Thomas. „Der Vampir, der ihn gebissen hat – er spürt uns. Spürt, dass wir hier sind.“
„Dann wird er kommen“, sagte Helena. „Marcus!“ Sie sprach in ein kleines Headset an ihrem Ohr. „Wir haben Kontakt. Bereitet euch vor.“
Marcus‘ Stimme knackte zurück: „Verstanden. Yuki sieht etwas auf den Dächern. Bewegung. Mehrere Gestalten.“
„Mehrere?“ Helenas Gesicht wurde blass. „Das ist nicht gut.“
Ein Krachen. Die Haustür, unten im Treppenhaus.
Dann Schritte. Schnell. Zu schnell.
„Verschließ die Tür!“ befahl Helena.
Erik rannte zur Wohnungstür, drehte den Schlüssel. Schob einen Stuhl davor. Es würde nicht viel helfen, das wusste er, aber besser als nichts.
„Hinten raus“, sagte Thomas. „Gibt es einen Hinterausgang?“
Anna nickte benommen. „Die Feuertreppe. Vom Balkon.“
„Gut. Hol dein Baby. Wir gehen. Jetzt.“
Anna rannte zurück ins Kinderzimmer. Das Schreien hatte aufgehört. Stille. Zu still.
Erik folgte ihr, für den Fall, dass –
Anna stand am Kinderbett, erstarrt.
Das Bett war leer.
„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein. Wo ist er? Wo ist mein Baby?“
Am Fenster, hinter den Vorhängen, eine Bewegung.
Erik riss die Vorhänge auf.
Draußen auf dem Balkon stand eine Gestalt. Weiblich. Jung. Das Gesicht aus dem Überwachungsvideo.
In ihren Armen: Baby Lukas.
Die Frau lächelte. Ihre Zähne waren zu weiß, zu scharf.
„Ihr hättet ihn mir nicht wegnehmen sollen“, sagte sie. Ihre Stimme war melodisch, fast singend. „Er gehört mir. Ich habe ihn erwählt.“
„Valentina“, flüsterte Helena hinter Erik. „Gib uns das Kind.“
„Nein.“ Valentina trat zurück, balancierte am Rand des Balkons. Drei Stockwerke über der Straße. „Er ist mein Geschenk. Mein Beitrag zum Rat.“
„Der Rat wird scheitern“, sagte Thomas. Er war vorgetreten, das Kruzifix in der Hand. „Im Namen–“
Valentina lachte. „Deine Symbole haben keine Macht über mich, Priester. Ich bin alt. Älter als dein Gott.“
Sie sprang.
Einfach so. Vom Balkon, drei Stockwerke nach unten, das Baby im Arm.
Anna schrie.
Erik rannte auf den Balkon, sah hinunter.
Valentina landete auf der Straße. Auf ihren Füßen. Perfekt. Als wäre sie nur eine Stufe hinuntergesprungen.
Sie sah zu ihm hoch, lächelte noch einmal.
Dann rannte sie. So schnell, dass sie verschwamm.
„Nein!“ Anna versuchte, über das Geländer zu klettern. Erik hielt sie zurück.
„Marcus!“ rief Helena in ihr Headset. „Sie hat das Baby! Südliche Richtung, Clemensstraße runter!“
„Wir sind dran!“ Marcus‘ Stimme, dann Motorengeräusch.
Sie rannten aus der Wohnung, die Treppe hinunter. Anna stolperte, weinte, aber Helena hielt sie aufrecht.
Draußen stand der SUV, Motor laufend. Marcus am Steuer, Yuki daneben mit einem Laptop.
„Einsteigen!“ brüllte Marcus.
Sie quetschten sich hinein. Erik, Helena, Thomas, Anna. Der Wagen schoss los, bevor die Tür richtig zu war.
„Wo ist sie?“ fragte Helena.
„Tracking die Handysignale im Umkreis.“ Yuki tippte fieberhaft. „Vampire nutzen manchmal gestohlene Handys zur Kommunikation. Wenn wir Glück haben… da!“ Sie zeigte auf den Bildschirm. „Ein Signal, bewegt sich extrem schnell. Nymphenburger Straße, Richtung Westen.“
„Das ist Richtung Park.“ Marcus trat aufs Gas. „Sie will in die Bäume. Verdammt.“
Sie rasten durch die Straßen. Ampeln ignorierten, Hupen hinter sich. Anna saß zusammengesunken, weinte leise. Erik fühlte sich hilflos.
„Warum?“ fragte er laut. „Warum will sie das Baby?“
„Der Rat“, antwortete Helena. „Thomas hatte Recht. Ein Kind, halb verwandelt, ist ein mächtiges Werkzeug. Es kann Dinge tun, die normale Vampire nicht können. Grenzen überschreiten. Und…“ Sie zögerte. „Es kann als Opfer dienen. Für ein Ritual.“
„Was für ein Ritual?“
„Das wollen wir nicht herausfinden.“
Sie erreichten den Rand des Parks. Nymphenburg, der alte königliche Park, erstreckte sich vor ihnen. Dunkel, weitläufig, unüberschaubar.
„Sie ist da drin“, sagte Yuki. „Das Signal ist statisch geworden. Sie wartet.“
„Es ist eine Falle“, sagte Thomas.
„Natürlich ist es eine Falle“, knurrte Marcus. Er griff nach einer Waffe unter seinem Sitz, eine große silberne Pistole. „Aber wir haben keine Wahl.“
Sie stiegen aus. Der Wind hatte aufgefrischt, zerrte an ihren Jacken. Der Park lag vor ihnen wie ein schwarzes Meer.
„Anna, du bleibst hier“, befahl Helena.
„Nein!“ Anna griff nach Helenas Arm. „Das ist mein Baby! Ich komme mit!“
„Du wirst nur–“
„Ich komme mit!“ Annas Stimme brach. „Bitte. Ich kann nicht… ich kann nicht hier warten und nichts tun.“
Helena sah sie lange an. Dann nickte sie. „Bleib hinter uns. Egal was passiert.“
Sie betraten den Park.
Die Bäume schluckten das Licht. Nur der Mond, halb verdeckt durch Wolken, gab etwas Orientierung. Ihre Schritte knirschten auf Kies, dann auf Laub.
„Ich höre etwas“, flüsterte Thomas. „Da vorne.“
Sie folgten dem Geräusch. Ein Weinen. Babys weinen.
Lukas.
Sie erreichten eine Lichtung. In der Mitte, auf einem alten Steinbrunnen, stand Valentina.
Sie hielt Lukas hoch, wie eine Trophäe.
„Ihr seid gekommen“, sagte sie. „Gut. Ich wollte Zeugen.“
Um die Lichtung herum, zwischen den Bäumen, bewegten sich Schatten. Viele Schatten.
„Wir sind umzingelt“, murmelte Marcus.
Valentina lächelte. „Der Rat sendet seine Grüße.“
Die Schatten traten ins Licht.
Vampire. Fünf, sechs, sieben. Männer und Frauen, alle mit diesen leuchtenden Augen, alle unmenschlich schön und absolut tödlich.
„Gebt uns das Kind“, sagte Helena. Ihre Stimme zitterte nicht. „Und wir lassen euch gehen.“
„Lügnerin“, sagte Valentina. „Aber es spielt keine Rolle. Ihr werdet heute Nacht alle sterben. Und das Kind…“ Sie sah auf Lukas hinunter. „Das Kind wird das Tor öffnen.“
„Was für ein Tor?“ fragte Erik.
Valentina sah ihn an. „Das Tor zur ewigen Nacht, natürlich. Wenn ein unschuldiges Leben geopfert wird, an der richtigen Stelle, zur richtigen Zeit… dann können wir die Sonne auslöschen. Für immer.“
„Das ist Wahnsinn“, sagte Thomas.
„Das ist Evolution.“ Valentina‘ Augen glühten heller. „Die Menschheit hatte lange genug ihre Chance. Jetzt ist es unsere Zeit.“
Sie hob Lukas höher.
Das Baby schrie.
Und Erik wusste: Sie hatte nicht vor, zu warten.
Sie würde das Baby jetzt töten. Hier. Vor ihnen.
Ohne nachzudenken, griff Erik in seine Tasche. Der Seelenschlüssel war da, kalt und schwer.
Er zog ihn heraus.
Der Schlüssel explodierte in Licht.
Nicht das warme, goldene Leuchten von vorher. Sondern gleißend hell, wie ein Blitz, wie die Sonne selbst.
Die Vampire schrien, wichen zurück, hielten ihre Hände vor die Augen.
Valentina stolperte, fast ließ sie Lukas fallen.
„Jetzt!“ brüllte Marcus.
Er feuerte. Der Knall war ohrenbetäubend. Eine silberne Kugel traf einen der Vampire in die Schulter, er heulte auf.
Chaos brach aus.
Die Vampire griffen an. Thomas schwang sein Kruzifix, murmelte Gebete. Helena hatte einen Flammenwerfer hervorgeholt, kleine Gasflammen züngelten.
Und Erik stand da, den Schlüssel in der Hand, und das Licht wurde heller, heller, bis es schmerzte hinzusehen.
Eine Barriere bildete sich. Wie im U-Bahn-Depot, wie auf Schloss Falkenstein. Ein Ring aus Licht, der sie umschloss, der die Vampire fernhielt.
Valentina schrie. „Was ist das? Was hast du da?“
Erik wusste es nicht. Aber er hielt den Schlüssel fester, konzentrierte sich.
„Gib mir das Baby“, sagte er. „Oder ich weite die Barriere aus. Und du verbrennst.“
Valentina sah ihn an. Hass in ihren Augen. Aber auch… Angst.
„Du weißt nicht, was du tust“, zischte sie. „Du weißt nicht, was der Schlüssel ist.“
„Dann erklär es mir.“
Sie lachte. Ein kaltes, bitteres Lachen. „Der Seelenschlüssel. Geschmiedet von den Alchemisten von Prag. Er öffnet nicht nur Türen, Jäger. Er öffnet Seelen. Und wenn du ihn weiter benutzt…“ Sie lächelte grausam. „Wird er auch deine öffnen.“
Erik zögerte. Nur einen Moment.
Valentina nutzte es.
Sie warf Lukas.
Einfach so. Warf das Baby hoch in die Luft, über die Barriere hinweg.
Anna schrie, rannte los.
Sie fing Lukas auf, stolperte, fiel zu Boden. Aber sie hatte ihn. Sie hatte ihr Baby.
Und Valentina nutzte die Ablenkung, um zu springen. Über die Barriere, über sie alle hinweg, landete hinter ihnen.
„Rückzug!“ rief sie den anderen Vampiren zu.
Sie gehorchten sofort. Verschwanden zwischen den Bäumen, so schnell, dass sie nur Schatten waren.
Innerhalb von Sekunden war die Lichtung leer.
Nur sie waren übrig. Keuchend, erschöpft, aber lebendig.
Anna saß auf dem Boden, hielt Lukas an ihre Brust, weinte und lachte gleichzeitig. Das Baby weinte auch, aber es war ein normales Weinen jetzt. Kein unnatürliches Kreischen.
Erik ließ den Schlüssel sinken. Das Licht erlosch.
Seine Hände zitterten.
„Gut gemacht, Rookie“, sagte Marcus. Er klang beeindruckt.
Aber Helena sah besorgt aus. „Erik. Wie hast du das gemacht? Mit dem Schlüssel?“
„Ich… ich weiß nicht. Ich habe nur gedacht, dass ich sie aufhalten muss, und…“ Er sah auf den Schlüssel. Der sah jetzt wieder normal aus. Nur Metall. „Was meinte sie mit ‚er öffnet Seelen‘?“
Thomas trat zu ihm, betrachtete den Schlüssel mit ernster Miene. „Es ist ein Warnung. Der Seelenschlüssel ist mächtig, aber er fordert einen Preis. Jedes Mal, wenn du ihn benutzt, öffnest du eine Tür. Nicht nur nach außen. Auch nach innen.“
„Was bedeutet das?“
„Es bedeutet“, sagte Helena leise, „dass du vorsichtig sein musst. Der Schlüssel könnte dich verändern. Wenn du ihn zu oft benutzt…“
Sie beendete den Satz nicht.
Sie musste es nicht.
Erik verstand.
Der Schlüssel war nicht nur eine Waffe.
Er war eine Gefahr.
Für seine Feinde.
Und für ihn selbst.
Kapitel 5
Die Nachtwache-Zentrale
Die Fahrt zurück war still.
Anna saß hinten im SUV, Lukas fest an sich gedrückt, und starrte aus dem Fenster. Das Baby hatte aufgehört zu weinen und war eingeschlafen – ein tiefer, friedlicher Schlaf, wie ihn Anna seit Wochen nicht mehr bei ihm gesehen hatte. Die roten Augen waren verschwunden. Die Wunden am Hals schienen blasser, weniger bedrohlich.
Aber Erik wusste: Es war noch nicht vorbei.
„Was passiert jetzt?“ fragte Anna schließlich. Ihre Stimme war heiser vom Weinen. „Mit Lukas? Ist er… ist er geheilt?“
Helena drehte sich vom Beifahrersitz um. „Noch nicht. Das Licht des Schlüssels hat die Verwandlung verlangsamt, aber nicht gestoppt. Wir müssen das Ritual durchführen.“
„Welches Ritual?“
„Ein Reinigungsritual. Sehr alt, sehr mächtig.“ Helenas Stimme war sanft, aber bestimmt. „Es wird die Verbindung zwischen Lukas und dem Vampir brechen. Die Dunkelheit aus ihm entfernen.“
„Ist es gefährlich?“
Eine Pause. Dann: „Ja. Es ist gefährlich. Aber ohne das Ritual…“ Helena ließ den Satz unbeendet.
Anna schloss die Augen, drückte Lukas noch fester an sich. „Was muss ich tun?“
„Vertrauen“, sagte Thomas von Eriks anderer Seite. „Vertrauen Sie uns. Und beten Sie. Wenn Sie können.“
„Ich bin nicht religiös.“
„Das müssen Sie nicht sein. Beten ist… Hoffnung mit Worten. Und Hoffnung brauchen wir.“
Sie erreichten die Buchhandlung kurz vor Mitternacht. Die Straßen waren leer, die Stadt schlief. Nur vereinzelt brannte noch Licht in Fenstern.
Marcus parkte in einer Seitengasse. Sie stiegen aus, schnell, wachsam. Erik spürte Augen auf sich, unsichtbare Blicke aus der Dunkelheit. Die Vampire beobachteten sie. Er war sich sicher.
„Schnell rein“, murmelte Helena.
Sie huschten zur Tür der Buchhandlung. Das gleiche Klopfmuster: dreimal, Pause, zweimal, einmal. Die Tür öffnete sich sofort.
Yuki stand dort, das Tablet in der Hand. „Ich habe den Rat recherchiert“, sagte sie ohne Begrüßung. „Ihr müsst das sehen.“
Sie gingen hinein, durch die Regale, durch den Vorhang, die Wendeltreppe hinunter. Anna folgte zögernd, hielt Lukas schützend, ihre Augen weiteten sich, als sie die unterirdische Anlage sah.
„Wo… wo sind wir?“ flüsterte sie.
„Irgendwo sicher“, antwortete Helena. „Das ist alles, was im Moment zählt.“
Sie führten Anna in einen kleinen Raum neben dem Konferenzraum. Ein Sofa, eine Decke, eine Lampe. Spartanisch, aber gemütlich.
„Ruhen Sie sich aus“, sagte Helena. „Wir bereiten alles vor. Das Ritual wird einige Stunden dauern.“
„Wann?“
„Vor Sonnenaufgang. Das ist wichtig. Das erste Licht des Tages wird unsere Arbeit verstärken.“
Anna nickte müde. Sie setzte sich aufs Sofa, legte Lukas neben sich. Das Baby schlief friedlich weiter.
„Wird er leiden?“ fragte Anna leise. „Beim Ritual?“
Thomas kniete sich neben sie. „Ich werde dafür sorgen, dass er so wenig wie möglich spürt. Das verspreche ich Ihnen.“
Anna sah ihn an, suchte in seinem Gesicht nach Täuschung, nach falschen Versprechungen. Aber alles, was sie fand, war ehrliche Anteilnahme.
„Danke“, flüsterte sie.
Sie ließen Anna mit ihrem Baby allein, zogen die Tür leise hinter sich zu.
Im Konferenzraum wartete Yuki bereits, ihr Tablet auf den großen Monitor projiziert. Darauf: alte Texte, Zeichnungen, Fotografien.
„Was hast du gefunden?“ fragte Helena und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sie sah erschöpft aus. Die Jagd, die Konfrontation, das alles forderte seinen Tribut.
„Der Rat der Ältesten“, begann Yuki und tippte auf ihrem Tablet. Das Bild wechselte zu einem alten Kupferstich. Sieben Gestalten um einen Tisch, alle in Roben, alle mit leuchtenden Augen. „Erwähnt wird er erstmals im 12. Jahrhundert, in einem Manuskript aus Konstantinopel. Eine Versammlung der ältesten Vampire Europas, gegründet um… nun ja, darüber streiten sich die Quellen.“
„Worüber streiten sie sich nicht?“ murmelte Marcus. Er holte eine Flasche Whiskey aus einem Schrank, schenkte sich ein Glas ein. „Will jemand?“
Erik nickte. Sein Körper war angespannt, Adrenalin noch immer in seinen Adern. Der Alkohol könnte helfen.
Marcus goss zwei Gläser ein, reichte Erik eines. „Auf deine erste Jagd, Rookie. Du hast dich gut geschlagen.“
„Ich hatte keine Ahnung, was ich tat“, sagte Erik und nahm einen Schluck. Der Whiskey brannte, aber angenehm.
„Niemand von uns weiß, was er tut“, sagte Marcus trocken. „Wir improvisieren alle.“
„Marcus“, tadelte Helena. „Nicht jetzt.“
„Was? Es ist die Wahrheit.“ Marcus lehnte sich zurück. „Aber ja, Boss. Entschuldigung.“
Yuki räusperte sich. „Also, der Rat. Manche Quellen sagen, er wurde gegründet, um Frieden zwischen den Vampir-Clans zu schaffen. Um Regeln aufzustellen, Territorien zu verteilen. Eine Art… Vampire-UNO.“
„Klingt zivilisiert“, sagte Erik.
„Klingt es. Ist es nicht.“ Yuki wischte zum nächsten Bild. Ein mittelalterliches Gemälde, halb verblasst. Eine brennende Stadt, Menschen fliehend, und über allem: Schatten mit roten Augen. „Andere Quellen sagen, der Rat wurde gegründet mit einem anderen Ziel: die Weltherrschaft.“
„Natürlich“, seufzte Marcus. „Warum auch nicht.“
„Die Idee war“, fuhr Yuki fort, „eine Welt zu schaffen, in der Vampire nicht mehr versteckt leben müssen. Eine Welt, in der sie die dominante Spezies sind. Und die Menschen…“ Sie zögerte. „Die Menschen wären Vieh.“
Stille im Raum.
„Das ist nicht passiert“, sagte Erik schließlich. „Offensichtlich.“
„Weil sie aufgehalten wurden“, sagte Thomas. Er hatte sich an die Wand gelehnt, die Arme verschränkt. „Im 14. Jahrhundert gab es einen Krieg. Vampire gegen Vampire. Der Rat wollte seine Vision durchsetzen. Aber es gab andere, die widerstanden. Die glaubten, dass Vampire und Menschen koexistieren könnten, ohne dass eine Seite die andere versklavt.“
„Wer gewann?“ fragte Erik.
„Niemand.“ Thomas‘ Gesicht war ernst. „Der Krieg endete in einem Patt. Der Rat zog sich zurück, versteckte sich. Jahrhunderte lang waren sie still. Manche dachten, sie wären ausgelöscht worden. Aber…“ Er deutete auf Yukis Bildschirm. „Sie waren nur geduldig.“
Yuki wechselte zu einem moderneren Dokument. „In den letzten zwanzig Jahren gab es Gerüchte. Sichtungen. Treffen in Prag, in Istanbul, in Budapest. Der Rat reformiert sich. Und dieses Mal…“ Sie sah Helena an. „Dieses Mal sind sie organisierter. Stärker. Und sie haben einen Plan.“
„Die ewige Nacht“, sagte Helena. „Valentina hat es erwähnt. Sie wollen die Sonne auslöschen.“
„Wie?“ fragte Marcus skeptisch. „Das ist doch unmöglich. Selbst mit Magie – die Sonne ist… die Sonne.“
„Nicht die echte Sonne“, erklärte Yuki. „Nur das Licht über einer Stadt. Es ist ein Ritual, das in alten Grimoires beschrieben wird. Die ‚Große Verdunkelung‘. Wenn es an bestimmten Kraftorten durchgeführt wird, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Opfern…“ Sie scrollte zu einem Diagramm. Eine Karte von München, mit markierten Punkten. „Dann könnte es tatsächlich funktionieren.“
„Wie lange?“ fragte Helena. „Wie lange würde die Verdunkelung dauern?“
„Das ist unklar. Manche Texte sagen Tage. Andere sagen… ewig. Bis das Ritual rückgängig gemacht wird.“
„Und wie macht man es rückgängig?“
Yuki schüttelte den Kopf. „Das steht nirgends. Vermutlich, weil niemand, der es versucht hat, überlebt hat, um es aufzuschreiben.“
„Fantastisch“, murmelte Marcus.
Erik betrachtete die Karte. „Diese Punkte – was bedeuten sie?“
„Ley-Linien“, antwortete Yuki. „Energielinien, die sich durch die Erde ziehen. Alte Kulturen kannten sie, bauten ihre heiligen Stätten darauf. Stonehenge, die Pyramiden, viele Kathedralen.“ Sie zeigte auf die Münchner Karte. „München liegt auf einem Knotenpunkt mehrerer Ley-Linien. Deshalb wurde die Stadt hier gegründet. Und deshalb ist sie perfekt für das Ritual.“
„Wo genau sind diese Punkte?“ fragte Helena.
Yuki vergrößerte die Karte. „Frauenkirche – das ist das Zentrum. Dann Viktualienmarkt, Englischer Garten, die Isar an der Ludwigsbrücke, und…“ Sie stockte. „Schloss Nymphenburg.“
„Wo wir gerade waren“, sagte Erik.
„Genau. Der Rat testet bereits die Standorte. Sie bereiten sich vor.“
Helena stand auf, ging zur Karte, berührte die markierten Punkte. „Wann? Wann würden sie das Ritual durchführen?“
„Zur Sommersonnenwende“, sagte Thomas. „21. Juni. Der längste Tag des Jahres. Wenn die Sonne am stärksten ist, ist auch die Dunkelheit am mächtigsten. Das Paradoxon des Gleichgewichts.“
„Das sind…“ Helena rechnete. „Sieben Monate.“
„Sieben Monate, um sie zu stoppen“, bestätigte Yuki.
„Oder sieben Monate, in denen sie stärker werden“, konterte Marcus. „Valentina hat heute Nacht entkommen. Sie weiß jetzt, dass wir Bescheid wissen. Der Rat wird sich vorbereiten.“
„Dann müssen wir auch vorbereitet sein.“ Helena wandte sich zu Erik. „Du hast heute etwas Außergewöhnliches getan. Mit dem Schlüssel. Wie hast du das gemacht?“
Erik sah auf seine Hände. Sie zitterten noch leicht. „Ich… ich habe nur daran gedacht, dass ich sie aufhalten muss. Und der Schlüssel… reagierte.“
„Er reagierte auf deinen Willen.“ Thomas trat zu ihm. „Der Seelenschlüssel ist kein gewöhnliches Werkzeug. Er ist eine Erweiterung dessen, der ihn trägt. Deine Absicht, deine Emotion – sie fließen in ihn hinein.“
„Valentina sagte, er öffnet Seelen“, erinnerte Erik. „Was meinte sie damit?“
Thomas und Helena tauschten einen Blick.
„Der Schlüssel hat zwei Funktionen“, erklärte Thomas schließlich. „Die offensichtliche: Er öffnet Türen, Barrieren, Wege zwischen den Welten. Aber die zweite, die gefährlichere…“ Er zögerte. „Er öffnet auch die Seele des Trägers. Legt sie frei. Jedes Mal, wenn du ihn benutzt, gibst du ein Stück von dir selbst hinein.“
„Und was passiert, wenn ich zu viel gebe?“
„Du wirst Teil des Schlüssels.“ Thomas‘ Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Deine Seele, dein Bewusstsein – sie werden darin gefangen. Und der Schlüssel wird… lebendiger. Mächtiger. Aber du…“ Er ließ den Satz unbeendet.
Erik fühlte eine Kälte in seiner Brust. „Ich würde verschwinden.“
„Ja.“
„Warum hast du mir das nicht vorher gesagt?“ Erik sah Helena an, seine Stimme härter als beabsichtigt.
„Weil du ihn trotzdem benutzt hättest“, antwortete Helena ruhig. „Um das Baby zu retten. Und das war richtig. Aber jetzt weißt du es. Und du musst eine Wahl treffen, Erik.“
„Was für eine Wahl?“
„Ob du den Schlüssel weiterhin trägst. Ob du bereit bist, das Risiko einzugehen.“ Helena trat näher. „Niemand wird es dir verübeln, wenn du nein sagst. Wir finden andere Wege. Andere Werkzeuge.“
Erik zog den Schlüssel aus seiner Tasche. Das Metall fühlte sich warm an, fast lebendig. Er konnte schwören, er spürte ein Pulsieren – wie einen Herzschlag.
Er dachte an Clara. An das Schloss. An die Entscheidung, zurückzugehen, obwohl er hätte fliehen können.
Manche Entscheidungen waren einfach.
„Ich behalte ihn“, sagte er. „Aber ich werde vorsichtig sein.“
Helena lächelte schwach. „Das hoffe ich.“
„Gut“, sagte Marcus und hob sein Glas. „Dann haben wir einen Plan. Erik ist unsere Geheimwaffe. Yuki recherchiert weiter den Rat. Thomas bereitet das Ritual für das Baby vor. Und ich…“ Er grinste. „Ich besorge größere Waffen.“
„Und ich“, sagte Helena, „werde einen alten Kontakt aufsuchen. Jemanden, der mehr über den Rat wissen könnte.“
„Wer?“ fragte Yuki.
Helena zögerte. „Jemand, der einst Teil davon war.“
Stille.
„Du meinst nicht…“ begann Marcus.
„Doch.“ Helenas Gesicht war ausdruckslos. „Ich muss mit meinem Vater sprechen.“
„Dein Vater ist tot“, sagte Erik verwirrt. „Im U-Bahn-Depot. Konstantin. Du hast es erzählt.“
„Konstantin ist tot“, bestätigte Helena. „Aber er war nicht der einzige Vampir in meiner Familie.“
Sie ging zu einem der Whiteboards, zog ein Foto hervor, das mit einem Magneten befestigt war. Ein altes Schwarzweißfoto, vergilbt an den Rändern. Darauf: eine Familie. Ein Mann, eine Frau, zwei Kinder – ein Junge und ein Mädchen.
„Das ist meine Familie“, sagte Helena leise. „Fotografiert 1962. Ich war fünf Jahre alt. Das Mädchen.“ Sie deutete auf die kleine Gestalt mit dunklen Haaren und ernstem Gesicht. „Mein Bruder Dimitri war acht. Meine Eltern – Konstantin und Maria.“
„Was ist passiert?“ fragte Erik.
„1970 verschwand mein Vater. Einfach so, eines Nachts. Meine Mutter sagte, er wäre auf Geschäftsreise. Aber er kam nie zurück.“ Helenas Stimme war kontrolliert, aber Erik konnte den Schmerz darunter hören. „Jahre später erfuhr ich die Wahrheit. Er war verwandelt worden. Wurde ein Vampir. Und irgendwann auch mein Bruder.“
„Dein Bruder“, wiederholte Yuki leise. „Du hast nie von ihm gesprochen.“
„Weil es schmerzt.“ Helena legte das Foto zurück. „Dimitri wurde 1985 verwandelt. Mit dreiundzwanzig Jahren. Ich habe es versucht – versucht, ihn zu retten, zurückzuholen. Aber er…“ Sie schüttelte den Kopf. „Er wollte nicht gerettet werden. Er umarmte die Dunkelheit. Schloss sich dem Rat an.“
„Und du glaubst, er ist noch am Leben?“ fragte Thomas.
„Ich weiß es. Ich habe ihn vor zwei Jahren gesehen. In Wien. Kurz, nur aus der Ferne. Aber er war es.“ Helenas Hände ballten sich zu Fäusten. „Wenn der Rat in München aktiv ist, dann ist Dimitri hier. Irgendwo.“
„Und du willst ihn finden“, sagte Erik.
„Ich muss ihn finden. Er kennt die Pläne des Rates. Er könnte uns sagen, wann genau sie das Ritual durchführen werden, wer involviert ist.“ Helena atmete tief durch. „Es ist ein Risiko. Aber es könnte unsere einzige Chance sein.“
„Er ist dein Bruder“, sagte Thomas sanft. „Das macht es gefährlich. Emotional gefährlich.“
„Ich weiß.“ Helena sah jeden von ihnen an. „Aber ich kann das. Ich muss.“
Marcus stellte sein Glas ab. „Dann gehen wir mit dir.“
„Nein. Das muss ich allein tun. Dimitri würde nie mit mir sprechen, wenn ich ein ganzes Team mitbringe.“
„Helena—“
„Das ist nicht verhandelbar, Marcus.“ Helenas Stimme war Stahl. „Ich gehe allein. Aber vorher…“ Sie sah zur Tür, hinter der Anna und Lukas warteten. „Vorher retten wir das Baby.“
Die nächsten Stunden vergingen in Vorbereitung.
Thomas verwandelte einen der Kellerräume in eine Ritualstätte. Er zog mit Kreide Symbole auf den Boden – komplexe geometrische Muster, durchzogen mit hebräischen und lateinischen Buchstaben. In den Ecken stellte er Kerzen auf, dicke weiße Kerzen, die nach Weihrauch rochen.
Yuki bereitete die benötigten Zutaten vor. Getrocknete Kräuter – Salbei, Rosmarin, Eisenkraut. Ein kleiner Kelch mit Weihwasser aus einem Brunnen in Lourdes. Und etwas, das Erik nervös machte: eine kleine silberne Klinge.
„Für das Blut“, erklärte Yuki, als sie seinen Blick bemerkte. „Das Ritual benötigt drei Blutstropfen. Einen von der Mutter, einen vom Kind, und…“ Sie sah zu Erik. „Einen vom Träger des Seelenschlüssels.“
„Von mir?“ Erik fühlte sich plötzlich sehr unwohl.
„Der Schlüssel ist Teil des Rituals“, erklärte Thomas. „Er wird die Barriere erschaffen, die die Dunkelheit aus dem Kind zieht. Aber er braucht eine Verbindung zu dir. Dein Blut wird diese Verbindung herstellen.“
„Und wenn etwas schiefgeht?“
„Dann wird die Dunkelheit dich auch berühren.“ Thomas sah ihn ernst an. „Deshalb ist es wichtig, dass du stark bleibst. Konzentriert. Die Dunkelheit wird versuchen, in dich einzudringen. Du musst ihr widerstehen.“
„Wie?“
„Denk an etwas Gutes. An Licht. An Liebe.“ Thomas legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast die Kraft, Erik. Ich habe es heute Nacht gesehen. Vertrau dir selbst.“
Erik nickte, versuchte die Zuversicht zu spüren, die Thomas ausstrahlte. Aber alles, was er fühlte, war Angst.
Um vier Uhr morgens war alles bereit.
Sie holten Anna und Lukas. Das Baby war wach jetzt, aber ruhig, sah mit großen Augen um sich.
„Es wird wehtun?“ fragte Anna zum dritten Mal.
„Nur kurz“, versicherte Thomas. „Und dann wird alles vorbei sein.“
Sie legten Lukas in die Mitte des Kreises, auf eine weiche Decke. Anna kniete daneben, hielt seine kleine Hand.
Erik nahm Position gegenüber ein, den Seelenschlüssel in der Hand. Helena, Marcus und Yuki standen außerhalb des Kreises, Beobachter, Beschützer.
Thomas begann zu chanten. Alte Worte, in einer Sprache, die Erik nicht verstand. Lateinisch vielleicht, oder noch älter. Die Luft im Raum veränderte sich, wurde dichter, schwerer.
Die Kerzen flackerten, obwohl keine Zugluft da war.
Thomas nahm die silberne Klinge. „Anna. Deine Hand.“
Anna streckte ihre Hand aus, zitternd. Thomas stach schnell zu, ein kleiner Schnitt an der Fingerspitze. Drei Tropfen Blut fielen in den Kelch mit Weihwasser.
Dann wandte er sich zu Lukas. „Verzeihen Sie mir“, flüsterte er.
Er stach. Lukas schrie. Nur kurz, aber durchdringend. Drei Tropfen fielen in den Kelch.
„Erik.“
Erik streckte seine Hand aus. Die Klinge war kalt, scharf. Der Stich war schnell, aber schmerzhaft. Drei Tropfen Blut tropften in den Kelch, vermischten sich mit den anderen.
Das Wasser begann zu leuchten. Erst schwach, dann heller, ein goldenes Licht.
Thomas hob den Kelch über Lukas. „Im Namen des Lichts, das älter ist als die Dunkelheit. Im Namen der Leben, die das Opfer überdauern. Im Namen der Liebe, die stärker ist als der Tod.“ Er goss das leuchtende Wasser über Lukas‘ Stirn. „Ich befehle der Dunkelheit: Verlasse dieses Kind!“
Lukas schrie wieder. Aber dieses Mal hörte es nicht auf.
Die Luft im Raum wurde eiskalt. Erik sah seinen Atem, sah, wie die anderen zitterten.
Und dann sah er es.
Aus Lukas‘ Körper, aus den Wunden an seinem Hals, begann etwas zu sickern. Nicht Blut. Etwas Dunkleres. Eine schwarze, ölige Substanz, die sich wand wie lebendig.
„Der Schlüssel!“ rief Thomas. „Jetzt, Erik!“
Erik hob den Seelenschlüssel. Er begann sofort zu glühen, heller als je zuvor. Das Licht strömte aus ihm heraus, füllte den Raum, traf die Dunkelheit.
Die schwarze Substanz zischte, wie Wasser auf heißem Metall. Sie versuchte, zurück in Lukas‘ Körper zu fliehen, aber das Licht hielt sie fest, zerrte sie heraus.
„Widersteh ihr!“ Thomas‘ Stimme war kaum über Lukas‘ Schreien zu hören. „Lass sie nicht zurück!“
Erik konzentrierte sich. Aber die Dunkelheit hatte eine Stimme. Flüsterte in seinen Kopf.
Lass los, sagte sie. Lass uns zurück. Das Kind gehört uns.
„Nein“, presste Erik zwischen den Zähnen hervor.
Du bist schwach. Du bist allein. Du kannst uns nicht besiegen.
„Ich bin nicht allein.“
Er sah Anna, wie sie über ihren Sohn gebeugt war, Tränen auf ihren Wangen, aber ihr Gesicht voller Entschlossenheit.
Er sah Thomas, wie er weiterbetete, unermüdlich, seine Stimme ein Anker in dem Chaos.
Er sah Helena, Marcus, Yuki – alle bereit, zu kämpfen, zu schützen.
Und er dachte an Clara. An ihr Lächeln, kurz bevor sie starb. An die Worte: Für alle von uns.
Das Licht aus dem Schlüssel explodierte.
Die Dunkelheit schrie – ein hoher, schriller Ton, der in den Ohren wehtat. Dann zerfiel sie zu Rauch, zu nichts.
Lukas‘ Schreien verstummte.
Stille.
Das Baby atmete. Ruhig. Gleichmäßig.
Die Wunden an seinem Hals waren verschwunden. Nur glatte, rosa Babyhaut.
Seine Augen öffneten sich. Braun. Normal. Menschlich.
Anna schluchzte auf, nahm Lukas in die Arme, drückte ihn an sich.
„Es ist vorbei“, sagte Thomas leise. „Er ist frei.“
Erik ließ den Schlüssel sinken. Seine Hände zitterten so stark, dass er ihn fast fallen ließ.
Helena fing ihn auf, den Schlüssel und Erik, der plötzlich sehr schwach auf den Beinen war.
„Du hast es geschafft“, flüsterte sie. „Gut gemacht.“
Erik lächelte schwach. Dann wurde alles schwarz.
Er wachte in einem der kleinen Zimmer auf, auf einem schmalen Bett. Wie lange er bewusstlos gewesen war, wusste er nicht.
Helena saß neben dem Bett, las in einem alten Buch.
„Willkommen zurück“, sagte sie, als sie bemerkte, dass er wach war.
„Wie lange?“ krächzte Erik.
„Drei Stunden. Die Sonne ist aufgegangen.“ Helena legte das Buch beiseite. „Wie fühlst du dich?“
„Ausgelaugt.“ Erik setzte sich auf, langsam. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er eine Woche nicht geschlafen. „Das Baby?“
„Gesund. Vollkommen gesund. Anna ist mit ihm nach Hause gefahren. Marcus und Yuki begleiten sie, stellen sicher, dass niemand ihnen folgt.“
„Und die Dunkelheit? Ist sie wirklich weg?“
„Thomas hat es überprüft. Ja. Lukas ist ein normales Baby. Er wird ein normales Leben haben.“ Helena lächelte. „Du hast ein Leben gerettet, Erik. Dein erstes als Teil der Nachtwache.“
„Es fühlt sich nicht wie ein Sieg an“, sagte Erik leise. „Valentina ist entkommen. Der Rat ist noch da draußen.“
„Das stimmt. Aber wir haben heute Nacht bewiesen, dass sie nicht unbesiegbar sind. Dass wir sie aufhalten können.“ Helena stand auf. „Ruh dich noch aus. Wenn du bereit bist, gibt es etwas, das ich dir zeigen möchte.“
„Was?“
„Dein neues Zuhause. Wenn du bleiben willst, natürlich.“
Erik dachte darüber nach. Sein altes Leben – die Wohnung, der Job, die Normalität. Es fühlte sich an wie ein Traum, wie etwas, das jemand anderem gehörte.
Das hier, die Nachtwache, die Jagd, die Dunkelheit – das fühlte sich real an.
„Ich bleibe“, sagte er.
Helena lächelte. Ein echtes, warmes Lächeln. „Dann willkommen in der Familie, Erik Schönwaldt.“
Sie verließ das Zimmer, schloss die Tür leise hinter sich.
Erik lag noch eine Weile da, starrte an die Decke, verarbeitete alles.
Sein Leben hatte sich verändert. Unwiderruflich.
Aber vielleicht war das okay.
Vielleicht war es genau das, was er brauchte.
Ein Zweck. Eine Mission.
Eine Chance, etwas Gutes zu tun.
Er schloss die Augen, driftete zurück in den Schlaf.
Und dieses Mal gab es keine Albträume.
Nur Dunkelheit.
Friedliche, stille Dunkelheit.